Die Dame mit der Waage

Nachdem das AG Tiergarten ein Urteil in Sachen Falsche Verdächtigung gegen Frau Lohfink gefällt hat, geifert das Internet. Manche Männer haben immer schon gewusst, dass Frauen aus schierem Männerhass Vergewaltigungen erfinden. Manche Frauen meinen, dass es Frau Lohfink zum Verhängnis geworden sei, dass sie freizügig auftritt. An der Vergewaltigung hat man hier keinen Zweifel.

Die misogynen Männer interessieren mich nicht. Das ist nicht mein Teil des Internets, das sind Leute, deren schlechter Laune und deren Menschenhass ich nach Möglichkeit ausweichen will. Das Misstrauen gegenüber der Strafjustiz, das in diversen Artikeln von Unterstützerinnen der Frau Lohfink aufscheint, teile ich aber auch nicht.

Zunächst: Ich glaube nicht, dass es Frau Lohfink zum Nachteil gereicht hat, dass sie sexuell aggressiv auftritt. Ich glaube aber, dass die Annahme, die Justiz sei gegenüber freizügigen Frauen ungerecht, vielen Unterstützerinnen den Blick auf die Fakten verstellt. Hier greift offenbar eine Art Überkompensation: Weil es Menschen gibt, die nur „sittsamen“ Frauen sexuelle Selbstbestimmung zugestehen, möchten manche Andere Frauen mit einer offensiv geäußerten Sexualität um so mehr glauben. Das dürfte aber zu ebenso schrägen Ergebnissen führen wie das Gegenteil. Es klingt banal, aber man sollte allen Äußerungen gleich viel Glaubwürdigkeit beimessen, egal, ob sie von Ministern, Metzgern, Prostituierten oder Bischöfen stammen. Und auch wenn es schwer fällt: Man sollte Frau Lohfink ebenso offen oder skeptisch gegenüber stehen wie den beiden Männern, um die es auch geht.

Gemessen an diesem Maßstab sieht es bei Frau Lohfink nun nicht gut aus. Es gibt offenbar weit mehr Videomaterial als die wenigen Sekunden, auf die sich die Vergewaltigungsthese stützt. Diese scheinen den Eindruck sexueller Gewalt nicht zu vermitteln. Auch die offenbar wenige Tage später aufgesuchte Frauenärztin hat ja – entgegen Frau Lohfinks früherer Aussage – keine Gewaltanzeichen gefunden. Wenn in dieser Situation keine physische Gewalt ausgeübt wurde und alles einvernehmlich aussieht, dann kann es natürlich immer noch sein, dass die Gewalt vorher, in Gestalt einer Intoxikation, ausgeübt wurde. Nun hat der Gutachter hierfür keinen Hinweis in Frau Lohfinks Verhalten gefunden. Ihre Unterstützerinnen wenden nun ein, es gebe Substanzen, bei denen Willenlosigkeit eintrete bei anscheinend fröhlichem, aufgekratzten Auftreten und gesteuertem Verhalten inklusive einem Telefonat. Ich verstehe nichts von Drogen. Aber wenn ein Gutachter nichts feststellen kann: Soll ein Gericht denn auf die schiere abstrakte Existenz solcher Substanzen hin verurteilen? Ohne den geringsten Anhaltspunkt, dass diese Droge zum Einsatz gekommen ist? Das erscheint mir reichlich fernliegend.

Gehen wir nun davon aus, dass weder körperliche Gewalt im Spiel war noch Drogen, so wird es schon eng. Angst könnte aber noch eine Rolle spielen. Nach allem, was man weiß,  hatte Frau Lohfink aber keine Angst vor den beiden Männern. Ansonsten hätte sie möglicherweise zwar nicht erkennen lassen, dass ihr die Situation unangenehm war. Sie wäre aber vermutlich nicht länger geblieben, als unbedingt nötig, um unbehelligt die Wohnung zu verlassen. Und sie hätte einem Mann, der ihr Angst macht, weder erneute Treffen offeriert noch liebevolle Nachrichten geschickt.

Dem begegnen Frau Lohfinks Unterstützerinnen mit dem Argument, sexuelle Gewalt sei vielgestaltig. Das glaube ich auch. Ich glaube aber auch, dass die Justiz, um Fehlurteile zu vermeiden, das Verhalten von Beschuldigten und Zeugen auf seine wahrscheinlichen und naheliegenden Motive hin bewerten muss. Und naheliegend ist es eben nicht, dass eine Frau, die aus lauter Angst Geschlechtsverkehr duldet, sich danach verhält, als sei dieser einvernehmlich verlaufen.

Ist eine Vergewaltigung damit weniger wahrscheinlich, als dass keine Vergewaltigung stattgefunden hat, so können die beiden Männer nicht für diese verurteilt werden, sondern nur für die unerlaubte Verbreitung des Filmmaterials. In dieser Beziehung scheint es auch nicht so zu sein, dass einer – wie Frau Wizorek schreibt – nicht belangt würde, sondern der eine geht (wie eben auch Frau Lohfink) gegen einen zuvor ergangenen Strafbefehl vor, der andere hat ihn akzeptiert. Frau Lohfink muss auch nicht deswegen mehr zahlen, weil das Gericht die falsche Verdächtigung verwerflicher finden würde, als die Verbreitung des Filmmaterials. Die Strafjustiz verhängt Tagessätze. Wie hoch ein Tagessatz ist, hängt vom Einkommen ab. Schließlich treffen eine arme Friseurin 300 EURO härter als eine gutverdienende Notarin, die 300 EURO vermutlich gar nicht bemerkt. Frau Lohfink wurde also zu 80 Tagessätzen verurteilt. Der Mann, der seinen Strafbefehl bereits akzeptiert hat, muss 90 Tagessätze zahlen. Das Gericht sah dies also durchaus als schwereren Verstoß an, nur verdient er eben kaum etwas.

Ich kann an dem Urteil entsprechend nichts Verwerfliches finden. Der Geschehensverlauf, den das Gericht seiner Entscheidung zugrunde gelegt hat, finde ich deutlich wahrscheinlicher als die Version, die Frau Lohfink vorträgt. Was ich aber wirklich ärgerlich finde: Mit dem Lamento, so ein Urteil zeige, dass man Vergewaltigungen nicht anzeigen könne, schadet man denjenigen, die vergewaltigt worden sind. Wenn sich von den Klagen über die angeblich arme Frau Lohfink nun jemand abhalten lässt, zur Polizei zu gehen, dann hätte die ganze Diskussion eine Konsequenz, die sich niemand von uns wünschen sollte.

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Jeder wie er mag

Nein, mir gefällt sie auch nicht, die Burka. Ich muss gestehen, dass ich auch zurückhaltende Formen der Verschleierung obskur finde, weil es mir unsympathisch ist, wenn Leute Religion in sichtbarer Weise zur Leitschnur ihres täglichen Handelns erheben. Leute, die irgendetwas machen, weil es schon immer so war, weil der liebe Gott es vorschreibt, oder weil es alle in ihrer Peergroup so machen, sind mir fremd, und das Rigorose eines Bekleidungsgebots stößt mich ab. Ich mag keine Leute, die anderen vorschreiben, was sie anhaben sollen.

Weil ich keine Leute mag, die anderen Vorschriften über ihre Kleidung machen, möchte ich aber auch kein Burkaverbot. Es geht den Staat nichts an, was seine Bürger tragen. Dass es in zehn Jahren in Deutschland aber weniger Burka-, Niqab- und Kopftuchträgerinnen geben soll als heute, halte ich für eine richtige Zielsetzung. Nur sehe ich da nicht den Staat in Zugzwang, sondern uns alle: Wortreich, freundlich, engagiert, mitfühlend und parteiisch für eine liberale, offene, herzliche Gesellschaft zu streiten, in der jeder anzieht, was er möchte, lebt, wie er will, liebt, wen er sich ausgesucht hat, und keine müden Heller darauf gibt, was andere denken.

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S. gibt es gar nicht

Vermutlich hat der D. recht, sich fürchterlich aufzuregen. Schließlich hat er sich ernsthaft an die S. attachiert, ihr sogar verhältnismäßig teuren Schmuck gekauft und sie für ein paar Tage nach Antibes eingeladen, und zwar ebenso komplett wie tiptop.

Dass die S. eigentlich nur in der Woche greifbar war, irritierte den D. ziemlich lange nicht. Der D. hat mit seiner Verflossenen zwei Kinder, da passte es ihm anfänglich eigentlich ganz gut, dass er die Wochenenden frei hatte. Er hatte der S. so gesehen die beiden Kinder auch erst ziemlich spät gestanden, weil diese die S. schließlich auch nichts angingen, und so fiel ihm auch erst nach Monaten auf, dass die S. immer nur an Montagen bis Donnerstagen Zeit hatte, und am Wochenende höchstens mal telefonierte.

Monatelang ging das gut. Der D. hatte seine Zahnbürste fest in S. Bad in Kreuzberg installiert, ein paar ihrer Freundinnen kennengelernt, und ab und zu dachte er sogar so gut wie ernsthaft daran, irgendwann mit der S. zusammenziehen. Da rief die S. auf einmal an und erklärte, sie könne ihn nicht mehr sehen.

Der D. läuft immer dann zur Hochform auf, wenn es Widerstände gibt. Er schickte also Blumen, körbeweise Delikatessen aus dem KaDeWe, handgeschriebene Briefe, und schließlich lauerte er der S. auf. Vor ihrer Wohnung in Kreuzberg. Leider kam die S. nicht.

D. wartete mehrere Stunden, kam ein paar Tage später wieder, klingelte Sturm, und irgendwann stand er auch einmal an einem Samstag vor der Wohnung, als der Summer ging. Er lief die Treppen hoch, stand vor S. Tür, und im Türrahmen stand eine fremde Frau. Eine fremde Frau allerdings, die S. ziemlich ähnelt.

Die Fremde wusste sofort, als sie D. sah, was die Stunde geschlagen hatte. Sie schlug die Tür wieder zu, reagierte auf nichts mehr, und drohte, als der D. immer weiterklingelte, per Gegensprechanlage mit der Polizei. Da zog der D. schließlich ab.

Ein paar Tage später stellte er die S. vor ihrem Büro. Da wollte sie dann keine Szene machen. Die Wohnung, so stellte sich heraus, gehört ihrer Schwester, der fremden Frau eben, die nur am Wochenende anwesend ist. Die S. wohnt in Wirklichkeit woanders, und zwar auch nicht allein, sondern mit ihrem Mann, der allerdings oft nicht da ist, weil er als Unternehmensberater durch die Republik reist und meistens nur am Wochenende nach Berlin kommt. Täuschen wollte die S. den D. aber nicht, wie sie behauptet, denn sie sei, so sagt sie, fest davon ausgegangen, dass auch der D. irgendwo in dieser großen Stadt eine Familie hat, und ebenso luftig und unter falscher Flagge herumsegele wie eben auch sie.

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Kalte Tage

Das ist nicht gerecht, denke ich. Noch nicht einmal im Freiluftkino gewesen. Nicht mal im Biergarten. Kaum draußen gegessen, keine lange Nacht am Landwehrkanal, nicht einmal die Sonne an der Oberbaumbrücke aufgehen sehen, und schon wird es wieder kalt.

Es fühlt sich auch nicht an, als wäre das nur ein kleiner Wettereinbruch, so drei, vier Tage bei 15° C, und dann heizt der Sommer wieder ein. Es liegt am Licht, meine ich, das Licht ist zu dünn für Mitte August, die Schatten schwächlich, und die Blätter hängen so matt an den Bäumen, als wüssten sie schon, was kommt. In den Parks frieren Menschen einsam am Grill.

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Etwas stimmt nicht mit diesem Sommer. Etwas stimmt nicht mit diesem Jahr. Wie eine verkrüppelte, schorfige Birne hängt dieser August zwischen all den anderen, den gelben, duftenden, und fällt des Nachts demnächst vom Baum, und wir flüchten, vielleicht, in einen roten September, Weinlaub und Gold.

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Im L. A. Jordan. Und: Über Erziehung.

Wenn ich Pfalz höre, denke ich an Helmut Kohl. An dieser Assoziation wird man irgendwann die Kinder der Siebziger erkennen, deren gesamte Kindheit in die endlose Regierungszeit des Riesen von Oggersheim fiel, und bei Deidesheim denke ich deswegen an Bilder, auf denen Helmut Kohl Staatsmänner aus dem Ausland mit Saumagen vollstopft, quasi so eine Art fettiges Initiationsritual, durch das durchmusste, wer mit den reichen, aber schlechtgelaunten Deutschen dieser Zeit Geschäfte machen wollte.

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Saumagen habe ich nicht gegessen. Statt dessen waren der J. und ich mit dem unpfälzerischsten aller Pfälzer – unserem lieben Freunde R. – und seiner Frau im L. A. Jordan, das irgendwie zu dem Imperium Bassermann-Jordan gehört, deren Weinflaschen es selbst im biertrinkenden Berlin zu allgemeiner Bekanntheit gebracht haben.

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Das Essen war großartig. Gang um Gang zog an mir vorbei, ich verschlang, schwelgte, schmeckte, bellte in den klaren Himmel der Pfalz alle zwanzig Minuten ein gieriges „verweile doch, du bist so schön“, und wenn das L. A. Jordan jemals eine Dependance an der Spree eröffnet, werde ich zwei Monate vor Eröffnung sabbernd mit Messer und Gabel in der Hand vor der Türschwelle kauern, um das erste verkohlte Rind mit Trüffel zu verspeisen, das die Küche verlässt.

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Weil der R. und die I. ihre Tochter dabei hatten, und auch wir nicht ohne den F. verreisen, saßen an einer Ecke des Tisches die beiden Kinder in Hemd und Kleidchen. Wir hatten für beide Pommes Frites und Saibling bestellt, es gab Traubensaft und ein Eis nach dem Essen. Ab und zu verließen die Kinder den Raum, um draußen zu spielen, malten, sahen sich Bücher an, und unterhielten sich untereinander und mit uns. Es ging sehr gut, und gegen 22:30 verließen wir mit unseren gähnenden Kindern das Lokal.

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Als ich so alt war wie der F. heute, durfte ich beim großelterlichen Essen am Sonntag nicht aufstehen. Und auch nicht sprechen. Oder lesen. Ich saß am unteren Ende des Tisches, übte mich in Gedankenfluchten und starrte an die Wand. Ich bin sehr froh, dass das heute nicht mehr so praktiziert wird, auch wenn ich nicht ungern zu meinen Großeltern fuhr und nicht ganz wenig, was ich über das Altertum, das Barock, Bertrand Russell oder Leibniz weiß, schweigend am Mittagstisch erfahren habe. Aber wenn ich im Netz über einen offenbar breit diskutierten Ansatz lese, Kinder nicht zu erziehen, vermute ich oft, dass so ein Abend im L. A. Jordan mit bewusst unerzogenen Kindern nicht möglich wäre, und dass dieses Modell Kindern viel Weltwissen und viele Erfahrungen der Erwachsenenwelt vorenthält, von der Gastronomie über die Oper bis zur Malerei, und dass dies den Kindern vielleicht einmal fehlen wird, wenn sie 25 sind und sich weniger sicher bewegen als andere.

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Scheinbarer Aktionismus

Meine Küche allein. Das ist so ein typisches Berliner Loggienzimmer, zu dick überstrichener Deckenstuck mit Füllhörnern, Stäbchenparkett, und die Ikeaeinbauküche, die schon drin war, als wir da eingezogen sind. Das war vor sechs Jahren. Ein langer, massiver Tisch, sechs geflochtene Stühle aus den Dreißigern mit grünen Polstern und irgendwelche Lampen. Könnte man vermutlich was draus machen. Sieht man ja ständig in irgendwelchen Blogs. Aber ich bin schon zu faul, die Küche auch nur auszumessen, zu träge, Lampen auszusuchen und eine Elektriker mit der Installation zu beauftragen, und jemanden damit zu betrauen, die scheußliche Rauhfaser runterzureißen und zu spachteln bin ich auch.

So ist das eigentlich in allen unseren Räumen. Und bei unserem Porzellan. Und bei der Wäsche, einem Sammelsurium aus Ikea, mitgenommenem Leinen von zuhause und irgendwelchen Einzelstücken, von denen ich jetzt auch nicht weiß, wo das Zeug eigentlich herkommt.

Wenn ich mich frage, wieso das hier eigentlich nicht so aussieht wie die lässigen Wohnungen in irgendwelchen Blogs, beruhige ich mich meistens damit, ich hätte keine Zeit. Das ist natürlich Quatsch, ich habe sogar Zeit für dieses Blog, vermutlich eins der sinnlosesten Hobbys, die ein Mensch sich überhaupt so zulegen kann. Mir fehlt vermutlich schlicht so ein gewisser Schönheitssinn, so ein Sinn für das beiläufig Elegante, so eine Desinvoltura, das Gegenteil von so einer geschleckten Schöner-Wohnen-Hölle, und weil ich das eine nicht will und das andere nicht kann, sieht es eben so aus, wie es aussieht.

Ab und zu aber sticht mich der Hafer. Dann fange ich an, im Internet zu graben. Dann male ich mir aus, wie es aussähe, wäre diese Wand grau, und dort hätte ich einen alten, halbblinden Spiegel. Hier eine dieser schönen, industriellen Lampen. Mein Biedermeiersofa einen schieferfarbenen Chintzbezug statt einfach wieder grün, und auf dem Boden einen dieser prächtigen persischen Teppiche in meergrün und einem pudrigen, hellen Rosé.

Nichts davon werde ich realisieren. Wenn nicht eines Tages einer kommt, der morgens klingelt und ankündigt, er werde nun diese Wohnung generalüberholen, werden sie mich vermutlich eines Tages aus dieser Wohnung tragen, und es sieht keinen Deut anders aus als heute. Aber immer, wenn ich irgendwo Wohnungen sehe, die mich beeindrucken, Hotelzimmer, Bilder im Netz, dann bilde ich mir ein, auch bei mir ginge da noch was, plane herum, und das – immerhin dies – sind dann immer recht vergnügte Stunden.

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Drei Mütter

Als der F. und ich von den alten Ägyptern im Neuen Museum kommen, steht sie an der Bahn. Sie ist nicht älter als 20, hat ein kleines Kind auf den Rücken gebunden und bettelt die Passanten um Geld an. Sie ist hübsch, schwarze Haare, dunkler Teint, und einen langen, bunten Rock.

Aus dem F. an meiner Hand sprudelt alles heraus, was er über die alten Ägypter denkt. Über ihre Mumien, ihre Katzen, ihre Götter, ihre falschen Bärte, und er spekuliert nach Herzenslust, was wohl ein Ägypter denken würde, wenn er hier mit ihm an der Berliner Museumsinsel stünde. Vor lauter Begeisterung springt er vom einen Bein auf das andere, und dann verlangt er ein bisschen Geld. Für die Bettlerin.

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Wir haben dem F. erzählt, dass man jedem Bettler etwas geben muss. Dass zwar in Deutschland eigentlich jeder vom Staat etwas zu Essen und ein Dach über dem Kopf bekommt, aber es Leute gibt, die aus irgendwelchen Gründen trotzdem auf Spenden angewiesen sind, und selbst wenn neun das Geld nicht wirklich bräuchten, man den zehnten, wirklich bedürftigen Bettler nicht ohne Gabe ziehen lassen darf. Solange man diesen aber nicht wirklich erkennt, muss man eben allen etwas geben.

Eine andere Mutter einen Schritt entfernt scheint das anders zu sehen. „Geh nicht hin zu de Zejeunerin, Shelley.“, warnt sie laut hörbar ihre auch ungefähr vierjährige Tochter. Laut hörbar erklärt die Frau, die „Zejeuner“ würden alle stehlen. Ich drehe mich zu ihr um. Sie ist jünger als ich, mit dunklem Ansatz unter den strohigen, hellblonden Haaren und einer rosa Kapuzenjacke. Ihre Beine stecken in weißen, dünnen halb langen Hosen. Ihr Knöchel ist tätowiert. Sie könnte Kassiererin im Supermarkt sein, stelle ich mir vor. Oder sie macht irgendwo sauber.

„Seien sie doch bitte wenigstens so höflich, nicht vor der armen Frau so zu hetzen.“, platzt es aus mir heraus. Die fremde Frau glotzt mich an und öffnet ein paarmal wortlos den Mund. Unsagbar dumm sieht das aus, und ich bemühe mich ziemlich fruchtlos, sie für diese sichtbare Dummheit und ihren dumpfen Rassismus nicht zu verachten. Vielleicht hat auch diese Frau kein schönes Leben, wenn sie es nötig hat, über andere Leute in deren Hörweite herzuziehen, und deswegen lächele ich so freundlich wie ich kann, und sage ihr, dass ich es an Stelle der Bettlerin verletzend finden würde, so etwas zu hören.

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„Geh doch dahin, wo du hinjehörst.“, stößt sie schließlich hervor, und diesmal meint sie mich. Ich habe asiatische Vorfahren, das sieht man, aber wenn ich irgendwo hingehöre, dann in den Prenzlauer Berg, den Leute wie ich seit 20 Jahren prägen. Kurz überlege ich, die fremde Frau zu fotografieren, und einfach Anzeige wegen Beleidigung zu erstatten. Statt dessen sage ich ihr nur, wie hässlich ich ihren Rassismus finde.

Dann aber kommt mein Bus. Ich fahre heim in den sonnigen, hellen Prenzlauer Berg mit seinen Cafés, Kinderbuchhandlungen und seinen gut gekleideten Frauen, in dem kleine Mädchen niemals Shelley heißen. An meiner Hand tanzt der F. an den Caféhaustischen vorbei nach Hause, und ich denke darüber nach, ob ich über die tätowierte Rassistin wirklich so anders denke als diese über die arme Bettlerin, und ob die Mutter von Shelley auch so hässlich über andere denken würde, wenn nicht Leute, die mir vielleicht gar nicht unähnlich sind, auch auf sie herabsehen würden, und die Aussichten ihrer Shelley auf ein schönes Leben so gut wären wie die des F.

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Kanonen

Es gibt doch gar keine Lieder über Kanonen, sagt der F., und schaut mich auffordernd an. Das ist ein Spiel zwischen uns. Er nennt irgendwas, und ich muss sagen, ob es ein Lied dazu gibt. Es gibt Lieder über fast alles.

Über Kanonen, sage ich, gibt es auch Lieder. Es gibt ganz viele Soldaten- und Landkknechtslieder, aber die kenne ich alle nicht. Ich kenne nur einen Kanonensong, und den singe ich ihm leise vor in unserem dunklen Schlafzimmer, in dem der F. wach mit offenen Augen an die dunkle Decke schaut.

Das hast du dir ausgedacht, sagt der F., weil ich das manchmal mache, aber das weise ich von mir und erzähle ihm von Bertolt Brecht, vom Theater am Schiffbauerdamm, von Helene Weigel, von Berlin und Amerika und von der Dreigroschenoper. Leise, weil ich sehr schlecht singe, singe ich ihm noch das Lied von der Seeräuberjenny vor, und bevor noch der reitende Bote des Königs kommt, fallen dem F. die Augen zu.

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Versuch’s mal mit Vereinbarkeit

Als ich 1995 Abi machte, hatten die Mädchen auch schon geschätzt einen deutlich besseren Abischnitt als die Jungen. Es wollten auch gar nicht alle Mädchen ausschließlich die Orchideenfächer studieren, die ja gern einmal dafür verantwortlich gemacht werden, wenn Frauen mit 40 zwar einen Doktortitel, aber kein Wohneigentum besitzen. Wir feierten, wir packten die Kombis unserer Eltern voll und fuhren davon.

Zum zwanzigjährigen Abijubiläum 2015 fielen wir uns alle in die Arme und zeigten uns viele Photos.  Wir haben es alle ganz gut getroffen, will mir scheinen. Ein par Tage später aber fiel mir auf, dass ich von den Frauen mit Kind kaum gehört habe, was sie beruflich eigentlich gerade machen. Oder nur so ganz unscharf. Weil ich unendlich neugierig bin, habe ich die Mädchen von damals gegooglet und ein paar Leute gefragt. Die Jungen, jetzt Männer, haben mir ganz genau erzählt, was sie derzeit beruflich machen, da musste ich nicht mehr googlen. Was soll ich sagen: Die Männer sitzen im Durchschnitt mehrere Hierarchiestufen über dem Durchschnitt der Frauen. Und ich schätze, dass sie durchschnittlich auch mindestens doppelt so viel verdienen. Das liegt an langen Phasen, in denen Frauen mit Kind nicht gearbeitet haben. Und an der Teilzeit, die es Frauen schwer macht, Verantwortung übertragen zu bekommen. Und ohne Verantwortung keine Beförderung und weniger Geld. Als mir das bewusst geworden ist, bin ich ziemlich wütend geworden.

Nun könnte man proklamieren, dass das gleichgültig sei. Weil Frauen ja so schlau sind, zu erkennen, was auf Erden wirklich zählt. Kinder zum Beispiel. Und man sich in der „Tretmühle“ ja eh nur für andere verschleißt. Wenn man dieser Lesart folgt, haben Frauen es quasi raus und führen – finanziert durch blöde Leute, die es halt nicht raus haben – ein auf das Wesentliche konzentriertes tolles Leben.

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In Wirklichkeit aber wirken die meisten mir bekannten Mütter weder besonders glücklich, noch besonders entspannt. Weil sie für zu wenig Geld und für zu wenig Anerkennung 20 Stunden in Teilzeit arbeiten. Weil sie Tag für Tag – auch mit Job – ungefähr drei Stunden mehr als Männer Haushalt und Kindern versorgen. Ich kenne Mütter, vor allem in West- und Süddeutschland, die jeden Nachmittag ihre Kinder durch den gesamten Landkreis schaukeln, weil die im Chor singen, Reiten, Tennis und Fußball spielen, Nachhilfe haben und Freunde besuchen. Fast immer besuchen die Mütter die Tage der offenen Tür für Grundschulen, sprechen mit Lehrern, wenn es Probleme gibt, kaufen Kindergeburtstagsgeschenke, dekorieren österlich oder weihnachtlich oder backen Brot, und wenn man sie mal zum Kaffeetrinken trifft, wirken sie ziemlich angestrengt. Manche meiner Freundinnen und Bekannte sind in den letzten Jahren schon optisch ziemlich gealtert und meistens schlecht gelaunt. Manche ähneln nicht mehr so besonders den strahlenden, fröhlichen Mädchen, die ich mal gekannt habe.

Den gleichaltrigen Männern dagegen geht es prima. Ihre Karrieren haben in den letzten fünf Jahren nochmal richtig Fahrt aufgenommen. Die Verabredungen mit den Vorständen, Partnern, Chefärzten und Ressortleitern, alle knapp über 40, kommen interessanterweise immer viel schneller zustande als mit den Frauen, weil die Männer mittags meistens essen gehen, und dann sitzt man ihnen im borchardt, im Desbrosses oder im Bocca die Bacco gegenüber und hört sich ihre Erfolgsgeschichten an. An zu wenig Anerkennung leiden sie jedenfalls nicht.

In meinen Augen spricht diese Situation dafür, dass auch Frauen mehr bezahlt arbeiten. Zum einen steigen dann die Aufstiegschancen, in Positionen anzukommen, in denen man seine Ideen viel besser realisieren kann, als wenn man nicht befördert wird. Das ist sehr befriedigend. Zum anderen verdient man mehr Geld und kann sich mehr Hilfen bei blöden Arbeiten leisten, gut essen gehen, toll reisen und es sich gut gehen lassen. Zum dritten ist es vermutlich nicht nur für mich befriedigender, etwas zu tun, was man gut kann und worauf man sich lange vorbereitet hat. Ich beispielsweise bin ja nicht zufällig Juristin und nicht Kindergärtnerin und auch nicht professionelle Raumpflegekraft, weil ich mich schnell langweile und sehr schlecht putze. Zum vierten meine ich, dass es für die Gesellschaft gut wäre, wenn die weiblichen Talente nicht einfach ungenutzt versickern. Es wäre doch toll, wenn nicht nur die Häuser männlicher Architekten gebaut würden, wenn auch mehr Unternehmen von Frauen verhandelt würden, und wenn auch mehr Frauen in leitenden Positionen in Ministerien Gesetze vorbereiten würde, denn mit einem deutlich größeren Talentpool als heute müsste doch auch die absolute Qualität steigen. Außerdem glaube ich an die Bedeutung von Diversität und vermute, dass es für Rentenkassen und Steueraufkommen toll wäre, wenn mehr Leute einzahlen.

Nun gibt es eine Reihe von Frauen, die meinen, Vereinbarkeit ginge gar nicht. Deswegen wollen sie offenbar, dass der Staat – also der Steuerzahler – dafür aufkommt, dass Mütter sich um Kinder und Haushalt kümmern. Wenn ich mir das praktisch vorstelle, gibt es die bis zu 1.800 EUR Elterngeld dann also vermutlich nicht mehr nur 14 Monate, sondern 36. Oder 72, die Forderungen sind vermutlich nach oben offen.

Doch auch wenn es ein solches Müttergehalt geben würde, wäre das doch nur eine zweit-, ach: drittbeste Lösung. Denn längere Zeiten der Berufslosigkeit führen vermutlich zu noch schlechteren Aussichten, berufliche Träume zu realisieren. In manchen Berufen verändert sich auch alles so schnell, da ist man nach drei Jahren so unfassbar weit raus, da ist ein Jahr das höchste der Gefühle. Die fehlende Anerkennung wird durch ein Müttergehalt vermutlich auch nicht steigen, und zudem – aber das ist Geschmackssache – gibt es kaum etwas weniger Befriedigendes, als den ganzen Tag daheim zu bleiben und Tätigkeiten nachzugehen, die extrem unbefriedigend sind, wie etwa Staubsaugen oder immer wieder „Conni kommt in den Kindergarten“ vorzulesen.

Ich setze also auf mehr Vereinbarkeit und nicht auf den Rückzug. Ich möchte mehr und bessere Kindergärten und echte Ganztagsschulen bis 16.00 Uhr. Ich möchte die volle Absetzbarkeit aller Kinderbetreuungskosten und Kinderkurierdienste, die Kinder zu Vereinen fahren. Ich möchte eine echte Entbürokratisierung, wenn man Putzfrauen und Kindermädchen einstellt. Da sollte es ein Büro im Arbeitsamt geben, wo man hingehen kann, und die regeln das dann alles. Querfinanzieren möchte ich das Ganze durch eine Abschaffung der Pendlerpauschale und des Ehegattensplittings und eine Abschaffung von – dann hoffentlich nicht mehr nötigen – versicherungsfremden Leistungen der Sozialversicherungen.

Ansonsten möchte ich, dass Frauen endlich verhandeln. Mit ihren Männern. Dass Frauen darauf beharren, dass ihr Job ebenso wichtig ist wie seiner, auch wenn sie weniger verdient. Dass Paare die lästigen Termine wie die Vorsorgeuntersuchungen oder den Elternabend paritätisch aufteilen. Dass sie sich nicht damit abspeisen lassen, sein Chef wäre böse, wenn er Elternzeit nimmt oder wegen der U 8 erst um 10.00 erscheint. Ihr Chef ist schließlich auch nicht begeistert, da müssen sich die Männer mehr trauen, die Frauen mehr darauf pochen und auch die Chefs bewegen. Ich würde mir außerdem wünschen, dass Frauen auch einfach mal die Füße stillhalten, wenn das Kind komisch angezogen aussieht oder ein merkwürdiges Geschenk für einen Geburtstag mitbekommt, wie manche Mütter begründen, warum sie sich nicht auf ihren Mann verlassen können. Das werden die ebenso lernen wie ihre Frauen.

Und ich würde mir wünschen, dass Frauen lebhaft, scharf, streitbar darüber diskutieren, wie sie sich Gesellschaft und Familien vorstellen, statt alles unter einer dichten Decke aus Harmonie zu begraben, weil es uns nicht weiterbringt, wenn wir uns nervenschonend versichern, unsere Leben seien alle total okay, wenn das gesellschaftlich und volkswirtschaftlich nicht stimmt. Ansonsten stellt die nächste Generation der Mädchen, die heute Abi machen, in 20 Jahren auch wieder fest, dass die Gesellschaft nicht wirklich weitergekommen ist bei der Verteilung von Geld und Macht.

(Dieser Text bezieht sich auf die hier gesammelten Texte und Frau Ziefle)

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Der Klagenfurttag der alten Leute

Wieso gibt es eigentlich keine blonden Frauen, die in Klagenfurt lesen, frage ich mich, und überlege, ob die Juroren, wenn sie Texte aussuchen, eigentlich sofort googlen, wie die Leute aussehen. Früher, das sieht man auf alten Bildern, waren Autoren ja auch mal gern so hässlich wie Kröten, aber als krötenhässlicher Mensch wird man heuer ja gar nichts mehr, da kann man noch so schön singen oder schreiben. Ich wette, sogar als Wissenschaftler ist es inzwischen ein absoluter Nachteil, wenn man klein, fett und warzig ausschaut.

Frau Ada Dorian jedenfalls ist hübsch und dunkelhaarig und sieht eigentlich schon fast exakt so aus wie einige andere Autorinnen aus, aber vielleicht kommt mir das nur so vor. Ich werde ja auch nicht jünger, da schauen dann irgendwann alle jungen Frauen gleich aus und alle alten auch. Nur die Frauen, die so alt sind wie ich, die kann ich noch unterscheiden.

Frau Dorian liest einen Text über einen alten Mann. Der alte Mann ist das letzte Mysterium der Gegenwart, man weiß quasi nichts über sein seelisches Innenleben, weil die alten Männer sich wenig mitteilen, und wer liest schon Martin Walser, aber auch aus Frau Dorians Buch werde ich nichts über alte Männer erfahren, weil ihre Geschichte über einen alten Mann, der sich einen Wald in die Etagenwohnung stellt, mich rein gar nicht interessiert. Die Russlandklischees, die dann auch noch vorkommen, finde ich fade.

Überhaupt ist heute der Tag der Alten. Auch der nächste Text, Herr Gröttrup setzt sich hin, handelt von einem alten Mann, und startet etwas zäh mit der Beschreibung eines älteren Mannes, der so dem Klischee des alten Spießers mit Schrebergarten entspricht, dass ich ein bisschen seufze, weil die Autorin so nett wirkt, dass man ihr einen tollen Einstieg gewünscht hätte. Dann aber hebt Sharon Dodua Otoo zu einer so irrwitzigen, witzigen, leichten Wendung ab, dass ich heiter ein paar Minuten in der heißen Luft über dem Landhafen schwebe und ein bisschen vor mich hin lache.

Das Los aber ist von unerbittlicher Ordnungsliebe. Auch im nächsten Text taucht ein alter Mensch auf, eine Frau diesmal, ein steinaltes Dienstmädchen in einem Hotel, einem verlassenen Hotel, ein rassistisches, böses Dienstmädchen, und ein junges Flüchtlingsmädchen und vielleicht eine schwarze Frau, von der ich nicht weiß, ob es sie in der Realität dieses Romanauszugs wirklich gibt, und es auch nie herausfinden werde, weil schon anhand des kurzen Auszugs des Textes von Astrid Sozio klar wird, dass die Konstruktion nie im Leben funktioniert. Der Text scheitert aufs Krachendste, plumper Schulfunk oder rassistisches Stereotyp, vermutlich beides, und da hilft es dann auch nicht mehr, dass ich der Autorin gern zusehe, auch wenn sie genauso aussieht wie die Hälfte der anderen Autorinnen. IMG_2569

Zum Schluss aber kommt der alte Mann selbst. Dieter Zwicky heißt er, ist Schweizer, und auch diesmal scheitere ich am alten Mann. Ich verstehe nicht, wovon sein Text handelt, ich schlafe fast ein, weil es 32° C warm ist, und sein Text für mich keinen Sinn ergibt. Dazu liest er in schwerem, konsonantenreichen Schweizer Dialekt, ich höre nur den schleppenden, wiegenden Tonfall und ein wahrer Wasserfall an knackenden und krachenden Lauten.

Am Ende sitze ich wieder am See. Ich plaudere ein bisschen, ich sehe in den blauen Himmel, und frage mich, ob mir die alten Leute eigentlich auch so fremd gegenüberstehen, wenn sie mich vorbeifahren sehen, und ob sie mich mögen oder nicht.

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