Mein Kind ist Instagram

Sie, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, wissen natürlich Bescheid: Diejenigen, die behaupten, Urlaub mit Kindern finde am besten am Ostseestrand statt, wollen Sie nur nicht da haben, wo sie selber sind. Machen Sie sich also auf, packen Sie Kind und Kegel zusammen und besuchen Sie prächtige Ausgrabungen, wenn Ihnen der Sinn danach steht. Zum Beispiel die hier in Paphos.

Glauben Sie keine Minute denjenigen, die Ihnen vorschwindeln, Ihre Kinder würden sich da langweilen. Kinder langweilen sich nicht. Die Fähigkeit zur Langeweile erwacht, glaube ich, erst mit ungefähr zwölf. Das Gegenteil ist nämlich richtig. Kinder sind Instagram: Ebenso, wie Instagram jede noch so alltägliche Szene intensiviert, Ihr ganz normales Alltagsleben mit Warten auf die U-Bahn und komischen Leuten in der Schlange vorm Bäcker aussehen lässt wie ein Film, in dem wahlweise Nina Hoss oder Gene Kelly gleich um die Ecke kommt, ebenso besitzt Ihr Kind die Fähigkeit, das ganze Leben zu dramatisieren, und damit meine ich nicht die Angst, dass es nicht rechtzeitig sagt, dass es mal muss.

Stellen Sie also Ihr Kind – etwa meinen dreijährigen F. – vor ein Mosaik. Man sieht rechts Apollon, links den Sartyr Marsyas und in der Mitte die Musen als Schiedsrichterinnen. “Was machen die da?”, fragt das Kind. Man deutet. Man erklärt. “Um die Wette!”, kreischt das Kind, und um bei dem Wettstreit zwischen leierndem Gott und flötenden Sartyr mitzumachen, verfällt es in einen lautstarken Gesang. Als es zuende gesungen hat, räuspert man sich, unterschlägt die Sache mit der abgezogenen Haut und behauptet, Apollon habe Marsyas mit ein paar Schlägen bestraft. Das reicht aber schon. Der Bub wird vor Empörung knallrot. Am liebsten würde er den Lichtgott bespucken, der ist aber zum Glück ziemlich weit weg. Unter unflätigen Beschimpfungen des Gottes zieht man ihn dann in den nächsten Raum. “Der Kuhkopf”, brüllt der F. freudig beim Anblick des Bodenmosaiks, denn den kennt er schon, und dann gruselt, streitet, freut und triumphiert er mit Theseus über den bösen Minotauros.

In den nächsten Tagen wird er im Hotelzimmer ein Labyrinth aus Stühlen und Papierkörben errichten und dann abwechselnd den Stierköpfigen und seinen Bezwinger verkörpern. “Stirb, elendes Ungeheuer!”, kann man ihn dann brüllen hören, wenn man selbst im Badezimmer sich die Fußnägel lackiert. “Kann ich dich bitte auffressen?”, röhrt das minoische Monster in des F. tiefster Stimmlage zurück.

Anders als Erwachsene sind Kinder offenbar auch nicht darauf angewiesen, dass man auf einer Ausgrabungsstätte irgendwas sieht. Ein Trümmerhaufen scheint zu reichen, und vor des F. Auge ersteht – denn hat man es ihm nicht gesagt? – eine prächtige Burg. Fränkische Ritter reiten, man hört die Pferde geräuschvoll wiehern, über die Zugbrücke, Schwerter werden gezückt, und dann kämpfen der Ritter F. und sein ebenfalls von F. verkörperter Antipode um ein ebenfalls unsichtbares großes Sparschwein. Seit der F. vor einigen Wochen im Rahmen einer Kinderführung im Deutschen Historischen Museum zum Ritter geschlagen worden ist, kennt er sich mit derlei Dingen ja ohnehin bestens aus.

In einem Fort sucht der F. nicht nur sofort die Gefangenen. Er wird sie auch finden. In einer Nekropole führt er lange Gespräche mit den lieben Verstorbenen. Am Felsen der Aphrodite baut er Türme aus den flachen Steinen und fragt neugierig nach, ob hier die “sssöne Frau aus dem Wasser gespringt” sei. Wenn man bejaht, springt er auch ein bisschen. Anders als fast jeder Erwachsene, den ich kenne, kennt er keinen Zustand der Gleichgültigkeit und des gepflegten Desinteresses. Er geht immer voll mit. Er weint um den abgestürzten Ikaros. Er bewundert den starken Herakles mit der großen Keule. Er fürchtet sich vor dem dreiköpfigen Höllenhund. Er kennt kein Grau in Grau. Er kennt nur Dramatik, starke Farben, große Gefühle. Der F. ist Instagram.

Versuche, eingelassen zu werden

Heute also keine Ausgrabungen. Zum Baden ist es aber auch zu windig. Für Ikonen, von denen sie hier in Paphos einige haben, interessieren sich aber weder der J., noch ich; überhaupt stehen wir beide mittelalterlicher Sakralkunst eher distanziert gegenüber. Das ist auch so ein Ding mit zunehmendem Alter: Früher, schon auf dem Hinweg leicht gelangweilt, aus Pflichtgefühl in jede Kirche gerannt, wissend genickt, Heilige erkannt oder auch nicht, irgendwas über den Altar erzählt, dann dreimal gegähnt und wieder ab. Heute gleich morgens beim Blick in den Reiseführer abgewinkt. Wenn es stimmt, dass Kinder aus schierer Lust an der Revolte immer das Gegenteil von Mama und Papa machen wollen, wird der F. seine Tage damit füllen, über gotische Kathedralen nachzudenken.

Stattdessen also in die Altstadt von Paphos. Cafés stellen wir uns vor, kleine, hoffentlich hübsche Lädchen, im besseren Fall mit schönen Kleidern, Schuhen, Wein und Käse, im schlechterem mit abscheulichem, knallbunten Kunsthandwerk. Ich finde ja nicht nur Kirchen öde, ich mag auch weder Glasobjekte noch Töpferwaren. Holzschnitzereien, Lederwaren und Schmuck sind okay.

Also ein Taxi bestellt, taxifahrerliches Begehren abgewehrt, gleich die Rückfahrt mitzuverabreden. Acht Euro bis zur Markthalle, in der es allerdings ausschließlich Souvenirs und diesen Trödel, den man weltweit Touristen andreht, zu kaufen gibt. Teilweise gibt es sogar dieselben Gegenstände wie in Thailand, nur mit Olivenzweigen statt mit Elefanten. Teilweise haben die Anbieter aber selbst diese Modifikationen gespart und verkaufen auch auf Zypern Minielefanten mit Räucherstäbchen im Rüssel und die gleichen falschen Portemonnaies wie in Asien. Der lokale Gemüsehandel findet wegen des offenkundigen Primats des Andenkenhandels vor der Markthalle statt.

Wir wollen keine Elefanten kaufen. Wir halten Ausschau nach der Innenstadt. Rechts sehen wir eine Moschee, links eine Kirche. Kurz werden wir bei diesem Anblick müde, gähnen beide herzlich, dann wenden wir uns nach rechts und laufen die Straße entlang. Irgendwo muss hier die paphische Innenstadt sein, stattdessen finden wir aber nur ein halbes Dutzend Schuhgeschäfte, die irgendwie unbehaust wirken, so, als würde hier nicht nur jetzt gerade keiner einkaufen, sondern überhaupt nie wieder jemand das Geschäft betreten. Als wir die Schuhgeschäfte passiert haben, kommen wir zu Optikern, die aus irgendeinem unnennbaren Grunde genauso wirken. Gerechterweise muss man zugeben: An den Auslagen liegt es nicht, die sind in Ordnung.

Die Hälfte aller Läden ist leer. Ich denke nach. War da nicht was, Rettungsschirm, Rettungsauflagen, und ist vielleicht sozusagen und zugegeben umstrittenerweise Angela Merkel schuld an wirtschaftlichem Niedergang und Verfall? Oder ist hier etwa gar nicht die Innenstadt, und an einem andernorts gelegenen Platz befinden sich die belebten Boutiquen, angefüllt von einem geschäftigen Rascheln aus Seidenpapier und dem zufriedenen Klacken von Absätzen auf gut gepflegtem Marmor? Wir kehren also um.

An der nächsten Kreuzung bleiben wir stehen. Geradeaus stehen ein paar amtlich wirkende Gebäude. Schräg links sehen wir eine Tankstelle und ein paar Schilder, denen zufolge man hier die Stadt verlassen kann. Auf der Ecke befindet sich eine hübsche Weinbar, Tische vor der Tür unter einer Markise, die steuern wir an. Da sitzen wir also und der Verkehr donnert links an uns vorbei.

Der F. und der J. teilen sich ein Clubsandwich. Der F. trinkt Apfelsaft, der J. ein tröstendes Bier, und ich sauge durch einen mattschwarzen Strohhalm einen Orangensaft ein. Um die Ecke, nur fünf Minuten entfernt, befinde sich der Zoo, behauptet die freundliche Kellnerin auf Anfrage, und wir lassen aufatmend den Plan fallen, die Innenstadt zu suchen. Die gebe es vielleicht auch gar nicht, behauptet der J., der bei der Googlebildersuche nichts gefunden haben will. Ach so, sage ich und schaue im Internet nach, was es im Zoo für Tiere gibt.

Als wir uns etwas später noch einmal mit der Kellnerin unterhalten, nimmt die freundliche Kellnerin alles zurück. Der Zoo sei nicht hier, sondern ganz woanders. 25 Minuten sei das weg mit dem Auto. Ein Auto haben wir aber nicht gemietet, wegen des Linksverkehrs, vor dem wir uns fürchten, und deswegen geben wir auch dieses Vorhaben auf. Kurz spähen wir in die letzte noch nicht begangene Richtung und schauen in leere Friseursalons und unbelebte Bars. Dann fahren wir ins Hotel zurück.

Morgen besser wieder Ausgrabungen.

Lob der Großmutter

“Aber gar nicht!”, wehrt meine Mutter letzten Mittwoch entrüstet ab. Der F. gehe jeden Abend um acht schlafen, sage immerzu “Guten Tag!”, “bitte” und “dankeschön”, sei sogar zu den Nachbarn nett und gehe zuverlässig auf die Toilette. Jetzt aber müsse sie das Telefonat beenden. Der F. wolle nämlich unbedingt noch abtrocknen, bevor das Sandmännchen beginnt. Ganz kurz spricht mein Dreijähriger auch noch mit mir. Er habe im Garten Unkraut gezupft und die Vögel gefüttert, wird mir berichtet. Dann ist das Gespräch zuende. Der einwöchige Aufenthalt bei meinen Eltern erweist sich als voller Erfolg.

Mir schwirrt der Kopf. Was hat sie – denke ich angestrengt nach – was ich nicht habe? Warum geht mein Sohn bei meiner Mutter pünktlich ins Bett und turnt nicht bis 22.00 Uhr putzmunter und unaufhörlich plappernd durch alle Räume? Wieso ist er, wie man mir berichtet, bei den Großeltern zuverlässig trocken, räumt allabendlich auf und isst seinen Teller leer, inklusive Blumenkohl und Tomatensalat mit roten Zwiebeln? Versprechen ihm die Großeltern Schokolade? Drohen sie ihm mit einem kinderfressenden Monster? Beide Methoden halte ich in Anbetracht meiner jahrzehntelangen Vertrautheit mit ihrem Instrumentarium der Kindererziehung für eher unwahrscheinlich, aber gutes Zureden allein hilft zuhause doch auch nicht. Oder – dies allerdings würde mich schon sehr bekümmern – allein die natürliche Autorität meiner Mutter reicht aus, die Wunder zu vollbringen, an denen ich zuhause regelmäßige scheitere.

“Raus mit der Sprache!”, fordere ich meine Mutter deswegen am Samstag auf, als ich den F. abhole. Meine Mutter mauert. Oder sie weiß es wirklich nicht, und auch der F. weiß über das Geheimnis des perfekten Kinderschlafs nicht mehr zu berichten, als dass er bei der Oma immer abends so müde gewesen sei. Vielleicht war es der ganztägige Aufenthalt im großmütterlichen Garten. Oder sie hat ihm doch etwas in den Kakao getan.

“Du hast bei der Oma auch immer das Musterkind gegeben.”, kommentiert meine Mutter mein Erstaunen. Es sei quasi so eine Art Naturgesetz: Großmütter lieben Enkel, unbelastet von Alltagsbeschwernissen, eiligen Morgenstunden und verlegten Brotdosen. Enkel revanchieren sich für diesen Sack voll Zuneigung durch Wohlverhalten, beiderseits erleichtert durch den Umstand, dass man sich ja nicht ständig, sondern nur ab und zu sieht. Nützlich sind die guten Tipps der Großmutter deswegen für die Mutter des daheim so schlecht schlafenden, tageweise nur nudelessenden Knaben, der niemals aufräumt, eigentlich nicht. Es sei denn: Für ihr späteres Leben. Als Großmutter nämlich.

Bugs like us

“So ein Quatsch!”, schüttele ich den Kopf. Mein Gegenüber wiegt sorgenvoll den Kopf. Man könne alles Mögliche falsch machen, so als Mutter, und dann hätte das Kind lebenslang einen Knacks. Also zu früh abgestillt, oder einmal zu viel negatives Feedback gegeben, und dann lebenslang Komplexe mit allem drum und dran. Ich weise das energisch zurück: Meiner Erfahrung nach ist die menschliche Spezies robuster als Kakerlaken und Ratten zusammen. Bis da einer wirklich Schaden nimmt, muss Einiges passieren.

Nehmen wir nur einmal die Ernährung. Als ich so circa fünf war, hielt man Kalte Platten für ein richtig gutes Essen. Oh, und erst die vielen Sonntag im Akropolis, weil wieder keiner Lust hatte, zu kochen. Die Nudeln mit Tomatensauce aus Tomatenmark mit Brühe. Die giftgrünen Granny Smith, tagelange Müsli-und-Brot-Diäten, weil meine Eltern gerade viel zu tun hatten, und das Jahr, in dem meine Mutter ein Aufbaustudium absolvierte, und zur Überbrückung der hierdurch bedingten Ernährungsschwierigkeiten eine wirklich hohe Kühltruhe Monat für Monat mit Fertigmahlzeiten von bofrost füllte. Nach dem Jahr und der damit verbundenen Prüfung kehrten wir zu einer halbwegs normalen Ernährung zurück. Schäden durch dieses nach aktuellen Maßstäben eher unkonventionelle Vorgehen? Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe keinerlei Allergien, außer gegen Steinfrüchte. Ich bin verhältnismäßig gesund, wiege zumindest nach medizinischen (wenn auch nicht persönlichen) Maßstäben normal viel und esse meistens selbstgekocht, gut und halbwegs ausgewogen. Es scheint also nicht geschadet zu haben. Ebenso geht es den meisten meiner nachweislich nichtgestillten Freunde prächtig, trotz des Milchpulvers und der frühen Auswilderung aus den elterlichen Schlafzimmern ins Dunkel des Kinderzimmers, meistens schon als Säugling. Pekip war da auch noch nicht erfunden.

Mit negativem Feedback und fiesen Erziehungsmethoden sieht es ähnlich aus. Meine Familie hält insgesamt mit ihrer durchaus tendenziell eher kritischen Meinung über eigentlich alles selten hinterm Berg. Meine Grundschulzeit war unerfreulich. Von den negativen Folgen, die die aktuellen Erziehungswissenschaften mit schwarzer Pädagogik verbinden, insbesondere Unlust und Verweigerung, ist jedoch eigentlich nichts eingetreten. Für die meisten mir bekannten Generationsgenossen gilt dasselbe. Klar, man hätte sich als Schulkind weniger langweilen können, und nicht jeder Lehrer war an jedem Tag gerecht. Vermutlich hätte es einem diverse unangenehme Stunden erspart, wenn die Menschen um einen herum sich mehr bemüht hätten. Doch Schaden habe ich nicht erlitten: Man sagt ja, Kinder würden die Lust verlieren, wenn man sie scharf kritisiert und so entmutigt. Vermutlich überschätzt man damit grenzenlos den Einfluss, den Erziehung überhaupt hat. Man kann Kinder vermutlich durch überhaupt keine persönliche Kritik, sei sie, wie sie sei, davon abhalten, sich für irgendetwas zu begeistern. Menschen mögen nun einmal tolle Geschichten über Götter, Könige und Revolutionen, sie verfügen über einen grenzüberschreitenden Mitteilungsdrang, sie lieben die Üppigkeit der Musik und die strenge Schönheit der Mathematik und sie wollen alles wissen und erobern. Einfach nur so, ohne dass das was mit Lehrern zu tun hätte. Weil es geht, nicht weil jemand kommt, und es anregt.

Wahrscheinlich finden Pädagogen diesen Befund deprimierend, weil sie glauben, dass es ihre Arbeit entwertet. In Wirklichkeit ist wahrscheinlich noch nicht einmal das der Fall, weil es einen Eigenwert hat, Kindern die Tage zu verschönern, die sie Erwachsenen ausgeliefert sind. Auf jeden Fall aber ist diese Erkenntnis geeignet, Eltern zu beruhigen, denn offenbar sind Menschen unverwüstlich. Man soll zwar freundlich zu ihnen sein. Man soll sich so verhalten, dass sie schöne Tage haben, keinen Grund, sich zu beschweren, und natürlich sind Gerechtigkeit, Großzügigkeit und Humor auch gegenüber sehr kleinen Leuten Vorzüge, an die man sich an anstrengenden Tagen erinnern sollte. Doch sollte es einmal nicht hinhauen, sollte das Baby nachts so nerven, dass man es in ein anderes Zimmer legt und schlafen geht; nicht stillt, weil man keine Lust dazu hat oder eine Brustentzündung; das Kind einmal wochenlang aus der Pizzeria an der Ecke versorgt; hässliche Bilder als solche bezeichnet oder nur jede dritte Frage beantwortet: Dann muss man sich trotzdem keine Sorgen machen. Menschen sind nämlich nicht kleinzukriegen. Und Eltern – auch das beruhigt – nicht halb so wichtig, wie die meisten meinen.

Pharmaverstörung

Freitagmorgen. Ich steuere die Apotheke um die Ecke an. Meine Schilddrüsentabletten …? Ausverkauft. Leicht belämmert ziehe ich ab. Die letzte Tablette ist mir nämlich schon vorgestern ausgegangen, und wenn ich nicht spätestens heute eine Tablette bekomme, werde ich um zwölf müde, um drei depressiv und um sechs wächst mir ein Kropf. Also nicht direkt ins Büro, sondern zur nächsten Apotheke. Aber auch hier: Fehlanzeige.

In der dritten Apotheke geht mir ein Licht auf: Ich schiebe nicht einfach das Rezept auf den Tisch, sondern frage nach. Ein “wirkstoffgleiches Medikament” ist das Zauberwort. Langsam und zögernd nickt die Frau auf der anderen Seite der Theke. Ja, da habe sie etwas da.

Ich bin begeistert. Die Odyssee ist zuende, der Tag kann beginnen, schon wühle ich in meiner Tasche nach Rezept und Portemonnaie. “Aber …”, setzt da die Apothekerin an, und ich schaue auf. Sie könne das nicht empfehlen, nickt sie mehrfach nachdrücklich, und ich starre sie verstört an. In den nächsten fünf Minuten ergießt sich auf mein verschlafenes Haupt eine Rede, ach was, ein Rundumschlag gegen meine naive Ansicht, identische Wirkstoffe würden auch dasselbe bewirken. Dass die Trägerstoffe eine gewisse Rolle spielen, leuchtet mir dabei sogar noch halbwegs ein. Dass ich aber Probleme wegen der unterschiedlichen Darreichungsform hätte, weil die einen Tabletten einen Spalt, die anderen aber keinen hätte, oder mich die unterschiedliche Farbe der Blisterpackung verwirrt: Das lasse ich dann doch nicht auf mir sitzen. Beharrlich verlange ich nach dem Medikament.

Jetzt wird die Apothekerin richtig wild. Die Politiker sind dran, denen die Patienten nämlich egal sind. Die denken nur ans Geld. Gespart wird auf Kosten der armen Leute, die dann reihenweise wegen verwechselter Pillenpackungen an Vergiftungen verenden. Dazu wisse jeder, der auf seinen Bauch hört, dass Medikament halt nicht Medikament sei, dass man nicht einfach das eine gegen das andere austauschen könne. Da sei nämlich mehr im Spiel, als die hohen Herren – irritierenderweise zeigt sie mit dem Finger tatsächlich nach oben, als tage der Bundestag seit Neuestem irgendwo in den Wolken über Berlin – so mitbekämen.

“Ja.”, antworte ich in sant beschwichtigendem Tonfall. Ich wolle es jetzt gleichwohl erst einmal versuchen. Unwillig dreht die Apothekerin sich schroff um stampft nach hinten hinter ihre Regale. Das Medikament wirft sie mir förmlich auf den Tresen. Doch noch gibt die Apothekerin nicht auf. Ob ich es schon einmal mit Globuli versucht hätte? Bei Schilddrüsenunterfunktionen sei das oft das Beste, besser als die ganze Chemie (kurz öffne ich den Mund, um ihn sofort wieder zu schließen), dabei hebt sie kurz ein Röhrchen hoch. Ich schüttele den Kopf.

Dass sie das Wechselgeld nicht vor mir auf den Boden schleudert, ist aber auch alles. Ich bekomme mein Medikament, mein Geld, dann dreht sie sich um und geht. Auch ich wende mich zur Tür. Im Verschwinden höre ich sie noch ein “Wiedersehen!”, ausstoßen, gefolgt von einem halblauten “Sie glauben der Pharmaindustrie aber auch alles!”.

 

Vorübergehn der Stäbe

Oje, denke ich wie immer im Raubtierhaus und sehe den Tigern zu, die in winzigen, gekachelten Badezimmern nicht unähnlichen Gehegen auf einer Art Regal liegen oder unruhig hin und her streichen. Naiv schimpfe ich mich im selben Atemzug, denn selbst im ökologischen Kuhstall haben die Rinder weniger Platz, und auch ein Hauskaninchen würde sich ein solches Verhältnis von verfügbarem Raum zur eigenen Körpergröße wünschen.

Das Bessere, schießt es mir in der nächsten Sekunde durch den Kopf, ist aber noch lange nicht gut, und wünsche dem Tiger auf dem kleinen Bänkchen nun doch von ganzem Herzen einen grünen Dschungel und eine herrliche Jagd auf echte, lebende Tiere. Doch ginge es – biegt der Gedankengang noch einmal um die Ecke – dem Tiger im Wald wirklich besser? Ersetze ich so nicht eine Vermenschlichung durch eine andere? Überhöhe ich nicht die Freiheit als ein im Kopfe des Tigers ganz und gar nicht existentes Konstrukt, und der Tiger fühlt sich nicht schlechter als meine Katze daheim in Sicherheit und Wärme bei gutem Essen und frischem Wasser?

Halbwegs versöhnt mit dem Schicksal des Tigers gemessen am Elend seiner wilden Vettern, zu denen bei Krankheit kein Tierarzt kommt, und die nicht selten hungrig bleiben, verlasse ich das Tigerhaus. Einen letzten Blick werfe ich in der Tür zurück, und für einen Moment sehe ich dem Tiger direkt in die Augen. Hilf mir hier raus, könnte er sagen. Oder auch: Komm, lauf davon. Vielleicht aber auch nur: So fremd sind wir uns wie entlegene Sterne.

Metamorphosen

Bin ich alle. Im Ernst, so erschöpft, wie ich gerade bin: Da könnten sie woanders eine ganze Klinik mit ausstatten. So viel Erschöpfung, da könnte ja so ein ganzer Hofstaat, ach was, ein ganzer Zwergstaat, in einen hundertjährigen Schlaf fallen, und ganz bestimmt wacht da keiner auf, nur weil ein lausiger Prinz in eine Dornenhecke reitet.

Sie – ich sehe es Ihnen an – tippen nun bestimmt auf meinen Beruf. Da liegen Sie aber daneben. Also, wenn ich meinen Beruf nicht hätte, wo ich zumindest ab und zu in aller Ruhe auf meinem Stuhl an meinem Tisch sitzen darf und schweigend Kaffee trinken kann, dann wäre es nämlich gleich morgen mittag ganz zu Ende mit mir. Quell dieser Tiefenerschöpfung ist vielmehr in Wirklichkeit mein Kind. Der F.

Dabei macht der F. gar nichts Besonderes. Der F. ist freundlich, er macht nichts kaputt, er bekommt keine Wutanfälle, er ist weder zurückgeblieben noch hochbegabt, so dass er auch keine besondere Förderung benötigt. Der F. ist ein frischgebacken Dreijähriger, der seinen Bär liebt und gern singt, Kopffüssler malt und in seiner Kinderküche Nudeln zubereitet. Nur seine Phantasiedrüse produziert irgendwie mehr und schneller als die von anderen Leuten, und die daraus resultierenden Metamorphosen: also, Ovid ist gar nichts dagegen. Da wird vielleicht einmal (einmal!) aus einem Gott ein Stier. Ich aber, ich habe ein Kind, das war erst vor zwei Stunden Rotkäppchen. Weil er einen Korb gesehen hatte, der musste einfach Rotkäppchen gehören. Und dann hat er ein langes Telefongespräch mit meiner Mutter über Wölfe geführt. Der gefährlichste Wolf, ich hab’s genau gehört, wohnt übrigens in der Wand zwischen unserem Wohnzimmer und der Bibliothek.

Kurz nach der Verwandlung in Rotkäppchen war der F. dann ein Fisch. Kiemenatmung, Schuppen, alles dabei. Ich mutierte gleich mit, wurde zum größeren, dickeren Fisch, und der F. zwang mich, auf dem Badewannenrand mit dem iPhone in der Hand laut “blubb, blubb” zu machen. Ich kenne das schon. Letzte Woche war ich auch schon mal Fisch. Also fast. Genauer gesagt: Seepferdchen. Da musste ich wiehern und Seegras essen. Auf meinem Rücken im Pool saß der F. als kleines Seepferdchen und prustete mir fröhlich in den Nacken.

Freitag waren der F. und ich dagegen Bienen. Eine kleine Verstimmung trat ein, als ich auf dem Weg in die Kita nicht bereit war, mit den Flügeln zu schlagen und laut zu summen, aber da tauchte immerhin der E. auf, des F. bester Freund, der seine Rolle als Biene besser ausfüllte als ich. Als Bärengroßmutter, Bärenmutter (der F.!) und Bär (aus Plüsch) haben wir inzwischen sogar schon einige Routine und sind richtig gut. An Morgen, an denen der F. Bär ist, gibt es zum Beispiel immer Honig.

Als Reh war ich sogar in der Vorstellung des F. eine Fehlbesetzung. Und als Hund weigerte ich mich, beim Bäcker zu bellen. Ich bin auch nicht gern Seppl, auch wenn der F. einen Superkasperle gibt, aber das macht der E. sowieso so unvergleichlich gut, dass ich höchstens zu Hause mal den Seppl markieren muss. Ab und zu bin ich Mama Krokodil, aber das ist ziemlich langweilig und schon deswegen nicht besonders erschöpfend. Man muss nur auf dem Boden liegen und, wenn jemand vorbeikommt, schnappen.

An und für sich sind die meisten dieser Metamorphosen, wenn ich es recht überlege, nicht besonders anstrengend. Nur in Summe, da macht mich dieses ständige Hin und Her jetzt doch irgendwie fertig. Fell sprießen lassen, dann Fell wieder ab. Kriechgang, Sprünge, Schleichgang. Ab und zu sogar als völlig unbelebte Masse: Das ist man, halten zu Gnaden, schließlich gar nicht mehr so richtig gewöhnt.

Alles in allem: Eine anstrengende Phase. Ich hoffe, das wird bald besser. Ich habe mir sagen lassen, später muss man da nicht mehr immer mit. Ältere Kinder gehen ja auch allein in die Schule. Und noch ältere gehen bisweilen gar nicht mehr. Auch ich setze auf jene Jahre, in denen der F. allein vor sich hin morpht. Also so vom Liberalen zum Marxisten und zurück. Grüne Haare, alles ab, Vollbart. Maler, Straßentheater, Studienrat oder doch Richter am Verwaltungsgericht Jena. Da muss er dann allein durch. Ob das für mich allerdings wirklich entspannender wird: Man wird sehen.

Nicht hier, nicht dort

Oje, denke ich und schlendere, die Hände in den Taschen, über den nassen Sand, den Kindern hinterher. Der J.2 erzählt von seinem neuen Job, jeden Tag im selben Büro, und hört sich ein wenig so an, als trauere er dem Beraterleben doch durchaus hinterher. In Gedanken zähle ich die Jahre, die er aus dem Koffer gelebt hat. Montag morgen nach Tegel, Donnerstag Abend zurück, Freitag Office Day und zwei Tage zu Hause: Die meisten Leute macht das auf die Dauer krank und einsam, aber er mochte diese ganz besondere Form der Abwesenheit über fast zehn Jahre, und findet sich im neuen Leben offenbar nicht so ganz mühelos zurecht.

Ob es das Leben im Hotel war, frage ich mich. Dass man nicht abwaschen muss, und die Abwesenheit von zu viel Besitz um einen herum. Dass man morgens sein Frühstück einfach vorfindet. Oder ob es die Leute waren. Dass man immer nur Kollegen und kaum Familie oder Freunde um so hat, und deswegen sehr selten die Zumutungen der Nähe an einen herangetragen werden. Das Sich-verhalten-müssen. Die Pflicht, wirkliche Gespräche führen zu müssen und nicht nur einfach so etwas zu sagen. Der J.2 ist ein kluger, sensibler Mensch, um so schwerer diese beständige Last, auf der Emotionalitätsskala immer die zehn ansteuern zu müssen, und es nicht bei der vier belassen zu dürfen.

Oder es war nichts davon. Keine Bequemlichkeit, weder in den täglichen Dingen noch emotional. Vielleicht war es schlicht so eine Freude an der Unsichtbarkeit, am Hier-wie-dort-sein, an der Beweglichkeit, die über Jahre – ich glaube, fast zehn – dazu führt, dass man nie wirklich irgendwo ist, sondern wie ein Läufer auf einem lange belichteten Bild nirgends wirklich und überall zugleich, ein farbig-rotierender Schatten, Wolken am stürmischen Himmel, und nun, des Wirbelnd beraubt, verdammt zur Sichtbarkeit und – wenn mich nicht alles täuscht – schon ein ganz klein wenig gelangweilt.

So eine Art Nirwana

Nein, sage ich. Wandern, Ruinenstädte. Tauchen, Skifahren: Alles ganz schön. Aber nicht das, was ich gerade suche. Mir wird schon ganz anders, wenn ich daran denke, mich in einem Bus durch Südostasien mit den beiden anderen Touristen und dem einzigen Einheimischen, der englisch kann, stundenlang über Islamismus und amerikanische Fernsehserien unterhalten zu müssen. Oder irgendwo nach dem nächsten Zug in die Hauptstadt zu fahnden, der möglichst so rechtzeitig kommt, dass ich meinen Rückflug noch erreiche. Auf der anderen Seite habe ich für die putzmuntere Aufgekratztheit eines Strandhotels in einem Badeort auch keine Nerven.

In einem gediegenen Hotel mit Brokatvorhängen und goldenen Posamenten: Wie anstrengend die vorsichtig genervten Blicke der anderen Gäste auf mein Kind. In einem kinderfreundlichen Hotel: Nicht auszuhalten, die quietschbunten Farben und die omnipräsenten Grinsebärchen. Mit anderen Frauen, die Kinder haben, auf einem Spielplatz  sitzen und lange Gespräche über Kitaqualität und Mittagessen irgendwo auf der Welt zu führen, muss ich auch gerade nicht haben. Ich würde gern schweigen.

Irgendwo in einem dezent beleuchteten Raum auf einem sehr sauberen Laken liegen, leise Musik, vielleicht Bach oder Händel. tagsüber 22°, nachts 18°. Fisch, weißes Fleisch, feine, filigrane Speisen. Kein Kaffee, kein Alkohol, kein Knoblauch, überhaupt wenig Gewürze. Möglichst wenig Menschen sollten anwesend sein, vielleicht Roboter, wenn möglich. Aber nur, wenn die vollständig lautlos funktionieren und nicht etwa nervtötend piepsen. Die anderen Gäste, so es sie denn gibt, ebenfalls ruhig, leise Stimmen. Bademäntel in weiß oder cremefarben. Nachmittags ein bisschen Gebäck und grünen Tee. Schwachduftende Blüten. Keine Uhren, nur ein kleines, silbernes Glöckchen, das zu jeder vollen Stunde leise klingelt, damit man weiß, wann es Essen gibt. Die Mahlzeiten würde ich auf dem Zimmer einnehmen und das Tablett danach vor die Tür stellen, damit der Roboter nicht reinkommen muss.

Ich würde eigentlich überhaupt nichts machen, nur ein bisschen lesen. Natürlich nichts Aufregendes, vielleicht ein bisschen Lyrik. Rilke oder so. Keine Romane. Den größten Teil des Tages schaue ich aus dem Fenster auf den menschenleeren Strand und das Meer. Nachmittags ein schweigender Spaziergang, den F. an der Hand.

(Nächste Woche immerhin: Drei Tage Ostsee.)

Eisenstein in Guanajoto

Auf dem Heimweg wird es kalt. Vielleicht ist es auch gar nicht wirklich so kalt, vielleicht ist es nur der Gegensatz zwischen dem knallbunten, hitzigen Mexiko in Peter Greenaway’s Eisenstein in Guanajoto, aber ich ziehe mir auf dem Weg zur M 4 fröstelnd die Pashmina etwas höher und vergrabe die Hände tief in den Taschen. So heiß wie in Mexiko wird es hier nie.

Ich mochte den Film bestimmt eine ganze Stunde lang, weil ich Eisenstein mag und weil ich es mag, wenn sich ein Film traut, mehr als nur ein Guckkasten zu sein, und das Kunterbunte macht mir außerdem Spaß. Irgendwann in der zweiten Hälfte hatte Greenaway mich dann verloren, weil mir erst von den vielen Kreisfahrten der Kamera ein klein wenig übel wurde, und weil auf einmal dann doch das Clowneske der Darsteller das Menschliche überwog, und ich mir nicht vorstellen konnte, dass auch sie bluten, wenn man sie sticht.

Ein wenig manieriert schleppte sich der Film durch die Mittellagen, und als ich am Ende mit der J. vorm Kino stand, war ich mir nicht sicher, was ich über den Film denken sollte, ob ich ihn eher empfehlen oder eher vor ihm warnen sollte, oder es eher bedauern sollte, dass von all den großen Gefühlen, den Siegen und den Niederlagen, von all dem Feuer am Ende der Moderne nur ein paar Schlacken bleiben, die bisweilen ein wenig funkeln, nimmt sie einer noch einmal für eine Stunde des Spiels in die Hand.