Die Zauberer, der F. und ich

Ich wusste gar nicht, dass du dich auch für Zauberer interessierst, schwenkt ein begeisterter F. mein neues Buch durch die Küche. Zeit der Zauberer steht da weiß vor blauem Himmel, und der neugierige F. hat es von meinem Nachttisch geklaubt. Klaro, sage ich, strecke die Arme aus und F. samt Buch sitzen auf meinem Schoß. Der F. ist in den letzten Monaten wahnsinnig gewachsen und trägt seit kurzem Größe 122. Wenn er auf meinem Schoß sitzt, berühren seine Füße den Boden.

„Gibt es Bilder?“, fragt mich der F., und ich fange an, zu blättern. „Der sieht ja ganz normal aus.“, sagt der F.  und schaut Walter Benjamin an. Knietief steht seine Enttäuschung auf den Dielen: Sogar die Zauberer, die seine Mutter mag, sehen langweilig aus und tragen nicht mal Hüte.

„Er war ein besonderer Zauberer, weißt du.“, streiche ich dem F. den schon wieder ein klein bisschen zu langen Pony aus der Stirn. Dass er aus Berlin stammte, erzähle ich ihm. Dass er über Kunst und die damals noch recht neue Fotografie geschrieben hat, über Gott und seine Kindheit als kleiner Junge in einem Berlin, das einerseits ganz anders war als das des F., aber in gewisser Weise auch wiederum gar nicht. Dass er gestorben ist, als er vor Hitler weglief. Vor Hitler wegzulaufen kennt der F. schon, der in einer Stadt voller Toter groß wird, in der die Fassaden manchmal noch Einschusslöcher haben und in jeder Ecke Geschichten kauern und auf den warten, der sie hören will.

Dass ich die Zaubersprüche von Martin Heidegger nie verstanden habe, der ein anderer Zauberer ist, von dem das Buch handelt, beichte ich dem F., der sich noch nicht vorstellen kann, dass seine allwissenden Eltern für Bücher zu dumm sein können. Dass ich von Cassirer, obwohl der F. selbst sehr, sehr, sehr entfernt mit ihm verwandt ist, gar nichts gelesen habe, weil ich den Neukantianismus zu langweilig finde, um mich länger damit zu beschäftigen, erzähle ich ihm und dann google ich für den F. erst einmal Kant selbst. Der Zauberer sieht mehr aus wie ein Zauberer, sagt F., dessen Zaubererbild maßgeblich von dem großen und bösen Zauberer Petrosilius Zwackelmann geprägt sein dürfte. Kant findet er aber gut, weil er es gut findet, wenn Menschen sehr vernünftig sind, weil sie dann niemanden verletzen und auch nicht grundlos herumschreien. Der F. hat nämlich eine handfeste Abneigung gegen Krach.

Wittgenstein habe ich auch nicht verstanden, sage ich dem F., der mich inzwischen vermutlich für einen geistigen Totalausfall hält, und versuche ihm zu erklären, dass nicht nur das, was man machen soll, der Sinn dieser ganz besonderen Zauberei darstellt, sondern dass es auch darum geht, zu verstehen, was die Welt ist, was Sprache ist, was Begriffe sind und ob sie etwas zu tun haben mit dem, wofür sie stehen, und der F. hört mir aufmerksam zu. Ob das Buch auch Zaubersprüche enthält, fragt er mich, und dann gehe ich mit ihm nach nebenan, dort, wo unsere Bücher stehen, und lese ihm ein paar Sätze aus dem TLP vor.

„Es ändert sich nichts.“, sagt der F., schaut sich um und hebt die Hände mit den Handflächen nach oben bis auf Brusthöhe an wie sein Großvater es manchmal tut, aber ich nehme ihn auf meinen Arm und lege meine Wange an sein weiches, kühles Gesicht und flüstere ihm zu: Das stimmt nicht. Es ändert sich alles. Alles. Alles.

Geflügel

Ich kannte sie damals nur aus der Schule. Sie war anders als wir. Sie hatte bunte Glas- und Holzperlenketten um den Hals. Sie trug immer ungebügelte, bunte Kleider und Blusen. Ihre Mutter hatte auffälligen Silberschmuck um Hals und Arme, den sie aus Nordafrika mitgebracht hatte, wo sie als Lehrerin gearbeitet hatte. Die meisten fanden sie ein bisschen verrückt, aber niemand fand sie nicht schön.

Einen Vater gab es nicht, das war selten damals. Es mag an der Vaterlosigkeit gelegen haben, aber aus irgendeinem Grunde lud niemand Mutter und Tochter ein. Sie waren meistens für sich, ab und zu kamen Autos mit fremden Kennzeichen zu Besuch.

Sie hatte einen besonders schönen Namen, um den ich sie ab und zu beneidete. Sie war weder eine besonders gute, noch besonders schlechte Schülerin. Sie war kein Teil der Klassengemeinschaft, aber wohl weniger, weil sie nicht wohlgelitten gewesen wäre, sondern weil sie kein Interesse hatte an uns. Wobei, nun, da ich das schreibe, bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich habe mich auch nicht um sie bemüht. Ich weiß, dass sie ebenso gern las wie ich.

Das Geld für ihr Huhn hatte ihr Vater ihr geschickt, der niemals kam, aber mit dem sie jedes Jahr einmal in Urlaub fuhr. Ob er wusste, was sie vorhatte? Sie hatte Hühner ja immer gemocht, sie hatte sogar ein großes Foto von einem Huhn an ihrer Zimmertür. Das Bild stammte aus Mexiko. Das Huhn, das sie kaufte, stammte einfach aus einem der Dörfer in der Umgebung. Er war schon klar, dass ihre Mutter kein Huhn halten wollte, unter anderem deswegen, weil sie als eine von wenigen Eltern kein Haus hatte und damit auch keinen Garten, sondern eine Wohnung, die sich für die Hühnerhaltung erkennbar nicht eignete.

Sie hatte das Huhn deswegen im Gartenhaus der Eltern einer Freundin versteckt. Sie hatte es über Tage mit Vogelfutter gefüttert. Es gab sogar ein erstes Ei. Wie die Sache dann aufgekommen war, weiß ich allerdings nicht. Ich weiß nur, dass die Mutter das Huhn in ein großes Tuch gewickelt dem Verkäufer zurückbrachte. Ein anderes Haustier hat sie nicht mehr bekommen.

Sie hat eine Naturwissenschaft studiert, später, habe ich gehört. Sie kam nie zu unseren Ehemaligentreffen und hat, glaube ich, zu niemandem mehr Kontakt. Sie war ein paar Jahre im Ausland und hat für einen Fonds gearbeitet. Ein Freund, der lange Unternehmensberater war, traf sie ein paar Jahren einmal am Flughafen. Sie hatte ein graues Kostüm an und schwarze Schuhe, aber in den Ohren hing ihr bunter, orientalischer Schmuck. Er hatte sich gefreut, dass zumindest bei einer von uns noch etwas von uns übrig war.

Sie sei jetzt Lehrerin, höre ich nun vor einigen Tagen. Man hatte Quereinsteiger gesucht. Sie würde jetzt Mathematik und Physik unterrichten. Sie hätte sich in einem kleinen Dorf im menschenleeren Osten ein altes Haus gekauft mit einem schönen, wilden Garten. Eine grüne Wasserpumpe. Ein Apfelbaum, Lavendel, Blattsalat voller Schnecken, Rittersporn und Hagebutte. In ihrem Garten habe sie einen kleinen Stall gebaut mit einem grünen Dach. Und Hühner hätte sie jetzt, prächtige, weiße und braune Hühner.

Vielleicht rufe ich sie einmal an.

Mainzelmann

Am dritten Tag kommt der F. mit. Er läuft durch den Hof und gibt ziemlich vielen Leuten die Hand. Er bekommt Seifenblasen bei der Sparkasse und der Post, aber bevor ich ihn an Stage 1 vorbei zum Roboter bringen kann, gehen wir beim ZDF vorbei. Das ZDF hat nämlich auch einen Stand auf der re:publica.

„Guck mal, ein Mainzelmännchen!“, zeige ich auf eine riesige Figur, mehr Mainzelmann als Mainzelmännchen, und F. freut sich sehr. „Ein Glubschi!“, ruft er. „Ein Riesenglubschi!“ Glubschis sind überteuerte Plüschtiere mit Riesenaugen. Gut, Kulleraugen hat das Monstermainzelmännchen im Raumanzug hier auch, aber die Ähnlichkeit ist schon eher sehr entfernt.

„Das ist doch ein Mainzelmännchen.“, freue ich mich. „Heinzelmännchen!“, verbessert mich der F. und nähert sich der Riesenfigur. „Mainz.“, sage ich und erkläre, dass der Stand einem Fernsehsender gehört. Dass ein Fernsehsender so etwas ist wie Netflix, nur dass alle Sendungen nur zu ganz bestimmten Zeiten laufen und der Fernsehsender bestimmt, was die Leute wann zu sehen bekommen und dass manche Leute fürs Fernsehen extra ein besonderes Gerät haben, das nur fürs Fernsehen da ist. Und dass dieser Fernsehsender in einer Stadt namens Mainz ansässig ist und sein Maskottchen ein Heinzelmännchen ist, das deswegen Mainzelmännchen heißt.

„Haben die da echte?“, will der F. noch wissen und ist ein bisschen enttäuscht, als er erfährt, dass dem nicht so ist. Und wozu ein Fernsehsender überhaupt einen ausgedachten Zwerg braucht. Und woher ich das Mainzelmännchen kenne. Früher kannte das jeder, erkläre ich dem F., und dann lässt sich der F. beim ZDF mit einer VR-Brille in die Vergangenheit schicken, bekommt Mainzelmännchen aus Fruchtgummi und Aufkleber geschenkt und eine Mütze, und ein kleines Mainzelmännchen bekommt er auch. Das wird er am Samstag seinen Freunden zeigen.

Und wissen Sie was? Es kannte nicht einer.

Bleibt’s dabei?

Wir mittelalten Leute sind ja fast alle so ein bisschen dolle beschäftigt. Ich zum Beispiel, ich habe gerade eine Lunchverabredung für den 24. Mai getroffen, 12.30 Uhr am Potsdamer Platz, weil die Bekannte, mit der ich essen gehen will, mehr Termine als die Bundeskanzlerin und der Papst zusammen haben muss.

Noch vor drei Jahren wäre ich vermutlich einfach so am 24. da aufgetaucht. Aber inzwischen habe ich zweimal irgendwo gesessen, nach zehn Minuten angerufen, und ein paar Minuten später ist dann jeweils ein etwas atemloser Mensch aufgetaucht. Er hätte gedacht, wir mailen nochmal. Dabei ist dann auch mir aufgefallen, dass ich regelmäßig am Tage einer Verabredung Nachrichten bekomme, in denen „bleibt’s bei heute Abend?“ oder „wir sehen uns nachher, schaffst du’s?“ steht. Einmal habe ich aus Versehen nichts geschrieben und der mit mir verabredete Mensch hat auch nichts geschrieben, und dann gab es eben einvernehmlich kein Treffen, nehme ich zumindest an, denn wenn er da gewesen wäre, hätte er mich vermutlich angerufen oder bei nächster Gelegenheit angesprochen.

Mir kommt diese neue Unverbindlichkeit natürlich total entgegen. Was weiß ich, was am 24. Mai los sein wird. Vielleicht bin ich dann sonstwo. Oder es regnet und ich habe keine Lust auf den Potsdamer Platz. Auf der anderen Seite: Eigentlich wird der Aufwand ja so mehr statt weniger. Erst so eine Art unverbindliche Voranmeldung, na, wie sieht’s bei dir am 24. aus, bei mir noch gut, ne, besser doch zwei Tage später. Nein, da bin ich in München. Also irgendwo so. Dann noch die Einigung auf ein Lokal, die ja immer auch so ein Statement dazu beinhaltet, was man über sein Gegenüber so denkt und ob es sich um ein Date handelt oder doch nur um ein Mittagessen. Und dann noch Schritt 2, die Finalisierung als verbindlich, umgehende Reservierung, wobei das ja meistens nicht ich mache, sondern meine Verabredung, also wenn ich mit einem Mann verabredet bin, und noch eine Runde Kommunikation, wenn das Wunschlokal ausreserviert ist und man dann doch woanders essen muss.

Soweit alles schön. Aber was hat es zu bedeuten, wenn man sich nicht mehr meldet? Darf man sich dann später wieder melden, wenn man wieder mehr Zeit hat? Oder beinhaltet das Nichtmelden eine dauerhafte Absage gemeinsamer Mittagessen? Dann müsste ich, wenn ich es dann doch nicht schaffe, jeweils ausdrücklich absagen, und Leute, die mir nicht ausdrücklich absagen, dauerhaft aus der Liste möglicher Lunchpartner löschen. Aber wirke ich vielleicht etwas überengagiert, wenn ich ausdrücklich absage? Und erst jüngst habe ich eine Bleibt’s-dabei-Mail geschrieben, und die Antwort  – ja, klar – klang eher so ein bisschen befremdet.

Oder ich sehe neue Konventionen, wo gar keine sind, und meine Verabredungen wollen nur sehr dezent zum Ausdruck bringen, dass mein etwas sprunghaftes Verabredungsverhalten sie, gelinde gesagt, ein bisschen fordert.

Die Liebe in Gedanken

Waren einmal ein junger Mann und eine Frau, lebten irgendwo in einem kleinen Dorf, und vielleicht wären sie damals zusammengekommen und hätten geheiratet, wenn sie nicht weggegangen wäre als einziges Mädchen aus dem Dorf und Lehrerin geworden wäre, und er blieb und wurde Installateur. Wenn sie in den Semesterferien nach Hause kam, traf sie ihn und sie sangen gemeinsam und er spielte Akkordeon.

War eine junge Lehrerin, die sang im Chor in der Kleinstadt, in der sie das Kultusministerium geschickt hatte, und traf einen Arzt, der Witwer war und drei Kinder hatte und heiratete ihn und bekam noch ein weiteres Kind. Gab ihren Beruf auf, erzog vier Kinder, und als der Arzt starb, war sie 40 und ging wieder unterrichten. Im Urlaub fuhr sie mit den vier Kindern in die Berge zelten oder setzte sie in den Zug in das Dorf, aus dem sie kam. Urlaub bei Oma.

War ein Installateur, der heiratete erst ein Mädchen aus dem Dorf, dann eine Frau aus dem sehr fernen Osten, die ihn beide verließen. Trank ein bisschen zuviel, hörte dann ganz auf zu trinken, wurde ziemlich wohlhabend und spielte abends allein im Garten seines sehr großen Hauses Akkordeon vor einem Brunnen.

Trafen sich der Mann und die Frau Jahr für Jahr in der Weihnachtsmesse, sie mit Eltern und vier Kindern. Er erst mit seiner Mutter. Dann allein. Freute sie sich irgendwann schon auf dem Weg ins Dorf auf den kurzen Schwatz. Trafen sie sich am ersten Weihnachtstag zum Weihnachtsbaumloben. Verabredeten sie sich irgendwann, als ihre vier Kinder schon recht groß waren. Spazierten sie einmal, zweimal, dreimal um das Dorf und fanden kein Ende. Saßen sie zu Silvester in ihrem Elternhaus und sangen gemeinsam zum Akkordeon.

Verkaufte sie das Haus ihrer Eltern. Verkaufte er die Firma und sein Haus. Kaufte er ein Haus am Mittelmeer und eine Wohnung in der Stadt, in der sie auch lebte. Wurde sie pensioniert. Fuhr sie mit ihm ans Meer. Zogen sie in der Stadt zusammen. Heirateten sie kurz vor Weihnachten vor drei Jahren.

Jetzt haben sie sich wieder getrennt. Ihre Mutter, meint meine Freundin, bleibe die letzten Jahre wohl lieber allein.

Tänzer

Ach, denke ich. Mal wieder tanzen. Nicht in irgendeiner fensterlosen Halle mit Leuten, die schrecklich schwitzen. Nicht im Dunklen. Vielleicht am Meer, am Abend auf einer weißen Terrasse über schimmerndem Sand. Vielleicht auf einer Wiese. Ich würde ein langes Kleid tragen, mit Blumen drauf, meine Schuhe ausziehen, damit meine Absätze nicht einsinken, es sollten Männer in Anzügen spielen, und ich würde die Augen schließen und solange tanzen, bis ich mich vergesse, verliere, mich auflöse in Sommer und Nacht, und käme am nächsten Morgen müde und frierend nach Hause, meine Schuhe ramponiert in der linken Hand.

Der Wasserstand in Spinimbecco

Das südliche Veneto ist sozusagen das Niedersachsen Italiens: Irgendwie nördlich, irgendwie flach,  keine Gewässer und keine Berge und alle haben Hunde. 70% der hiesigen Bauwerke sind in den Fünfzigern entstanden und haben bis heute die charakteristischen Fenster und Türen.

Das Essen ist natürlich besser als in Niedersachsen. Himmel, ich wünschte, die Römer hätten die Schlacht im Teutoburger Wald gewonnen und ganz Germanien romanisiert. Dann könnte man heute auch in Cloppenburg oder Neumünster etwas Genießbares essen.  So muss man sich im Urlaub schadlos halten. Seit unserer Ankunft habe ich deswegen ungefähr 1 kg italienischen Käse gegessen, überhaupt beginnt sich die Region von meinem Appetit zu fürchten. Und was ich nicht esse, isst mein Sohn.

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Fürchte dich nicht

Vielleicht hat er’s von mir. Ich bin bis heute außerstande, einen Horrorfilm zu sehen, ohne mich in den Unterarm meines Nachbarn zu krallen, bis der glaubt, ich sei von der Dunklen Seite entsandt, um ihn zu zerfleischen. Oder es liegt an mangelnder Abhärtung, weil wir keinen Fernseher haben und in F.’s Anwesenheit auch keine Filme auf dem iPad sehen. Wie auch immer: Letzte Woche hätte der sechsjährige Sohn fast den Kinofilm „Biene Maja“ verlassen, weil die Aussicht, dass Majas Bienenstock den Sommerhonig herausgeben hätte müssen, fertig gemacht hat. Ungefähr die Hälfte des Films saß der F. stocksteif vor Aufregung auf meinem Schoß.

Im Flugzeug nach Thailand sah der F. dreimal hintereinander „Puh der Bär“, weil die ersten fünf Minuten Lego Ninjago genauso unerträglich spannend erschienen wie die von „101 Dalmatiner“. Und bei den von ihm geliebten Hörspielen kommt nur Wssstwsss gut an, die komplett ohne Spannungsbogen auskommen. Aber auch bei Büchern äußert sich eine gewissermaßen gesteigerte Empfindsamkeit. Die Sache mit den Drei Fragezeichen zum Beispiel ist ebenso wie die Geschichte mit Jesus, Pontius Pilatus und dem Kreuz nicht gut aufgenommen worden.

Letzt Woche dann beschloss ich, dass es so nicht weitergehen könne. Vermutlich ist es F.’s Ansehen nicht förderlich, wenn er im Kindergottesdienst schluchzt, wenn Gott, der Allmächtige und Allwissende, die Städte Sodom und Gomorrha mit Mann und Maus vernichtet. Ich zog also los und erwarb den ersten Band der Kinderbuchreihe „Der kleine Vampir“. Die älteren unter Ihnen kennen das Buch.

Am selben Abend setzte ich mich an des F. Bettrand, zückte das Buch und begann. Nach wenigen Zeilen bat der F. mich um den sofortigen Wechsel zu Bullerbü. Nach einigen Zeilen mehr versteckte er sich unter der Bettdecke. Zwei Stunden später stand er mit seiner Decke über dem Arm vor unserem Bett, kroch in die Mitte und ist bis zum heutigen Tage nicht mehr aus unserer Schlafstatt zu vertreiben.

Und um ganz sicherzugehen, kuschelt der F. seit neuestem mit Knoblauch.

Das Glück

Weil Freundin I. Schwangerschaftsdiabetes hat, habe ich schon am Freitag eine chinesische Tomatensuppe geplant, also so eine angedickte Hühnerbrühe mit Tomaten und verschlagenem Ei und Sesamöl, und danach Rindfleisch mit Paprika und Austernsauce aus dem Wok. Ananas und Zitronensorbet geht nur ganz wenig.

Weil am Samstag nach Leipzig keine Züge fahren, können M. und M. mit den Kindern nicht zum Familiengeburtstag fahren und melden sich kurzerhand auch noch bei uns an. Wir kennen uns alle ganz lange und so gut, dass wir in den Küchen der jeweils anderen bedenkenlos die Kühlschränke aufreißen und wissen, wo was in den Schränken steht, deswegen wundere ich mich überhaupt nicht, sondern kaufe einfach noch Tofu und Rindsgehacktes hinterher. Mit Knoblauch, Ingwer, Miso und Gochujang köchelt mein Mapo Tofu kurz vor vier auf dem Herd. Reis und Suppe stehen fertig in der Loggia.

Neben mir schneidet der F. sehr exakt und konzentriert Lauch in schmale Streifen. Der F. ist jetzt sechs und viel, viel geschickter als ich. Ich glaube, ihm ist noch nie etwas kaputtgegangen, und er hackt Ingwer, deckt Tische und verteilt Servietten durchaus gekonnt und mit beständig guter Laune. Das halbe Internet ist voll von Texten, in denen Eltern mit einem merkwürdigen Stolz auf ihre ungezogene Brut von lauthals plärrenden Gören berichten, die alles zertrümmern, was ihnen zu nahe kommt, bevor sie allnächtlich lautstarke Parties feiern, aber der F. isst und schläft wie eine eins, ist quasi nie krank und hilft bereitwillig im Haushalt. Auf einem Hocker steht er schließlich am Herd, rührt mit Stäbchen in einer Pfanne Rindfleisch und Paprika, damit sie nicht ansetzen, und schüttet mit der linken Hand gekonnt den ganz fein gewiegten Ingwer dazu.

Als ich noch klein war, mussten die Kinder in der Küche essen und die Erwachsenen saßen im Esszimmer. Bei mir sitzt jeder in der Küche, die Kinder lärmen direkt neben uns an einem Campingtisch, und verschlingen unglaubliche Mengen Reis mit Sojasauce und mikroskopisch kleine Portionen aller anderen Speisen. Der ganze Rest geht auf uns.

Urlaubsbedingt haben wir uns wochenlang nicht gesehen. Es geht um Urlaubsziele und Essen, alte Freunde und noch ältere Feinde, große und kleine Politik, Pläne für demnächst und später, und ab und zu rennt – längst sind die Kinder aufgestanden – ein einzelnes Kind in aberwitzigen Verkleidungen durch den Raum. Der M. holt beim Späti noch mehr Bier, ich trinke ein drittes Glas Scheurebe und der F. jagt eigenem Bekunden nach mit den beiden Kindern von M. und M. in seinem Zimmer eine Mücke.

Kurz vor acht ist Schluss. Der Besuch verabschiedet sich, der F. gähnt und während der J. in der Küche die Spülmaschine einräumt, lese ich dem F. vor. Der kleine Vampir, gestern frisch gekauft, wird als „zu spannend“ abgelehnt, Bullerbü soll es sein, und so liegt der F. mit roten, runden Wangen gelöst auf meinem linken Arm, während ich Lisa und Britta auf Oles kleine Schwester aufpassen lasse, und der F. auf meinem Arm langsam schwerer und schwerer wird, bis sein Kopf zur Seite fällt. Leise gehe ich raus.

Schön, schreibe ich meiner Mutter auf WhatsApp, die wissen will, wie mein Wochenende war. Dass ich im Kino war, zweimal, und spazieren, und Freunde gesehen habe und Besuch hatte, und dass es mir sehr, sehr gut geht, und vielleicht ist das schon das Glück.

Wenn Shiva tanzt

Die indische Mythologie ist wahnsinnig verwirrend. Vermutlich stehen Inder ebenso fassungslos vor den Erzählungen eines Wüstestammes, der im Laufe der Jahrhunderte viel Ärger mit seinem ausgesprochen rachsüchtigen Gotte hatte und im Nahen Osten bedingt durch seine rauhbeinigen Nachbarstämme ganz gut rumgekommen ist. Aber bei den alten Indern erinnere ich mich im Wesentlichen nur noch an die vielarmige Göttin der Zerstörung und den tanzenden Shiva. Der stand aus Messing in einem Rad auf einer Fensterbank, die der Mutter des S. gehörte, einer immer leicht theatralischen Dame, Therapeutin, gern gekleidet in sackartige Tuniken mit Mustern wie englische Tapeten.

Diese ständige Präsenz des indischen Gottes der beständigen Wiederkehr muss auf den S. irgendeine hypnotische Wirkung ausgeübt haben.  Ich weiß aus sicherer Quelle, dass sein Mittelinitial „W.“ für Widukind steht und nicht für Wiederholung, aber Shiva scheint das anders zu sehen. Aber urteilen Sie selbst.

*

Der S. ist – wie die meisten von uns – Jurist. Er ist mittelmäßig attraktiv, durchschnittlich intelligent, normal freundlich und von mittlerem Temperament. Anders als andere Juristen, die erst mit Ende 30 allerfrühestens zur Familiengründung schreiten, heiratete der S. völlig überraschend mit 28  und wurde im gleichen Jahr Vater. Seine Frau kenne ich nur von Bildern, aber sie wurde mir als blond, sanft und ein bisschen dumm geschildert. Es handelte sich um eine Krankenschwester.

Der S. promovierte, wurde Anwalt, arbeitete sehr viel und fing eine Affäre mit einer Sekretärin an. Irgendwann wurde die Sekretärin schwanger, der S. musste sich entscheiden, der S. entschied sich für die neue Frau, die mir als blond, sanft und ein bisschen dumm geschildert wurde. Der S. war damals 37.

Der S. blieb Anwalt, wurde Notar, Partner der Kanzlei in der beschaulichen Universitätsstadt, in der er er sich ein Haus renovierte. Grüne Fensterläden, Rosen im Garten, noch ein weiteres Kind. Der S. wurde etwas stark in dieser Zeit, vor allem um die Hüften, aber auch seine Frau wurde wohl etwas mollig und noch behäbiger als zuvor. Es nahm also niemanden wirklich wunder, dass der S. irgendwann den Verlockungen der ihn umgebenden Weiblichkeit nicht mehr widerstand, höchstens, dass es diese Verlockungen überhaupt gab, aber wie auch immer: Der S. fiel in Liebe mit einer Physiotherapeutin, die mir als – ja, ja – blond, sanft und ein bisschen dumm geschildert wurde. Seine Frau zog zurück zu ihrer Mutter und fordert einen Haufen Geld, den sie vermutlich nicht bekommen wird. Die Physiotherapeutin zog bei ihm ein.

Und nun wartet die Welt auf das Kind. Auf die Scheidung. Und auf die nächste blonde, sanfte und ein bisschen dumme Frau an des S. Seite.

*By 23 dingen voor musea from Nederland (Shiva Nataraja) [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons