Work. Life. Balance.

Jaja, denke ich. Work-Life-Balance. Du arbeitest, um zu leben, sagst du, und nicht umgekehrt. Aber seien wir doch mal ehrlich:

Du sagst, du erlebst lieber was, als im Büro zu sitzen. Aber vielleicht hast du einfach nur den falschen Job. 35% der deutschen Arbeitnehmer empfinden ihre Tätigkeit als sinnlos. Rundheraus: Dann würde ich auch lieber auf dem Sofa Serien schauen, dann müsste ich wenigstens nicht raus und mir was anziehen. Aber abseits der Frage, ob du die Welt besser machst, wenn du arbeiten gehst: Ist dein Leben wirklich aufregender, wenn du frei hast?

Erlebst du, gesetzt der Fall, du bist ein Justitiar oder sonst so ein Büromann, auch auf deinem Sofa Königsdramen, weil Abteilungsleiter A. in den Vorstand aufrücken will, aber auch Abteilungsleiterin B.? Konspirative Treffen mit A.s Getreuen am Samstagnachmittag. Ein Wochenende lang überlegen, auf wessen Seite du dich jetzt schlägst, und immer hoffen, dass dein Einsatz sich auch lohnt, weil A. wirklich Chef wird und deinen Einsatz dann auch noch honoriert. Mehr Shakespeare gibt es in deinem Leben doch gar nicht. Oh, und dann der Schwerterkampf, wenn A. und B. – salomonisch beide befördert – in einem großen Meeting aufeinandertreffen und sich unterschwellige Agression langsam steigert und sich schließlich spektakulär entlädt.

Oder du, Anwältin, nachts um eins. Du hast noch 23 Stunden bis Fristablauf. Du bist weit, sehr weit, deine Argumentation ist eigentlich fertig, und du bist zufrieden mit der Schneise, die du in das Gestrüpp des Sachverhalts geschlagen hast. Du bist so konzentriert, wie es andere Leute nach jahrelangen Meditiationscoachings nicht schaffen. Du hast seit Stunden an nichts anderes mehr gedacht, als an diesen Fall. Du hast sogar vergessen, dass du Hunger hast und Halsschmerzen. Den Geburtstag von Tante C., den du abgesagt hast, gibt es gar nicht, du wüsstest gerade gar nicht, dass du Tanten hast. Du bist ein aufs Äußerste gespannter Bogen. Du schreibst und löschst und schreibst wieder, schreibst dich heran an den Kern der Sache, tastest jeden Satz der Gesetze ab, bis ihr Geist unter deinen Fingerkuppen sanft pulsiert.

Fährst du noch nach Hause? Vielleicht schreibst du durch, vielleicht begegnest du morgens um sechs den ersten, die ins Büro kommen, um sauberzumachen. Dann fährst du heim. Nie sieht die Stadt so sauber aus wie um diese Stunde. Der Horizont flimmert vor Licht und Müdigkeit, und in den Augenwinkeln schimmert die Stadt in Farben, die sie sonst keinem zeigt. Langsam lässt die Spannung nach. Es hat geregnet, bemerkst du. Und es ist kühl. Daheim ist alles dunkel: Wirst du jemals wieder so gut schlafen?

Die Liebe, sagst du. Aber wann sind Leute besser angezogen als im Büro? Und wo zeigen sie, was sie alles können. Wie klug sie sind, wie schnell, wie gerissen, wie freundlich. Wie hinreißend Klugheit sein kann oder Mut. Die langen Blicke über den Verhandlungstisch hinweg: So schöne Augen. Sich extra etwas Schönes anziehen, weil sich heute nachmittag die Arbeitsgruppe trifft. Späte Drinks nach Verhandlungen, und beiläufige Berührungen, denen weniger beiläufige folgen oder eben auch nicht. Oder nur manchmal. Sich über Jahre annähern zu können, statt die üblichen paar Dates, nach denen sich dann einer überwinden muss oder es wird eben nichts draus.

Wer im Büro nicht lebt, sage ich, der sollte mal darüber nachdenken, ob es wirklich reicht, morgens und abends ein paar Stunden zu machen, was er will. Und ob das, was er dann macht, wirklich das ist, was er am Ende eines Jahres auf die Habenliste schreibt. Ob man nicht etwas Besseres als den Tod an Langeweile vielleicht nicht überall, aber vielerorts findet. Und ob das Work-Life-Balance-Modell wirklich noch überzeugt, vergegenwärtigt man sich, dass die Zeit, die man sich in öden Jobs langweilt, am Ende des Lebens nicht nachgeliefert wird.

Wall Street

„Und dann hat sie gefragt, was würdet ihr kaufen, wenn ihr neun Millionen hättet!“, berichtet der F. einen Vorfall aus seinem Religionsunterricht.

„Aha.“, sage ich und freue mich, dass der F. heute noch, im Schutz der Dunkelheit sozusagen, auf dem Weg nach Mitte nach meiner Hand greift und fröhlich schlenkernd neben mir hüpft. Es ist der letzte Abend des Festival of Lights, bei dem öffentliche Gebäude mit Lichtprojektionen verfremdet werden, und der F. darf abends mit mir durch Berlin laufen, was schon an sich sehr aufregend ist, wenn man acht ist und eigentlich nach dem Abendessen zu Bett geht.

Es stellt sich heraus, dass die Mädchen alle Pferdehöfe haben möchten. Und die kleinen Jungs entweder eine Rakete oder viele Autos. Einige wollen auch den Hunger in Afrika lindern oder sonst wie Gutes tun.Der Anteil derjenigen, der teilen möchte, ist jedenfalls nicht gering, und darauf, mutmaße ich, wollte die Lehrerin auch hinaus.

Sohn F. allerdings hat für derlei Überlegungen nichts über. „Dann ist das Geld ja weg!“, ruft er gleich mehrfach. Nein, der F. will weder ein Gestüt noch einen Fuhrpark. „Ich hab‘ gesagt, ich kaufe Aktien.“, berichtet Sohn F. mit sichtbarem Stolz und klatscht ein paarmal in die Hände. Von dem Geld, das man dann bekäme (wie heißt es noch, Mama), würde er aber auch etwas spenden.

Dass die Börse den F. deutlich mehr fasziniert als seine Mutter, war mir klar, als er irgendwann im Sommer einem anderen Kind erklärte, sein Lieblings-WasistWas handele von „Geld“. Und als er anfing, die Zeitung zu lesen, und zwar erst Panorama, dann Wirtschaft und erst zum Schluss Politik. Kultur liest er gar nicht, aber gut, er besucht keine Theater, liest die besprochenen Bücher nicht und nimmt an akademischen Debatten nicht teil. Es besteht also noch Hoffnung. Aber läuft’s schlecht, läuft er mit 18 davon, macht in der Fremde einen MBA und verkommt im Sumpf der Wall Street.

Außerdem denkt seine Klassenlehrerin jetzt bestimmt, ich hätte ihm dieses Zeug in die Ohren geblasen.

Gelernt (3)

Auch gelernt: Es ist schwerer als ich dachte, einen Mann einzuladen. Also nicht das Ob eines Treffens, sondern wer zahlt.

Ich finde es nicht mal hierarchisierend, mich einladen zu lassen, weil ich an sich nicht an Geld glaube. Ich lasse mir auch gern Lokale, Speisen und Weine vorschlagen, wenn jemand sich auskennt oder einfach Freude daran hat. Aber irgendwann im letzten Jahr fiel mir auf, dass jedesmal, wenn ich irgendwo mit einem Mann bin, meine Begleitung die Rechnung an sich reißt. Seitdem versuche ich, den Spieß umzudrehen.

Nun, was soll ich sagen: Es haut nicht hin. Einladen kann ich sehr junge Männer, aber dann muss der Altersabstand mindestens 15 Jahre betragen. Abraten kann ich von der Einladung geringfügig jüngerer Männer, die fühlen sich dann nicht ernst genommen und sitzen dann sehr unzufrieden am Tisch. Oder ich setze mich durch (nein, ach, lass mal, ne, jetzt aber, beim nächsten Mal …), aber der Mann fängt unruhig an, auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen, und wer will das.

Es geht hier nicht einmal um irgendwie romantische Treffen. In meinem Alter war Heinrich Himmler schon tot: Ich habe also gar keine romantischen Treffen. Ich treffe Leute einfach so. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, die Hälfte der Begleitungen hält sich für Feministen. Keiner glaubt – zumindest nicht so öffentlich – an unterschiedliche Rollen für Frauen und Männer. Aber sich einladen lassen, und sei es nur auf einen Teller Nudeln? Ich schwöre, der erste, der sich einfach nur ganz normal über eine alltägliche Freundlichkeit freut, bekommt gleich noch einen doppelten Wodka für absolute Coolness und bewundernswerte Souveränität.

Gelernt (2)

Das einzig Gute am Jahr 2021: Ich habe jetzt immer Teig im Haus. Ich habe nicht das Teigmachen gelernt, das konnte ich schon, aber die Routine erworben, ohne die das Können ja eigentlich nichts taugt. Jeden Sonntag werfe ich 1 kg Mehl mit einem Teelöffel Trockenhefe und vier Teelöffeln Salz in die Küchenmaschine, gieße 4 Tassen Wasser und ein bisschen Öl dazu und knete den Teig zehn Minuten lang durch. Eine Nacht abgedeckt im ausgeschalteten Ofen, fünf bis sieben Tage im Kühlschrank, und damit backe ich alles: Semmeln, Baguette, Pizza oder so einen flachen Gemüsekuchen mit allem, was noch im Kühlschrank ist.

Außerdem kann ich jetzt  Frankenlaib backen und Brioche.

Gelernt (1)

Wenn ich dieses Jahr etwas über mich gelernt habe: Ich halte es sehr schlecht mit mir allein aus. Möglicherweise ist das, was manche Leute für Fleiß halten, nichts als der Versuch, mich nicht zu langweiligen, wenn sonst schon nichts los ist. Was ich auch gelernt habe: Anderen Leuten geht es ganz offensichtlich anders. Irgendwo in Berlin gibt es beispielsweise einen wirklich reizenden Mann, der vor ein paar Wochen beim Essen auf meine beiläufige Eröffnung, normalerweise so zweimal die Woche auszugehen, leicht befremdet mitgeteilt hat, er ginge ungefähr zweimal im Jahr aus, und nun hält er mich mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit für fürchterlich oberflächlich und ein bisschen trivial. In anderen Leuten ist seelisch offenbar irgendwie mehr los als in mir.

(Tatsächlich bin ich in guten Zeiten fast jeden zweiten Abend irgendwo aus, zumindest für Drinks mit Leuten, aber das behalte ich dort, wo man mich für eine seriöse Person halten soll, besser für mich)

Chaos und Dankbarkeit

Natürlich lag’s an mir. Als die Textnachricht von Freundin B. einging, beantwortete ich gleichzeitig 22 E-Mails, redete Freundin A. per SMS einen persischen Boxer aus, versuchte, neue Briefumschläge zu bestellen und gestikulierte mit Kollege O., der im Türrahmen stand. Vermutlich hatte ich auch noch irgendwas zu essen im Mund. Egal: Ich notierte: „B. und Familie in Berlin: 26. September“. Dann fuhr ich heim und freute mich sehr, denn die lustige B., Scheidungsanwältin an der Ostsee, ist meine Freundin seit 2000, als wir gemeinsam Referendarinnen waren, und es gibt kaum herzlichere Leute als sie und ihren Mann.

Dass ich der I. und dem S. zusagte, mit ihnen am 19. September in Charlottenburg essen zu gehen, brachte ich mit dem Besuch der B. in Berlin natürlich nicht in Zusammenhang. Waren ja zwei Wochenenden, nahm ich an. Und außerdem habe ich in diesem verdammten Jahr so wenig Freizeittermine, dass ich ein bisschen nachlässig geworden bin, die so ganz präzise zu notieren.

Dass Freundin B. nicht den 26., sondern den 19. meinte, wurde mir erst klar, als eine Textnachricht kam. Sie führen jetzt im Charlottenburger Hotel los. Himmel, fast hätte ich die Nachricht nicht mal gesehen. Ich lese private Nachrichten nämlich manchmal tagelang nicht, weil mein Aufmerksamkeitsbudget nur für meinen Job reicht. Vor Schreck blieb ich einfach stehen.

„Mama, was ist los?“, japste mein liebenswürdiger Sohn, dessen Spekulationen über die Frage, ob Elon Musk genug Geld für einen eigenen Panda hat, mitten im Satz unterbrochen wurden. Wir standen nämlich vorm Pandagehege des Berliner Zoos, um uns herum fotografierten Dutzende Menschen jedes sichtbare Lebewesen, das nicht bekleidet war, und ich drängelte mich irgendwie durch die Massen Richtung Ausgang. „Maaamaaaaa.“, ächzte Sohn F. in exakt dem Tonfall, den seine Lehrerin vermutlich für die hoffnungslosen Fälle reserviert hat, denen es niemals gelingen wird, die zehn Gebote in der richtigen Reihenfolge aufzusagen. Dann folgte er mir zum Elefantentor.

Im Bus nach Hause lärmte Berlin. Immerhin vorschriftsmäßig maskiert schunkelte die Jugend der Stadt von City West zur City Ost. Neben uns sperrten missvergnügte Polizisten eine Straße, weil eine Fahrraddemo da vorbeiwollte, Sohn sprach über Aktien, ein Thema, über das ich ausgesprochen wenig sagen kann, und als wir ankamen, waren wir immerhin zehn Minuten vor der B. da. Wir kündigten an, Schnitzel zu holen, aber Schnitzel waren aus. Es gab also Pizza. Und es war schön. Entspannt, fröhlich, ach, zum Umarmen schön, und deswegen reagierte ich erst auf die vorgerückte Zeit, als das Telefon schnarrte. Die I. war inzwischen im Restaurant angekommen und fragte, ob sie schon einmal bestellen sollten. Ich sprang also auf und lief davon.

Der Weg nach Charlottenburg ist weit. Die Radfahrerdemo war inzwischen weg, aber dafür demonstrierten erst Kurden und dann Leute, die Vermieter enteignen wollen, weil sie keine Miete mehr zahlen möchten, und außerdem fuhr trotz der vorgerückten Stunde die ganze Stadt aggressiv und ziemlich schnell quer über Berlins Magistralen. Als ich ankam, hatten die I. und der S. die ersten beiden Gänge also schon gegessen.

Ich bestellte ganz schnell Tartar und Grüne Soße. Ich orderte Sekt, ich erzählte, lachte, hörte zu, lachte wieder, produzierte massenweise Meinung über Politik, Schulen, Kinder, Verfassungsrecht, Mitarbeiterführung, unsere Eltern und überhaupt alles, und freute mich fürchterlich, den S. und die I. zu sehen, weil ich die beiden Freunde bei unserem letzten Zusammentreffen so ein wenig wenig gesprochen hatte vor lauter anderen Leuten. Dann aß ich herrlich und in Freuden noch ein Dessert, und als ich ging war es 12. „Die Stadt ist zu.“, sagte der dicke, russische Taxifahrer und bot mir Milchbonbons an.

Als ich heimkam, war der Besuch weg und der F. schlief, seinen Plüschpanda im Arm. Auf dem Sofa lag der geschätzte Gefährte mit einem letzten Glas Wein, und als ich zu Bett ging, war ich ein bisschen dankbar für alles: Für die Freundschaft. Für die Großzügigkeit aller Freunde im Umgang mit dem Chaos, das sich mir lebenslang um die Füße wickelt, und für die Nachsicht, die Mann und Sohn den rasanten Wendungen meines Alltagslebens so entgegenbringen: Für die nicht zuletzt.

Adieu

So geht es wohl zuende, mein Berlin, denke ich, als ich die sechs Treppen abwärts laufe nach dem Abschied von noch einem, den ich so sehr mag und der Berlin verlässt. Die Stadt gibt es nicht mehr, in der es immer noch für jeden einen Platz gab, einen Texterjob, etwas Kleines am Theater, Übersetzerjobs, eine Aushilfe am Telefon oder an der Bar. Uns gibt es auch nicht mehr, rauchend auf dem Schlachtensee, Sekt und Wodka auf dem Dach: All unsere Sensationen und unsere grenzenlosen Körper morgens um halb fünf.

Wir sind so müde geworden, schließe ich an der Lausitzer Straße mein Fahrrad los und fahre zurück ins Büro. Hier ging er 15 Jahre los, mein Sommer, am ersten Juniwochenende, erinnere ich mich aller Feste hier, aller leuchtenden, elektrischen Nächte, die dieses Höllenjahr zerbissen, zerissen und weggeworfen hat, und uns bleibt nichts davon als Staub, Polizeieinsätze am Kottbusser Tor, das kurze Zögern, bis man sich dann doch umarmt, so zaghaft und vorsichtig, als seien wir so zerbrechlich wie das, was unser Leben war und unsere Stadt.

Adieu, mein Lieber, drehe ich mich noch einmal um. Bleib diesmal gesund und komm bald wieder.

Alles, alles gut

Ihre Weiße, sagt der Kellner, und ich strahle erst ihn an und schaue dann durch die smaragdgrüne Flüssigkeit in den Park. Es ist Hochsommer, ein geschenkter, falscher Sommer im September, und ganz Berlin liegt mit und ohne Bier auf Decken, spielt Ball oder greift auf Wandergitarren immer wieder dieselben Akkorde.

Ein paar hundert Meter abseits findet in einer Ecke des Parks gerade ein Kindergeburtstag mit Sohn F. als Gast statt. In zwei Stunden müssen wir ihn abholen, aber jetzt sitzen wir hier, trinken Bier, sprechen über alles und nichts und dann wieder über alles, und ich bin ein bisschen träge, weil ich gerade mit der lieben S. einen Zwiebelrostbraten gegessen habe und nun ungefähr 90% meiner Lebensenergie zum Verdauen brauche.

Auf dem Ententeich glitzert die Sonne, als sei die Welt in Ordnung, und ich versuche mit verhältnismäßig viel Erfolg, nicht an die Arbeit zu denken, die auf meinem Schreibtisch liegt. Gerade, spüre ich mir nach, ist alles im Lot. Der lange Nachmittag gestern mit den Freunden vor einer Pizzeria, Luftballons und Wein und plattenweise Antipasti. So viel gelacht wie in einem ganz normalen Jahr. Der Abend mit dem J. und dem F. im Cavallino Rosso, der extra einen Anzug angezogen hat und den ich viel öfter küssen möchte, als er es noch gern hat mit seinen acht Jahren.

Die lustigen Freundinnen in Nikolassee, die ich vor 15 Jahren vielleicht beneidet hätte um ihr fabelhaftes Aussehen und ihre fulminanten, völlig unwahrscheinlichen Abenteuer, aber von denen ich inzwischen so gern höre, weil es grandios ist, dass es das wirklich gibt, wenn auch nicht für mich. Der Kollege, der mir einen Geburtstag mit Lieblingskeksen und tollem Kuchen im Büro beschert hat. Weintrinken in Mitte, und wie gern hätte ich den Namen des Gewürztraminers nicht vergessen, um ihn gleich nochmal zu kaufen, aber vielleicht ist er ohne lange Sommernacht nicht halb so gut. Ach, und endlich einmal wieder zu einem Vortrag, nach Monaten ohne Veranstaltungen, über die ich nie nachgedacht habe, um sie dann 2020 so schmerzlich zu vermissen wie die Gemeinschaft, der man nicht gerecht wird, wenn man sie „Fachwelt“ nennt, weil auch sie am Ende mehr ist als das.

Nichts zu wünschen, sage ich dem J. oder ich sage es einfach so vor mich hin. Mögen an vielen Himmeln schwarze Wolken ziehen: Hier und heute ist meine Welt die beste aller möglichen Welten in diesem ganz und gar außerordentlichen Jahr. Es wird, ich weiß, nicht so bleiben: Aber heute um kurz vor fünf war alles, alles gut.

Sag alles ab.

„Geht’s dir gut?“, steige ich zur E. ins Auto, die sehr klein und ein bisschen verloren in ihrem Q 7 sitzt. „Mmmh.“, sagt die E. und ich schaue auf. Die E. ist die verkörperte Selbstbeherrschung, und was sie über irgendwas auf Erden denkt oder gar empfindet, merkt man normalerweise nicht einmal dann, wenn man stundenlang neben ihr sitzt.

An sich, denke ich mir und schaue auf der Beifahrerseite aus dem Fenster, hat die E. allen Grund, schon seit Jahren Tag für Tag laut aus dem Fenster zu brüllen oder sich ins Bett zu legen und nicht mehr aufzustehen. Sie arbeitet sich nicht nur einen Wolf. Ihre Mühen werden von ihrem Vorgesetzten entweder gar nicht zur Kenntnis genommen oder als reine Fleißarbeit abgewertet, als sei Fleiß für eine Steuerberaterin irgendwie doof. Ihr Sohn hat ein Hüftleiden, mit dem sie seit Jahren zweimal die Woche bei Physiotherapeuten sitzt. Weil derzeit das Therapiebecken nur mit einem Patienten auf einmal genutzt werden kann und deswegen bisher ganz ungewöhnliche Zeiten vergeben werden müssen, reißt sie zur Zeit ihren Sohn zu nachtschlafener Zeit aus dem Bett, der ihr dafür versichert, er hasse sie aus ganzem Herzen. Ihren Mann habe ich in den ganzen Jahren, seit ich sie kenne, nur ein paarmal kurz gesehen. Ich mag ihm unrecht tun, aber ich glaube, er ist ein bisschen mürrisch und nicht sehr hübsch. Ich glaube, an ihrer Stelle würde ich mit anderen, viel netteren und schöneren Männern ausgehen, aber so leichten Herzens und leichter Hände ist die E. nicht und wohl auch nie gewesen.

„Das wird schon wieder.“, sage ich und ärgere mich über mich selbst, weil das nicht die Worte sind, die ich sagen will. Pack deine Sachen und geh, würde ich ihr gern sagen. Sag alles ab oder geh einfach nie mehr hin. Miete dir eine Wohnung in einer anderen Stadt, nimm nichts mit als dein Kind und einen Koffer Kleider für die ersten drei Wochen. Such dir einen neuen Job, schick deinem Mann eine SMS und wirf dein Handy weg, denn du lebst, wie wir alle, nur diesen kurzen Lidschlag der Unendlichkeit, und wonach du jetzt nicht greifst, das wirst du nie gehabt haben, wenn es dunkel wird.

Aber weil man so etwas nicht sagt, sage ich gar nichts.

Wiederfinden

Es ist kalt. Das Thermometer zeigt 22° C, aber das ist alles Quatsch: Ich friere fürchterlich, außerdem versuche ich einmal mehr, weniger zu essen, wenn ich schon keinen Sport machen kann, deswegen bin ich zu alledem auch noch so ein bisschen latent schlecht gelaunt. Weil ich noch nicht wahrhaben will, dass der Sommer vorbei ist, habe ich leider nur ein Sommerkleid an. Also keins von den ganz dünnen, so ein blaues Spitzenkleid mit Unterkleid, aber keine Strumpfhosen und nackte Arme. Ich muss zu Uniqlo, beschließe ich nachmittags nach ein paar sehr kühlen Stunden am Schreibtisch. Ich kaufe eine Strickjacke.

Bei Uniqlo ist nichts los. Ich ziehe eine Strickjacke aus dem Regal, Merino, schwarz, V-Ausschnitt. Hinter der Kasse langweiligen sich zwei Verkäuferinnen. „Tüte?“, fragt die eine, ich verneine, und dann verschwinde ich aus dem leeren Laden und laufe zurück ins Büro. Auf dem Rückweg komme ich an an einem leeren Dekoladen vorbei, an einem ebenfalls leeren Geschäft für Unterwäsche, und vor den Restaurants ist auch nicht viel los.

Für die Geschäfte ist das alles übel, denke ich, und schaue den einsamen Verkäuferinnen zu, die hinter den Kassen ins grell dekorierte Nichts starren. Aber wer soll Tischdeko kaufen? Niemand lädt ein, und wer Gäste hat, zelebriert das nicht, sondern stellt so eher ein bisschen verschämt auf den Tisch, was er hat. Wer soll sich Kleider kaufen, überlege ich. In den meisten Büros passiert gerade immer noch viel online, da reicht, was man sowieso hat. Und Gelegenheiten, zu denen man sich ein neues Kleid kaufen möchte, gibt es auch keine: Niemand feiert seinen Geburtstag. Ich voraussichtlich auch nicht. Niemand verabredet sich, also so richtig mit Vorfreude und Was-zieh-ich-nur-an, und in die Oper geh‘ ich auch nicht.

Das kommt alles wieder, sage ich mir, und zähle die dunklen Monate. Ich habe viel zu viel zu tun, um mich ernsthaft zu langweilen. Ich könnte lesen, ich könnte Torten backen, Klavier spielen. Ich könnte einen Roman schreiben, in dem Leute alles erleben, was ich in echt nicht erlebe, nicht einmal ohne Pandemie. Aber vielleicht ist dann, wenn das alles vorbei ist, dieses Geschäft nicht mehr da und nicht jenes. Die Geburtstage zu lange vorbei, um sie nachzufeiern. Die letzten Verabredungen zu vergessen. Die Freundinnen zu lange nicht angerufen. Die Kleider im Schrank zu lange nicht getragen. Und wo ich mich weggelegt habe so lange her, dass ich mich kaum wiederfinden kann.