Reisen

Der Wasserstand in Spinimbecco

Das südliche Veneto ist sozusagen das Niedersachsen Italiens: Irgendwie nördlich, irgendwie flach,  keine Gewässer und keine Berge und alle haben Hunde. 70% der hiesigen Bauwerke sind in den Fünfzigern entstanden und haben bis heute die charakteristischen Fenster und Türen.

Das Essen ist natürlich besser als in Niedersachsen. Himmel, ich wünschte, die Römer hätten die Schlacht im Teutoburger Wald gewonnen und ganz Germanien romanisiert. Dann könnte man heute auch in Cloppenburg oder Neumünster etwas Genießbares essen.  So muss man sich im Urlaub schadlos halten. Seit unserer Ankunft habe ich deswegen ungefähr 1 kg italienischen Käse gegessen, überhaupt beginnt sich die Region von meinem Appetit zu fürchten. Und was ich nicht esse, isst mein Sohn.

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Schon morgen

Auf einmal wach. Durch die Holzlamellen der Jalousie wirft der Pool zitternde Schlieren aus weißem Licht an die Schlafzimmerdecke, und irgendwo sprechen zwei Männer leise in einem fremden Idiom miteinander, das ich nicht einordnen kann. Es ist sieben Uhr früh.

Die heiße Nacht hat meine Haut mit einem Film aus Schweiß überzogen, und meinem Sohn F. klebt der hellbraune Pony feucht in der Stirn. Sehr klein und sehr friedlich sieht er aus, wie er so neben mir schläft, die Hände geöffnet und das Gesicht ganz still. Rotwangig wie ein Apfel. Auf seinem T-Shirt fährt ein VW-Bus durch ein Gebirge. Ob er in seinen Träumen wohl auch durch die Berge reist, den Wolken so nah wie nirgendwo sonst?

Morgen mittag schon werden wir unsere Koffer packen und fahren nach Bangkok. Morgen Abend sitze ich irgendwo im sechzigsten Stock auf dem Dach und unter mir glitzert die Stadt. Heute ist unser letzter Tag am Meer. Noch einmal durch den Pool schwimmen, über den sich die Kokospalmen neigen, als würden sie mich beschenken wollen mit Süße und Duft, noch einmal am Meer, wenn der Himmel in tausend Farben schwelgt wie die Wellen, und noch einmal der Wind, der landeinwärts weht wie die Winde es nur am Meer vermögen, wenn sie sich nach dem Frieden der Wälder verzehren.

Wsssssstwsssssss

Der F. ist – man kann das nicht beschönigen – hörspielsüchtig. Das Leiden begann vor zwei Jahren mit Conni, einem kleinen Mädchen, das in einer Vororthölle der Achtziger mit bemerkenswert spießigen Eltern aufwächst, und (Conni, Conni, meine Freundin Conni) noch viel weniger erlebt als Großstadtkind F., dessen Eltern sich am Gartenzaun erhängen würden, wären sie zu der Existenz von Connis Familie (mit der Schleife im Haaaaar) verdammt. Zum Glück geht alles im Leben vorbei, also auch das.

Versucht haben wir es dann mit Käpt’n Sharky, mit Pumuckl (neckt, Pumuckl versteckt, und nieeeemand …), aber nichts davon hielt lange vor. Statt dessen ist der F. seit mindestens einem satten Jahr der Hörspielreihe Was ist was verfallen, in unserem Haushalte nur als Wssssssstwssssss bekannt, was sehr schnell und komplett ohne Vokale so lange auszusprechen ist, bis ein extra zu diesem Zweck mitgeschlepptes ehemaliges Diensthandy seufzend rausgerückt wird. Die bekannten Kindersachbücher gibt es nämlich auch zum Hören, und zwar mit Besserwisser Theo, dem weiblichen Satzzeichen Tess, das keine Ahnung hat und Sängerin werden will, und Quentin. Zur Abwechslung sind das mal keine Kinder, sondern Punkt, Ausrufe- und Fragezeichen. Es gibt über 70 Hörspiele, die kann man bei iTunes Match laden. Ich glaube, ich kenne sie (Archäologen haben im nachgebauten Stonehenge viele Experimente gemacht) alle.

Der F. tut nahezu nichts anderes (Vor ungefähr 550 Mio. Jahren begann das Kambrium). Oder besser: Er tut so gut wie nichts, ohne dass ein Hörspiel läuft. Er malt einen bemerkenswert missgestalteten Elefanten (In Hamburg kam es im Jahre 1842 zu einem Brand in einem Speicher). Er springt trotz strengstem Verbot auf dem Bett (Milchprodukte und Fleisch dürfen niemals vermischt werden). Er lässt seine Playmobilmännchen gegeneinander kämpfen (Ein Agent muss immer damit rechnen, dass er selbst beobachtet wird).

In Berlin stört das nicht weiter. Der F. bewohnt die ehemalige Mädchenkammer unserer Wohnung, die ist weit genug weg, um nicht ständig (Die Sprachexperten haben ein feines Gehör und darüber hinaus viele Spezialgeräte und Computersoftware) alles mitzubekommen, was er gerade tut oder hört. Im Urlaub aber wird wssssstwsssss zum ernsthaften Problem. In einem Hotelzimmer mit dem F. will der J. nach dem letztjährigen Trip nach Japan nie wieder zum Opfer seiner Hörspiele werden. Aber auch in einer Ferienwohnung ist es so gut wie unmöglich (Die erste vollständige Liste der sieben Weltwunder wurde im zweiten Jahrhundert vor Christus von dem Schriftsteller Antipatros von Sidon geschrieben), dem F. und seiner Leidenschaft zu entkommen.

Kopfhörer hat er nicht, weil wir fürchten, dass er wssssstwsss dann so laut macht, dass er noch vor seiner Einschulung nicht mal mehr das hört, was er wirklich hören will. Wir leben also mit unserer persönlichen Geißel Gottes (Ein Wolf ernährt sich hauptsächlich von Fleisch). Bis vor kurzem war wenigstens am Strand Ruhe. Oder im Pool. Oder wenn wir unterwegs waren, in einem Elefantencamp oder auf dem Nachtmarkt. Kürzlich allerdings, wir drückten uns gerade an einem Stand mit gefälschten Sonnenbrillen vorbei, huschte eine kleine, magere, weiße Katze an uns vorbei. „Ein Kätzchen!“, jubelte der F., lief hinter dem Tier her, kehrte an meine Hand zurück, sah mich an und sprach: „Ist eine Katze auf der Jagd, so bewegt sie sich äußerst vorsichtig. Sie hält sich nah am Boden und nutzt die natürliche Deckung.“

Vielleicht kündige ich iTunes Match auch einfach wieder.

Tigermückenmutter

Der F. und ich werden immer gestochen. Wenn wir irgendwo, wo’s warm ist, ankommen und aus dem Flugzeug steigen, erwacht mit der ersten Berührung fremder Erde auch die letzte Mücke des Landes und wirft sich noch vorm Gepäckband genießerisch auf uns, um uns bis auf den letzten Tropfen auszusaugen. Der F. ist ein wenig allergisch und schwillt dann schrecklich an. Das nervt schon in Deutschland. In Südostasien sehe ich quasi nur noch Tigermücken randvoll mit Dengue-Viren meinen armen kleinen Kerl gierig umschwirren. Ich würde öffentlich immer schwören, das Gegenteil einer Helikoptermutter darzustellen. Was ich niemals zugeben würde: Ich bin Tigermutter. Tigermückenmutter, besser gesagt. Ich bin die Irre mit dem Elektrotennisschläger, die hinter der Glasfront unserer Ferienwohnung ein leicht verrücktes Mückentennis aufführt, und Tennisspielerinnentriumphschreie ausstößt, wenn die Mücke elend verschmort.

***

In Thailand führen alle möglichen Religionen eine leicht verschwommene, friedliche Koexistenz. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist man hier meistens Buddhist, aber die Sorte mit dem dünnen Buddha, glaubt aber auch an Dämonen, zum Beispiel an so einen blauen Kerl mit Eberzähnen, den Elefantengott und noch einige andere HIndugötter. Weihnachten wird aber auch gefeiert. Mich persönlich irritiert das überhaupt nicht. Ich stutze weder bei thailändischen Buddhisten mit baumelnden Bildern von Mutter Teresa am Taxirückspiegel. Noch denke ich über die ganzen Buddhas in den Gärten deutscher Weihnachtschristen nach. Ich bin sozusagen spirituell gründlich abgestumpft. Der F. hat diesen Abstumpfungsprozess aber noch vor sich, und die bohrenden Fragen eines Sechsjährigen, der Religion tatsächlich noch ernst nimmt, verschönern, man könnte sagen, nicht jede meiner Lebenslagen.

***

Heute findet das chinesische Neujahrsfest statt. Vor der Mall Blueport dreht sich ein blinkender Drache. Eine kleine Combo haut kräftig auf die Pauke, kleine Mädchen tanzen in rot und Verkäuferinnen verschenken Ballons und Schokolade. Schön ist das, freut sich der F. über seinen knallroten Luftballon. Aber er, fährt er sehr ernsthaft mit gekrauster Nase fort, mag nur sehr leise Religionen, am besten solche mit schöner Musik.

Dann steigen wir ins Taxi.

Mein Affe

Von mir aus, sage ich und der F. jubelt. Wir fahren also zum Affentempel Khao Takiab.

Als wir aus dem Wagen steigen, hängen die Affen schon von den Bäumen. Einer springt auf die Motorhaube. Einer sitzt auf dem Außenspiegel. Einer, ein kleiner, zierlicher Makake, schaut mich direkt an und folgt uns. Wir steigen die Treppen hinauf zum Chedi. Tief unter uns liegt die weite Bucht, gesäumt von weißen Türmen, Zikkuraten der Gastlichkeit mit ausladenden Balkonen. Das Meer ist heute fast weiß.

Als wir die Treppen hinuntersteigen, folgt uns der kleine Makake. Leider habe ich nichts zu Essen für ihn, er sieht dünn aus, aber vielleicht ist er nur auf diese jugendliche Weise dünn, wie auch der sechsjährige F. dünn ist, der sich seinen ganzen herrlichen Kinderspeck abgerannt und abgeschwommen und abgesprungen hat. „Wer bist du?“, frage ich den kleinen Affen, weil er mich so anschaut, als würde er gefragt werden wollen, und deswegen wundere ich mich gar nicht, als er antwortet. Er heiße Kwam, behauptet er, und der F. stellt uns vor.

„Warum kannst du sprechen?“, frage ich Kwam, aber diese Frage, lerne ich, ist sehr, sehr beleidigend. Alle Affen können sprechen, sie sprechen nur nicht mit jedem, seit der Sache mit Affe Rotpeter, die bei allen anderen Affen einen sehr ungünstigen Eindruck hinterlassen habe, höre ich. Eine solche Karriere sei für die jüngere Affengeneration völlig unattraktiv. Aber ich habe Glück. Ein Affenglück, sagt Kwam, und dann setzt er sich neben den F., als wir fahren.

In unserer Wohnung stelle ich Kwam erst einmal unter die Dusche. Er ist schrecklich verlaust, und ich schreibe Entlausungsmittel auf meinen Einkaufszettel. Kwam stört das überhaupt nicht. Er tobt mit dem F. durch die Wohnung, singt mit ihm lustige Lieder, isst ein Pfund Weintrauben, zwei Mangos und einen Bund kleine, sehr süße Bananen, und dann lässt er sich von dem F. Witze erzählen, bis sich beide die Bäuche halten vor Lachen. Der F. gibt dem Affen sogar von seinen Rote-Bohnen-Brötchen ab, und das ist eine sehr seltene Ehre.

Beim Abendessen im Chef Cha nebenan essen der F. und der Affe um die Wette Reis und Huhn mit Thaibasilikum und Cashewnüssen, Papayasalat und Kokoseis. Der Affe macht die Leute an den Nachbartischen nach, der F. lacht herzhaft und spricht fast nur mit Kwam. Nach Berlin kommt er aber nicht mit, sage ich dem F. heimlich auf dem kurzen Heimweg, aber das bringt Kwam und den F. dermaßen auf, dass ich ankündige, es mir nochmal zu überlegen, wenn Kwam seinen Flug selbst bezahlt.

Als der F. schlafen geht, rollt sich Kwam auf der gepolsterten Bank am Fußende zusammen. Gute Nacht, Kwam, sagt der F. und beschreibt mir ganz genau, wie Kwam aussieht, wenn er schläft, und was er träumt und wie sehr er sich danach sehnt, mit ihm nach Berlin zu fahren und dort in den Bäumen zu schaukeln.

Dicker Mann mit Thaifrau

Der F. gräbt seit 20 Minuten ein Riesenloch in den Sand. Er wirkt sehr konzentriert, möglicherweise denkt er darüber nach, ob er den Erdkern noch vorm Abendessen erreicht. Immerhin bemerkt er so auch die Strandverkäufer nicht, die mit Obst, Eis oder Getränken über den Strand laufen. Ich könnte mir eine Kokosnuss kaufen, überlege ich, grabe meine Füße in den Sand und lese weiter. Sanft streichen die Schatten der Palmen über den Strand.

Es ist nicht voll. Es ist Hauptsaison, aber Hua Hin scheint nicht ausgebucht zu sein. Es mag sein, dass das im Süden anders ist, aber hier sind nicht alle Liegen vor den Hotels belegt, und dort, wo wir unsere Handtücher ausgebreitet haben, ist um jede bunte Insel aus Bambus, Handtüchern und bunten Taschen viel, viel Platz.

Ein paar Meter neben uns sitzt ein Paar. Er ist ein Berg von einem Mann, rotgesichtig, sicherlich mindestens 70. Spärlich die Haare auf dem Kopf, dafür wuchern auf seinem gesamten Oberkörper fusselige, weiße Haare. Er ist tätowiert, aber den Schriftzug auf seinem Arm kann ich nicht erkennen. Auf seinem Handtuch steht „Route 66“.

Seine Begleitung ist Thai. Sie ist nicht mehr jung, aber deutlich jünger als er, vielleicht Mitte 50, mit langen Haaren, einem bunten Kleid und großen, glitzernden Kreolen. Sie ist maximal 1,50 groß, sehr zierlich, und die Vorstellung ist nicht abwegig, dass er ungefähr dreimal so viel wiegt wie sie. Er liegt auf der Decke und trinkt Bier. Sie wieselt über den ganzen Strand, kauft Obst, bringt ihm eine weitere Bierdose, die sie auch noch für ihn öffnet, drückt ihm einen Maiskolben und Eis in die Hand, und hört ihm zu, der unaufhörlich auf sie einbrabbelt.

Huh, denke ich und betrachte den fetten Kerl mit schlecht verhohlener Abneigung. Noch so einer, der nach Thailand fährt, um sich hier gegen Geld von Frauen bedienen zu lassen, bei denen er daheim nicht den Hauch einer Chance hätte, und dann vermutlich auch noch im Internet schwadroniert, dass in Asien die Frauen noch wüssten, was ein Mann verdient. Ich war mal Referendarin in Thailand, das ist lange her, aber die Geschichten, die ich damals gehört habe, habe ich nicht vergessen. Solche Paare sieht man viele hier. Ich wende mich ab.

Am späten Nachmittag leert sich der Strand. Auch der F. und ich packen unsere Sachen. Wir wollen auf den Nachtmarkt, etwas essen und der F. verlangt ein Schwimmtier. Als wir gehen, kommen wir an dem dicken Mann und der Thaifrau vorbei. Gerade als wir vorbeischlendern, klingelt sein Telefon. Er geht ran und hält ihr das Handy mit seinen roten, riesigen Pranken ans Ohr.

„Ei, isch da mein Süsserle! Sag was zur Oma!“, schreit die Frau begeistert in das Gerät, auf dem ein Kind erscheint, das unkoordiniert, aber euphorisch winkt,  und dann hält sie das Handy so vor sich und den dicken Mann, dass das Enkelkind beide sehen kann, beide strahlen und winken, und ich schleiche mit dem F. an der Hand leicht betreten von dannen.

Eintracht Frankfurt

Frangipani, denke ich. Jasmin. Chili und Bratfett, Abgase, die feuchte Luft, und wer hier, vorm Eingang des Flughafen Bangkok, einmal einatmet, kann sich vermutlich rund ums Jahr eine direkte Standleitung in den Auspuff des ältesten Dieselwagens der Republik legen: Ich bin zurück in Bangkok. Die Stadt riecht wie immer und sie sieht wie immer aus. Nur die Thais werden irgendwie immer dicker.

Es ist kurz nach elf. Der Bus nach Hua Hin ist schon weg. Der Zug fährt vom Bahnhof in einer knappen Stunde, aber das reicht nicht aus, um vom Flughafen dorthin zu kommen und Tickets zu kaufen. Ich verhandele also mit einem Taxifahrer, bin irgendwann bei 2.000 Baht, das sind 50 EUR für eine dreistündige Fahrt, das ist in Ordnung, und so steige ich ein.

Der Fahrer lässt dem todmüden F. den Sitz weit nach hinten, deckt ihn zu und schiebt ihm ein Kissen unter den Kopf. „Morgen gibt’s Mango.“, teilt der F. schon leicht lallend dem Fahrer noch mit, aber der nickt nur und lacht und versteht natürlich kein Wort. Dann setzt er sich hinters Steuer und fährt an.

Ich werde buchstäblich in den Sitz gepresst. Ich kann es nicht beschwören, aber vermutlich   hebt der pinkfarbene Toyota leicht ab, überholt in halsbrecherischen Manövern LKWs, schwere Limousinen, Motorräder und rast durch die immer dunklere Nacht aus Bangkok heraus nach Süden. Hinter uns zieht, nehme ich an, ein glühender Strahl aus schierem Feuer.

Er sei schon einmal in Deutschland gewesen, erzählt der Taxifahrer. Seine Schwester sei da verheiratet mit einem deutschen Taxifahrer. Oha, sage ich. Die Schwester des Taxifahrers lebe in Mannheim, sagt er, und dann sprechen wir über die Pfalz und über die Liebe der Deutschen und der Thais zu Wurst. Wurst ist hier nämlich populärer, als ich dachte.

Der Schwager des Taxifahrers, erfahre ich, ist ein Fußballfan und liebt den Verein Eintracht Frankfurt, und weil der Taxifahrer vermutlich keine Deutschen kennt, die Fußball nicht lieben, verwickelt er mich in ein längeres Gespräch in einer wüsten Mischung aus Thai und Englisch über die Erfolge, die Niederlagen, die Spieler und die Geschichte von Eintracht Frankfurt. Hmmm, sage ich ab und zu. Yeah. Oh, wow!

Dann sind wir da.

Auf und davon

Glauben Sie den Studenten und Referendaren der Rechte kein Wort, wenn die stöhnen, wie hart das Leben sei. Fakt ist nämlich, dass man als Student eigentlich semesterlang vorwiegend schlafen und feiern kann, solange es einem nur gelingt, sich im siebten und achten Semester komplett einzuschließen, einen Haufen Skripten mehr oder weniger auswendig zu lernen und nicht die Nerven zu verlieren, wenn man vor der Prüfungskommission steht. Danach geht es ins Referendariat, und das ist eigentlich fast ausschließlich lustig. Man hat, außer man hat Pech, auch nicht so richtig zu tun, weswegen nicht ganz wenige Referendare ein bis zwei Tage die Woche irgendwo arbeiten gehen. Ich habe damals ein sehr ausführliches und komplett weltfremdes Forschungsprojekt betreut.

Gut, auch das zweite Examen ist anstrengend. Zu den vielen Vorzügen des Referendariats gehört aber die unmittelbar nach den schriftlichen Klausuren stattfindende Wahlstation, die es einem ermöglicht, irgendwo an einem Ort eigener Wahl ein bisschen zu arbeiten und viel herumzulungern. Wann kann man das sonst schon. Ich war zu diesem Zweck in Bangkok. Es war August, es war sagenhaft heiß, und einmal am Tag goss es wie aus Kübeln.

Ich war 24 damals, und Thailand war eine Wucht. Ich fand sogar das Wetter toll, ich liebe asiatische Megacities, und außerdem alle waren sagenhaft freundlich zu mir. Mehrere Freundschaften von dort halten bis heute. Das Essen war super, ich mochte das Meer und ich habe mehr irre Geschichten erlebt, als in mehreren Jahren Berlin, und das will was heißen. Fragen Sie mich bei Gelegenheit nach den Verrückten mit den Gewehren und ihrer Insel und den Fischen und dem Rum. Und dem Heidelberger Studenten, der in der Patpong die Göttin Isis fand. Zwischendurch fiel mir zwar ab und zu ein, dass ich die ungelogen dickste Frau Bangkoks war, aber sogar daran kann man sich gewöhnen. Ich habe damals viel und lange über mein Gewicht nachgedacht, wie sehr langjährige Leser sich vermutlich erinnern. Seit ich zehn Kilo mehr wiege als damals ist es komischerweise besser statt schlechter, aber dies nur am Rande.

Ich war seitdem noch zwei Mal in Thailand, einmal wandern im Norden und einmal einfach nur so am Strand. Ich weiß, Thailand gilt als das Mallorca des Ostens. Wer was auf sich hält, fährt nach Kambodscha oder Laos oder ganz woandershin. Ich aber, ich fliege morgen Abend nach Bangkok und fahre dann mit dem F. weiter ans Meer. Ich habe eine Wohnung gemietet und will nichts tun. Für jemanden wie mich ist das ein Projekt. Ich will so ein bisschen wie damals, nur anders, ganz und gar raus aus meinem sehr komplizierten Berliner Leben. Ich will, dass mir das Meer das ganze letzte Jahr von der Haut spült. Ich will noch einmal, bevor der F. zur Schule kommt und ein großer Kerl wird, viele Wochen mit ihm außerhalb unserer Welt verbringen, an die er sich erinnern soll, wenn er mal groß ist, und ich will schreiben. Schreiben und lesen und essen und einfach nur sein.

Ein Fest fürs Leben

Es gibt einen Haufen Gründe, sagt man, wieso es der verstorbene Vater des B. möglicherweise nicht in den Himmel geschafft haben könnte, zumindest dann, wenn der liebe Gott wirklich so ein humorloser Kerl ist, wie manche sagen. Ich aber, ich weiß, dass er doch auf einer der weißesten Wolken überhaupt sitzt, mit den Beinen baumelt und den Engeln unter die Röcke schielt, seit der B. fünf Schulfreunden gemailt hat, weil er selbst keine Zeit hat und wohl auch keine Lust. Anders als sein Vater ist der B. nämlich kein so besonders volkstümlicher Typ.

Leider hat Silvester eigentlich niemand Zeit, der eine Familie hat. Wir hoffen deswegen alle, dass einer der anderen Angeschriebenen wider Erwarten doch kann, oder der B. selbst seinem Herzen einen Stoß gibt, denn von den Leuten, die in dem Bus sitzen werden, war noch keiner je in Frankreich, und zumindest der Vater des B. hat keinem seiner postmortalen Gäste eine Reise ohne Cicerone zugetraut. Vermutlich haben sie es alle seit Jahren nicht mehr an andere Orte als in den Penny Markt am Bahnhof und die Kneipe Bei Helga geschafft, wo ein Bier und ein Korn noch 2,20 EUR kosten, und manche Gäste im Wesentlichen von Helgas Erdnussflips leben, die sie in Plastikschüsseln auf die Theke stellt.

Wieso der Vater ausgerechnet in dieser wirklich miesen Kneipe von Zeit zu Zeit sein Bier zu trinken pflegte, würde sein leicht verspannter Sohn mir vermutlich nicht einmal dann erzählen, wenn er es wüsste. Vielleicht hat es mit seiner Kindheit zu tun, über die er nie sprach. Vielleicht war seine Vorliebe für diese Kneipe Ausdruck einer Art Outlawromantik, aber was es auch war: Er war dort gern gesehen, und zwar nicht nur, weil er freigebig Runden ausgab.

Ich war ja nicht dabei, aber er muss mit den Stammgästen oft über Paris gesprochen haben. Er sprach überhaupt gern über Paris, er hatte ein paar Jahre dort gelebt und auch als ganz junger Arzt in einem französischen Krankenhaus gearbeitet, und sein Französisch war so gut, dass ab und zu Franzosen annahmen, er käme aus irgendeinem anderen Teil Frankreichs. Wenn das geschah, freute er sich über alle Maßen und erzählte in den folgenden Wochen gern davon.

Ich stelle mir vor, dass Paris, ach: Frankreich generell, für die Stammgäste bei Helga, die nie reisen konnten, mit den Jahren auch zu einem Sehnsuchtsort wurde. Belmondo, Jules et Jim, Delon, Catherine Deneuve, irgendwie so. Nach Paris hat es trotzdem nie einer dieser verlorenen Trinker geschafft, und so wird Gottvater, der ja auch der gnädige Gott des guten Königs Henri IV. ist, dem Paris eine Messe wert war,  es dem Vater des B. sicherlich hoch anrechnen, dass er vor seinem Tod einen Bus und ziemlich viele Hotelzimmer bezahlte, auch Geld für ein ausgeklügeltes Besuchsprogramm in einen Umschlag schob, und seinen Sohn bat, die Stammgäste von Helga nach Paris zu begleiten.

Psst. Oder: Paare im Urlaub

Die Ehe also. Eigentlich eine lustige Institution. Da heiraten sich also zwei mit den besten Vorsätzen, fortan gemeinsam ihr Leben zu fristen, und das auch noch dauerhaft. Ein liebenswürdiger Herr zum Beispiel, der es gern ruhig hat, je ruhiger umso besser, gern so ein bisschen wie ein Kartäuserkloster mit angeschlossenem Friedhof, nur ohne Glockengeläut und mit besserem Essen. Und eine, die es eigentlich gern laut, bunt und lustig hat, so ein bisschen wie ein italienischer Marktplatz. Im Alltagsleben, das werden Sie mir bestätigen, ist das alles kein Problem, soll er doch schweigend Golf spielen und sie kann es andernorts krachen lassen, aber im Urlaub, im Urlaub wird es nicht einfach.

Sie beispielsweise verbringt eigentlich nicht so gern mehrere Tage am selben Ort. Kleines Gepäck, jeden Tag etwas Neues, morgens ein Kreuzgang, abends eine Ruine und nachts irgendwo auf einem Platz etwas Gutes essen und zu viel Wein. Dann in die nächste Stadt. Gern viele Leute. Er schätzt dagegen sehr aufgeräumte, komplett geräuschlose Resorts in ruhigen Farben, gern geschmückt mit Porzellan und ausgestopften Tieren, auf keinen Fall unbekleidete oder tätowierte oder gar unbekleidete, tätowierte Leute um ihn herum, und um nichts in der Welt die öffentliche Darbietung von Tanz und Musik und, wenn möglich, keine Buffets, die anderen Menschen die Gelegenheit geben, sich schlecht zu benehmen.

Natürlich sind diese Vorstellungen der perfekten Reise im Grunde unvereinbar. Getrennt zu verreisen ist indes auch nicht im Sinne unseres sich an sich herzlich zugetanen Paares, das sich also über die Jahre hinweg in ein stets fragiles Reisegleichgewicht begibt, in dem entweder er die stetigen Ortswechsel bejammert oder sie sich von Tag zu Tag absehbar mehr langweilt, bis er irgendwann an ihrer Seite freundlich kapitulierend Basare, Kathedralen oder Museen besucht und ab und zu leise, aber abgründig stöhnt.

Nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, stellen Sie sich dieses Paar also vor. Es sitzt augenblicklich am Meer, das gemeinsame Kind, der freundliche F., planscht im Pool, auf einer nahegelegenen Liege ruht er und liest. Sie liest auch, dahingestreckt auf ein unweit belegenes Sofa. Ab und zu sieht er sie besorgt an. Bis jetzt ist es ruhig, aber wie mag das aussehen, wenn sie sich erst mal richtig ausgeschlafen hat? Wo mag sie ihn diesmal hinzerren, wo Leute lärmen und überhaupt schwitzende, unförmige, mit Camp David Achselshirts bekleidete Leute sind? Ab und zu, natürlich nur, wenn er nicht hinschaut, mustert auch sie ihn mit einem Gran Besorgnis. Er wirkt verhältnismäßig aufgeräumt, wie er da so liegt, aber dieses leichte Zucken seiner Brauen jedesmal, wenn das gemeinsame Kind im Pool anfängt zu singen? Nur der F., nicht gewahr der elterlichen Sorgen, planscht und schwimmt unverdrossen hin und her, singt fröhlich ein Lied über Shaun das Schaf, sich immer wieder selbst unterbrechend mit dem Ausruf „ach ja, leise!“, bevor er heiter unterm ägäischen Himml weitere Runden zieht und das Dinner erwartet.