Entkommen

“Bitte nicht der G.!”, wehre ich ab, halb lachend und halb entsetzt. Doch nicht der G., erinnere ich mich an den stets gelassenen, lockigen Schulfreund, den souveränen Cellist des Schulorchesters, mit dem ich sommerlang im Kirschbaum saß, den süßen Saft in den Mundwinkeln, und verstrickt in Gespräche über Dinge, die so unendlich groß und tödlich wichtig sind, dass man sich nach dem 20. Geburtstag nie wieder traut, darüber zu sprechen.

In München und Jena hatte der G. studiert und sich dortselbst in eine K. verliebt, eine kurzhaarige Punkerin aus Magdeburg mit Ringen in der Nase und Tätowierungen quasi überall, und dann am Ende doch die L. geheiratet, eine Schweizer Musiklehrerin mit langen, glatten Haaren. Am Starnberger See hatten beide gewohnt, der G. war Arzt geworden in einer Klinik am Seeufer, und drei Kinder kamen in ordentlichen jeweils zweijährigen Abständen. Man renovierte sich ein Haus. Die L. postete veilchenfarbene Cupcakes und sorgfältig drapierte Obstschalen auf facebook. Es muss perfekt gewesen sein, und sterbenslangweilig dazu.

Der Mensch jedoch hält, wie man so sagt, Perfektion einfach nicht aus, und auch der G., stelle ich mir vor, muss sozusagen monatlich nervöser geworden sein. Die Rosen und Hortensien vorm Haus. Die hübschen, blonden Mädchen in karierten Kleidchen neben einer Milchkanne. Die zuckersüße Landschaft rund um den Starnberger See, geradezu strotzend vor Reichtum und Selbstzufriedenheit. Der G., glaube ich, bekam mit der Zeit von alledem so ein irres Summen im Kopf, nachts schwitzte er und träumte von schönen Punkerinnen mit Messern zwischen den Zähnen, und eines Tages brach er aus.

Nun ist ein Einfamilienhaus am Starnberger See ein Art Gefängnis der ganz eigenen Art, dem man deswegen auch nicht einfach so entkommt. Wäre der G. zum Beispiel einfach nach München gezogen, wäre das Gefängnis schließlich mitgekommen. Milchkannen vor der Tür und Karokleidchen und pastellige Törtchen kann man schließlich fast überall hinstellen. In London zum Beispiel. Sogar in Dubai. Und deswegen griff, denke ich mir, der G. zum sozusagen alleräußersten: Er begann ein Verhältnis mit seiner Nichte.

“Nichte” hört sich nun schlimmer an als es ist. Also keine kleine Nichte von 15 oder so. Sondern eine große Nichte von 24. Die Älteste seiner Schwester, an die ich mich kaum erinnern kann, weil sie schon längst weg war, als der G. und ich im Kirschbaum saßen. Immerhin platzte mit dieser Nichtenangelegenheit neben dem Milchkannengefängnis auch gleich der Herkunftsfamilienkerker mit den Celli und Sonntagabendscharaden und dem gegenseitigen Zeitungsvorlesen von dem G. ab.

In glänzender Einsamkeit, unterstützt nur von einer Handvoll treuer Freunde, packte also der G. kurz vor Weihnachten seine Sachen und zog in ein skandinavisches Land, wo er nun als Arzt in einem anderen Krankenhaus wiederum als eine Art Single sein Leben fristet. Das Haus mit Rosen, Milchkannen und Karokindern bewohnt weiter die L.

Man habe sich, sagte man mir von dritter Seite, schon ziemlich gewundert, wie zufrieden der G. nun wirke, angesichts des ganzen Desasters. Schließlich sei nicht einmal die Nichte ihm geblieben, denn die studiere derzeit in England zuende. Ich aber, ich weiß, dass der G.  im hohen, vermutlich eiskalten und stockdunklen Norden auf seinem Sofa sitzt, sein Bier in aller Seelenruhe trinkt, und aus allen Poren seines Lebens atmet es: Noch einmal entkommen.

Ja Zuckerschoten für Jedermann

Ich habe das ganze Konzept nicht verstanden. Ich verstehe nicht, was sich kiffende Pizzaboten davon versprechen, Satiriker für ein paar Cartoons zu erschießen. Den lieben Gott als ein unzweifelhaft höheres Wesen dürfte es nach jeder überhaupt vertretbaren Lesart kalt lassen, was irgendwelche Leute, die Zeitschriften illustrieren, über ihn denken. Und dass die Attentäter selbst ihr Leben durch diese Maßnahme nicht eben verschönert haben, liegt auf der Hand. Ich frage mich auch, ob solche Menschen eigentlich nie über die Restunsicherheit nachdenken, die an der Richtigkeit jeder Glaubenswahrheit zwangsläufig bestehen muss. Selbst wenn ich sehr, sehr, sehr gläubig wäre: Auch eine Unsicherheit von 1% sollte eigentlich ausreichen, um jemanden davon abzuhalten, dermaßen radikale Maßnahmen zu ergreifen.

Ich verstehe aber auch nicht, warum es diese Leute in Dresden auf die Straße treibt. Mir ist doch auch egal, wie die religiösen Vorstellungen meiner Nachbarn aussehen. Oder was sie anhaben, sagen, essen oder tun. Mein Gott, wenn mir die Leute um mich herum nicht gefallen, dann lade ich sie halt nicht zu mir nach Hause ein und mache mich maximal hinter ihrem Rücken bei meinen Freunden über ihre schrecklichen Lebensgewohnheiten  lustig. Wenn es ganz übel kommt, ziehe ich weg, wobei, wenn ich das richtig verstanden habe, sich diese Frage bei den Demonstranten gar nicht stellt. In Sachsen gibt es quasi keine Ausländer.

Ich will nicht ungerecht sein: Ich habe mir sogar Interviews dieser Leute angehört, in denen einige der Befragten fürchterlich lamentiert haben, wie schlecht es ihnen gehe. Da fragt man sich doch aber auch, wieso sie sich nicht die deutsche Sozialpolitik, sondern irgendwelche armen Flüchtlinge vorknöpfen, die selbst nichts haben.

Ganz generell weiß ich nicht, warum alle diese Leute – die mit den Waffen und die mit den bösen Worten – sich nicht mehr um sich und weniger um andere kümmern können. Warum sie glauben, das gute Leben beginne, wenn alle anderen Leute sich ihren Vorstellungen anpassen, statt so unterschiedlich zu leben, wie es jedem einzelnen gerade gefällt. Warum sie nicht, statt fruchtlos bis neidzerfressen über andere Leute nachzudenken, ihre Tage mit Tätigkeiten füllen, die glücklicher machen. Wie einen Garten anlegen, backen, eine Holzhütte für die Kinder bauen oder mit geschlossenen Augen allein  den Messias dirigieren. Das Klavierspiel zu erlernen, ein Bild zu malen, oder auf einen Berg zu steigen, oder was auch immer die Leute wirklich freut und befriedigt.

Das Leben sei nicht gut zu diesen Menschen, liest und hört man immer, und ganz sicher kommen eine ganze Menge Frustrationen zusammen, bis einer so böse und bitter wird, dass er anderen Leuten, die ihm nichts getan haben, alles Schlechte wünscht oder antut. Doch selbst in der größten Tristesse, in einem schmutzigen, verfallenden Hochhaus, ohne Job und ohne Aussichten gibt es doch Äpfel und Brot, Gespräche und Freundschaft, Gedichte aus der Stadtbücherei, Musik aus dem Internet und das reine, schlichte Glück, da zu sein, lebendig, so frei wie kein anderes Tier.

(Aber ich weiß: Ich hab’ gut reden.)

Jahresrückblick 2014

Januar.

Um Mitternacht stehe ich auf dem Balkon von M. und M. in Friedrichshain und hebe das Glas. Am nächsten Morgen fliegen wir los. Berlin. Abu Dhabi. Bangkok. Koh Samui. Und dann mit dem vor Müdigkeit schwankenden Kind an der Hand ins Taxi und an den Strand. Hell ist es hier, unglaublich hell. Unwirklich blau der Himmel über Chong Moen Beach, sehr sanft und sehr freundlich spülen die Tage wie warmes Wasser um meine Knöchel, und wenn ich morgens auf dem Hausboot erwache, freue ich mich Tag für Tag auf die sagenhaften Früchte, das Schattenspiel auf dem Sand und die Gekkos an den warmen Wänden.

Februar.

Lauter erste Male: Der F. feiert zum ersten Mal Kindergeburtstag mit den beiden Kindern von M. und M. und zwei Kindern, mit denen er sich im August in den ersten Kitawochen angefreundet hat. Es gibt Rührkuchen und Pizza und infernalischen Krach.

Es ist, denke ich, als die Kinder in unserem Wohnzimmer spielen, schon ein seltsames Ding mit der Freundschaft: Gemeinsame Interessen können es nicht sein, denn die Kinder haben eigentlich keine. Gleichklang der Temperamente? Aber wie haben sie das festgestellt? Doch wie auch immer: Als das Jahr zur Neige geht, werden die Kinder in der Kita interviewt und sollen ihre Freunde nennen. Der F. nennt diese beiden Freunde aus den ersten Kitatagen, die er, wenn er sie sieht, herzlich umarmt.

März.

Ich huste antizyklisch. Es wird Frühling, alles strömt nach draußen. Nur ich bleibe schwer erkältet und keuche wie ein altes Schaf. Mein Radius verengt sich auf zwei Kilometer. Morgens ins Büro. Abends nach Hause. Wenn der F. röchelnd neben mir einschläft, lese ich noch so circa drei Seiten, dann falle auch ich in einen mühsamen Erkältungsschlaf. An einem der drei Tage, an denen ich mich nicht fühle wie ein aufgeweichtes Taschentuch, probiere ich bei Frau Casino ihre Küchenmaschine aus, die mich so begeistert, dass ich sie auch kaufen muss. Den Rest des Jahres backe ich mindestens zweimal die Woche. Hefeteig ist mein persönliches Wort des Jahres.

April.

Wir haben jetzt ein Auto. Wir hatten noch nie ein Auto, deswegen fremdeln wir erst ein paar Wochen mit dem blauen Kombi, der so unpersönlich aussieht, dass wir ihm nicht einmal einen Namen geben. Das neue Auto ist wie Nutzvieh. Dann aber geben wir uns einen Ruck und fahren entschlossen in die Natur. Also ins Umland. Da waren wir nämlich die letzten 15 Jahre nicht, weil Berlin, wie man weiß, eigentlich gar kein richtiges Umland hat. Am Ende des Sommers werden wir fast 8.000 km gefahren haben und kennen sozusagen jeden angrenzenden Landkreis: Die Landschaft ist öde. Schön ist aber die Sonne, die Fülle von Grün, und inmitten von Wiesen, Butterblumen und treibenden Kähnen im Spreewald rundet sich der Frühling mit Mek und Sven K und ihren klugen, schönen Damen zu purem Gold.

Mai.

Dem Gold des Spreewalds fahren wir hinterher. Wir steigen mit M. und M. und der I. und dem S. auf die Burg Rabenstein und picknicken auf dem grünen Rasen. Wir bewundern die Greifvögel, wir essen Spargel in Beelitz, und wir wundern uns abends zu zweit im halbleeren Soya Cosplay am Gendarmenmarkt, warum wir das eigentlich nicht schon längs mal gemacht haben. Also mal so raus aus Berlin. Spätestens, als es wieder kalt wird, wissen wir das aber ganz genau.

Juni.

Sommerfest in der Kita. Das erste Kitajahr ist vorbei. Im Gras vor mir sitzt der F., staunt über den Zauberer, äußert Meinungen, Betrachtungen, Wünsche und isst das Mehrfache seiner Körperlänge in Bratwurst.

Woche für Woche wird jetzt irgendwo der Sommer gefeiert. Wir sitzen mit anderen Eltern, Freunden, Familie im Gras, gewinnen beim Dosenwerfen Tröten und Spardosen, und erholen uns abends zu zweit in Kreuzberg oder Friedrichshain an einer Bar mit Craft Beer, weil der J. mit Mek an einer selbstorganisierten ganzjährigen Bierstudie teilnimmt und unaufhörlich neue Biersorten ausprobieren muss. Viel zu selten dagegen sitze ich ohne den J. und den F. mit Freundinnen irgendwo beim Wein, im Liebling vielleicht oder in der Matreshka, und fühle mich dann wie auf einer Zeitreise zurück in ein Zeitalter, das ich mochte und von dem ich weiß, dass es schon wiederkommen wird, irgendwann.

Juli.

Wir grillen und schauen Fußball. Immerzu. Die verdammte Weltmeisterschaft, sie nimmt einfach kein Ende.

Wir sitzen zu sechst vorm Café Schönbrunn und zu acht auf der Dachterrasse von M. und M. und bei R. und I. am Kollwitzplatz. Wir sitzen im Pepe Nero, den F. immer dabei, der jetzt auch ein T-Shirt haben will, auf dem Schweinsteiger steht. Ich langweile mich mehr, als ich sagen kann, und als die ganze Angelegenheit sich dann  Runde für Runde weiterschleppt, überlege ich ernsthaft, mit Meditationen zu beginnen, um spirituelle Reisen an irgendwelche fußballfreien Orte zu unternehmen. Kurz vor Umsetzung dieser Idee bricht der J. sich auch noch den Arm.

Dann geht die WM glücklicherweise doch noch zu Ende. Wir fahren kurz nach Ende des Spiels von der I. und dem S. in Grunewald heim, umgeben von glückselig taumelnden Berlinern, die auf dem Ku’damm Fahnen schwenken und lachen, als sei ihnen höchstpersönlich die Erlösung zuteil geworden.

August.

Ostsee. Im August sind wir fast jedes Wochenende an der Ostsee. Wir waren schon im Juni zwei Tage in Heiligendamm. Aber jetzt macht meine Mutter eine Kur auf Usedom, und wir fahren drei Tage nach Heringsdorf. Wir waren schon vor ein paar Jahren einmal in Ahlbeck. Das war damals eher so nicht mein Fall. Diesmal aber sitzen wir zu dritt – dann zu fünft mit meinen Eltern – am Strand, das Steigenberger Heringsdorf ist sehr okay, und trotz des Badebetriebs und der wirklich ziemlich merkwürdigen Leute zwischen Seebrücke und Minigolf geht es mir so gut, dass wir drei Wochen später gleich wieder fahren. Diesmal mit M. und M. und deren Kindern und nur für einen Tag und eine Nacht.

Leider bekommen wir nur noch im Seeschlösschen Zimmer. Die sind schrecklich nett zu uns. Auch der Spa ist okay, das Essen im Restaurant sogar sehr, sehr gut. Aber Kinder gibt es da nicht viele, und die meist älteren, recht gediegenen Gäste machen mit einem doch sichtbar gequälten Lächeln  gute Miene zum lauten Spiel. Schön ist es trotzdem. Schön, aber ein bisschen kalt.

September.

Côte d’Azur. Diesmal mit Ferienhaus. Und Schwiegereltern. Ich fühle mich ein bisschen fremd in dieser Variante eines Urlaubs, der irgendwie nicht so richtig zu mir passt, wie die Schwiegereltern auch, die mit den besten Absichten von Tag zu Tag mehr an meinen Nerven sägen. Acht Tage, die sich anfühlen wie sechzehn. Erst, als sie weg sind, erneut: Das Glück. Das Meer. Das unvergleichliche Licht. Die Schluchten des Esterel. Essen und Wein, diesmal in Sainte Maxime, und nicht einmal das gebrochene Knie nach meiner Rückkehr nach Berlin kann den lächelnden Nachhall dieses späten Sommers ganz zerstören. In irgendeiner idealen Welt sitze ich immer noch da, in Trigance auf der Terrasse der Burg und esse einen Gang nach dem anderen.

Oktober.

ich bin beim Arzt. Andauernd und wochenlang. Eine Woche nach meinem Unfall kann ich wieder arbeiten, aber bis ich auch nur halbwegs wieder gehen kann, verstreichen lange, elende Wochen. Ich schleppe mich mit Taxen und Krücken bis ins Büro, sitze ansonsten bewegungslos auf dem Sofa und lese wie eine Besengte. Neben mir sitzt der freundliche, F. mit mehr Rücksicht, als einem Zweijährigen gut zu Gesicht steht, und ich bin ganz froh, als wir, als die Kita für eine Woche schließt, ihn auf einem bayerischen Bauernhof toben lassen können. Selig steht er im Kuhstall, jagt über die Wiese, isst Knödel, dass es nur so kracht und sitzt mit weit aufgerissenen Augen mit dem Bauern auf dem Traktor und kann sein Glück nicht fassen.

November.

Langsam wird meine Welt wieder größer. Ich backe Brot mit dem F. und bastele mit ihm Bilder mit Fischen. Mitte November gehe ich ohne Krücken die normalerweise 20 Minuten bis zum Puppentheater mit ihm, brauche fast 45 Minuten und komme erschöpft, aber triumphierend an. Er sitzt mit roten Ohren aufgeregt wie bei jedem Besuch neben mir, fiebert mit, fährt zusammen, wenn das Krokodil kommt und feuert den Kasperle lautstark an. Ich kann auch wieder in Restaurants, nachdem ich mein Bein wieder bis ca. 45 Grad beugen kann, treffe Freundinnen und freue mich, als ich am letzten Arbeitstag im November die zwei Kilometer bis ins Büro laufen kann.

Dezember.

So viel Weihnachten war selten. Der F. spricht vom ersten Advent an über kaum etwas anderes als seine Geschenke, den Weihnachtsmann, die Aufführung, bei der er in der Kita mitwirken soll, und fabuliert über Bäume, Bärte, Säcke, und Kekse, dass es schier ein Wunder ist, dass all das nicht allein durch des F. heißes Begehren aus der leeren Luft vor ihm ersteht.

Ich bastele also, backe Kekse, knete Stollen und kaufe ein. Immerzu finden Weihnachtsfeiern statt. Gar kein Ende nimmt dieses Weihnachtsfeiern, spätestens Mitte Dezember arbeite ich vor lauter Terminen vorwiegend nachts, andauernd kommen Weihnachtsmänner und stimmen Lieder an, und nur ein Wesen von der unendlichen Begeisterungsfähigkeit des F. ist am Heiligen Abend selber immer noch einer emotionalen Steigerung fähig. Mit runden Augen bestaunt der F. in Sankt Bartholomäus das Krippenspiel und jubelt praktisch ununterbrochen bis Silvester weiter.

Um Mitternacht stehe ich auf dem Balkon von M. und M. in Friedrichshain und hebe das Glas. Willkommen 2015.

Guten Abend, Weihnachtsmann!

Auf dem Heimweg vom Kindergottesdienst sieht der F. ihn sofort: Der Weihnachtsmann selbst schreitet entschlossenen Schrittes die Straße entlang, den Sack auf dem Rücken und vorschriftsgemäß gewandet in einen roten Mantel. Der weiße Bart ist leicht verrutscht.

“Weihnachtsmann!”, ruft er ihn und läuft ihm entgegen, dass die Pudelmütze ihm fast vom Kopfe fliegt. “Ho, ho, kleiner Mann!”, antwortet der Weihnachtsmann. “Warst du schon bei uns?”, frage ich eilig, und der Weihnachtsmann sieht mich freundlich an. “Wie heißt du denn, mein Kleiner?”, wendet der Weihnachtsmann sich wieder an den F. Da sei er schon gewesen, nickt er, als der F. seinen Namen herausgewürgt hat, und wendet sich dann wieder zum Gehen. Auf dem Weg zu denen, die ihn wirklich gebeten oder bestellt haben, dreht er sich noch einmal um und winkt dem F. verschwörerisch zu.

“Er war schon da”, strahlt der F., und dann läuft er so schnell, wie ich ihn noch nie habe laufen sehen, heim. Schon auf der Treppe brüllt er nach seinen Geschenken, und dann sitzt er mit rotgefleckten Wangen vorm Baum und reißt das Papier selig von den Paketen.

(Und ein Geschenk liegt auch für Sie noch unterm Baum. Kitty und Volker haben ein Blogbuch zusammengestellt. Zum Download für den Kindle oder andere E-Reader. Von mir ist auch etwas dabei.)

Wir warten auf den Weihnachtsmann

“Klopf, klopf, klopf, kommt der Weihnachtsmann!”, behauptet der F. so circa am ersten Advent, und unterstreicht mit weit ausholenden Gesten, wie er sich die Bescherung vorstellt. “Ein alter Mann, mit Bart. Und einem Sack!”, beschreibt er den Spender von möglichst zahlreichen Geschenken, über die er täglich erhitzter spekuliert. Ein Kasperletheater soll er ihm mitbringen, eine Klarinette, ein Cello, eine Tuba gar, wenn möglich, und auf jeden Fall viele Bücher, bevorzugt über die Feuerwehr.

Im Laufe der Vorweihnachtszeit wird die Sache mit dem Weihnachtsmann immer elaborierter. Am zweiten Advent fährt der Weihnachtsmann mit einem rentierbespannten Schlitten über den Himmel. Am dritten Advent soll er auch F.s Kuscheltieren bescheren, und nach den drei Weihnachtsfeiern der letzten Woche kennt die Begeisterung eigentlich keine vernünftige Grenze mehr: Der F. fiebert dem Weihnachtsmann entgegen wie die Urgemeinde der Parusie Christie am Jüngsten Tage.

Das Problem an der Sache allerdings: Ich habe keinen Weihnachtsmann in petto. Ich habe mehrere Freunde gefragt, aber meine Freunde haben entweder selbst Kinder und sind deswegen Weihnachten daheim unabkömmlich, oder aber sie haben noch keine Kinder und fahren deswegen – wie man auch jenseits der 30 und vor zehn Jahren ausgezogen zu sagen pflegt – nach Hause. Also zu ihren Eltern, irgendwo in der entlegenen Provinz. Ostfriesland oder Unterfranken oder Oberschwaben oder die Eifel. Vielleicht geben sie da vor ihren Neffen und Nichten den Weihnachtsmann. Ich aber – oder besser gesagt: Der F. – haben hier das Nachsehen.

Schüchterne Versuche der kommerziellen Buchung kommen sämtlich zu spät. Einen allgemeinen Aufruf in den sogenannten Sozialen Netzwerken hat der J. verhindert, dem ein Eindringen halbbekannter Dritter in unsere häusliche Unordnung irgendwie unsympathisch erscheint, und so bleibt es wohl dabei, dass am Heiligen Abend eine Katastrophe dräut, wenn wir dem F. mitzuteilen haben, dass der Besuch des Weihnachtsmanns stattgefunden habe, als er just dem Kindergottesdienst beigewohnt hat. Ich ahne schon jetzt jammervolle Verzweiflung, kaum abgemildert durch die Geschenke, die der allzu schnell Entschwundene zurückgelassen haben wird.

Ad Astras

Die Stürme des 20. Jahrhunderts tobten bedauerlicherweise bevorzugt – zumindest mein Großvater sah das so – am Esstisch meiner Großeltern. Hier fochten in den Augen meines Großvaters hartnäckige Faulpelze gegen reine Maulhelden. Pseudomarxistische Krawalltouristen schrieen vorlaute Mannweiber nieder. Geistersehende Esoterikerinnen brachen ab und zu in Tränen aus. Unbewegt wie ein zunehmend tauber Fels in der Brandung saß inmitten seiner Nachkommenschaft mein Großvater am Kopf der Tafel und aß ungerührt jeden Sonntag Suppe, Vorspeise, Braten und Dessert. Nach dem Essen mussten die Großkinder etwas vorsingen, aufsagen oder vorspielen, man ging spazieren, und schließlich durften alle wieder heim. Auf dem Heimweg beruhigten sich die Kontrahenten dann Sonntag für Sonntag wieder soweit, dass am nächsten Sonntag wieder alles von vorne losgehen konnte.

Alltägliche Themen verhandelte man an und für sich nicht. Ich habe nie gehört, dass es mal um Käse ging. Oder um die besten Strände von allen. Ich dagegen habe allein in den letzten Jahren schon stundenlang über Käse gesprochen. Meine Onkel und Tanten aber gaben sich mit so etwas nicht ab. Käse erschien ihnen lächerlich. Unter den Toten von Stammheim, der Gleichstellung der Frau oder der Zentralität von Erwerbsarbeit entwickelte eigentlich keiner der Sonntagsgäste irgendwelches Engagement, und dann begann sofort alles gleichzeitig, wenn auch inhaltlich konträr, zu brüllen. Ich fand die Sonntage der Achtziger deswegen eigentlich insgesamt schon eher doof.

Im Nachhinein betrachtet sah mein Großvater das vermutlich ähnlich. Ob er irgendwann resigniert hatte, oder ob er einfach jeden Sonntag hoffte, es werde bald besser: Mein Großvater lud trotzdem jede Woche ein, oder besser gesagt: Er tat nichts gegen die allgemeine Ansicht, man schulde ihm dieses wöchentliche Erscheinen. Dass er tatsächlich unter dem Krieg an seiner Tafel litt, entnehme ich im Wesentlichen seiner Vision der spezialisierten Sterne.

Mein Großvater erwartete nämlich – als echtes Kind des Fortschrittsglaubens eines liberalen Zeitalters – die Besiedelung fremder Planeten praktisch morgen. In seinen Augen war alles eine Frage des Geldes, und schon der Ehrgeiz der westlichen Welt, nicht hinter den Russen zurückzufallen, würde noch in diesem Jahrzehnt (er meinte die Achtziger) den ersten Menschen auf den Mars bringen. Er sprach auch gern über die Mobilität der Zukunft und überhaupt eine Fortentwicklung des Menschen, der in gründlich optimierter Form in aeternam fortbestehen und sich viele Erden untertan machen werde.

Bei der Gestaltung dieser Welten sah mein Großvater große Möglichkeiten. So hielt er es beispielsweise für denkbar, Welten ohne die Stechmücke zu entwerfen. Oder eine Welt, auf der keine alkoholische Gärung stattfindet. Da würden sich entsprechend auch nur Abstinenzler ansiedeln, die miteinander Pfirsich-Maracuja-Tee trinken. Auf einer anderen Welt dagegen würde Tag für Tag ein Fass angestochen, und immerzu sei Blasmusik zu hören, was dafür im Rest des Universums verpönt sei.

Doch nicht nur Differenzen in Geschmacksfragen, auch solche in politisch-weltanschaulichen Fragen wollte mein Großvater durch diese maximale räumliche Entzerrung lösen. So würden die alten Nazis einen Planeten bewohnen, auf dem es ausschließlich andere Nazis gebe. Die könnten sich dann abwechselnd gegenseitig einsperren und schikanieren. Einen Extraplaneten wollte er der Linken zuweisen, die dann flugs in eine Vielzahl von Flügeln zerfiele, und deren Mitglieder deswegen eigentlich auch keine anderen Leute brauchten. Und einen ganz eigenen Stern, völlig ohne rechte Winkel, hatte er den Anthroposophen zugedacht. Der Planet sollte – natürlich – “Steiner” heißen. Oder auch Waldorfwelt.

Vorerst wurde aus der Vision meines Großvaters nichts. Sogar auf seiner Beerdigung brach das schiere Chaos aus, als mein Onkel P. und mein Onkel T. sich aus politischen Gründen in die Haare gerieten. Aber manchmal, wenn ich so durch Berlin fahre, und in ganz Neukölln alle gleich aussehen, oder auf mancher Party, auf der alle dasselbe über Vegetarismus, Nahost oder Fernreisen mit Säuglingen denken, oder angesichts einer ganzen Busladung beigefarbener Rentner, dann denke ich doch: Mein Großvater hat es geschafft. So viele Planeten.

Entropie und Weihnachtszeit

Man sagt, und ich habe keinen Grund, dies zu bezweifeln, nichts auf Erden ordne sich selbst. Alles werde nur immer unordentlicher, Strukturen weichen auf, alles versinkt in Duplosteinen und Matsch, und man selbst immer dazwischen, mit Löchern in der Strumpfhose, Flecken auf dem Kleid und abgebrochenen Fingernägeln. Zum Zahnarzt müsste ich auch mal wieder, von Pediküre und so mal ganz zu schweigen.

Nun ist es keineswegs so, dass ich alles einfach laufen lasse. Ich dusche, creme, bürste Zähne, entferne Haare, besuche Friseure, kaufe neue Strumpfhosen, gehe zur Krankengymnastik und beschaffe Kleider. Das alles nicht nur für mich, sondern auch mit dem ungefähren Faktor 0,5 für den F. Die anderen 0,5 entfallen auf den J. der ebenfalls außer unserem Knaben auch noch sich selbst in Schuss halten muss. Ich schätze mal so, pro Tag macht das alles ungefähr anderthalb Stunden aus. Mindestens. Der F. etwa kann schon ziemlich lange im Bad vertrödeln und ist außerdem immer noch nicht trocken.

Neben der unmittelbaren Körperpflege fällt auch noch Haushalt an. Ich koche täglich. Gestern gab es Braten, heute Couscous mit viel Gemüse. Morgens werden Semmeln beschafft, Käse gekauft und geschnitten, Kuchen gebacken, eingekauft, Teller abgeräumt, die Maschine gefüllt, abgewaschen, Wäsche gewaschen und halbwegs versucht, die Katze nicht total verkommen zu lassen. Zum Glück putzt bei uns die gute B., andernfalls fiele auch noch das an. Jeden Tag kommen trotzdem im Wochenmittel so zwei bis drei Stunden zusammen, also eine Stunde morgens, inklusive Brotboxen und Frühstück und Bäcker, eine abends mit Kochen und Einkaufen und eine für Wäsche, Katze und flüchtig über stumpfe Oberflächen wischen. Manchmal mehr, vor allem wegen des Einkaufs.

Leider ist es damit ja noch nicht getan. Neben diesem täglichen Betrieb müssen Reparaturen ausgeführt, Ersatzteile beschafft, Inspektionen absolviert, Ärzte aufgesucht und Anschaffungen getätigt werden. Ich bin beispielsweise mit dem Badezimmer unzufrieden und plane, demnächst eine Badezimmerausstellung zu besuchen. Derzeit verbringe ich schon wegen meines immer noch geschienten Knies zwei Stunden pro Woche bei der Physiotherapie und eine weitere beim Arzt, von Wartezeiten ganz zu schweigen. Verteilt man das so auf die Tage, so tippe ich auf eine Stunde pro Tag.

Obendrauf kommt der F. Der ist an sich nicht besonders betreuungsintensiv, weil er tagsüber in der Kita ist und in aller Regel ansonsten ungefähr das macht, was wir auch machen. Also beim Kochen zuschauen oder Koriander zupfen. Beim Badezimmer fegen, fegt er mit. Wenn ich einkaufe, läuft er an meiner Hand durch die biocompany und kommentiert die ausliegenden Waren nach dem Grad ihrer Attraktivität. Vorlesen, Malen, Memory oder sehr hohe Türme bewundern, macht maximal eine Stunde am Tag aus. Erziehung muss irgendwie nebenbei funktionieren. Aufwendig sind allerdings drittverursachte Sonderveranstaltungen. Kürzlich war in einer Woche sowohl der Martinslauf als auch das Elterncafé mit Kuchenbackpflicht, das war natürlich schrecklich. Oder die Kita schließt wegen einer Fortbildung. Oder ich soll irgendwo hin und mir anhören, wie die Kinder Weihnachtslieder schmettern. Eine weitere Stunde. Plus eine Stunde für Wege, und das ist für Berliner Verhältnisse wenig. Plus zehn bis elf Stunden Arbeit. Und das ist branchenbezogen nicht mal besonders viel. Plus sechs Stunden Schlaf. Macht 25,5 Stunden pro Tag. Und da ist Essen oder ab und zu meine Mutter anrufen noch nicht mal drin.

Rein praktisch spare ich ein. Ich laufe mit halbnassen Haaren los. Minus 20 Minuten. Ich trage Strumpfhosen zwei Tage hintereinander, weil ich es einfach nicht schaffe, neue zu kaufen. Ich bestelle Sushi für alle und war seit Jahren nicht mehr beim Augenarzt. Ich schlafe einfach nur fünf Stunden oder bestelle alles im Internet. Das Chaos in der Wohnung lasse ich die ganze Woche so, bis die B. wieder kommt. Ich habe mich an diesen Zustand der Unvollkommenheit gewöhnt, deswegen beunruhigt mich sowas gar nicht erst. Es gibt Leute, die macht sowas fertig, aber mir ist zumindest in dieser Hinsicht alles egal. Mein Wappentier ist die Wurst.

Spätestens in der Vorweihnachtszeit scheitert aber auch das. Einen Adventskranz dekorieren? Eine Stunde. Und eine weitere, um das Dekozeug zu kaufen. Der F. soll für die Großmütter basteln. Eine Stunde. Eine weitere, um Kekszutaten zu besorgen, die Teigrolle zu finden, den Teig zu kneten, den F. davon abzuhalten, alles umgebacken aufzuessen, na, und so weiter und so fort. Ich schwanke auch noch, ob es eigentlich einfacher ist, das Weihnachtszeug vom letzten Jahr wiederzufinden, oder einfach Neues zu kaufen. Oh, und die Geschenke. Die Karten. Der Adventskalender. Gebastelt wird höchstens rudimentär, aber das dauert ja auch.

Im Ergebnis tippe ich auf lockere 28-Stunden-Tage. Ich muss also vier Stunden einsparen. Alles, was ich in diesen vier Stunden sonst zusammenhalten würde – mich etwa – wird also in sich zusammenfallen. Spätestens am vierten Advent erwarte ich deswegen die komplette Strukturlosigkeit, in der ich mich dann über die Feiertage suhlen werde.

2015 wird aber alles ganz anders.

Der gute Ruf

Natürlich sei er sich so gut wie sicher, dass der X. nicht nachteilig über ihn spreche, meint der Y. auf dem Heimweg von der Tagung im ICE nach Berlin, da sind wir knapp an Wittenberg vorbei. Der X. – ich nicke – sei nämlich nicht ganz von dieser Welt, und wir sind uns alle beide nicht so ganz sicher, ob der X. überhaupt Gedanken hegt, die sich nicht auf sein ziemlich abseitiges Spezialgebiet beziehen. Es sei also gut möglich, dass dem X gar nichts aufgefallen sei. Oder dass er daraus keine Schlüsse gezogen habe. Oder dass er zwar so seine Schlüsse gezogen habe, aber sowieso keine Gespräche führe, in denen es um das Leben anderer Leute geht. Insofern, sagt der Y. und verzieht ein wenig den Mund, sei an sich und bei oberflächlicher Betrachtung alles in Ordnung. Auf den zweiten Blick allerdings sei ihm wegen dieser Sache doch alles in allem ein wenig unwohl.

Beim ersten Zusammentreffen, fährt der Y. fort, habe er natürlich noch nicht im Ansatz an seinen guten Ruf gedacht. Man denke ja überhaupt stets nur an seinen Ruf, wenn dieser einem in irgendeiner Weise gefährdet erscheine. Die damalige Situation war allerdings vielleicht auch objektiv ein klein wenig verfänglich. Er habe nämlich einen Vortrag gehalten, auf einer Fachtagung in einem Berliner Hotel, und sich ganz gegen seine Gewohnheit überreden lassen, zum abendlichen Empfang noch zu bleiben. Die A. sei hieran nicht ganz unschuldig gewesen, die kenne er nämlich sozusagen schon immer, also mindestens seit 1992, als er mit der A. gemeinsam als studentische Hilfskraft im Staub des Instituts für Völkerrecht herumgesessen habe, und so habe er Stunde um Stunde mit der A. an der Bar gestanden und getrunken. Die A. sei eine auch in ihrem 45. Lebensjahre sehr ansehnliche Dame, aber vor allem habe sie einen unschlagbaren, hemmungslosen, unwiderstehlichen Humor, und so bogen sich der Y. und die A. laut kreischend vor Vergnügen an der Theke, und als die A. den Y. zum Tanz aufforderte, war es gegen Mitternacht und beide ziemlich betrunken. Gerade aber, als sie sich mehr des Gleichgewichts als der Zuneigung wegen zu den Klängen von “In The Mood” eng aneinander festhielten, öffnete sich eine der Türen der Bar, und der X. verließ die auch von ihm besuchte Tagung Richtung Heimat. Er sah im Wesentlichen auf seine Füße, riss aber dann, ungefähr in der Mitte des Raumes doch auf einmal die Augen auf, und dann starrte er den Y. einen Moment lang an, murmelte eine Gruß und entschwand. Zurück blieb der Y., die enthemmt kichernde A. vor der Brust.

Am Samstag drauf traf der X. den Y. im heimischen Kleinmachnow aus Anlass eines Kindergeburtstags. Ein Knabe aus dem weiteren Bekanntenkreise – auch ich kenne die Familie oberflächlich – feierte seinen Geburtstag, und beider Söhne feierten mit.

Man kennt sich in diesen Vororten. Außer den Nachbarn gibt es da ja auch meist wenig Amüsement. Man blieb also beim abendlichen Abholen noch etwas sitzen, trank Sekt und aß Schnittchen, tratschte über Abwesende, und als die B. erschien, wurde der Nachmittag richtig gemütlich. Der Y. und die B. kennen sich, seit die B. vor circa hundert Jahren mit dem damaligen Mitbewohner des Y. zusammen war, und so saßen beide also in einer Sofaecke und sprachen mit einem Glas Sekt in der Hand, und als es schließlich Zeit war zu gehen, ließ die B. ihr Auto stehen und fuhr beim Y. mit. Die beiden waren allein im Auto, denn die eigentlich abzuholenden Söhne hatten sich spontan zur Übernachtung entschlossen.

Vor der Tür der B. dauerte der Abschied. Der Y. schwört, es sei rein gar nichts vorgefallen, man habe eigentlich nur Reiseerfahrungen ausgetauscht, sich zur Illustration Handyfotos gezeigt, und als auf einmal – ausgerechnet – der X. vorbeikam, berührten sich der Y. und die B. an sich auch nicht mehr, als das eben der Fall ist, wenn man sich in einem Auto Bilder zeigt. Er habe, so der Y., im Übrigen auch nicht anders geschaut als eigentlich immer. Höchstens eine Bruchteilssekunde länger, aber das kann sich der Y. auch eingebildet haben.

Letzte Woche allerdings, da habe er dann wirklich etwas irritiert ausgesehen. Da seien sie sich nämlich auf einem Parkplatz begegnet. Der X. und der Y. Ziemlich unverwandt habe der X. ihn angestarrt, sicherlich mindestens eine Minute lang, aber die Frau am Arm des Y., war wirklich seine Schwester. Kurz sei es dem Y. sogar durch den Kopf geschossen, dem X. genau dies zuzurufen, aber vermutlich hätte der ihn dann erst recht sonderbar gefunden, und außerdem habe er sich vor seiner Schwester geniert.

Man müsse das, sagt der Y., schon noch einmal richtigstellen. Man treffe sich halt doch ständig. Die Fachwelt. Die Nachbarschaft. Und bei jeder Begegnung peinige ihn die Vorstellung, was der X. nun über ihn denkt. Er werde ihn bei nächster Gelegenheit einfach einmal ansprechen.

“Da ist er doch!”, winke ich aus dem Abteil heraus auf den Gang des ICE. Abwesend wie immer, starrt mich der X. durch die Scheibe an. Offenbar reist er mit dem selben Zug von der Tagung nach Hause. Dann schaut er den Y. an. Sodann wieder mich. Und dann schaut er auf den Boden und geht schnell weiter.

“Vielleicht rufe ich ihn mal an.”, sagt der Y., und wir beide schweigen.

 

Kleine Freuden

Am Freitag Abend im PRINCE gewesen, das ist so ein neuer panasiatischer Laden in Mitte. In den Räumen war einmal vor Jahren das Shiro i Shiro, dann ein etwas beliebiger Italiener, und nun also ein Restaurant in funkelndem Schwarz, das kleine und mittelgroße Portionen zum Teilen serviert, anständige Drinks, hübsche Kellner, und das Ganze für ziemlich wenig Geld. Gute Laune. Der J. lässt ausrichten, der Devil on Fire sei wirklich ziemlich scharf. Die Dumplings der I. waren dagegen ein wenig übersichtlich.

Am Samstag schlenderten wir am Nachmittag so die Hufelandstraße entlang. An sich wollten wir gar nichts essen. Dann wollten wir uns wenigstens anschauen, wie die Törtchen in der neuen Konditorei Jubel aussehen, die jüngst hier eröffnet hat. Auf einmal aber saßen wir am Tisch, vor mir ein Windbeutel mit einer feinen Creme, Sternanis, Mandeln oder so ähnlich und eine kleine Joghurtkuppel. Vor dem J. ein Cheesecake mit Kürbis, beides sehr fein, sehr filigran-französisch, Törtchen für feine Damen, und dazu guter Kaffee und der herzliche Service von Lucie, die früher in der Rutz Weinbar serviert hat. Am liebsten wären wir gleich dageblieben und hätten alles aufgegessen, was es da gab. Das ging aber nicht, denn wir mussten heim, denn …

… ebenfalls am Samstag gab es Grünkohl. Die J. hat nämlich vor einigen Jahren auf einer Tagung einen netten Herrn kennengelernt und sodann zu sich genommen, der aus dem Niedersächsischen stammt, und die dort ansässigen Stämme betreiben um diese Speise und die dazugehörigen Würste einen außerhalb Niedersachsen wenig bekannten Kult. Der Grünkohl, den der Freund der J. aus seiner Heimat mitgebracht und – der größeren Küche wegen – bei uns in größerer Runde verzehrt hatte, war den Kult aber wert. Gott, war ich satt. Und glücklich. Vielleicht bestelle ich mir hier mehr von dem Zeug.

Am Sonntag war ich gleich morgens so satt. Sehr satt. Schrecklich satt eigentlich. Träge saß ich bis mittags in Unterwäsche auf dem Sofa, las dem F. den Räuber Hotzenplotz und Henriette Bimmelbahn vor und schleppte mich zu 15.00 Uhr in den Prenzlkasper. Das ist ein Puppentheater in der Marienburger Straße. Der F. jubelte, schrie und lachte zu Peter und der Wolf, versteckte seinen Kopf in meinem Pullover, als die Ente dem Raubtier zum Opfer fiel und klatschte frenetisch zum guten Schluss.

Schließlich gab es Käsekuchen. Zu Hause. Aus drei Eiern und 3 Pfund Quark. Mit heißen Kirschen und Sahne dazu. Vier Kinder haben die ganze Wohnung auseinander genommen. Sechs Erwachsene ein Ferienhaus gebucht. Und als ich zu Bett ging, so gegen Mitternacht war’s, lag da der F. auf meinem Kissen und flüsterte im Traum sehr leise etwas wie: “Der Wolf ist tot.”, und es war alles, alles, alles gut.

 

Satansbraten

Verdammt, würde ich gerne brüllen. Kleiner Satansbraten. Bin ich etwa nicht heute morgen ungefähr eine Stunde vor meiner üblichen Arbeitszeit im Büro aufgetaucht? Und habe ich nicht schwer schnaufend durchgearbeitet, auf jede Kaffeepause verzichtet und bin dann ganz, ganz schnell zu dir gefahren? Obwohl ich dafür heute abend bluten und noch viel zu lange arbeiten werde? Und jetzt – ich hole tief Luft und blase beide Backen auf – stehst du einfach da, im Garten der Kita, und haust deinen verdammten Laternenstab gegen den Boden und freust dich am wirbelnden Licht.

Gut, jetzt ist die Laterne also kaputt. Gehen wir also ohne Laterne. Schau, deute ich auf die anderen, mir gerade sehr brav erscheinenden 60 Kinder. Die haben auch alle Laternen. Und ihre Mütter haben zwei richtig gut funktionierenden Beine. Nichts gebrochen. Denen fällt es hier und heute um Einiges leichter, durch den dunklen Volkspark zu laufen. Ich finde, blicke ich den F. scharf an, unter diesen Umständen könntest du auch ein bisschen weniger trödeln. Vielleicht gibst du mir einfach die Hand und läufst brav im Pulk mit.

Schau, jetzt sind die anderen Kinder kaum mehr zu sehen. Die sind nämlich alle da vorn. Nur wir laufen der ganzen restlichen Gruppe hinterher. Das scheint dich aber gar nicht zu stören. Du läufst fröhlich quietschend hinter deinen beiden Freunden her, die ich gerade gar nicht so recht leiden kann. Ist der E. nicht eigentlich nicht …? Und die J. erst! Gibt es eigentlich keine artigeren, freundlichen Kinder, mit denen du spielen und an denen du dir ein Vorbild nehmen kannst? Die C. etwa, die dreijährige Tochter von Freunden: Die spricht das reine Schriftdeutsch inklusive Futur, Passiv und Konjunktiv, kann schon ein wenig lesen und konnte in deinem Alter schon alle Stationen der Berliner U-Bahn aufsagen. Aber gut, jedes Kind hat ja angeblich so seine ganz eigenen Vorzüge. Aber wo sind heute abend eigentlich deine, mein Sohn?

Na gut, jetzt hast du also auch noch die Hosen voll. Andere Kinder sind ja längst trocken. Aber Jungen – sagen jedenfalls die Mädchenmütter immer – brauchen ja für alles länger. Im Kindergarten findet demnächst sogar ein Infoabend zur Jungenpädagogik statt, weil du und deine Spießgesellen, mein Kleiner, nämlich anscheinend auf den Erzieherinnen auch den Sender gehen. Immerhin sind die anderen Jungen offenbar alle am Lagerfeuer angekommen. Alle, Kleiner. Alle, außer dir.

Wir kehren also um. Wir gehen nach Hause. Ich bin richtiggehend wütend. Kurz überlege ich, ob es pädagogisch nicht doch irgendwie vertretbar wäre, jetzt eine Runde zu explodieren, so richtig mit Krach und Funkenschlag, und dann ohne Abendessen ins Bett. Also du. Schließlich verwerfe ich den Gedanken, mache mir statt dessen eine Runde Sorgen, was eigentlich jemand, der mit zwei so wenig fokussiert ist, dass er auf dem Laternenlauf den Laternenlauf einfach vergisst, mit 32 machen soll, und beschließe dann, mir etwas Gutes zu essen zu bestellen. Rotwein wäre auch schön.

Am Ende verziehe ich das Gesicht also zu so einer Art Lächeln. Ich lese vor. Ich atme vor dem Spiegel zehn Mal tief durch. Und dann gebe ich dem F. einen Gute-Nacht-Kuss und beschließe, ins Internet zu fauchen. Der kleine Satansbraten. Die höllische Fressmaschine. Der Tee-Verkipper. Der große Kaputtmacher. Diese schrille Heulboje. Wehleidiger Sadist.

(Mein Herz. Mein kleiner Liebling)