Reisen

Ein Fest fürs Leben

Es gibt einen Haufen Gründe, sagt man, wieso es der verstorbene Vater des B. möglicherweise nicht in den Himmel geschafft haben könnte, zumindest dann, wenn der liebe Gott wirklich so ein humorloser Kerl ist, wie manche sagen. Ich aber, ich weiß, dass er doch auf einer der weißesten Wolken überhaupt sitzt, mit den Beinen baumelt und den Engeln unter die Röcke schielt, seit der B. fünf Schulfreunden gemailt hat, weil er selbst keine Zeit hat und wohl auch keine Lust. Anders als sein Vater ist der B. nämlich kein so besonders volkstümlicher Typ.

Leider hat Silvester eigentlich niemand Zeit, der eine Familie hat. Wir hoffen deswegen alle, dass einer der anderen Angeschriebenen wider Erwarten doch kann, oder der B. selbst seinem Herzen einen Stoß gibt, denn von den Leuten, die in dem Bus sitzen werden, war noch keiner je in Frankreich, und zumindest der Vater des B. hat keinem seiner postmortalen Gäste eine Reise ohne Cicerone zugetraut. Vermutlich haben sie es alle seit Jahren nicht mehr an andere Orte als in den Penny Markt am Bahnhof und die Kneipe Bei Helga geschafft, wo ein Bier und ein Korn noch 2,20 EUR kosten, und manche Gäste im Wesentlichen von Helgas Erdnussflips leben, die sie in Plastikschüsseln auf die Theke stellt.

Wieso der Vater ausgerechnet in dieser wirklich miesen Kneipe von Zeit zu Zeit sein Bier zu trinken pflegte, würde sein leicht verspannter Sohn mir vermutlich nicht einmal dann erzählen, wenn er es wüsste. Vielleicht hat es mit seiner Kindheit zu tun, über die er nie sprach. Vielleicht war seine Vorliebe für diese Kneipe Ausdruck einer Art Outlawromantik, aber was es auch war: Er war dort gern gesehen, und zwar nicht nur, weil er freigebig Runden ausgab.

Ich war ja nicht dabei, aber er muss mit den Stammgästen oft über Paris gesprochen haben. Er sprach überhaupt gern über Paris, er hatte ein paar Jahre dort gelebt und auch als ganz junger Arzt in einem französischen Krankenhaus gearbeitet, und sein Französisch war so gut, dass ab und zu Franzosen annahmen, er käme aus irgendeinem anderen Teil Frankreichs. Wenn das geschah, freute er sich über alle Maßen und erzählte in den folgenden Wochen gern davon.

Ich stelle mir vor, dass Paris, ach: Frankreich generell, für die Stammgäste bei Helga, die nie reisen konnten, mit den Jahren auch zu einem Sehnsuchtsort wurde. Belmondo, Jules et Jim, Delon, Catherine Deneuve, irgendwie so. Nach Paris hat es trotzdem nie einer dieser verlorenen Trinker geschafft, und so wird Gottvater, der ja auch der gnädige Gott des guten Königs Henri IV. ist, dem Paris eine Messe wert war,  es dem Vater des B. sicherlich hoch anrechnen, dass er vor seinem Tod einen Bus und ziemlich viele Hotelzimmer bezahlte, auch Geld für ein ausgeklügeltes Besuchsprogramm in einen Umschlag schob, und seinen Sohn bat, die Stammgäste von Helga nach Paris zu begleiten.

Psst. Oder: Paare im Urlaub

Die Ehe also. Eigentlich eine lustige Institution. Da heiraten sich also zwei mit den besten Vorsätzen, fortan gemeinsam ihr Leben zu fristen, und das auch noch dauerhaft. Ein liebenswürdiger Herr zum Beispiel, der es gern ruhig hat, je ruhiger umso besser, gern so ein bisschen wie ein Kartäuserkloster mit angeschlossenem Friedhof, nur ohne Glockengeläut und mit besserem Essen. Und eine, die es eigentlich gern laut, bunt und lustig hat, so ein bisschen wie ein italienischer Marktplatz. Im Alltagsleben, das werden Sie mir bestätigen, ist das alles kein Problem, soll er doch schweigend Golf spielen und sie kann es andernorts krachen lassen, aber im Urlaub, im Urlaub wird es nicht einfach.

Sie beispielsweise verbringt eigentlich nicht so gern mehrere Tage am selben Ort. Kleines Gepäck, jeden Tag etwas Neues, morgens ein Kreuzgang, abends eine Ruine und nachts irgendwo auf einem Platz etwas Gutes essen und zu viel Wein. Dann in die nächste Stadt. Gern viele Leute. Er schätzt dagegen sehr aufgeräumte, komplett geräuschlose Resorts in ruhigen Farben, gern geschmückt mit Porzellan und ausgestopften Tieren, auf keinen Fall unbekleidete oder tätowierte oder gar unbekleidete, tätowierte Leute um ihn herum, und um nichts in der Welt die öffentliche Darbietung von Tanz und Musik und, wenn möglich, keine Buffets, die anderen Menschen die Gelegenheit geben, sich schlecht zu benehmen.

Natürlich sind diese Vorstellungen der perfekten Reise im Grunde unvereinbar. Getrennt zu verreisen ist indes auch nicht im Sinne unseres sich an sich herzlich zugetanen Paares, das sich also über die Jahre hinweg in ein stets fragiles Reisegleichgewicht begibt, in dem entweder er die stetigen Ortswechsel bejammert oder sie sich von Tag zu Tag absehbar mehr langweilt, bis er irgendwann an ihrer Seite freundlich kapitulierend Basare, Kathedralen oder Museen besucht und ab und zu leise, aber abgründig stöhnt.

Nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, stellen Sie sich dieses Paar also vor. Es sitzt augenblicklich am Meer, das gemeinsame Kind, der freundliche F., planscht im Pool, auf einer nahegelegenen Liege ruht er und liest. Sie liest auch, dahingestreckt auf ein unweit belegenes Sofa. Ab und zu sieht er sie besorgt an. Bis jetzt ist es ruhig, aber wie mag das aussehen, wenn sie sich erst mal richtig ausgeschlafen hat? Wo mag sie ihn diesmal hinzerren, wo Leute lärmen und überhaupt schwitzende, unförmige, mit Camp David Achselshirts bekleidete Leute sind? Ab und zu, natürlich nur, wenn er nicht hinschaut, mustert auch sie ihn mit einem Gran Besorgnis. Er wirkt verhältnismäßig aufgeräumt, wie er da so liegt, aber dieses leichte Zucken seiner Brauen jedesmal, wenn das gemeinsame Kind im Pool anfängt zu singen? Nur der F., nicht gewahr der elterlichen Sorgen, planscht und schwimmt unverdrossen hin und her, singt fröhlich ein Lied über Shaun das Schaf, sich immer wieder selbst unterbrechend mit dem Ausruf „ach ja, leise!“, bevor er heiter unterm ägäischen Himml weitere Runden zieht und das Dinner erwartet.

 

Konfetti, 6

Am letzten Abend sitzen wir in einer ganz kleinen Sushibar ein paar hundert Meter vom Tokyo Skytree – so einem riesigen Aussichtsturm – entfernt. Die beiden Sushiköche sind steinalt, sicherlich mindestens 70, es gibt drei oder vier Tische, und als die Köche unsere Antworten auf unsere Fragen nicht verstehen, übersetzt ein anderer Gast, der als Augenarzt, erzählt er, schon einmal in Berlin war. Auf einem Kongress an der Charité.

Ich esse so viel ich kann, weil man rohen Fisch leider so schlecht mitnehmen kann, und frage mich, warum um alles in der Welt es in Berlin eigentlich nichts Vergleichbares gibt. Stehen dem optimalen Sushi in Berlin irgendwelche objektiven Sachzwänge entgegen? Oder liegt das schlicht an einem niedrigeren Qualitätsmaßstab? Wie dem auch sei: Ich vermisse diesen Fisch schon jetzt. Vielleicht heirate ich beim nächsten Mal einen Thunfisch.

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Der F. schaut fern als gebe es kein morgen, was insofern natürlich auch zutrifft, als dass er zu dermaßen hemmungslosen Konsum außerhalb von Flugzeugen keine Gelegenheit hat. Ich dagegen schaue ein bisschen lustlos erst „The King’s Speech“, den ich mag, und fange dann „Belle de Jour“ an, den ich als einziger Mensch der Welt noch nicht kenne, und leider nicht zu Ende sehen kann, weil ausgerechnet nach einer Stunde Film der neben mir sitzende F. eine Filmpause einlegt und sich mit mir unterhalten will. Was aus Séverine wird, werde ich also nicht erfahren.

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Ist Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, eigentlich schon einmal aufgfallen, wie intensiv die Berliner riechen? Ich meine jetzt nicht Schweiß. Das riecht man auch manchmal, aber eigentlich ja schon eher selten. Nein, ich meine so eine spezielle Mischung aus Waschmittel, Parfum, durchaus sauberer Haut und diesen speziellen Talggeruch von jedenfalls nicht ganz frisch gewaschenen Haaren. Ist mir noch nie aufgefallen. Aber offenbar riechen die Menschen in Japan so dermaßen nach gar nichts, dass ich nach einer halben Stunde Fußweg durch Prenzlberg olfaktorisch dermaßen zu bin, dass ich mich gern für ein paar Tage an die Nordsee setzen und die Wellenkämme anstarren würde. Statt dessen muss ich zur Kosmetik und höre mir in einer dicken Wolke aus Duftstoffen die lustig dauerplaudernde Kosmetikerin an, die von ihrem älteren Freund (demnächst 36!), ihrem Engagement auf Kreuzfahrten und ihren Lieblingsbeautybloggern erzählt.

Ihr Angebot, mir Wimpernextensions zu machen, lehne ich ab.

Stepford Kids

Bei Erwähnung der Côte d’Azur denkt ja jeder an kleine Hündchen, die Gucci tragen, und gewaltbereite Islamisten, die gern Gucci tragen würden. Die Côte d’Azur ist dem entsprechend eigentlich gerade umfassend passé, dabei trotz dieses Umstandes nach wie vor unfassbar voll, und zu den vielen Menschen, die dort ihre Sommer verbringen, gehören auch nach wie vor ziemlich viele Kinder.

Drei Jahre hintereinander waren auch wir mit dem erst sehr kleinen, dann größeren F. immer mal wieder in eher etwas kleineren Orten der Côte d’Azur, einen Sommer mit einer Horde Freunde, die auch ihre Kinder mithatten, und je älter die Kinder wurden, um so peinlicher wurde der Gegensatz zwischen unseren Kindern, die man immerzu hört, und den Kindern der französischen Bourgeoisie, den vermutlich bestdressierten Kindern der Welt. Ich weiß, dass es Bücher darüber gibt, wie man auch das eigene Kind dazu bringt, in gedämpftem Ton vernünftig angezogen zu sprechen, ohne andere zu unterbrechen, und durchgängig sitzend vier Gänge zum Abendessen zu verzehren.

Doch nicht nur Frankreich ist bekannt für die Kunst der Kinderdressur. Auch den ostasiatischen Ländern sagt man nach, ihre Kinder so gut zu erziehen, dass die mit 18 das gesamte Schulpensum Asiens, Amerikas und Europas aufsagen können und fehlerfrei Schubert spielen, und so rechnete ich, ich gebe es zu, durchaus damit, unter den missbilligenden Blicke der asiatischen Eltern das am schlechtesten erzogene Kind ganz Japans durch dessen gastronomische Betriebe zu ziehen, denn der F. ist zwar einerseits ein reizender Kerl, andererseits ist er ein ununterbrechbarer Dampfplauderer, grauenhaft indiskret, immer fällt ihm irgendwas aus dem Mund, und außerdem wirkt die Schwerkraft aus schwer verständlichen Gründen in seiner Umgebung doppelt so intensiv wie woanders.

In Tokyo und Kyoto sind wir kaum Kindern begegnet. Gestern jedoch, am Meer in Obama, saßen wir in dem sehr hübschen Speisezimmer des Ryokans, in dem wir wohnen, also so einer traditionellen Herberge. Es gibt sehr edle Ryokans, die haben wir schon wegen des F. Schwerkraftproblem nicht genommen. Unser Ryokan am Meer ist also eher familiär. Entsprechend war also alles voller Kinder, die von ihren hübsch angerichteten Kindermenüs alles außer dem Salat aßen, laut sangen, herumliefen, kreischten und kieksten. Es war fürchterlich laut. Unter normalen Umständen wäre man gelinde genervt, aber so lächelten wir uns entspannt an, bestellten mehr Bier und Sake, aßen sehr langsam unser hervorragendes Dinner und betrachteten wohlgefällig unseren weltraumwaffenimitierenden, sojasaucenverschmierten, schmatzenden Sohn.

Konfetti, 5

Grossartig, diese heißen Bäder. Man zieht sich komplett aus, begibt sich in einen Duschraum, in dem die Leute auf kleinen Plastikschemeln hocken und wäscht sich sodann so gründlich, dass nicht einmal dann, wenn man sich unmittelbar im Anschluss auf einem Riesenstreifen Tesafilm wälzen würde, auch nur ein einziges Hautschüppchen klebenbleiben würde. Sodann steht man auf, begibt sich zu dem Bassin, in dem sich das Quellwasser befindet und steigt hinein.

Nach wenigen Minuten ist man krebsrot. Das Wasser ist ziemlich warm, also gerade noch so angenehm bis erträglich. Da liegt man also herum und dämmert so vor sich hin. Hinter einer Scheibe liegt eine Art unbegehbarer Ziergarten en miniature, sehr hübsch mit Steinen und Moos, flackernd beleuchtet, an der Decke über mir blitzen ein paar Reflexionen des ganz leicht salzigen, etwas eisenhaltigen Wassers, und kurz bevor ich schlafend ins Wasser rutsche, stehe ich auf und trockne mich ab.

Dann sollte man sehr, sehr lange schlafen.

***

Kultur schlägt Natur natürlich immer, und es gibt, das haben wir gelernt, keinen natürlichen Körper, also auch keine Stimme, die wir einfach hätten oder auch nicht. Die hohen Stimmen vieler asiatischen Frauen sind also auch nicht auf andere Stimmbänder zurückzuführen, sondern auf eine kulturelle Vorstellung von Frauenstimmen.

Ich habe an sich keine hohe Stimme. Ich singe scheußlich, aber das im Alt, und wenn ich eigene Diktate höre, bin ich manchmal etwas erstaunt, dass ich tatsächlich deutlich tiefer spreche, als ich mich selbst höre. Insofern ist es schon etwas erstaunlich, wie wenig Zeit in Asien erforderlich ist, um meine Stimme doch ganz spürbar zu verändern. Ich spreche höher. Ich habe das in Bangkok bemerkt, wo ich vor ziemlich vielen Jahren nicht nur ein paar Monate gelebt, sondern auch gearbeitet habe, in Vietnam, und nun auch hier. Wenn Sie mir also in den ersten Tagen nach meiner Rückreise begegnen: Wundern Sie sich nicht. Ich bin es wirklich.

 

Kitsune

Füchse, lese ich dem F. aus Wikipedia vor, sind in Japan ziemlich wichtig. Sie verbinden als so eine Art übernatürliche Postboten die menschliche Welt mit der Geisterwelt, und damit sie diesen Job machen können, können sie jede Gestalt annehmen, bevorzugt die schöner Frauen.

Der F. jubelt. Auch er würde gern alle möglichen Gestalten annehmen, das Konzept überzeugt ihn, auch wenn er als Kitsune an rötlichen Haaren und dem schwer zu versteckenden, weil nicht wegzauberbaren  Fuchsschwanz immer noch gut erkennbar wäre, aber irgendwas ist schließlich immer.

Auch ich fände eine Spontanverwandlung gerade ganz gut. Es ist nämlich fast 35 C warm, außerdem ist es hier am Fuße des Fushimi Inari Schreins, bekannt für die Tausende roter Tore, die einen Rundweg über einen kleinen Berg säumen, dermaßen voll, dass es nicht übel wäre, jetzt eine Verwandlung in jemanden vorzunehmen, der klein und temperaturunabhängig wäre. Zum Beispiel einen Frosch. Ich dagegen bin knallrot, schwitze, und beneide die überraschend zahlreichen Frauen in ihren eleganten Kimonos heftig, die irgendwie hitzeresistenter zu sein scheinen als ich.

Auch der J. flucht. Der J. photographiert gern, auch hier steht er in voller Ausrüstung zwischen Horden anderer Touristen und sucht den besten Blick auf Schrein und torgesäumten Weg. Ich schlängele mich mit dem F. an der Hand zwischen den anderen Reisenden hindurch, versuche, den J. nicht ganz zu verlieren, halte den F. mit kleinen Fuchsgeschichten bei Laune und winke ab und zu, damit der J. weiß, wo wir sind.

In hellen Heerscharen anderer Leute geht es aufwärts. Irgendwo hinter uns wartet der J. auf den richtigen Moment, um ein möglichst menschenleeres Bild anzufertigen. Neben mir plappert der F. ununterbrochen. Man muss immer ein bisschen aufpassen, damit man nicht den richtigen Moment verpasst, in dem er weder mit seinem Plüschdrachen noch mit sich selbst spricht, sondern Antworten erwartet, deswegen sage ich schon rein präventiv ab und zu etwas wie „wirklich?“ und ziehe ihn immer wieder auf dem Fokus anderer Kameras. „Da!, ruft er auf einmal. Ich schaue auf und sehe ein hübsches Mädchen mit halblangen Haaren und einem grünen, engen Kleid. Unverkennbar. Rote Haare, auch ein wenig fuchshaft spitzes Gesicht. Es ist die Kitsune.

Doch der F. ist schon weiter. Kein Fuchsschwanz, bedauert er. Und unter dem engen Kleid auch nicht zu verstecken. Enttäuscht schaut er weg. Das fremde Mädchen, entkleidet seiner dreiminütigen Fuchshaftigkeit, läuft unbeachtet weiter.

Jetzt hat den F. das Jagdfieber gepackt. Wo, wenn nicht hier, sollen sie sich aufhalten, die Kitsune, zieht er mich an der Hand den Berg hinauf. Doch jenes Mädchen dort mit der Ledertasche entbehrt der roten Haare, diese drei dort hinten können beim besten Willen keinen Fuchsschwanz verstecken, und schon fast etwas enttäuscht stehen wir irgendwann an einer Weggabelung und schöpfen uns kaltes Wasser über die Arme. Den J. haben wir schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.

Hier oben sind deutlich weniger Menschen als unten. Vielleicht ist es den meisten dann doch zu heiß und zu anstrengend, oder ein Photo unten reicht ihnen. Nur noch eine Handvoll Personen steigt weiter den Pfad hinauf.

„Da! Endlich.“, kreischt und springt an meiner Seite nun endlich der F., zeigt so unauffällig, wie er eben kann, auf einen Jungen und läuft ihm hinterher. Der Junge ist circa 14, seine Haare sind mit viel gutem Willen rötlich, und auf dem Rücken trägt er einen riesigen Rucksack. Dahinter tarnt sich der Fuchsschwanz, erfahre ich, und die übernatürlichen Botschaften befinden sich in der am Rucksack angebrachten Tasche. Als der Junge sich einmal umdreht, winkt der F. ihm zu. Kitsune winkt lächelnd zurück.

Glücklich springt der F. talwärts. Nicht jeden Tag grüßt die Geisterwelt einen dermaßen freundlich, nicht einmal, wenn man fünf ist. Kitsune trabt auf dem Bergpfad weiter, dem Geisterreich entgegen, der F. läuft glücklich einem kleinen Stofffuchs und einem großen Eis zu, und sogar der J. hat das menschenleere Bild, man weiß nicht wie, am Ende nach Hause getragen.

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Konfetti, 4

In der Burganlage Nijo-ji stehe ich ein weiteres Mal wie der letzte Depp vor diesem vollendet schönen Bau. Ich weiß einiges über europäische Atchitekturgeschichte, ich kann auch über die zumindest großen Linien der europäischen Geschichte ein bisschen was erzählen, aber auf die Fragen von Sohn F.  in dieser Burg des Shōgun hebe ich eins- ums andere Mal etwas hilflos die Achseln und fasele ziemlich wirres, frisch angelesenes Wissen. Vielleicht sollten sich diejenigen, die regelmäßig den Schulunterricht umgraben, mal um eine stärkere Berücksichtigung der nicht europäischen Geschichte kümmern.

Abgesehen von diesen etwas peinlichen Momenten ist die Burg super. Sie wirkt gleichzeitig wohnlich wie majestätisch, elegant wie ein Rokokoschloss, aber nicht so töricht verspielt, und im Garten möchte ich sofort mehrere Stunden schweigend auf und ab laufen und einfach nur jeden einzelnen Busch anstarren und Schönheit inhalieren.

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Sake ist eigentlich ein ziemlich überzeugendes Getränk. Nach tagelangem Überlegen, wie man den Geschmack von Sake beschreiben soll, tendiere ich gerade dazu, die Ähnlichkeit zu Wodka zu betonen, aber ohne den Spritgeschmack, weil viel, viel weniger alkoholisch. Ansonsten gibt es sehr gute, weiche, sehr klare, etwa ölige, und uninteressante bis schwer trinkbare gibt es natürlich auch.

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In Kyoto fällt einmal mehr auf, dass der J. und ich nur Großstadt können. Sobald nicht die ganze Stadt mit einem soliden ÖPNV-Netz überzogen ist, laufen wir eigentlich nur noch wirr durcheinander und beschuldigen die jeweilige Stadtplanung, den lieben Gott und einander, wieso wir bei 31 C eigentlich seit 40 Minuten kopflos durch unbekannte Straßen laufen. In Tokyo lief es eigentlich super. In Kyoto fahren wir nur noch Taxi, nachdem wir Kind F. hoch und heilig schwören mussten, ihn nie wieder in so grauenhafte Situationen der Orientierungslosigkeit zu bringen wie heute Mittag.

Konfetti, 3

Ich bin begeistert. Auf den Straßen Kyotos gehen die Frauen in geschmackvoll-dezenter Kleidung umher, Passanten weichen sich höflich lächelnd aus. In dem Geschäften werden die Waren angenehm beleuchtet in farblich passenden Ensembles präsentiert, und gerade als Berlinerin, die ja schon erleichtert ist, wenn ihre Umgebung voll bekleidet bleibt und nur halblaut herumpöbelt, erwäge ich ernsthaft die Umsiedlung. Zudem ist Kyoto tatsächlich so hübsch, wie alle sagen.

Die Ortsansässigen indes scheinen die eigene Eleganz nur bedingt zu genießen. Oder sie erkennen den eigenen Perfektionismus bei der Verwandlung ihrer selbst wie ihrer Stadt in ein Kunstwerk in den Franzosen wieder: Jedenfalls ist Kyoto voll von französischen Restaurants und Bars, in denen die ortsansässige Bevölkerung davon träumt, Paris zu bewohnen.

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Ich persönlich dagegen hege keine Träume darüber, comme une parisienne durch mein Leben zu schreiten. Ich träume ja auch nicht von einem Dasein als Einhorn. Ich bin auch an sich sehr gern Berlinerin, besonders, wenn reichlich Distanz die Stadt vergoldet, und so lese ich in den Abendstunden (das göttliche Rindfleisch der japanischen Kühe liegt schwer in meinem Magen) tatsächlich ein bisschen Benn, ein bisschen Gryphius, ein paar Zeilen Hilde Domin  und bedaure ein bisschen, nur im Urlaub Lyrik zu lesen.

Konfetti

Ich bin keine gute Reisende. Manche Leute stehen immer sofort mit Einheimischen an der Bar und schlachten zwei Stunden später mit denen Kamele und tanzen auf der Hochzeit ihrer Kinder den tatarischen Säbeltanz vor. Dafür bin ich Äonen zu distanziert. Deswegen kommt mir Japan entgegen: Jeder ist freundlich, aber niemand will meine Lebensgeschichte hören und keiner fasst mich an. Das mag ich nämlich auch nicht so, wenn ich Leute nicht kenne.

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Dafür mag ich Megacities. Ich bedaure eigentlich nie, Juristin zu sein, aber meine Chancen, ein Jahr hier oder in Bangkok oder San Francisco zu leben, wären mit einem anderen Job deutlich besser. Nun ist da derzeit nicht mehr viel zu ändern, aber wenn der F. einmal deutlich größer ist als heute, rede ich vielleicht mal ein paar Takte mit ihm über den unfassbaren Rausch, ganz woanders zu sein und eine Weile dort zu leben.

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Tokyo riecht so gut. Es ist heiß und etwas feucht, es riecht nicht so parfümiert wie Bangkok, allein schon, weil hier weniger wächst und die Leute keine Räucherstäbchen abbrennen, aber ich könnte den ganzen Tag an jeder Straßenecke stehenbleiben und fünf Minuten kräftig herumschnuppern. Leider lässt man mich nicht einmal zehn Minuten irgendwo stehen oder sitzen, weil der F dann unweigerlich weiterwill. Allein am ersten Tag sind wir am Meiji-Schrein, im Aquarium der Stadt am Meer und im angrenzenden Park, essen irgendwo in der Nähe des Bahnhofs Akihibana, fahren weiter zur Shibuya und laufen durch die Nacht zu unserem Airbnb-Apartment zurück. Am Ende sind es 14 km zu Fuß.

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Die japanischen Studentinnen bis so circa 25 sind total süß. Sie sind hübsch, sie sind gut frisiert, sie wirken heiter und sie sind gut angezogen. Dafür fehlen im Straßenbild In ganz auffälliger Weise schöne Frauen um die 35. Rund ums Mittelmeer sehen Frauen dieser Altersgruppen oft atemberaubend aus, man möchte jeden männlichen Verwandten sofort mit jeder dieser Frauen verheiraten, aber hier scheint irgendetwas schiefzulaufen. Frauen über 30 lachen hier irgendwie nie, wirken bestenfalls gepflegt-verhuscht und oft deutlich sichtbar unglücklich. Ob es an den Japanern liegt? In Deutschland ist ja oft etwas Ähnliches zu beobachten, und das hat auf jeden Fall mit Deutschlands Männern zu tun.

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Auf Reisen

Ich kenne, meine Damen und Herren, Leute, die vor lauter Sorge, wie ihre Kinder Langstreckenflüge vertragen, sich nie weiter als bis Mallorca trauen, aber das finden der J. und ich dermaßen öde, dass wir uns und dem F. solange eingeredet haben, dass er Reisen liebt, bis er sich selbst nicht mehr vorstellen kann, dass das nicht stimmt. Außerdem besucht der F. eine – obschon städtische – Kita, die vermutlich von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin Prenzlauer Berg eingerichtet wurde, um farbenfroh zu illustrieren, was Gentrifzierung bedeutet. Folgerichtig hält er es nicht nur für völlig normal, durch Japan zu fahren, sondern auch ab und zu bohrend nachzufragen, wieso ausgerechnet er eigentlich immer Eco fliegen muss. Entsprechend sitzt der F. also halbwegs vorfreudig im Flieger von Paris nach Tokyo und lässt sich erzählen, was es alles bis Tokyo zu essen gibt.

Noch bevor wir abheben, hat des F. kundige Hand das Kinderprogramm dieser Air France- Maschine gescreent. Der F. kennt nicht viele Filme, weil wir keinen Fernseher haben, und außerdem konnte er bisher keine Kinderfilme sehen, in denen die Mutter des Helden stirbt, deswegen ist ihm praktisch alles neu. Er fürchtet sich generell leicht, auf der anderen Seite wäre der F. schon sehr gern mindestens so cool wie der kleine A. mit den drei älteren Geschwistern, der das internationale Filmkunstschaffen eigentlich so ziemlich durchhat. Der F. beginnt also mit Lego Batman, einer Art Batmanadaption, bei der alle Protagonisten und alle Kulissen aus Legosteinen bestehen.

Aus irgendeinem Grunde stehen wir geschlagene 60 Minuten am Gate. Alle Passagiere rätseln, woran das liegt. Nur ich weiß, dass ich kürzlich verflucht worden bin, und nun alle Reisen, an denen ich teilnehme, verspätet starten und noch verspäteter enden. Ich war im gesamten Juni nie, also buchstäblich nie, pünktlich, weil immer irgendein Flug zu spät begann oder ein Zug liegenblieb oder einfach so nichts weiterging. War ich halbwegs pünktlich, waren andere Leute, ohne die es nicht losgehen konnte, zu spät.

Als wir endlich starten, ist des F. Film schon fast zuende. Der F. aber lässt sich gar nicht stören: Mit geröteten Wangen und schwitzigen Händen sitzt er neben mir, reißt die Augen auf, weist alle Versuche, ihm etwas anzubieten, von sich, und ist erst wieder ansprechbar, als der Film endet. Unter uns liegt Skandinavien und ich erzähle ihm von der Zeit, die ich als Studentin in Tallinn verbracht habe.

Nach Süsskartoffelpüree und Fisch wirft er die Eiskönigin an. Das ist eigentlich ein sogenannter Mädchenfilm, aber wenn niemand es mitbekommt, schauen Buben hemmungslos Bibi und Tina, und Mädchen irgendwelche Actionsstreifen, weil es dem gesellschaftlichen Rollenmodell, was Mädchen und Jungen gefällt, lediglich gelungen zu sein scheint, zu prägen, was gerade als cool gilt, nicht aber, was ungefähr fünfjährigen Kindern tatsächlich gefällt. Bei Erwachsenen, dies nur am Rande, scheint es mir übrigens ganz ähnlich zu sein.

Direkt nach der Eiskönigin schaut er – einen Schokokuchen und Eis und Limonade später – noch einmal Lego Batman. Dann schläft er ein. Im Schlaf zucken seine Lider, seine Händchen greifen nach geträumten Feinden und Freunden. Ich fange ein Buch an und lege es wieder weg und schaue aus dem Fenster ins stahlharte Blau des Himmels und versuche mich daran zu erinnern, wann wir in den nächsten zwei Wochen eigentlich genau wohin fahren.