Lügen und Geheimnisse

„Modeste?“, flüstert der P. nahezu unhörbar und ich presse das Handy ganz dicht ans Ohr, damit ich ihn überhaupt verstehe. „Was ist los?“, frage ich und fange gleichfalls an, unwillkürlich zu flüstern, bemerke das, spreche normal laut weiter und wundere mich ein bisschen, was eigentlich los ist. Man kennt dieses Flüstern von Leuten am Telephon eigentlich nur von Eltern sehr kleiner Kinder, aber die Kinder des P. gehen schon zur Schule, und auch sonst gibt es eigentlich keinen Grund, sich besonders leise zu verhalten. Der P. ist nämlich zuhause.

Auch der Inhalt des Telefonats gibt keinerlei Anlass zur Heimlichkeit. Ich gehe mit dem P. alle paar Wochen in ein klassisches Konzert, das ist vielleicht nicht sehr aufregend, aber jedenfalls hochseriös, und die telefonische Absprache, wann genau welches Konzert aufgesucht werden soll, gehört nun auch nicht gerade zu den Themen, die in besonderem Maße der Geheimhaltung bedürfen. Gleichwohl stellt sich heraus: Diese Konzertbesuche sind geheim. Sehr geheim sogar. Das liegt aber nicht an Hindemith oder Schönberg, sondern an mir. Nein, eigentlich auch nicht an mir. Ich bin – der langjährige Leser wird dies bestätigen – eine Person von gut berechenbarer Harmlosigkeit und bedarf keinerlei Geheimhaltung, es sei denn, und so verhält es sich hier, die Person, vor der geheim gehalten werden soll, ist ein wenig eigen und bringt weiblichen Personen in Bausch und Bogen ein übersteigertes Misstrauen entgegen.

„Das ist ja schrecklich.“, bedaure ich den armen Kerl und bemühe mich im Rahmen der nächsten halben Stunde, weder im Zuge der Terminvereinbarung, noch im Rahmen allgemeiner Gespräche über unsere Eltern und unseren mit fünf Jahren zeitlichem Abstand gemeinsamen Lateinlehrer und seine schrecklichen Sendungen selbstgeschriebener Mariengedichte unwillkürlich wieder mitzuflüstern. Auf einmal, mehr oder weniger mitten im Satz, ist der P. weg und das Telefon aus.

Etwas später klärt sich die Lage. Offenbar stand die Gattin des P. auf einmal mitten im Raum, der P. legte also einfach auf, weil er sich vor seiner Frau ein wenig fürchtet, und erzählte dieser schon durchaus gesteigert humorlosen Dame irgendetwas, was noch unverfänglicher klingt als ein Telefonat mit einer alten Schulfreundin, setzte noch einen drauf, was das demnächst stattfindende Konzert angeht, erzählte noch irgendetwas vermutlich noch Abenteuerlicheres den Besuch eines gemeinsamen Schulfreundes in Berlin betreffend, der mit einer Hotelzimmerparty im Michelberger Hotel begangen werden sollte, was in den Ohren einer extrem verspannten Person vermutlich noch deutlich unseriöser klingt als ein Liederabend im Boulez-Saal, und angesichts dieser vielen, vielen Lügen und Geheimnisse bekomme ich dann doch fast etwas Mitleid mit der schrecklichen Frau, die der P. sich da geheiratet hat, und die wohl besser fahren würde, sie würde nur dann belogen, wenn sich das auch lohnt.

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6 Gedanken zu „Lügen und Geheimnisse

  1. Gnihihi. Haben Sie Dank für diese schöne Darstellung.

    Madame, Sie sollen doch nicht immer das Rotseidene zum Konzerte tragen. Und bloß kein Schriftverkehr!

    1. Ich bin mir ziemlich sicher, irgendwann läuft es auf genau dies hinaus. Es fehlt nur noch der hinreichend verführerische Counterpart

  2. Vielleicht gehört das zum „Du bist mir wichtig“-Ritual? Viel Lärm um nichts machen, damit es sich so anfühlt als würde man viel für die Beziehung tun? Frailty thy name is man.

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