Ein Fest fürs Leben

Es gibt einen Haufen Gründe, sagt man, wieso es der verstorbene Vater des B. möglicherweise nicht in den Himmel geschafft haben könnte, zumindest dann, wenn der liebe Gott wirklich so ein humorloser Kerl ist, wie manche sagen. Ich aber, ich weiß, dass er doch auf einer der weißesten Wolken überhaupt sitzt, mit den Beinen baumelt und den Engeln unter die Röcke schielt, seit der B. fünf Schulfreunden gemailt hat, weil er selbst keine Zeit hat und wohl auch keine Lust. Anders als sein Vater ist der B. nämlich kein so besonders volkstümlicher Typ.

Leider hat Silvester eigentlich niemand Zeit, der eine Familie hat. Wir hoffen deswegen alle, dass einer der anderen Angeschriebenen wider Erwarten doch kann, oder der B. selbst seinem Herzen einen Stoß gibt, denn von den Leuten, die in dem Bus sitzen werden, war noch keiner je in Frankreich, und zumindest der Vater des B. hat keinem seiner postmortalen Gäste eine Reise ohne Cicerone zugetraut. Vermutlich haben sie es alle seit Jahren nicht mehr an andere Orte als in den Penny Markt am Bahnhof und die Kneipe Bei Helga geschafft, wo ein Bier und ein Korn noch 2,20 EUR kosten, und manche Gäste im Wesentlichen von Helgas Erdnussflips leben, die sie in Plastikschüsseln auf die Theke stellt.

Wieso der Vater ausgerechnet in dieser wirklich miesen Kneipe von Zeit zu Zeit sein Bier zu trinken pflegte, würde sein leicht verspannter Sohn mir vermutlich nicht einmal dann erzählen, wenn er es wüsste. Vielleicht hat es mit seiner Kindheit zu tun, über die er nie sprach. Vielleicht war seine Vorliebe für diese Kneipe Ausdruck einer Art Outlawromantik, aber was es auch war: Er war dort gern gesehen, und zwar nicht nur, weil er freigebig Runden ausgab.

Ich war ja nicht dabei, aber er muss mit den Stammgästen oft über Paris gesprochen haben. Er sprach überhaupt gern über Paris, er hatte ein paar Jahre dort gelebt und auch als ganz junger Arzt in einem französischen Krankenhaus gearbeitet, und sein Französisch war so gut, dass ab und zu Franzosen annahmen, er käme aus irgendeinem anderen Teil Frankreichs. Wenn das geschah, freute er sich über alle Maßen und erzählte in den folgenden Wochen gern davon.

Ich stelle mir vor, dass Paris, ach: Frankreich generell, für die Stammgäste bei Helga, die nie reisen konnten, mit den Jahren auch zu einem Sehnsuchtsort wurde. Belmondo, Jules et Jim, Delon, Catherine Deneuve, irgendwie so. Nach Paris hat es trotzdem nie einer dieser verlorenen Trinker geschafft, und so wird Gottvater, der ja auch der gnädige Gott des guten Königs Henri IV. ist, dem Paris eine Messe wert war,  es dem Vater des B. sicherlich hoch anrechnen, dass er vor seinem Tod einen Bus und ziemlich viele Hotelzimmer bezahlte, auch Geld für ein ausgeklügeltes Besuchsprogramm in einen Umschlag schob, und seinen Sohn bat, die Stammgäste von Helga nach Paris zu begleiten.

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10 Gedanken zu „Ein Fest fürs Leben

  1. Was für eine wundervolle Geschichte – und was für eine Geste des Verstorbenen. Helga’s Stammgästen wird diese Reise wohl für immer unvergesslich bleiben. Danke für’s Teilen!

  2. „.. und stillem Trunk ergeben
    – bei den Harmonikas der Knechte -“

    Heinz ahnt, wie vernichtend eine sozialwissenschaftliche Dekonstruktion des offenbar klugen und gutherzigen alten Mannes ausfallen würde.
    Heinz bleibt doch sehr gerne auf dem Land ….

  3. Das könnte vom Inhalt auch die Skizze für einen mitteldicken und frankophilen Wohlfühl-Roman sein, der dem Leser beibringen soll, welche Dinge wirklich wichtig sind im Leben.

    Als kurzer Text – noch dazu mit der Beigabe „ist wirklich so passiert“ – liest es sich aber sehr schön und hat mich sehr gefreut. Für mich hat der Kniff, die Kerntatsache (die Buchung der Reise für die Kneipgänger) immer wieder nur anzudeuten und erst am Ende als (erwartete) Pointe zu platzieren, sehr gut funktioniert.

    Danke!

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