Wasserstand

Wenn eins nach einem Jahr Pandemie mal feststeht, dann das: Unter bedrängteren Umständen als meinem alles in allem verhältnismäßig komfortablen Leben wäre ich keine besonders angenehme Frau. Ich neige nicht nur dazu, selbst die maunzende Katze anzuschnauzen, weil ich schlecht schlafe und mir für Unmengen Arbeit der Ausgleich fehlt. Ich werde auch fürchterlich monothematisch und muss mir dann selbst sehr energisch ins Gedächtnis rufen, dass es wirklich schlimmere Schicksale als ausgefallene Urlaubsreisen, ein genereller Mangel an Ortsveränderung und bestelltes Essen gibt.

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Apropos bestelltes Essen: Mir schmeckt nichts mehr aus Schaumstoff und Alu und ich habe kürzlich eine Pizza nicht bestellt, weil ich die Vorstellung nicht ertragen habe, dass dann diese Pappschachtel tagelang in der Küche steht, weil der Müllraum voll war. Wenn ich irgendwo Essen kaufe, kann ich die – jüngst erstandenen – Glasschalen mitnehmen. Aber wenn ich bestelle, türmt es sich. Lieferando, Wolt, manchmal kommt auch ein Bote des Lokals selbst, und auch wenn ich das Essen umfülle, den Tisch decke: Nichts fühlt sich richtig an.

Ach, es fühlt sich überhaupt nichts richtig an.

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Dabei und alles in allem kann ich mich nicht einmal beschweren. Vermutlich können sich neun von zehn Bürgern dieser Welt gerade mehr beschweren als ich, aber, Teufel, was gäbe ich gerade für eine Nacht in der Stadt, einen dieser gläsernen Morgen auf einem Kreuzberger Dach, Gin und Gelächter, Aufbrüche, so eine raschelnde Geschäftigkeit am Flughafen, Hotelbettwäsche und das Meer.

Tagebloggen 14.02.2021

Mit der J. zehn Kilometer durch den gesamten Prenzlberg und Mitte spaziert, strahlender Schnee, Sonne, und sich über unser Gewicht und unsere Berufe und unsere Eltern und Katzen und überhaupt alles unterhalten und daran gedacht, dass ich die J. kennengelernt habe, als sie wenig später 30 wurde. Zu ihrem ersten Geburtstag, den wir gemeinsam gefeiert haben, habe ich ihr mit Freunden Weingläser geschenkt, und mindestens ein Faß oder mehrere in den 20 Jahren seitdem gemeinsam getrunken. Zu meinem 30. sich gemeinsam vor der Welt in Budapest versteckt, Geheimnisse erzählt, als wir noch welche hatten, und nun wird sie 50 und ich hoffe, wir können uns im November irgendwo vor der Welt verstecken und Kuchen essen und Champagner trinken und über Nichts lachen, weil wir mehr sind als die Zeit.

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Nach zwei Wochen ist der Sohn wieder in Berlin, der – frisch getestet und isoliert – die Großeltern besucht hat. Groß sieht er aus, mit einem ab und an schon so ganz leicht mokanten Zug um den Mund. Jetzt kann ich ihn auch nicht mehr für ganz kurze Momente hochheben und bin mir sicher, er läuft schneller als ich.

Tagebloggen 13.02.21

Wie ab irgendeinem Zeitpunkt im Leben alles auf etwas Vergangenes zurückweist. Wie das Transit nie ein Asia Restaurant in Mitte ist, immer nur der neue Laden, wo einmal der Eimer war. Die Ecke des 103, wo wir Hunderte von Abenden saßen, alles war orange, die Vase mit Schwertlilien, meine schönen Freundinnen und Verabredungen, die mir mal wichtig waren und heute fällt mir manchmal nicht mehr ein, dass es sie einmal gab.

Der Schnee aller Schnee meines Lebens.

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Die C. getroffen, 30 Minuten auf dem Bürgersteig gestanden, sehr gefroren, erzählt, sich gewünscht, einfach für einen schnellen Kaffee irgendwo einzukehren, den Nachmittag fließen zu lassen, aber dann doch weiter mit kalten Füßen.

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Im Internet schreibt eine Frau, wie sie sich ans Flirten mit Maske gewöhnen würde, und einmal mehr bedauert, dass ich gar nicht Flirten kann, so wie manche Kleinstlebewesen, die sich nicht bewegen, sondern nur bewegt werden, mit der Strömung schwimmen, und jede Flußbiegung, jeder Wasserfall geschieht ihnen und wird sie mal freudig, mal nur irritiert, zutiefst überraschen.

Tagebloggen, 8.2.21

Mit Freundin M. im frischen Schnee 9 km spazierengegangen, erzählt und an den Ohren gefroren und kurz traurig gewesen und viel gelacht und über ihren Geburtstag am Freitag gesprochen, und zuhause fällt mein Blick auf den Tisch und da liegt da wirklich die Geburtstagskarte, ich habe sie nicht verschickt und war für einen Moment tief beschämt. Ich habe ihr dann am Telefon geschrieben.

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Vielleicht aus Anlass des Kälteeinbruchs einen ungeheuren Suppenhunger entwickelt, drei Suppen in zwei Tagen, literweise Linsen-, Ramen-, Kartoffelsuppe, und ausführliche Phantasien von dampfender Mulligatawny Soup und Muschelsuppe mit Anis. Aber wie satt ich es habe, so etwas selbst kochen zu müssen.

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Den nächsten Urlaub geplant, bzw. nicht geplant, denn vielleicht mutiert das Virus ja noch paarmal und dann wird 2020 nur der Vorspann für eine Horrorserie 2021 gewesen sein, die sich gewaschen hat. Oder es schleppt sich einfach nur alles so fürchterlich vor sich hin, aber im Herbst sind die ganzen Hotels, die ich jetzt buchen würde, nicht mehr da.

Tagebloggen, 7.2.21

Tatsächlich etwas zugenommen und tatsächlich ist es mir zum ersten Mal in meinem Leben egal: Die Kleider, die spannen, wenn ich zunehme, trage ich gerade sowieso nicht. Anlässe, bei denen ich irgendwen treffe, dem nicht gleichgültig ist, wie ich aussehe, gibt es auch keine, und auf meinen einzigen Wegen ins Büro und durch die Stadt habe ich meine Daunenjacke an, in der jedes menschliche Wesen unabhängig von seiner Beschaffenheit aussieht wie ein Schlafsack.

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Eine E-Mail von einem Mann erhalten, mit dem ich wohl irgendwann einmal (zweimal, viele Mal?) ausgegangen bin und sich nun fragt, ob die ganze Sache nicht auch anders hätte ausgehen können, und zu schwanken, ob man nun ehrlicherweise antworten sollte, dass das vermutlich abhängig von Jahr und genauem Verlauf des Abends bei Betrachtung gleichgearteter Ereignisse durchaus der Fall gewesen sei, aber man trotzdem keine Ahnung habe, wer er eigentlich sei.

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Am Freitagabend ein Restaurantmenü aus dem Rutz Zollhaus bestellt, aufgebraten, erwärmt, angerichtet, und es einerseits sehr genossen, es zu essen, andererseits schmerzhaft vermisst, in einem Raum voller Menschen an einem gedeckten Tisch zu sitzen und andere Leute bringen einem dieses Essen, erklären, was man eigentlich isst, man bestellt Weine, beobachtet gemeinsam die anderen Gäste, lächelt Leute an auf dem Weg durch den Raum.

(Und trägt die Kleider, die gerade nicht passen)

Mach’s gut.

Sich zu verabschieden, zwei Schritte voneinander entfernt, und sich einen Moment in die Augen zu schauen. Es ist spät und ich ein bisschen zu angetrunken, um halbwegs souverän auszusehen. Unten wartet mein Taxi.

Es auf einmal zu bedauern, dass man sich nicht mehr einfach küsst, wenn man so erwachsen ist wie wir. Sich zu erinnern, wie einfach, wie bedeutungs- und schwerelos das mal war, kurz die Augen zu schließen, fremder Atem, der Moment, wenn die Lippen sich treffen, und es manchmal ein Stromschlag war und manchmal einfach nur warme Haut. Einen Lidschlag lang, eine kurze, beiläufige Berührung, oder ein langer Kuss, als wäre es der Beginn von irgendwas und nicht nur das Ende irgendeines Abends.

„Mach es gut.“, zu sagen, zum Taxi zu gehen und die Jahre zu zählen, die zwischen mir und der Leichtigkeit von irgendwann liegen wie schwarze Geröll und Schlacken.

Nachts.

Ich mochte ihn ganz gern, aber ich habe ihn nicht geliebt. Manchmal sah ich ihn beim Hand in Hand Gehen von der Seite an, dann wunderte mich ein bisschen, weil er so vertraut tat, dabei hatte ich nie das Gefühl, zu wissen, wer er ist. Es dauerte nur ein paar Wochen, weil wir kein einziges gemeinsames Interesse hatten außer dem an einer Beziehung. Ansonsten war ich in jemand anders verliebt. In wen er verliebt war, weiß ich nicht. Ich hoffe, nicht in mich.

Nur eine Nacht verbrachten wir nebeneinander, in der sich seine Arme wie sehr lange Schlingpflanzen um mich legten. Ich lag neben ihm in seinem Kinderzimmer, sah die Kriegsschiffmodelle auf seinem Kieferregal an, die im Mondschein bizarre Schatten an die Tapete warfen, und konnte nicht schlafen.

Mit den Jahren wurde es besser, aber nicht gut. Alptraum, wenn es in Hotels nur eine Decke gab. Oder jemand es liebte, eng umschlungen einzuschlafen. Auf der Seite liegend zuzuschauen, wie die Vorhänge sich im Luftzug des geöffneten Fensters bewegen, als atmeten seine Träume im Leinen. Die Vögel, die jede Nacht auf dem gegenüberliegenden Haus landeten und sich wieder erhoben. Wenn sein Atem ruhig wurde, seinen Arm sehr sanft abstreifen, sich wegrobben und dann endlich schlafen.

Lange geglaubt, es läge an den Matratzenbewegungen. Oder an einem atavistischen Unsicherheitsgefühl, das nicht zwischen Freund und Feind unterscheidet. Heftig verliebt, liebend und geliebt todmüde vorsichtig die zehn Zentimeter weggerobbt, die es braucht, um Körperkontakt zu vermeiden.

Alles anders beim Sohn. Der Sohn schläft allein ein und besteht auch nicht auf einem Platz im großen Bett. Aber wenn, wie in den Ferien, wir fast gleichzeitig schlafen gehen, freut er sich so, wenn er neben mir liegt, dass ich es selten übers Herz bringe, es ihm zu verwehren. Der Sohn liegt dann direkt vor mir, mit ganzer Länge an mich geschmiegt. Er schläft schnell ein, meist braucht er nur Minuten. Rolle ich weg, greift er im Schlaf, auf einmal unruhig, nach hinten. Stehe ich vorsichtig auf, verziehen sich seine Mundwinkel, sein Schlaf wird flacher, sein Atem aufgeregt, auch wenn er nicht aufwacht.

Niemand sonst könnte so nah bei mir sein, ohne meinen Schlaf zu stören. Erst recht wäre jeder andere Körper viel zu warm. So aber wache ich manchmal morgens auf, der Sohn liegt halb auf meiner Schulter, und während wir beide langsam erwachen, freue ich mich dieser wenigen, schnell verrinnenden Jahre, bevor er von mir weggewachsen sein wird, erst nachts und dann immer.

Komplizierten

Wie sehr mich diese Pandemie in jemanden verwandelt, der ich nicht sein will. Jemanden, der sich nur alle paar Tage die Haare wäscht. Der ganz aufgehört hat, sich zu schminken, an manchen Tagen gar nicht in den Spiegel schaut, außer beim Kontaktlinseneinsetzen. Jemanden, dem es egal ist, ob er heute schon zwei Stück Torte gegessen hat, wenn er noch einen Lebkuchen hinterherstopft, weil ich ja so unsichtbar geworden bin wie alle anderen auch: Eilige Schatten, die sich manchmal dabei erwischen, wie sie Menschen, die sich lachend umarmen, wütend beneiden. Aber hier umarmen sich von Tag zu Tag weniger Menschen.

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Heute an einem Haus vorbeigefahren, in dem ich einmal neben jemandem auf einem Fußboden lag. Das ist sehr lange her. Ich weiß noch, dass seine Beine nicht ganz gleich lang waren, und dass wir sehr viel sprachen und er irgendwann ein bisschen zusammenhanglos sagte, dass wir komplizierte Leute in komplizierten Verhältnissen seien, und ich dachte, dass das auf die meisten Leute zutrifft, die ich kenne. Aber nicht auf mich.

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Es ist so kalt geworden in der Stadt und so leer und so still. Wenn die anderen Berliner noch kompliziert sind in diesen Tagen, dann sind sie es sehr privat: Lauter Explosionen eingeschlossen in Haut. Zwischen allen Menschen, die ich kenne, liegen Kontinente aus Eis, und vielleicht gibt es sie gar nicht mehr, vielleicht sind es nur Hologramme, Wiedergänger, die zerfallen, griffe ich nach ihren Händen, ihren Haaren, den vermeintlich warmen Stellen am Hals.

I Want to Ride My Bicycle

Mein Fahrradschlüssel ist weg. Ich habe keine Ahnung, wo er steckt, aber mein Fahrrad steht jetzt jedenfalls mit meinem maximalen Abus vor meinem Büro und ich fahre Tag für Tag mit einem „Nextbike“für einen Euro zur Arbeit.

Nun ist mein Fahrrad kein besonders tolles Fahrrad. Es ist ein Fahrrad, das fährt. Es ist ein Fahrrad, das nicht gestohlen wird, was auch an den festangeschraubten Kinderfußstützen liegen mag, die vor dem Hinterrad abstehen. Aber natürlich kommt es nicht in Betracht, das Fahrrad jetzt einfach auszusetzen und sich selbst zu überlassen. Das Schloss muss also auf.

Schlüssel, die man noch hat, kann man nachmachen lassen. Für Schlüssel, die man nicht mehr hat, gibt es so Karten, mit denen ruft man bei Abus an und bekommt einen neuen Schlüssel geschickt. Nun habe ich das Schloss inzwischen schon viele, viele Jahre. Wenn es jemals eine Karte gab, dann gibt es die Karte jetzt jedenfalls nicht mehr, und selbst wenn es sie noch geben sollte, habe ich keine Ahnung, wo. Abus scheidet also aus.

Leute rieten mir, einen Schlüsseldienst anzurufen. Aber der erste angerufene Schlüsseldienst winkte direkt ab. Ein Fahrrad an einem öffentlich zugänglichen Ort und ohne irgendwas, aus dem sich ergibt, dass es mir gehört? Keine Chance. Ein freundlicher Mensch bot mir an, er hätte einen Bolzenschneider, aber ein anderer netter Mann meint, der reiche nicht aus, man brauche eine Flex. Wo soll ich eine Flex herbekommen? Kann man die wirklich im Baumarkt leihen? Aber wie bedient man die? Und erst recht ich, die noch nie im Leben auch nur eine Bohrmaschine bedient habe.

Und natürlich werde ausgerechnet ich, wenn ich das versuche, von der Polizei aufgegriffen werden, wie ich in einem Hinterhof in Mitte versuche, ein Fahrrad zu knacken.

Mein Leben mit dem Virus

Seit das Virus in der Welt ist und ich abends nichts mehr vorhabe, verlieren meine Tage jede Struktur: Ich muss irgendwann zu Hause sein und an manchen Tagen nicht mal das. Aber weil ich immer und überall arbeiten kann, arbeite ich morgens ganz früh im Bett, wenn ich mich vom Schreck der immer weiter steigenden Infektionszahlen halbwegs erholt habe, fahre ins Büro, vertwittere dann halbe Tage, arbeite in kurzen Sprints, lese amerikanische Politblogs, arbeite weiter und fülle zwischendurch Warenkörbe von Onlineshops mit Kleidern für eine andere Frau in einem anderen Jahr, um dann wieder alle zu löschen.

Dann arbeite ich wieder weiter. Mag sein es ist acht, zehn, später. Fahre heim. Stürze mich wieder ins Netz, esse irgendwann irgendwas, arbeite und chatte und lese und areiten und fahre den Rechner herunter, wenn es so spät ist, dass ich nicht mehr arbeiten kann.

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Tatsächlich sind die meisten Leute, die von sich behaupten, sie seien socially awkward, kein bisschen peinlich, sondern einfach nur überdurchschnittlich kokett, und die immense Anstrengung, die es wirklich sozial schnell überforderte Menschen kostet, auch nur einen Empfang halbwegs störungsfrei durchzustehen, sich nach einem eigentlich gelungenen Abend gelungen zu verabschieden oder unpeinlich nachzufragen, wenn man glaubt, man habe sich irgendwie peinlich verhalten, ist ihnen erkennbar völlig fremd.

Völlig fremd ist ihnen auch die Anstrengung, nun nach langen Jahren der Anpassung an halbwegs normal erscheinende Verhaltensweisen sich an die soziale Welt mit Virus zu adaptieren. Hat man irgendwann endlich gelernt, wie lange man auf einer Veranstaltung mit Leuten spricht, auf welche Wendungen hin man sich besser verabschiedet, wie man ein Gespräch im Laufen hält und so weiter, fallen alle diese höchstpersönlichen Betriebsanleitungen angesichts des Virus in sich zusammen, weil mit den sozialen Events sich auch die sozialen Gepflogenheiten geändert haben, und die neue Welt erschließt sich mir zumindest nicht von selbst.

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In der letzten Woche mit einem Kollegen überlegt, noch ein letztes Mal in die Philharmonie zu gehen. Dann kommt heraus: Die Philharmonie ist schon ab Montag dicht. Es wird also nichts mit einem letzten Konzert, das das erste seit Februar gewesen wäre. Nichts mit Theater, nichts mit einem Rundgang durch die Gemäldegalerie. Ich werde nicht zum Sport gehen. Ich treffe die Freundinnen nicht in der Sauna. Ich gehe nicht essen. Ich treffe vielleicht ein paar Freunde, aber keine der Mittagsverabredungen, die für November in meinem Kalender stehen, wird stattfinden.

Ich werde arbeiten, diesen November. Arbeiten und irgendwas essen und irgendwann schlafen.