Anna Bluebird´s französische Freundin
Denke ich an Frankreich und seine Einwohner, dann
denke ich nicht an die vielen Landesvertreter, die ich
im Laufe meines Lebens kennenlernte. Ich denke nicht
an die pubertierenden Austauschschüler einer
Rugbymannschaft, denen ich ihren Aufenthalt versüßte,
indem ich schmutzige Witze grammatikalisch nicht
einwandfrei übersetzte und nicht an meinen
französischen Professor, der eben solche in seiner
Muttersprache von sich gab. Ich denke weder an meinen
ehemaligen schwulen Nachbarn, dessen hohe Stimme sich
beim Liebesgeplänkel irreal verzerrte, noch an seine
Nachmieterin, deren nächtliche Schimpftiraden via
Fernsprecher mich nachts wach werden lassen. In beiden
Fällen bin ich froh darüber, dieser Sprache nicht mehr
so mächtig zu sein, als dass ich unkonzentriert den
Inhalten folgen könnte. Es gab nur eine Person, die
ich seit je her mit diesem Land untrennbar
assoziierte, Isabelle.
Wir lernten uns an der Hochschule kennen und ich
bewunderte ihre Leichtigkeit, die sie durch jede
Bewegung ausstrahlte. Hochgewachsen, grazil und
rothaarig verkörperte sie das typische Bild einer
Französin. So berichteten vor allem Männer von einer
Übereinstimmung mit ihrem Traumbild. In Sachen
Kleidung war Isabelle ausgesprochen extravagant. Man
konnte sicher sein, dass ihre Wahl, die zunächst
gewöhnungsbedürftig schien, im nächsten Jahr der Trend
war. Erstaunlicherweise machte sie sich über die
Modefrage nie großartig Gedanken, sondern trug oft
selbst kreierte Stücke oder solche, die sie aus
zweiter Hand erwarb. Niemals wirkte sie jedoch billig
oder kitschig. Ihre positive Ausstrahlung übertrug
sich wie von magischer Hand auf ihre Kleidung und
alles, was sie umgab. Sie war gerne gesehener Gast und
Gesprächspartner. Die deutsche Sprache – eigens für
ihr Studium angeeignet – beherrschte sie hervorragend
und ihre Aussprache zierte dieser charmante, typisch
französische Akzent.
Neben einem großen musischen Talent besaß sie noch
etwas, das sie für mich äußerst interessant machte:
eine Wohnung in Paris, nicht irgendwo, nein mitten in
Paris. Da ich in den Semesterferien sowohl Zeit als
auch Muße hatte, mich in der Welt ein wenig umzusehen,
beschloss ich, sie dort zu besuchen. Leider hatte sie
bereits andere Pläne für diese Zeit. Sie wollte zu den
Eltern nach Toulouse fahren, da Paris im Sommer für
sie unerträglich schien. Zu stickig wäre es in der
Stadt und außerdem von Touristen überlaufen. Aus ihrem
Munde leuchtete mir die Argumentation sofort ein. Nein
für so eine zarte Person wäre der sommerliche
Aufenthalt in der Stadt sicherlich nicht gut. Ich
hingegen traute mir diese Strapaze zu. So traf eines
Tages ein Kuvert mit ihren Wohnungsschlüsseln per Post
bei mir ein. Ehrlich gesagt überraschte mich ihre
Vertrauensseeligkeit mir gegenüber, schließlich
gewährte sie mir Zutritt zu ihren privaten
Räumlichkeiten, ohne anwesend zu sein. Doch dann
überwog die Freude über diese Gelegenheit und so
machte ich mich, die Adresse in meiner Tasche, mit dem
Zug auf den Weg nach Paris.
Die Stadt empfing mich unter einer Wolkendecke, welche
die sommerliche Hitze noch drückender erscheinen ließ.
In der Rue de St. Gérmain stieß ich auf die erste
Hürde in Form eines hölzernen Tores, das den Zugang
zum Innenhof versperrte. Keiner der beiden zugesandten
Schlüssel vermochten es zu öffnen. Also wartete ich,
bis ein Hausbewohner die Türe von innen öffnete und
auf die Straße trat. Im Hof erspähte ich den Eingang
zum Haus und quälte mich mit meinem Koffer über eine
enge Treppe in den vierten Stock. Drei Türen hatte ich
dort zur Auswahl, doch nirgends konnte ich ein
passendes Namensschild entdecken. Schließlich
entschied ich mich für die beiden Türen ohne Schilder
und probierte jeweils beide Schlüssel aus. Auch hier
schien keiner zu passen. Meine Verzweiflung wurde
immer größer, bis ich mit einem Blick durch ein
Fenster feststellte, dass es noch einen zweiten
Eingang gab. Die Treppen wieder hinunter und im
nächsten Hausflur den vierten Stock erreicht,
empfingen mich Isabelles Initialen in Form von kleinen
buntbemalten Holzschnitzereien an der Tür, die sich
nun auch mit einem der Schlüssel öffnen ließ. Im
Inneren strahlte ein gefliester Boden angenehme Kühle
ab. Ich stellte den Koffer ab und begann mich
umzusehen. Mit verschiedenen Stoffen geschmückt, durch
Bilder und all die liebevollen Details verziert,
strahlte die Wohnung Isabelles Charme aus. Ich fühlte
mich vom ersten Augenblick an wohl in der Umgebung,
die für die nächsten Tage mein Heim sein sollte. Mein
Magen meldete Leere und so beschloss ich, als nächstes
die Umgebung nach einem Supermarkt abzusuchen.
Das bedeutete allerdings, bei meiner Rückkehr wieder
vor verschlossenem Tor zu warten, bis jemand öffnete.
Den kleinen Trick mit dem Türöffner erklärte mir
Isabelle am Abend bei einem Telefonat.
Es folgten Tage angefüllt mit dem typischen
Besucherprogramm. Montmartre, Sacre Coeur, Arc de
Triomphe, Eiffelturm und einigen anderen
Sehenswürdigkeiten stattete ich einen Besuch ab.
Dazwischen schlenderte ich durch kleine Seitenstraßen,
saß auf wunderschönen Plätzen, in Cafés oder in Parks.
Unweit von der Wohnung befand sich der Jardin de
Plantes, ein kleiner Park, der sich wunderbar eignete,
um vorbeiziehende Passanten zu beäugen. Nach drei
Tagen stellte ich fest, dass mich sehr viele
Kleinigkeiten in dieser Stadt an Isabelle erinnerten.
Hier ein Tor mit schön geschwungenen Ornamenten, dort
ein Laden, in dessen Auslage alte Bücher zu sehen
waren, eine verzierte Fassade, ein besonders schöner
Blumenladen. Ich begann, die Stadt durch Isabelles
Augen zu sehen, stellte mir vor, wie entzückt sie von
einem Anblick wäre und ertappte mich des öfteren bei
fiktiven Gesprächen mit ihr. Wie schön wäre es
gewesen, hätte sie mir ihre Stadt gezeigt. So lief ich
allein durch die Gassen und war traurig darüber, meine
Eindrücke mit niemandem teilen zu können. Gegen Ende
der Woche änderte sich mein Blickwinkel, durch meine
emotionale Verfassung getrübt, von begeistert nach
melancholisch. Die Hitze machte mir mehr zu schaffen,
als zu Beginn meines Aufenthaltes, plötzlich spürte
ich bei jedem Schritt die Blasen an den Füßen, die
Menschen schienen oberflächlicher geworden zu sein,
die Straßen schmutziger, die Autos lauter und die
Preise unverschämter. Ich beschloss abzureisen, jedoch
nicht ohne den inneren Beschluss zurückzukehren, um
einige Zeit hier zusammen mit Isabelle zu verbringen.
Im Frühling des kommenden Jahres machte ich mich
erneut auf den Weg nach Paris. Diesmal war Isabelle
anwesend und die Zeit verging wie im Fluge. Die
Erinnerung an meinen ersten Aufenthalt wurden von
vielen wunderbaren Begebenheiten verdrängt. Am Ende
schenkte mir Isabelle ein Paar ihrer Schuhe. Ich hielt
sie jahrelang in Ehren und dachte unweigerlich an
Paris, wenn ich sie trug.