REPLY:
Buße ist angesagt
Hervorragend geschrieben, liebe Frau Modeste. Ich bewundere immer wieder, wie Sie es verstehen, der Sprache Rhythmus und Melodie zu verleihen.
Inhalt sackt aber leider schwer ab. Meine Erfahrungen aus dem katholischen Gottesbild weisen aus, dass Opfer unnötig sind: entweder man kann’s, dann wird man auf die eine oder andere Weise zum Ziel kommen. Oder man kann’s nicht, dann nützen weder Kerze noch Karpfen: dann nützt nur noch Gnade und Barmherzigkeit.
Gnade und Barmherzigkeit hingegen werdem einem nur dann zuteil, wenn man selbst sie auch zu gewähren bereit ist – und zwar aus einem ganz einfachen Grunde: wenn man selbst gnädig und barmherzig ist (oder sich dies zu sein bemüht), dann entwickelt man eine Antenne dafür, die auch in umgekehrter Richtung wirksam werden kann. Wenn man es nicht geübt hat, dann muss man in Zeiten, in denen man auf Gnade und Barmherzigkeit angewiesen ist, sicherlich untergehen.
In diesem Sinne sind auch Obdachlosenzeitschriften zu kaufen. Denn sie sind nicht durchgehend schlecht layoutet – aber ein gutes Layout kostet verdammt viel Geld, was diese Organisationen meist nicht haben. Auch das Papier, auf dem gutes Layout erst richtig zum Leuchten kommt, ist zigmal teurer als das, was sich diese Zeitungen leisten können. Und der Inhalt ist – wenn er auch nicht so geschliffen formuliert ist wie Ihr weblog – bedenkenswert. Dumm oder larmoyant ist er keineswegs.
Eindeutig ehrlicher muss man allerdings werden. Man darf eine solche Zeitung nur dann kaufen, wenn man sie auch wirklich lesen will. Ebenso darf man die Blumen einer russischen Blumenverkäuferin auch nur dann kaufen, wenn man sie wirklich brauchen kann – sonst unter keinen Umständen, denn das würde dann zu einem Opfer, das niemand will, aber den Verkäufer herabsetzt. Sie glauben doch wohl nicht, dass die russische Blumenverkäuferin Ihnen nicht am Gesicht abliest, dass Sie ihre Blumen über die nächste Mauer schmeißen? Und sie glauben doch wohl nicht, dass das nicht weh tut? Die Würde muss man den „Herabgekommenen“ (wie Sie das Phänomen sich geschickt zu umschreiben bemühen) lassen – sie ist viel wichtiger als das Geld in der Tasche.
Ich würde zur heilsamen Buße aufrufen: Madame Modeste schreibt in einer (noch auszusuchenden) Obdachlosenzeitung eine eigene Kolumne. Nur zu dem Zweck, das soziale Gewissen nicht abzuschreiben, sondern konkret hinzuschreiben. Wenn Sie wollen, mache ich Ihnen einen Kontakt zu der hiesigen, Münchner Obdachlosenzeitung BISS [Bürger in Sozialen Schwierigkeiten]. Die hatten ihre Redaktionsräume mehrere Jahre in einem Haus, in dem ich langezeit wohnen und mich der Gastfreundschaft der Benediktiner erfreuen durfte. Leider mußten Haus und Grund wegen finanzieller Unpäßlichkeiten verkloppt werden – jetzt ist da ein Erweiterungsprojekt für die Geldtonnen der Reichen drin.
In Erwartung Ihrer Zusage:
Herzliche Grüße!