Mit Menschen

Auf dem Weg zurück ins Büro am Samstagabend fällt mir der H. ein, mit dem ich zwei- oder dreimal Essen war, 2008 oder 2009, aber dann hatte ich quasi immer Termine, wenn er sich meldete, und wenn ich mich meldete, reagierte er nicht schnell genug und ich rief woanders an, und deswegen freundeten wir uns nicht so richtig an und ich weiß heute nicht mal mehr, wie er mit Nachnamen hieß. Es war auch nichts Romantisches, nur eine zwischen Terminen stecken gebliebene Freundschaft.

Irgendwann war ich mit dem H. im Ostwind, das war ein chinesisches Kellerlokal damals, Kollwitzkiez, ich drückte die ganze Zeit auf meinem Blackberry herum, weil immer, wenn ich was schrieb, sofort eine Antwort kam, und ich psychologisch unfähig bin, das für ein paar Stunden einfach zu vergessen. Ich entschuldigte mich quasi die ganze Zeit beim H., der lächelte ziemlich säuerlich, und als wir bei der obligatorischen gebackenen Banane angekommen waren, stieß er zu: Was ich eigentlich mit dieser Betriebsamkeit kompensieren will. Da saß ich also und der Honig tropfte von meiner Banane und ich sah genau so armselig bedürftig aus wie ich mich fühlte.

Keine Ahnung, was ich als Antwort hervorwürgte. Vermutlich, dass ich den Job eben liebe, und tatsächlich stimmte das damals und heute stimmt’s auch. Aber als ich am Samstag mein leeres Büro aufschließe, fällt mir auf, dass das nur die halbe Wahrheit ist, denn meinen Beruf kann ich ziemlich gut, aber alles andere,  alles mehr so mit Menschen, kann ich maximal mittel und an manchen Tagen nicht einmal das.

Omnia mea mecum

Im Grunde brauche ich nichts. Ich fahre in Urlaub mit zwei blauen Kleidern, die man zusammenrollen kann, Unterwäsche zum Zusammenknüllen, einem Paar Ballerinas in der Handtasche und Sandalen an den Füßen. Ich reise außerdem mit dem Zeug, in das man Kontaktlinsen tut, meiner Zahnbürste, Zahnpasta und je einem Stück Seife und Haarseife. Weil ich mich nicht richtig schminken kann, komme ich kosmetiktechnisch mit einem Lippenstift aus, weil ich mir einbilde, dass man mit Lippenstift irgendwie geschminkt aussieht. Seit man Bücher auch am Handy lesen kann, braucht man nicht mal die mehr. Laufschuhe nehme ich außerdem noch mit und eine Turnhose und ein T-Shirt. Ich bin schon mit einer großen Handtasche eine Woche lang verreist. Diesmal habe ich auch noch mein Notebook dabei.

Der geschätzte Gefährte dagegen reist mit seinem gesamten Besitz auf sieben vollgepackten Kamelen. In seinen Taschen und Koffern befinden sich Fahrradflaschen und Schuhe für jede Witterung. Pullover für draußen und Pullover für abends. Hemden, ein Fieberthermometer, die gesamte Kollektion eines Fahrradfahrerausstatters namens Rapha, genug Hosen, um keinesfalls hosenlos dazustehen, komme, was wolle, ein Gartenschlauch, ein Mammutoberschenkelhalsknochen und die Encyclopedia Brittanica.

(Okay, ich habe ganz leicht übertrieben)

Sohn F. braucht wiederum nichts. Der Sohn trägt voraussichtlich immer dieselben Kleidungsstücke, wenn man ihn lässt. Er liest Krimis, einen SPIEGEL, den er im Zug gefunden hat, und ein Buch über Chemie.

So stehen wir hier also da: Der J. stopft alles, was er hat, in alle Taschen, die wir haben. Der F. malt in der Küche in einen Collegeblock sehr konzentriert ein großes Atom mit einer gefährlich schiefen Elektronenwolke. Und ich versuche, eine lange, lange, lange Liste von Dingen zusammenzustellen, an die ich auf jeden Fall denken muss, denn auch, wenn ich kaum Kleider mitnehme: Mich hab‘ ich halt dabei. Mit meiner Unruhe. Mit meinen immer viel zu vielen Plänen, mit meiner Neigung, alles, was lustig klingt, zuzusagen und es zu meinem Glück wie Unglück zugleich dann auch irgendwie jedesmal zu schaffen. Mit meiner Unfähigkeit, die Wasser des Lebens einmal ruhen zu lassen, mit meinen Talenten, die für viel ein bisschen reichen und für nichts so richtig, und wenn wir morgen ins Auto steigen, werden meine Lasten nicht kleiner sein als die des geschätzte Gefährten, nicht leichter, nur weniger leicht zu sehen.

Sachliches Zuendeleben

Ich weiß es doch auch nicht, denke ich, als ich die D. mich fragt, ob sie wohl was falsch gemacht hat. Mag schon sein, dass sie wirklich ein bisschen viel Zeit mit den Kindern und ein bisschen wenig mit ihrem Mann verbracht hat. Sie vermutet das. Aber wir alle haben doch niemals Zeit, ziehen an unseren Stunden wie unsere Großmütter am Strudelteig, bis sie bis zum Zerreißen dünn werden und man durch sie hindurchschauen und die Finger zählen kann, wie man das früher mal machte. Wäre der Bruch die Folge von zu wenig gemeinsamer Zeit, dann gäbe es kaum mehr verheiratete Paare über 40. Und außerdem: Wenn ihr Mann hätte mit ihr Zeit verbringen wollen, dann hätte er das wohl einfach getan, irgendwo was reserviert und einen Babysitter bestellt. Vermutlich – aber auch das weiß ich nicht – hatten einfach beide keine Lust mehr auf gemeinsame Zeit.

Weil die D. Juristin im Staatsdienst ist, ist die Trennung kein finanzielles Problem. Sie behält die Doppelhaushälfte und zahlt die beiden letzten Jahre ab. Er dagegen hat jetzt eine neue Wohnung und ein neues Auto in Charlottenburg und läuft nun jeden Tag bis zur Kanzlei. Die Kinder bleiben bei ihr. Die große Tochter, mit deren Freundin D.s Ex jetzt was hat, spricht eh nicht mehr mit dem Vater. Der Junge kommt jedes zweite Wochenende und die Hälfte der Ferien.

Ich glaube nicht, dass D.s Ex dauerhaft eine Beziehung mit einem noch nicht ganz volljährigen Mädchen führen wird, denn der gegenseitige Reiz nutzt sich wahrscheinlich noch schneller ab als alle anderen Reize. Das war schon in den Neunzigern so, als wir die Mädchen waren, um die sich die von zu langen Ehen ermüdeten Väter, Trainer oder Lehrer mit mehr oder weniger viel Elan bemühten. In ein paar Jahren wird er vermutlich bei jemandem landen, den man mitnehmen kann, wenn ein Kollege 60 wird. Wahrscheinlich ist seine nächste Frau dann 35 oder so und bekommt sehr schnell ein Kind, für das er mehr Zeit haben wird als für die beiden Großen. Vielleicht mögen sie das Kind trotzdem.

Ob die D. noch einmal einen neuen Partner haben wird? Ich glaube, sie hat keine Lust mehr, noch einmal irgendwelche Kompromisse einzugehen, nicht einmal bei Wochenendtrips oder Badezimmerfliesen. Vielleicht wird sie einen Freund haben, mit dem sie sich in Hotels trifft, wenn die Kinder nicht da sind. Möglicherweise fährt sie ohnehin lieber mit Freunden in Urlaub, denn dann fühlt sie sich nicht dafür verantwortlich, dass es allen gefällt und alles funktioniert.

Es tue ihr so leid für die Kinder, vor allem die Große, sagt die D. Sie dagegen hätte ein bisschen schlechtes Gewissen, dass er ihr nicht mehr fehlt. Sie habe alles in allem gar keine schlechte Zeit. Sie ging ja nie viel weg. Ihr Leben ginge nun einfach so weiter; nicht das schlechteste Leben und auch nicht das Beste, und als ich auflege und ein paar Schritte durch die sich leerenden Straßen laufe, frage ich mich, wieso mich dieses sachliche Ende einer sachlichen Ehe so unendlich verstört.

Work. Life. Balance.

Jaja, denke ich. Work-Life-Balance. Du arbeitest, um zu leben, sagst du, und nicht umgekehrt. Aber seien wir doch mal ehrlich:

Du sagst, du erlebst lieber was, als im Büro zu sitzen. Aber vielleicht hast du einfach nur den falschen Job. 35% der deutschen Arbeitnehmer empfinden ihre Tätigkeit als sinnlos. Rundheraus: Dann würde ich auch lieber auf dem Sofa Serien schauen, dann müsste ich wenigstens nicht raus und mir was anziehen. Aber abseits der Frage, ob du die Welt besser machst, wenn du arbeiten gehst: Ist dein Leben wirklich aufregender, wenn du frei hast?

Erlebst du, gesetzt der Fall, du bist ein Justitiar oder sonst so ein Büromann, auch auf deinem Sofa Königsdramen, weil Abteilungsleiter A. in den Vorstand aufrücken will, aber auch Abteilungsleiterin B.? Konspirative Treffen mit A.s Getreuen am Samstagnachmittag. Ein Wochenende lang überlegen, auf wessen Seite du dich jetzt schlägst, und immer hoffen, dass dein Einsatz sich auch lohnt, weil A. wirklich Chef wird und deinen Einsatz dann auch noch honoriert. Mehr Shakespeare gibt es in deinem Leben doch gar nicht. Oh, und dann der Schwerterkampf, wenn A. und B. – salomonisch beide befördert – in einem großen Meeting aufeinandertreffen und sich unterschwellige Agression langsam steigert und sich schließlich spektakulär entlädt.

Oder du, Anwältin, nachts um eins. Du hast noch 23 Stunden bis Fristablauf. Du bist weit, sehr weit, deine Argumentation ist eigentlich fertig, und du bist zufrieden mit der Schneise, die du in das Gestrüpp des Sachverhalts geschlagen hast. Du bist so konzentriert, wie es andere Leute nach jahrelangen Meditiationscoachings nicht schaffen. Du hast seit Stunden an nichts anderes mehr gedacht, als an diesen Fall. Du hast sogar vergessen, dass du Hunger hast und Halsschmerzen. Den Geburtstag von Tante C., den du abgesagt hast, gibt es gar nicht, du wüsstest gerade gar nicht, dass du Tanten hast. Du bist ein aufs Äußerste gespannter Bogen. Du schreibst und löschst und schreibst wieder, schreibst dich heran an den Kern der Sache, tastest jeden Satz der Gesetze ab, bis ihr Geist unter deinen Fingerkuppen sanft pulsiert.

Fährst du noch nach Hause? Vielleicht schreibst du durch, vielleicht begegnest du morgens um sechs den ersten, die ins Büro kommen, um sauberzumachen. Dann fährst du heim. Nie sieht die Stadt so sauber aus wie um diese Stunde. Der Horizont flimmert vor Licht und Müdigkeit, und in den Augenwinkeln schimmert die Stadt in Farben, die sie sonst keinem zeigt. Langsam lässt die Spannung nach. Es hat geregnet, bemerkst du. Und es ist kühl. Daheim ist alles dunkel: Wirst du jemals wieder so gut schlafen?

Die Liebe, sagst du. Aber wann sind Leute besser angezogen als im Büro? Und wo zeigen sie, was sie alles können. Wie klug sie sind, wie schnell, wie gerissen, wie freundlich. Wie hinreißend Klugheit sein kann oder Mut. Die langen Blicke über den Verhandlungstisch hinweg: So schöne Augen. Sich extra etwas Schönes anziehen, weil sich heute nachmittag die Arbeitsgruppe trifft. Späte Drinks nach Verhandlungen, und beiläufige Berührungen, denen weniger beiläufige folgen oder eben auch nicht. Oder nur manchmal. Sich über Jahre annähern zu können, statt die üblichen paar Dates, nach denen sich dann einer überwinden muss oder es wird eben nichts draus.

Wer im Büro nicht lebt, sage ich, der sollte mal darüber nachdenken, ob es wirklich reicht, morgens und abends ein paar Stunden zu machen, was er will. Und ob das, was er dann macht, wirklich das ist, was er am Ende eines Jahres auf die Habenliste schreibt. Ob man nicht etwas Besseres als den Tod an Langeweile vielleicht nicht überall, aber vielerorts findet. Und ob das Work-Life-Balance-Modell wirklich noch überzeugt, vergegenwärtigt man sich, dass die Zeit, die man sich in öden Jobs langweilt, am Ende des Lebens nicht nachgeliefert wird.

Wall Street

„Und dann hat sie gefragt, was würdet ihr kaufen, wenn ihr neun Millionen hättet!“, berichtet der F. einen Vorfall aus seinem Religionsunterricht.

„Aha.“, sage ich und freue mich, dass der F. heute noch, im Schutz der Dunkelheit sozusagen, auf dem Weg nach Mitte nach meiner Hand greift und fröhlich schlenkernd neben mir hüpft. Es ist der letzte Abend des Festival of Lights, bei dem öffentliche Gebäude mit Lichtprojektionen verfremdet werden, und der F. darf abends mit mir durch Berlin laufen, was schon an sich sehr aufregend ist, wenn man acht ist und eigentlich nach dem Abendessen zu Bett geht.

Es stellt sich heraus, dass die Mädchen alle Pferdehöfe haben möchten. Und die kleinen Jungs entweder eine Rakete oder viele Autos. Einige wollen auch den Hunger in Afrika lindern oder sonst wie Gutes tun.Der Anteil derjenigen, der teilen möchte, ist jedenfalls nicht gering, und darauf, mutmaße ich, wollte die Lehrerin auch hinaus.

Sohn F. allerdings hat für derlei Überlegungen nichts über. „Dann ist das Geld ja weg!“, ruft er gleich mehrfach. Nein, der F. will weder ein Gestüt noch einen Fuhrpark. „Ich hab‘ gesagt, ich kaufe Aktien.“, berichtet Sohn F. mit sichtbarem Stolz und klatscht ein paarmal in die Hände. Von dem Geld, das man dann bekäme (wie heißt es noch, Mama), würde er aber auch etwas spenden.

Dass die Börse den F. deutlich mehr fasziniert als seine Mutter, war mir klar, als er irgendwann im Sommer einem anderen Kind erklärte, sein Lieblings-WasistWas handele von „Geld“. Und als er anfing, die Zeitung zu lesen, und zwar erst Panorama, dann Wirtschaft und erst zum Schluss Politik. Kultur liest er gar nicht, aber gut, er besucht keine Theater, liest die besprochenen Bücher nicht und nimmt an akademischen Debatten nicht teil. Es besteht also noch Hoffnung. Aber läuft’s schlecht, läuft er mit 18 davon, macht in der Fremde einen MBA und verkommt im Sumpf der Wall Street.

Außerdem denkt seine Klassenlehrerin jetzt bestimmt, ich hätte ihm dieses Zeug in die Ohren geblasen.

Gelernt (3)

Auch gelernt: Es ist schwerer als ich dachte, einen Mann einzuladen. Also nicht das Ob eines Treffens, sondern wer zahlt.

Ich finde es nicht mal hierarchisierend, mich einladen zu lassen, weil ich an sich nicht an Geld glaube. Ich lasse mir auch gern Lokale, Speisen und Weine vorschlagen, wenn jemand sich auskennt oder einfach Freude daran hat. Aber irgendwann im letzten Jahr fiel mir auf, dass jedesmal, wenn ich irgendwo mit einem Mann bin, meine Begleitung die Rechnung an sich reißt. Seitdem versuche ich, den Spieß umzudrehen.

Nun, was soll ich sagen: Es haut nicht hin. Einladen kann ich sehr junge Männer, aber dann muss der Altersabstand mindestens 15 Jahre betragen. Abraten kann ich von der Einladung geringfügig jüngerer Männer, die fühlen sich dann nicht ernst genommen und sitzen dann sehr unzufrieden am Tisch. Oder ich setze mich durch (nein, ach, lass mal, ne, jetzt aber, beim nächsten Mal …), aber der Mann fängt unruhig an, auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen, und wer will das.

Es geht hier nicht einmal um irgendwie romantische Treffen. In meinem Alter war Heinrich Himmler schon tot: Ich habe also gar keine romantischen Treffen. Ich treffe Leute einfach so. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, die Hälfte der Begleitungen hält sich für Feministen. Keiner glaubt – zumindest nicht so öffentlich – an unterschiedliche Rollen für Frauen und Männer. Aber sich einladen lassen, und sei es nur auf einen Teller Nudeln? Ich schwöre, der erste, der sich einfach nur ganz normal über eine alltägliche Freundlichkeit freut, bekommt gleich noch einen doppelten Wodka für absolute Coolness und bewundernswerte Souveränität.

Gelernt (2)

Das einzig Gute am Jahr 2021: Ich habe jetzt immer Teig im Haus. Ich habe nicht das Teigmachen gelernt, das konnte ich schon, aber die Routine erworben, ohne die das Können ja eigentlich nichts taugt. Jeden Sonntag werfe ich 1 kg Mehl mit einem Teelöffel Trockenhefe und vier Teelöffeln Salz in die Küchenmaschine, gieße 4 Tassen Wasser und ein bisschen Öl dazu und knete den Teig zehn Minuten lang durch. Eine Nacht abgedeckt im ausgeschalteten Ofen, fünf bis sieben Tage im Kühlschrank, und damit backe ich alles: Semmeln, Baguette, Pizza oder so einen flachen Gemüsekuchen mit allem, was noch im Kühlschrank ist.

Außerdem kann ich jetzt  Frankenlaib backen und Brioche.

Gelernt (1)

Wenn ich dieses Jahr etwas über mich gelernt habe: Ich halte es sehr schlecht mit mir allein aus. Möglicherweise ist das, was manche Leute für Fleiß halten, nichts als der Versuch, mich nicht zu langweiligen, wenn sonst schon nichts los ist. Was ich auch gelernt habe: Anderen Leuten geht es ganz offensichtlich anders. Irgendwo in Berlin gibt es beispielsweise einen wirklich reizenden Mann, der vor ein paar Wochen beim Essen auf meine beiläufige Eröffnung, normalerweise so zweimal die Woche auszugehen, leicht befremdet mitgeteilt hat, er ginge ungefähr zweimal im Jahr aus, und nun hält er mich mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit für fürchterlich oberflächlich und ein bisschen trivial. In anderen Leuten ist seelisch offenbar irgendwie mehr los als in mir.

(Tatsächlich bin ich in guten Zeiten fast jeden zweiten Abend irgendwo aus, zumindest für Drinks mit Leuten, aber das behalte ich dort, wo man mich für eine seriöse Person halten soll, besser für mich)

Chaos und Dankbarkeit

Natürlich lag’s an mir. Als die Textnachricht von Freundin B. einging, beantwortete ich gleichzeitig 22 E-Mails, redete Freundin A. per SMS einen persischen Boxer aus, versuchte, neue Briefumschläge zu bestellen und gestikulierte mit Kollege O., der im Türrahmen stand. Vermutlich hatte ich auch noch irgendwas zu essen im Mund. Egal: Ich notierte: „B. und Familie in Berlin: 26. September“. Dann fuhr ich heim und freute mich sehr, denn die lustige B., Scheidungsanwältin an der Ostsee, ist meine Freundin seit 2000, als wir gemeinsam Referendarinnen waren, und es gibt kaum herzlichere Leute als sie und ihren Mann.

Dass ich der I. und dem S. zusagte, mit ihnen am 19. September in Charlottenburg essen zu gehen, brachte ich mit dem Besuch der B. in Berlin natürlich nicht in Zusammenhang. Waren ja zwei Wochenenden, nahm ich an. Und außerdem habe ich in diesem verdammten Jahr so wenig Freizeittermine, dass ich ein bisschen nachlässig geworden bin, die so ganz präzise zu notieren.

Dass Freundin B. nicht den 26., sondern den 19. meinte, wurde mir erst klar, als eine Textnachricht kam. Sie führen jetzt im Charlottenburger Hotel los. Himmel, fast hätte ich die Nachricht nicht mal gesehen. Ich lese private Nachrichten nämlich manchmal tagelang nicht, weil mein Aufmerksamkeitsbudget nur für meinen Job reicht. Vor Schreck blieb ich einfach stehen.

„Mama, was ist los?“, japste mein liebenswürdiger Sohn, dessen Spekulationen über die Frage, ob Elon Musk genug Geld für einen eigenen Panda hat, mitten im Satz unterbrochen wurden. Wir standen nämlich vorm Pandagehege des Berliner Zoos, um uns herum fotografierten Dutzende Menschen jedes sichtbare Lebewesen, das nicht bekleidet war, und ich drängelte mich irgendwie durch die Massen Richtung Ausgang. „Maaamaaaaa.“, ächzte Sohn F. in exakt dem Tonfall, den seine Lehrerin vermutlich für die hoffnungslosen Fälle reserviert hat, denen es niemals gelingen wird, die zehn Gebote in der richtigen Reihenfolge aufzusagen. Dann folgte er mir zum Elefantentor.

Im Bus nach Hause lärmte Berlin. Immerhin vorschriftsmäßig maskiert schunkelte die Jugend der Stadt von City West zur City Ost. Neben uns sperrten missvergnügte Polizisten eine Straße, weil eine Fahrraddemo da vorbeiwollte, Sohn sprach über Aktien, ein Thema, über das ich ausgesprochen wenig sagen kann, und als wir ankamen, waren wir immerhin zehn Minuten vor der B. da. Wir kündigten an, Schnitzel zu holen, aber Schnitzel waren aus. Es gab also Pizza. Und es war schön. Entspannt, fröhlich, ach, zum Umarmen schön, und deswegen reagierte ich erst auf die vorgerückte Zeit, als das Telefon schnarrte. Die I. war inzwischen im Restaurant angekommen und fragte, ob sie schon einmal bestellen sollten. Ich sprang also auf und lief davon.

Der Weg nach Charlottenburg ist weit. Die Radfahrerdemo war inzwischen weg, aber dafür demonstrierten erst Kurden und dann Leute, die Vermieter enteignen wollen, weil sie keine Miete mehr zahlen möchten, und außerdem fuhr trotz der vorgerückten Stunde die ganze Stadt aggressiv und ziemlich schnell quer über Berlins Magistralen. Als ich ankam, hatten die I. und der S. die ersten beiden Gänge also schon gegessen.

Ich bestellte ganz schnell Tartar und Grüne Soße. Ich orderte Sekt, ich erzählte, lachte, hörte zu, lachte wieder, produzierte massenweise Meinung über Politik, Schulen, Kinder, Verfassungsrecht, Mitarbeiterführung, unsere Eltern und überhaupt alles, und freute mich fürchterlich, den S. und die I. zu sehen, weil ich die beiden Freunde bei unserem letzten Zusammentreffen so ein wenig wenig gesprochen hatte vor lauter anderen Leuten. Dann aß ich herrlich und in Freuden noch ein Dessert, und als ich ging war es 12. „Die Stadt ist zu.“, sagte der dicke, russische Taxifahrer und bot mir Milchbonbons an.

Als ich heimkam, war der Besuch weg und der F. schlief, seinen Plüschpanda im Arm. Auf dem Sofa lag der geschätzte Gefährte mit einem letzten Glas Wein, und als ich zu Bett ging, war ich ein bisschen dankbar für alles: Für die Freundschaft. Für die Großzügigkeit aller Freunde im Umgang mit dem Chaos, das sich mir lebenslang um die Füße wickelt, und für die Nachsicht, die Mann und Sohn den rasanten Wendungen meines Alltagslebens so entgegenbringen: Für die nicht zuletzt.

Adieu

So geht es wohl zuende, mein Berlin, denke ich, als ich die sechs Treppen abwärts laufe nach dem Abschied von noch einem, den ich so sehr mag und der Berlin verlässt. Die Stadt gibt es nicht mehr, in der es immer noch für jeden einen Platz gab, einen Texterjob, etwas Kleines am Theater, Übersetzerjobs, eine Aushilfe am Telefon oder an der Bar. Uns gibt es auch nicht mehr, rauchend auf dem Schlachtensee, Sekt und Wodka auf dem Dach: All unsere Sensationen und unsere grenzenlosen Körper morgens um halb fünf.

Wir sind so müde geworden, schließe ich an der Lausitzer Straße mein Fahrrad los und fahre zurück ins Büro. Hier ging er 15 Jahre los, mein Sommer, am ersten Juniwochenende, erinnere ich mich aller Feste hier, aller leuchtenden, elektrischen Nächte, die dieses Höllenjahr zerbissen, zerissen und weggeworfen hat, und uns bleibt nichts davon als Staub, Polizeieinsätze am Kottbusser Tor, das kurze Zögern, bis man sich dann doch umarmt, so zaghaft und vorsichtig, als seien wir so zerbrechlich wie das, was unser Leben war und unsere Stadt.

Adieu, mein Lieber, drehe ich mich noch einmal um. Bleib diesmal gesund und komm bald wieder.