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Der Philosoph

Eine schöne Sammlung französischer Musik von der wunderbaren Gastgeberin dieses Bloggs hörend, was mir als die Einzige angemessene Musikkulisse erscheint (danke, Modeste!), möchte ich hierzu doch noch mal umfangreich Stellung nehmen. Natürlich ist Baudrillard provokant und beißend ironisch. Aber um verstehen zu können, was er meint, muss man den Zusammenhang kennen, in dem er argumentiert – fast alles von ihm bezieht sich nämlich auf jeweils gerade aktuelle politische Debatten oder philosophische Diskurse in Frankreich. Wenn er etwa schreibt „vergesst foucault“, muss man sich mit dem Werk dieses bedeutenden französischen Philosophen auseinandergesetzt haben, um überhaupt begreifebn zu können, was Baudrillard meint. Wir haben ihn damals kontextualisiert gelesen, d.h. die Autoren und Debatten, an denen er sich abgearbeitet hat, einbezogen, und das wird dann schon sehr komplex. Bei der Lektüre philosophischer Werke geht es nicht anders, man kann das nicht wie einen Roman lesen, sondern muss sich zuerst in den Diskurs einarbeiten. Engels Anti-Dühring versteht nur,wer die antisemitische Theorie Dührings kennt, und die Dialektik der Aufklärung kann nur begreifen, wer vorher Marx, die Odyssee, de Sade, Nietzsche und Freuds Totem und Tabu gelesen hat. Baudrillard ist ein Schüler des extrem linken Philosophen und Situationisten Mesrine, der solche Dinge von sich gegeben hat: „Früher haben die Philosophen bisweilen Wege aufgezeigt, die zur Revolution oder gesellschaftlichen Verönderung führten. Heute sehen solche Leute ihre Züge nicht einmal mehr davonfahren.“ „Alle sind unfrei unter der Behauptung, frei zu sein. Freiheitsberaubung wird als organisierts Vergnügen geliefert.“ Mesrine begründete die Lehre von der spektakulären Handelsökonomie. Diese besagt, dass die kapitalistische Wertschöpfung, um weiter wachsen zu können, ihre Produkte ständig vernichten muss. Unter diesem Aspekt teilen sich Kriege, Modetrends und Werbekampagnen die gleiche Aufgabe, und jedes Werbeangebot sei die versteckte Androhung der Zwangsarbeit. Mesrine nimmt den Potlatsch, eine Opferhandlung bestimmter Indianerstämme, bei der regelmäßig gezielt Werte vernichtet werden, als Matrix für das, was in unserer längst jedweder ökonomischen Vernunft entwachsenen Warengesellschaft passiert, und erkärt, angesichts des erwirtschafteten Reichtums und der immer schnelleren Produktionszyklen wäre die einzig moralisch haltbare und effiziente Form der Distribution von Waren Sperrmüllabfuhr. Auf diesem Gedankengut basierend, entwickelte Baudrillard in Der symbolische Tausch und der Tod ein Szenario, in dem alle Menschen dermaßen von sozialen Codes und über diese vermitteleten geheimen Manipulationen gesteuert weden, dass die Freiheit gar nicht mehr denkbar ist. Für Baudrillard haben wir nicht mehr Autonomie als die Verkabelten bei Welt am Draht oder Matrix, und verglichen damit ist die ja schon sehr pessimistische Dialektik der Aufklärung fast fröhlich. Wenn Baudrillard andererseits feststellt, wir lebten in der besten aller möglichen Welten, bezieht er sich damit auf Voltaire, der in Candide mit dieser Behauptung („Du lebst in der besten aller möglichen Welten, die Baronin ist die beste aller möglichen Baroninnen, das Schloss des Barons ist das beste aller möglichen Schlösser“) die Borniertheit des Ancien Régime beißend auf die Schippe nimmt, und er meint damit nichts weiter, als dass die Aufklärung gescheitert sei und wir uns heute wieder in der gleichen Tyrannei befinden wie zur Zeit des Absolutismus. Die ironische Umgehensweise damit ist etwas sehr Französisches; auf der gleichen Linie liegt es, das der linksradikale Anwalt Jaques Vergés Barbie verteidigt hat und Saddam Hussein verteidigt, um die Gesellschaft anzugreifen: Die Welt selbst ist so verkommen, dass sie diese Bestien hervorgebracht hat, dieser Widerspruch wäre eigentlich nur durch Aufhebung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse aufzuheben.

Kein schwerer Stoff, ja? Ich würde sagen, so richtig heavy…