Tagebloggen (8)

Jetzt haben sich schon wieder zwei getrennt. Im weiteren Bekanntenkreis zerfallen gerade reihenweise die Paare, keiner weiß warum. Ob die Evolution irgendwann einmal eine Zeitschaltuhr tief in den Köpfen von Leuten eingebaut hat, die nach sechs Jahren gemeinsamer Kinderaufzucht bimmelt, und dann schauen sich die Leute am Morgen über ihren Kaffeetöpfen und Brotdosen an und können sich nicht mehr ausstehen? Oder ist es für die Paare einfach nicht gut, Kinder so aufwändig aufzuziehen, wie der Zeitgeist es gerade gebietet? Es klingt ja schon so ein bisschen wahnsinnig, mehr als vor 20 Jahren zu arbeiten, aber gleichzeitig mehr Zeit in seine Kinder zu investieren. Wann liegen diese Leute eigentlich auf dem Sofa? Und wann gehen sie mit ihrem Mann oder mit irgendwem mal aus? Würde ich jeden Abend mit meinem Kind eine mehrstündige Abendroutine durchziehen, würde ich mein Leben auch hassen und irgendwann Fluchtgedanken entwickeln.

Aber so sitze ich mittags mit einem Bekannten beim Inder in der Uhlandstraße, spreche über Japan und Estland, Berlin vor 20 Jahren und die besten Hotels der Welt, und als ich zuhause ankomme, ist mein Sohn auf dem Sofa eingeschlafen, wird ins Bett getragen, und der J. und ich sitzen auf dem Sofa und trinken einen sehr, sehr guten Wein.

Tagebloggen (7)

Lachen Sie nur, aber ich liebe griechisches Essen. Also „griechisch“, nicht griechisch. Sie dagegen sind bestimmt mordskultiviert, Sie essen in Griechenland Gemüse und Fisch und loben das griechische Olivenöl. Ich wette, Sie essen auch wirklich weniger Fleisch und nehmen es sich nicht nur immer wieder vor. Ich aber, ich bin ganz im Ernst Team Grillplatte Akropolis, und alle paar Monate setze ich mich mit Mann und Sohn und diesmal auch mit Freund M., der meinen sehr avancierten Drucker eingerichtet hat, in so eine richtige Gyroshölle. Der Grieche meiner Wahl heißt Ja! Niko! Ja! gegenüber vom Interconti und ist eine Westberliner Institution.

Wir bestellen zwischen blauen Stühlen und weißen Gipsgöttern Gyros und Souvlaki und Lamm und Spieße, Tintenfisch, Seezunge und Zaziki, Pommes Frites, Reis und Krautsalat und spülen mit viel Bier und Ouzo nach. An uns vorbei fahren Westberliner Poser in ihren Poserautos, an den anderen Tischen sitzen Westberliner Bürger.

Ich kann es nicht beweisen, aber ich bin mir absolut sicher, dass der durchschnittliche Westberliner mehrere Nuancen gebräunter ist als der im Osten. In Westberlin lebt das Schönheitsideal der Siebziger noch weiter, als man Tiroler Nussöl mit einem Lichtschutzfaktor von 4 für eine Supersache hielt. Die Westberlinerin beim Westberliner Griechen jedenfalls ist gegerbt wie eine Handtasche, trägt Gold und mag weiße Jeans. Ihr Mann zeigt Brusthaar.

Tagebloggen (6)

Letzte Vorlesung im laufenden Semester. Ich treffe meinen Doktorvater, der zu den Glücksfällen meines Lebens gehört, weil er meine Diss unauffällig strukturiert hat, immer im richtigen Moment mit Hinweisen, wie man so ein Projekt betreibt, geholfen hat, und mir nicht zuletzt ein Stipendium besorgt hat, ohne das ich noch Jahre gebraucht hätte, damals. Inzwischen bin ich Lehrbeauftragte der Uni, an der ich damals promoviert habe, und vor den Veranstaltungen treffe ich die Leute zum Essen oder Kaffeetrinken, die ich noch kenne. Von meinen Professoren sind das immerhin vier. Wenn Leute über die deutsche Massenuni klagen, kann ich Immer nur sagen: Bei mir war das nicht so.

Bei meinen Studenten hoffentlich auch nicht. Ich kenne alle mit Namen, ich habe eine Exkursion gemacht und viel erklärt, und dass jetzt zwei dem Rechtsgebiet, das ich unterrichte, per Nebenjob treu bleiben wollen, freut mich. Im Herbst geht es weiter. Neue Studenten.

Auf dem Heimweg bin ich müde. Ich lese im Internet herum, ich trinke Apfelschorle, und während Norddeutschland an mir vorbeizieht, höre ich Musik, die zu dem Mädchen an der Uni passt, das ich einmal war. Vor so vielen Jahren. Und heute nur noch selten.

Tagebloggen (5)

Die Stadt verschwimmt in der Hitze und fließt dickflüssig wie Honig über den märkischen Sand. Zwölf Uhr mittags und ich werde schon erwartet.

Ich esse zwei Vorspeisen, weil ich zu rauchender Asche zerfalle, wenn ich jetzt was Warmes esse, unterhalte mich und trinke sehr viel Wasser, und freue mich wie immer, wenn ich merke, wie viele nette Leute es gibt, so alles in allem, und sage nicht nur, dass ich mich auf das nächste Treffen freue, sondern freue mich wirklich. Dann fahre ich weiter.

***

Als ich um sieben ins Schwarze Café komme, sitzt meine Verabredung im Garten und raucht, und wir reden über Krausser und Kracht und Wondratschek und Benn und Jünger und trinken Radler und Wein und so ein komisches Mixgetränk, das ich bekomme, weil es keinen Aperol gibt, und essen auch ein bisschen was und trinken weiter.

Nach acht sitzen wir vor die Tür, weil die dann den Garten schließen, und am unteren Ende der Kantstraße wird der Himmel durchscheinend, rosig und unfassbar zartgrau, schwingend wie Seide, Leute kommen und setzen sich für eine halbe Stunde oder so zu uns, gehen wieder, und irgendwann fahre ich auch in den dunklen Osten und bin so müde, dass ich mir nur die Kontaktlinsen aus den Augen pule, und dann gehe ich einfach so und ohne Zähneputzen zu Bett.

Tagebloggen (4)

Als ich um fünf vor der Kita stehe, kommt er sofort und läuft ungebremst auf mich zu. Er strahlt.

In Blogs und Büchern steht inzwischen meistens mehr oder mehr humoristisch aufbereitet, dass und wie sehr Kinder nerven und einen versklaven und dass das eigene Leben sich fundamental verändert, wenn man ein Kind hat. Nie steht da, wie sehr man liebt und geliebt wird. Was für ein Geschenk die reine Freude ist, mit der ein Stück Kuchen vom Bäcker entgegengenommen wird. Wie freudig er im Urlaub jeden Morgen zum Buffet gelaufen ist. Wie er sich das Colosseum ausmalt und wie Cape Canaveral. Was für einen Spaß es macht, mit ihm zu backen und sich Witze zu erzählen und zu diskutieren.

Meistens wird über Kinder geschrieben wie über vorbewusste Tiere. Hören die Autoren ihren Kindern eigentlich nie zu, wenn sie über sich nachdenken? Wenn ihre Kinder wie F. auf dem Sofa sitzen und darüber nachdenken, warum er es nicht schön findet, aufzufallen, aber andere schon. Warum manche Leute immer Chef sein wollen. Warum er lieber einen Hund hätte als eine Katze.

Seine kleinen, grotesken Listen. Wenn er sich Maschinen ausdenkt und über Monate immer weiter an diesen Maschinen herumdenkt, Details ändert, sich auf die Maschinen freut und sich die Reaktionen seiner Erzieherin ausmalt. Wenn er schmollt und aus dem Off der halb geöffneten Kinderzimmertür kleine vorwurfsvolle Einwürfe ins Wohnzimmer schickt. Wie er, wenn ich zuhause telefonieren muss, mit Verschwörermiene und Finger über dem Mund an mir vorbei schleicht. Wenn er bettelt, dass ich mir mit ihm einen „schönen Abend“ mache, was bedeutet, dass es einen Film gibt, am besten mit Popcorn, und wir danach gemeinsam im Bett liegen und uns die besten Stellen aus Asterix vorlesen und erzählen und Beatles-Lieder singen. We all live in yellow submarine.

Tagebloggen (3)

Mit dem Fahrrad über die Greifswalder, das Rumpeln der Tram, vorbei an der Bötzowbrauerei, wo es einmal diese Bar gab mit der leuchtenden Zuckerwatte über den Drinks, über die Schönhauser, vorbei am Due Forni, und dann die Ackerstraße abwärts, in den Wedding, unter der alten Brücke vorbei bis zum früheren Krematorium, in dem heute ein Veranstaltungsort ist und ein Café.

Ich freue mich auf die Lesung, aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn ich freue mich fast noch mehr über die Fahrt durch die sonntäglich leere Stadt, die Hitze, die auf den Straßen liegt wie etwas Körperliches, die plötzliche Kälte in einer Bahnunterführung, die Gerüche der Straßen und die Passanten. Ein Mädchen an einer Ampel mit langem, lila Haar. Ein älterer Mann, der ein Fahrrad schiebt mit ganz harten, trockenen Füßen. Zwei junge Männer, Tätowierungen und Sonnenbrillen, zu große Muskelshirts und einen Mops an der Leine.

(und niemand auf der ganzen Welt wissen würde, wie sie das geliebt hatte; wie, jeden Augenblick)

Die Lesung ist sehr, sehr gut. Ich mag quasi alle Bücher von Krausser, die so viel – mir fällt kein anderes Wort ein – fleischiger, pulsierender, hemmungsloser sind als fast alles, was man sonst noch so bei Dussmann kaufen kann, und außerdem liest er gut. Der Saal ist gut gefüllt, Leute liegen auf überaus bequemen Sitzsäcken und Freundin J2 ist, wie sie später gesteht, sogar ein paar Minuten eingeschlafen.

Als ich fahre, ist Frankreich Weltmeister. Die Stadt scheint sich zu verformen, etwas biegt und dehnt sich, und als ich spät im Bett liege, kann ich – lachen Sie nicht – die Sterne knistern hören. Mir geht es gut.

Tagebloggen (2)

Es gibt Shakshuka. Ich schneide Paprika, Zwiebeln, öffne eine Dose Tomaten und brate Harissa an. Der J. kocht Kaffee mit seiner stöhnenden, blubbernden Maschine und Freundin J. 2 sitzt am Küchentisch hinter dem weiß-rosa Strauß, den sie mir mitgebracht hat, und erzählt.

Vermutlich wiegt die sportliche J.2 zehn Kilo weniger als ich, und ich stelle erfreut fest, dass mich das nicht mehr stört. Vor zehn Jahren habe ich ziemlich viel über mein Aussehen nachgedacht, aber heute schiebe ich Paprika und Zwiebeln durch meine Pfanne und es ist mir gleich. Einerseits ist das ziemlich super, andererseits auch ein bisschen unheimlich und hoffentlich nicht der erste Schritt auf der abschüssigen Bahn der verlotterten Leute, die man manchmal in der U-Bahn sieht.

Als die J.2 gegangen ist, gehen wir auf den Markt. Bei uns gibt es einen kleinen Markt, eine Zeile Gemüse und Obst, Fisch und Fleisch, ein paar Stände mit Essen und Wein, immer ein paar Nachbarn mit ihren Kindern, und wir kaufen Zuckerschoten und Radieschen, Melone und Blaubeeren. Abends soll gegrillt werden, beschließen wir und kaufen dafür ein, und dann sitze ich auf dem Balkon, lese, und der F. sitzt neben mir auf dem Sofa und blättert glucksend in ein paar Comics. „Asterix und die Briten“ ist sein Favorit.

Nachmittags treffe ich Freund J.2 auf dem Spielplatz. Eigentlich laufen wir die ganze Zeit hinter seinem Jüngsten zwischen den Spielgeräten hin und her, erzählen uns was über unsere Jobs, über Zukunft und Vergangenheit, beschweren uns, dass wir zu wenig unternehmen und nehmen uns vor, die nächste Spielzeit aber mal so richtig mitzunehmen, auch wenn wir beide wissen, dass wir uns das seit Jahren vornehmen, aber es nie so richtig klappt.

Am Abend liege ich auf dem Sofa. Ich lese Zeitung, ich plane Ausflüge nach Hamburg und Wien, ich schaue mir im Internet die Urlaubsbilder meiner Freunde an und dann lese ich, halb schon im Einschlafen, zwei Gedichte, die ich einmal sehr mochte, und frage mich, ob ich noch einmal so berührbar sein werde, dass mich Lyrik erreicht.

Tagebloggen (1)

Vielleicht fährt unsere Welt gerade zur Hölle, wenn man so ins Internet schaut, aber ich sitze in meinem Büro in meergrün und weiß, schaue auf den Karpfenteich im Hinterhof und trinke eine Schale langsam erkaltenden Genmaicha.

Am alten Kempinski vorbei radele ich den Ku’damm abwärts Richtung Kreuzberg und nehme mir vor, einmal darüber zu schreiben, wie ich mein erstes Steak Tartare als Kind im Kempinski gegessen habe, und wie grandios ich den Messingwagen fand mit den vielen kleinen Schälchen mit den Zutaten und überhaupt, wie toll dieses alte Berlin war. Wie es roch, wie es aussah, und wie schade, dass nicht mehr davon übrig ist.

Höhe KaDeWe fallen ein paar Tropfen, aber schon zwei Kilometer weiter ist die Straße wieder trocken, und selbst meine Haare fühlen sich an, als hätte es nicht geregnet, ach, nie geregnet, seit April nicht mehr geregnet, und als ich am Landwehrkanal mein Rad abschließe, sehe ich zwischen den Gehwegplatten ein paar letzte Büschel vertrocknetes Gras. Die Bäume sind staubig und zittern.

Im Feedback gibt es Kantonküche, und als ich sehr schnell einige Dim Sum, ein Aperol Spritz und ein Bier getrunken habe, fühle ich mich auf einmal sehr schwer. Freund M. erzählt von seinem neuen Job, wir sind glücklich und trinken auf die Liebe, und als ich einige Stunden später von der Oranienstraße aus nach Hause fahre, ist die Nacht noch so warm, so verheißungsvoll, so vielversprechend wie eh und je.

Der vierte Tag (tddl)

Ich bin unfassbar müde. Im Lendhafen ist es erst warm, dann kühler, dann wieder wärmer, und ich trinke sehr schnell drei Kaffee, um nicht wegzudämmern.

Immerhin ärgere ich mich über Jacob Noltes Text ausreichend, um nicht einfach selig wegzuschlummern. Vermutlich sind die schiefen Bilder Absicht, und die Geschichte eines Mädchens, das in Mexiko Urlaub macht und in einem Tagebuchauszug einen Ausflug beschreibt, soll durch komplette Trivialität die Trivialität Gap Year feiernder Studenten geißeln, aber was soll mir das sagen? Dass solche Leute ein bisschen banal sind? Das wusste ich schon. Ein absichtsvoll schlechter Text kann durch seine Fehler eine andere Geschichte erzählen, aber eine solche unerzählte Story ist hier nicht einmal angedeutet.

Beim nächsten Text bin ich wach: Stefan Groetzner liest einen (nur etwas zu langen) grotesken, verspielten Text über eine Misswahl, eine Weltmaschine, ein aus bunten Klischees erfundenes, knallbuntes Österreich, und ich muss tatsächlich lachen. Ich denke an Herzmanovsky-Orlandos Tarockanien, Jandl, an das „Paradies der falschen Vögel“ von Hildesheimer, und an die Illustrationen von Paul Flora. Ach, und überhaupt Maschinen. Ich bin ein Riesenfan von Maschinen.

Dann wird es hart. Frau Özlem Özgül Dündar verleiht vier Müttern eine Stimme, die über einen Brandanschlag sprechen. Der Text ist nicht realistisch, so sprechen weder die Toten noch die Überlebende und auch nicht die Tätermutter. Es ist ein ergreifender Gesang über den Schrecken, das Sterben, die Unmöglichkeit des Weiterlebens, die Unfassbarkeit von Schuld, dabei ästhetisch bis in jede Spitze gefügt. Der bekommt einen Preis, denke ich, und dann gehe ich in die Stadt und kaufe für den J. und den F. auf dem Markt ein Geschenk.

Der letzte Text erinnert mich an ein Comic. Lennard Loß ist jung, sehr jung, so jung, dass man ihm sogar seinen etwas schnöseligen Vorstellungsfilm verzeiht, der sich anhört, als betrachte er Arbeiter wie ganz besonders aufregende Eingeborene in der Südsee. Leider ist der Text trotzdem nichts. Es geht um einen Flugzeugabsturz, die RAF, einen teuren Bleistift, einen Zahntechnikmeister, der in der SS war, ein Heimkind unter falschem Namen: Es ist, kurz gesagt, eine Kreuzung aus Life of Pi und einem Tarantinofilm über Nazis und Terroristen.

Dann gehe ich schlafen. Und schwimmen (2. Stein!). Und Essen, weil man in Klagenfurt großartig essen kann. Und trinken im Lendhafen. Und als ich schlafen gehe, hämmert irgendwo in diesem Hotel jemand dreimal ganz laut gegen die dünnen Wände.

Der dritte Tag (tddl)

Manchmal ist der Zufall ein fieser Kerl. Manchmal ist er auch eine Zahnärztin: Dass das Los Corinna Sievers mit einem pornographischen Text über eine erotomane Zahnärztin, die ihre Patienten verführt, ausgerechnet auf den Freitag morgen befördert hat, war jetzt vielleicht mehr so mittelglücklich. Vermutlich hätte ich den Text aber auch zu keiner anderen Tageszeit gemocht: Eine simple Nacherzählung einer stinknormalen Pornophantasie, mit ein, zwei Sätzen, aus denen hervorgeht, dass die weibliche Lust auch hier soziale Bestrafung erfährt. Nun gut.

Aber überlassen wir Frau Sievers ihren – hoffentlich auch noch nächste Woche – real existierenden Patienten. Die Dame ist wirklich Zahnärztin, und dass man ihr lassen: Ich glaube, sie kann nicht so besonders gut schreiben, aber mutig ist sie auf jeden Fall.

Nach einem sehr auf grobe Effekte abzielenden Text folgt ein ausgesprochen langsamer, sehr kleinteiliger Text. Ally Klein beschriebt minutiös eine Panikattacke, und auch wenn ich mir schon vorstellen kann, dass sich Panikattacken exakt so und nicht anders anfühlen, fesselt mich der Text nicht. Warum das Ich Panik bekommt, wer der titelgebende Carter ist: Mir bleibt der Kontext völlig unklar, und wenn ich ehrlich bin: Er interessiert mich auch nicht sehr.

Beim nächsten Text wird alles besser. Tanja Maljartschuk erzählt eine gut gemachte, sehr konventionelle Geschichte einer alten, dementen Frau und eines jungen illegalen Immigranten. Letzterer nutzt eine Verwechslung aus, aber – anders als die Nachbarn denken – nutzt vielleicht auch sie ihn aus, man weiß es nicht, und dass die Jury nicht auf die Frösche eingestiegen ist, die durch den Text springen, die ungeküssten, die verwandelten, die glitschigen Amphibien, ist ein bisschen schade. Das war eine gute Story, wenn auch so brav erzählt, dass sie vielleicht schon deswegen leer ausgeht, weil sie nicht das ist, weswegen wir hier sind.

Bov Bjerg steigert die gegenüber dem ersten Tag ohnehin schon deutlich gestiegene Qualität noch einmal. Eine dichte, eine fugenlose Geschichte über Vater und Sohn, familiäre Belastung, Flucht und Schicksal, Provinz, Befreiung und Liebe, die mich sofort hatte. Nach wenigen Sätzen hatte ich Angst um den Siebenjährigen, der familiär belastete Vater tat mir leid, ich habe auf jedes positive Zeichen für eine gute Wendung gewartet, und als dann keine kam, war ich traurig. Wenn der nichts gewinnt,

Zum Schluss des Tages Anselm Neft. Hui. Das ist ein Text. Vielleicht bin ich voreingenommen, wir sind befreundet, aber die Geschichte über einen Obdachlosen und sein Alter Ego, ganz fleischgewordene toxische Männlichkeit, die ihn auf eine Höllenfahrt reisst, vorbei an Glaube, symbolisiert durch einen Priester, Liebe, eine dicke Bäckerin und Hoffnung, einen Hund, bis in eine kalte Hölle, in der eine peitschende Mutter einen wieder Fünfjährigen erwartet, war so schmerzhaft, dass die Jury dem Text zumindest unmittelbar nach der Lesung nicht ganz gerecht geworden ist.

Nach einem kühlen Tag ein langer, schöner Abend und zu wenig Schlaf.