Havelland

Dann aber wische ich mir die Äste aus dem Gesicht und halte den F. ganz fest, damit er nicht von der Bank fällt, denn der Traktor schaukelt nach rechts und nach links, immer quer zu den Feldern, und der F. dreht den Kopf so weit er kann, damit ihm keine Kuh, keine Gans und kein Strauch voll Holunder entgeht. Den J., den S. und die M.2 kann ich schon gar nicht mehr sehen, die hinter uns am Karolinenhof warten, und ich blinzele in das gelbe, herbstliche Licht.

Schön ist es hier, atme ich ein und drücke den F. fester an mich, der vor Vergnügen neben mir auf der Bank ein klein wenig hüpft. Schön war es in Ribbeck heut’ morgen, kräftig und warm das Gulasch auf den Bänken auf dem grünen Gras, lustig und spät der Samstag mit der C. und der J.

Jeder könnte es schön haben, denke ich mir, denn das grüne Gras, das Licht, Käse, Liebe und Wein: Das gibt es doch für viele. Warum denn Leute Ärger anfangen und alles kurz und klein schlagen, weil sie es wichtig finden, dass ihr Landkreis zum einen und nicht zum anderen Land gehört. Wieso es wichtig sein soll, dass die Nachbarn oder das ganze Nachbardorf irgendwelche religiöse Fragen richtig auslegen. Wie ihre Frauen sich anziehen, ob die Straßenschilder nun in der einen oder anderen Sprache beschriftet sind: Als wär’ das nicht alles egal. Als wäre das ständige Rumoren nicht eine Sünde gegen den Segen der Erde, dumm und frech noch dazu. Als sei es nicht genug, an einem Sommertag, einem der letzten im Jahr, am Ende der Welt durch die Felder zu fahren.

Schwer tragen die Bäume am Obst, und die Schwalben ziehen ein letztes Mal übers satte, ermüdete Land. Schon sind wir zurück. Der F. drückt seine Kopf gegen meinen Arm und steigt freudig vom Hänger. “Etz Ponyreiten!”, läuft er zu den beiden hübschen, wartenden Pferden, und ich wische die schwarze Gedanken aus meinem Gesicht. Heute ist es noch schön.

(Möge es immer so bleiben.)

Bernsteintage, Montag (7)

Kennen Sie eigentlich die Ming Dynastie? Das ist ein Restaurant an der Jannowitzbrücke, also so zwischen Mitte und Kreuzberg, direkt gegenüber der Chinesischen Botschaft, wo man sagenhaft gut isst. Ich bin wahnsinnig gern da, und von all den guten Sachen, die man da bekommt, mag ich das Mapo Tofu am liebsten.

Als meines Wissens einzige Speise des Hauses bekommt man das Mapo Tofu in einer flachen Glasschale. Es handelt sich um feinen, weichen Tofu, den man, glaube ich, Seidentofu nennt, der mit sehr feinen Hackfleischkrümeln in einer roten, pikanten Sauce schwimmt. Gemüse spielt bei diesem Essen quasi keine Rolle.

Am Montag Mittag aber begab ich mich nicht in die Ming. Am Montag bestieg ich ein Taxi und fuhr gen Charlottenburg, wo in der Kantstraße ein zweites gut beleumdetes chinesisches Restaurant belegen ist, das Good Friends heißt. Ich war da verabredet, hatte auch noch einen befreundeten Kollegen dabei, und bestellte eine Nudelsuppe mit Ente, denn noch lieber als Mapo Tofu esse ich Nudelsuppen, und die sind da ziemlich gut. Das Good Friends gehört nämlich zu den wenigen Restaurants, die sich die echten roten Enten glänzend ins Schaufenster hängen.

Mein Kollege bestellte das Mapo Tofu. Kurz beneidete ich ihn und bedauerte einmal mehr, nicht die Nudelsuppe und das Mapu Tofu essen zu können. Dann aber erschien unser Essen. Ich riss die Augen auf. Gut, auf dem Glasteller bestehe ich nicht. Doch der Tofu war kein Seidentofu, sondern der normale, gebackene Tofu, den man so kennt. Die Sauce war quasi kaum vorhanden. Stattdessen war das Gericht über und über mit Erbsen bedeckt. Es war – dies bestätigten die Mitesser – eigentlich kaum zu erkennen. Es war anscheinend trotzdem ganz gut.

Nach dem Essen begann ich zu sinnieren. Verhält es sich mit dem Mapo Tofu vielleicht wie mit Gulasch? Handelt es sich also um ein eher vage konkretisiertes Gericht, das bei jedem Chinesen anders schmeckt, wie ja auch mein Gulasch keine einzige Tomate enthält, sondern nur Rind, Wein, Zwiebeln und ganz, ganz viel Kümmel und Paprikapulver? Und andernorts hauen andere Leute dosenweise Tomaten an ihr Gulasch aus Schwein? Oder sind wir dem Good Friends auf die Schliche gekommen, dass sich anders als man meint, doch nicht der echten und wahren chinesischen Küche verschrieben hat? Oder ist andersherum das Mapo Tofu der Ming nicht das Wahre? Oder es ist alles halb so wild, aber der Koch kann exakt diese Speise nicht ausstehen, und hat sie deswegen abgewandelt, weil er Erbsen liebt?

Ich werde nachsehen müssen. In China. Demnächst. Nächstes Jahr. Oder übernächstes. Bis dahin verraten Sie mir vielleicht, wie es sich mit dem Mapo Tofu verhält.

Bernsteintage, Sonntag (6)

Verdammt. Eine Demonstration. Langsam schiebt sich eine graue, bedrohliche Masse mit finsterem Blick und gereckten Fäusten durch eine Allee. Erste Steine fliegen. In der ersten Reihe plärren Marktweiber Unverständliches. Spruchbänder flattern. Ich verstecke mich hinter einem Baum. Dass die mich nur nicht finden.

Langsam kommt die Demonstration näher und näher. Ein Alter mit knolliger Nase, ein mageres Mädchen in Lumpen mit halb entblößter Brust. Man kreischt, Stimmen werden lauter, und ich verstehe endlich, was die Massen fordern. ”Eier! Würstchen! Joghurt!”, gellt es aus der entmenschten Menge, und ich schlage mich ächzend und keuchend in den nahen Wald. Doch auch da hallt es mir entgegen: “Früh-stück! Rührei! Käse!”, und ich falle, falle, falle und schlage die Augen auf. Ich liege im Bett. In Usedom. Und vor mir steht der F.

Der F. liebt Hotels. Er liebt Hotelzimmer, er liebt Pools. Ganz besonders aber liebt er das Frühstücken im Hotel.

Im Strandhotel Ostseeblick ist das Frühstück auch wirklich gut. Es gibt französischen Rohmilchkäse, es gibt hausgemachte Wurst, und die Eier sind wirklich Eier und nicht eine wässrig zusammengerührte Pampe. Der Himbeerquark ist hausgemacht, sogar die Semmeln schmecken, und so sitzen wir da, vorm Wind geschützt auf der Terrasse, schauen aufs Meer und essen. Irgendwo seitlich spielen der F., die A. und deren kleine Schwester S. etwas Dubioses mit Stöcken und Steinen. Vielleicht, sinniere ich, sind die Träume des F. aus irgendeinem Grunde noch mit den meinen gekoppelt? Vielleicht hat der F. letzte Nacht fremde Leute mit Mistgabeln und Gebrüll gepackt und zur Guillotine geschleift? Er ist ohnehin zumindest verbal recht gewalttätig in letzter Zeit und freut sich immer schrecklich über verbrannte Hexen und aufgeschnittene Wölfe. Praktisch und privat – aber das soll ja auch für Lenin oder so gegolten haben – ist er so friedlich wie immer und bleibt es auch am Pool und am Strand.

Da sitzen wir also, schaue ich in die Runde. Die I. und der S. sind inzwischen angekommen. Der M. samt Familie, alle auf und unter Decken vor den Strandmuscheln im noch immer warmen Sand. Wir reden, wir lesen Zeitung, wir essen zuviel und trinken Mineralwasser aus Flaschen. Ein paar Meter entfernt sitzen der F. und die A. – zwei- und dreijährig – im Sand und lauern einer Maus auf, die sie niemals bekommen, egal, wie lange sie singen und rufen.

“Was machst du mit der Maus, wenn du sie hast?”, frage ich den F., dessen Augen blitzen. “Fell ab, dann wegschmeißen.”, antwortet er friedlich und macht furchterregende Bewegungen mit den Händen. “Oje. Arme Maus.”, sage ich, und der F. nickt. “Maus weint. Braucht neue Kleider.”, antwortet er, und träumt vielleicht von der nackten Maus in Kleidern, als er mit roten, runden Wangen im Auto auf der Rückbank sitzt und nach Berlin fährt, abends um acht.

Bernsteintage, Samstag (5)

Es ist halb sieben. Im Schlafanzug, aber mit Schuhen und einem Pappkoffer in der Hand steht der F. vor meinem Bett und zieht an meinem Arm. Ich soll aufstehen, höre ich. Wir müssten los. Zwei Stunden später sind wir auf der Autobahn. Müde bin ich und maximal mittelmäßig gelaunt. Gähnend sitzt der J. am Steuer. Nur der F. lächelt selig auf der Rückbank, lässt die Lider sinken und schläft noch vor Prenzlau ein. Erst in Heringsdorf wird er wieder wach.

Leicht skeptisch beäuge ich das Hotel. Als wir Ende der Neunziger nach Berlin kamen, war die Ostseeküste nämlich eine gastronomisch überraschend unerschlossene Zone, in der die muffigsten Menschen der Welt inmitten grell beleuchteter schriller Dekorationen Fertigsuppen in überschwappenden Tellern servierten. Unter Menschen, die unser Befremden teilten, kursierten skurrile Anekdoten über die Beschaffenheit der feilgebotenen Speisen, und die schönen, alten Villen wurden zu alledem durchweg so geschmacklos wie möglich in Buchenfurnier und Glas neu möbliert und mit Raufaser ausgekleidet. Diverse Jahre fuhren wir nach diesem Schock nur nach Heiligendamm und hielten uns ansonsten ans Ausland.

Von außen widerlegt das Strandhotel Ostseeblick meinen Argwohn jedenfalls nicht. Im Foyer wird es aber schnell deutlich besser. Die Ausstattung ist beruhigend, beige, nude und braun dominieren, nichts stört das Auge, und die Dame an der Rezeption ist freundlich. Überhaupt – so fällt es mir auf – sind alle Mitarbeiter ausgesprochen nett, viel, viel netter als an der eher rauen Ostseeküste als normal gelten darf, und so entspanne ich mich schnell. Der F. bekommt einen roten Luftballon, wir nach Jahren wieder einmal einen richtigen Schlüssel mit einer hübsch gedrehten Kordel und sitzen stracks in unserem Zimmer. Klein ist es, aber die größeren, sicher schönen Zimmer haben bestimmt diejenigen bekommen, die vor uns angerufen haben. Inzwischen überwiegt die Dankbarkeit: Wir haben mit drei Tagen Vorlauf in Usedom noch etwas bekommen, das mehr ist als nur passabel. Und der M. und die M. mit ihren Kindern auch.

Wo aber stecken …? Ans Telefon gehen sie jedenfalls nicht. Auch als wir – leider nicht weit entfernt – an der grässlichen Kurmuschel Fischbrötchen essen, erreichen wir sie nicht.  Erst Stunden später brummt das Handy, da fahren sie erst herum, checken dann ein, und als wir im kleinen, aber hübschen Pool mit dem Plastikkrokodil des F. kämpfen, sitzen sie am Strand. Wir packen also alles zusammen und folgen nach. Dann sitzen wir im warmen Sand, verabschieden den Sommer und sehen den Kindern zu, die rennen, graben, springen und jubilieren, als sei der Strand selbst ein Fest. Fanfaren aus Sand.

An der Kurmuschel füttern wir die Kinder einige Stunden später mit Flammkuchen und Sprudel. Rund um uns herum sitzen Leute, die man zum Glück sonst nie sieht, trinken Bier, reden fürchterlich laut das skurrilste Zeug auf Erden und klatschen im Takt zu den Schlagern, die eine magere Sängerin mit schlecht gefärbten Haaren auf der Bühne zum Besten gibt. “Mein Herz ist wie ein Bumerang”, höre ich und pruste fast los vor so viel Trostlosigkeit und Tristesse.

Endlich sind auch die Kinder satt. Noch ein letzter Moment am Meer, die Füße im Sand. Eine Gutenachtgeschichte, ein Lied, dann die langen, regelmäßigen Atemzüge des F., und dann schleichen wir uns leise, leise ins Erdgeschoss. Negroni und Bier. Als wir komplett sind, bestellen wir im hoteleigenen Restaurant Bernstein und sind überrascht.

Der Gruß aus der Küche besteht aus einer Gurkensuppe mit Karottenschaum und ist lecker, das schon, aber nicht besonders originell. Die Vorspeise dagegen ist schon ein Knaller. Es gibt Hummer, sauber ausgelöst, ein frisches, schmelzendes Gelee, das sich beim Blick auf die Karte als Bergamotte-Gelee herausstellt, und eine diffus asiatisch wirkende Sauce, die – einziger Kritikpunkt – eine Spur zu sauer ausfällt. Ich atme schneller.  Mir gegenüber zelebriert der J. einen Thunfisch, um den ich ihn heftig beneide. Die Klekse rund um den Thunfisch wirken auch so, als müsste man auf der Stelle von allem das Dreifache essen. Das machen wir zum Glück aber nicht. Denn jetzt kommt das Hauptgericht, bei uns allen ein Dry Aged Rinderfilet von so unfassbarer Zartheit, dass ich sofort im Grill Royal anrufen will, damit die ganz viel davon bestellen, auf dass ich dieses Zeug künftig in Reichweite habe. Drei, vier Gnocchi liegen noch herum, und ein Erbspüree, anlässlich dessen ich allen Vorbehalten gegenüber einer norddeutsch regionalen Küche auf der Stelle abschwöre. Da sitze ich also, schaue durch das halbrunde Glaspanorama auf die schwarze See und bin einfach nur glücklich, trinke einen ordentlichen Rosé, warte auf meinen Käse und danke meinen Göttern für alles. Essen und Trinken. Freunde. Das schlafende Kind. Das Kind, auch wenn es nicht schläft. Den J., die Nacht, den Himmel und hätte einer auch nur vage gefragt, ob ich auf den Dessertwein zum Käse noch ein Glas Champagner gehoben hätte: Ich hätte die ganze Flasche bestellt. Zum Glück kam keiner. Denn am nächsten Morgen …

Aber dazu morgen mehr.

Bernsteintage, Donnerstag (4)

Ich muss hier jetzt ganz schnell was essen. Ich weiß nur nicht, was. Links gibt es koreanische Hot Dogs. Rechts wird geräuchert. Irgendwo hat die Frau neben mir doch diesen gelben Fladen mit der unsagbar lecker riechenden Füllung her. Und wo gibt es eigentlich diese kleinen Bouletten?

Frau Wortschnittchen geht es offenbar ähnlich. Sabbernd laufen wir im Zickzack durch den Street Food Thursday in der Markthalle neun. Ich bereue intensivst, heute schon etwas gegessen zu haben, und überlege über meinem Reuben Sandwich von Mogg & Melzer, was danach noch geht. So ein Teller japanische Ramen vielleicht. Oder Kässpatzen. Oder Tapioka-Fladen. Oder neuseeländische Pies. Oder …. aber dann bin ich satt. Verdammt.

Aus lauter Gier stopfe ich noch ein Keks-Eis-Sandwich von Zwei dicke Bären hinterher. Dann geht nichts mehr. Mit dem ebenfalls nudeldicken Kind auf dem Rücksitz schwanke ich zurück Richtung Prenzlberg und schwöre baldige Rückkehr. Hungrig. Sehr hungrig. Überaus hungrig, wenn möglich.

Bernsteintage, Dienstag (4)

Nichts. An der ganzen Ostseeküste gibt es kein einziges freies Bett mehr, zumindest nicht kurzfristig, und wenn ein Hotel doch noch etwas hat, dann nicht für zweimal zwei Erwachsene mit einmal einem und einmal zwei kleinen Kindern. In zunehmender Verzweiflung sitze ich am Schreibtisch und melke Mäuse. Oder rufe immer neue Hotels an. Online geht sowieso nichts mehr.

Im Hintergrund – sofern man in Zusammenhang mit einem Zweijährigem jemals von Hintergrund sprechen kann – lärmt der F.. “Knupfer, knupfer, knäuschen ….”, kreischt er, während ich mit Hotels namens Seeschlösschen, Esplanade oder Zur Post telefoniere. Selbst wenn die angerufenen Häuser noch freie Zimmer haben sollten, verleugnen sie diese vermutlich in Ansehung von des F. schrillen Gesängen.

“Jetzt lass mich doch mal …”, versuche ich mich des F. zumindest kurz zu erwehren, während telefonisch die Ostseewellen einer besonders penetranten Hotline aus dem Hörer schwappen. “Eine Aufbettung ist in jeder verfügbaren Zimmerkategorie leider nicht möglich.”, flötet die Rezeptionistin eines weiteren Hotels mit einem Maximum falscher Freundlichkeit. Neben mir grölt der F. nun unüberhörbar ein Lied über ein offenbar trollartiges Geschöpf namens Bi-, Ba-, Butzemann, das die Bewohner eines Hauses durch  heftige, anscheinend bewegungsbedingte Geräuschentwicklung empfindlich zu stören scheint. Wer kennt diese Situation, frage ich mich im Stillen, besser als ich?

“Gehst du jetzt in dein Zimmer?”, frage ich irgendwann mit eher schwacher Hoffnung auf Erfüllung, und wider jegliche Erwartung verschwindet der F. nach hinten. Auf einmal wird in der Küche richtiggehend still. Ich rufe im nächsten Hotel an. “Zwei Doppelzimmer sagen sie? Da kann ich ihnen nur noch ein Classic und ein Superior anbieten.”, erhalte ich zur Antwort und verschlucke mich fast vor Überraschung. Sehr weit weg hämmert der F. auf sein Xylophon. “Gern!”, rufe ich ein Spur zu laut und vergesse um ein Haar, mich nach dem Preis zu erkundigen. Mir ist nach zwei Stunden am Telephon schon fast alles gleich.

Ich sage sofort zu. Bevor der F. wieder auftaucht und die Zimmer sich doch als vergeben erweisen.

Bernsteintage, Montag (3)

“Mama nicht so viel!”, krakeelt der F. und zeigt unmissverständlich auf meinen Teller. “Und ob, mein Liebling!”, protestiere ich und nehme noch einmal nach. Es gibt Polenta und gehackte Auberginen mit ziemlich viel Parmesan. “Mama, nur ‘müse!”, fordert der F. noch einmal die sofortige Rückgabe der Polenta. “Wo mein Fleisch?”, stochert er parallel mit der Gabel in seinem Gemüse herum. “Ich noch ein Spiegelei!”, schlägt er vor, als er nicht fündig wird und verfolgt jeden Gabelbissen auf dem Weg zu meinem Mund. “Mama, dick!”, zieht er die letzten Register, um mich vom weiteren Verzehr abzuhalten.

Als der J. auftaucht, schaut er sich nur flüchtig um. “Mama viel nehme!”, beschwert er sich  beim J. über mich und schaut mit Argusaugen an, was – und vor allem: wie viel – der J. sich auf den Teller lädt.

F’s eigener Teller bleibt dabei verdächtig voll. “Du isst ja kaum was.!”, spreche ich den F. schließlich an. Er schüttelt den Kopf und zieht seinen Teller näher zu sich heran, ohne jedoch seine nahrungsaufnahme zu intensivieren. “Mein Essen!”, brüllt er, gerät dabei bedrohlich aus dem Gleichgewicht und gibt schließlich auf. “Tschüß, Essen!”, verabschiedet er sich, begibt sich ins Bad und lässt sich die Zähne putzen.

Als er zurückkommt, isst der J. seine reichlichen Reste. “Papa, mein Essen!”, heult der F. auf. “Aber du isst doch gar nichts mehr!”, verteidigt sich der J. gegen den schreienden, weinenden, knallroten F. “Ich wegschmeißen! Ich!”, versucht der F. meinem geschätzten Gefährten das Essen aus der Hand zu reißen, um es in den Abfall zu expedieren, bevor es der J. isst. Minuten später gibt er erst auf.

“Schlaf gut!”, setze ich mich 20 Minuten später an sein Bett. Friedlich schmatzt der F. im Schlaf imaginäre Mahlzeiten. Auf seiner Wange haben die Wuttränen eine hellgelbe, krümelige Sour hinterlassen.

Ich stehe auf. In der rechten Hand schwenke ich ein großes Stück Comté, mit der linken ziehe ich die Fenster zu, und beiße herzhaft ab. Gute Nacht.

Bernsteintage, Sonntag (2)

Es ist kurz nach elf, als es klingelt. Gähnend wanke ich zur Tür. Die M. und der M. sind aus Frankreich zurück. In Unterwäsche sitzen der J. und ich verstrubbelt und mit Schlaf in den Augen auf unserer Couch und bieten Kaffee an, lassen uns von den drei Wochen Frankreich erzählen und erzählen selbst. Usedom. Neue Kitagruppe. Der gebrochene Arm des J. Durch das Chaos aus Decken, Kaffeetassen und herumliegenden Kleidungsstücken läuft der F., zeigt seine Basteleien von gestern und isst Sesamkringel mit Käse. Bis nachher, verabschieden wir uns, verabreden uns mit den Kindern auf dem Spielplatz und schlafen weiter.

Als ich die Vorhänge zuziehe, hat der F. die Augen schon zu, und auch der J. zieht die Decke fest über den Rücken und ist schon weg. Als wir erwachen, ist es viertel nach vier.

Der M. und die M. sind schon seit zwei Stunden auf dem Spielplatz. Noch immer gähnend stolpern wir hinterher. Knallbraun, fröhlich im Karokleid läuft uns die Tochter der Freunde entgegen. Der F. strahlt. Ball spielend, Löcher grabend, plappernd und plaudernd kreisen die Kinder um die Bäume im Park.

Kurz vor sechs sitzen wir auf der Terrasse vom Brot und Rosen am Volkspark. Die Kinder teilen sich kreischend eine Pizza, und wir schauen durch die Rosenhecke auf die Straße und verscheuchen die Wespen, die über den Saftgläsern kreisen. Einen Salat mit Pfifferlingen bestelle ich und ein Carpaccio, freue mich über die wiedergekehrten Freunde, gähne, weil ich heute gar nicht genug schlafen kann, und gehe, heimgekehrt, früh ins Bett. Neben mir räkelt sich mit runden, roten Backen der F. und murmelt irgendetwas, was keiner versteht.

Bernsteintage, Samstag (1)

Bitte nicht. Es ist doch erst 7:30 Uhr. Und heute ist Samstag. Kleines Monster, geh’ wieder schlafen. Oder koch’ mir einen Kaffee. Oder sag’ dem Papa, dass er mir einen Kaffee kochen soll. Dann stehe ich vielleicht auf und gehe zu Rewe und auf den Markt am Arnswalder Platz. Krautsalat, Feldsalat und tiefgekühlte Brezeln.

Bitte nicht. Sag’ bitte irgendetwas. Wenn du jetzt nichts sagst, dann schläfst du, und wenn du jetzt schläfst, bist du heute abend bis in die Puppen wach. Das finde ich doof, weil ich heute abend lange aufbleiben und mit der I. und dem S. die Legenden von Andor spielen will, und da musst du schlafen. Wach also auf und iss Nudeln mit mir. Ja, es gibt Nudeln. Direkt vom Markt, ein Pfund Ravioli mit Ziegenkäse und Trüffeln von Pasta e più. Schau, dass ist doch ein guter Grund aufzustehen.

Hab’ ich’s doch gewusst. Jetzt bist du wach. Lass uns gleich um die Ecke ein Geschenk für deinen Freund L. kaufen. Der wird auch zwei. So wie du. Wir kaufen Knete, und weil wir schon mal da sind, kaufen wir eine Bastelschere und Kinderkleber für dich. Wenn wir zu Hause sind, darfst du lauter bunte Papierfetzen damit in Stücke schneiden, und die klebst du dann auf einen Kerl, den Mama für dich ausschneidet. Der Kerl friert und braucht ein schönes, buntes Fell.

Jetzt aber los. Wir fahren mit der Tram bis zum Mauerpark, und dann läufst du auf deinen kurzen Beinen durch den ganzen Park bis zum Moritzhof, weil sie da Tiere haben. Nein, Mama hat keine schlechte Laune deinetwegen. Die hasst nur diesen räudigsten der Berliner Parks, und alle, die da inmitten von Scherben und Dreck sitzen, grölen und grillen. Der Rasen sieht aus, als habe er eine ansteckende Krankheit, und die Leute wirken so, als müsse man mindestens zehn Semester Soziale Arbeit studiert haben, um ihnen anders als mit gereiztem Unverständnis zu begegnen.

Angekommen wird aber alles gut. Da, schau, die haben Tiere. Und gleich gibt es auch ein Frozen Yogurt. Die Papas stehen in der Sonne und unterhalten sich über das Leben in Büros. Die Mamas sprechen über sonderbare Unistädte. Deine Mama hat übrigens auch in einer besonders merkwürdigen Unistadt studiert, da glauben manche Leute bis heute nicht, dass es da überhaupt eine Uni gibt. Das lag an ihrem miesen Abi, aber darauf ist die Mama – das ist ein bisschen verrückt – sogar ein wenig stolz. Das musst du nicht verstehen.

Am Ende läufst du die ganze, lange Kopenhagener Straße zur Tram. Vor einem Haus bleiben deine Eltern stehen und freuen sich ein bisschen, weil sie da keine Wohnung gekauft haben. Das hatten sie mal diskutiert und sogar mit einem Makler gesprochen. Das ist vier Jahre her. Heute wohnen da immer noch keine Leute, und die Fenster scheinen ganz neu eingesetzt zu sein. Wahrscheinlich dreimal pleite gegangen in der Zwischenzeit. Wie es halt so geht.

Am Ende bist du so, so, so müde und planscht unmotiviert noch ein bisschen in der Badewanne herum. Es gibt eine Brezel, Weintrauben und eine Wurst, etwas Apfelsaft, und als die I. und der S. kommen, darfst du noch kurz guten Abend sagen. Dann gehst du schlafen. In der Küche werden Schlachten auf dem Spielbrett geschlagen, während du schläfst, man trinkt Bier, man isst Brezeln, Käse aus Brodowin, den unfassbar leckeren Leberkäse der Hermannsdorfer Werkstätten und Salat.

Dann wird es dunkel und still.

Für mich.

Ich fahr’ so gern Rad. Sommer muss es sein, so wie jetzt, und einen Rock muss ich tragen, so einen ganz leichten. An den Füßen habe ich Sandalen, noch besser: gar nichts, und so trete ich schneller, immer schneller, und die Stadt rauscht an mir vorbei als ein Wirbel aus Farben, Lichtern, Gerüchen. An den Ampeln kommt die Stadt kurz zum Stehen, taumelt, rappelt sich auf, hupt als ein reizbarer Kreuzberger oder lehnt sich lässig nach vorn als Hipster mit Bart auf dem Rennrad.

Dann geht es weiter. Am Schlesischen Tor riecht es kurz nach Fett, nach Käse und einer Spur Kreuzkümmel und Schweiß. Auf der Oberbaumbrücke singt ein Junge mit Hut. A-Changin’ höre ich noch. Dann bin ich schon weg. Links neben mir klingelt und rattert die Tram, und hinter der O2-World geht die Sonne unter und färbt den Staub der Stadt so rot wie Campari.

Zwischen den Türmen der Frankfurter Allee ist der Himmel schon rosa. Blau und grün, zart wie Seide schwingt der Zenit über mir wie ein Tuch. Am Park, weiß ich, wird es dann dunkeln, und die rauchenden Grills riechen würzig nach Würsten und Fett. Die Brunnen rauschen, als hätten sie nie etwas anderes getan, und auf den Straßen klappern die Teller und klingen die Gläser alle für mich, für mich. Für mich.