Szenen machen

In der ersten Szene, verehrtes Publikum, sehen Sie einen Mann und eine Frau eines Abends um zehn vor einem Konzertsaal. Der Mann ist sehr groß, sehr rothaarig und sehr mager, er trägt eine dicke Brille, verfügt über eine geradezu unwahrscheinliche Menge nervöser Ticks, und er spricht gerade über Karl Popper. Die Frau nickt ab und zu, wobei man nicht so ganz genau weiß, ob sie wirklich zuhört, und kramt in ihrer Tasche nach Geld fürs Taxi. Ein Paar würde sich vermutlich immer mal wieder unwillkürlich beiläufig berühren, das tun diese beiden Leute nicht, und vor dem Taxistand küssen die beiden im Zuge so einer sehr langarmigen Umarmung jeweils lässig in die Luft neben ihren Köpfen. „Ciao, P.“, schwingt die Frau sich in ein Taxi und lässt sich von einem der irre brabbelnden Geistesgestörten, die in dieser Stadt Personenbeförderungsdienste leisten, nach Hause fahren.

Die zweite Szene einige Wochen später besteht aus einem einzigen Monolog. Es zeigt eine andere Frau, die unruhig in einem Wohnzimmer hin und hertigert. Die Frau malt sich alles Mögliche aus, was so passieren könnte, wenn ihr Mann – also der Mann aus der ersten Szene – allein und unkontrollierbar unterwegs ist. Darüber steigert sie sich in einen wahren Paroxysmus der Eifersucht hinein, und irgendwann bemächtigt sie sich tatsächlich des Telefons ihres Gatten und ruft die letzten Nummern an, die dort als „angerufen“ angezeigt werden, meldet sich, sagt dann gar nichts mehr und schweigt nur leise atmend in den Hörer, bis die Angerufene – also die Frau aus der ersten Szene – auflegt, ohne Gelegenheit zur Klarstellung zu haben, dass das verdächtige Telefonat allein der terminlichen Abstimmung eines Liederabends mit einem bekannten Tenor diente.

Irgendwann am Ende eines sehr langen Kontinuums von Raum und Zeit öffnet sich die Tür. Es erscheint der Mann aus der ersten Szene im Zimmer. Die Frau fällt ihn quasi an und erhebt umfangreiche Verdächtigungen. Der Mann dementiert. Und dementiert. Und dementiert. Dann wird er weich. Erst gesteht er, dass er die Konzerte gar nicht mit seinem Bruder besucht habe. Dann, dass eine Frau – also diese Frau aus der ersten Szene – dabei gewesen sei. Dann, dass auch niemand anders dabei gewesen sei, also außer den anderen Besuchern der Opernhäuser naürlich. Und ganz am Ende dringt die Frau solange in ihn, dass er aus irgendwelchen blödsinnigen Erwägungen heraus, vermutlich Ermüdung, zugibt, er sei verliebt. So intelligent, dass er keine Namen nennt, ist er dann immerhin doch noch, ansonsten stünde seine inzwischen sehr aufgebrachte Frau bei der allen anderen Beteiligten unbekannten Angebeteten vermutlich seit Tagen heulend und kreischend im Vorgarten.

Die nächsten Szenen sind langweilig, zumindest, wenn man sich für familiären Zwist nicht interessiert. Ab und zu wird die andere Frau eingeblendet, die ein ausgesprochen bürgerliches, an Zurückhaltung überhaupt nicht mehr zu übertreffendes Leben führt und gelegentlich, das empfinden manche Zuschauer als übertrieben, zur Verdeutlichung dieses Umstandes herzhaft gähnt.

Halbwegs interessant wird es dann erst wieder, wenn der Mann sich ein paar Sachen in eine Tasche packt und zum Bahnhof läuft. Wir sehen ihm kopfschüttelnd nach, wie er sehr lange seine Bahncard anschaut und sich fragt, zu welcher Rabattierung ihn diese Karten wohl ermächtigt. Am ausgesprochen ländlichen Zielort angekommen wird er von einer resoluten Dame bereits erwartet, die sich schon aufgrund unverkennbarer Ähnlichkeit als seine Schwester erweist. Diese fährt ihn zu ihrem Haus, setzt ihm etwas zu essen vor, bezieht ihm ihr Gästebett und konfisziert sein Telefon, damit er sich mal so richtig ausschläft. Wenn jemand anruft, meistens seine Frau, erklärt sie sodann, jetzt sei bitte erst einmal richtig Ruhe. Er wiederum geht mit ihrem Hund spazieren, spielt Orgel in einer nahe gelegenen Kirche, betet für sein Seelenheil und das aller anderen Beteiligten, und wird dafür, so steht es wenigstens zu hoffen, vom Herrgott mit der Erkenntnis erleuchtet, dass man auf derlei Fragen entweder mit einer menschenfreundlichen Unwahrheit oder mit einer beziehungsbeendenden Wahrheit, aber überhaupt nie mit einem nervenzerrüttenden Wahrheitsfragment antwortet, denn darauf steht eine demnächst zu absolvierende Kette schrecklich anstrengender klärender Gespräche und eine Entschuldigung für die komplett unbeteiligt in diese Querelen hineingezogene Frau aus der ersten Szene, die rein gar nichts mit dem ganzen Mist zu tun hat und nichts weiter will als ab und zu irgendwohin zu gehen und ansonsten unangerufen von fremden Leuten heiter durch die Straßen der Stadt zu lustwandeln.

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9 Gedanken zu „Szenen machen

  1. Und jetzt will sich die Ehefrau des Rothaarigen scheiden lassen? Vielleicht am Ende gut für ihn, insbesondere zum Ende seiner erloschenen Liebe ausdrücklich zu stehen, auf jeden Fall lukrativ für eine/n Scheidungsanwältin/anwalt, der mit der Abwicklung der Trennung betraut ist.
    Immerhin hätte sich die Dame aus der srten Szene vorm Konzert überlegen sollen, warum ein verheirateter Mann ein Konzert mit ihr zusammen besucht – ohne seine Frau. Dann hätte sie sich eine Menge Ärger ersparen können.

    1. Sie schockieren mich, Frau Paula. Ich muss ja gestehen, eigentlich andauernd in allergrößter Neutralität mit sehr verheirateten Herren auszugehen. Irgendwann gibt’s doch gar keine anderen mehr.

      1. Ja, wenn das ganz selbstverständlich und ohne Geheimnisse geschieht, ist das bei aufgeklärten und liberalen Menschen doch auch gar kein Problem. Mache ich doch auch! Aber der beschriebene Kandidat hat das ja offenbar heimlich gemacht und das wäre mir als Begleiterin bestimmt aufgefallen und nicht egal gewesen.

    1. Absolut. Ich habe auch keine Ahnung, was das Ganze eigentlich soll. Was geht es seine Frau an, wenn er sich heimlich verliebt, solange er daraus keine Konsequenzen zieht? Warum hält er nicht einfach den Mund? Ich halte es ja mit steigendem Lebensalter für das Sinnvollste und Vernünftigste, so lange verheiratet zu bleiben, wie man sich nicht gerade anwidert, und ansonsten in den nicht ausbleibenden schlechten Zeiten höfliche Distanz zu wahren. Das wird dann schon wieder.

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