Komische Schuhe

Das Geheimnis der Komik, sagte mir mal einer, sei eigentlich simpel: Scheitern, ohne dass etwas Schlimmes passiert. Beides gehöre stets zusammen. Erfolg einerseits sei nämlich nicht lustig. Wenn also einer einen Kuchen backt, den alle mögen, sei das schlechthin nicht komisch. Wenn der Kuchen aber so grotesk missrate, dass jeder, der davon esse, in hohem Bogen gegen die Wand, na, Sie wissen schon, dann sei das in gewissen Kreisen sozusagen abendfüllend. Andererseits sei es natürlich auch nicht lustig, wenn jeder, der vom Kuchen nimmt, tot zusammenbreche.

Gemessen an diesem Maßstab lachen Sie bitte jetzt, denn der J., mein geschätzter Gefährte, der vielgeliebte J., hat sich gestern vormittag in Rosenheim ein paar schwarze Schuhe von Jack Wolfskin gekauft.

Die Schuhe sind natürlich hässlich wie die Nacht. Nirgendwo auf der Welt, stelle ich mir, haben Leute absichtlich so etwas an den Füßen. Es handelt sich um Schnürschuhe aus einem leichten Material aus Kunststoff, nicht unähnlich grau-blauen Turnschuhen, und als der J. gestern Nachmittag das erste Mal mit den Schuhen in den Kuhstall des Bauernhofs gegangen ist, in dem wir gerade Urlaub machen, sah er schon ganz schön belämmert aus.

Belämmerung aber ist noch nicht Scheitern. Scheitern, so sagt man, kann man ja stets nur an den eigenen Erwartungen. Zum Beispiel an den Erwartungen des J. an sich als einen gutgekleideten Mann. Also einem Mann, der auch bei 40 ° C ein weißes Hemd trägt. Und kein T-Shirt auf dem irgendetwas Idiotisches steht. Wir haben solche Leute gesehen. Auf ihren Shirts stand allen Ernstes irgendein erfundener oder auch nicht erfundener Ortsname oder eine Universität, die sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht besucht haben, meistens, weil eine Bildungseinrichtung dieses Namens nicht existiert. Oder Aussagen, die nicht einmal dann Sinn ergeben, wenn sie nicht aufgedruckt, sondern ausgesprochen werden. “Talk To My Paw”, ich bitte Sie. Oder “High Five Mountain”. Oder auch der Hersteller. Der J. und ich sind ja in den Achtzigern sozialisiert und haben ein BOSS-T-Shirt-Trauma. Hemden sind also weiß. Oder blau. Und es steht auch nichts drauf. Hosen sind blau oder beige. Pullover haben einen V-Ausschnitt, und Schuhe sind aus Leder. Plastik sollte es in Zusammenhang mit Bekleidung gar nicht geben. Bei Regen geht ein vernünftiger Mensch einfach nicht raus, und für ganz kurze Strecken gibt es Schirme und die Barbourjacke des J.

Diese nicht allzu ehrgeizig formulierten Erwartungen des J. erfüllte dieser Jahr für Jahr solange ich ihn kannte. Zeitweise besaß er gar keine Kleidungsstücke, die nicht beige, blau oder weiß waren. Wenn er doch einmal etwas anderes kaufte – ein rosa-weiß-kariertes Hemd etwa – dachte der J. lange darüber nach. Dann aber fuhren wir eines Tages ins Krankenhaus Friedrichshain und kamen mit dem F. wieder.

Zu Anfang war er noch ganz klein und störte die Bekleidungsvorstellungen des J. eigentlich gar nicht. Also, wenn man mal von der bespuckten Windel auf der Schulter absieht, aber die kann man ja abnehmen, wenn man vor die Tür geht. Als der F. ein Jahr alt wurde, saßen wir uns also gegenüber, der J. und ich, und versicherten uns, dass die Leute, die alle behaupten, mit Kind werde alles ganz anders, Quatsch erzählt hätten. Urlaube, Kleider, Freizeitverhalten: Wir saßen uns im Cavallino Rosso in Mitte gegenüber, waren angezogen wie immer, im Buggy neben uns schlief der F., und wir hatten gesiegt. Dachten wir. Damals.

Im nächsten Winter froren wir eigentlich schon sehr, als wir bei 4° C auf dem Spielplatz standen. Und meine hochhackigen Schuhe trug ich eigentlich nur noch selten. Dafür hatte der J. verhältnismäßig oft eine hässliche, blaue Jacke an, die er sich eigentlich nur für eine einzige Wanderung gekauft hatte. Aber noch waren wir ganz obenauf. Der Winter war auch ziemlich warm, und besonders schmutzig kann man sich in Berlin ja auch gar nicht machen.

Die Wochen aber schwanden. Die Monate zogen vorbei. Der F. wurde größer und frecher. Der F. plantschte im Meer, der F. begann, ziemlich viel zu sprechen. Inzwischen spricht er eigentlich ununterbrochen, außer, er schläft. Das ist unpraktisch, denn eigentlich ist das schon eher mein Part. Seit er sprechen kann, hat er natürlich auch Interessen. Baumaschinen gehören dazu. Die Zubereitung von Speisen. Und nicht zuletzt: Die Landwirtschaft. Also so eine idealisierte Landwirtschaft, wie sie in Kinderbüchern vorkommt.

Wer kann seinem Erstgeborenen widerstehen. Wir buchten eine Woche Bauernhof. Hier sitzen wir nun, irgendwo in Oberbayern, unweit des Tegernsees. Der Hof liegt einsam wie nur was, es gibt Kühe, Pferde und Katzen, es riecht nach tierischen Exkrementen und Milch, und der Hof ist zwar einerseits so gespenstisch sauber wie ganz Bayern, aber andererseits reicht auch der sehr wenige Schmutz und der gestern einsetzende Regen, um des J. Red Wing Schuhe ganz und gar zu durchnässen.

Einen Tag und eine Nacht dachte der J. nach. Ideale wirft man nämlich nicht so einfach über Bord. Dann setzten wir uns in unseren Mietwagen, fuhren nach Rosenheim und betraten eins dieser Geschäfte, von denen wir gedacht hatten, sie besuchten immer nur die anderen.

Jetzt lachen Sie bitte. Denn das ist Scheitern. Oder lachen Sie auch nicht. Denn komisch, wir erinnern uns, ist etwas nur dann, wenn es nicht schlimm endet. Und Sie haben des J. Schuhe noch nicht gesehen.

Säule

Das christliche Altertum kannte ja die aus heutiger Sicht relativ originelle Institution des Säulenheiligen. Das waren also fromme Männer, die eines Tages auf hohe Säulen stiegen, um dort bei Wind und Wetter auf dem Kapitell herumzusitzen. Irgendetwas Gottgefälliges – außer vielleicht Beten – taten die Styliten eigentlich nicht, aber Gott, der Gewaltige, freute sich offenbar so heftig über die frommen Männer auf den Säulen, dass sich immer wieder einer fand, dem Allmächtigen diese kleine Freude zu bereiten.

Gegenwärtig ist der Stylit sozusagen ausgestorben. Oder das Beten auf Säulen ist so wenig öffentlichkeitswirksam, dass zwar irgendwo noch Männer auf Säulen beten, sich das aber nicht bis zu mir herumspricht. In der Zeitung steht jedenfalls nichts davon, und – seien Sie versichert – wenn es anders wäre, wüsste ich davon. Ich tue nämlich derzeit wenig mehr als Zeitung zu lesen und zu arbeiten. Ich trage meine verdammte Schiene am Knie nämlich noch bis Ende November, und so sitze ich also auf diesem Sofa und lese im Internet nach, was die frommen Männer heutiger Tage so alles anrichten. Ich muss sagen, ich wäre froh, säßen sie einfach so auf Säulen, ohne anderen Leuten mit Flamme und Schwert zu nahe zu rücken und den ganzen Nahen Osten durcheinander zu bringen.

Generell wächst mein Respekt vor diesen Säulenheiligen von Tag zu Tag. Das Wetter ist ja gar nicht das Schlimmste. Die meisten dieser Leute waren irgendwo im Süden ansässig. da war es nicht so kalt. Von Berliner Säulenheiligen hatte die Kirchengeschichte jedenfalls nie etwas zu vermelden. Aber die Bewegungslosigkeit …! Man muss wahrhaft gottesfürchtig sein, um sich nicht so entsetzlich zu mopsen, dass man nach drei bis vier Stunden einfach wieder absteigt. Wenn man das kann. Und keine Schiene am Bein hat.

Was am Säulenheiligen allerdings den lieben Gott dermaßen begeistert hat, dass seine Anhänger die Gottesfreude dieses schier übergroße Opfer wert war, hat sich mir nicht erschlossen. Konnten die denn nicht anderswo beten? Oder ging es dem lieben Gott gar nicht ums Gebet? War es vielleicht nur die Unbequemlichkeit? So ein Behagen am Opferwillen, also die Freude, so sehr verehrt zu werden, dass der Verehrende auch sehr unbequeme, unerfreuliche Erlebnisse auf sich nimmt? Oder so ein generelles Amüsement an skurrilen Aktionen in der Öffentlichkeit? Aber kann man bei einer solch eigennützigen Freude wirklich noch von einem lieben Gott sprechen? Oder ist der Gott der Säulenheiligen möglicherweise - horribile dictu - gar nicht so besonders lieb und freundlich, und erfreut sich heute in Ermangelung der ausgestorbenen Säulenheiligen vielmehr an den kleinen, harmlosen Kalamitäten des Lebens anderswo. Verpassten Bussen, fluchenden Passanten, Leuten, die auf Bananenschalen ausrutschen und – tja – bewegungslosen Frauen auf Sofas.

Ein Engel mit Hosen

Ich war stolz. Mein Engel schwebte sozusagen bildfüllend zwischen Sternen und einem sattgelben Mond. Er hatte ausladende Flügel, er lächelte mild, und er breitete die Arme aus wie der Herr Jesus auf den Bildern, die die Klassenlehrerin Frau S. bisweilen verteilte. Ich bekam leider nie so ein Bild.

Ich hatte dem Engel ein buntes Hemd gemalt, gestreift, mit bunten Knöpfen. Der Engel trug an den Füßen so eine Art Pantoffeln, und zwischen Hemd und Füßen prangte eine blaue Hose. “Frau S.!”, rief ich und schwenkte mein Bild. Das Schuljahr lief seit einem halben Jahr, und ganz hatte ich es noch nicht aufgegeben, Frau S. Wohlwollen zu gewinnen. In der Rückschau war ihr dieses Bemühen vermutlich ganz besonders unangenehm.

Frau S. sah sich das Bild lange an. Dann verzerrte sich ihr Gesicht. Ich duckte mich. Ich hatte etwas falsch gemacht, so viel war klar, aber was, blieb unklar. Dann verschwand Frau S., übertrag der K., ihrer Lieblingsschülerin, die Aufsicht über die Klasse, und blieb sehr lange weg. Als sie wiederkam, musste ich zur Direktorin.

Die Direktorin schimpfte mit mir. Ich hatte den Herrn Jesus verhöhnt, den lieben Gott und seine Englein. Die trugen nämlich keine Hosen, und nur ein rechtes Heidenkind, die der liebe Gott nicht liebt, konnte überhaupt auf so eine Idee kommen. Ich fing an zu weinen. Das sei nur recht, sagte die Direktorin. Der Herr Jesus weine jedesmal, wenn ein Kind ungezogen sei, denn mit diesen Kindern gehe es schlecht aus. Ich bekam irgendeine Strafarbeit auf, und dann stand ich auf dem Flur.

Meine Eltern lachten den ganzen Abend über den Engel und seine Oberbekleidung. Meine Eltern machten sich nicht für fünf Pfennig Gedanken über die Schule, weil ich eine wirklich gute Schülerin war, der Frau S. die guten Noten unwillig auf den Tisch pfefferte. Ich habe Jahre später erst verstanden, dass Frau S. mir meine Leistungen erst recht verübelte, weil sie mir in ihren Augen nicht zugestanden haben, und jedesmal, wenn die Rede auf die Grundschule kommt, die der F. ja auch einmal besuchen muss in ein paar Jahren, gebe ich mir einen Ruck, endlich meinen Frieden mit der Schule zu machen für den F., der  vermutlich spüren wird, dass seine Mutter diesem Institut mit einem gewissen Abstand gegenübersteht, aber bis heute – Jahrzehnte später – reicht ein kurzes Gespräch mit der M. beim Italiener, eine Plauderei in der Kita mit einer anderen Mutter, und ich bin sechs, ich stehe auf dem Flur meiner Schule zwischen Klassenraum und Rektorat und zähle ganz langsam bis hundert, bis ich mich dann doch aufmache, klopfe und eintrete und mich sehr leise, so leise, wie ich kann, auf meinen Platz setze und warte, dass auch dieser Tag endet.

Nicht nett

Hatten Sie schon einmal Krücken? Die meisten Leute waren doch wahnsinnig nett zu Ihnen, oder nicht? Ihre Freunde riefen an, um für Sie einzuholen, das Kind aus der Kita mitzubringen und Sie herumzufahren. Sie wurden besucht. Sie fühlten sich reich beschenkt. Freunde sind toll.

Aber auch die Nachbarn waren sehr nett zu Ihnen. Der Inhaber des Ladens auf der Ecke würde Ihnen den Einkauf auch nach Hause bringen. Die Konditorei aus dem Erdgeschoss bringt Ihnen Gebäck. Nachbarn klingeln und helfen, und wenn Sie sich zum Arzt schleppen, drei Häuser weiter, eilen nette Leute herbei und bieten an, Ihre Tasche zu tragen. Überhaupt sind alle sehr freundlich. Sie wussten gar nicht – oder es war Ihnen nicht bewusst – wie freundlich die Menschen eigentlich sind.

Doch nach einigen Tagen fällt  Ihnen auf, dass nicht alle Leute gleich nett zu Ihnen sind. Die meisten jüngeren Leute, studentisch anmutende Hipster und Prenzlmütter, Mützenträger, Sonnenbrillenträger mit Bart: Die sind alle wahnsinnig lieb und sehr hilfsbereit. Die meisten Kinder – so Schulkinder zwischen sieben und 15 – sind so, so nett. Eigentlich gibt es nur eine einzige Gruppe, die schmallippig, muffig und unfreundlich ist, und bei denen Sie sich immer ein wenig fürchten, rücksichtslos weggeschoben zu werden. Oder zumindest angeraunzt, so von wegen “hier wollen auch andere Leute durch”. Das sind die Rentner.

Ich wohne nun mitten im Prenzlauer Berg. Hier gibt es eigentlich wenig Rentner. Einige sind auch ganz offensichtlich und unüberhörbar zugezogen, meistens handelt es sich um betreuende Großeltern. Die sind eigentlich auch sehr freundlich. Man erkennt sie an den Cordsakkos und den Twinsets. Die unfreundlichen Rentner gehören, meine ich, fast ausnahmslos zur autochthonen Bevölkerung. Ältere Leute mit Kunstlederjacken, schlecht rotgefärbten Haaren, miesen Zähnen und ungepflegten Fingernägeln. Wenn ich solche Leute sehe, weiche ich – so weit es geht – aus. Jedesmal aber frage ich mich: Sind die nur zu mir so unfreundlich? Oder hassen die mich als Zugezogene? Als Gentrifiziererin? Als vermeintlich Nicht-Deutsche? Oder hassen die eigentlich die ganze Welt? Waren die schon immer so? Wenn nein: Wie wird man so, und warum?

(Und ist es eigentlich nicht ganz gut, dass es von dieser Sorte hier nicht mehr allzu viele gibt? Ich glaube, ich bin ganz entschieden pro Gentrifizierung. Zieht doch nach Marzahn, ruppige Rentner!)

… und bleiben Sie gesund.

Montag. Vivantes Friedrichshain

Da sitze ich also, morgens um halb neun, auf der Straße und versuche vergeblich aufzustehen. Es geht nicht. Ich komme nicht hoch. Nachbarn helfen mir auf den Bürgersteig, schleppen meine Taschen hinterher und schließen mein Rad an. Ein Ladenbesitzer kommt mit einem Glas Wasser, mein Sohn steht ratlos und heulend neben mir, und dann packen freundliche Hände zu und bringen mich zum Arzt. “Heute nicht wegen der Schilddrüse, wa?”, schallt es mir von der dicken, fröhlichen Schwester am Empfang entgegen, und dann liege ich auf der Untersuchungsliege, die Hausärztin berührt vorsichtig mein Knie, schickt die Schwester mit meinem Kleinen in die Kita und ruft einen Krankentransport. Eine halbe Stunde später werde ich ins Vivantes Friedrichshain gefahren. Es ist Montag. Kurz vor zehn.

Die Rettungsstelle brummt und summt vor Geschäftigkeit. Rettungssanitäter, Schwestern und ein Arzt laufen hin und her. Ich habe in sieben Stunden niemanden von den Leuten, die da arbeiten, herumsitzen oder auch nur langsam gehen sehen. Es muss höllisch anstrengend sein. Doch so schnell sich auch alle bewegen: Mir bringt das nichts. Es sind nämlich viel zu wenige Leute da, und so warte ich Stunde um Stunde auf einem Bett auf dem Gang darauf, dass etwas passiert. Irgendwann frage ich einen vorbeieilenden Pfleger, ob man mich vergessen hat, aber der schüttelt nur den Kopf und läuft weiter. Einer nach dem anderen. Es geht nach Dringlichkeit, und wer nicht blutet und schreit, ist anscheinend nicht dringlich. Ich warte also weiter.

Ich müsste mal verschwinden, und außerdem habe ich Durst. Ich kann aber nicht aufstehen. Ich frage deswegen jemanden, der aber auch nur weitereilt, und schaue auf die Uhr. Es ist nachmittags, halb zwei. Irgendwann werde ich massiv, etwas lauter. Dann fährt man mich immerhin vom Gang in einen Behandlungsraum. Irgendwann, noch viel später, kommt ein Arzt. Der immerhin ist freundlich, tastet Kopf und Körper ab, fragt nach Übelkeit, leuchtet mir in die Augen, und springt wieder auf. Ich soll geröntgt werden. Ein Pfleger schiebt mein Bett um die Ecke. Das Gerät surrt. Dann liege ich wieder auf dem Gang. Vor mir weint eine Britin mehrere Stunden, es läuft ihr nur so über die Wangen, aber niemand bleibt stehen. Ich spreche sie an, aber sie weint unablässig weiter.

Um kurz nach vier werde ich wieder in einen Behandlungsraum geschoben. Inzwischen ist mein Knie doppelt so dick wie normal, mein Mund ist trocken. Meine Füße eiskalt. Ich hätte mir die Kniescheibe gebrochen, wird mir erzählt. Ich solle mich morgen auf der Station melden, dann würde ich operiert. Man legt mir eine Schiene an, drückt mir zwei Krücken in die Hand und eine Thromboseprophylaxe in den Bauch. Dann werde ich entlassen. Wie mein Arztbrief besagt “zu Fuß”. Eine Schwester hilft mir bis in die Eingangshalle. Es ist 16.45. In der Halle kehre ich noch einmal um. Ich sollte noch eine zweite Thrombosespritze bekommen, aber die wurde offenbar vergessen. Man schiebt mir die Spritze in die Handtasche. Clexane 40. Dann schleppe ich mich vor die Tür inmitten hustender Raucher in Bademänteln und warte auf den J.

Dienstag. Bundeswehrkrankenhaus Mitte

Ich will nicht ins Vivantes Friedrichshain zurück. Ich recherchiere im Internet, ich frage herum, und dann rufe ich im Bundeswehrkrankenhaus in Mitte an. Klar, sagt man mir. Ich solle meine Sachen packen, man sage dem Empfang Bescheid und dann soll ich kommen. Der J. packt, bugsiert den F. und mich ins Auto und wir fahren los.

Ich bin nicht abergläubisch. Aber die Wartemarke 13 ist vielleicht doch kein gutes Omen, denn als ich am Empfang sitze, heißt es, man wisse von nichts. Dann werde ich um die Ecke zur Erstuntersuchung geschickt. Da schickt man mich wieder zurück. Ich solle nun aufgenommen werden.

Ich fülle einen Haufen Unterlagen aus. Dann humpele ich zurück. Es sind schon mehrere Stunden vergangen, aber die anderen Leute sitzen auch brav auf dem Gang und warten, warten, warten. Immerhin geht es nun weiter. Ich bekomme Blut abgezapft, ich werde hochgeschickt auf die Station und dann sitze ich vorm Schwesternzimmer. Der J. schiebt mich und meinen Koffer durchs Krankenhaus, fragt nach, drängelt, holt Wasser und irgendwann – es ist inzwischen ungefähr zwei – verliere ich die Nerven. Ich will nicht mehr. Ich will nach Hause. Ich bin seit morgens um neun hier. Ich habe noch keinen Arzt gesehen, mein Knie ist blau und schmerzt und pocht, und bevor ich in Tränen ausbreche, drückt mir eine Schwester nun doch ein Schmerzmittel in die Hand. Nehmen sie, heißt es. Dann sitze ich wieder da.

Das Krankenhaus sei randvoll, höre ich. Man werde deswegen erst – wann? – eine Voruntersuchung machen, und dann würde ich morgen aufgenommen. Aber die Voruntersuchung für die Narkose findet nicht statt.

Wie ich später höre, ist etwas schiefgelaufen. Ich hätte gleich unten bei der Aufnahme untersucht werden sollen, wurde dann aber gleich hochgeschickt. Man weiß nun nicht recht etwas anzufangen mit mir. Ich werde deswegen irgendwann zum Chefarzt geschoben, der eine Entscheidung treffen soll.

Hier geht nun alles recht fix. Ich werde reingerufen, mein Knie wird untersucht, und dann fragt der Arzt nach den Röntgenbildern. Die habe ich nicht. Die hat das Vivantes Friedrichshain. Ich solle mir die Röntgenbilder besorgen, wird besprochen, und am nächsten Tag wiederkommen. Vielleicht würde gar nicht operiert. Dann fahren wir heim. Auf dem Heimweg holen wir noch die Röntgenbilder – es geht erstaunlich schnell – und sammeln um kurz vor fünf den F. an der Kita wieder ein. “Schon besser, Mama?”, fragt er, und ich muss fast lachen. Eine Behandlung wäre gut. Oder zumindest zu wissen, was jetzt kommt.

Dienstagabend. Hausärztin

Ups, fällt mir ein, als ich zu Hause bin. Ich habe keine Thromboseprophylaxe mehr. Der J. läuft also los zu meiner Hausärztin, kommt mit einem Rezept wieder und hat die Spritzen auch schon bestellt. Clexane 80 steht auf dem Rezept.

War das gestern nicht weniger, frage ich mich, zwei Stunden später mit der Spritze in der Hand. Aber egal. Ich habe keine Ahnung, wie man diese Spritzen richtig setzt, schaue entsetzt bei youtube die Tutorials an und dann haue ich mir die Spritze möglichst schmerzfrei in den Bauch. Es geht, aber irgendetwas mache ich falsch. Am Samstag werde ich – aber das weiß ich noch nicht – aussehen wie ein dicker Leopard mit bemerkenswert unregelmäßigen blauen Flecken.

Mittwoch, Bundeswehrkrankenhaus Mitte

Am nächsten Morgen bringt der J. den F. in die Kita und die Röntgenaufnahmen ins Krankenhaus. Ich solle um 14.00 Uhr kommen, höre ich. Um 13.30 holt mich ein Taxi ab. Ich kenne den Taxifahrer, der mich in der Wohnung abholt, mich ins Taxi setzt, am Krankenhaus einen Rollstuhl holt und dann bis oben bringt.

Ich müsse nicht operiert werden, sagt der Arzt, als er die Bilder sieht. Ich bekomme nur eine bessere Schiene, die nicht bei jeder Bewegung rutscht und scheuert. Ich bekomme eine Verschreibung für die neue Schiene. Die Thromboseprophylaxe von gestern erweist sich in der Tat als total überhöht. Ich könnte, sagt man mir, einfach immer die Hälfte verwenden und den Rest wegschmeißen. Nun gut. Es klappt so mittel.

Donnerstagvormittag, Sanitätshaus Recknagel

Jetzt wird alles ganz einfach. Also abgesehen von dem gut 200 Meter langen Weg von mir bis zum Sanitätshaus. Ich hinke mit meiner rutschenden Schiene die Straße entlang, bekomme eine neue Schiene angepasst und hinke mit einer gut sitzenden Schiene zurück.  Mein Knie pocht und schmerzt, ich werfe weitere Schmerztabletten hinterher. Sechs Wochen soll das dauern, sagt man mir. Zehn Tage muss ich das Knie möglichst ganz flach halten, kann quasi nirgendwohin. Zu Hause sitze ich eine halbe Stunde auf dem Sofa.

Dann fahre ich den Rechner hoch. Ich muss arbeiten.

Gelesen

Ich habe mir Reisebücher gekauft. Ein klassische Ersatzhandlung eigentlich: Ich würde so gern wieder reisen. Also so richtig reisen, so mit einer kleinen Tasche am Arm, einem Ticket und einer Kreditkarte, Sonnenbrille nicht vergessen, und dann einfach los. Ein Bahnhofshotel in Bukarest und dann mit irgendwelchen dahergewehten Passanten auf den nächsten Markt, sich zeigen lassen, wo man hier die beste Suppe isst. Sich überreden lassen, immer weiter nach Osten zu fahren, mit Zügen am besten. Kartenspielen mit Fremden in einem heißen, abgeschabten Abteil. Auf einem leergefegten Flughafen in Asien stranden, nachts mit den Taxifahrern diskutieren, und dann am Morgen übernächtigt, überwältigt an einem fremdem Hafen sitzen und in die Sonne blinzeln. Nicht wissen, wo man morgen Abend die Auge schließt. Statt dessen nun: Ein Ferienhaus, ein Mietwagen und acht Tage mit den Schwiegereltern, die wegen ihrer eher eingeschränkten Kommunikationsprozesse – mein Schwiegervater kennt nur zwei Gesprächsthemen – vermutlich nicht einmal den Turing-Test bestünden. Nun ja.

Zu Fuß

Schon vor dem eigenen Urlaub gereist mit Patrick Leigh Fermor. Sie wissen schon. Der Mann, der 1933 als entlaufener Schuljunge von von England aus nach Europa reist, um zu Fuß bis nach Konstantinopel zu laufen. Eine unglaubliche Reise, ein Füllhorn von Begegnungen, kreuz und quer über den Kontinent, um mit dem Adel Ungarns zu tanzen, mit Pferdeknechten Bier zu trinken, und so gestochen scharf und farbig einen letzten Blick auf dieses alte Europa zu werfen, bevor es unterging: Zerrissen, zerbomt und geteilt. Zwei Teile begründeten – nein: vertieften – den Ruhm Leigh Fermors. Der dritte, der letzte Teil der Reise, ist nun posthum erschienen, und mit leisem Bedauern versteht man, wieso der Autor selbst die vielen bunten Flicken nicht mehr zusammenzufügen vermochte. Es war am Ende auch alles schon allzu lang her. Für ein paar Abende ohne Bedauern aber reicht es, und lohnt sich nicht zuletzt für die paar goldenen Adern im Schiefer der verfallenden Zeit. Mir hat es – bei allen Schwächen – gefallen.

(Patrick Leigh Fermor, Die unterbrochene Reise, Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié)

Auf hohem Ross

Keine Ahnung, warum ich das überhaupt gekauft habe. Ich habe von Altmann schon einmal ein Buch gelesen. Da ging es um seinen bayerischen Heimatort, ein verlogenes, verstunkenes Kaff. Dass man in so einem Nest nicht leben und atmen kann, leuchtet mir irgendwie ein. Ich könnte das auch nicht. Dass man durch die Welt zieht, einfach um des Fremden in der Fremde willen: Auch das erscheint mir einleuchtend. Ich mag auch keine hässlichen Menschen, die halbnackt und schwitzend durch den Petersdom schnaufen, und ich würde meine Urlaube ebenfalls nicht in einem Club verbringen, all inclusive mit einem Bändchen am Arm. Da bin ich aber nicht besonders stolz drauf, und zu einem besseren Menschen macht mich das auch nicht. Den Leuten vor Ort wäre ein Neckermann-Tourist, der Geld für Kitsch ausgibt, Henning Mankell liest und sich abends für 10 Euro ein Eisbein servieren lässt, vermutlich auch lieber als ein Backpacker, der die heiligen Schriften des örtlich ansässigen Kultus gelesen hat, sich mit allen unterhalten will, egal, was die davon halten, und dann für 20 Cent das Nationalgericht isst.

Mir erscheint diese Form des Reisens oft eher etwas distanzlos, aufdringlich nachgerade, und sich öffentlich zu rühmen, ein besserer Reisender zu sein als andere Leute, empfinde ich als mindestens taktlos, wenn nicht gar als nachgerade hoffärtig. Um nicht zu sagen: Widerwärtig arrogant.

(Andreas Altmann. Gebrauchsanweisung für die Welt. )

Im Cabrio

Reizend dagegen, vergnügt, raschelnd vor fröhlich-sinnloser Geschäftigkeit, wirbelt das Buch von der Riviera an mir vorbei. 1931 ist es erschienen, Klaus und Erika Mann haben es geschrieben, und es ist genau die Küste, die wir lieben: Dieser schmale Streifen Land zwischen Marseille und Menton. Sehr viel geschieht gar nicht in diesem eher schmalen Reisebüchlein. Man fährt herum, trifft hier diesen und dort jenen. Man geht zum Friseur, isst mal scheußlich und mal fabelhaft, erfreut sich des Lichts, des Nichtstuns, der Casinos, der Nachtclubs, wirft einen flüchtig-trägen Blick auf Städtchen und Dörfer und ist schon wieder weg.

Unsere Cǒte d’Azur ist das – bei allen Ähnlichkeiten – nicht. Was wir sehen ist geprägt vom Boom des französischen Südens in den Fünfziger und Sechziger Jahren. Ein bisschen aus der Zeit gefallen sieht es dort heute bisweilen aus, ein wenig rührend passé auf diese sehr gemütliche Weise, die gerade wieder ein wenig in Mode kommt: Wie eine Karikatur von Paul Flora, die so langsam, langsam ein wenig Nostalgie und Patina ansetzt. In den Dreißigern aber war die Cǒte d’Azur nicht ein wenig unmodern und sehr gemütlich, sondern todschick, rasant, es war Jugend und Jazz und F. Scott Fitzgerald, und es nimmt dem kleinen, schnell gelesenen Büchlein nichts, dass Klaus Mann am Ende nach Cannes nur zurückkehren sollte, um 1949 an Drogen und Einsamkeit zu sterben.

(Klaus und Erika Mann, Das Buch von der Riviera)

Nie wieder, immer wieder

“Schön hier!”, seufzt der J., und ich hebe meine Kaffeetasse und seufze ein bisschen mit. Morgen geht es heim. Das Meer wird mir fehlen. Das gute Essen. Ohne auf die Uhr zu schauen stundenlang durch provenzalische Gässchen zu laufen. Überhaupt, das Leben im Freien. Côte d’Azur also: Immer wieder.

Nicht so sicher bin ich mir, ob es auch wieder ein Ferienhaus sein muss. Schön, so ein Garten ist nett. Der F. spielt den ganzen Tag draußen, hat eine kleine Rutsche, ein Spielhäuschen, es gibt eine Laube und einen Grill, und wir haben so viel Platz, dass wir uns in das kleine Gästehäuschen im Garten leichtsinnigerweise – aber dazu später mehr – Besuch eingeladen hatte. Nachteil aber: Ich hasse es, zu putzen. Und hier ist ja die getreue B. nicht vor Ort, die dafür sorgt, dass wir in Berlin nicht im Dreck versinken. Subjektiv trage ich also den ganzen Tag Teller, Lappen, T-Shirts und volle Tabletts von der Küche auf die Veranda und zurück. Ich hänge Wäsche auf, ich fege aus, und wenn mir der J. keinen Kaffee kocht, dann tut es keiner. Scheußlich ist das. Vielleicht beim nächsten Mal doch wieder ein Hotel. Oder eins dieser Resorts, in denen man so eine Art Haus hat, aber jeden Tag kommen Zimmermädchen, und morgens gibt es Frühstück. In Thailand im Januar war das ganz gut. Da hatten wir ein Hausboot, das aber zu einem Hotel gehörte. Perfekt war das, das Beste aus beiden Welten. In Sainte Maxime aber vermutlich weder verfügbar noch bezahlbar.

Was auch an diesem – an sich sehr hübschen – Haus nervt: Sogar um Brot zu holen, braucht man ein Auto. Dorfbewohner stört das vermutlich nicht. Die kennen das nicht anders und betreiben ohnehin eine ausgefeilte Vorratswirtschaft. Ich aber empfinde das als deutlich einschränkend. Letztes Jahr waren wir in der Innenstadt von Menton, da konnte man abends einfach zu Fuß Essen gehen. Da hatten wir gar keinen Wagen. So abgelegen möchte ich nicht wieder wohnen. Überdies verträgt der F. Serpentinen, Kurven und lange Fahrten generell sehr schlecht. Man sieht dann leicht die jeweils letzte Mahlzeit zweimal.

Auch, wie der Volksmund so sagt, auf der Streichliste steht Familienbesuch. Wir hatten diesmal in das Gästehäuschen eingeladen. Nicht ganz ohne Hintergedanken: Für zwei, drei Tage Großeltern da zu haben, erschien uns eine großartige Sache. Tolles Essen zu zweit, ein Ausflug ins Gebirge. Ich mailte also, man könne für ein paar Tage vorbeikommen. Meine Schwiegermutter buchte dann ohne weitere Rückfrage Flüge für einen Aufenthalt von acht langen Tage und setzte sich mit meinem Schwiegervater erwartungsvoll auf die Terrasse. An Tag drei fasste ich einen festen Vorsatz: In Zukunft verbringe ich meinen Urlaub nur noch mit Leuten, die klug, weltoffen, freundlich, hilfsbereit und ehrlich am Urlaubsland, seiner Küche und meiner Gesellschaft interessiert sind. Wenn diese Leute dann auch noch Kinder in F.’s Alter haben, um so besser. Ein weiterer – nicht auf Urlaubszeiten beschränkter – Vorsatz: Für Kompromisse ob des lieben Friedens willen, habe ich keine Zeit, und Verwandtschaft gibt niemandem das Recht, mich anzuöden oder zu verärgern.

Ansonsten gern mehr vom Gleichen. Mehr Mittelmeer. Mehr vom Glanz der leuchtenden Küste. Mehr Muscheln, mehr Eis, mehr von diesen großartigen Törtchen. Mehr Zeit mit dem singenden, tanzenden F., mit dem J., mit Füßen im Sand und schwankenden Pinien. Mehr Cannes. Mehr von diesem grandiosen Roten von einem Weingut namens Chateau de Mauvanne, in dem ich gern baden würde. Mehr von diesen durchgelebten, aufgeputschten und behängten alten Damen mit ihren Hündchen, die mir beruhigend vor Augen führen, dass das Leben mit 80 zwar nicht mehr gut anzusehen, aber offenbar immer noch recht vergnüglich sein kann. Und mehr vom Licht. Dieses Licht. Dieser Himmel.

Havelland

Dann aber wische ich mir die Äste aus dem Gesicht und halte den F. ganz fest, damit er nicht von der Bank fällt, denn der Traktor schaukelt nach rechts und nach links, immer quer zu den Feldern, und der F. dreht den Kopf so weit er kann, damit ihm keine Kuh, keine Gans und kein Strauch voll Holunder entgeht. Den J., den S. und die M.2 kann ich schon gar nicht mehr sehen, die hinter uns am Karolinenhof warten, und ich blinzele in das gelbe, herbstliche Licht.

Schön ist es hier, atme ich ein und drücke den F. fester an mich, der vor Vergnügen neben mir auf der Bank ein klein wenig hüpft. Schön war es in Ribbeck heut’ morgen, kräftig und warm das Gulasch auf den Bänken auf dem grünen Gras, lustig und spät der Samstag mit der C. und der J.

Jeder könnte es schön haben, denke ich mir, denn das grüne Gras, das Licht, Käse, Liebe und Wein: Das gibt es doch für viele. Warum denn Leute Ärger anfangen und alles kurz und klein schlagen, weil sie es wichtig finden, dass ihr Landkreis zum einen und nicht zum anderen Land gehört. Wieso es wichtig sein soll, dass die Nachbarn oder das ganze Nachbardorf irgendwelche religiöse Fragen richtig auslegen. Wie ihre Frauen sich anziehen, ob die Straßenschilder nun in der einen oder anderen Sprache beschriftet sind: Als wär’ das nicht alles egal. Als wäre das ständige Rumoren nicht eine Sünde gegen den Segen der Erde, dumm und frech noch dazu. Als sei es nicht genug, an einem Sommertag, einem der letzten im Jahr, am Ende der Welt durch die Felder zu fahren.

Schwer tragen die Bäume am Obst, und die Schwalben ziehen ein letztes Mal übers satte, ermüdete Land. Schon sind wir zurück. Der F. drückt seine Kopf gegen meinen Arm und steigt freudig vom Hänger. “Etz Ponyreiten!”, läuft er zu den beiden hübschen, wartenden Pferden, und ich wische die schwarze Gedanken aus meinem Gesicht. Heute ist es noch schön.

(Möge es immer so bleiben.)

Bernsteintage, Montag (7)

Kennen Sie eigentlich die Ming Dynastie? Das ist ein Restaurant an der Jannowitzbrücke, also so zwischen Mitte und Kreuzberg, direkt gegenüber der Chinesischen Botschaft, wo man sagenhaft gut isst. Ich bin wahnsinnig gern da, und von all den guten Sachen, die man da bekommt, mag ich das Mapo Tofu am liebsten.

Als meines Wissens einzige Speise des Hauses bekommt man das Mapo Tofu in einer flachen Glasschale. Es handelt sich um feinen, weichen Tofu, den man, glaube ich, Seidentofu nennt, der mit sehr feinen Hackfleischkrümeln in einer roten, pikanten Sauce schwimmt. Gemüse spielt bei diesem Essen quasi keine Rolle.

Am Montag Mittag aber begab ich mich nicht in die Ming. Am Montag bestieg ich ein Taxi und fuhr gen Charlottenburg, wo in der Kantstraße ein zweites gut beleumdetes chinesisches Restaurant belegen ist, das Good Friends heißt. Ich war da verabredet, hatte auch noch einen befreundeten Kollegen dabei, und bestellte eine Nudelsuppe mit Ente, denn noch lieber als Mapo Tofu esse ich Nudelsuppen, und die sind da ziemlich gut. Das Good Friends gehört nämlich zu den wenigen Restaurants, die sich die echten roten Enten glänzend ins Schaufenster hängen.

Mein Kollege bestellte das Mapo Tofu. Kurz beneidete ich ihn und bedauerte einmal mehr, nicht die Nudelsuppe und das Mapu Tofu essen zu können. Dann aber erschien unser Essen. Ich riss die Augen auf. Gut, auf dem Glasteller bestehe ich nicht. Doch der Tofu war kein Seidentofu, sondern der normale, gebackene Tofu, den man so kennt. Die Sauce war quasi kaum vorhanden. Stattdessen war das Gericht über und über mit Erbsen bedeckt. Es war – dies bestätigten die Mitesser – eigentlich kaum zu erkennen. Es war anscheinend trotzdem ganz gut.

Nach dem Essen begann ich zu sinnieren. Verhält es sich mit dem Mapo Tofu vielleicht wie mit Gulasch? Handelt es sich also um ein eher vage konkretisiertes Gericht, das bei jedem Chinesen anders schmeckt, wie ja auch mein Gulasch keine einzige Tomate enthält, sondern nur Rind, Wein, Zwiebeln und ganz, ganz viel Kümmel und Paprikapulver? Und andernorts hauen andere Leute dosenweise Tomaten an ihr Gulasch aus Schwein? Oder sind wir dem Good Friends auf die Schliche gekommen, dass sich anders als man meint, doch nicht der echten und wahren chinesischen Küche verschrieben hat? Oder ist andersherum das Mapo Tofu der Ming nicht das Wahre? Oder es ist alles halb so wild, aber der Koch kann exakt diese Speise nicht ausstehen, und hat sie deswegen abgewandelt, weil er Erbsen liebt?

Ich werde nachsehen müssen. In China. Demnächst. Nächstes Jahr. Oder übernächstes. Bis dahin verraten Sie mir vielleicht, wie es sich mit dem Mapo Tofu verhält.

Bernsteintage, Sonntag (6)

Verdammt. Eine Demonstration. Langsam schiebt sich eine graue, bedrohliche Masse mit finsterem Blick und gereckten Fäusten durch eine Allee. Erste Steine fliegen. In der ersten Reihe plärren Marktweiber Unverständliches. Spruchbänder flattern. Ich verstecke mich hinter einem Baum. Dass die mich nur nicht finden.

Langsam kommt die Demonstration näher und näher. Ein Alter mit knolliger Nase, ein mageres Mädchen in Lumpen mit halb entblößter Brust. Man kreischt, Stimmen werden lauter, und ich verstehe endlich, was die Massen fordern. ”Eier! Würstchen! Joghurt!”, gellt es aus der entmenschten Menge, und ich schlage mich ächzend und keuchend in den nahen Wald. Doch auch da hallt es mir entgegen: “Früh-stück! Rührei! Käse!”, und ich falle, falle, falle und schlage die Augen auf. Ich liege im Bett. In Usedom. Und vor mir steht der F.

Der F. liebt Hotels. Er liebt Hotelzimmer, er liebt Pools. Ganz besonders aber liebt er das Frühstücken im Hotel.

Im Strandhotel Ostseeblick ist das Frühstück auch wirklich gut. Es gibt französischen Rohmilchkäse, es gibt hausgemachte Wurst, und die Eier sind wirklich Eier und nicht eine wässrig zusammengerührte Pampe. Der Himbeerquark ist hausgemacht, sogar die Semmeln schmecken, und so sitzen wir da, vorm Wind geschützt auf der Terrasse, schauen aufs Meer und essen. Irgendwo seitlich spielen der F., die A. und deren kleine Schwester S. etwas Dubioses mit Stöcken und Steinen. Vielleicht, sinniere ich, sind die Träume des F. aus irgendeinem Grunde noch mit den meinen gekoppelt? Vielleicht hat der F. letzte Nacht fremde Leute mit Mistgabeln und Gebrüll gepackt und zur Guillotine geschleift? Er ist ohnehin zumindest verbal recht gewalttätig in letzter Zeit und freut sich immer schrecklich über verbrannte Hexen und aufgeschnittene Wölfe. Praktisch und privat – aber das soll ja auch für Lenin oder so gegolten haben – ist er so friedlich wie immer und bleibt es auch am Pool und am Strand.

Da sitzen wir also, schaue ich in die Runde. Die I. und der S. sind inzwischen angekommen. Der M. samt Familie, alle auf und unter Decken vor den Strandmuscheln im noch immer warmen Sand. Wir reden, wir lesen Zeitung, wir essen zuviel und trinken Mineralwasser aus Flaschen. Ein paar Meter entfernt sitzen der F. und die A. – zwei- und dreijährig – im Sand und lauern einer Maus auf, die sie niemals bekommen, egal, wie lange sie singen und rufen.

“Was machst du mit der Maus, wenn du sie hast?”, frage ich den F., dessen Augen blitzen. “Fell ab, dann wegschmeißen.”, antwortet er friedlich und macht furchterregende Bewegungen mit den Händen. “Oje. Arme Maus.”, sage ich, und der F. nickt. “Maus weint. Braucht neue Kleider.”, antwortet er, und träumt vielleicht von der nackten Maus in Kleidern, als er mit roten, runden Wangen im Auto auf der Rückbank sitzt und nach Berlin fährt, abends um acht.