Archiv für den Monat: Mai 2006

Die Natur auf Kriegsfuß

Morgens ist eigentlich noch alles bestens, der Wecker klingelt, man quält sich so aus dem Bett, und eine halbe Stunde später mit nicht ganz geföhnten Haaren steht man also vor der Tür. „Hah!“, sagen die Bäume, beugen sich weit zu einem hinunter und werfen einem eimerweise Pollen ins Gesicht. Die mickerigen Gräser rundherum holen tief Luft und pusten einen einmal richtig an, und auf den paar hundert Metern bis zur U 2 beginnt man zu leiden.

Die Schleimhäute schwellen zu völlig ungeahnten Ausmaßen an, die Nase läuft, und man niest so ungestüm, dass die anderen Leute in der Bahn erschreckt ein Stück abrücken aus Angst vor gefährlichen Infektionen. Ich bin gar nicht ansteckend, möchte man ihnen zurufen, aber das geht ja gerade nicht, weil man ein Taschentuch vor der Nase hat und den ganzen Tag fortfährt, eine Spur von Taschentüchern zu hinterlassen, die, würde man unterwegs den einen oder anderen Mord begehen, die Polizei sofort auf die eigene Fährte bringen würden.

Bis vor einigen Jahren, erinnert man sich, war man kerngesund. Keine einzige Allergie, ab und zu mal eine Erkältung, und sonst nichts. Die üblichen Sportverletzungen, und ansonsten sprang das Fräulein Modeste dermaßen vital durch die Gegend, dass Mutter Natur, die bekanntlich eine bösartige Matrone zu sein pflegt, die Stirn runzelte und ihren Knechten paar Anweisungen zuflüsterte. Dann ging es los. Erst Walnüsse. Dann Penicillin. Und schließlich verschwor sich die heimische Flora und zerrüttete in einer konzertierten Aktion mein Immunsystem auf das Allerschönste.

Wollen wir doch mal sehen, wer gewinnt, wispert es des Nachts in den Bäumen, und die Natur reibt sich die schwieligen Hände, es der Zivilsation noch einmal so richtig gezeigt zu haben.

Alles übers Universum

Überhaupt schon immer war ich bekannt für meine ungewöhnliche Unfähigkeit, naturwissenschaftliche Zusammenhänge nachzuvollziehen, und irgendwann, so ungefähr in Quarta, gab der naturwissenschaftliche Lehrkörper mich auf. Ich begriff es nicht, ich würde es nicht begreifen, ich würde es überhaupt nie begreifen, soviel war klar, und dann ließ man es eben, schickte Briefe, denen zu entnehmen war, ich sei versetzungsgefährdet, und überließ mich ansonsten den alten Sprachen, Deutsch, Geschichte und Religion. Einmal, ein einziges Mal nur, packte mich ein Fünkchen Begeisterung, und vielleicht ist Dr. C. schuld, dass es nichts wurde mit mir und den Naturwissenschaften.

Dr. C., ein spitzbärtiger, kreidebestäubter Herr kurz vor der Pensionsgrenze, der alle möglichen Quälfächer unterrichtete, mochte Filmvorführungen, diese Filme, die ein besonders vertrauenswürdiger Schüler auf Rollen in der Kreisbildstelle abholen musste, und an deren Beginn jeweils eine Eule zu sehen war, die dem Institut für Wissenschaft und Unterricht oder so ähnlich als Logo diente. Es wurde also dunkel, Dr. C. lehnte sich bequem zurück, und man sah einen Film, in dem man Abbildungen der ersten Menschen sehen konnte, ihre ausgemalten Höhlen oder auch einfach nur Fledermäuse, vierzig Minuten lang Fledermäuse, die an Höhlendecken hingen oder Kleintiere fraßen. An diesem Tag, am großen Tag meines naturwissenschaftlichen Interesses jedoch, wurde das Weltall gezeigt, also erst die Erde, dann das Sonnensystem, die Milchstraße, und dann die nächstgrößere Einheit, deren Namen ich vergessen habe. Grün und blau, rötlich und irgendwie organisch sah das aus, nicht unähnlich den Darstellungen aus dem Biologiebuch, wie es im Inneren des Verdauungstraktes aussieht, und auch die schematische Darstellung des Weltalls ähnelte stark dem Inneren der menschlichen Zelle. Ich war beeindruckt.

Da saß ich also, ganz hinten am Fenster, 13 Jahre alt, und auf einmal war mir alles klar. In meinem Magen nämlich, vielleicht auch in meiner Milz, in meinem ganzen Körper, kreisten weitere Universen umeinander. Jene Universen bestanden aus wiederum unzähligen einzelnen Einheiten, Sonnensystemen sozusagen, die nur das grobe Forscherauge der phantasie- und inspirationslosen Naturwissenschaftler als bloße Zellen betrachtete, in denen nicht viel los war. In Wirklichkeit jedoch drängten sich ganze Welten aneinander, in den Mitochondrien tobten Sternenkriege, auf den einzelnen, winzigen Partikeln, aus denen wiederum die Zellen zusammengesetzt waren, krochen winzige Lebewesen herum, vierbeinige und zweibeinige, Miniaturkatzen und Großfamilien, Versicherungsvertreter und Unterabteilungsleiter, Zoologen und Physiklehrer, die in Großstädten und ländlichen Oberzentren ein behagliches Leben führten.

Natürlich wussten jene nichts über die größere Einheit, die ihrer Vereinzelung erst Sinn und planvolles Zusammenwirken verlieh. Eine dunkle Ahnung beschlich ab und zu die Intuitiveren unter den Minimenschen, und sie stammelten etwas von einem allmächtigen, allumfassenden Wesen, welchem sie phantasievolle Namen gaben. Die Klügeren weigerten sich überhaupt, einen Namen für jenes Wesen zu verwenden, von dem sie schließlich nicht wussten noch wissen konnten, dass es einfach „Modeste“ hieß.

Ich meldete mich. Mein Lehrer jedoch schenkte mir keinen Glauben. Die Minimenschen, die Universen im Zellkern, die winzigen Metropolen, weidende Kühe tief im Innern unseres Körpers – Dr. C. wollte nichts davon hören. „Nun lassen sie mich doch mal ausreden!“, versuchte ich, mir Gehör zu verschaffen, aber Dr. C. hatte nicht viel über für derlei Dinge, und so kam ich gar nicht erst dazu, die Theorie in ihrer ganzen erschreckenden Großartigkeit vor ihm auszubreiten und ihm zu erläutern , dass selbstverständlich auch wir alle im Innern einer riesigen Einheit wohnen, die wiederum Teil eines größeren Selbst, einer harmonischen Größe, eines beseelten Unversums sei, und dass größer als wir, unseren Blicken entzogen, vielleicht ein kleines Mädchen über eine Riesenwiese läuft, oder ein altes Weib in einem unvorstellbar großen Edeka-Markt mit einem exorbitanten Stück Käse in der Hand an der Kasse steht.

Dr. C. jedoch schnitt mir einfach das Wort ab und diktierte die Hausaufgaben, und ich legte die Naturwissenschaften endgültig zu den Akten.