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Der innere Gott
Denkbar ist aber auch immer noch, dass Gott kein Wesen außerhalb des Menschen ist, sondern ein Bewusstseinszustand, den der Mensch in tiefster meditativer Versenkung in sich selbst erreicht. Die Gnostiker haben Ähnliches geglaubt, und in meiner Jugend hing ich eine kurze Zeit einer Lehre an , die das zuspitzte zu der Vorstellung, dass jeder Mensch der Schöpfer seines Lebendigen Gottes sei, bzw. diesen aus dem eigenen Geist hervorbringt. Der Buddhismus, aber auch die Mystik, sind in ihrem Gedankengut solchen Vorstellungen näher als denen eines Gottes „von außen“. Wenn ich an etwas glauben will, würde ich solche Vorstellungen vorziehen. Auf der anderen Seite, ganz nüchtern und aufgeklärt, ist da die Psychoanalyse und der Historische Materialismus, die den Glauben des Menschen auf die kreatürliche Urangst gegenüber einer feindseligen und für beseelt gehaltenen Umwelt erklären, und Julian Jaynes geht in „Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenruch der bikameralen Psyche“ noch viel weiter. Demzufolge soll es eine Zeit gegeben haben, als die Evolution des menschlichen Gehirns noch nicht so weit war wie heute und die Menschen einer schizophrenen Person ähnlicher waren als einem heutigen Durchschnittsmenschen: Alles, was wir heute als komplexe Gedankenketten, Gewissensbisse, plötzliche Eingebungen etc. wahrnehmen, sei damals in Form akustischer Halluzinationen aufgetreten. Die Götter wären persönliche kleine Männer/Frauen im Ohr gewesen, die mit der evolutionären Entwicklung des Hirns verschwunden und zum in die Außenwelt verlagerten religiösen Mythos geworden seien; nichts Anderes beinhalte die Geschichte vom verlorenen Paradies. „Ihr werdet sein wie Gott, erkennend Gut und Böse“ – der stimmenhörende Mensch des Pyramiden- und Megalithzeitalers wäre demzufolge glücklich und unmündig gewesen.