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Nein, Kid, so war das gar nicht gemeint. Ich habe nur geschildert, wie ich
selber Der symbolische Tausch und der Tod gelesen habe; ein Gesetz aufzustellen,
wie an solche Bücher herangegangen werden soll, liegt mir fern, wie mir
überhaupt Gesetze fern liegen. Ich kenne, außer einigen Zeitschriftenartikeln,
von Baudrillard nur dieses Werk, Vergesst Foucault und seine Einlassungen zum
11.September 2001, kann also, was Cool Killer oder Amerika angeht, nicht mitreden.
Der symbolische Tausch und der Tod aber halte ich für ein philosophisches Großwerk in
der Dimension von Kritik der reinen Vernunft, Das Kapital, Das Unbehagen in der
Kultur, Dialektik der Aufklärung und Prinzip Hoffnung. Und ich glaube, wer nicht
systematisch wie etwa die beschriebene kontextualisierte Herangehensweise sich mit
so einem Buch beschäftigt, versteht es nicht wirklich. Was auch nicht tragisch ist, die
wahrhaft komplexen Werke erschließen sich ja erst nach mehrmaliger Lektüre.
Was mich wirklich stört, ist etwas Anderes: So von 1988 bis etwa 2000 war Baudrillard
für den akademischen Teil des deutschen Yuppietums ein Modephilosoph, so wie für die
gleiche Klientel die sogenannte „Neue Sinnlichkeit“, d.h. die Multiple Choice Kombination
BDSM, Dark Romantik bis an die Grenze zur Nekrophilie oder bewusst gelebte Keuschheit
das angesagte Spektrum an Sexualverhalten war und es dazu einen passenden Dresscode
(Armani, Gucci, Versace, Prada, Escada, Daniel Hechter) gab, bei dem es nicht mehr wie
vorher um den Schnitt, sondern um den Markennamen ging. Dass einer der
tiefgründigsten Kritiker unserer Gesellschaft, ja aller Gesellschaften, ausgerechnet von
den blasiertesten und prinzipienlostesten aller denkbaren Mitglieder aller denkbaren
Gesellschaften mit Begeisterung gelesen wird, weil er sich ihrem tieferen Begreifen
verschließt, hat mich zur Hälfte amüsiert und zur Hälfte geärgert, und deswegen neige
ich zu einem gewissen Rigorismus, wenn jemand Baudrillard nur von seiner lustigen
Seite sieht. Andererseits teile ich Gheists Standpunkt zu Kafka, den witzig zu finden uns
bedeutungschwernistümelnde Studienräte austreuben wollten.