Angela Merkel und ich

Vor ungefähr einem halben Jahr war F.’s Kitagruppe im Bundestag. Der örtliche Abgeordnete stellte sich vor, erzählte gemeinsam mit seinem Büroleiter, was Abgeordnete eigentlich den ganzen Tag so tun, und dann liefen die Kinder einmal durch die Reichstagskuppel und schauten sich alles an. Am Nachmittag kam der F. heim und berichtete, der Abgeordnete interessiere sich für Strom, im Bundestag stehe die deutsche und die europäische Flagge, und er habe genau gesehen, wo Angela Merkel sitzt.

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In den nächsten Wochen wuchs sein Interesse an der Kanzlerin. In der Kita wurde als Teil des auch den Bundestagsbesuch umfassenden Projektes eifrig abgestimmt und gewählt, immerzu befand sich der F. im Wahlkampfmodus, und vermutlich verehrt der F. die Kanzlerin nicht nur, weil sie derzeit Deutschlands oberste Bestimmerin ist, sondern weil es ihr auch gelungen ist, mehrfach wiedergewählt zu werden. Wahrscheinlich denken nur noch Frauke Petry und Frau Merkels Büroleiterin mehr an das Regierungsoberhaupt der Republik, anders als bei Frau Petry steht der F. der Kanzlerin allerdings sehr positiv gegenüber, insbesondere über ihre Flüchtlingspolitik ist er ganz anderer Ansicht als jene. Erst kürzlich verstieg er sich gar zu der Ansicht, Frau Merkel habe nichts falsch gemacht, eine Ansicht, die nicht einmal Mitarbeiter und Parteigänger in dieser Absolutheit teilen.

Vor kurzem erfuhr der F. nun, dass Angela Merkel sich nächstes Jahr einer Wiederwahl stellen muss. Seitdem tobt der Wahlkampf. Zuerst wurden wir gefragt, ob wir denn auch wirklich Merkel wählen und ernsthaft vermahnt, nichts Falsches zu tun. Dann wurden andere Eltern unterwiesen. Kürzlich hat der F. auch seine Erzieherinnen interviewt, und wenn mich nicht alles täuscht, verbreitet sich im östlichen Teil des Prenzlauer Berges gerade das Gerücht, der J. und ich seien stramme Christdemokraten. Wir müssen das bei Gelegenheit mal richtigstellen.

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Diese und jene

Ich bin ein Kleinstadtkind. In unserer Kleinstadt gab es nur eine Grundschule, in die gingen alle Kinder. Man hört oft, eine Schule für alle sei super für alle Kinder, weil die Lernschwachen von den -starken lernen, und die Starken von den Schwachen soziale Fähigkeiten erwerben, also anderen helfen und so, aber in Wirklichkeit war nichts davon der Fall. Die meisten Kinder, die auch am Ende der vierten Klasse kaum richtig lesen und schreiben konnten, lernten nämlich schon deswegen nichts von den guten Schülern, die Blockflöte und Schach spielen konnten, weil sie diese Kinder abgrundtief verachteten und über sie – mich eingeschlossen – sofort mit Stöcken und Steinen hergefallen wären, wenn die Lehrerinnen das erlaubt hätten. Die Kinder mit Blockflöten und Einserzeugnisen wiederum lernten kein besseres Sozialverhalten von den Kindern mit Versetzungsschwierigkeiten, weil letztere ihnen wegen eines schwer verständlichen Überlegenheitsgefühls keine Gelegenheit gegeben hätten, ihnen bei den Hausaufgaben oder so zu helfen.

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Nach der vierten Klasse trennten sich die Wege. Ich habe zu den Kindern, die nach der vierten Klasse die Hauptschule besuchten, keinen Kontakt mehr. In den letzten Tage habe ich aber mehrfach an diese Kinder gedacht. Ich glaube nämlich, dass diese Kinder – in der amerikanischen Version natürlich – es waren, die letzte Woche Trump gewählt haben. Woher ich das weiß? Ich habe sie erkannt. Sie waren in der Zeitung abgebildet, wie sie breitbeinig vor ihren Gartenzäunen standen. Ich habe gelesen, dass sie Hispanics im Supermarkt gejagt haben und Frauen angerempelt und beleidigt haben. Ich kenne das nämlich von früher, mein Schulfreund M., der einen leichten Sprachfehler hatte, wurde mal minutenlang zwischen drei dieser grölenden Jungen herumgeschubst. Ich bin Asiatin und wurde deswegen von diesen Jungen grundsätzlich Schlitzi gerufen, und meiner Freundin K. wurde einmal von denselben Jungen die Flöte zerbrochen. Sie wurden jedesmal ermahnt, bestraft und ihre Eltern einbestellt, aber ich kann mich an kein Zeichen der Reue erinnern.

Gerade quellen die Zeitungen über von Artikeln, in denen es heißt, dass die armen, weißen Männer zu wenig Geld hätten und zu wenig Zukunftsaussichten. In diesen Artikeln schwingt immer mit, dass diese Leute dann, wenn sie mehr verdienen würden, nicht jemanden gewählt hätten, der sich bis heute nicht für die Belästigung von Frauen entschuldigt hat und Muslime registrieren lassen will. Außerdem wäre es auch irgendwie verständlich, dass Leute mit zu wenig Geld und zu wenig Anerkennung aggressiv werden.

Es mag sein, dass es auch diese Leute gibt. Es gibt aber auch die Jungen aus meiner Grundschulklasse. Die haben gar nicht in jedem Fall zu wenig Geld. Die sind nicht besonders gebildet, weil sie Eierköpfe verachten. Dafür können manche von ihnen Sachen mit den Händen machen und haben sich damit Einfamilienhäuser und Audis A 6 verdient. Wenn man denen zuhören oder ein bedingungsloses Grundeinkommen gewähren würde, würde sich nichts an ihrer Weltsicht ändern. Die sind nämlich gar nicht weiter rechts als früher. Die haben schon mit sechs, sieben, acht alle verachtet, die ihnen irgendwie anders, feinstofflicher, schwächer, ausländischer oder behinderterer erschienen verachtet. Die hätten uns bespuckt, wenn sie gekonnt hätten. Die kann man nicht bestechen, dass sie wieder demokratisch werden, weil sie es nie waren. Ich weiß nicht, was man mit denen macht. Bis auf weiteres verachte ich deswegen zurück.

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Kleiner Abschied

Auf einmal hat der Erziehungsaufwand des F. deutlich angezogen. Bis vor einigen Monaten reichte es, dass er satt und sauber war und immer dabei. Sprechen, laufen und wie ein Mensch essen lernen Kinder nämlich praktisch von selbst. Gut, das Radfahren hat ihm der J. im Park beigebracht, aber eigentlich lief der F. so verhältnismäßig beiläufig neben uns her und quatschte von morgens bis abends, denn der F. kann sehr, sehr gut und vor allem viel sprechen. Dafür klettert er nicht wesentlich geschickter als ein Sack Zement seine Mutter.

Dann fuhren wir in Urlaub, und als wir zurückkamen, lag ein laminierter Zettel im Fach des F. in der Kita. Es soll Theater gespielt werden, und auf dem Zettel stand seine Rolle. Seitdem sitzen wir also in allen möglichen Situationen, wenn wir also gerade dran denken, und lassen ihn seine Rolle aufsagen. Zwischendurch hatte die Erzieherin ihm wohl mal erzählt, es liefe noch nicht so dolle, da war er sehr traurig, und ich schämte mich sehr, weil wir doch schuld waren mit unserer Faulheit. Inzwischen wurde er gelobt, jetzt ist er wieder obenauf und benörgelt seinerseits die Leistungen Dritter.

Dann schickte seine Klavierlehrerin eine E-Mail. Alle Mails, die Kinder betreffen, erhalten Mütter. Sie schickte also mir eine E-Mail. Im Anhang befand sich das Klavierstück, das der F. auf dem Weihnachtskonzert spielen soll. Stück ist etwas übertrieben, es handelt sich um  ein Stück, das zum größten Teil die Klavierlehrerin spielt, und der F. spielt auch einige Sequenzen.

Seither hat unser Familienleben ein wenig gelitten. Täglich fragen wir ab, ich kann den Part der Klavierlehrerin jetzt auch schon auswendig, ab und zu bauen wir den F. auf, weil er in Tränen ausbricht, wenn irgendetwas nicht auf Anhieb hinhaut, und eines Nachts habe ich ihn vorm Klavier beim Üben erwischt. Dafür strahlt er, wenn es gut läuft, und wächst, wird er gelobt, um einige Zentimeter auf ungefähr 1,15.

Auf der einen Seite freue ich mich über meinen großen, klugen Kerl. Ab und zu schaue ich ihn an und finde ich hinreissend in seiner flinken, gewitzten Fröhlichkeit. Wie er sich über Bewunderung freut, wenn er im Museum seiner besten Freundin von Julius Caesar erzählt, den die Römer umgebracht haben, weil sie keinen Kaiser wollten. Wie er strahlt, wenn er beim Italiener seine drei, vier Worte Italienisch aus dem Urlaub herauskramt und alle sich freuen. Wenn er sich über Bücher, kleine Bürogeschichten, Politik unterhält, ganz genau nachfragt, sich vorsichtig an Meinungen herantastet und dann ganz sicher wird und sehr überzeugt von einer Seite, auch wenn es zwei oder mehr davon gibt. Dann aber schaue ich ihn an, wenn er auf dem Sofa sitzt und singt und nehme jeden Abend ein kleines bisschen Abschied von dem rundlichen Baby auf der blauen Decke mit dem Wal, von dem wackeligen Kleinkind, das sich am Tisch festhielt, von dem kleinen Kerl mit dem Löffel voll Kartoffelbrei und will jeden Moment festhalten und gleichzeitig mit ihm weiterstürmen, ins Grenzenlose und darüber hinaus.

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Im Skykitchen (der kinderlose Freitag)

Wir ärgern uns. Der R. und die I., die eigentlich immer wissen, wo man gut isst, wollten uns schon vor zwei Jahren ins Skykitchen lotsen, aber einmal war kein Tisch zu unserem Wunschtermin zu haben, dann hatten wir uns in die Cordobar verliebt und waren andauernd da. Schließlich rief ich dann doch an und stand schließlich leicht erschauernd mehrere Wochen später vorm Portal des Andels Hotel. Das Hotel sieht aus, als sei die DDR auf einmal doch zu etwas Geld gekommen, ringsherum stehen scheußliche Häuser, ein Burger King, die Europaschwimmhalle und die S-Bahn Landsberger Allee. In einer solchen Umgebung werden normalerweise Schweine geschlachtet, und zwar nicht die glücklichsten Vertreter ihrer Art.

Ist man oben angekommen und tritt aus dem Fahrstuhl, sieht die Welt wieder anders aus. Bunte, sehr schöne Stoffe, Teppich auf Sichtbeton, so eine gute Mischung aus Moderne und Gemütlichkeit, vielleicht ein bisschen zu konfektioniert, aber auf dem Sofa würde ich mich sofort einrollen und einschlafen. Das Beste ist aber die Sicht. Der J. und ich saßen am Fenster, starrten über Berlin, unter uns eine der großen Straßen, auf denen die Autos stadtauswärts fahren, und all die Lichter der Stadt, die wir lieben.imageWir sind ein bisschen aufgedreht, lachen über nichts, machen Leute nach, loben Lampenschirme und bestellen, weil wir den noch nicht kennen, einen Belsazar Wermut, einen rosé, und sind so begeistert, dass ich gleich am nächsten Tag eine Flasche kaufen muss. Wermut, erzählt der sehr, sehr gute Kellner, sei das nächste große Ding. Auf nächste große Dinger habe ich meistens aus Prinzip keine Lust, aber der Wermut ist so gut, dass jeder, der mich besucht, den jetzt trinken muss, bis keiner mehr kommt.imageDie Menüauswahl ist nicht ganz einfach. Es gibt elf Gänge, von denen kann man sich zwischen drei und elf aussuchen. Wir entscheiden uns für acht, dazu drei Weine für mich, vier für den J., und dann lehnen wir uns zurück. Ich habe richtig Hunger, das Mittagessen ist inzwischen schon lange her, und deswegen esse ich ganz schnell den halben Brotkorb leer. Der J. nimmt die andere Hälfte. Es gibt vier verschiedene wahnsinnig gute Brotsorten und Brötchen, zwei Buttersorten, und zu Hause wäre ich jetzt mit dem Abendessen vermutlich fertig. Statt dessen kommen zwei Grüße aus der Küche.imageAls das Maiscremesüppchen mit Kaninchenpraline erscheint, schauen wir uns an. Das ist sehr, sehr gut, genau das richtige Maß an süffiger Fettigkeit, rund, cremig, ich will sofort eine Wanne davon und mich darin wälzen. Statt dessen erscheint ein Labskaus, ein Gedicht aus verschiedenen Konsistenzen, salzig, kross, weich, seidig: Schon weg. Als der Teller abgeräumt wird, habe ich sofort ein bisschen Heimweh nach diesem Essen.imageInzwischen steht auch der erste Wein vor mir. Ich vergesse alle Weine sofort, bis auf den Wein zum Hauptgang. Das liegt aber an mir. Ich trinke ganz gern Wein, kann mir aber nichts merken, außer den Etiketten, und hier vergesse ich auch die. Nur das Essen bleibt hängen, diesmal eine Saiblingsvariation.image Ich würde gern den Teller ablecken, aber statt dessen bringt der Kellner nun einen Teller mit Roter Krabbe, Sardelle, fischig, Käse ist auch dabei, ganz gut, aber nichts, was ich sofort wieder essen müsste, aber dafür ist der nun folgende Gemüsegang der Brüller. Es handelt sich um Blumenkohl, irgendwelche Cremes auch aus Gemüse und in der Mitte ein confiertes Eigelb. Ich bin so hingerissen, ich lasse mir sofort erklären, wie das geht, so ein Eigelb, und wenn ich jemals die Frage, ob ich Vegetarismus attraktiv finde, positiv beantwortet hätte, dann in diesem Moment. Ja, ich will. Den Rest meines Lebens exakt so etwas essen.imageInzwischen bin ich praktisch satt. Es folgt ein Würfel Milchferkel mit einer großen Krabbe, sehr lecker, aber Schweinefleisch und ich werden vermutlich in diesem Leben keine Freunde mehr. Ich mag die Konsistenz nicht, und wieso Schwein verwenden, wenn man auch Kalb essen kann. Ich habe irgendwo gelesen, es gibt eh zu viele Kälber, weil die Deutschen so viel Milch trinken, und deswegen votiere ich dafür, in allen Rezepten der Republik Schwein durch Kalb zu ersetzen. Dann wäre auch dieser Gang vor lauter Perfektion nicht mehr auszuhalten.

Das Maishähnchen ist makellos. Ein zartes Stück Brust, ein wenig Keulenfleisch in einer leider etwas zu heißen Frühlingsrolle, hauchdünner Kürbis, und es tut mir um jedes Gramm leid, dass auf dem Teller bleibt, weil ich mich nicht traue, ihn abzulecken oder zumindest mit dem Finger rückstandslos zu leeren. Mein Gott. Dieses Huhn ist für einen guten Zweck gestorben.imageDas gilt auch für den Hauptgang, Rib Eye mit Langos, also so kleinen Langoskugeln, mit Paprika paniert, was ein etwas seltsames Mundgefühl hinterlässt. Vielleicht wäre hier ein etwas saftigerer Überzug von Vorteil. Das Gemüse ist auch hier grandios, das Fleisch sehr präsent, sehr verdichtet. Der Wein, von Born von der Saale-Unstrut, passt perfekt. Ich hätte niemals einen so nördlich angebauten Rotwein bestellt, ich würde noch ein Glas bestellen, wenn ich noch etwas trinken könnte, aber statt dessen ächze ich dem Nachtisch entgegen.imageDer Käse jedenfalls, eine Zusammenstellung eines sehr cremigen und eines festen, gehobelten Käses auf einer Pumpernickelcreme mit rohem, knackigem Gemüse ist so fein, dass ich eigentlich aufhören könnte. Statt dessen folgt ein Predessert. Der Pflaumentee ist okay und sieht schön aus. Das Kalamansisorbet ist aber so dicht, so eine Explosion von Frucht, Süden, barfuß tanzen, dass ich nahe dran bin, meinen Nachtisch abzubestellen und statt dessen noch zwei von diesen Gläschen zu verlangen. Der Nachtisch – es nennt sich Müsli und ist natürlich keins – ist aber auch nicht schlecht. Noch besser die Beerenvariation, die der J. bestellt hat. Die Pralinen sind dann sehr in Ordnung, aber nicht so herausragend wie der Rest. Auch der Dessertwein ist sehr fein, aber nichts, was man nie getrunken hätte. Konsequent habe ich ihn sofort vergessen.image

Als wir vier Stunden nach unserer Ankunft in den Aufzug steigen, fühlen wir uns grandios. Die Stadt flackert und leuchtet uns entgegen. Wir schlendern nach Hause, das sind nur knapp 30 Minuten, erzählen uns das ganze Essen von vorn bis hinten und umgekehrt noch einmal, schmatzen laut in die staubige Luft der Danziger Straße und schlafen tief, sehr tief, angefüllt mit Essen und Glück.

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Der kinderlose Donnerstag

Man denkt ja immer, es trifft nur die anderen. Man selbst würde, ist das Kind erst mal da, natürlich niemals seine kinderlosen Freunde vernachlässigen, keine Konzerte mehr besuchen oder zunehmen. Dann aber ist das Kind da, man trinkt nicht mehr, man ist dauernd müde, und auf einmal vergehen zwei Jahre und man hat die kinderlosen Freunde nicht einmal gesehen. Es vergehen drei Jahre und man lädt sich nicht mehr zum Geburtstag ein, weil das ja auch etwas komisch wäre, wenn man sich sonst nie sieht, und wenn vier Jahre vorbei sind, das Kind kann allein essen, sich allein anziehen, allein auf Toilette gehen und allein spielen, bemerkt man, dass man seine alten Freunde vermisst.

Nach vier Jahren einfach wieder um die Ecke zu kommen, sieht natürlich auch komisch aus. Ich googele deswegen abends auf dem Sofa den alten, kinderlosen Freunden erst einmal hinterher. Wer was macht. Berufe. Wohnorte. Konzerte, auf denen sie waren, Bärte, die sie sich haben wachsen lassen, all das, und dann überlege ich mir, mit wem ich gern einmal wieder ein Glas Wein oder auch drei oder vier trinken würde, und wer sich freut, wenn ich mal wieder anrufe, und nehme mir vor, mich noch dieses Jahr wieder zu melden. Na gut: Noch diesen Winter.

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Der kinderlose Mittwoch

Am Morgen wartet das Taxi vor der Tür und fährt mich nach Tegel. Es ist früh, sehr früh, und ich bin noch nicht ganz wach. Als Berlin unter mir kleiner wird, immer kleiner und schließlich unter Wolken verschwindet, fallen mir für einen Moment die Augen zu. Ich habe heute nach von einem weißen Haus geträumt, in das ich einziehen wollte, obwohl ich im Wachzustand kaum etwas so abschreckend finde wie ein eigenes Haus. Es gab aber Schwäne dort, einen riesigen Nussbaum und die Zweige einer Weide hingen in spiegelndes Wasser.

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Neun Stunden später bin ich wieder in Berlin. Ich bin inzwischen sehr solide übermüdet, am Rande dieses Stadiums der Müdigkeit, in dem die ganze Welt sonderbar illuminiert wirkt, so ein wenig zu sehr gesättigte Farben, dafür alle Töne und Stimmen leicht verrauscht. Wenn ich die Augen schließe, drifte ich weg, deswegen halte ich mich wach und höre dem Taxifahrer zu, der schimpft, dass in Berlin nur noch Ausländer genug Geld dafür hätten, Taxi zu fahren. Überhaupt würde alles immer schlimmer, deswegen würden auch immer mehr Leute die AfD wählen. Mit den Flüchtlingen hätte das gar nichts zu tun, behauptet der Taxifahrer, nur mit Angela Merkel, die endlich zurücktreten sollte, damit alles wieder besser wird und auch der kleine Mann wieder so viel Geld in der Tasche hätte, dass er es sich leisten könnte, abends mal einen drauf zu machen und mit dem Taxi heimzufahren.

Ich bin zu müde, um zu widersprechen, heute und überhaupt. Ich schweige angeekelt und starre aus dem Fenster und überlege, wann die selbstfahrenden Autos wohl endlich so weit sind, dass sie mich schweigend durch Berlin fahren, aber vermutlich vermieten die Taxiunternehmen die Fahrzeit dann für Werbung, und ich muss mir die ganze Zeit Werbung anhören, die natürlich personalisiert sein wird und auf allem fußt, was ich jemals im Internet nachgeschaut habe.

Zu den beworbenen Waren und Dienstleistungen wird dann in vielen Jahren sicherlich auch das natürlich großartige künftige Spätwerk Christian Krachts gehören. Der ist dann vielleicht siebzig. Und ich bin eine ältere Dame, die im selbstfahrenden Taxi sitzt und Christian Krachts toller Stimme zuhört, der einen kurzen Auszug aus einem Roman vorlesen wird. Das Taxi wird mich zur Kracht-Lesung fahren, die ganz so wie heute im Deutschen Theater stattfinden kann und grandios sein wird. Nur bessere Plätze hätte ich dann gern und nicht in Reihe 15 direkt an der Säule.

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Der kinderlose Dienstag

Es gibt Mahlzeiten, die man aus Bequemlichkeit oder Zeitmangel auswärts isst. Spaghetti Bolognese etwa, das kann man prima zuhause machen, aber es dauert halt vier Stunden, und die habe ich nicht. Es gibt aber auch Essen, das ich nicht zuhause esse, weil ich das nicht kann. Das betrifft die ganze Hochgastronomie, aber auch Steaks mangels offenem Feuer und Schnitzel. Die sind bei mir nämlich ungefähr zentimeterdick, die Panade klebt eng am Fleisch und das Ganze schmeckt okay, aber eher nach Bielefeld als nach Wien.

Nun verfügt Berlin über mehrere renommierte Schnitzelbräter. Ich schwöre aufs Alt Wien. Das ist zum einen bei mir um die Ecke, zum anderen ist es großartig. Hauchdünn, riesengroß, perfekter Kartoffelsalat. Hirter Bier und Null Komma Josef, ordentlicher Wein.

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Als ich komme, sind Herr SvenK, seine zauberhafte Frau und Frau Wortschnittchen schon da. Der J. biegt gerade um die Ecke. Es werden vier Schnitzel bestellt, drei Bier und einen Wein, danach eine Mehlspeisenplatte. Wir sprechen über Craft Bier (wir waren am Wochenende mit dem großartigen Mek und seiner Frau ausführlich Bier trinken), über Neukölln, über Kommunalpolitik, Reisen, unsere Eltern und wie man nach Kambodscha kommt. Ich bestelle noch einen Wein. Das Leben ist schön.

Aber die Wohnung ist wahnsinnig leer ohne Kind.

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Der kinderlose Montag

Eine Woche weilt der F. allein bei den Großeltern, weil seine Kita vier Tage geschlossen hat. Teamfortbildung. Ich habe ein bisschen Angst vor Teamfortbildungen und den daraufhin unweigerlich folgenden pädagogischen Experimenten, weil ich Veränderungen nicht schätze und die aktuellen pädagogischen Trends für Blödsinn halte, vom offenen Konzept bis zur Kompetenzorientierung. Vermutlich liegt das am Alter. Leute werden ja immer konservativer, wenn sie älter werden. Das gilt auch für mich, allerdings bisher begrenzt auf das Gebiet der Erziehungswissenschaften.

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Dem F. geht es bei den Großeltern prächtig. Er isst den ganzen Tag leckeres, sehr fettes Zeug, spielt im Riesengarten und übt mit der Großmutter seine Theaterrolle für die Kitaaufführung und Schwungübungen, weil es ihn irgendwie fertig macht, dass seine Fünfen nicht so schön aussehen wie die eines anderen Kindes in seiner Kitagruppe, das er um die Schönheit seiner Zahlen heftig beneidet.

Es ist unglaublich, wie viel Zeit man hat, wenn das Kind nicht da ist. Man kann bis nach acht im Bett liegen und ist trotzdem um halb zehn im Büro. Man muss sich im Büro nicht beeilen, weil es ja total egal ist, wann man nach Hause kommt. Man kann sich irgendwann nachmittags Kaffee holen, man kann plaudern, man kann der Uhr dabei zusehen, wie es acht, neun, halb zehn wird, und wenn man nach Hause kommt, lässt man sich aufs Sofa fallen und isst Falafel von der Bude um die Ecke.

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Madame hat Schulangst

Oje. Da stehe ich also, ein Glas Sekt in der Hand, ein paar Nüsse in der anderen, und fürchte mich. Mir gegenüber steht eine ältere Lehrerin, Großmutter eines der anwesenden Kinder auf diesem Geburtstag, und plaudert über die Schule. Jahr für Jahr, so behauptet sie, sei immer weniger vermittelt worden. Die Klassenarbeiten der Siebziger wären für ihre letzte vierte Klasse nicht mehr zu schaffen gewesen. Im Gegenzug sei aber nichts an Kenntnissen oder Fähigkeiten dazu gekommen, was den Verlust an Wissen, an der Fähigkeit zu rechnen, zu schreiben, zu lesen, kompensieren würde. Die Kinder in der Kleinstadt, in der sie wohnt und wo sie bis vor zwei Jahren unterrichtet hat, seien schlicht ungebildeter als ihre Eltern.

Die Kompetenzen, die die Kultusbürokratie als Zugewinn verkaufen würde, gäbe es schlicht nicht. Die Kinder könnten sich schlechter konzentrieren, sie seien undisziplinierter, wären motorisch weniger versiert, sie seien aber auch nicht sozial kompetenter als ihre Vorgänger, obwohl das immer versprochen worden sei. Sie hätte ihre Kinder immer gemocht, aber das Elternhaus verlasse sich auf die Schule, und die senke alle Ansprüche immer weiter ab, um Konflikten aus dem Weg zu gehen und um sozial Schwache zu fördern.

Besorgt schaue ich mich nach meinem F. um. Der F. ist vier, fröhlich und eloquent, er wird in zwei Jahren zur Schule kommen, und der Zustand der Berliner Schulen, von dem man immer in der Zeitung liest, ist ohnehin nichts, was uns glücklicher macht. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Berliner Kinder am Ende der Grundschule ein ganzes Jahr Rückstand gegenüber kleinen Bayern haben, und vermutlich beträgt ihr Rückstand gegenüber den Bayern Jahrgang 1970 mindestens drei. Ich kann danach wohl nur beten, dass der F., wenn er erwachsen ist, auch nur annähernd die Fähigkeiten besitzt, die ein Archäologe braucht, um eines Tages die Bundeslade zu finden, was dem F. gerade als Endziel seiner Bildungsbemühungen vorschwebt.

Auf keinen Fall dürfe ich meinen Sohn dem öffentlichen Schulsystem Berlins anvertrauen, erzählt mir die Lehrerin noch, und ich überlege, wie eigentlich die Alternativen aussehen. Die meisten der Privatschulen der Stadt, zumindest die mir bekannten in der näheren Umgebung, sind nämlich eher dafür bekannt, mit großem Brimborium alles Mögliche vorgeblich zu unterrichten, das die Kinder dann aber gar nicht beherrschen, was aber angeblich zum Programm gehört. Sehr anspruchsvoll ist keine dieser Schulen, weil die meisten Eltern zwar möchten, dass ihre Kinder alles Mögliche können, aber auf die Barrikaden gehen, wenn der Erwerb dieser Fähigkeiten mühsam und quälend verläuft und manchmal in Tränen und Misserfolgen endet. Außerdem hat niemand Zeit für Hausaufgaben. Wir auch nicht. Wir hatten deswegen eigentlich an die örtliche Grundschule gedacht, die einen ganz guten Ruf hat.

Auf dem Heimweg atme ich erst mal durch. Was soll’s, denke ich dann. Virginia Woolf ist gar nicht zur Schule gegangen. Entweder ist der F. so klug, dass nicht mal das marode Berliner Schulsystem ihm schaden kann, und er liest sich alles, was er braucht, in seiner Freizeit an. Oder er ist es nicht, dann profitiert er vermutlich immer noch von den immensen Vorteilen der Kinder bildungsbürgerlicher Familien, von denen man immer in der Zeitung liest, wenn es um die Ungerechtigkeiten des Schulsystems geht.

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Nach Hause.

Am Ende kommt der Regisseur Emil Nägeli nicht mit dem Film nach Deutschland zurück, den zu drehen ihn der japanische Offizier Masahiko Amakasu, vermittelt durch den Direktor der UfA, Alfred Hugenberg, angeheuert hat. Nägeli hat keinen Stummfilm gedreht, der die gemeinsamen Ideale der faschistischen Diktaturen Deutschland und Japan verherrlichen würde. Die Idee einer Achse aus Zelluloid, einer gemeinsamen Filmkultur in Abgrenzung zur großen Illusionskunst Hollywoods ist schon im Ansatz gescheitert. Der Hans im Glück, als dessen zerquälten, zarten Bruder wir Nägeli kennenlernen, wird das viele Geld der Japaner Etappe für Etappe für etwas anderes eintauschen, um ganz am Ende mit fast leeren Händen heimzukommen, zumindest, wenn man die Maßstäbe des Auftraggebers anlegt.

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Nägeli ist schon vor seiner Reise von Berlin nach Japan kein deutscher Monumentalfilmer, damit durchaus dritte Wahl der Japaner, sondern ein sensibler Schweizer, angegriffen durch den kürzlichen Tod des durchaus ambivalent gezeichneten Vaters, abgestoßen durch das barbarisch scheppernde Berlin der Dreißiger Jahre, in dem die Filmkritiker Kracauer und Eisner am letzten Tag vor der Flucht nach Paris als einzige Menschen unter alptraumhaften Fratzen ihm die Idee eines ganz anderen Films einpflanzen. Doch auch dieser Film wird nicht gedreht werden. Hans im Glück wird auch diese Idee, den Coup der Emigranten, nicht als Film nach Hause bringen, denn kaum in Japan angekommen, bemerkt er, dass seine Verlobte Ida von Uexküll ihn mit Masahiko Amakasu betrügt, und filmt den Betrug durch ein Loch in der Wand.

Dieser Betrug wird zur Urszene des Films, den Nägeli am Ende einem erfreut-verständnislosen Zürcher Publikum vorführen wird, Ausgangspunkt einer zusammenhanglosen Zusammenstellung von Bildern von Fischern, Gegenständen, Bergen, eines Raums mit europäischen Gemälden und Erinnerungsstücken am äußersten Rande Asiens, die Nägeli auf einer langen Reise zu Fuß, per Schiff und per Zug zusammengefilmt haben wird. Es ist eine Reise nach Hause, auch eine Reise mit sozusagen glücklichem Ausgang, an deren Ende nicht das kalte Wasser des Zürichsees oder die Maden eines chinesischen Lagers warten, sondern eine Professur und eine bürgerliche, quasi Eichendorffsche Behaglichkeit, eine gewisse Selbstverzwergung inbegriffen.

Doch ein Eichendorffscher Taugenichts ist Nägeli nicht. In Nägeli glänzt nicht die anima candida der Romantik, er ist durch Kindheitstraumata und Lieblosigkeit aus dem Paradies vertrieben, und so verflucht er Ida und Amakasu, die dann – wie Fluch und Erzähler es wollen – einen elenden und grotesken Tod finden. Auf den letzten Seiten des Romans fällt  Ida vom großen H des Hollywoodschriftzugs in die Kakteen. Amakasu, dieser dunkle Doppelgänger Nägelis, ertrinkt im Meer.

Überhaupt wird viel gestorben in diesem Roman, dessen erzählerischer Boden fortwährend zu schwanken scheint. Die unruhigen Zeiten übertragen sich auf die Protagonisten, die – Eisner und Krakauer ausgenommen – ebenfalls halb wie Schlafende, halb wie böse, dämonenhafte Puppen durch die Handlung wanken. Eingeschlossen in diese Schale aus Untergängen aber erzählt Kracht seine Geschichte vom unreinen Tor, den er mit einer Heimkehr beschenkt wie noch keinen seiner Reisenden zuvor.

Christian Kracht, Die Toten, 2016

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