19

O komm, Geliebte, komm, es sinkt die Nacht,
Verscheuche mir durch deiner Schönheit Pracht
Des Zweifels Dunkel! Nimm den Krug und trink,
Eh‘ man aus unserm Staube Krüge macht.

Omar Hayyam

Am Ende der Woche aber stehe ich bei P&C am Leipziger Platz und ziehe ein Kleid nach dem anderen an. Abstrakt mag ich starke Farben und Muster, aber rein praktisch sehe ich auch heute in den bunten Kleidern irgendwie sonderbar aus, und verlasse das Kaufhaus wieder mit Kleidung in beige und blau. Ich bin nämlich nicht nur Juristin. Ich ziehe mich auch so an.

In den Umkleidekabinen neben mir wird gelacht. Zwei Mütter und zwei Töchter probieren Kleider, offenbar für den Abiball, und die beiden Mädchen treten nacheinander in den tollsten Kleidern vor den Spiegel. Groß und rothaarig ist die eine, mit weißer Haut und schlanken Armen. Blond und strahlend die andere. Noch ganz glatt sind ihre Oberarme und Rücken, ihre Haare sehen, man kann es nicht anders sagen, saftig aus, und sicherlich sind auch ihre Zähne besser als meine. Ihre Mütter wirken dagegen fleckig und zerknittert, und auch ich mache in meinen blauen Etuikleidern vermutlich keine besonders gute Figur.

Für einen Moment beneide ich die Mädchen um ihre Vitalität. Die können bestimmt auch noch ausgehen, ohne sich tagelang zu fühlen wie Hackfleisch. Dann aber fällt mir ein, wie ich mit 19 in einem cremeweißen Kleid auf meinem Abiball stand; ich hielt gemeinsam mit einem Freund die Abirede und sah, glaubt man den Bildern, eigentlich wirklich ziemlich gut aus. Ich war ziemlich schlank, weil ich dreimal die Woche beim Sport war, ziemlich braun, weil ich immer draußen war, ich hatte lange, schwarze Haare und mein Kleid stand mir.

Ich fühlte mich fürchterlich.

Dass ich die verdammte Rede nicht hinter einem Vorhang halten konnte, setzte mir ernsthaft zu. Aus irgendeinem Grund nahm ich an, dass sowieso niemand mit mir tanzen wollen würde und behauptete deswegen, ich hätte zum Tanzen keine Lust. Ich hielt mich für eine etwas schwierige Einzelgängerin, dabei war ich im Vorjahr im Schülersprecherteam gewesen, feierte den ganzen Sommer bei lauter Leuten, die mich schließlich aus irgendeinem Grunde eingeladen haben mussten, und außerdem hielt ich mich für erotisch unvermittelbar, dabei stand mein Freund neben mir und mein Exfreund schlich irgendwo beleidigt um die Säulen.

Ich hätte eine großartige Zeit haben können. Ich wünschte, ich hätte sie gehabt. Wenn ich den fremden Mädchen in der Umkleidekabine neben mir einen Rat geben könnte, würde ich ihnen raten, sich für diesen Sommer zwischen Schule und Studium unwiderstehlich, unbesiegbar und wunderschön zu fühlen, und jedes Geschenk, jedes Lächeln und jedes Kompliment als berechtigten Tribut mitzunehmen, den das Leben ihnen vor die Füße wirft.

Doch die Mädchen bemerken mich nicht einmal, ich kaufe zwei blaue Kleider und einen Trenchcoat in beige, und im Gehen frage ich mich nur flüchtig, was mir in wiederum zwanzig Jahren leidtun wird von dem, was ich heute denke, mache, sage. Lasse.

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn

Das Kleid

Dass man älter wird, bemerkt man ja nicht nur daran, dass die Freunde grau werden. Auch die Anlässe, zu denen man eingeladen wird, ändern sich. Ich weiß gar nicht, wann man mich das letztemal zu einem 30. Geburtstag eingeladen hat. Oder zu einer abgeschlossenen Promotion. Erst heute morgen sagte mir eine Freundin, ihre Freunde würden inzwischen zu den Konfirmationen ihrer Kinder einladen. Auch ich kenne definitiv mehr Leute, die schon verheiratet sind, als die sich noch zu verehelichen gedenken, und so spricht tatsächlich Einiges dafür, dass die in vier Wochen anstehende Hochzeit der lieben C. die letzte große Hochzeit im engeren Freundeskreis ist, auf der ich jemals tanze.

Ich freue mich auf diese Hochzeit. Die C. feiert auf einem Landgut, es wird Sommer sein, so richtig mit Pfarrer und langem Kleid, und außerdem mag ich ihren Mann und ihren Sohn, was die Feier der Dauerhaftigkeit dieser Verbindung natürlich erheblich aufwertet. Ich könnte mir also durchaus vorstellen, mir ein neues, besonders schönes Kleid zu kaufen, um auf dieser Hochzeit zu erscheinen.

Bei näherer Betrachtung besitze ich allerdings bereits ein Kleid, in dem ich Hochzeiten zu feiern pflege. Es ist altrosa, am Hals mit einer aufwendigen Stickerei versehen, eine Stola und einen Haarschmuck dazu besitze ich auch, und genug Zeit, um es reinigen zu lassen, habe ich auch. Die Sache hat allerdings einen Haken: Das Kleid ist zehn Jahre alt, weil damals besonders viele Freunde heirateten. Und ich war damals gut fünf Kilo leichter.

Nun sind fünf Kilo Gewichtsdifferenz für ein Kleid und vier Wochen an sich machbar. Ein Kilo pro Woche ist schaffbar, zwei Kilo kann man mit so einem Wäscheteil zum Zusammendrücken wettmachen, und entsprechend spricht eigentlich nichts für eine Neuanschaffung und alles für ein wenig, nein: eine Menge Zurückhaltung bei den Mahlzeiten der nächsten Wochen.

Drücken Sie mir die Daumen, meine Damen und Herren. Und führen Sie mich nicht Versuchung.

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn

Verblendung

Früher, als ich noch eine bisweilen lustige Rechtsreferendarin war, fuhr ich regelmäßig mit der C. und der J. ein paar Tage weg. Wir aßen auf dem gesamten Kontinent fürchterlich viel, sahen uns an, was Leute irgendwohin gebaut hatten und tranken die geistigen Getränke des jeweiligen Landes. Das war eigentlich immer sehr schön.

Aber wie es geht: Es kamen Männer, die sich dauerhaft festsetzten und sogar zum guten Ende geheiratet wurden. Die C. und ich bekamen je ein Kind. Wir arbeiteten uns alle drei jeweils einen riesengroßen Wolf, und wenn ein Jahr zuende ging, waren wir schon wieder nicht gemeinsam verreist gewesen.

Manche sagen, das wäre ganz normal. Wenn man erst einmal ein Kind hat, schreiben manche Leute ihre Freunde nämlich quasi ab und melden sich da wieder, wenn die Kinder 18 sind. Oder nie. Vielleicht liegt es aber auch an den schrecklichen Gören, die ihren alten, im Falle der J. zumindest derzeit noch kinderlosen Freunden nicht zuzumuten sind. Ich aber, überzeugt von dem hohen Unterhaltungswert, dem guten Aussehen und der Freundlichkeit meines fünfjährigen Knaben, habe mit der lieben J. eine Woche Kroatien gebucht, habe einen Koffer mit Kindersachen und Damenkleidern vollgestopft und bin mit dem F. an der Hand nach Schönefeld gefahren, um dort ein Flugzeug zu besteigen.

Was soll ich sagen. Es war großartig. Die Gegend rund um Split sieht super aus. Der Kleine hat auch gar nicht gestört und ist brav Tag für Tag mit uns endlose Kilometer durch die Gegend gelaufen, um sich alte Steine anzusehen oder Sonnenuntergänge zu bewundern. Zwischendurch hat er lustige Sachen gesagt und manierlich gegessen.

Oder die J. ist zu sehr gute, langjährige Freundin, um mir das Gegenteil zu verraten.

 

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn

Makarska Riviera

Ach, es ist schwierig. Spanien interessiert mich nicht besonders, in Italien war ich gerade, und nach Griechenland werden wir im Herbst wieder fahren. Frankreich liebe ich sehr, aber Frankreich liebt auch der geschätzte Gefährte, und wenn ich schon ohne den J. verreisen muss, dann würde es ihn doppelt schmerzen, führe ich an die Côte d’Azur.

Nach Ägypten wollte der F., aber dort, musste ich ihm berichten, laufen derzeit viele Räuber herum, und aus Angst vor diesen bleiben die Touristen weg, und dann sitzt man ganz allein am Pool und isst das von den demnächst betriebsbedingt entlassenen Köchen zitternd zubereitetes Essen. Dasselbe gilt vermutlich in Tunesien oder Marokko, zudem (aber das sage ich dem F. nicht) nerven mich die immer etwas zu aufdringlichen Verkäufer und Kellner des Maghreb, insbesondere wenn der geschätzte J. nicht dabei ist. Ich glaube, die J., welche auch noch ein paar Tage Resturlaub mit mir gemeinsam verbrät, ist auch keine Freundin dieser Region.

Asien oder Amerika sind für eine Woche zu weit weg. Nach Israel möchte ich länger als nur ein paar Tage. In Nord- und Osteuropa ist es mir im Mai zu kalt, und deswegen sitze ich jetzt hier: An der Makarska Riviera. Kroatien. Ich glaube, wir haben gut gewählt.

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn

Von den Nachgeborenen

Die Stadt ist voller Toter. Sie glänzen als Stolpersteine auf den Bürgersteigen, allein in unserer Straße acht oder neun. Sie hängen als Gedenktafeln an Häusern. Manchmal bemerkt der F., dass die Toten heißen wie seine Freunde, und fragt nach, was sie getan haben, als sie in unseren Wohnungen gelebt haben, auf unseren Straßen herumgegangen sind, und wieso sie sterben mussten, fragt er auch. Wir erzählen ihm Teile der Wahrheit.

Die Stadt ist für einen Fünfjährigen ein Spielplatz, ein Labor, ein Moloch aus fremden Ideen, elektrisierenden Erfindungen, Leidenschaften aller Arten und den unglaublichsten Skandalen. An meiner Hand durchwandert der F. die Stadt, fragt nach Denkmälern und Straßennamen, Königen und Schlachten, und als wir am Sonntag aus dem Naturkundemuseum durch die Chausseestraße kommen, fragt er mich auch. Wer das denn sei, der Mann von der Tafel.

Puh, sage ich und fange an zu erzählen. Dass der Mann Gedichte und Theaterstücke geschrieben hat. Dass er erst viel Ärger hatte, weil er eine andere Regierung wollte, als die, die damals an der Macht war. Dass er im Krieg im Ausland gelebt hat, und dann wieder nach Berlin gekommen ist, als Leute die Regierung bildeten, die er für seine Freunde hielt. Dass ich glaube, dass er am Schluss enttäuscht war und feststellen musste, dass seine vermeintlichen Freunde keine waren.

Es ist schade um die großen Träume, denke ich, aber das sage ich dem F. noch nicht.

Dass seine Frau eine berühmte Schauspielerin war. Dass er geraucht hat. Dass er Frauen mochte, findet der F. gut, der auch Mädchen sehr gern hat und ein bestimmtes Mädchen heiraten will, das sehr gut malen und kämpfen kann, wie er findet. Theater findet er auch gut, und Bücher schreiben hält der F. auch für sehr, sehr toll. Aufgrund eines schwer zu beseitigenden Missverständnisses glaubt der F., dass alle Leute Bücher schreiben, und der einzige Unterschied zwischen erwachsenen Leuten darin besteht, ob diese Bücher ausgedacht sind oder nicht.

Im Innenhof krame ich in meinem Gedächtnis nach einem der Gedichte, um es dem F. aufzusagen. Ich kenne ziemlich viele Gedichte auswendig, weil mein Großvater seine Enkel gezwungen hat, sonntags Gedichte aufzusagen. Brecht war da aber nicht dabei. Schiller und Goethe lernte man damals, Uhland, Eichendorff, so etwas, dabei war das ungefähr 1985 und der arme B. B. schon lange tot.

Es ist ruhig in dem Hof, die Kastanienblätter wippen im Wind. Es sieht ganz unberlinerisch aus, kleinstädtisch, es könnte auch in Augsburg sein oder in einem böhmischen Dorf, und als ich das denke, fällt mir doch das Lied von der Moldau ein, aber das singe ich nicht in diesem leeren Hof unter den geöffneten Fenstern, hinter denen Leute sitzen, die mich hören.

Dass er nebenan auf dem Friedhof liegt, erzähle ich dem F., und der will dann gleich auf den Friedhof. Da stehen wir dann zwischen all den großen Toten, den Brüdern Herzfelde, der zweifelnden, harrenden Christa Wolf und Anna Seghers, Heinrich Mann und seiner schon fast überwucherten Frau, die sein Bruder nicht mochte, der Ruth Berghaus, deren Barbier vielleicht auch der F. noch sehen wird, und dem große G. F. Hegel.

Es ist ruhig hier, grau und maigrün. Auf den alten Steinen flirren die Schatten der Blätter, und als wir vor dem Grab Brechts und der Helene Weigel stehen, knie ich mich neben den F. und singe ihm ganz leise ein paar Zeilen der Marie A. ins linke Ohr.

Ich hätte ihm gern einen schönen Stein aufs Grab gelegt, sagt der F., als wir gehen.

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn

Sommerkind

Es gab, erzähle ich dem F., vier Zelte in diesem Sommer. In jedem Zelt schliefen zehn Kinder. Es gab ein Mädchenzelt und drei Bubenzelte, und etwas abseits der Zelte eine Hütte mit zwei Duschen, zwei Toiletten und einer Kochgelegenheit mit zwei Platten und einer großen Flasche Gas. Vor der Hütte standen lange Bänke, da gab es das Essen.

Ich trug den ganzen Sommer dieselben Shorts und immer abwechselnd einen meiner beiden Badeanzüge in rot und blau. Ich war zehn, ich hatte einen kurzen Pagenkopf und war so braun gebrannt, dass meine Fingernägel wie weiß lackiert aussahen, weil Nagelbetten nicht bräunen.

Es gab, erzähle ich dem F., jeden Morgen Haferflocken mit H-Milch. Wir standen sehr früh auf und ruderten auf den See hinaus, wir schwammen, wir hatten abwechselnd Küchendienst und aßen zwei Wochen lang jeden Mittag im Wesentlichen wechselnde Eintöpfe mit Würstchen aus dem Glas und abends gab es den Inhalt diverser Bundeswehrverpflegungspakete. Ich weiß noch, wie das Schmalzfleisch riecht. Und wie der Früchtereis. Und Schweinefleisch mit Bohnen. Neben den Vorräten stand ein Wäschekorb mit mehligen, leicht angeschlagenen Augustäpfeln vom Bauern nebenan.

Jedes Zelt hatte ein Abzeichen, das hatten wir selbst in den ersten Tagen des Zeltlagers gebaut. Unser Abzeichen war der Delphin. Uns gegenüber waren die Raben, rechts die Wölfe. Das vierte Abzeichen weiß ich nicht mehr. Nachts wurden Wachen eingeteilt, die die Zelte bewachten, damit die anderen das Abzeichen nicht stahlen, vielleicht auch, damit die Füchse nicht an die Vorräte gingen, und wenn man eine gute Freundin hatte wie ich die N., teilte man sich die Nachwachen, saß also zweimal die ganze Nacht auf dem Rasen vorm Zelt und flüsterte seine Geheimnisse einander ins Ohr. Ich habe jedes einzelne Geheimnis vergessen.

Natürlich, erzähle ich dem F., gelang es trotzdem, jedes einzelne Abzeichen zu entwenden. Es war Ehrensache, das Rätsel, mittels dessen man das Versteck des Abzeichens finden konnte, nicht so schwierig zu gestalten, dass die andere Mannschaft ihr Abzeichen nie wiederfinden würde, auch wenn das natürlich ohne Weiteres möglich gewesen wäre, und so waren wir vermutlich sogar noch etwas bestürzter als die Raben, als die ihr von uns verstecktes Abzeichen nicht wiederfanden, dabei war das Rätsel (wir waren uns einig) geradezu lächerlich leicht.

Als unser Abzeichen verschwand, mussten wir nicht einmal suchen, der hölzerne Delphin stand nämlich auf dem Dach der Hütte. Nur die Leiter war weg. Dass ich herausgefunden habe, dass die Leiter unter einer kleinen Brücke versteckt war, macht mich noch heute stolz. Tauchen konnte ich aber nicht so gut, deswegen gehörte ich nicht zu dem Tauchtrupp, der die Leiter holte. Ich weiß aber noch, dass ich die Leiter festhielt, auf der die N. strichdünn und braun und mit fast weißen Haaren auf das Hüttendach stieg und den Delphin holte.

Ich glaube, es war dieser Sommer, in dem ich gleich zweimal die wöchentliche Regatta der Mädchen gewann und ein rotes Sparschwein bekam, das die Sparkasse gestiftet hatte und auf das ich sehr stolz war. Ich weiß noch, wie das Gras roch, in dem wir lagen. Ich weiß, dass wir den Geburtstagskindern Blumenkronen flochten, ich weiß, wie sich die reifen Ähren an nackten Beine anfühlen, wenn man am Feldrain läuft, und ich freue mich darauf, dass auch auf F. in gar nicht wenig Jahren die größten Sommer warten.

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn

Die Liebe en miniature

Manchmal, nicht gar allzu oft, fliegen sie ja doch auf, die kleinen Fluchten. Nehmen wir beispielsweise den mir über seine Schwester, die A., bekannten Herrn O., der in einer Berliner Kanzlei irgendwas mit Immobilien macht und mit seiner Frau, einer Juristin in der Brandenburger Kommunalverwaltung, am Stadtrand von Berlin rechtschaffen und tief verankert im evangelischen Glauben zwei Töchter erzieht.

Im Leben von Herrn O. ist das Konzept der Work-Life-Balance noch nicht angekommen. Jeden Morgen um halb acht geht er aus dem Haus, bringt die Töchter zur Kita und zur Schule, fährt weiter ins Büro, arbeitet unterbrochen durch eine kurze Mittagspause bis 20.30 und fährt dann nach Hause. Außer, es ist richtig was los. Dann arbeitet Herr O., bis er fertig ist. Einmal wöchentlich geht er zum Sport und drückt und schiebt sehr ungern Gewichte, weil ihm sein Arzt ein moderates Krafttraining empfohlen hat. Jede Woche liest Herr O. ein Buch, gemeinsam mit seinen beiden Geschwistern geht er regelmäßig in die Philharmonie. Herrn O.s Leben als ausgeglichen zu beschreiben, wäre alles in allem eher eine Untertreibung.

Von irgendwelchen Abwegen, auf die Herr O. sich begeben hätte, hörte man bislang nichts. Sogar seine Schwester, die ihm wirklich wohl will, beteuerte über Jahre, er habe gar kein Liebesleben, denn seine Ehe sei schon eher mehr so eine Arbeitsgemeinschaft zur gemeinsamen Bewältigung von Kindern und Haushalt und völlig frei von Leidenschaft. Vermutlich, so behauptete die A. schon lange, habe ihr jüngerer Bruder mehr S*x als ihr ältester Bruder Herr O., und der sei bei Licht betrachtet ein schon eher schwieriger Fall.

Ganz ohne Liebesleben lebt es sich aber selbst bei sehr reduzierten Ansprüchen offenbar nur mäßig. Mancher hätte sich einfach frisch verliebt und scheiden lassen, doch für so eine ganz neue Liebe ist Herr O. zu zurückgezogen, außerdem scheut er vermutlich die Mühen der Reorganisation seines Privatlebens, und so hat er sich anscheinend für eine Art Trockenübung der Liebe entschieden: Er hat sich durchaus verliebt, offenbar in eine Referendarin des Hauses, dem er angehört, dieser jungen Dame aber nie ein Wort über diese Neigung gesagt.

Um von der Verliebtheit trotzdem auch ein bisschen was zu haben, unterhielt Herr O. ein Buch. In dieses Buch schrieb er alles, was er über die junge Dame erfuhr, jede Begegnung, überhaupt alles, was ihn und sie gemeinsam betraf, und ab und zu las er in diesem Buch seine nicht ausgelebte Liebe nach. Mancher mag das kümmerlich finden, aber Herrn O. war das entweder genug oder er konnte nicht aus seiner Haut, und vielleicht hätte die Referendarin ihn ja auch gar nicht erhört. Ich glaube nämlich, Herr O. ist ein bisschen fade.

Vor einigen Wochen, ein Sonntag war’s, kam es dann aber doch zur Katastrophe. Herr O. hätte vielleicht besser eine elektronische Datei mit einem Passwortschutz unterhalten, aber wie auch immer: Seine Frau fand das Buch. Und las es in einem Sitz durch.

Vermutlich wäre es am vernünftigsten gewesen, es einfach zu ignorieren. Oder darüber zu lachen, denn schließlich ist rein gar nichts passiert, nicht einmal in der Wahrnehmung einer evangelischen Kommunalbeamtin, aber die Frau des O. reagierte bemerkenswert umsouverän und wollte sich erst unter Tränen trennen und dann eine kniefällige Entschuldigung und eine Therapie.

Nun fragt sich vermutlich auch der geneigte Leser, was genau eine Therapie ausrichten soll, wenn einer sich lautlos verliebt, und vielleicht unterschätze ich die Therapeutin auch, und es gelingt ihr, dass der Herr O. sich künftig nicht mehr zu fremden Fräuleins, sondern bekannten Ehefrauen hingezogen fühlt, aber tatsächlich, und da stimme ich mit seiner Schwester A. überein, spricht Einiges dafür, dass der A. selbst auf seinen MIniaturabwegen unser aller Mitleid in überreichlichstem Maße verdient, wie er in der Praxis einer Westberliner Therapeutin unglücklich und ohne Aussicht auf wahrhafte Besserung herumsitzt.

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn

Herzlichen Glückwunsch

Als wir ankommen, schaut das Geburtstagskind uns an, als hätte es uns noch nie gesehen. Ich vermute einen Zuckerschock und jubele noch etwas lauter, damit der Kleine mich inmitten seiner Glucosewolke überhaupt bemerkt, der J. allerdings schnappt, unhörbar für Dritte, mehrmals nach Luft. Neben uns steht der F., streckt dem Geburtstagskind sein Geschenk entgegen und hält ihm stolz die selbstgeschriebene Karte unter die Nase. Sekunden später landen Geschenk und Karte auf dem Boden, das Geburtstagskind rennt weg und nimmt den F. mit. Den Rest des Tages sehe ich vom F. so gut wie nichts.

Möglicherweise waren frühere Kindergeburtstage schon genauso anstrengend, aber nach einer gewissen Zeit der Abstinenz habe ich das verdrängt. Normalerweise finden fünfte Geburtstage nämlich ohne Eltern statt. Heute soll aber ein Frühlingsfest unter Beteiligung der Eltern stattfinden, und deswegen sitzen wir auf der wirklich schönen Terrasse der Gastgeber, trinken Sekt und sprechen mit den anderen Eltern.

An und für sich mag ich die anderen Eltern tatsächlich recht gern. Die meisten haben interessante Berufe, sagen interessante Sachen und sehen gut aus. Gemessen an den Leuten, über die man in Zeitungen lesen kann, sind sie vermutlich auch ziemlich gute Eltern, die vom Babyschwimmen über PEKiP bis zum Kinderyoga nichts auslassen und jeden Abend vorlesen. Auch die Kinder sind zum größten Teil nette Kinder. Wenn man den Eltern aber glauben möchte: Zur Hälfte hochintelligent. Zur anderen Hälfte hochsensibel.

Die eine Mutter ist jedenfalls schon heute, 18 Monate vor der Einschulung davon überzeugt, dass die Schule um die Ecke nie im Leben geeignet wäre, ihrer Tochter gerecht zu werden. Die sei nämlich so unglaublich weit und so sagenhaft ehrgeizig, das könne gar nichts werden. Normale Schulen seien nämlich nur auf normale Kinder vorbereitet, und wenn ein Kind schon mit vier so viel könne wie andere drei Jahre später noch nicht, wären Langeweile und eine einsame Außenseiterposition die natürliche Folge. Die Mutter hat sich deswegen schon quasi alle Schulen Ostberlins angesehen und kennt alle Konzepte, von denen ich noch nie gehört habe.

Von den reformpädagogischen Schulen ist sie nicht so angetan. Ihre Tochter sei für so einen Kuschelkurs viel zu ehrgeizig, sagt sie, und streichelt der Tochter, die alle zwanzig Minuten angelaufen kommt, weil die anderen Kinder sie nicht mitspielen lassen würden, ermutigend über den Rücken. Ich kenne das sehr hübsche Mädchen in erster Linie als ein Kind, das fast jeden Morgen in Tränen ausbricht, wenn es im Kindergarten abgegeben werden soll, und sich überaus schnell langweilt. Besondere Fähigkeiten habe ich noch nicht bemerkt, aber gut, ich bin auch nicht immer dabei. Ich muss auch abwesend gewesen sein, als die Mutter des Geburtstagskindes die Führungspersönlichkeit ihres Sohns entdeckt haben will, der im Kindergarten oft, egal, wann ich komme, allein am Zaun steht und sehnlichst darauf wartet, abgeholt zu werden.

Eine andere Mutter dagegen hat panische Angst vor Leistungsdruck. Überhaupt sind sich alle einig, dass die Schule mit ihren verständnislosen Konformitätsanforderungen ein fürchterlicher Schock werden wird, zumal Lehrer ja oft nichts von Pädagogik verstehen und deswegen nicht begreifen, dass sie in erster Linie als Coach der Kinder zu fungieren haben. Zudem sei es die Aufgabe der Lehrer, vernehme ich, die Kinder zu motivieren. Wenn die Kinder nicht richtig mitgerissen würden, sei es kein Wunder, wenn die nicht mitmachen. Kurz öffne ich den Mund, um zu bedenken zu geben, dass es meines Wissens noch nicht erlaubt ist, die Abiturprüfung mit der Aussage zu bestreiten, zum Erwerb des abgefragten Wissens habe der jeweilige Fachlehrer den Prüfling leider nicht motivieren können, aber dann halte ich den Mund und fülle mein Glas nach.

Irgendwo im Hintergrund wickeln die Kinder in zwei Mannschaften andere Kinder um die Wette in Toilettenpapier. Angeblich haben danach beide Mannschaften gewonnen, was mich daran erinnert, dass nach dem letzten Sportfest in der Kita sich tatsächlich Eltern beschwert haben, weil nicht alle Kinder Medaillen bekommen haben. Vermutlich waren das dieselben Eltern, die gefordert haben, dass die Gruppensprecher nicht gewählt, sondern einfach abwechselnd bestimmt werden.

Die Kinder rennen inzwischen seit mehreren Stunden durch den Garten. Es gibt Kartoffelsalat und Würstchen, die mein Sohn peinlicherweise als „verbrannt“ geißelt, die Eltern erzählen sich gegenseitig, wohin sie verreisen, und die Kinder nehmen ihre Mitgebseltüten in Empfang. Mein F. hat sehr rote Backen und schwitzt wie nichts Gutes, springt von einem Bein aufs andere Bein, und hüpft den ganzen Weg bis nach Hause. Sehr ruhig und sehr klein sieht er aus, als eine halbe Stunde später im Bett liegt und schläft. „Mein Süßer!“, flüstere ich ihm zu, als ich ihn wieder zudecke und ihn auf sein rechtes Ohr küsse. Mein kleiner, hübscher, freundlicher und ganz normaler F.

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn

Und solltest du nicht in die Ferne reichen

Hell ist der Saal, die Bezüge rot und blau wie in einem sehr modernen skandinavischen Restaurant, ein Eindruck, den das helle Holz noch verstärkt. Der Pierre Boulez Saal wirkt heiter, nachgerade bewegt, auch weil über den Köpfen des Parketts, rund wie ein römischer Zirkus, der Rang in zwei kühnen, geschwungenen Reihen wie eine Berg-und-Tal-Bahn an den Wänden hängt.

Unter uns, gut sichtbar durch das offene Geländer, singt Juliane Banse Schubert. Im neuen Saal soll nach und nach das gesamte Leitwerk Schuberts aufgeführt werden, und so singt sich Frau Banse durch bekannte und unbekannte Lieder, die meist mit Frauen und Mädchen zu tun haben, wie es bei Schubert so zu gehen pflegt: Mehr toten Mädchen als lachenden Frauen, und nach der Pause geht es mit einigen der Goethevertonungen weiter.

Ich habe viele der Lieder sehr, sehr lange nicht gehört oder gelesen. Manche hört man freilich oft, erst vor einigen Monaten etwa Roman Trekels kraftvollen Erlkönig in der Staatsoper, aber gerade die Mädchenlieder das letztemal wohl wirklich 1997. Ich war Studentin an der Universität Bielefeld, diesem akademischen Provinzlabor der versinkenden Bonner Republik, wo weiland Karl Heinz Bohrer ein Seminar über die Lyrik Goethes gab, und als eine damals recht gelangweilte Studentin der Rechte setzte ich mich in das Seminar und beneidete diejenigen, die sich mit Goethe beschäftigen durften und nicht mit Schuldrecht beschäftigen mussten. Ernsthafte Wechselgedanken hegte ich trotzdem nicht, weil mir schon klar war, dass man für eine ernsthafte Karriere in einer Geisteswissenschaft etwas mehr hätte aufbieten müssen, als ich so zu bieten habe, und so ging es sich am Ende ja auch alles recht gut aus. Von Goethe verstehe ich bis heute nicht ein Zehntel so viel wie Bohrer, aber für eine meistenteils recht amüsante Anwaltspraxis reicht’s.

***

Vielleicht war’s im selben Jahr, vielleicht ein Jahr früher, als mich in Bielefeld der O. besuchte. Der O. ist der große Bruder meines lieben Freundes T., ein etwas entfernterer Schulkollege also, nämlich die entscheidenden fünf Jahre älter, über deren Kluft hinweg man sich als Schüler nicht mehr wahrzunehmen pflegt, weswegen wir keinerlei gemeinsame Erinnerungen haben, sondern nur gleichlaufende, aber durchaus zeitversetzte.

An den damaligen Besuch habe ich auch so gut wie keine Erinnerungen. Der O., dessen Gedächtnis um ein Vielfaches besser ist als meins, kann sich gut an lange Gespräche und deren Inhalt erinnern, aber wie wir da so nebeneinander in der Philharmonie sitzen, während Alina und Nikolay Shalamov Mozarts Sonate für Klavier zu vier Händen C-Dur, KV 521, spielen, ein bisschen zu gläsern und körperlos, um noch interessant zu sein, frage ich mich, wo eigentlich alle meine Erinnerungen an diese Jahre zwischen meiner Kindheit und dem Umzug nach Berlin geblieben sind, und ob es schade ist, dass sie mir irgendwann weggerutscht sein müssen, verschüttet unter irgendwelchen anderen Trümmern.

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn

Tunichtssonntag auf dem Sofa

Es gehört zu den subtileren Formen elterlicher Angeberei, die (meist mütterliche) Erschöpfung in drastischen Farben auszumalen. Da wurde dann angeblich seit Jahren nicht mehr auch nur ein einziges Wochenende ausgeschlafen, an ungestörtes Bücherlesen oder Duschen wäre nicht mehr zu denken, die Wohnung von den Kindern bis in die letzte Ecke okkupiert, ausgegangen würde auch nicht mehr, auf dass das geneigte Publikum erschaudernd vor diesem schier unglaubliche Grad elterlicher Selbstaufgabe bewundernd die Köpfe neige. Erstaunlicherweise funktioniert zumindest im virtuellen Raum diese an sich etwas billige Strategie offenbar ganz gut, zumindest klopfen sich die beteiligten Mütter in den Kommentaren einschlägiger Blogs gegenseitig stundenlang auf die Schultern, Heldinnen allesamt.

Ich dagegen habe nach Ansicht dieser Märtyrerinnen des häuslichen Lebens vermutlich irgendetwas falsch gemacht. Oder mein Kind ist komisch. Jedenfalls habe ich heute bis halb zehn ausgeschlafen, während der fünfjährige F. ab einem unbekannten Zeitpunkt im Schlafanzug Müsli gegessen und ein Legoraumschiff gebaut hat. Dann habe ich das Schostakowitsch-Buch von Barnes zuende gelesen und sehr gemocht, immer noch im Bett Kaffee getrunken und bin sehr, sehr langsam aufgestanden. Der F. hat währenddessen seine Hörspiele gehört, kam ab und zu ins Schlafzimmer und unterhielt sich mit mir über Eisbären, ausziehbare Feuerwehrleitern und das Höchstlebensalter von Nutztieren und verschwand dann jeweils wieder in seinem Zimmer.

Auf dem Sofa im Wohnzimmer lag der geschätzte Gefährte J., schaute Serien und las. Wir hatten gestern sehr lange Besuch, deswegen sah die Wohnung noch so ein bisschen schlimm aus, dafür gab es heute noch Reste des Essens von gestern, Eis, Kartoffelgratin und eine Möhrensuppe von Zuckerzimtundliebe. Vom Huhn, Radicchio und der Mousse au chocolat war leider nichts mehr da.

Später am Tag gingen wir spazieren und brachten Freunden am Kollwitzplatz ein bisschen afrikanischen Kaffee vorbei, von dem wir einen Riesensack geschenkt bekommen haben. Es war regnerisch und kalt, der F. hatte nach kürzester Zeit keine Lust mehr, deswegen fuhren wir mit der Tram zurück. Ich badete ausführlich und schlief. Im Halbschlaf hörte ich den F. Klavier üben. Dann baute er sich eine Höhle.

Abends nahm auch der F. ein Bad, sah in der Mediathek die dieswöchige Sendung mit der Maus und sprach beim Abendessen, japanischen Nudelsuppen, die uns der Lieferdienst foodora nach Hause brachte, über die Herstellung von Kunststoffen und den zweite Weltkrieg. Im Bett las ich ihm zwei Kapitel aus einem Buch der von ihm überaus geschätzten Kinderbuchreihe „Das magische Baumhaus“ vor, in dem der junge Mozart auftaucht. Wenige Minuten später fiel er in Tiefschlaf.

Hier sitzen wir nun. Der J. sieht einen Film. Ich lese im Netz. Von gestern haben wir noch einen Rest Weißwein, ein Riesling Kabinett, 2015, von K. H. Schneider. Dann gehe ich wieder schlafen. Ich lese von Rudolph Herzog „Truggestalten“, so ein Buch über Berliner Gespenster, und lösche das Licht noch vor Mitternacht. Irgendwo in der Dunkelheit da draußen japsen die von den wochenendlichen Strapazen total erschöpften Netzübermütter nach Luft und fallen in einen kurzen, ständig von weinenden Kindern gestörten Schlaf, der dann irgendwann in den sehr frühen Morgenstunden endet, wenn sie mit den Hühnern aufstehen, welche, sieht man ganz genau hin, hin und wieder herzhaft lachen.

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn