Pharmaverstörung

Freitagmorgen. Ich steuere die Apotheke um die Ecke an. Meine Schilddrüsentabletten …? Ausverkauft. Leicht belämmert ziehe ich ab. Die letzte Tablette ist mir nämlich schon vorgestern ausgegangen, und wenn ich nicht spätestens heute eine Tablette bekomme, werde ich um zwölf müde, um drei depressiv und um sechs wächst mir ein Kropf. Also nicht direkt ins Büro, sondern zur nächsten Apotheke. Aber auch hier: Fehlanzeige.

In der dritten Apotheke geht mir ein Licht auf: Ich schiebe nicht einfach das Rezept auf den Tisch, sondern frage nach. Ein “wirkstoffgleiches Medikament” ist das Zauberwort. Langsam und zögernd nickt die Frau auf der anderen Seite der Theke. Ja, da habe sie etwas da.

Ich bin begeistert. Die Odyssee ist zuende, der Tag kann beginnen, schon wühle ich in meiner Tasche nach Rezept und Portemonnaie. “Aber …”, setzt da die Apothekerin an, und ich schaue auf. Sie könne das nicht empfehlen, nickt sie mehrfach nachdrücklich, und ich starre sie verstört an. In den nächsten fünf Minuten ergießt sich auf mein verschlafenes Haupt eine Rede, ach was, ein Rundumschlag gegen meine naive Ansicht, identische Wirkstoffe würden auch dasselbe bewirken. Dass die Trägerstoffe eine gewisse Rolle spielen, leuchtet mir dabei sogar noch halbwegs ein. Dass ich aber Probleme wegen der unterschiedlichen Darreichungsform hätte, weil die einen Tabletten einen Spalt, die anderen aber keinen hätte, oder mich die unterschiedliche Farbe der Blisterpackung verwirrt: Das lasse ich dann doch nicht auf mir sitzen. Beharrlich verlange ich nach dem Medikament.

Jetzt wird die Apothekerin richtig wild. Die Politiker sind dran, denen die Patienten nämlich egal sind. Die denken nur ans Geld. Gespart wird auf Kosten der armen Leute, die dann reihenweise wegen verwechselter Pillenpackungen an Vergiftungen verenden. Dazu wisse jeder, der auf seinen Bauch hört, dass Medikament halt nicht Medikament sei, dass man nicht einfach das eine gegen das andere austauschen könne. Da sei nämlich mehr im Spiel, als die hohen Herren – irritierenderweise zeigt sie mit dem Finger tatsächlich nach oben, als tage der Bundestag seit Neuestem irgendwo in den Wolken über Berlin – so mitbekämen.

“Ja.”, antworte ich in sant beschwichtigendem Tonfall. Ich wolle es jetzt gleichwohl erst einmal versuchen. Unwillig dreht die Apothekerin sich schroff um stampft nach hinten hinter ihre Regale. Das Medikament wirft sie mir förmlich auf den Tresen. Doch noch gibt die Apothekerin nicht auf. Ob ich es schon einmal mit Globuli versucht hätte? Bei Schilddrüsenunterfunktionen sei das oft das Beste, besser als die ganze Chemie (kurz öffne ich den Mund, um ihn sofort wieder zu schließen), dabei hebt sie kurz ein Röhrchen hoch. Ich schüttele den Kopf.

Dass sie das Wechselgeld nicht vor mir auf den Boden schleudert, ist aber auch alles. Ich bekomme mein Medikament, mein Geld, dann dreht sie sich um und geht. Auch ich wende mich zur Tür. Im Verschwinden höre ich sie noch ein “Wiedersehen!”, ausstoßen, gefolgt von einem halblauten “Sie glauben der Pharmaindustrie aber auch alles!”.

 

Vorübergehn der Stäbe

Oje, denke ich wie immer im Raubtierhaus und sehe den Tigern zu, die in winzigen, gekachelten Badezimmern nicht unähnlichen Gehegen auf einer Art Regal liegen oder unruhig hin und her streichen. Naiv schimpfe ich mich im selben Atemzug, denn selbst im ökologischen Kuhstall haben die Rinder weniger Platz, und auch ein Hauskaninchen würde sich ein solches Verhältnis von verfügbarem Raum zur eigenen Körpergröße wünschen.

Das Bessere, schießt es mir in der nächsten Sekunde durch den Kopf, ist aber noch lange nicht gut, und wünsche dem Tiger auf dem kleinen Bänkchen nun doch von ganzem Herzen einen grünen Dschungel und eine herrliche Jagd auf echte, lebende Tiere. Doch ginge es – biegt der Gedankengang noch einmal um die Ecke – dem Tiger im Wald wirklich besser? Ersetze ich so nicht eine Vermenschlichung durch eine andere? Überhöhe ich nicht die Freiheit als ein im Kopfe des Tigers ganz und gar nicht existentes Konstrukt, und der Tiger fühlt sich nicht schlechter als meine Katze daheim in Sicherheit und Wärme bei gutem Essen und frischem Wasser?

Halbwegs versöhnt mit dem Schicksal des Tigers gemessen am Elend seiner wilden Vettern, zu denen bei Krankheit kein Tierarzt kommt, und die nicht selten hungrig bleiben, verlasse ich das Tigerhaus. Einen letzten Blick werfe ich in der Tür zurück, und für einen Moment sehe ich dem Tiger direkt in die Augen. Hilf mir hier raus, könnte er sagen. Oder auch: Komm, lauf davon. Vielleicht aber auch nur: So fremd sind wir uns wie entlegene Sterne.

Metamorphosen

Bin ich alle. Im Ernst, so erschöpft, wie ich gerade bin: Da könnten sie woanders eine ganze Klinik mit ausstatten. So viel Erschöpfung, da könnte ja so ein ganzer Hofstaat, ach was, ein ganzer Zwergstaat, in einen hundertjährigen Schlaf fallen, und ganz bestimmt wacht da keiner auf, nur weil ein lausiger Prinz in eine Dornenhecke reitet.

Sie – ich sehe es Ihnen an – tippen nun bestimmt auf meinen Beruf. Da liegen Sie aber daneben. Also, wenn ich meinen Beruf nicht hätte, wo ich zumindest ab und zu in aller Ruhe auf meinem Stuhl an meinem Tisch sitzen darf und schweigend Kaffee trinken kann, dann wäre es nämlich gleich morgen mittag ganz zu Ende mit mir. Quell dieser Tiefenerschöpfung ist vielmehr in Wirklichkeit mein Kind. Der F.

Dabei macht der F. gar nichts Besonderes. Der F. ist freundlich, er macht nichts kaputt, er bekommt keine Wutanfälle, er ist weder zurückgeblieben noch hochbegabt, so dass er auch keine besondere Förderung benötigt. Der F. ist ein frischgebacken Dreijähriger, der seinen Bär liebt und gern singt, Kopffüssler malt und in seiner Kinderküche Nudeln zubereitet. Nur seine Phantasiedrüse produziert irgendwie mehr und schneller als die von anderen Leuten, und die daraus resultierenden Metamorphosen: also, Ovid ist gar nichts dagegen. Da wird vielleicht einmal (einmal!) aus einem Gott ein Stier. Ich aber, ich habe ein Kind, das war erst vor zwei Stunden Rotkäppchen. Weil er einen Korb gesehen hatte, der musste einfach Rotkäppchen gehören. Und dann hat er ein langes Telefongespräch mit meiner Mutter über Wölfe geführt. Der gefährlichste Wolf, ich hab’s genau gehört, wohnt übrigens in der Wand zwischen unserem Wohnzimmer und der Bibliothek.

Kurz nach der Verwandlung in Rotkäppchen war der F. dann ein Fisch. Kiemenatmung, Schuppen, alles dabei. Ich mutierte gleich mit, wurde zum größeren, dickeren Fisch, und der F. zwang mich, auf dem Badewannenrand mit dem iPhone in der Hand laut “blubb, blubb” zu machen. Ich kenne das schon. Letzte Woche war ich auch schon mal Fisch. Also fast. Genauer gesagt: Seepferdchen. Da musste ich wiehern und Seegras essen. Auf meinem Rücken im Pool saß der F. als kleines Seepferdchen und prustete mir fröhlich in den Nacken.

Freitag waren der F. und ich dagegen Bienen. Eine kleine Verstimmung trat ein, als ich auf dem Weg in die Kita nicht bereit war, mit den Flügeln zu schlagen und laut zu summen, aber da tauchte immerhin der E. auf, des F. bester Freund, der seine Rolle als Biene besser ausfüllte als ich. Als Bärengroßmutter, Bärenmutter (der F.!) und Bär (aus Plüsch) haben wir inzwischen sogar schon einige Routine und sind richtig gut. An Morgen, an denen der F. Bär ist, gibt es zum Beispiel immer Honig.

Als Reh war ich sogar in der Vorstellung des F. eine Fehlbesetzung. Und als Hund weigerte ich mich, beim Bäcker zu bellen. Ich bin auch nicht gern Seppl, auch wenn der F. einen Superkasperle gibt, aber das macht der E. sowieso so unvergleichlich gut, dass ich höchstens zu Hause mal den Seppl markieren muss. Ab und zu bin ich Mama Krokodil, aber das ist ziemlich langweilig und schon deswegen nicht besonders erschöpfend. Man muss nur auf dem Boden liegen und, wenn jemand vorbeikommt, schnappen.

An und für sich sind die meisten dieser Metamorphosen, wenn ich es recht überlege, nicht besonders anstrengend. Nur in Summe, da macht mich dieses ständige Hin und Her jetzt doch irgendwie fertig. Fell sprießen lassen, dann Fell wieder ab. Kriechgang, Sprünge, Schleichgang. Ab und zu sogar als völlig unbelebte Masse: Das ist man, halten zu Gnaden, schließlich gar nicht mehr so richtig gewöhnt.

Alles in allem: Eine anstrengende Phase. Ich hoffe, das wird bald besser. Ich habe mir sagen lassen, später muss man da nicht mehr immer mit. Ältere Kinder gehen ja auch allein in die Schule. Und noch ältere gehen bisweilen gar nicht mehr. Auch ich setze auf jene Jahre, in denen der F. allein vor sich hin morpht. Also so vom Liberalen zum Marxisten und zurück. Grüne Haare, alles ab, Vollbart. Maler, Straßentheater, Studienrat oder doch Richter am Verwaltungsgericht Jena. Da muss er dann allein durch. Ob das für mich allerdings wirklich entspannender wird: Man wird sehen.

Nicht hier, nicht dort

Oje, denke ich und schlendere, die Hände in den Taschen, über den nassen Sand, den Kindern hinterher. Der J.2 erzählt von seinem neuen Job, jeden Tag im selben Büro, und hört sich ein wenig so an, als trauere er dem Beraterleben doch durchaus hinterher. In Gedanken zähle ich die Jahre, die er aus dem Koffer gelebt hat. Montag morgen nach Tegel, Donnerstag Abend zurück, Freitag Office Day und zwei Tage zu Hause: Die meisten Leute macht das auf die Dauer krank und einsam, aber er mochte diese ganz besondere Form der Abwesenheit über fast zehn Jahre, und findet sich im neuen Leben offenbar nicht so ganz mühelos zurecht.

Ob es das Leben im Hotel war, frage ich mich. Dass man nicht abwaschen muss, und die Abwesenheit von zu viel Besitz um einen herum. Dass man morgens sein Frühstück einfach vorfindet. Oder ob es die Leute waren. Dass man immer nur Kollegen und kaum Familie oder Freunde um so hat, und deswegen sehr selten die Zumutungen der Nähe an einen herangetragen werden. Das Sich-verhalten-müssen. Die Pflicht, wirkliche Gespräche führen zu müssen und nicht nur einfach so etwas zu sagen. Der J.2 ist ein kluger, sensibler Mensch, um so schwerer diese beständige Last, auf der Emotionalitätsskala immer die zehn ansteuern zu müssen, und es nicht bei der vier belassen zu dürfen.

Oder es war nichts davon. Keine Bequemlichkeit, weder in den täglichen Dingen noch emotional. Vielleicht war es schlicht so eine Freude an der Unsichtbarkeit, am Hier-wie-dort-sein, an der Beweglichkeit, die über Jahre – ich glaube, fast zehn – dazu führt, dass man nie wirklich irgendwo ist, sondern wie ein Läufer auf einem lange belichteten Bild nirgends wirklich und überall zugleich, ein farbig-rotierender Schatten, Wolken am stürmischen Himmel, und nun, des Wirbelnd beraubt, verdammt zur Sichtbarkeit und – wenn mich nicht alles täuscht – schon ein ganz klein wenig gelangweilt.

So eine Art Nirwana

Nein, sage ich. Wandern, Ruinenstädte. Tauchen, Skifahren: Alles ganz schön. Aber nicht das, was ich gerade suche. Mir wird schon ganz anders, wenn ich daran denke, mich in einem Bus durch Südostasien mit den beiden anderen Touristen und dem einzigen Einheimischen, der englisch kann, stundenlang über Islamismus und amerikanische Fernsehserien unterhalten zu müssen. Oder irgendwo nach dem nächsten Zug in die Hauptstadt zu fahnden, der möglichst so rechtzeitig kommt, dass ich meinen Rückflug noch erreiche. Auf der anderen Seite habe ich für die putzmuntere Aufgekratztheit eines Strandhotels in einem Badeort auch keine Nerven.

In einem gediegenen Hotel mit Brokatvorhängen und goldenen Posamenten: Wie anstrengend die vorsichtig genervten Blicke der anderen Gäste auf mein Kind. In einem kinderfreundlichen Hotel: Nicht auszuhalten, die quietschbunten Farben und die omnipräsenten Grinsebärchen. Mit anderen Frauen, die Kinder haben, auf einem Spielplatz  sitzen und lange Gespräche über Kitaqualität und Mittagessen irgendwo auf der Welt zu führen, muss ich auch gerade nicht haben. Ich würde gern schweigen.

Irgendwo in einem dezent beleuchteten Raum auf einem sehr sauberen Laken liegen, leise Musik, vielleicht Bach oder Händel. tagsüber 22°, nachts 18°. Fisch, weißes Fleisch, feine, filigrane Speisen. Kein Kaffee, kein Alkohol, kein Knoblauch, überhaupt wenig Gewürze. Möglichst wenig Menschen sollten anwesend sein, vielleicht Roboter, wenn möglich. Aber nur, wenn die vollständig lautlos funktionieren und nicht etwa nervtötend piepsen. Die anderen Gäste, so es sie denn gibt, ebenfalls ruhig, leise Stimmen. Bademäntel in weiß oder cremefarben. Nachmittags ein bisschen Gebäck und grünen Tee. Schwachduftende Blüten. Keine Uhren, nur ein kleines, silbernes Glöckchen, das zu jeder vollen Stunde leise klingelt, damit man weiß, wann es Essen gibt. Die Mahlzeiten würde ich auf dem Zimmer einnehmen und das Tablett danach vor die Tür stellen, damit der Roboter nicht reinkommen muss.

Ich würde eigentlich überhaupt nichts machen, nur ein bisschen lesen. Natürlich nichts Aufregendes, vielleicht ein bisschen Lyrik. Rilke oder so. Keine Romane. Den größten Teil des Tages schaue ich aus dem Fenster auf den menschenleeren Strand und das Meer. Nachmittags ein schweigender Spaziergang, den F. an der Hand.

(Nächste Woche immerhin: Drei Tage Ostsee.)

Eisenstein in Guanajoto

Auf dem Heimweg wird es kalt. Vielleicht ist es auch gar nicht wirklich so kalt, vielleicht ist es nur der Gegensatz zwischen dem knallbunten, hitzigen Mexiko in Peter Greenaway’s Eisenstein in Guanajoto, aber ich ziehe mir auf dem Weg zur M 4 fröstelnd die Pashmina etwas höher und vergrabe die Hände tief in den Taschen. So heiß wie in Mexiko wird es hier nie.

Ich mochte den Film bestimmt eine ganze Stunde lang, weil ich Eisenstein mag und weil ich es mag, wenn sich ein Film traut, mehr als nur ein Guckkasten zu sein, und das Kunterbunte macht mir außerdem Spaß. Irgendwann in der zweiten Hälfte hatte Greenaway mich dann verloren, weil mir erst von den vielen Kreisfahrten der Kamera ein klein wenig übel wurde, und weil auf einmal dann doch das Clowneske der Darsteller das Menschliche überwog, und ich mir nicht vorstellen konnte, dass auch sie bluten, wenn man sie sticht.

Ein wenig manieriert schleppte sich der Film durch die Mittellagen, und als ich am Ende mit der J. vorm Kino stand, war ich mir nicht sicher, was ich über den Film denken sollte, ob ich ihn eher empfehlen oder eher vor ihm warnen sollte, oder es eher bedauern sollte, dass von all den großen Gefühlen, den Siegen und den Niederlagen, von all dem Feuer am Ende der Moderne nur ein paar Schlacken bleiben, die bisweilen ein wenig funkeln, nimmt sie einer noch einmal für eine Stunde des Spiels in die Hand.

Freitag, Samstag, Sonntag

Freitag, kurz nach zehn, und die J. und ich stehen ratlos vor der Tür der Cantine Sant’Ambroeus. Der Wirt scheint aufzuräumen, öffnet dann doch noch für ein letztes Glas Wein, und so sitzen wir uns gegenüber, schmecken der Hitze vom vorletzten Jahr nach in einem Glas schwarz-rotem Sizilianer, der nach Kaffee schmeckt, nach heißem Stein und Kirschen, und sprechen über den Sommer. Den, der schon war, und alle, die noch kommen.

***

Der Samstag beginnt mit Fieber und Schüttelfrost, wenn auch nicht bei mir, so doch beim F. Der war in den letzten Monaten geradezu vorbildlich gesund, nur einen einzigen Tag zu erkältet, um in die Kita zu gehen, aber heute – immerhin nicht an einem schwer zu überbrückenden Werktag – liegt er lethargisch im Bett. Keine Verabredung mit zwei Kitakindern und kein Kindergeburtstag bei einer Freundin am Sonntag.

Zwei Stunden später immerhin hat er es bis aufs Sofa geschafft, trinkt warme Milch und hört Hörspiele, lässt sich vorlesen und beschreibt mit dem ganzen Körper, was er gestern im Aquarium gesehen hat. Lauter neue Worte kennt er, wie etwa “Flügelrochen” oder “Hammerhai”, und als er abends einschläft, hat er die vorsorglich geholten Zäpfchen gar nicht gebraucht.

***

Der J. sitzt auf dem Sofa. Ich dagegen ziehe mich noch einmal an. Berlinale.

Das Delphi ist voller Spanier, wie Berlin ja überhaupt voller Spanier ist. Es läuft ein Film namens “Sueñan los androides”, der in verblichenen, ziemlich statischen Bildern von einem Replikantenjäger erzählt, der junge, sehr sympathische Replikanten im spanischen Benidorm erschießt. Vermutlich will der ebenfalls junge, ebenfalls sehr sympathische Regisseur mit dieser Meditation über den Roman von Philip K. Dick mit den elektrischen Schafen illustrieren, dass seiner Ansicht nach die junge Generation Spaniens im Dienste alter Menschen, die bizarren Schrott anbeten, schlecht behandelt werden.

Vielleicht hat er dies – oder etwas anderes – nach der Vorstellung sogar erzählt, leider war sein Englisch so schlecht, dass ich kein Wort verstanden habe.

In die Monkey Bar, die Mek und ich nach der Vorstellung aufsuchen wollten, sind wir dann am Ende gar nicht gegangen. Schlange zu lang. Keine Lust. Zu alt und zu müde zum Warten.

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Am nächsten Morgen ist F. wieder halbwegs fit und bleibt mit Babysitter daheim. Der J. und ich laufen durch die Sonne zur Markthalle neun. Es gibt “Wurst und Bier“.

Mek, der J. und ich trinken ganz schnell viel zu viel Bier. Pale Ale, Pils, irgendwelche Phantasiebiere, schwarz, gold, hell: Am Ende purzelt mir alles warm und fröhlich durcheinander. Nur an den Gin Tonic erinnere ich mich gut, einen wahnsinnig guten Gin Tonic mit einem Tonicsirup von Libation. Die Wurst war auch gut, oh, und der Fisch von Glut und Späne.

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Sonntag Abend ist die Welt immer noch in Ordnung. Ich war mit dem F. zumindest kurz draußen und mit der C. samt Kind kurz Kaffee trinken. Ich habe nicht zu viel gearbeitet. Ich liege auf dem Sofa und esse die Reste des Hühnerfrikassees von gestern. Es geht mir gut.

Papagei

“Kommt ein Papagei …”, kommt der F. um die Ecke und grinst übers ganze, runde Gesicht. “Und dann?”. frage ich. “… zum Arzt!”, kreischt der F. auf, stampft vor Freude ein paarmal mit dem Fuß auf den Boden und biegt sich buchstäblich vor Lachen. Ich bin fasziniert: Dass jemand tatsächlich vor lauter Freude eine Art Verbeugung macht, mit den Armen rudert, fast hinfällt und sich dann geräuschvoll mit den flachen Händen auf die Schenkel schlägt: Das habe ich wirklich noch nie gesehen.

“Wie geht es weiter?”, frage ich den F., als er fertig gelacht hat. “Kommt ein Papagei …”, hebt er wieder an, und diesmal springt er so lange und so intensiv durch die Küche, dass er ausrutscht. Leicht belämmert sitzt er auf dem Parkett, steht langsam auf, klopft sich die Strumpfhose ab, und nach Witzen ist ihm die nächsten zehn Minuten nicht zumute.

Nach dem Mittagessen hilft er beim Backen und knetet hingebungsvoll in einer Schüssel Streusel. “Kommt ein Papagei zum Arzt.”, tippt er mich auf einmal wieder an den Arm. Mist, denke ich. Schon wieder ein T-Shirt schmutzig, denn an meinem schwarzen Ärmel hängen nun Butter und Mehl. “Sagt der Papagei …”, fährt der F. fort, und dann fängt er so laut an zu lachen, dass die Katze erwacht und sich um die Ecke ins Wohnzimmer schleicht. “… der Papagei!”, kreischt der F. derweilen, und dann steigt er auf einmal ganz schnell von seinem Hocker und läuft o-beinig ins Bad. An sich ist der F. nämlich schon so gut wie trocken. Aber wenn doch ein Papagei zum Arzt kommt, gibt es auch hier kein Halten mehr. Ich stelle die Küchenmaschine aus und laufe schnell hinterher. Verdammt: Das war die letzte Strumpfhose.

Abends im Bett lese ich vor. Der F. kuschelt sich ganz eng an mich und lässt sich von Gina Ruck-Pauquèts kleinem Zauberer erzählen, der seinen Zauberstock verliert. Der F. liebt den kleinen Zauberer und überhaupt das ganze Geschichtenbuch, und weil der kleine Zauberer am Ende der Geschichte mit seinem Zauberstab tanzt, muss auch der F., wenn schon nicht tanzen, so doch zumindest singen, und weil er vom Singen sehr lustig wird, unterbricht er mich und fängt wieder an. “Kommt ein Papagei …”. Dann lacht und strampelt er so wild, dass das Deckbett auf den Boden fällt, und ich kurzzeitig für den Deckenstuck fürchte.

Schließlich schläft der F. doch. Ein sanftes Lächeln umspielt seinen Mund. Ich ziehe die Decke über seine Brust. Hat er sich etwa bewegt? Im Schlaf greift sein Arm nach meiner Hand, und er flüstert ganz leise: “… zum Arzt.”

Entkommen

“Bitte nicht der G.!”, wehre ich ab, halb lachend und halb entsetzt. Doch nicht der G., erinnere ich mich an den stets gelassenen, lockigen Schulfreund, den souveränen Cellist des Schulorchesters, mit dem ich sommerlang im Kirschbaum saß, den süßen Saft in den Mundwinkeln, und verstrickt in Gespräche über Dinge, die so unendlich groß und tödlich wichtig sind, dass man sich nach dem 20. Geburtstag nie wieder traut, darüber zu sprechen.

In München und Jena hatte der G. studiert und sich dortselbst in eine K. verliebt, eine kurzhaarige Punkerin aus Magdeburg mit Ringen in der Nase und Tätowierungen quasi überall, und dann am Ende doch die L. geheiratet, eine Schweizer Musiklehrerin mit langen, glatten Haaren. Am Starnberger See hatten beide gewohnt, der G. war Arzt geworden in einer Klinik am Seeufer, und drei Kinder kamen in ordentlichen jeweils zweijährigen Abständen. Man renovierte sich ein Haus. Die L. postete veilchenfarbene Cupcakes und sorgfältig drapierte Obstschalen auf facebook. Es muss perfekt gewesen sein, und sterbenslangweilig dazu.

Der Mensch jedoch hält, wie man so sagt, Perfektion einfach nicht aus, und auch der G., stelle ich mir vor, muss sozusagen monatlich nervöser geworden sein. Die Rosen und Hortensien vorm Haus. Die hübschen, blonden Mädchen in karierten Kleidchen neben einer Milchkanne. Die zuckersüße Landschaft rund um den Starnberger See, geradezu strotzend vor Reichtum und Selbstzufriedenheit. Der G., glaube ich, bekam mit der Zeit von alledem so ein irres Summen im Kopf, nachts schwitzte er und träumte von schönen Punkerinnen mit Messern zwischen den Zähnen, und eines Tages brach er aus.

Nun ist ein Einfamilienhaus am Starnberger See ein Art Gefängnis der ganz eigenen Art, dem man deswegen auch nicht einfach so entkommt. Wäre der G. zum Beispiel einfach nach München gezogen, wäre das Gefängnis schließlich mitgekommen. Milchkannen vor der Tür und Karokleidchen und pastellige Törtchen kann man schließlich fast überall hinstellen. In London zum Beispiel. Sogar in Dubai. Und deswegen griff, denke ich mir, der G. zum sozusagen alleräußersten: Er begann ein Verhältnis mit seiner Nichte.

“Nichte” hört sich nun schlimmer an als es ist. Also keine kleine Nichte von 15 oder so. Sondern eine große Nichte von 24. Die Älteste seiner Schwester, an die ich mich kaum erinnern kann, weil sie schon längst weg war, als der G. und ich im Kirschbaum saßen. Immerhin platzte mit dieser Nichtenangelegenheit neben dem Milchkannengefängnis auch gleich der Herkunftsfamilienkerker mit den Celli und Sonntagabendscharaden und dem gegenseitigen Zeitungsvorlesen von dem G. ab.

In glänzender Einsamkeit, unterstützt nur von einer Handvoll treuer Freunde, packte also der G. kurz vor Weihnachten seine Sachen und zog in ein skandinavisches Land, wo er nun als Arzt in einem anderen Krankenhaus wiederum als eine Art Single sein Leben fristet. Das Haus mit Rosen, Milchkannen und Karokindern bewohnt weiter die L.

Man habe sich, sagte man mir von dritter Seite, schon ziemlich gewundert, wie zufrieden der G. nun wirke, angesichts des ganzen Desasters. Schließlich sei nicht einmal die Nichte ihm geblieben, denn die studiere derzeit in England zuende. Ich aber, ich weiß, dass der G.  im hohen, vermutlich eiskalten und stockdunklen Norden auf seinem Sofa sitzt, sein Bier in aller Seelenruhe trinkt, und aus allen Poren seines Lebens atmet es: Noch einmal entkommen.

Ja Zuckerschoten für Jedermann

Ich habe das ganze Konzept nicht verstanden. Ich verstehe nicht, was sich kiffende Pizzaboten davon versprechen, Satiriker für ein paar Cartoons zu erschießen. Den lieben Gott als ein unzweifelhaft höheres Wesen dürfte es nach jeder überhaupt vertretbaren Lesart kalt lassen, was irgendwelche Leute, die Zeitschriften illustrieren, über ihn denken. Und dass die Attentäter selbst ihr Leben durch diese Maßnahme nicht eben verschönert haben, liegt auf der Hand. Ich frage mich auch, ob solche Menschen eigentlich nie über die Restunsicherheit nachdenken, die an der Richtigkeit jeder Glaubenswahrheit zwangsläufig bestehen muss. Selbst wenn ich sehr, sehr, sehr gläubig wäre: Auch eine Unsicherheit von 1% sollte eigentlich ausreichen, um jemanden davon abzuhalten, dermaßen radikale Maßnahmen zu ergreifen.

Ich verstehe aber auch nicht, warum es diese Leute in Dresden auf die Straße treibt. Mir ist doch auch egal, wie die religiösen Vorstellungen meiner Nachbarn aussehen. Oder was sie anhaben, sagen, essen oder tun. Mein Gott, wenn mir die Leute um mich herum nicht gefallen, dann lade ich sie halt nicht zu mir nach Hause ein und mache mich maximal hinter ihrem Rücken bei meinen Freunden über ihre schrecklichen Lebensgewohnheiten  lustig. Wenn es ganz übel kommt, ziehe ich weg, wobei, wenn ich das richtig verstanden habe, sich diese Frage bei den Demonstranten gar nicht stellt. In Sachsen gibt es quasi keine Ausländer.

Ich will nicht ungerecht sein: Ich habe mir sogar Interviews dieser Leute angehört, in denen einige der Befragten fürchterlich lamentiert haben, wie schlecht es ihnen gehe. Da fragt man sich doch aber auch, wieso sie sich nicht die deutsche Sozialpolitik, sondern irgendwelche armen Flüchtlinge vorknöpfen, die selbst nichts haben.

Ganz generell weiß ich nicht, warum alle diese Leute – die mit den Waffen und die mit den bösen Worten – sich nicht mehr um sich und weniger um andere kümmern können. Warum sie glauben, das gute Leben beginne, wenn alle anderen Leute sich ihren Vorstellungen anpassen, statt so unterschiedlich zu leben, wie es jedem einzelnen gerade gefällt. Warum sie nicht, statt fruchtlos bis neidzerfressen über andere Leute nachzudenken, ihre Tage mit Tätigkeiten füllen, die glücklicher machen. Wie einen Garten anlegen, backen, eine Holzhütte für die Kinder bauen oder mit geschlossenen Augen allein  den Messias dirigieren. Das Klavierspiel zu erlernen, ein Bild zu malen, oder auf einen Berg zu steigen, oder was auch immer die Leute wirklich freut und befriedigt.

Das Leben sei nicht gut zu diesen Menschen, liest und hört man immer, und ganz sicher kommen eine ganze Menge Frustrationen zusammen, bis einer so böse und bitter wird, dass er anderen Leuten, die ihm nichts getan haben, alles Schlechte wünscht oder antut. Doch selbst in der größten Tristesse, in einem schmutzigen, verfallenden Hochhaus, ohne Job und ohne Aussichten gibt es doch Äpfel und Brot, Gespräche und Freundschaft, Gedichte aus der Stadtbücherei, Musik aus dem Internet und das reine, schlichte Glück, da zu sein, lebendig, so frei wie kein anderes Tier.

(Aber ich weiß: Ich hab’ gut reden.)