Ich finde den Beitrag (und die Diskussion) hier ganz wunderbar, vorallem weil hier (noch ) niemand mit Platitueden um sich wirft.

Gestern gemeinsam mit dem Herrn O. eine alte „Mad Men“ Folge angeschaut, in der Don Draper einer Klientin (unverheiratete Karrierefrau – oh oh!) die Frage stellt, warum sie als gebildete Frau nicht verheiratet ist und stattdessen einen auf Karriere macht. Ihre Gegenfrage darauf: „warum muss ich mich als Frau ueberhaupt entscheiden muessen?“

Das hat mir dann schon zu denken gegeben.

Frau Modeste zieht als Beispiel Frauen mit Abitur und Uni Abschluss heran. Diese Frauen haben aus verschiedenen Gruenden den Sprung auf die Karriereleiter nicht so gut geschafft, wie die sie begleitenden Maenner. Vielleicht liegts ja wirklich an der Unfaehigkeit der Frauen, gute Gehaelter zu verhandeln. Vielleicht liegts an den gesellschaftlichen Leitbildern. Oder am mangelnden Ehrgeiz. Oder an der Liebe zu den Orchideenfaechern.

Ich persoenlich denke, dass all dies schon wahr sein kann, dass aber die Karriereplanung bei Maennern und Frauen auch im 21. Jahrhundert immer noch einen gewaltigen Unterschied aufweist:

Frauen mit Karriereambitionen muessen sich am Fusse der Karriereleiter entscheiden, ob sie irgendwann mal Kinder wollen oder nicht. Der Kinderwunsch muss naemlich mit der biologischen Uhr und der Karriere abgeglichen werden und das ist nicht immer so einfach. Frau mit Magistertitel ist zumindest 25, mit Doktortitel zumindest 28 wenn die Karriere beginnt. Viele Frauen wollen Kinder bevor sie 35 sind. Das bedeutet im besten Fall 10 Jahre um an der Karriere zu basteln, realistisch aber viel weniger. Dann kommt noch dazu, dass in vielen Firmen Frauen ab einem gewissen Alter ungern eingestellt oder befoerdert werden, wegen des natuerlich imminenten Kinderwunsches und weil das dann ja Arbeitsausfall bedeutet.
Ich will damit nicht sagen, dass alle Frauen Karriere machen wuerden, gaebe es diese Probleme nicht. Es aber nun mal so, dass Maenner sich an keinem Punkt in ihrer Karriere diese Dinge ueberlegen MUESSEN. Und viele Frauen entscheiden sich bewusst oder unbewusst, beeinflusst von gesellschaftlichen Leitbildern oder von den Eltern oder von was weiss ich, fuer das geliebte Orchideenfach und gegen eine „Karriere“, weil das auch eine (un)bewusste Entscheidung pro zukuenftige Familie/Kinder ist. Why bother if you’re going to end up as a stay-at-home mum anyway?

Denn: Die meisten Familien koennen sich in der heutigen Zeit zwei Karrieren nicht leisten. Hier in England kostet Unterbringung in der Tagestaette ca £400-600 pro Woche d.h. oft geht mehr als ein volles Monatseinkommen fuer Kinderbetreuung drauf. Da ist es oekonomisch vernuenftiger, dass die Frau (0der in manchen Faellen der Mann) zu Hause bleibt. Was wiederum das Aus fuer die Karriere bedeutet.

Mir wurde nach Abschluss meines Doktorats mit 28 nahegelegt, mich JETZT sofort fuer oder gegen Kinder zu entscheiden. Sollte ich irgendwann Kinder wollen, solle ich mich gar nicht erst mit Ambitionen schmuecken, denn Kinder und eine Karriere in der cutting edge Forschung liessen sich nicht vereinbaren. Dieser Rat kam von meiner Chefin, die mit 43 das maennerdominierte Feld der HIV Forschung dominierte und mit 41 ein Kind geboren hatte, welches sie 4 Wochen nach der Geburt in der Krippe abgeliefert hatte, weil Supermutter und Karrierefrau eben doch nicht zusammengeht, und die sich deswegen immer mies fuehlte, egal ob sie sich gerade der Forschung widmete (und ihre Mutterpflichten vernachlaessigte) oder umgekehrt. Ihr Gatte widmete sich sowohl Forschung und Sohnemann und hatte keine vergleichbare Karriere, obwohl es an brain power sicher nicht gemangelt haette.

Summa summarum: ich glaube, es liegt oft nicht am mangelnden Ehrgeiz oder Verhandlungsgeschick, sondern an der sozialen Struktur und dem festgefahrenen Bild, dass Frauen nicht in Fuehrungspositionen zu finden sind, weil sie den Maennern halt doch „irgendwie unterlegen“ sind.

ps: ich bin aus der Forschung uebrigens ausgestiegen und jetzt freiberuflich als Fotografin unterwegs. Am Ehrgeiz hatte es nicht gemangelt (und das karrierefoerdernde Jobangebot hatte ich bereits in der Tasche), aber wie Herr Timanfaya schon angedeutet hat: der Gedanke, meine Lebensplanung 100% meiner Karriere unterordnen zu muessen, hat mir gewaltig Schaudern verursacht.