Die untergegangenen Utopisten
Frei nach Brecht: Gegenlied dazu. Es ist schon eine Weile her,
da kam Inge Viett in meine alte Stammkneipe und erzählte Schwänke
aus ihrem Leben. Die Anwesenden gehörten teils zu meiner alten Szene,
Autonome und Ex-Autonome in den Dreißigern, teils waren die ganz
jungen Spunde dabei, politisierte Punks und Attac-Jugendliche. Alles
in allem Ein Publikum, wie es sich regelmäßig auf dieses Kneipen-Diskussionsrunden
trifft, und dazu das übliche Einheitsoutfit: Carhartt-Klamotten, viel Leder,
so es die Temperatur noch erlaubt, Springerstiefel, DrMartens, Chucks, einige Leute
auch malerisch zerlumpt, wobei diese Zerlumptheit durchgestylt ist wie ein Designstudio.
Vor mir sitzt eine Riege Frauen, die erkennbar nicht in die Szene hineingehört.
Altersmäßig Ende 40 bis Mitte 50, alle recht gut aussehend, zwei sogar ausgesprochen
schön, alle sehr gepflegt angezogen, adrett, wirken sie wie Fremdkörper. Als die
Diskussion losgeht, beteiligen sie sich lebhaft, und einige Dinge fallen auf: So gediegen
und gebildet, auch bürgerlich gesettelt diese Frauen wirken, der Jargon ist auffällig.
Sie sagen nie „Die Bullen“, auch nicht „Die Polizei“, sie sprechen auch nicht von
„Staatsmacht“ oder „Kapitalisten“, sondern sie sagen „Die Pigs“.
Und sie wollen von Inge Viett alle möglichen Details wissen, die den Rest des Auditoriums
verwirren. Ich glaube, hier sitzt gerade ein Teil der Bewegung 2. Juni im Raum
zusammen, biografisch offensichtlich in der bürgerlichen Normalität angekommen,
ebenso offensichtlich geistig nah bei den alten Wurzeln.
Irgendwann erreicht die Diskussion eine Intimität, die mich dazu bringt, zu gehen.
Viele der grünschnabellinken Adabeis bleiben, weil ihnen dafür das Gespür fehlt.