Wie wir fast nach Paretz kamen

In Prenzlberg ist Ostern niemand. Also niemand außer uns. Die anderen Prenzlberger besuchen nämlich entweder ihre Eltern in Tuttlingen oder Augsburg oder haben sich irgendwo in Brandenburg ein Landhaus gekauft, das sie zärtlich Datscha nennen, obwohl es sich meistens um ein ganz normales Haus, nur halt irgendwo im Nichts, handelt, wo sie im Sommer im Garten herumsitzen, das Gras betrachten und Butterblumen zählen.

Wir würden das gelegentlich auch ganz gern tun. Wir können nur leider nicht. Wir haben nämlich keine Datscha. Statt dessen wollen wir raus. Also ganz so, wie man es sich vorstellt: Vater, Mutter und Kind setzen sich Ostersonntag ins Auto und fahren ins Grüne. Nur ein Picknick nehmen wir nicht mit. Statt dessen wollen wir in Paretz essen gehen. Das haben wir uns so ausgedacht: Kurz durch die Sommerresidenz Friedrich Wilhelm III., dann ins Königliche Kutschenmuseum, falls des F. Neigung zu interessanten Fahrzeugen sich auch auf alte, unmotorisierte Fahrzeuge erstreckt. Dann Biergarten, Kinderbauernhof und wieder zurück. Laut Navigationssystem eine Stunde.

Eine Stunde später stecken wir allerdings nicht in Brandenburg, sondern irgendwo in den verhältnismäßig erschreckenden Outskirts von Berlin. Davon gibt es ziemlich viele. Kahle Vorgärten, Fertigbauten in unterschiedlichen Farben und vor jedem Haus ein Trampolin. Damit sind die Vorgärten dann auch voll. Weil die Hauskäufer sich für den Kauf ihres sogenannten Häuschens schon bis über beide Ohren verschuldet haben, hat es für einen anständigen Garten nämlich meistens nicht mehr gereicht. Deswegen stehen die Häuser so eng nebeneinander, dass man seinen Nachbarn auf geringste Distanz in die Fenster schauen kann. In diesen baumeln Dekorationsgegenstände. Kränze mit Osterglocken aus Plastik oder hasenförmige Holzobjekte, die an den Ohren aufgehängt in der Heizungsluft schaukeln.

Neben mir ächzt der J. leise vor sich hin. Immer weiter und weiter führt uns das teuflische Navigationssystem in diese Unterwelt der Eigenheimbesitzer, weil da, wo wir langfahren wollen, heute aus irgendwelchen Gründen gesperrt ist. Zu allem Überfluss ist der Weg mit künstlich aufgeworfenen Hubbeln versehen, damit die Leute langsamer fahren. “Nein, nein!”, jammert der F. bei jedem einzelnen Hubbel, und wir Idioten beruhigen ihn jedesmal und behaupten, es sei nicht so schlimm.

Es ist aber schlimm. Das stellt sich zehn Minuten später heraus, als dem F. beim Anfahren nach der ungefähr fünfzigsten Ampel übel wird. Zum Glück läuft fast nur Wasser aus seinem Mund, aber dafür Mengen über Mengen über Mengen. Nie hätte ich gedacht, dass in einen Zweijährigen dermaßen viel Flüssigkeit passt. “Nächste raus.”, sage ich zum J., der im inzwischen ziemlich leeren Nichts irgendwo hinter Potsdam nach Abzweigungen sucht und versuche, den F. gerade zu halten und streichele seine Hände. “Nein, nein!”, weint der F. und versucht, sich das viele Wasser von den Händen zu wischen.

Fünf Minuten später stehen wir auf einem Feldweg unter alten Bäumen. Vor mir steht der F. und hält sich an meinen Händen fest. Langsam, noch etwas unsicher und ziemlich nass tappt er hin und her, atmet laut ein und aus, und dann lässt er – offenkundig  wieder besser auf den Beinen – meine Hand los und läuft in den Feldweg hinein. Rechts und links begrenzen Zäune die Weide und ein paar Schritte weiter stehen schottische Hochlandrinder und schauen uns unter Unmengen langer, rotblonder Haare an. Wir schauen zurück, und allseitig wundern wir uns, dass man auch so aussehen kann. Haarig und mit elegant geschwungenen Hörnern auf der einen, nackt in buntem Stoff und sonderbar unsolide auf zwei ziemlich dünnen Beinen auf der anderen Seite. “Großes Schaf.”, durchbricht der F. die andächtig österliche Stille. “Hallo, Schaf!”, und ich lache und erkläre, zeige Euter und Hörner, spreche von Kälte und Zucht, als ein besonders prächtiger Bulle die Vorstellung kurzerhand abkürzt und laut und vernehmlich muht. Muh also. Nicht mäh. Überzeugt verstummt der F. und schaut den Rindern beim Grasen und Trinken zu. Ein paar Minuten spricht niemand. Irgendwo im Hintergrund flucht der J., weil sein Handy keinen Empfang hat und er sich langweilt.

“Gibt es heute auch noch was essen?”, unterbricht der J. irgendwann die gegenseitige Betrachtung der Rinder und Menschen. Der J. kommt nämlich vom Land und hat in diesem Leben genug Kühe gesehen. “Ist ja gut.”, gebe ich nach, und dann fahren wir weiter und geben in unseren Telephonen “Restaurant” ein. Sacrower See, zeigt mein iPhone an. Da gibt es Wasser, da gibt es etwas zu essen und außerdem ist es ganz in der Nähe.

Am Ende sitzen wir am See. Grün, als habe es nie einen Winter gegeben, säumt der Wald in weitem Bogen das Wasser. Am Strand steht ein riesiger Schwan. Paare liegen im Gras, ein paar Kinder laufen hinter Bällen her und ein alter Mann betrachtet seine Zehen als wundere er sich, dass die noch da sind nach all der Zeit. Straff spannt sich über uns ein festtagsblauer Himmel, Spargel und Kalbsfilet gibt es auch, und blinzelnd vor Zufriedenheit, schnurrend vor Glück schließe ich einen Moment die Augen, schnuppere am Haar des F. und hebe mein Glas auf den Sommer, mit dem ich einen Pakt geschlossen habe, dieses Jahr: Auf dass sich alles fügen möge, sonnengelb und optimal und luftballonleicht dazu.

(Nach Paretz sind wir dann nicht mehr gefahren.)

Die guten Zeiten

Aufzuwachen an einem Morgen im Juni und dann in Unterwäsche durchs leere Haus. Die Terrassentür öffnen und den Hund in den Garten lassen. In der offenen Gartentür sitzen, die warmen Steine unter den Sohlen, und gerade so weit weg von der Telephondose, wie die Schnur so eben noch reichte, die N. anzurufen, den T., den J.2, und dann so lange im ganzen Haus nach Geld suchen, bis es für meinen Benzinanteil gerade langt. Um elf ans Meer im blauen, selbstbemalten VW-Bus von O., und vier Stunden später am Strand liegen, Sand zwischen den Zehen, Sand auf dem Bauch, das billigste Bier von Aldi in Westerland und mit dem J.2 über alle diejenigen lachen, die nicht wissen, was es heißt, zu leben und 18 zu sein, und einen Dreck darauf zu geben, was nächstes Jahr im Abizeugnis steht.

Nachts in irgendwelchen Häusern. Die Eltern des B. hatten ein Haus in Kampen. Die Mutter der S. eine Wohnung in Hörnum. Zu sechst in verschwitzten Schlafsäcken auf den Dielen, sich in der Frühe mit der N. zu streiten aus schierer Lust an der Aktion, an der brennenden Luft, das Haus zu verlassen, zwei Stunden später wiederzukehren mit einer Tüte warmer Semmeln in der Hand und sich dann schluchzend versöhnen, weil es sich gut anfühlte, lebendig, ganz hoch oben und ganz tief runter und nie da in der Mitte, wo wir den Tod vermuteten oder zumindest die Sphären, in denen sich Leute sich Kombis kaufen, in denen sie dann bei lebendem Leib verschimmeln und versteinern.

Inzwischen fährt die N. einen Porsche, und der J.2 ist im Volvo unterwegs. Manche Leute nennen uns Mamas und Papas und andere Chef. Wenn wir ans Meer fahren, planen wir das nicht vier Stunden vorher, sondern schreiben Urlaubsanträge, richten Abwesenheitsassistenten ein und buchen drei Monate vorher Häuser und Hotels und stimmen uns mit aller Welt ab.

Ich wünschte, mir fiele irgendetwas ein, was sich heute besser anfühlen würde als 1995. Das Essen höchstens. Aber wir aßen doch auch damals gut und machten Schulden in  Restaurants auf die guten Namen irgendwelcher Väter. Die Hotels bestimmt, aber ich habe auch damals nie schlecht geschlafen. Gut geht es mir, das ist wahr, gut geht es auch den anderen. Nie haben wir bezahlt für die vielen Abwesenheiten von der Schule, den Leichtsinn, die schlechten Noten und die frivole Arroganz Achtzehnjähriger, die glauben, die Welt sei dazu da, eine gute Zeit zu haben.

So gut wie damals.

(Oh, und im Übrigen … ich weiß, kleiner drei ist quasi nicht mehr zu stoppen. Aber der vorletzte Platz ist doch ein bisschen traurig. Fassen Sie sich ein Herz: https://thebobs.com/deutsch/category/2014/peoples-choice-for-german-2014/)

Hase komm!

“Die Eier versteckt der Hase.”, behaupte ich wider besseren Wissens und füge ein lahmes: “Und du suchst sie dann.”, an. Der F. nickt begeistert. Morgen werden in der Kita Ostereier gesucht. “Die Eier sind bunt und manchmal aus Schokolade.”, erläutere ich das bevorstehende Ritual weiter, und nun nickt der F. noch viel begeisterter. Schokolade kennt er. Schokolade findet er richtig gut.

“Huhn Eier?”, fragt er nun doch noch einmal nach. F. besitzt mehrere Bücher über das – allerdings stark idealisierte – Bauernhofleben. Da hatten die Eier immer mit den Hühnern und nie mit den Hasen zu tun. “Schon.”, sage ich deswegen und bin etwas unschlüssig, wie ich die Zusammenhänge nun richtig erkläre. Der F. jedoch wartet eine weitere, die divergierenden Ansätze einigermaßen harmonisierende Lesart gar nicht ab. “Eier Hase! Aus Euter! Aus Hase! Hase, komm!”, kreischt er ebenso begeistert wie irritierend und verschwindet in seinem Zimmer.

Ich werde das demnächst bei passender Gelegenheit irgendwie korrigieren.

Wäsche hängen

Samstag vormittag auf dem Markt am Arnswalder Platz. Ich also mit dem F. an der Hand bei Godshot, der glücklicherweise nichts mit martialischen überirdischen Wesen zu tun hat, sondern schlicht Kaffee verkauft. Ziemlich guten Kaffee, um genau zu sein. Also eigentlich ein Mann mit einer Kaffeemaschine auf einem kleinen, fahrbaren Wagen.

Vor mir sind noch drei, vier andere Leute. Direkt vor mir stehen zwei Frauen, vielleicht vierzigjährig mit Schöffel-Jacken, soliden Hosen, Einkaufskörben und kinnlangen  Haaren. So die Sorte, die ab und zu einen Lippenstift verwendet in einer Farbe, bei der nicht auffällt, dass sie Lippenstift trägt, so dass es bei näherer Betrachtung eigentlich sinnlos und blödsinnig erscheint, dass sie sich überhaupt die Mühe macht. Das ist aber auch das einzig Sinnlose, dass diese Frau tut, denn ansonsten ist sie bestimmt – das sind solche Frauen immer – irrsinnig praktisch veranlagt und unglaublich patent.

Die eine Frau redet auf die andere, die ihre Freundin oder Schwester sein könnte, unablässig ein. “Wäsche” höre ich. “Wäsche hängen”, und weil es mir bemerkenswert surreal erscheint, sich ernsthaft übers Wäschehängen zu unterhalten, schiebe ich mein iPhone wieder in die Tasche und höre hin. Ein paar Meter entfernt jagt der F. inzwischen seine Kitafreundin J. um den Käsestand. Beide johlen.

Immer noch spricht die Frau über ihre Wäsche und ereifert sich in schrillen, langgezogenen Tönen. Die Wäsche sei empfindlich, höre ich, und nehme Schaden, wenn die Fase schief trockne. Vor dem Trocknen, bohrt sie einen knochigen rechten Zeigefinger in die Luft, müsste die Wäsche deswegen stets in Form gezogen werden, und das mache er einfach nicht.

Er – sie spricht, wie ich vernehme von ihrem Mann – hänge die Wäsche immer schief und krumm auf. Schief und krumm, wiederholt sie, und ihre Freundin nickt in einer komischen Mischung aus Zustimmung und Beschwichtigung und schaut sich ein wenig geniert um. Ich sehe möglichst neutral ins Nichts.

Er verderbe ihr die ganze Wäsche, kommt die Frau wieder auf das Thema zurück. Bisweilen hänge er die Wäsche sogar übereinander. Die Kinder und sie hätten in absehbarer Zeit nichts mehr anzuziehen, wenn er nicht endlich dazu überginge, die Wäsche ordentlich zu hängen, oder sie selbst klein beigebe und die Wäsche – und darum ginge es ihm ja – selbst versorge.

Ich schaue an der Frau vorbei den Kaffeesieder an. Der tut so, als würde er nichts bemerken von der Entrüstung vor seiner Kaffeemaschine und schüttet konzentriert ein wenig Milch in einen kleinen Krug. “Einen Cappuccino.”, bestellt die Frau mit Wäscheproblem, und ich verkneife mir jede Regung und suche in meiner Tasche nach den zwei Euro fünfzig für meinen Kaffee.

 

 

Ruhm und Ehre

“Was gibt’s denn da zu gewinnen?”, fragt der J., und ich erzähle was von Ruhm und Ehre. Der J. grunzt. Ruhm und Ehre sind gut. “Wo kann ich denn da …?”, klickt er ein bisschen durchs Internet.

“Warte, sage ich. Ich setz ‘nen Link”

https://thebobs.com/deutsch/category/2014/peoples-choice-for-german-2014/

(Wenn auch Sie so freundlich …? Die Konkurrenz ist aber hart. Kleiner drei. Auch sehr super. Dieses Schulblog lese ich auch gelegentlich, um mich schon mal vorzugruseln für  2018, wenn der F. zur Schule kommt.)

Feste feiern wie sie fallen

“Schnell!”, zische ich dem geschätzten Gefährten zu. “Er hat schon die Augen zu.” Der J. legt den Finger auf den Mund und rollt den Buggy in möglichst gleichmäßiger Geschwindigkeit zwischen den Taschen und Tüchern hindurch Richtung Parfümerie. Es ist Samstag, kurz nach zwölf, und das Lafayette noch halbwegs leer.

Der J. und ich sind auf dem Weg zur Damenoberbekleidung, denn anders als der geschätzte Gefährte, der gleichbleibend groß und dünn seit Jahren dasselbe trägt, wechseln bei mir Größen, Farben, Formen und Vorlieben, und just für diesen Frühling habe ich rein gar nichts. Also so richtig gar nichts. Zumindest nichts, was mir passt. Ich brauche also mindestens ein Kostüm, diverse Oberteile und – wenn ich schon mal da bin – vielleicht noch ein paar Tücher, Shawls, Klimperketten oder so ähnlich. Wenn mir ein Mantel über den Weg läuft, um so besser.

Mit einem hellwachen F. ist allerdings schlecht einkaufen. Entweder er langweilt sich. Dann fängt er nach fünf Minuten an, rhythmisch mit den Beinen zu schaukeln, bis der Kinderwagen umzukippen droht, laute Oden an Würste und Plüscheulen zu singen oder so spitz zu schreien, dass ich entweder gar nichts erwerbe, oder irgendetwas ganz schnell  zusammenknülle und damit zur Kasse renne, egal, ob es passt oder nicht. Ich kaufe deswegen an sich ganz gern online, aber weil ich nie Lust habe, etwas zurückzuschicken, geht die Anschaffung unpassender oder erschreckend hässlicher Kleidungsstücke auf Dauer zu sehr ins Geld.

“Jetzt schnell anprobieren.”, dränge ich den J. Richtung Aufzug. Inzwischen schläft der F. so tief und fest, dass man praktisch jedwede Tätigkeit, und sei sie noch so geräuschvoll, in seiner Nähe ausführen könnte, und was das Beste ist: Das wird nun für mindestens eineinhalb Stunden so bleiben. “Auf in die zwei.”, sporne ich mehr mich als den J. an und kreise mit dem Zeigefinger für einen Moment unschlüssig über dem Knopf mit der zwei. In Ruhe Anprobieren, sage ich mir. Das wär’s. Dann hätte ich vielleicht auch endlich einmal passende Sachen an und nicht nur irgendwas, was nicht platzt, wenn ich es trage.

“Was für eine langweilige Entscheidung.”, wispert es auf einmal neben meinem rechten Ohr. Ich drehe mich um. Der J. steht schweigend mit maximal neutralem Ausdruck auf meiner linken Seite und starrt auf sein iPhone. “Was hast du gesagt?”, frage ih sicherheitshalber und ernte ein langgezogenes “nichts”. “Du kaufst sogar Reinigungsmittel lieber als Kostüme.”, flüstert es weiter, und diesmal stimme ich zu. “Jaja.”, antworte ich ganz leise, damit der J. mich nicht für meschugge hält. Kostüme sind schrecklich. Anprobieren ist blöd. Ich mag mich nicht im Spiegel, ich mag mich nicht in Businesskleidung, und außerdem – jetzt spüre ich es auf einmal ganz deutlich – habe ich Hunger. “Ich könnte schon gut was essen.”, behauptet zeitgleich der J. und schaut mich auffordernd an. Entschlossen betätige ich den Aufzug. Nach unten, nicht nach oben.

Zwanzig Minuten später sitzen wir vor der Fischtheke des Lafayette auf zwei Stühlen und ordern die fabelhafte Fischsuppe des Hauses. “Und zwei Muscadet!”, bestellt der J. “Und einen salade du jour.”, füge ich hinzu. Dann stellen wir dem F. die Rückenlehne ganz nach hinten, öffnen seine Jacke, streichen ihm über die runden Wangen und die geschlossenen Augen und heben unsere Gläser. “Man muss die Feste ….”, nuschelt der J., und ich nicke energisch und tauche meinen Löffel tief in die duftende Suppe.

Prinzessin

Ich bin fünf. Ich stehe vor dem Spiegel im Schlafzimmer meiner Eltern und drehe mich mit einem bunten Tuch auf dem Kopf, an dem Blechmünzen und kleine, bunte Perlen ganz leise klirren. Dann nehme ich das Tuch wieder ab. Ich will keine Zigeunerin sein. Auf dem Bett liegt ein orange-schwarz gestreifter Schlafanzug, aber ich will auch keine Tigerin darstellen. Keine Biene, keinen Arzt mit Stethoskop, auch kein Zauberer, sondern – ach – eine Prinzessin. Ein duftig-rosiges Kleid. Lange, offene Haare, ein Krönchen, vielleicht sogar ein bisschen echten Lippenstift.

Leider ist hier weit und breit nichts von dem Kleid zu sehen, das mir vorschwebt, und meine Mutter macht auch nicht den Eindruck, als wäre sie bereit, so etwas bis Rosenmontag noch zu kaufen. Genauer gesagt wirkt meine Mutter so, als würde aus meiner Prinzessinnenvision für den Rest meiner Tage nichts, obwohl die alles überragende Bedeutung des Prinzessinnenstatus für jeden klar denkenden Menschen auf der Hand liegen sollte und zudem in dicken Büchern vielfach dokumentiert ist, doch meine Mutter sagt nein.

Ich weine, schreie und argumentiere. Ich verspreche wochenlanges Silberputzen, Sockensortieren und sogar den zeitweiligen Verzicht auf die Kassette “Eliot das Schmunzelmonster”, und schließlich gibt meine Mutter nach. Im Prinzessinnentaumel springe ich auf dem Elternbett herum und jubiliere. Nicht einmal die Nachricht, das Prinzessinnenkleid aus rosa Tüll werde nicht angeschafft, kann mich stoppen. Immerhin verspricht meine Mutter eine farbenfrohe, wunderschöne Eigenkreation mit Schleier und Szepter. Glücklich gehe ich schlafen.

Rosenmontag bin ich um fünf Uhr wach und sitze auf der Bettkante neben meinem Vater. Mein Vater schläft, kneift im Traum ab und zu die Augenlider zusammen und schließt und öffnet den Mund. Er sieht nicht aus, als wache er gleich von selbst auf, obwohl doch heute Rosenmontag ist, Festtag der Festtage, und mein Vater als Vater einer Prinzessin ein echter König, denn man weiß ja, dass der Vater einer Prinzessin stets ein gekröntes Haupt besitzt. Meinen Vater allerdings ficht das nicht an. Er geht als Cowboy, wie immer.

Stunden später erst stehen meine Eltern auf. Noch mehr Stunden später werde ich verkleidet. Meine Mutter hat ein paar bunte, durchsichtige Tücher zusammengenäht, die bekomme ich als Kleid angezogen. Ein glitzernder Gürtel, ein glitzernder Stab. Statt einer richtigen Krone muss ich mit einem runden, glänzenden Haarreif vorliebnehmen. Dafür gibt es echten Lippenstift und rote Bäckchen und meine Haare werden mit einem Lockenstab und viel Haarspray in große, schwingende Locken verwandelt.

Auf dem Fest gibt es viele Prinzessinnen. Fast alle – ich ärgere mich sehr – haben eins der begehrten rosa Kleider. Ich bin eine Regenbogenprinzessin sage ich zu meiner Freundin K. Aber ich, entgegnet sie, bin eine echte Prinzessin, und da beiße ich mir auf die Unterlippe und gucke finster, bis das nächste Lied beginnt und ich mit all den anderen tanze. Hossa, schreie ich und recke die Hände gen Himmel. Entschlossen trinke ich zwei Limonaden, esse eine Waffel mit Puderzucker und knabbere mit meiner Freundin deren Zuckerketten ab, die sie in verschwenderischer Fülle um den Hals trägt.

Stunden um Stunden geht das so. Ich tanze und vergesse die Welt, ich lache, ich esse viel zu viel, aber dann setzen sich alle Kinder auf den Boden. Die Preisverleihung beginnt.

Sehr lange geben sich ausschließlich Erwachsene Blumen und sprechen von Dankbarkeit und Verdiensten. Wir gähnen und essen die letzte Zuckerkette auf und flüstern uns zu, was wir von den Kostümen der anderen halten, und wer wohl gewinnt. Ab und zu schiele ich begehrlich auf den Tisch mit den Preisen. Ich habe es auf den dritten Preis abgesehen, ein schön verpacktes Buchpaket, gestiftet von der Buchhandlung Moritz, rechne mir aber von vornherein keine Chancen aus, denn hier ist alles voller Prinzessinnen, die alle exakt die schönen Kleider, den glitzernden Schmuck haben, den anzuschaffen sich meine Mutter weigert. Neidvoll bewundere ich ganz besonders meine Freundin K. und zupfe ab und zu ein bisschen an ihrem rosa Rock. Ganz kurz trage ich auch ihre Krone und klimpere ein bisschen mit den Augen.

Stundenlang, so fühlt es sich zumindest an, zieht sich die Prämierung der besten Kostüme. Bisher war noch keine Prinzessin dabei. Der Jüngste unseres Zahnarzts bekommt einen Preis für seine Verkleidung als Maikäfer. Die Tochter einer Freundin meiner Mutter, die ich noch nie leiden konnte, wird für ihre Verkleidung als Teekanne prämiert. Ich verziehe das Gesicht. Eine Teekanne zu sein, erscheint mir ganz besonders sinnlos, aber einerseits passt es zu dieser widerlichen Person. Dass sie überhaupt einen Preis erhält, finde ich ausgesprochen erstaunlich, allerdings sind wir erst beim fünften Preis, und dass man eine Prinzessin – ich sehe meine Freundin K. an – nicht mit einem fünften Preis abspeisen kann, ist eigentlich auch klar. Dann schon eher eine Teekanne.

Als auf einmal mein Name fällt, bleibe ich reglos sitzen. “Na, du!”, flüstert die K. und gibt mir einen Schubs. Hochrot stolpere ich in die Mitte und steige die drei Stufen aufs Podium. “Der vierte Preis geht an Modeste als …..”, leicht verschämt schaue ich auf mein regenbogenbuntes Kostüm, “Zaubererin!”, fährt der Vorsitzende des Sportvereins fort, der die Preisverleihung vornimmt, und ich öffne und schließe ein paarmal lautlos den Mund. “Prinzessin!”, ächze ich, als der Vorsitzende meinen angeblichen Zauberstab (“Szepter!”) lobt und mich auffordert, meinen Zauberumhang wehen zu lassen. Mit hochrot-verzerrte Gesicht schnappe ich mehrfach nach Luft und wische mit der einen Hand ein paar Tränen von meinen Wangen. Mit der anderen nehme ich eine Spielesammlung entgegen, die ich in ganz ähnlicher Gestallt bereits besitze. Zauberin also. Keine Prinzessin. Meine Mutter hat mich betrogen.

Eine halbe Stunde später klopft meine Freundin K. gegen die Toilettentür. Ich lasse sie ein. Die K. ist ebenfalls geknickt. Sie hat gar keinen Preis erhalten. Die Preise eins bis drei gingen an den Prinzessinnen in toto vorbei, vermutlich weil der Vorsitzende nur eine ganz hässliche Tochter hat, die passenderweise als Frosch erschienen ist, und so sitzen wir alle beide auf dem Toilettendeckel, essen aus einer zerknitterten Butterbrottüte saure Pommes, Schlümpfe und Colafläschchen von Haribo und schwelgen in Selbstmitleid unter unseren zerdrückten Kronen. “Du bist eine echte Prinzessin und jeder kann das sehen.”, tröstet mich die K. “Du bist die schönste Prinzessin in ganz R.”, behaupte ich.

 

Voll Frühlingsglanz, voll Freude

“Rarad fahren!”, befiehlt der F., und dann fahre ich so schnell ich kann eine Runde um die grüne Wiese im Volkspark, und hinter mir kreischt der F. im Kindersitz voll Freude, weil man nie zu klein ist für den Rausch der Geschwindigkeit, diesen Taumel, wenn Wiese, Himmel, Frühlingsluft in einen bunten Rausch zerfließen, und weil es so gleißend hell ist, als würde die ganze Welt eigens für F. und mich illuminiert.

Schamlos gelb blüht schon der Ginster. Selbst die Hunde kläffen heller, ausgelassener, lauter wohl sogar als sonst, und ganz fremde Leute lassen sich gegenseitig beim Bäcker vor, als sei das sogar hier ganz normal.

“Der Mond! Schöner Mond!”, jubelt der F. hinter mir, und so fahren wir durch den Park. Vor uns die Sonne. Hinter uns der Mond, und der ganze Frühling noch vor uns. Alles auf Anfang, alles so neu, und das Jahr noch leuchtend und blank wie der just aus dem Berg geborene ganze Kristall.

Einmal Frankfurt viel zu früh

Um 6:37 rüttelt der J. mich wach. Um 6:30 werde ich abgeholt, und dass ich um 6:45 tatsächlich voll bekleidet und mit den jeweils richtigen Kontaktlinsen in jedem Auge im Taxi sitze, ist eine logistische Meisterleistung, für die ich ganz unverdient nicht so gelobt werde, wie ich es eigentlich verdiene. Man wird ja ohnehin regelmäßig für Verdienste gelobt, die eigentlich gar keine sind, während die Dinge, für die man sich tatsächlich halb umgebracht hat, nie einer würdigt. Diese Taxifahrt zum Beispiel.

In Tegel wird es dann gemütlich. Ich sitze ein bißchen herum, putze mir auf der Flughafentoilette die Zähne, beglückwünsche mich zu dem Entschluss, gestern Abend trotz des wirklich langen Lamentos meines unglücklichen Babysitters nach unserer Rückkehr noch zu duschen und blättere im Süddeutsche Magazin. Da loben sich diese Woche lauter Frauen, die ich nicht kenne.

Einen Kaffee würde ich gern trinken, schaue ich verlangend die Espressomaschine am Imbisstand an. Leider ist es schon fast viertel nach sieben, die Stewardessen rascheln geschäftig herum, und dann wird geboardet. Ich gähne ein wenig herum, freue mich auf den Kaffee im Flugzeug und versuche mich angesichts der Nachrichten zu erinnern, ob ich eigentlich schon mal etwas von Sybille Lewitscharoff gelesen habe. Mir fällt nichts ein. Das kann aber auch an der Uhrzeit liegen. Morgens vor neun bin ich kognitiv nur unwesentlich begabter als ein Hamster.

Eine halbe Stunde später bin ich annähernd wach und mir ziemlich sicher, tatsächlich nie etwas von Frau Lewitscharoff gelesen zu haben. Fast bedaure ich das ein wenig. Ich lese eigentlich ganz gern die Ergüsse von Irren und würde sofort, wenn sich auch mir die Gelegenheit böte, bizarre und beleidigende Reden halten, am nächsten Tag alle Zeitungen kaufen und mich freuen. Einfach nur so. Aus Daffke.

Leider gibt es immer noch keinen Kaffee. Es gibt überhaupt nichts, nicht einmal Fortbewegung. Statt dessen steht das Flugzeug wie angeleimt auf dem Flughafen Tegel herum, und zu alledem geht meine Zeitung zur Neige. Meine Laune sinkt, ich ziehe ein paar schlechtgelaunte Grimassen und erinnere mich an die Zeiten, als es in Flugzeugen auch in der Economy Class morgens noch Semmeln gab, Kaffee und Joghurt. Sogar die Stewardessen sahen nicht so verhärmt aus, will es mir scheinen. Ich krame in meiner Tasche. Ich habe Hunger.

In meiner Tasche aber gibt es nichts. Ich finde immerhin meine Unterlagen. Ein iPad, ein bisschen Geld, zwei Stifte, eine Strickmütze und einen Gummihasen von Schleich. Zwei Pixibücher, von denen eins von einem Hund aus dem Tierheim handelt, das andere aber vom Weihnachtsmann, und ein steinaltes Amenity Kit, das wahrscheinlich Ausschlag verursacht, wenn man die Handcreme da drin wirklich benutzt.

“Mögen sie ein Croissant von mir?”, rettet mich immerhin der Passagier auf der anderen Seite des Ganges. Ich nehme natürlich sofort an. Aus dem Alter, in dem man von fremden Männern nichts annehmen darf, bin ich schon seit mehreren Jahrzehnten raus. Die Stewardess schaut mich scheel an. Ist es, frage ich mich, zwischenzeitlich nicht nur so, dass man keine Speisen mehr gereicht bekommt, sondern darf man in den Maschinen der Lufthansa jetzt auch nichts Mitgebrachtes mehr essen?

Aus reinem Trotz esse ich weiter. Dankbar unterhalte ich mich mit dem Croissantschenker, gebe mich – das ist eine längere Geschichte – versehentlich als eine 32 Jahre alte Berlinerin aus, was ja immerhin auch irgendwann einmal stimmte, und stimme dem Mann zu, der irgendetwas sagt, was sich immerhin nicht so irre anhört wie das von der Lewitscharoff. Halbwesen kamen jedenfalls keine vor. Ich glaube, es ging um Kunststoff.

Als die Maschine endlich abhebt, schlafe ich ein. Ich schlafe sehr, sehr fest. Ich träume sogar. Kleine, pelzige Tiere, irgendwelche Verwicklungen peinlicher und schwer verständlicher Natur. Erst im Sinkflug über Frankfurt werde ich wach.

“Einen schönen Tag!”, wünscht mir der Passagier mit dem Croissant, und die Stewardess lächelt schmallippig und scheint mich stumm zu verwünschen. Anscheinend waren ihr die Krümel wirklich nicht recht. “Ihnen auch!”, winke ich, greife nach meiner Tasche und trotte Richtung Ausgang. Nach der Ankunftshalle B 1 halte ich Ausschau, fahre mit Rolltreppen hoch und runter, frage ab und zu und biege zum Schluss einmal rechts ab.

“Hier kommen sie nicht durch.”, sagt die Polizei.

Das Schlüsseltascheninnenfutterding (und die Lösung)

Sie kennen das. Sie haben einen Haustürschlüssel. Und den für den Keller. Sie haben den Briefkastenschlüssel, den Schlüssel fürs Büro, den für die Wohnung ihrer besten Freundin, wo sie ab und zu dafür sorgen, dass die Katze nicht stirbt, und außerdem haben Sie noch – mehr so aus Nostalgie – den Haustürschlüssel ihrer Eltern. Man weiß ja nie.

Diesen Schlüsselbund haben Sie natürlich nicht in der Hosentasche. Sie sind ja eine Dame. Oder zumindest ein Mann, der Wert darauf legt, nicht total schiach auszusehen, weil drei Kilo Metall in einer Jackentasche mit der Folge einer gewissen Asymmetrie eigentlich jeden  aussehen lassen wie den Glöckner von Notre Dame. Sie haben den Schlüssel deswegen in der Tasche.

Eine Weile geht das so seinen Gang. Eines Tages aber greifen Sie in ihre Tasche und da ist nichts. Beziehungsweise: Da, wo gestern noch Stoff war, das Innenfutter nämlich, ist jetzt nichts mehr, sondern ein Loch, und dieses Loch hat der Schlüssel gerissen. Sie ärgern sich sehr, Sie denken kurz über ein Etui nach, aber weil die unvorstellbar hässlich sind, kaufen Sie keins. Da trifft es sich doch, wenn Ihnen eine Freundin erzählt, sie hätte einen Freund, und der hätte etwas designt. Gut sieht das aus, denken Sie. Nun braucht es nur noch Käufer.