Jules et Jim

„Alt und müde.“, sage ich wahrheitsgemäß und versuche gleichzeitig mein Telefon und einen Nagellackpinsel fachgerecht zu balancieren, schiebe mit dem Ellenbogen meine Teetasse etwas weiter auf den Tisch und verabrede mich in zwei Stunden zu einem späten Frühstück in der Konditorei um die Ecke.

Um mich herum ist oder wird gerade alles 40 und lamentiert fürchterlich. Vermutlich hat die eine Hälfte meiner lieben Freunde die Jahre zwischen 15 und 35 mit dermaßen viel Vergnügungen vollgestopft, dass die abnehmende Schlagzahl an Spaß in Zusammenhang mit den mit den Jahren etwas abgestumpften Nerven üble Entzugserscheinungen verursacht. Die andere Hälfte dagegen realisiert gerade, dass der Triebverzicht ihrer Vergangenheit in der Zukunft keinerlei Honorierung erfahren wird, und jammert deswegen auch. Es muss irgendwo Leute geben, die ihr Leben lieben, aber die kennen wir nicht oder sie sprechen nicht mehr mit uns.

Immerhin, vernehme ich zur angegebenen Zeit über einer Kanne Assam, scheint die letzte Generation gelangweilter Bürger ihre Langeweile auch nicht besser bewältigt zu haben. Nehmen wir nur etwa die Tante R. meiner Begleitung, eine Psychotherapeutin aus Münster, welche unweit ihrer Heimatstadt in einem alten Resthof mehrere Jahrzehnte eine Art Seminar- und Meditiationszentrum betrieben hat, in dem Menschen irgendwo in ihrem Innenleben innere Kinder und spirituelle Edelmetalle gefunden haben. Praktischerweise erwies sich das Ganze sogar als ausgesprochen lukrativ.

In sehr frühen Jahren ihres Lebens war die Tante R. einmal mit einem Herrn H. verheiratet, einem Zeitungsredakteur. Das war damals noch ein bürgerlicher Beruf, von dem sich Leute Häuser bauten. Dann war die Tante R. nach einigen Wirren ein paar Jahre mit einem Herrn E. liiert, das ging aber auch in die Brüche. Mehrere Jahrzehnte hatte die Tante R. daraufhin allein gelebt, ihren Resthof regiert, ihre Patienten und irgendwelche jungen Therapeutinnen herumgescheucht und lange Wanderurlaube unternommen, gemeinsam mit irgendwelchen anderen postklimakterischen Damen. Dann aber setzte sich die Tante R. zur Ruhe, die inneren Kinder verließen den Hof, sie kaufte sich eine Finca in Andalusien und las sehr viel.

Irgendwann auf einem Familientreffen – ich glaube, ich war sogar dabei – kam sie auf einmal wieder mit Herrn H. Der war inzwischen ebenfalls Rentner, verdiente sich ein Zubrot als sogenannter Medienberater und sprach nur noch eine krause Mischung aus englisch und deutsch. Man spekulierte schon, er werde wieder bei ihr einziehen, da erschien sie auf einmal auf einer Taufe im weiteren Familienkreise mit Herrn E. Die Familie des Begleiters ist, obschon ausgesprochen protestantisch, einigermaßen hartgesotten in Herzensverwicklungen, zuckte deswegen nicht einmal mit der Wimper und hieß Herrn E. wieder im Familienkreise willkommen.

Als aber im letzten Jahre mein Begleiter selbst einmal im Münsterlande weilte, fuhr er spontan auch bei der Tante R. vorbei und setzte sich in ihre Küche. Die Küche dieser westfälischen Bauernhäuser ist riesig, es gibt einen mannshohen Kamin und an den Wänden hängen gigantische Töpfe und Pfannen früherer Zeiten, in denen man die inneren Kinder von Tante R’s früheren Patienten in einem Stück hätte zubereiten können. Neben dem Kamin jedenfalls saß Herr H.

Herr H. wirkte ganz zuhause. Er las in der taz, welche bei älteren Herren sehr beliebt ist, trank Lapachotee und kochte dem Besuch Kaffee, als die Tür aufging, und herein kamen Herr E. und die Tante. Man wohne, so vernahm der Begleiter, derzeit dort selbdritt.

Wie sich im Laufe des Abends herausstellte, war das Zusammenleben nur teilweise geprägt von Harmonie. Tante R. gilt als temperamentvoll, Herr H. hat auch nicht mehr alle Latten am Zaun, und Herr E. ist zwar einigermaßen ausgeglichen, aber beim Verhältnis 2:1 hilft das auch nicht mehr weiter. Als der Begleiter auf dem Weg zu Frau und Kindern wieder im Auto saß, war er jedenfalls recht froh, entkommen zu sein. Eine Weile meldete er sich jedenfalls mit gutem Grund nicht mehr bei der Tante.

Erst vor einigen Tagen hörte man erneut von Tante R. und den beiden Herren. Alle drei, so vernimmt die familiäre Fama, befinden sich in Spanien auf der Finca, die man sich, so der Begleiter, allerdings eher als so eine Art schlechtgeheizten Stall vorzustellen habe. Dort indes sei es zu einer erneuten Auseinandersetzung gekommen, die Tante habe ihr Auto bestiegen mit dem Herrn E. an ihrer Seite, der Herr H. sei hinterhergekommen, dann sei die Tante, welche schon immer eine miese Autofahrerin gewesen wäre, vom Wege abgekommen, und nun liege sie mit einem gebrochenen Bein danieder, der Herr E. sei auch ziemlich zerbeult, und der Herr H. wiewohl auch schon 75, müsse beide pflegen.

„Das ist ja entsetzlich trist.“, seufze ich, als wir die Konditorei verlassen. „Ich muss los.“, sagt der Begleiter, welcher gerade den Kindersport seiner Ältesten schwänzt, und winkt nach einem Taxi. „Wir sehen uns Donnerstag.“, verabschiede ich mich und lasse mir von ihm wie immer nach jedem Streit seit über 30 Jahren zum Abschied etwas ins linke Ohr flüstern. Auf dem höre ich nämlich nichts.

Dann gehe ich heim.

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Sozusagen Glück gehabt

Sitze ich also – vorletzte Woche vielleicht – mit Freund M. im Sorsi e Morsi, nette Bar im Prenzlauer Berg, um noch so ein wirklich allerletztes Glas auf den Heimweg zu trinken. Draußen schon so ein wenig ungemütlich, drinnen wie immer dunkel und voll und verraucht, Rotwein und Negroni auf den Fisch in der Fischfabrik und das Bier in dieser italienischen Craft Beer Bar in der Prenzlauer Allee.

Sitzt vor uns ein Paar, nein, ein Date eher. Ein etwas reservierter Mann, durchaus soignierter Bürger im Vorbereitungsstadium Ende 20, und ihm gegenüber eine leicht exaltierte Frau, nicht die höhere Tochter, die er mal heiraten wird, sondern eher die Kategorie Mädchen, die zwar schon so irgendwas studieren, aber dann eher nicht so Lektorin bei Hanser werden, sondern eher Sozialarbeiterin mit nebenbei Kellnern.

Sie legt sich mächtig ins Zeug. Sie gestikuliert, sie lacht eine Nuance zu laut, sie schüttelt ihre Haare und schaut ihn herausfordernd an. Er dagegen weicht immer weiter zurück, den Oberkörper leicht zurückgelehnt, und sein Unbehagen steht ihm so sichtbar ins Gesicht geschrieben, dass sie mir fast ein bisschen leid tut, und der M. und ich schauen uns schon als reine Zuschauer der Szenerie peinlich berührt an.

Geschickt wäre es jetzt an ihrer Stelle, das Tempo herunterzufahren oder einfach zu gehen und sich mit jemandem zu verabreden, der auf leicht übersteuerte Leute steht. Statt dessen kippt sie, ob aus Nervosität oder mit Absicht, ihr Wasserglas um und bespritzt ihn schrill lachend mit den feuchten Fingern, was er, so wie er aussieht, nicht einmal bei Frauen schätzen würde, die er wirklich mag. Geniert schaue ich an den beiden vorbei und überlege, ob und wann ich eigentlich genauso peinlich wirke und segne meinen Schöpfer dafür, solche Gelegenheiten auf der Stelle zu vergessen.

Als beide gehen, schauen wir uns an. Auf dem Boden neben ihren Platz glänzt feucht das verschüttete Wasser. Aus diesen beiden wird wohl kein Paar, denke ich und trinke den obligatorischen Limoncello. Nicht mal für die nächsten paar Wochen. Dann stehen wir auf der Straße, die beiden sind nicht mehr zu sehen, und ich bin so dankbar wie selten, verheiratet zu sein, weg vom Markt dieser Eitelkeiten, nicht mehr gezwungen, mich vor fremden Leuten lächerlich zu machen, wenn ich mich melde, oder ständig mein Telefon zu fixieren und ungeduldig darauf zu warten, dass die sich melden, und mir Gedanken zu machen, was irgendwas zu bedeuten hat, was vermutlich überhaupt nichts zu bedeuten hat, über irgendwen mehr als flüchtig nachzudenken, herumzugooglen, was bei ersten, zweiten, dritten, vierten Dates passieren sollte, weil man ja nicht weiß, ob das Date nicht doch mit dieser Erwartungshaltung erscheint, ständig sehr hoffnungsvoll oder sehr enttäuscht zu sein, und verdränge auf dem Weg durch den dunklen Prenzlauer Berg, wie oft ich sehr glücklich war, damals, lachend auf den Wellenkämmen der heiteren Meere, und die Sonne so gleißend, das Salz des Lebens so glitzernd wie nie.

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Damals in Polen

Schläfst du schon, frage ich so circa kurz nach zwei, und er tut so, als hätte er nur auf meinen Anruf gewartet. Ich bin all das so müde, fahre ich fort, und dass ich so gern auf der Stelle meine Siebensachen packen und mit dem F. an der Hand einfach davonfahren würde, aber dass das natürlich nicht geht, weil ich 42 bin und nicht 20, und erwachsene Leute nicht einfach ihrem Leben davonlaufen dürfen, um irgendwo an einem Strand mit ihren Freunden zur Gitarre zu singen.

Wie die anderen Leute eigentlich ihr Leben aushalten, fragen wir uns, weil die ja eigentlich so ganz zufrieden wirken, wenn man sie in ihren Anzügen durch Mitte laufen sieht, aber vermutlich sehen wir genauso zufrieden aus, denn komfortabel ist diese Daseinsform ja durchaus. Verlangt einem nichts ab außer Lebenszeit und Seele.

Ob die anderen eigentlich gefunden haben, was sie suchten, und gut damit leben können, dass die Suche zu Ende sein soll und sie nie wieder finden werden, fragen wir uns gegenseitig und haben keine Antwort, wie immer, wenn es wichtig wird, und fangen an zu lachen aus lauter Ratlosigkeit. Erzählen uns das Böseste und Beste des Jahres. Wo wir waren. Was wir gelesen haben. Sehr gutes Essen hier und anderswo. Die schönsten Schuhe, die ich jemals hatte, oh, fast zehn Zentimeter, lackschwarz mit kleinen silbernen Knöpfen. Wie gut es uns damals ging, ohne dass wir das wussten. Und ob wir wohl nochmal wie damals in Polen.

(Wohl nicht.)

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Die Straßen komme ich entlang geweht

Aber als ich auf der anderen Seite der S-Bahn stehe, kommt die Tram doch erst in 15 Minuten, und der Rotwein aus dem Burgenland schwappt in meinem Kopf hin und her, als würde es so stürmen wie letzte Woche, als es ganze Bäume mit Wurzeln aus der Erde riss, und die Hexen der Stadt fielen allesamt von den Besen.

Heute nacht aber weht ein milderer Wind. Am Litfaßplatz drehen sich ein paar welke Blätter in gelb und rot im weichem Scheine der Laternen. Im Wartehäuschen sitzt ein ganz junges Paar, so jung, dass man meinen möchte, es müsste seit Stunden zuhause sein, aber hier ist Berlin, und wann lebt man mehr als in Nächten.

Zwischen den Schienen der Tram pickt ein Rabe nach Krümeln und kehrt erst am Morgen zu Odin zurück. Durch die Straßen der Stadt streichen Wölfe. Doch ich, ich wehe die Straßen entlang, glücklich von Himmel und Nacht, und mehr Windsbraut, sagen die Hexen: als jede von uns.

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Hämmern und bohren

Ach wissen Sie, so unpraktisch bin ich eigentlich gar nicht. Ich kann ordentlich kochen und weiß, wo man einen Kardinal hinsetzt, wenn er zum Essen kommt. Oder was man machen kann, wenn Bratensauce aufs Tischtuch kommt. Ich kenne mich auch mit der Pflege von Holzmöbeln aus, könnte Socken stopfen, wenn ich mehr Zeit hätte und Socken teurer wären, und außerdem kann ich wirklich viele Flechtfrisuren, für die mein Sohn leider dramatisch zu kurze Haare hat. Aber wissen Sie was: Ich hatte noch nie einen Bohrer in der Hand.

Ganz früher war das natürlich nicht nötig. Da war ich ja noch daheim. Und etwas später rief ich, wollte ich etwas anhängen oder aufbauen oder so, meinen Vater an. Der packte dann ales zusammen, setzte sich ins Auto und fuhr los. Manchmal fragte ich auch meinen jeweiligen Freund, außer, der J. bekleidete gerade diese Funktion, denn der hat diesbezüglich auch keine Ahnung.

In Hinblick auf leckende Siphons, abblätternde Türen, Bilder, die dringend mal aufgehängt werden müssen und Lampen für Decke und Wand war es eindeutig ein Fehler, ausgerechnet den J. zu heiraten, aber wenn man die Gelegenheiten, bei denen man sich einen Heimwerker wünscht, zu den Gelegenheit in Relation setzt, bei denen gutes Aussehen und Originalität überzeugen, überwiegen nach wie vor die Argumente, die für den J. und gegen einen netten Berliner Handwerker sprechen. Meine Bilder, Regale, Lampen jedoch hängen sich von der positiven Einschätzung meiner damaligen Entscheidung leider immer noch nicht auf. Einen Hausmeister, der schnell einmal für einen Fünfer anpackt, habe ich nicht. Immer mag ich auch nicht auf meinen Vater zählen, und so überlege ich ernsthaft, nunmehr, in meinem 42. Lebensjahre, einen Kurs zu belegen, in dem man lernt, wie man Nägel in die Wand bekommt, an seiner Küche herumschraubt, Dübel befestigt und bohrt. Es wird wunderbar werden.

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Engel in Action

Nehmen wir, sprach also einer der Engel der Verwirrung zu den anderen, eine beliebige junge Dame. Oder nein. Nehmen wir besser so eine Dame in mittleren Jahren, die sind gefühlvoller. Die Dame ist recht schön und ganz blond und sehr schlank mit Tendenz zur Magerkeit.  Setzen wir die Dame in eine Wohnung, schönes Innenstadtviertel, Altbauten, Antiquitäten, ein bisschen Kunst, mehr so Yasmina Reza als Pollesch, das ganze Setting, und legen der Dame ihr Telefon in Reichweite auf den Tisch. Da soll aber niemand anrufen. Den Gatten der Dame setzen wir nicht ihr gegenüber. Für ihn haben wir uns richtig was ausgedacht, ihn setzen wir nämlich auf einen Diwan in einem sehr hübschen Bed and Breakfast irgendwo ziemlich weit weg, Blick aufs Meer, alles sehr malerisch, und um die Handlung so ein bisschen zu befeuern nehmen wir dem Mann die Kleider weg. Weil nackte Leute ganz allein langweilig sind, platzieren wir eine noch viel jüngere Dame als seine Frau gleichfalls auf den Diwan. Aus Gründen der Symmetrie soll diese Dame auch rein gar nichts anhaben.

Aha, sagen die anderen Engel und nicken. 

Die Berliner Dame wird währenddessen immer unruhiger. Lassen wir sie in ihrer Wohnung hin und herlaufen, nervös mit den ordentlich manikürten Nägeln auf die glatten Oberflächen ihrer Möbel klopfen, wir denken an eine Nussbaumanrichte, Wiener Werkstätten, vielleicht lassen wir sie auch grundlos ihr Kind anraunzen, und außerdem könnte sie Telefonate mit ihrem Assistenten im Büro führen, immer so hart am Rande der Hysterie. Davon ruft ihr Mann aber auch nicht an.

Die Ärmste, seufzen die anderen Engel. 

Schließlich – Wochen sind vergangen – sehen wir die inzwischen ziemlich abgemagerte Dame mit bläulichen Schatten unter den Augen hektisch mit ihrem Telefon fuchteln. Ihr Mann war zwar zwischendurch kurz da, jetzt ist er aber wieder weg, und die Dame ruft in immer kürzeren Abständen ihre Mutter, ihren Bruder, ihre mitfühlenden Freundinnen und die lustige, böse Freundin, die jeder hat, an und holt sich Tipps für den Umgang mit dem Abwesenden. Die meisten Tipps sind schlecht bis unbrauchbar, schließlich kann man jemanden, der nicht da ist, schlecht rauswerfen, und außerdem hilft es der Dame überhaupt nicht, mit jemanden, der nicht anruft, Schluss zu machen. Davon ruft er schließlich erst recht nicht mehr an. Die böse Freundin hat dann die rettenden Idee.

Oh nein, stöhnen die anderen Engel und halten sich die Hand vor den Mund. 

Tja, grinst der Engel der Verwirrung, scrollt im Handy der Dame ziemlich weit nach unten, drückt auf einen Namen, der eigentlich auch gar nicht so wichtig ist, lässt die Dame ein bisschen plaudern und flüstert ihr einen Treffpunkt ins Ohr. Und einen Termin. Für die Berliner Engel: Das Soho House.

Setzen wir nun die Dame an einen Tisch, setzen wir einen eigentlich ganz egalen Herrn daneben, lassen wir die Dame täuschend echt lächeln, die beiden einander sich zuneigen, bis sich sehr helles und sehr dunkles Haar berühren, vermischen, wie eine in den Achtzigern einmal sehr moderne Frisur. Den Herrn immer mehr Wein nachbestellen, irgendwann beim Kellner einen Schlüssel ordern, der dann auch kommt, die beiden sich küssen, das Zimmer aufsuchen, zum dem der Schlüssel passt, und dann blenden wir ab. Engel, die wir sind.

Schade, wispern einige der jüngeren Engel und stoßen sich glucksend mit den Ellenbogen an. 

Während dessen lassen wir den Gatten besagter Dame mit einer anderen, ebenso jungen Person sich ganz anderswo auf einem Sofa herumrollen. Lassen wir die mitfühlenden Freundinnen besorgte Warnungen aussprechen, die Mutter von nichts wissen, den Bruder desgleichen, und das Kind in einer ganz anderen Wohnung auf dem Sofa sitzen und angstvoll warten, was nun geschieht.

Das aber, sagt der Engel der Verwirrung, wisse er selbst nicht, denn auch er könne sich nur die Locken raufen und die kleinen, silbernen Hörner kratzen, die zwischen den goldblonden Strähnen verführerisch blitzen.

 

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Bademantel

Hand aufs Herz, was haben Sie gerade an? An einem Feiertag mittags um halb eins? Vielleicht waren Sie schon draußen, dann haben Sie vielleicht Jeans an und ein Longsleeve? Oder Sie gehören – wie auch ein mir eng verbundener Herr – zu den Leuten, die  überhaupt immer, sogar am Strand, ein Hemd tragen? Sie könnten den ganzen Tag nichts als Unterwäsche tragen, wie ich es täte, wenn ich in einem einsamen Haus am Ende der Welt herumsäße, oder Sie tragen Jogginghosen, Pyjamas oder Bademäntel. Ich kenne solche Leute, die haben daheim quasi nichts anderes an.

Weil der J. und ich auch zuhause immer voll bekleidet sind, haben wir keine. Brauchen wir ja nicht. Und deswegen besitzt auch der F., das reizende Kind des Hauses, keinen Bademantel, sondern wird nach dem Bad immer sorgfältig frottiert, eingecremt und sodann wieder bekleidet. Weil der J. spezielle Kinderkleidung albern findet, trägt der F. eigentlich genau dasselbe wie er selbst, nur eben in Größe 122. Auch in öffentlichen Schwimmbädern wickele ich den F. in ein großes Handtuch. Der J. besucht solche Institutionen schon aus Prinzip nicht.

Vor zwei Wochen, wir waren in Griechenland, zog der F. deswegen vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben einen Bademantel an, der im Hotelzimmerschrank hing. Der Bademantel war weiß, er war flauschig, er passte dem F. wie angegossen und der F. beschloss, den halben Urlaub im Bademantel zu verbringen. Den Rest des Urlaubs hatte er Badehosen an, nur zum Dinner war er halbwegs normal bekleidet. Den Urlaubsbademantel trug der F., ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen, sogar teilweise nachts.

Manche Menschen denken bei Bademänteln noch an Hugh Hefner. Aber dieser Bademantel war weiß. Andere Menschen denken bei Bademänteln an Trump. Aber der hat ja angeblich gar keinen. Ich aber, ich denke bei Bademänteln an Udo Jürgens und Fernsehabende mit meinen Großtanten, und so sitze ich am Ende also auf den Peloponnes, den F. neben mir, mein iPad auf den Knien, und singe mit ihm und Udo Jürgens gemeinsam. Beide – ich nicht – haben schneeweiße Bademäntel an, und jetzt raten Sie einmal, was der F. zum nächsten Semesterabschlusskonzert seiner Musikschule tragen wird.

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Dich kenn‘ ich doch!

Patrick zum Beispiel. Patrick und Frank. In den Neunzigern trugen Sie Chiemseepullover. Sie waren sportlich und groß, sie wirkten selbst ungeduscht sauberer als andere Leute, sie fuhren den Golf ihrer Mutter und klebten Kenwood-Aufkleber auf die Heckscheibe und sie waren ausnahmslos dumm und laut, aber nicht selten ganz gutmütig dabei.

Nach dem Abi, als Sie weggezogen sind aus der Kleinstadt, in der Sie aufgewachsen sind, haben Sie Patrick und Frank so ein bisschen aus den Augen verloren. In Kreisen, die irgendwas mit Kunst, Wissenschaft oder Medien zu tun haben, treiben sich die Patricks und Franks auch nicht so herum, aber ab und zu kommen Sie irgendwo in eine Bar oder stehen auf einem beruflichen Termin herum, und dann sehen Sie ihn. Also nicht ihn. Sondern nur irgendeinen Patrick oder Frank, der natürlich auch Torsten oder Dennis heißen kann, aber aus irgendeinem Grunde keinesfalls Alban oder Carl. Es ist natürlich auch nicht jeder Patrick und Frank ein solcher.

Er aber, wenn es ein echter Patrick oder Frank ist, hat sich auch gar nicht verändert, und weil Sie 13 Jahre mit ihm zur Schule gegangen sind, wissen Sie auch, wie mit umzugehen ist. Am besten – aber das ist meine ganz private Meinung – gehen Sie sich schnell was zu Trinken holen und überlassen Patrick und Frank sich selbst.

Natürlich erkennt man nicht jeden so leicht wie Patrick und Frank. Weniger schlichte Geschöpfe tarnen sich besser und bilden mehr Eigenheiten aus, die den Blick auf ihr wahres Wesen verschleiern. Der Professor etwa braucht nichts mit dem Lehrbetrieb zu tun zu haben, und längst nicht jeder Professor des universitären Lehrbetriebs ist auch ein Professor in diesem sehr speziellen Sinne, und auch wenn aus irgendwelchen Gründen 90% der Professoren evangelisch sind, gibt es ihn auch in katholisch. Er muss noch nicht einmal besonders gern dozieren, auffällig ist aber die Ausbildung irgendeines monomanisch verfolgten Sonderinteresses, der fehlende Sinn für gutes Essen und der Umstand, dass der Professor aus irgendeinem obskuren Grund am Körper – am Kopf lustigerweise nicht – zottig behaart ist wie Gott ihn schuf. Ich habe nie verstanden, wieso ausgerechnet vom an sich so reizenden Professor als letztem Mensch der westlichen Welt lange Körperhaare herunterhängen wie von einem Affen, aber ich schwöre, dass weder mir noch meinen lieben Freundinnen jemals ein ordentlich gestutztes Exemplar untergekommen ist.

Ein Klassiker ist natürlich der Schlag Mann, der im Kreise meiner lieben Freundinnen „Kramer“ heißt, nach der bekannten Seriengestalt aus Seinfeld, und einen etwas hektischen Herrn bezeichnet, der nicht ganz zurechnungsfähig ist, leider, aber ansonsten ein netter Kerl. Einem geheimen Naturgesetz zufolge taucht Kramer immer nur nach mindestens zwei ernsthaften Liaisons am Stück auf, dauert nie länger als sechs Wochen und wird deswegen in Listen jedweder Art nicht mitgezählt.

„Hemingway“ und „Gott“ sind eigentlich selbsterklärend. „Schorsch“ bezeichnet allerdings  nur unter sehr wenigen mir gut bekannten Damen wegen eines besonders markanten Exemplars einen cholerischen, aber intelligenten und eindeutig zu kleinen Alkoholiker mit schlechten Zähnen.

Ähnlichkeit in körperlicher oder auch verhaltensbezogener Weise ist jedoch ganz und gar nicht nötig. Der Oberbegriff bezeichnet vielmehr meistens eher so eine innere Verwandtschaft, die mal enger oder mal entfernter sein kann, also durchaus mehr Wesen als Erscheinung, und so wäre mancher Herr sehr entsetzt über seine Verwandten. Ich beispielsweise kenne einen vordergründig sehr seriösen Herrn, von dem ich ohne erkennbaren Anlass einfach weiß, dass es sich um einen „Flo“ handelt, also um einen etwas leichtgewichtigen, sehr vergesslichen Menschen, der fürchterlich angibt und dazu neigt, Ausreden zu erfinden, statt sich seinen Fehlern und Versäumnissen zu stellen, aber das wäre garantiert das letzte, was ich ihm erzählen würde. Möglicherweise ist er ja auch gar nicht so, sondern seine Flohaftigkeit besteht mehr so rezessiv. Und erst kürzlich fiel mir nach sozusagen monatelanger Bekanntschaft auf, dass ich auch einen anderen Herrn bereits kenne, aus einer früheren Verkörperung nämlich, und auch dieser fände jenen vermutlich schrecklich, eitel, übermäßig erwerbsinteressiert, grauenhaft intrigant, dazu untenrum, wie man so sagt, mit eher etwas ungewöhnlichen Vorlieben ausgestattet, und würde angesichts dessen ganz übersehen, dass es sich bei seiner früheren Inkarnation um einen der amüsantesten und unberechenbarsten Menschen handelt, die jemals an den Kneipentischen der Republik herumzupolemisieren pflegten. Schöne Augen hatte er auch.

Bei Frauen, vermute ich, existieren solche inneren Verwandtschaften sicherlich genauso. Allerdings sind Frauen oft äußerlich durchaus angepasster an ihre Umgebung, ich etwa habe eines Tages gegen Ende meines Teenageralters einfach beschlossen, meine verhältnismäßig ausgeprägte Nerdhaftigkeit zwar einerseits zu meinem persönlichen Vergnügen zu kultivieren, andererseits mit einem gewissen Maß an bekleidungstechnischer Eleganz zu tarnen. Das haut zwar nur so halbwegs hin, macht meine Identifikation aber natürlich erheblich schwieriger, und weil es mit anderen Frauen ebenso zu gehen pflegt, erkennt man uns schon eher selten.

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Allerletzte Zigaretten

Die Besten immer zum Schluss. Auf dem Dach an der Spree, 2003, eine halbvolle Flasche in der linken Hand, in der rechten die letzte Zigarette, und da, wo heute die Mercedes-Benz-Arena steht, spielen irgendwelche Leute vor ein paar Bauwagen Gitarre. Du stinkst nach Bier und Nacht und viel zu vielen Zigaretten, und neben dir sitzt der J.2 und lamentiert, dass er niemals mit der Diss fertig wird, wenn du ihn ständig zwingst, mit ihm auszugehen. Irgendwo hinterm Treptower Park wird es schon hell. Alle paar Minuten schiebt sich die U 1 über die Oberbaumbrücke und du ziehst die Schuhe aus, die wunderschön sind, aber höllisch schmerzen, und legst dich flach auf den Rücken und bläst den Rauch in die warme Luft. Gleich wirst du schlafen.

***

Auf dem Schreibtisch des Vaters von B. Morgens um halb fünf. 1990. Wenn alle in ihren Schlafsäcken schliefen, die N. und der G. auf dem Sofa, die S. und ich im Bett und der J.2 und der T. auf dem Boden. Überall lag Asche, die halbgespielte Partie Risiko auf dem Tisch, ein paar Hefte Mad und PM, ein paar leere Flaschen Heidelbeerwein und Kriss, und ich irgendwann barfuß nach unten schlich, und B’s Vater schon oder noch auf dem Sofa saß und rauchte und las. Wir rauchten alle Lucky oder Gauloises, aber er rauchte Ernte 23 und wenn er zum Automaten musste West. B.’s Vater schenkte mir jedesmal einen Cognac ein, so eine winzige Pfütze in einem riesigen Schwenker. Er saß in einem kamelfarbenen, fusseligen Sessel, gestikulierte mit der Linken, einen riesigen, grünen Glasaschenbecher in der Hand, und erzählte Geschichten über Reisen und Politik und Frauen. Ich blieb immer genau drei Zigaretten und die Pfütze Cognac, und wenn ich wieder in meinen Schlafsack kroch, schlief ich sofort ein.

***

Nach einer Lesung im Lass uns Freunde bleiben. 2005. An der Theke noch ein Glas Wein. Und noch eins. Und noch eins. Als die Bar schließt ins 103. Die hatten den schlechtesten Riesling der Welt damals, deswegen Umstieg auf Gin Tonic und auf der Tresenseite, wo das noch ging, sitzen und rauchen. Die riesige, magere Kellnerin mit den Zöpfen, der Mann mit dem schwarzen Hut, und wir erst zu viert, dann zu dritt, schließlich zu zweit, rauchend bis zur vorletzten Zigarette.

Die allerletzte dann auf dem Weg zu mir. Immer abwechselnd ziehen. Der Himmel hängt schon bleich und blaugeädert in den kahlen Ästen, die Nacht hat sich an den Nordpol verzogen. Kommst du noch mit, liegt es mir auf der Zunge, aber dann ziehe ich doch die Tür von innen zu und steige langsam in den vierten Stock und schaue ihm nach, wie er zur Straßenbahn geht und rauche eine aller-, allerletzte Zigarette, die halb zerbröselt auf dem Küchentisch lag.

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Szenen machen

In der ersten Szene, verehrtes Publikum, sehen Sie einen Mann und eine Frau eines Abends um zehn vor einem Konzertsaal. Der Mann ist sehr groß, sehr rothaarig und sehr mager, er trägt eine dicke Brille, verfügt über eine geradezu unwahrscheinliche Menge nervöser Ticks, und er spricht gerade über Karl Popper. Die Frau nickt ab und zu, wobei man nicht so ganz genau weiß, ob sie wirklich zuhört, und kramt in ihrer Tasche nach Geld fürs Taxi. Ein Paar würde sich vermutlich immer mal wieder unwillkürlich beiläufig berühren, das tun diese beiden Leute nicht, und vor dem Taxistand küssen die beiden im Zuge so einer sehr langarmigen Umarmung jeweils lässig in die Luft neben ihren Köpfen. „Ciao, P.“, schwingt die Frau sich in ein Taxi und lässt sich von einem der irre brabbelnden Geistesgestörten, die in dieser Stadt Personenbeförderungsdienste leisten, nach Hause fahren.

Die zweite Szene einige Wochen später besteht aus einem einzigen Monolog. Es zeigt eine andere Frau, die unruhig in einem Wohnzimmer hin und hertigert. Die Frau malt sich alles Mögliche aus, was so passieren könnte, wenn ihr Mann – also der Mann aus der ersten Szene – allein und unkontrollierbar unterwegs ist. Darüber steigert sie sich in einen wahren Paroxysmus der Eifersucht hinein, und irgendwann bemächtigt sie sich tatsächlich des Telefons ihres Gatten und ruft die letzten Nummern an, die dort als „angerufen“ angezeigt werden, meldet sich, sagt dann gar nichts mehr und schweigt nur leise atmend in den Hörer, bis die Angerufene – also die Frau aus der ersten Szene – auflegt, ohne Gelegenheit zur Klarstellung zu haben, dass das verdächtige Telefonat allein der terminlichen Abstimmung eines Liederabends mit einem bekannten Tenor diente.

Irgendwann am Ende eines sehr langen Kontinuums von Raum und Zeit öffnet sich die Tür. Es erscheint der Mann aus der ersten Szene im Zimmer. Die Frau fällt ihn quasi an und erhebt umfangreiche Verdächtigungen. Der Mann dementiert. Und dementiert. Und dementiert. Dann wird er weich. Erst gesteht er, dass er die Konzerte gar nicht mit seinem Bruder besucht habe. Dann, dass eine Frau – also diese Frau aus der ersten Szene – dabei gewesen sei. Dann, dass auch niemand anders dabei gewesen sei, also außer den anderen Besuchern der Opernhäuser naürlich. Und ganz am Ende dringt die Frau solange in ihn, dass er aus irgendwelchen blödsinnigen Erwägungen heraus, vermutlich Ermüdung, zugibt, er sei verliebt. So intelligent, dass er keine Namen nennt, ist er dann immerhin doch noch, ansonsten stünde seine inzwischen sehr aufgebrachte Frau bei der allen anderen Beteiligten unbekannten Angebeteten vermutlich seit Tagen heulend und kreischend im Vorgarten.

Die nächsten Szenen sind langweilig, zumindest, wenn man sich für familiären Zwist nicht interessiert. Ab und zu wird die andere Frau eingeblendet, die ein ausgesprochen bürgerliches, an Zurückhaltung überhaupt nicht mehr zu übertreffendes Leben führt und gelegentlich, das empfinden manche Zuschauer als übertrieben, zur Verdeutlichung dieses Umstandes herzhaft gähnt.

Halbwegs interessant wird es dann erst wieder, wenn der Mann sich ein paar Sachen in eine Tasche packt und zum Bahnhof läuft. Wir sehen ihm kopfschüttelnd nach, wie er sehr lange seine Bahncard anschaut und sich fragt, zu welcher Rabattierung ihn diese Karten wohl ermächtigt. Am ausgesprochen ländlichen Zielort angekommen wird er von einer resoluten Dame bereits erwartet, die sich schon aufgrund unverkennbarer Ähnlichkeit als seine Schwester erweist. Diese fährt ihn zu ihrem Haus, setzt ihm etwas zu essen vor, bezieht ihm ihr Gästebett und konfisziert sein Telefon, damit er sich mal so richtig ausschläft. Wenn jemand anruft, meistens seine Frau, erklärt sie sodann, jetzt sei bitte erst einmal richtig Ruhe. Er wiederum geht mit ihrem Hund spazieren, spielt Orgel in einer nahe gelegenen Kirche, betet für sein Seelenheil und das aller anderen Beteiligten, und wird dafür, so steht es wenigstens zu hoffen, vom Herrgott mit der Erkenntnis erleuchtet, dass man auf derlei Fragen entweder mit einer menschenfreundlichen Unwahrheit oder mit einer beziehungsbeendenden Wahrheit, aber überhaupt nie mit einem nervenzerrüttenden Wahrheitsfragment antwortet, denn darauf steht eine demnächst zu absolvierende Kette schrecklich anstrengender klärender Gespräche und eine Entschuldigung für die komplett unbeteiligt in diese Querelen hineingezogene Frau aus der ersten Szene, die rein gar nichts mit dem ganzen Mist zu tun hat und nichts weiter will als ab und zu irgendwohin zu gehen und ansonsten unangerufen von fremden Leuten heiter durch die Straßen der Stadt zu lustwandeln.

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