Perspektivwechsel
Ich sah einmal in Äygypten, wie aus einem Luxuskreuzfahrtschiff namens „The Golden
Boat“ (eine Nacht 1000 Dollar) ein Passagier mit der Videokamera ein paar Bootsleute
filmte, die barfuß am Ufer saßen und Tee tranken, während ihre Kinder in Sichtweite
bettelten. Elend ist ja so pittoresk. Ich hätte mir bei diesem Anblick, den ich
herrzzerreißend fand, gewünscht, ein entfesselter Mob hätte das Schiff gestürmt, um
mal ein bißchen Umverteilung zu machen. Arme Ägypter, mit denen wir Backgammon
spielend in einem Hirtencafè zusammensaßen, hielten uns für Jugoslawen, weil sie sich
bisher nicht vorstellen konnten, dass Deutsche mit ihnen redeten. Für sie waren
Europäer durch die Bank fürchterlich reiche Touristen, die alle Sitten und jede
Etikette mißachteten und die einfachen Menschen verachteten, als seien sie nur Vieh.
Vor einem solchen Hintergrund kann ich gut nachvollziehen, woher ganz am Anfang
die Bombenleger ihre Ideen hatten. Wie gesagt: Nachvollziehen, nicht billigen.
Der Wahnsinn ist ja, dass
die Anschläge in New York, Madrid und London ausgesprochen multikulturelle
Gesellschaften trafen, da waren ja auch Muslime unter den Opfern.
Es kümmert die Langbärte nicht, die teils durchgedrehte Upperclasssöhne
(bin Laden & Co), teils eine fleischgewordene Kriegsneurose (Taliban & friends)
sind, denen ist jedes Mitleid fremd. Aber Zivilisten in Bagdad zu bombardieren,
ist das gerechter, zivilisierter, humaner? Solange Familien in den Straßen von Kairo,
Karthoum oder Djakarta auf dem Straßenpflaster schlafen müssen und der Westen
zugleich seinen Reichtum, seine Offenheit, seine Pluralität zur Schau trägt, aber die
Grenzen für Armutsflüchtlinge dicht macht, wird der Krieg weitergehen.