Plädoyer für mehr Gleichgültigkeit

Von der X hört man, sie lebe jetzt allein mit den Kindern, und vom Y, er suche gerade eine Wohnung. Der Z ist gerade nach Neukölln gezogen, um dort in Bars gerammelt voller zwanzig Jahre jüngerer Hipster seine vermutlich mindestens zweite Jugend zu suchen. Alle miteinander verstopfen den ohnehin derzeit etwas strapazierten Berliner Wohnungsmarkt, streiten sich um Geld, Kinder, Freizeit, Sommerhäuser und die Deutungshoheit über die vergangenen zehn Jahre, und bisweilen verwechsele ich beim teilnahmsvollen Zuhören die nie rechtzeitig abholenden Exmänner, die nur auf Zuruf Kinderschuhe kaufen, und trotz Trennung und Scheidung immer noch leben wie die Maden im Speck, während die gebeutelten Frauen zwar die Wohnung behalten, aber ohne Putzfrau den Kindern nun Nudeln bei Lidl kaufen müssten.

Die Männer, so hört man, sind allesamt nach zwei Jahren wieder in festen Händen und bekommen nach vier Jahren mit jüngeren Frauen weitere Kinder, vermutlich, um sich nun nicht mehr auf den Spielplätzen von Prenzlberg, sondern auf denen von Neukölln zu langweilen. Die Frauen treffen mehr oder weniger reizende Männer, ziehen mal zusammen oder auch nicht, und leben ebenfalls, wenn ich es richtig sehe, nicht wesentlich anders weiter als zuvor. Da sitzen sie dann also alle beim Wein, fünf Jahre später: Selbes Leben, anderer, oft recht ähnlicher Partner, nur die Vermögensverhältnisse und die Wochenendorganisation sind ein bisschen schwieriger geworden.

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Puh, denke ich dann bisweilen, während ich den X, Y und Z zuhöre. Mühsam klingt das. Und irgendwie gar nicht so arg oft, als habe sich der ganze Ärger und das viele Geld so wirklich gelohnt. Hätte nicht doch die X bei ihrem etwas schusseligen Erstehemann bleiben sollen? Der hätte zwar bis heute nie ohne Zuruf Geburtstagsgeschenke gekauft oder Kuchen fürs Kitasommerfest gebacken, und auch nur unter Androhung von ernsten Sanktionen die Kinder zweimal wöchentlich morgens zur Schule gebracht. Allerdings ärgert sich die X doch bis heute über diesen, nun die gemeinsame Ausübung des Sorgerechts betreffenden Misstand, aber damals, während sie noch verheiratet war, ärgerte sie sich immerhin deutlich besser finanziert und mit Putzfrau und einem vernünftigen Wagen ausgestattet. Hätte nicht auch der Y einfach in der schönen, geräumigen, Fünfzimmerwohnung in Mitte bleiben sollen, statt nun beengt in zwei Zimmern in Moabit zu hausen und seinen Sohn nur noch zweimal die Woche zu sehen, der ihn derzeit zudem leider hasst? Warum also nicht einfach in freundlicher Distanz verheiratet bleiben, sehr höflich miteinander sein, zwei Schlafzimmer unterhalten, bisweilen sich auf diskreten Abwegen ein wenig amüsieren, weil so ein Dasein ganz ohne Liebesleben ja auch nicht zumutbar ist, und in gepflegter Gleichgültigkeit so lange nebeneinander herleben, bis man wieder halbwegs miteinander befreundet ist. Und vielleicht wird ja irgendwann auch mal wieder mehr draus.

(Aber zugegeben: Ich möchte das auch nicht.)

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Weit weg und immer weiter

„Du bist meine Lieblingsmama“, gähnt der kleine Kerl und nennt sich mein „allerliebstes Kuscheltierchen von der Welt“. Ich singe ihm sehr, sehr leise Abendlieder vor und puste das feine, braune Haare zur Seite, das mir die Nase kitzelt. Schlaf gut, sage ich und sperre mit den roten Samtvorhängen die Stadt aus, bis nur noch ein sanfter Kindermond seinen kleinen Himmel füllt. Schon hat er die Augen geschlossen und träumt wohl vom Fallenstellen, von Mammuten, von der ganzen Tafel Schokolade, die er sich kaufen will, wenn die Oma ihm Geld gibt.

Mama, ächzt er noch im Schlaf und ich streiche ihm sanft über Brust und Arme. Vier ist er jetzt. In zwei Jahren kommt er zur Schule. In sechs Jahren wird er schon Sextaner sein, dem es peinlich sein wird, wenn ich ihn abhole und umarme. In zehn Jahren muss er sich vielleicht sogar schon ein bisschen rasieren. Ob er dann schon eine Freundin haben wird? Und ob er direkt mit 18 auszieht oder aber noch ein paar Jahre zu Hause bleibt? Doch ob er mit 15 für ein Jahr nach Portland geht, oder mit 19 in Paris studieren möchte: Von diesem Abend an, ach: von dem Moment an, an dem sie ihn mir im Krankenhaus Friedrichshain auf den Bauch gelegt haben, wird er sich immer weiter und weiter entfernen, bis ich ihn kaum noch sehen kann, und ich kann mir nicht vorstellen, ihn nicht jeden Abend schmerzhaft zu vermissen, an dem wir weiter entfernt sein werden, als jetzt.

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Madame will mal brüllen

So. Jetzt ist mein Text also weg. Gut, er war vielleicht nicht besonders toll, weil in meinem Dasein eben so wenig passiert, wie das bei Vierzigjährigen mit bürgerlichem Job und Familie eben so zuzugehen pflegt. Trotzdem ärgere ich mich. Über wen? Wer kann das wissen.

Zeitung könnte ich lesen. Aber dann ärgere ich mich. Ich habe nichts gegen Komiker, aber warum findet die versammelte deutsche Presselandschaft einen Komiker und seine Probleme wichtiger als die verzweifelten Syrer an der mazedonischen Grenze, in Syrien, in Lagern in der Türkei? Ich ärgere mich jedesmal, wenn ich online Zeitung lese, über die Selbstgerechtigkeit der Kommentatoren, die sich offenbar für unfehlbar halten und ihr eigenes Weltbild für absolut wahr statt relativ fehlbar. Ich habe inzwischen ziemlich viel Geld für blendle ausgegeben, weil da wenigstens keiner kommentiert.

Wenn ich mal was schreibe, ärgere ich mich über die Autokorrektur. Irgendwann fahre ich aus der Haut, weil ich Worte dreimal schreibe, und dann ändern die sich jedesmal in irgendetwas, was ich nicht schreiben will. Gehe ich vor die Tür, ärgere ich mich über Radfahrer, die dermaßen rapide über die Bürgersteige brettern, als gebe es ein Gesetz, nach dem dort, wo besonders viele Kinder verkehren, besonders schnell gefahren werden muss, um die Überbevölkerung einzudämmern. Apropos: Viele Kinder nerven mich auch.  Erzieht die eigentlich keiner? Die Berliner Verwaltung regt mich auch auf wie jeden rechtschaffenen Berliner. Außerdem habe ich mehrere Tage weniger gegessen, war danach aber schwerer als zuvor. Natürlich ärgere ich mich auch über das Wetter.

Die Konvention erfordert es leider, sich gleichgültig zu geben. So wenig, wie man, freut man sich, auf der Straße tanzen und sich auf die Brust trommeln darf, kann man auf der Straße herumpöbeln und mit Kraftausdrücken um sich werfen. Das macht man alles ganz heimlich, und bisweilen, heute zum Beispiel, ärgere ich mich über dieses Verbot, sich öffentlich zu ärgern, und würde gern, sehr gern, mich jetzt auf der Stelle auf die Straßenkreuzung stellen, dort – man sieht derzeit weder Menschen noch Autos – dreimal ganz laut Dreckswelt schreien.

Dann gehe ich wieder rein.

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Banh Xeo Saigon

Ich habe mal ein paar Monate in Thailand gelebt und hätte immerzu essen können. Okay, vielleicht habe ich immerzu gegessen. Ich habe morgens gebratenen Reis gegessen, ganztags Obst, mittags und abends diese großartigen Curries, und zwischendurch Teigtaschen, Pfannkuchen, Wachteleier mit süßer Sojasauce, Spieße mit Hühnchenfleisch, und Suppen, Suppen, Suppen. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich eigentlich gearbeitet habe, denn ich musste ja den ganzen Tag essen, und als ich abgereist bin, war ich als wahrscheinlich einzige Thailandreisende aller Zeiten schwerer als bei meiner Ankunft, weil die anderen ja alle wegen des leichteren Thaiessens abgenommen hatten.

Als ich im Januar das erste Mal nach Vietnam gefahren bin, hatte ich das eigentlich ähnlich erwartet. Es gab auch Curries, es gab Suppen, es gab alles Mögliche, aber so gut, so gut wie in Thailand ist das Essen nicht. Die vietnamesische Küche erschien mir stumpfer, weniger frisch, weniger scharf, weniger sauer, mit einem Wort: Weniger interessant. Die Berliner Vietnamesen, also der mit diesem Sammelbegriff meist adressierte Imbiss um die Ecke, bestätigte mein Vorurteil, und so bedauerte ich also ein wenig, dass die DDR neben allen ihren anderen Fehlern auch noch ausgerechnet aus Vietnam Vertragsarbeiter hergeholt hatte und nicht aus Thailand, was der Ostberliner Küchenkultur möglicherweise gut getan hatte.

Offenbar habe ich mich aber getäuscht. Ich weiß noch nicht genau, was in Vietnam schief gelaufen ist. Womöglich habe ich immer ausgerechnet da gegessen, wo man nicht so gut kocht, denn die Landesküche habe ich offenbar zu Unrecht als mitteldelikat qualifiziert. Ich muss also noch mindestens ein mal mehr nach Vietnam, und dann muss ich da essen, wo die Köche vom Bahn Xeo Saigon kochen gelernt haben. Bis dahin esse ich weiter in diesem ziemlich charmefrei eingerichteten Miniaturlokal an der Greifswalder Straße und bedaure jedesmal die unzureichende Aufnahmefähigkeit des menschlichen Magens.

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Banh Xeo Saigon, Greifswalder Str. 41, 10405 Berlin. Immer reservieren. Perfekt für Vegetarier und Veganer

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Vom Untergang

Ich bin ja nicht so Exzess. Ich arbeite eine echte Vollzeit, ich habe ein kleines Kind, da bin ich selten unterwegs, um mal einen tiefen Blick in Abgründe zu werfen. Wenn ich dann doch mal an Abgründen vorbei komme, weiche ich meistens aus, weil ich am nächsten Morgen doch aufstehen muss. Ich bin – sehen wir den Tatsachen ins Auge – ein ziemlich erlebnisarmer Bürger mit gemäßigten Ansichten über nahezu alles, einem gewissen Hang zur Bequemlichkeit. Ich bin das Juste Milieu.

Natürlich wird Stuckrad-Barres Buch Panikherz vor allem von Leuten wie mir gelesen. Wer kauft und liest in Deutschland sonst auch Bücher. Und weil Stuckrad-Barre auch Jahrgang 1975 ist, bewege ich mich in Panikherz in einer bekannten Welt. Die Achtziger, dieses endlose Bad in lauwarmer Langeweile. Die Neunziger, in denen es dann endlich losgehen sollte, ohne dass genau festgestanden hätte, was es denn eigentlich ist. Nur, dass es größer, lauter, bedeutender sein sollte, als die geordnete Welt unserer Kindheit in der westdeutschen Provinz, das war wohl den meisten von uns klar, die wir Mitte der Neunziger einen Umzugswagen voll Kisten gepackt haben, um irgendwo ein Leben anzufangen, von dem wir vermutlich alle mehr erwartet, als bekommen haben, wie es denn so geht.

Anders als ich hat Stuckrad-Barre die Suche nach Bedeutung ungleich ernster genommen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ausgerechnet im Segment der Musik- und Fernsehunterhaltung das echte Leben zu suchen, aber in Panikherz liest sich das eigentlich alles ganz schlüssig und rund. Warum auch nicht.

Die ersten feinen Risse zeigen sich just dann, als Ende der Neunziger Stuckrad-Barre Erfolg hat. Soloalbum ist ein tolles Buch, ist ein erfolgreiches Buch, auf einmal ist sein Autor ein Star, und ich erinnere mich noch an eine Lesung in einem vollgestopften ziemlich großen Raum, in dem ansonsten Bands auftraten. Ich habe Stuckrad-Barre damals ein bißchen beneidet, nicht weil er dieses Buch geschrieben hatte, sondern weil er überhaupt ein Buch geschrieben und sogar bei einem Verlag untergebracht hatte, während ich andauernd Romane schrieb, die ich dann alle ob mangelnder Qualität wegschmeißen musste.

Dass Erfolg nicht glücklich macht, war schon damals jedem klar. Natürlich macht Erfolg aber auch nicht unglücklich. Er legt nur die Schluchten frei, von denen man vor Eintritt des Erfolgs immer dachte, sie würden sich schließen, wenn erst einmal irgendetwas eintreten würde, was man sich gerade so wünscht. Wenn die Gletscherspalten dann immer noch klaffen: Dann war es eben nicht dieser Erfolg. Dann fehlt etwas anderes. Abnehmen. Rausch. Sex, was auch immer, und so folgt man Stuckrad-Barre ins Innere der Hölle. Dieser Teil des Buches ist sicherlich der stärkste. Stuckrad-Barre gelingen große, groteske Bilder von der Getriebenheit, der Sucht, dem Untergang in Selbstekel, Willenlosigkeit und den vielen Verlusten. Dass er den ganzen Weg abwärts nicht aufhört, genau zu beobachten, und ein präzises Abbild der Welt schafft, deren vorwiegend Berliner Kulissen auch ich gut kenne, würde mein Interesse am Buch auch dann wach halten, wenn nicht schon der Untergang an sich ein Thema wäre, das ein Buch dieses Umfangs trüge.

Dass der schon fast völlig Zerschlagene am Ende von seiner Familie und Udo Lindenberg gerettet wird, erleichtert den Leser und bedient die Erwartungen an eine geschlossene Dramaturgie. Ganz aber, ganz glaube ich nicht an die Geschichte von Höllenfahrt und Errettung, und als ich schließlich im Postbahnhof sitze, und Stuckrad-Barre mager und blass liest, unterhält und witzelt, lache ich zwar, versinke in einer gerührten Nostalgie, und wehre mich doch vergeblich gegen das Gefühl, dass das das Ende der Geschichte noch nicht ist, denn vielleicht gibt es keine Wege zwischen dem Untergang auf der einen und der Gleichgültigkeit auf der anderen Seite, und wir alle müssen wählen, was uns bitterlich fehlt.

Benjamin von Stuckrad-Barre, Panikherz. 2016.

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Sommers die Berge fleckt.

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Bleib mir doch weg mit deinen Verschwendergriechen und allem Papier aus deinem blutenden Brüssel. Ich will auch nicht wissen, wo man in Athen heute feiert, wenn man noch sorglos ist oder schon sehr verzweifelt. Ich will auch heute nicht wissen, wo die Boote landen, die unser aller Schande sind, und wo man in Heraklion gut essen kann: Geschenkt.

Ich will hier nicht schwimmen. Ich will am Ufer stehen, die Hand über den Augen, das leere Lächeln der Kouroi im Rücken, und auf der Innenseite des Meeres sollen die tausend Schiffe nach Osten fahren, und ich will ihnen nachsehen. Den Eibenstab in der Hand.

 

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Er ist nicht da.

Ich habe gehört, sie habe ihn überall gesucht. Sie hatte erst seinen Bruder angerufen, dann seine Mutter, auch wenn die sie nicht besonders mochte und nur des Babys wegen akzeptierte, das in ein paar Wochen kommen würde. Sie rief sogar seinen besten Freund D. an, der ihn auch nicht gesehen hatte, angeblich, und als sie im Büro anrief und bei seiner Sekretärin landete, wusste die, wie sie behauptete, auch nichts. Da saß sie also in einer Dreizimmerwohnung in Moabit, konnte sich kaum mehr bewegen vor lauter Bauch und hatte drei Tage lang Angst. Am dritten Tag kam er wieder.

Am ersten Tag, am zweiten noch vielleicht, hätte sie ihm eine Szene gemacht. Vielleicht hätte sie geweint, geschrien, ihn gefragt, wo er war, aber am dritten Tag war sie so froh, dass er da war, dass er zur Geburt mitkommen würde, dass sie mit dem Kind nicht allein sein würde, dass er die Miete und den Löwenanteil der Ausgaben tragen würde, weil sie nur 800 EUR Elterngeld bekam wegen ihres lausigen Jobs, dass sie einfach erleichtert war, ihm einen Kaffee kochte und zu Bett ging. Sie hatte tagelang nicht geschlafen, und jetzt war sie erschöpft. Eine Woche später war das Kind da.

Er war ein guter Vater. Er stand nachts mit auf, er kaufte ein, kochte, erledigte seinen Teil der Hausarbeit, spielte mit der kleinen Tochter und wurde zweimal befördert. Heute ist die Tochter sechs. Doch wenn im September eingeschult wird, werden sie wohl nicht gemeinsam kommen, denn er scheint ausgezogen zu sein, auch wenn seine Sachen noch da sind, die Bücher, die CDs, nur ein paar Kleider fehlen, und das Notebook. Und sein alter, abgeschabter Bär.

Sie hatte, als er zum erstmal verschwand, noch alle angerufen, aber sie hatten ihr nicht mehr gesagt als damals. Vielleicht ist es die Sekretärin, denkt sie manchmal, denn die schmettert immer etwas zu fröhlich, dass sie auch nicht wisse, wo er steckt. Vielleicht ist sie aber auch nur unsicher und fühlt sich mit den Verleugnungen nicht wohl. Am Samstag taucht er meistens auf, holt die Tochter und zischt, wenn sie noch reden will, dass das jetzt schlecht sei vor dem Kind. Meistens kommt er mit der Tochter erst am Sonntag wieder. Er scheint eine neue Wohnung zu haben, aber auch die Tochter sagt ihr wenig oder nichts.

Das gemeinsame Konto scheint es nicht mehr zu geben. Sein Gehalt landet jedenfalls nicht mehr auf dem Konto, dessen Karte in ihrem Portemonnaie steckt. Sie hatte ein paar schlimme Nächte deswegen, aber als sie ihn fragte, kam eine der wenigen Antworten zurück. Er zahle natürlich weiterhin die Miete. Auf dem Konto landen nun monatlich 600 EUR.

Von 600 EUR kann sie nicht leben. Ich weiß nicht, wie ihre Aussichten sind, wieder arbeiten zu gehen. Sie wollte, meine ich mich zu erinnern, Kinderbücher illustrieren, aber daraus scheint nichts geworden zu sein. Vorerst spart sie eisern, gönnt sich nichts, liegt lange wach, hat einen Termin mit einer Anwältin, die ihr Fragen stellt, die sie nicht beantworten kann, und weiß nicht mehr, wie sie sagt, ob sie sich ihn zurückwünschen soll oder sich wünschen soll, sie hätte ihn niemals getroffen.

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Heinz und ich

Der AfD-Anhänger ist also, wie ich gelesen habe, meistens ein Mann. Er ist älter als ich. Er ist ganz gut ausgebildet, aber hat nicht die berufliche Position erreicht, die er sich vorgestellt hat. Er lebt eher in einer Kleinstadt als in Berlin. Er ist verheiratet und hat Kinder, um die sich seine Frau mehr kümmert als er. Das findet er nur natürlich. Er arbeitet Vollzeit, sie arbeitet – vielleicht – Teilzeit, und ich stelle mir nach der natürlich ganz und gar nicht repräsentativen Lektüre von sehr vielen Internetkommentaren und dem im Entwurf kursierenden Wahlprogramm der AfD vor, dass er zeitgenössische Kunst verachtet, selten ins Theater geht, „weil die da ja nur noch rumschreien“, und dass er sein Auto sorgfältig pflegt und seinen Sommerurlaub pauschal bucht. Er spart viel, auch am Essen. Ich stelle mir vor, dass er gern Königsberger Klopse isst, aber auch Salamipizza und vielleicht Bami Goreng. Ich werde ihn Heinz nennen.

Ich habe monatelang versucht, Heinz nicht zu verachten. Ich weiß, dass eine Gesellschaft, die aus sich gegenseitig verachtenden Gruppen besteht, nicht imstande sein wird, Herausforderungen zu bewältigen. Damit meine ich nicht einmal die Flüchtlinge, die im letzten Jahr nach Deutschland gekommen sind und nun erst einmal versorgt und dann integriert werden müssen. Mit der Finanzierung und Unterstützung von Flüchtlingen hat Heinz nämlich überhaupt nichts zu tun, da reicht es schon, wenn er nicht aktiv stört. Ich denke an die zunehmende Automatisierung, die vielleicht nicht mehr Heinz, aber die Lehrlinge in seinem Betrieb vielleicht einmal den Job kosten werden, und wir dann alle einmal sehen müssen, wie wir es schaffen, auch mit wenig Arbeit glücklich zu sein. Ich meine die Künstliche Intelligenz, die vielleicht dazu führen wird, dass Heinz Sohn vielleicht eine Maschine als Vorgesetzten haben wird, und ich meine die Veränderungen in der Arbeitswelt, in der es nicht unwahrscheinlich ist, dass die Tochter von Heinz mehr verdient, als sein Sohn, der sich dann etwas anderes ausdenken müssen, als einfach arbeiten zu gehen, um attraktiv genug für eine Familiengründung zu bleiben. Ich meine auch den Umstand, dass Heinz wie wir alle zu wenig Kinder hat, um in Zukunft noch so zu leben, wie wir heute.

Leider ist es mir nicht gelungen, Heinz als einen ängstlichen, aber im Grunde guten Kerl zu betrachten. Ich denke nämlich, Heinz geht es gar nicht darum, dass er Angst hat, schlechter als Moslems, Schwule oder Frauen behandelt zu werden. Er ist insofern kein Bürger, der besorgt wäre, unverdient zurückzubleiben. Er will, wie er vielgestaltig schreibt, nämlich nicht genauso, sondern besser behandelt werden als diejenigen, die in seinen Augen weniger wert sind als er. Warum er meint, ein wertvollerer Mensch zu sein, hat sich mir auch nach Wochen nicht erschlossen. Wenn Heinz argumentativ nicht weiterkommt, beruft er sich im Internet auf den „gesunden Menschenverstand“. Darunter kann ich mir wiederum nichts vorstellen. Ich denke, er meint die Summe derjenigen Vorurteile, für die es schlechthin keine vernünftige Begründung gibt, die sich in seinen Augen aber richtig anhören. Genaueres weiß ich über Heinz leider nicht, weil Heinz sich auch bei facebook oder twitter nicht mit mir unterhalten möchte. Dabei habe ich ernsthaft versucht, mit Heinz zu diskutieren, aber offenbar bin ich es in Heinz Augen nicht wert, dass man mit mir diskutiert.

Nun nützt es nichts. Heinz verschwindet nicht morgen früh aus dieser Republik, und auch ich bleibe aller Voraussicht nach, wo ich bin. Heinz und ich müssen uns also arrangieren. Im praktischen Leben ist das ziemlich einfach, denn ich wohne ja im Prenzlauer Berg, den Heinz, wie er manchmal bei SpOn schreibt, zutiefst verachtet. Meine Lieblingsrestaurants findet Heinz affig, meine Freunde überspannt, und meinen Job will er garantiert auch nicht haben. In der Montessorikita meines Sohns will er seine Kinder vermutlich auch nicht unterbringen. Im geistigen Luftraum über Deutschland sieht es dagegen schon anders aus. Heinz hält Leute wie mich, das nehme ich amüsiert zur Kenntnis, nämlich für das sogenannte „linksgrüne Establishment“, also für die geistige Mitte der Gesellschaft, mit anderen Worten also für Leute, die eine Geschmackshegemonie ausüben, die Heinz Meinung nach naturgesetzlich eigentlich Leuten wie ihm zusteht.

Ich habe wenig Hoffnungen, dass Heinz in diesem Leben noch einmal freundlicher, aufgeschlossener und entspannter wird. Weil ich Heinz für einen schlechten Menschen und nicht für ein verängstigtes Schaf halte, glaube ich auch nicht, dass es sinnvoll ist, auf ihn zuzugehen und ihm zuzuhören. Heinz wäre erst zufrieden, wenn er obenauf und alle anderen mindestens drei Stufen drunter wären. Wenn man Heinz Wunsch nach Wiederherstellung seiner gesellschaftlichen Vorrangstellung also nicht erfüllen will, bleibt vermutlich nur eins:

Man muss Heinz isolieren. Man muss Heinz lächerlich machen. Man muss klarstellen, dass Heinz mit seinem Wunsch nach Aufwertung zulasten Dritter außerhalb der Gesellschaft steht statt in ihrer Mitte.

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Aber Dich

Als Du Geburtstag hattest, stehen wir auf der Bötzowstraße und es ist Nacht. Ich schiebe mein Fahrrad, meine Füße schmerzen, und im Rücksitz schläft unser Kind. Ich trage meine hochhackigen Schuhe seit 18 Stunden, ich habe über 1.000 km zurückgelegt, habe irgendwo im Ruhrgebiet weit übers Land geschaut und den Horizont so klar gesehen wie selten. Ich habe Dich und unseren Sohn im Gedränge des Lafayette entdeckt, und sofort war der helle, laute Raum zwischen Dir und mir vor der Fischtheke voll von Blitzen, sprühenden Funken, Fontänen und goldenem Licht. Im Ishin waren wir und haben Sushi gegessen, das wir alle lieben, im Lafayette zurück haben wir Kaschmirpullover gekauft, Crémant getrunken und unser Kind hat getanzt.

Als Du Geburtstag hattest, haben wir Dir Karten geschrieben. Die haben wir in der buchbox gekauft Unser Sohn kann nur ein paar Worte schreiben, aber „Papa“ gehört dazu, und eine Karte hat er für Dich ausgesucht, auf der Dein Lieblingstier abgebildet ist. Die Karte hat er Dir geschenkt, und ein Buch, und auch von mir hast Du eine Karte und ein Buch bekommen. Wir waren dann beim Centro Italia und bei Ikea und bei boesner, wo sie leider einen Rahmen für unser tolles neues Bild von Katia Kelm irgendwie falsch zugeschnitten haben, und wir haben uns angeschaut und beide gleichzeitig gesagt „Berlin“ und gelacht.

Als Du immer noch Geburtstag hattest, haben wir Kuchen gebacken und Bier getrunken, geschlafen und überlegt, ob wir wohl die am lautesten schnurrende Katze der Welt besitzen, und es weiß nur keiner, weil wir das nicht messen. Als Du gerade noch Geburtstag hattest, hast Du Deine Zähne geputzt und ich habe Dich angesehen und mich gefragt, bis wann Du so gut aussiehst wie heute, denn irgendwann sehen ja alle alten Männer irgendwie komisch aus, sogar so Edelgreise wie von Weizsäcker oder so, und irgendwann fängt das ja an.

Als Du Geburtstag gefeiert hast, klingelte es von morgens um elf bis nachmittags um vier. Es gab Wurst und Schinken und Eier und Blinis mit Lachs, es gab Kuchen von mir, und einen, den die liebe C. gebacken hat und der wie eine Pizza aussah. Es gab Salate und Hummus und Hot Dogs aus der großen Partybox von Ikea, und es war laut und schön und die Kinder spielten quasi überall auf dem Boden. Als ich dann losging, um mit einer Freundin ins Kino zu gehen, bliebst Du in der Küche mit den letzten Gästen und schwenktest eine Flasche Bier und sahst ziemlich glücklich aus.

Als ich heimkam, räumten wir ein bisschen auf. Auch die Karten für Dich stehen nun in der Küche an der Wand. Auf der von mir steht: Love and Adventure. Und immer etwas Gutes zu essen.

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Neu

Dank der großartigen und nicht genug zu lobenden Frau Koma können Sie nun auch bei mir

(dumpfer Trommelwirbel, ein roter Vorhang öffnet sich)

automatisch in diversen sozialen Netzwerken Blog wie Blogtexte mögen, automatische Kommentare hinterlassen und sich überhaupt wieder mal mehr zu Wort melden. Im Ernst, es macht keinen Spaß, wenn sich im virtuellen Salon nur lauter schweigenden Gäste verschämt in den Ecken herumdrücken. Sagen Sie Ihre Meinung und hauen Sie auf alle verfügbaren Pauken. Und wenn Sie mir einen besonderen Gefallen tun möchten: Ich möchte demnächst mein Bloglayout ändern. Ich brauche einen schönen, roten Vorhang.

Haben Sie so etwas zufällig bei sich herumliegen? Frei von Rechten Dritter und verfügbar für mich?

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