Wie sehr, so sehr

Wie dunkel der Schatten ist in diesen Bildern. Und wie grell das Licht. Wie ganz und gar überwältigend der Schrecken, wie rot das Blut, und wie laut die Bilder über die Jahrhunderte dröhnen, vom Rom Urbans VIII bis zu diesem Sommersonntag in Potsdam, in dem es im Museum Barberini am Alten Markt ausnahmsweise nicht einmal zu voll ist, sondern angenehm, kühl sogar, und der F. an meiner Hand sich Geschichten erzählt und erzählen lässt, die von Morden handeln, von Verwandlungen, von allerhöchster Lust und von einer Frömmigkeit, die sich selbst nicht mehr so ganz vertraut, denn wir schlendern durch das 17. Jahrhundert und der Glaube ist ein wenig matt geworden seit den Tagen der hochragenden Dome.

Außer uns besuchen vorwiegend ältere Damen das Museum, ältere Paare, wenig jüngere Menschen. Der Sommer hat mit Macht noch einmal die Stadt eingenommen, wahrscheinlich sind die Badeseen voll.

Die J. erzählt von ihrer Renovierung, ich strecke und dehne die Beine, die sich schwer und irgendwie verbeult anfühlen und streiche mir mit der Hand über die Unterarme. Ich weiß nicht wieso, aber seit ein paar Tagen spannt und schmerzt meine Haut auf der Innenseite meiner Arme.

Die J. und ich sprechen kurz über unsere nachlassende Physis, Krankheiten im Freundeskreis, schmerzende Rücken, und ich streiche mir mit der linken Hand über den Nacken. Wenn ich zwischen zwei Wirbeln drücke, knackt es eindrucksvoll in meinen Ohren.

„Wir fallen alle auseinander.“, scherze ich und ziehe die Mundwinkel hoch. Wir fallen auseinander, wir fallen in Erde und Staub, und nie, nie, werden wir so sehr gelebt haben, so düster und grell, so laut und so leise, so lustvoll und so mörderisch, wie diese Bilder an den Wänden leben, die Leute malten, die mehr vom Leben wussten als wir.

Besser als nichts

Die Tante K. der B. ist jetzt auch schon tot. Die Tante war die Lieblingstante der B., lustig und langhaarig in jungen Jahren, auch wohl sehr hübsch, und dass sie nie geheiratet hat, hat wirklich keiner verstanden. Die Tante hätte noch als Siebzigjährige heiraten können, Kinder hätte sie haben können, aber so hatte sie nur zwei Nichten und einen Neffen und einen kleinen Hund so gegen Ende. Den hat jetzt der Bruder der B.

Als wir 14 oder 15 waren, wurde uns klar, dass die Tante nicht einfach keinen fand, sondern schon einen gefunden hatte. Der wollte sie wohl einfach nicht. Oder er war schon verheiratet. Ob da überhaupt jemals etwas war, bekamen wir nicht raus. Es mag sein, dass die B. es weiß, aber die hat es mir nie verraten.

Angeblich hat die Tante nie einen anderen Mann auch nur angesehen. Sie war Bibliothekarin, sie liebte ihren Beruf, sie hatte zeitlebens viele Freundinnen und unternahm mehr als alle anderen Erwachsenen, die ich so kenne. Die Tante hat ein reiches Leben geführt, trotz ihrer Entscheidung, wenn es das Beste nicht gibt, aufs Zweitbeste zu verzichten, aber trotzdem, sage ich zur B., würde ich in den kleinen wie in den großen Dingen immer anders entscheiden, weil etwas mehr ist als nichts: Weil ein Glas Saft weniger als ein Glas Wein ist, aber mehr als Wasser. Weil man dem Bißchen die Chance geben möchte, am Ende doch gut genug zu sein. Und weil Wünsche manchmal verschwinden, wenn man sie zur Hälfte erfüllt.

Aber ja, Tante K.: Meistens nicht.

Haar

Leute mit Mitte 40 sind ja alle schrecklich gelangweilt: Alles da gewesen, was richtig Sensationelles kommt jetzt nicht mehr. Manche Leute fangen dann mit Extremsportarten an. Oder heiraten einfach immer wieder. Ich aber, ich habe heute erstmals nackt beraten. Und das auch noch im Zivilrecht. Das kam so:

Ich gehe seit kurzem wieder halbwegs regelmäßig zum Sport. Man sagt, man müsste dreimal die Woche gehen, damit das was bringt, aber ich schleppe mich eher so einmal die Woche, auch mal eine Woche nicht, und deswegen sieht man nicht nur aktuell nichts, sondern wird voraussichtlich auch nichts sehen. Ich gehe also nur so zum Spaß. Den immerhin habe ich, ich mache eigentlich ganz gern Sport.

Nach dem Sport stehe ich in der Dusche. Ich liebe warmes Wasser, ich mache die Augen zu, ich lasse mir das heisse Wasser über den Kopf fließen: Mein Gott, so einfach kann Glück sein. Da aber kreischt neben mir auf einmal jemand auf. Ich reiße die Augen auf. Ein Mädchen neben mir steht mit aufgerissenem Auge neben dem warmem Wasserstrahl. Von ihrem rechten Auge hängt etwas Schwarzes herab.

„Bist du verletzt?“, frage ich und strecke die Hand aus. Immerhin: Es geht ihr gut. Ich atme auf.

Das Schwarze an ihrem Auge ist kein Körperteil, erfahre ich. Es handelt sich um ihre falsche Wimpern. Falsche Wimpern sind aktuell total angesagt, die Hälfte der Berlinerinnen hat welche an den Augen, und offenbar gibt es zwei Grundmodelle: Entweder man klebt sich die Wimpern anlassbezogen an die Augen. Oder sie werden professionell in einem hierauf spezialisierten Studio angebracht und halten ein paar Wochen.

Die Frau, deren falsche Wimpern gerade im Ausguss verschwinden, hat offenbar diesen Weg gewählt und erst gestern überraschend viel Geld dafür ausgegeben. Ich staune still, weil ich mich im Laufe der Jahre daran gewöhnt habe, dass andere Leute total viel Geld für gutes Aussehen investieren. Ich interessiere mich rein theoretisch auch für gutes Aussehen, aber nicht so sehr, dass ich Geld dafür ausgeben oder Zeit investieren würde.

Die Frau ist total sauer. Sie verdient nicht viel, sie nämlich reisst Leuten gegen Geld Haare aus und kellnert abends in einer Gentlemans’s Bar, worunter ich mir – vielleicht zu Unrecht – irgendwas Unanständiges vorstelle, und die 70 (!) EUR für neue Wimpern sind deswegen für sie sehr viel Geld. Mir tut das leid, ich schiebe jeden Gedanken an die unfassbare Komik, dass eine Haarausreißerin Probleme mit den Leistungen einer Haarankleberfirma hat, beiseite und werde sehr ernsthaft. Sie hätte, erläutere ich und wringe meine Haare aus, einen Werkvertrag mit dem Kosmetikstudio, die ihr die Wimpern angesetzt haben, und die hätten ihren Job nicht ordentlich erledigt. Das Werk sei nicht für die gewöhnliche Verwendung – also das Wimperntragen in jeder Lebenslage – geeignet und deswegen mangelhaft. Sie müsste also für neue Wimpern nicht nochmal bezahlen, sondern hat einen Nacherfüllungsanspruch.

Und, was soll ich sagen: Wenn ich mir das nächste Mal Haare ausreißen lassen will, habe ich einen gut, wenn das morgen mit den neuen Wimpern klappt.

Doppelherz

„Denk dir!“, schallt es ein bisschen zu laut aus dem Hörer. „Da haben sich doch die I. und die K. kürzlich …. bist du noch dran?“ – „Ja!“, antworte ich und hole mir möglichst unauffällig einen Kaffee. Dieses Gespräch kann dauern.

Als der Akku fast alle ist, bin ich im Bilde. Es geht also um den K. Herrn K., genauer gesagt. Lehrer für Englisch und Erdkunde am Gymnasium einer kleinen Stadt, die so langweilig ist, dass es man Herrn K. vielleicht nicht wirklich übelnehmen kann, dass er den vielfältigen Versuchungen, die damals, Mitte der Neunziger, um einen jungen Studienrat herumtanzten, nicht immer ganz gewachsen war. Heute käme wahrscheinlich die Polizei, damals kam keiner, jedenfalls nicht im wörtlichen Sinne, und so lebte der Herr K. vergnügt vor sich hin und fiel ab und zu in tiefe Liebe, um nach dem Abitur der jeweiligen Herzdame verlassen zu werden, weil die jeweilige Herzdame dann wegzog, um irgendwo zu studieren.

Die Jahre kamen und gingen. Herr K. wurde älter. Auch seine früheren Herzdamen alterten. Die I. und die K. etwa haben nächstes Jahr 25-jähriges Abitreffen, was den Abijahrgang so etwa halbwegs wieder zusammengebracht haben dürfte, jedenfalls gibt es nun eine WhatsApp-Gruppe, und um sich so etwas neben der großen Gruppe, die das Treffen vorbereitet, zu unterhalten, gibt es ungefähr vier bis fünf weitere WA-Gruppen, in denen unterschiedliche Freundeskreise sich austauschen.

Oha, sage ich und trinke, weil kein Kaffee mehr da ist, einen Tee.

Nach einigen Tagen und Wochen wurden die Gespräche in den Untergruppen zunehmend intim. Man kennt das: Die Teilnehmer kennen sich ganz gut, irgendwann ist es Samstagnacht und alle halbwegs angetrunken: Nach und nach kamen erst die unschuldigeren Geständnisse auf den Tisch, also wer wen gern geküsst hätte, so zwischen 93 und 95, und dann die weniger unschuldigen. Wer also mit wem mehr so im Indikativ.

Manche Leute haben ein Elefantengedächtnis. Andere zumindest verlässliche Aufzeichnungen. Ob nun die I. das Tagebuch und die K. das Mordsgedächtnis oder umgekehrt … alles egal. Jedenfalls war die Erkenntnis nicht zu vermeiden: Es gab Parallelen. Und zwar im wörtlichsten Sinne. Nach dem Oberstufenfest im Herbst 94 etwa. Da muss Herr K. den Abend bis gegen 23.00 Uhr mit der K. und sodann mit der I. verbracht haben. Und nach dem Chorkonzert in L. Und am Vorabend des Abiballs sowieso.

Die I. ist nun offenbar trotz der vielen, vielen Jahren rechtschaffen sauer. Die K. nimmt es leicht, wie sie ohnehin nicht zum Schwernehmen neigt. Aber Herr K. kann vermutlich spätestens auf dem Abitreffen nächstes Jahr etwas erleben, das ihn von den Herzdamen kurieren wird, wenn er denn nicht ohnehin den schönen Mädchen zwischenzeitlich altersbedingt entwachsen sein sollte.

Nicht weh

Aber heute nacht warst du sehr weit weg, und es war so dunkel wie selten. Es war warm um dich herum, es regnete die ganze Zeit, und der Boden hob und senkte sich, als arbeitete unter der Oberfläche etwas, das nach oben wollte, zu dir.

An den Wänden gab es keine Schalter und dein iPhone war weg. Jemand griff nach deiner Hand, du strichst über eine schmale, nackte Schulter, jemand ging dir verloren, kam wieder zurück. Hab keine Angst, sagtest du und deine Stimme hallte laut, als sei in der Schwärze ein Saal.

Etwas stimmte nicht mit den Kindern an deiner Hand. Sie zogen sich ganz in sich zusammen und wurden winzig. Sie atmeten sich groß, weich, schwammig, elastischer als menschliches Fleisch, und drückten dich kurz an die Wand. Bleibt hier und lauft nicht weg, sagtest du, als wäre alles in Ordnung und setztest vorsichtig Fuß vor Fuß und schobst die Kinder nach vorn.

Mir ist so, als hättest du mit jemandem gesprochen, aber vielleicht waren das die Kinder oder der, der durch den Boden brechen wollte und kam nicht hoch. Wir sind gleich da, sagtest du und suchtest in deinen Taschen nach Geld. Da vorn ist der Eingang, zeigtest du deinen Kindern die Tür, aber was dann auf euch wartete, hast du vergessen.

Es war schön, hoffst du. Und gar nicht mal so schmerzhaft.

Ein bisschen schade

Als ich heimfahre, fällt mir ein, dass ich doch einmal allein verreist bin. 2007 war das, und ich war allein in Karlsbad. Ich mochte das übrigens, ich war sogar allein essen und wanderte tagelang ohne mit irgendjemandem zu sprechen durch den Ort. Ich war auch schon mal allein mit meinem Kind verreist, das war auch sehr schön, weil der F. tatsächlich der Mensch ist, der mich am wenigstens stört. Auch auf Malta war das wirklich nahezu perfekt. Ansonsten war ich oft mit der J. und der C. verreist, im Baltikum, in Prag, in Barcelona und in Budapest. In Budapest wurde ich 30, aß mit meiner lieben J. von morgens bis abends Kummertorte und trank sehr viel Sekt auf all mein ungelebtes Leben.

Ansonsten war ich immer mit Männern weg. Also, mit dem jeweiligen Mann. Mit dem S. damals in London und noch irgendwo, ich hab’s vergessen. Mit dem J. überhaupt quasi überall, in eigentlich allen Ländern Westeuropas, weiten Teilen Asiens, den USA, teilweise zu zweit, teilweise mit Freunden. Einmal sehr kompliziert mit dem R. und dem J.2 quer durch Polen, aber das ist so lange her, das zählt eigentlich nicht. In vielen Ländern, in die ich eigentlich will, war ich aber noch nie. In Georgien etwa. Nach Russland will ich mal wieder, da war ich nur einmal und da war ich erst 16. Nach China möchte ich. Nach Südamerika, dann besuche ich Frau Wortschnittchen. Nach Montenegro und nach Rumänien, denn wenn ich nicht allein verreise, dann werde ich da niemals hinkommen und das wäre doch, finde ich, ein bisschen schade.

Ach, überhaupt.

Ins Kino gehe ich eigentlich nur, wenn Sohn F. nicht da ist, auch wenn das unlogisch ist, aber wenn die Ausgabe für den Babysitter höher ist als die Eintrittskarten, komme ich mir blöd vor. Diese Woche war ich also im Kino, und zwar in Yesterday, der kein großer, nicht einmal ein schlüssiger, aber ein charmanter Film ist. Im kleinen Kino Central war’s warm und dunkel, ich war mit dem O. vorher indisch essen und in meinem Mund vermischte sich der Geschmack nach Curry mit dem von Lakritz, und ich hätte gern mitgesungen, aber das ist im Kino leider nicht üblich.

***

In Frankfurt am Dienstagnachmittag nach einem Termin mit dem C. Eis gegessen in so einer ganz nostalgischen Eisdiele, gutes Eis, drei Kugeln in einem ausgestellten Glaskelch, Sahne und Mandarinenlikör, Dosenmandarinen und weiße Schokoladenspäne. Es war heiß, unsagbar heiß eigentlich, und ich schmolz auf meinem Caféhausstuhl so vor mich hin und sah den Anzugmännern in ihren Anzügen zu, wie sie eilig aus den U-Bahnschächten liefen und in den Hochhäusern verschwanden wie Geister, die Tageslicht scheuen.

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Am Vorabend in die Runde gefragt, wer mit mir Bier trinkt, und den Abend mit dem klugen und angenehmen B. verbracht, Studentenkneipe, Bier und Buletten, durch die schlafende Stadt flaniert, gelöst geplaudert, gern zugehört, so ein bisschen wie mit 23 statt 43: Absichtslos streunend damals, als die Zeit mich noch umgab wie Wasser und Luft und noch kein knappes, sorgsam gehütetes Gut war.

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Kurze Stippvisite bei meinen Eltern, in der Nähe einen Vortrag gehalten, ein paar Stunden geschlafen, wieder abgefahren, und dieses kurze, scharfe Glück, wenn der Sohn auf mich zuläuft, ich jeden Muskel anspanne, gleich wird er springen, dann wirft er mich fast um, ich reiße ihn hoch und spüre, dass das wohl das letzte Jahr ist, in dem das möglich sein wird, und es ist ein beständiges Abschiednehmen.

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Mit den Freunden M. und S. und dem J. am Freitag am Paul-Lincke-Ufer gesessen, chinesisch gegessen, ein halbes Spaghettieis bei Azzura schräg gegenüber, geplaudert und gelacht, und am nächsten Tag so halb zufällig beim Döneressen bei KWA wiedergetroffen, weil am Vorabend darüber gesprochen, dass wir unbedingt diesen Döner essen müssen. Zuhause auf dem Sofa vor der offenen Balkontür gelegen, der kühlere Wind, die Bäume rauschen, als lehnte ein Taugenichts an ihrem Stamm und wartete auf die Liebe, die nachts aus den Kronen der Linden fällt wie Tau.

Wir trinken Cidre und hören die Leute vor der Bar nebenan leise lachen, und ich weiß, dass es nicht besser werden wird noch kann, denn so, so sieht das Glück aus, oder zumindest die Zufriedenheit, des Glückes hausbackene, kleine Schwester.

Beim Sport

Mal wieder erschöpft sein, stelle ich mir vor, also so ganz körperlich, verschwitzt, Herzklopfen, ach: Überhaupt mal wieder ganz Körper sein, und so schaue ich mir nach dem Urlaub im Internet ein paar Fitnessstudios an und entscheide mich schließlich. Da will ich hin. Weil ich mir mit gutem Grund nicht über den Weg traue, buche ich erstmal Tagestickets.

In der Umkleide stehe ich vor den Spiegeln und schaue mich an. Ich kann mich gut leiden, aber eine Schönheit bin ich nicht. Ich habe einen Bauch, ich habe zu dicke Oberarme, aber im Grunde ist mir das nicht mehr so besonders wichtig. Ich bin nicht hier, um schön auszusehen.

Tatsächlich ist Sport ein bisschen wie heimkommen. Jemand, der wirklich sportlich ist, würde über meine Leistungen lachen, aber ich mag das Gefühl, wenn man vom Crosstrainer steigt und wirklich nicht mehr kann, wenn man mit den Knien Gewicht nach außen schiebt, und ich sitze gern auf der Rudermaschine und höre Musik, die nur mir gehört und die ich nicht erklären oder teilen muss.

„Was it all worth it
giving all my heart and soul and staying up all night“

singt Freddie Mercury unhörbar für das Mädchen neben mir, die vielleicht 20 ist und sehr schön, und ich wünsche ihr, dass sie sich mit 43 diese Frage so beantwortet wie ich.

Allein zu Haus

Kaum ist Sohn F. ein paar Tage bei den Großeltern, verkommen der J. und ich zusehends. Der Koffer mit den Urlaubskleidern bleibt unausgepackt tagelang im Flur. Während ich hoffe, dass der J. die Spülmaschine ausräumt, hofft der J., ich würde mich erbarmen. Außerdem verlieren wir sofort jede vernünftige Tagesstruktur, essen bis 16.00 Uhr überhaupt nichts und dann innerhalb weniger Stunden ganz viel. Nehmen wir nur gestern.

Morgens liege ich bis elf im Bett. Ich lese erst die Süddeutsche, dann einen Roman von Anne von Canal, dann koche ich mir Kaffee und döse ein bisschen so vor mich hin. Der J. ist schon seit Stunden beim Golf. Irgendwann schleppe ich mich in die Dusche und singe dort ganz laut und lange ein unbekömmliches Potpourri aus Cole Porter, Volksliedern und Wham. Das geht nämlich nicht, wenn der F. daheim ist, der steht dann schnell vor der Badezimmertür und fragt lautstark, was ich da singe. Knallrot und durchgeweicht ziehe ich mich an. Rotes Kleid, Sandalen. Danach lasse ich mich um die Ecke zwei Stunden lang verschönern und berate die Kosmetikerin in Herzensdingen. Weil ich so alt bin wie ein Baum behaupte ich, dass es eigentlich egal ist, wen sie heiratet, Hauptsache, er ist nett und macht die Wäsche.

Als der J. auftaucht, wandern wir so ein bisschen durch den Prenzlauer Berg. Vermutlich hat kein deutsches Stadtviertel einen schlechteren Ruf, weil jeder Sachbearbeiter in jeder deutschen Kleinstadt mit Kombi und Jägerzaun davon überzeugt ist, dass hier die wahren Spießer wohnen. Weil deswegen hier niemand wohnen will, kostet der Quadratmeter 5.000 aufwärts.

Beim Fischladen in der Danziger essen wir Fischbrötchen und sehnen uns ordentlich nach dem Salz des Meeres. Vorm Café Liebling schauen wir den anderen Prenzlbergern zu, wie sie ihre Hunde und Kinder und Sonnenbrillen durch den Samstag tragen, bestellen Hugo und Bier und sprechen über die Wohnung, die der J. einmal am Helmholtzplatz hatte. Dann gehen wir nach Hause und grillen.

Irgendwann ziemlich spät brechen wir wieder auf. Vorm KROM trinke ich einen hessischen Apfelwein, wir sprechen über einen Bekannten, der mal gegenüber gewohnt hat und tatsächlich in einem Computerspiel mitspielt, über eine tote Großtante, und ich erzähle dem J., das ich tatsächlich ein von Theodor Herzl signiertes Buch besitze. Als die hübsche Kellnerin im Onesie um zehn den Außenbereich dicht macht, gehen wir zu Johnny.

Bei Johnny im Sorsi e Morsi trinkt die ganze Nachbarschaft. Es ist voll und lustig, es gibt Negroni und Prosecco und Wein, wir sprechen miteinander über unser Kind und ob Sohn F. wirklich einmal in das Dorf zurückgeht, aus dem der J. gekommen ist, wo der F. nach eigenem Bekunden eine Kanzlei unterhalten und Hunde und Pferde haben will. Jagen möchte er, Hühner haben und einen Traktor, und vielleicht, denke ich, macht er das ja wirklich, und des J. Ausflug nach Berlin wird in der Familiengeschichte des J. eine kurze, bizarre Episode bleiben. Vielleicht wird er glücklich, der F., als jagender Herrenreiter, aber nie, nie wird er dort irgendwann nachts nach viel zu viel Wein und Prosecco euphorische Gespräche mit einer chinesischen Amerikanerin aus New York, einem hellblonden Polen und einer Frau aus Mississippi, die italienisch spricht, führen, während draußen auf einmal ein kurzer, warmer Regen fällt und die Stadt sauber wäscht für ein paar kurze Stunden.

Tagebloggen (4)

Ich lese weniger gern als noch vor ein paar Jahren. Nein, das ist nicht ganz richtig: Ich lese immer noch sehr, sehr gern, aber immer öfter missfallen mir Bücher, langweilen mich, erinnern mich zu sehr an Bücher, die ich schon kenne. Und immer öfter lege ich Bücher einfach weg.

Was immer noch geht, ist das schlechthin Amüsante. P. G. Wodehouse zum Beispiel. Das funktioniert immer. Diese ganz und gar künstliche Welt aus Tanten, Verlöbnissen, Ozeandampfern, Butlern und Gurkensandwiches verfehlt bis heute nicht seine beruhigende Wirkung. Oder Angela Thirkell, mindesten genauso gut. Sachbücher funktionieren meistens nicht schlechter, oder diese hybriden Werke der Erinnerungsliteratur wie besonders geglückte Memoiren.

Wiederlesen dagegen ist allzu oft gar nichts. Gestern etwa, Henry Miller, das mochte ich mal wirklich, wirklich gern und wäre bedenkenlos ins Paris der Zwanziger umgezogen, um dort ein abenteuerliches Leben inmitten der Boheme zu führen. Heute dagegen nur noch schwitzig-misogyn, ein bisschen rüpelhaft, mit niemandem aus Clichy hätte man auch nur einen Tee trinken wollen, und so scrolle ich gerade durch Amazon, was ich mir nun auf den Kindle lade, wenn ich Iris Murdoch fertig habe, die, immerhin, mich ausreichend amüsiert.