Bingo

Ich bin ja an sich eigentlich ganz friedlich. Ich warte ziemlich lange ruhig vor Schaltern ab, wie die Leute vor mir sich umständlich beraten lassen. Musiker in der U-Bahn hasse ich zwar, aber wenn einer kommt, konzentriere ich mich auf die Werbung an den Fenstern. Sogar mein Zeitungslesen bleibe ich halbwegs ruhig. Nur die Passwörter: aber hören Sie selbst:

Ich sitze also vorm Rechner, und dann heisst es: Ihre Authentifizierung ist leider nicht möglich. Oder auch: Ihr Passwort ist leider nicht bekannt. Da sitze ich dann. Totale Leere im Hirn. Ich hätte geschworen, das Passwort lautete schon immer “Bingo”. Aber auch bei der dritten Eingabe verhöhnt mich das Gerät und behauptet, von “Bingo” hätte hier keiner je was gehört. Ich probiere ein bisschen herum. “Bingo1977″. “bingo”. “Bingobingo”. Ich bin mir sehr sicher, das Gerät lacht. Oder ist es der Gott des Netzes selbst, der auf einer watteweißen cloud sitzt und hämisch kichert?

Irgendwann kapituliere ich. Aber war das wirklich ich, die diese Sicherheitsfragen eingegeben hat? “Wo haben sich deine Eltern kennengelernt?” – Ja, was weiß denn ich? War ich dabei? Und wieso geht meine Mutter nie ans Telephon, wenn man sie am dringendsten braucht? Und warum soll die Antwort auf “Wie hieß dein erstes Haustier?” nun auch falsch sein? ich werde doch noch wissen, wie mein Hund … nein. Gut. Vorbei.

An meine Alternativadresse lasse ich mir einen Link für ein neues Passwort schicken. Ich klicke. “Ihr neues Passwort” lese ich, schon wieder halbwegs hoffnungsfroh. “Bingo” gebe ich. “Bingo” ist aber falsch. Ich muss Zahlen, Sonderzeichen und Groß- wie Kleinbuchstaben eingeben. Ich verzweifele. Wie soll ich mir “Bingo::4711″ jemals merken? Ich notiere “Bingo ::4711″ in meinem Schlüsselbund, der aber auch ein Passwort wissen will. Das steht zum Glück verbotenerweise in meinem Handy. Aus Geheimhaltungsgründen unter “Onkel Schorsch”. Mein gleichnamiger Onkel ist zwar schon seit Jahrzehnten tot, aber das wissen die Leute, die irgendwann mein Handy klauen, ja hoffentlich nicht.

Die nächsten drei Monate ist Ruhe. Dann bin ich zwei Wochen weg. Urlaub, Ende der Welt. Kein Bedarf für “Bingo::4711″, und prächtig gelaunt, strahlend und gebräunt sitze ich wieder vorm Rechner. Da. Schon wieder. Mein Passwort ist nicht bekannt.

“Bingo:4711″ gebe ich drei-, vier-, fünfmal ein. Ich bin mir sicher, dass Passwort ist richtig. Im Schlüsselbund steht es doch auch. Das Internet macht sich lustig über mich. Käme in diesem Moment einer und würde mir eine Authentifizierung per Daumendruck anbieten: Ich schickte den ganzen Datenschutz zur Hölle und sagte einfach ja. Statt dessen: “BinGo&1918″. Sechs Monate später: “BINgo=5689″. “bIn=Go43″. “bin3$GO4″. “b-i/N9GO”

Komisch, dass nicht viel mehr Rechner aus Fenstern fliegen.

 

Samstagnacht

“Machst du ein Bild von uns?”, zupft mich auf der Oberbaumbrücke ein Mädchen am Kleid und hält mir ihr Handy entgegen. “Klar.”, rücke ich das Mädchen mit ganz glatten, langen, schwarzen Haaren und ihren supermageren Freund mit Hut in die Mitte des Bildes, hinter ihnen den Fernsehturm und die schwarze, spiegelnde Spree.

Ein paar Meter weiter singt ein Junge mit einer Gitarre, zwei sehr junge, sehr dünne Mädchen klatschen in die Hände, und die Nacht schwappt in heißen Wellen durch die Straßen der Stadt. “Das sieht gut aus!”, lobt das Mädchen ihr Bild, und ihr Freund nickt mir beifällig zu. “Wo geht man denn hier noch so hin?”, fragt sie mich, und fast fühle ich mich geschmeichelt, dass irgendwer auf Erden mir noch zutraut, ich wüsste Bescheid.

Jeder Laden meines Lebens hat seit Jahren dicht, liegt es mir auf der Zunge, aber dann nenne ich doch ein paar Namen und fahre langsam nach Norden. Ins Bett.

Madame antwortet

Frau Nuf hat gefragt. Ich antworte:

Was haben dich deine Kinder gelehrt?

Die meisten Mütter behaupten, seit der Geburt ihrer Kinder seien sie viel gelassener geworden und würden nicht mehr alles so ernst nehmen. Die müssen irgendwie anders gestrickt sein als ich. Ich kann mich bis heute innerhalb von fünf Minuten von so einer Art Buddhistin in einen betrunkenen Torero und dann in ein sehr schüchterne Dreizehnjährige verwandeln, die nicht weiß, wohin mit ihren Händen. Ich bin nämlich nicht der Jakobsweg, sondern mehr so die Achterbahn. Mit schlecht angezogenen Schrauben. Geburt und Aufzucht des F. haben daran auch rein gar nichts geändert.

Möglicherweise habe ich vom F. also gar nichts gelernt. Wickeln, kochen, Frösche imitieren und Puzzlen konnte ich nämlich auch schon vorher. Höchstens – aber vielleicht ist das doch nicht das Geringste – ist eine Erkenntnis hängengeblieben: Normal reicht. Ich wollte immer “A Life Less Ordinary”, und eine Durchschnittsperson zu sein oder zu werden, hat mich immer frustriert. An manchen Tagen wäre ich nach wie vor gern eine begabte Schriftstellerin, wunderschön oder zumindest Hauptperson eines sehr interessanten Dramas. Nur für den F. gilt das alles nicht. Der ist total normal und genau richtig. Er kann ratzekahl überhaupt nichts, was nicht die allermeisten gesunden Zweijährigen beherrschen. Er ist fröhlich, verfressen, verspielt, oft unfreiwillig und bisweilen absichtlich komisch. Er ist weder hochbegabt, noch hypersensibel. Er hat auch keinen sonstigen physischen oder psychischen Besonderheiten, die ihn aus der Masse seiner Altersgenossen herausheben, aber ich habe ihn noch nie auch nur einen Deut anders haben wollen, als er ist. Er ist normal toll. Diese beiden Adjektive zusammenzubringen ist mir vorm F. nie gelungen.

Was hilft dir in den anstrengenden Zeiten (Schlafmangel, Autonomiephase & Co.)?

Ich muss gestehen, so anstrengend finde ich das meistens gar nicht. Das mag jetzt am F. liegen, der ein freundlicher Kerl mit gutem Schlaf und gesundem Appetit ist. Etwas anstrengend ist zwar die Liebe des F. zu endlosen Wiederholungen. “Nochmal” ist kein schönes Wort. Aber wenn es wirklich nervtötend wird, zwinge ich den F. zur Abwechslung: Auf keinen Fall nochmal Bobo Siebenschläfer, und außerdem macht die Mama jetzt ihre Musik an.

Was fehlt dir aus dem kinderlosen Vorleben? Ist es für immer verloren? Kommt es wieder und wenn ja, wie?

Früher – also vorm F. – bin ich morgens um 8.30 aufgestanden. In die Küche getappt. Kaffee aufgesetzt. Dann Kontaktlinsen, Zähneputzen, geduscht und angezogen, Kaffee getrunken und ab aufs Rad. Um 9.30 mit einem Becher Kaffee am Schreibtisch.

Heute klingelt der Wecker vor 7.00. Der F. ist meistens schon vorher da. Es ist nicht so, dass er morgens irgendwelche Aktivitäten verlangt. Im Gegenteil, er liegt in der Mitte zwischen dem J. und mir wie ein kleiner, nasser Sack und will den Bauch gestreichelt bekommen. Oder die Stirn. Dann, etwas wacher, will er vorgelesen bekommen, frühstücken, auf dem Topf  sitzen, sich sehr langsam anziehen und noch langsamer Zähne putzen. Währenddessen mache ich mich irgendwie fertig, putze Obst, bestücke eine Frühstücksdose, antworte dem F. schlaftrunken auf diverse Fragen und singe, wenn das von mir verlangt wird. Der F. singt sehr laut mit.

Wenn ich den F. gegen 9.15 in der Kita abgeliefert habe, fahre ich ins Büro. Um 9.30 bin ich am Schreibtisch. Ich fahre den Rechner hoch und male mir mit Grauen aus, wie das eigentlich aussehen soll, wenn er irgendwann mal schulpflichtig wird. Um 8.00 Uhr morgens. Um 8.00! 12 lange Jahre!

Was hast du mit den Kindern für dein Leben dazu bekommen?

Singen. Ganz laut. Ziegen streicheln. Auf dem Sofa sitzen und laut kläffen. In der Küche tanzen. Ständig Brot und Becherkuchen backen. Alle Kinderbücher wiederentdecken. Schaukeln. Sandburgen bauen und mit Muscheln verzieren. Ganz große Seifenblasen machen.

Jemanden an der Hand halten, der glaubt, ich könnte alle Monster verscheuchen, die es gibt.

Die Monster verscheuchen.

Über welche Tabus im Zusammenhang mit Kindern wird zu wenig geschrieben und was sind deine Erfahrungen dazu?

Wird über irgendetwas in Zusammenhang mit Kindern zu wenig geschrieben? Ich bin ja Prenzlmutter, das bedeutet, dass keine kindliche Regung unkommentiert bleibt. Alle Leute, die ich kenne, sondern ununterbrochen Kommunikation über Kinder ab. Ich finde das bisweilen auch ganz spannend, besser immerhin als Musik, die ich nicht kenne. Oder Fußball. Insbesondere die negativen Seiten der Elternschaft werden aus meiner Sicht derzeit eher etwas mehr betont, als es meiner Erfahrung entspricht.

Wenn es überhaupt irgendein Tabu in Zusammenhang mit Kindern gibt, dann höchstens ein Bekenntnis zur mütterlichen Bequemlichkeit. Dabei täte es den meisten Leuten, ihren Kindern und ihren Beziehungen ganz gut, wenn sie es sich ein bisschen bequem machen würden. Ich kenne diverse Leute, die sich fürs Stillen halb umgebracht haben. Oder die wegen der vermeintlich besseren Kita oder Schule halbe Tage durch Berlin fahren. Oder jahrelang Urlaube machen, zu denen sie eigentlich keine Lust haben, nur weil sie glauben, so ein öder Ostseeurlaub sei so toll für Kinder.

Ich dagegen bin absolut pro Bequemlichkeit. Ich glaube, dass der mit großen Anstrengungen vermeintlich verbundene Vorteil nur sehr selten die Nachteile aufwiegt. Aber erzählen Sie das mal in größerer Runde auf dem Spielplatz. Sie werden auf Dutzende Personen treffen, die jede Abwägung der kindlichen mit den mütterlichen Interessen als Frevel ansehen. Bisweilen frage ich mich, ob die wirklich glauben, dass diese Opferbereitschaft sich irgendwie in erhöhtem Lebensglück ihres Nachwuchses niederschlägt. Hinsichtlich ihres Lebensglücks allerdings – da reicht ein Blick – scheint das Konzept irgendwie nicht aufzugehen.

 

Gepfiffen

Mit der Zeit arrangiert man sich ja mit seinen Unfähigkeiten. Ich beispielsweise kann weder singen noch Handstand. Wenn ich Englisch spreche, fallen den Liebhabern der englischen Sprache wegen meiner miesen Aussprache die Augenbrauen aus, und meine Fähigkeiten zur Fischzubereitung sind eher rudimentär. Das stört mich aber alles nicht. Wer in lupenreinem Queen’s English auf den Händen Fisch gebraten bekommen will, soll gefälligst jemand anders fragen. Das ist mir schnuppe.

Früher war das anders. Ich war beispielsweise jahrelang Mitglied des Schulchors, um dem damals sehr verehrten G. möglichst nahezukommen. Im Ergebnis hat das alles nicht hingehauen, das Singen wie das Nahekommen, aber für einen ordentlichen Gesang hätte ich damals schon Einiges gegeben. Ebenso Ballett. Ich musste fünf Jahre tanzen, und habe jede einzelne Stunde gehasst. Weil ich ein schlechter Mensch bin, habe ich mich sogar ein bisschen gefreut, als die Lehrerin dann krank wurde, und ich nicht mehr tanzen musste. Aber nur einmal zu können, was diese Frau von mir wollte: Das wär’ schon was gewesen. Heute natürlich alles egal.

Übrig bleiben ziemlich wenige Fähigkeiten, die ich bis heute ganz gern hätte. Ich versuche es immer wieder mit Fisch. Da muss doch was gehen. Ich wäre gern etwas sportlicher, aber mehr so aus optischen Gründen wegen Gewicht und so. Ich würde gern kraulen können, weil ich im Brustschwimmodus – wie man in manchen Spas ja leider auf großen Spiegeln sieht – an meine Großmutter erinnere, nur abzüglich der Badekappe. Doch wenn heute nacht eine gute Fee an mein Fenster pochte und mich fragte, was ich denn ab sofort …. sie hätte da noch einen Wunsch über, dann fiele mir das alles nicht ein, sondern ich gurgelte schlaftrunken, aber ehrlich nur: Ich  möchte pfeifen können.

So richtig hoch und laut und schrill. Jahrzehntelang versucht, viel öfter als Fisch braten oder Kraulen, nie gelungen, und anders als bei vielen anderen Unfähigkeiten: Das ärgert mich immer noch. Damit bin ich noch nicht fertig. Die Fee kann kommen.

Spanisch

“Verdammt.”, flucht der J. und ich pflichte ihm bei. Wir haben beide in elektronischen WM-Tipprunden auf Spanien gewettet, und mit Spanien sieht es schlecht aus. Ich belege gerade Platz 128, und über das Ranking des J. darf ich öffentlich nicht sprechen.

“Wie kann denn sowas nur ….”, stöhnt der J. auf dem Sofa und dreht seine Locken nervös um den Zeigefinger, wie er es immer macht, wenn er sich ärgert. Ich dagegen gähne. Mein Interesse an Sport samt Wettplatzierung hält sich nämlich in ausgesprochen engen Grenzen. “Die sind doch gekauft.”, ächzt der J. weiter und saugt an seinem Lammsbräu alkoholfrei, und mir wird auf einmal alles klar. Die Spanier. Die Kanzlerin in Brasilien. Und tatsächlich sind ja in der Chefetage der deutschen Wirtschaft ziemlich viele Leute fußballinteressiert. Wenn die alle zusammenlegen – also hier ein Milliönchen, da ein Milliönchen. Hier 500 Ausbildungsplätze im deutschen Maschinenbau. Da eine Fabrik irgendwo im spanischen Hinterland, wo normalerweise Fuchs und Hase einander ¡hola! sagen. Und dann ein sehr nervöser, sehr besorgter Prinz Felipe, wie er die spanischen Fußballspieler quasi bekniet, für das nationale Wohl dieses eine ganz besondere Opfer zu bringen. Die gesenkten Köpfe der Spieler. Das mannhafte Nicken, und dann mit zusammengebissenen Zähnen Augen zu und durch.

Ich glaube, ich muss meine weiteren Tipps noch mal ändern.

Konrad Lorenz

Erinnern Sie sich an Konrad Lorenz? Den mit den Graugänsen? Der sich neben die Grauganseier gestellt hat, wenn die Küken gerade schlüpften, und dann die nächsten Wochen beständig ein Küken an den Hacken hatte, das dachte, der Herr Professor Lorenz sei die liebe Frau Mama. Damit wollte er die Bedeutung der Prägung im zarten Alter beweisen.

Der F. – um auf den eigentlichen Gegenstand dieses Beitrags zu sprechen zu kommen – ist zwar nicht soeben, sondern vielmehr schon im Januar 2012 geschlüpft, und dass ich, und nicht irgendwelche dahergelaufenen Professoren als seine Mama fungieren, ist ihm klar. Gleichwohl fürchte ich die nach wie vor bestehende, gerade jetzt überaus intensive Prägbarkeit seines Gehirns, die ihn beständig dazu bringt, noch den größten Depp im Park zu imitieren, der seine Mütze mit dem Schirm nach hinten trägt oder seine Hosenbeine krempelt. Eindrücke, die der F. jetzt empfängt, fürchte ich, prägen sein ganzes Leben, zumindest aber das der nächsten Jahre, und ich habe dann den Salat. Sie haben es sicherlich bemerkt: Ich spreche vom Fußball.

Wie auch Ihnen schwerlich entgangen sein wird, beginnt schon in wenigen Tagen die Weltmeisterschaft der Fußballspieler, und das gesamte öffentliche Leben trieft förmlich vor Fußball. Bei REWE entkommt man kaum den Fußballkärtchen sammelnden Kindern. In der Kita hat ein guter Teil der männlichen Jugend ausschließlich Fußball-T-Shirts an. Ungefähr acht von zehn Menschen, die man kennt, sprechen über Geheimtipps, Wettrunden, Aufstellungen und spekulieren über den Turnierverlauf, und so ziemlich jede Einladung, die überhaupt ausgesprochen wird, bezieht sich auf gemeinsame Fernsehabende. Natürlich gibt es Fußball.

Der F. ist von dem ganzen Gerede schon jetzt völlig kirre. Vorletzte Woche wollte er auf einmal ein Fußball-T-Shirt, und zwar das von “Ssseisteiger”. Wenn er irgendwo einen Ball sieht, brüllt er: Tor! Er bolzt seit kurzem in der Kita und hat seither chronische Schrammen auf den Knien. Er hat naturgemäß keine Ahnung, aber genug Begeisterung für drei.

Nun wird sich auch für den F. das eine oder andere Fußballspiel in den nächsten Wochen kaum vermeiden lassen. Der J. ist nämlich sozusagen interessiert genug, und außerdem entkommt man der ganzen Sache ja eh nicht. Dann kann man auch mitmachen. Der Fußballzuschauerrausch wird daher vorhersehbarerweise auch den F. erfassen, und in sein weiches, bildbares Hirn wird sich eine fußballförmige Höhlung dauerhaft einprägen. Wie bei den Graugänsen. Nur nicht mit Konrad Lorenz, sondern mit einem riesigen Ball.

Lebenslänglich wird, kommt die Rede auf Fußball, den F. dann ein kleiner Endorphinstoß erfassen. Wie mies es ihm auch immer ergehen wird, beim Reden über die Bundesliga wird er munter. Stets, wenn der Ball rollt, umgibt ihn der Sommer und die gute Laune seiner zweijährigen Existenz im Juni 2014 auf dem Schoß seines Papas. Unsummen werde ich deswegen ausgeben für Panini-Bildchen, und – kommen wir zum Kern des Problems – Samstag für Samstag zehn Jahre lang oder so am Rande irgendwelcher Sportplätze in abgelegenen Teilen Berlins im Nieselregen stehen, während der F. seine Fußballprägung auslebt, die er sich einfangen wird in den nächsten Wochen. Fluchen werde ich dann, gähnen, weil ich viel zu früh aufgestanden sein werde, mich schrecklich langweilen, schlechten Kaffee trinken, und mich mit Bitterkeit zurückerinnern an den sonnigen, sommerlichen, harmlos daherkommenden Beginn dieser vermutlich lebenslangen Neigung, den ersten Blick nach dem Schlüpfen sozusagen am nächsten Montag um sechs.

Datscha

“Hah, Frieden!”, trompetet die A. und zieht die Nase kraus. Eine Datscha sei überhaupt nie eine friedliche Angelegenheit, und die Abende, die man sich so vorstellt, im Garten inmitten von Rittersporn und Rosen, die gebe es so selten, die fielen quasi nicht ins Gewicht. Tatsächlich gehe sozusagen täglich etwas schief. Ein Kind werde etwa von Hornissen gestochen, der Holzschuppen mit dem Gartengerät brenne ab oder sowohl Vater wie Mutter reisten ohne Lebensmittel an, weil jeder gedacht habe, der andere kaufe ein. Sei aber einmal alles ruhig, so langweile man sich zu Tode. Sie beispielsweise ekele sich vor natürlichen Gewässern wegen der darin lebenden defäkierenden Tiere, so dass Baden quasi ausfalle, verabscheue Brettspiele und verachte die Gartenarbeit als schieren Stumpfsinn. Dass es das Wochenendhaus in der Uckermark überhaupt gebe, sei deswegen allein auf ihren Lebensgefährten zurückzuführen, der, irgendwo in der Fränkischen Provinz aufgewachsen, sich ein Kinderleben ohne Kaulquappenfangen und Kürbisschnitzen im Garten nicht vorstellen könne.

Dabei, fährt sie fort, könne man noch froh sein, wenn einen das Haus nur langweile. Ihre Freundin E. etwa habe die Datscha an der Prignitz am Ende Ehe wie Dach über dem Kopf gekostet, denn um der erwähnten Langeweile des Landlebens zu entgehen, hätten die E. und ihr Gatte eine alte Schäferei, bis dato halbverfallen, gemeinsam mit zwei anderen Paaren erworben und mit ihren zusammen ungefähr zehn Kindern saniert und genutzt.

Mehrere Jahre lief alles prächtig. Man fischte, grillte, badete und bastelte an Haus und Garten herum. Wir sind ja alles entlaufene Landkinder. Das wertet derlei Aktivitäten schon aus nostalgischen Gründen mächtig auf, und weil niemand von uns ein Stadthaus, sondern alle nur Etagenwohnungen haben, kommt das Zaun Streichen oder Beete Bepflanzen auch so selten vor, dass es nicht zu lästigen Pflichten wie Staubsaugen oder so ausartet. Die E., so behauptet ihre Freundin, sei glücklich gewesen.

Doch Glück sei ja ein bekannt flüchtiger Zustand, und wenn es uns am Besten geht, werden wir unaufmerksam und behäbig. Der E. sei deswegen – oder auch einfach aus Gutgläubigkeit – komplett entgangen, dass ihr Gatte sich ihr ab-, und dafür dem weiblichen Teil eines der anderen Paare zugewandt habe, mit denen sie das Haus erworben hatten. Es sei, so meint jedenfalls die A., zwar nicht recht nachzuvollziehen, wieso sich ein mit einer Brot backenden Mutter verheirateter Vater von zwei Kindern, dem langweilig sei, nicht einer lustigen, 15 Jahre jüngeren Praktikantin aus Neukölln, sondern einer anderen Brot backenden Mutter zuwende, aber vielleicht habe es mit einer lustigeren Person ja schlicht nicht geklappt.

Ein lebensklügeres Wesen als die E. hätte nun, so meint die A., ihren ideellen und monetären Kassen gesichtet und sich zu einem stolz-beleidigten Schweigen entschieden. Zu ihrem Unglück allerdings sei die E. schon seit ehedem eher denjenigen Menschen zuzurechnen gewesen, die von sich selbst beschönigend behaupten, sie folgten stets ihrem Herzen. Mit anderen Worten: Die E. habe nicht im Ansatz nachgedacht, sondern sei erst ziemlich laut geworden und dann mit dem jüngsten, noch nicht schulpflichtigen Kinde zu ihrer Mutter gefahren. Die wiederum bestärkte die E. darin, sich nicht dauerhaft an einen Wüstling zu verschwenden. Die E. teilte also mit, sie wolle sich scheiden lassen. Der Ehemann und Kindsvater war einverstanden.

Es werde, schlug er vor, das ältere Kind bei ihm in der gemeinsamen Ehewohnung am Helmholtzplatz bleiben. Das jüngere Kind ziehe mit der E. an einen Ort ihrer Wahl. Um den Zugewinn der immerhin sechsjährigen Ehe auszugleichen, erhalte sie den gemeinschaftlichen Anteil an dem Haus an der Prignitz ganz, und in Ansehung des für den gewohnten Lebensstil vermutlich nicht ausreichenden Unterhalts für das jüngere Kind suche sie sich wohl besser einen Job. Die dann folgende Bezifferung der von ihm zu erwartenden Summe Geldes war erschreckend. Laut der A. geht es um circa 900 Euro. Die E. war fassungslos. Für 900 Euro gibt es im Prenzlberg derzeit kaum mehr eine Garage.

Mehrere konsultierte Anwälte gaben keine günstigere Auskunft zur Unterhaltshöhe. Eine Berufstätigkeit scheint  - die E. hat ein Pädagogik-Studium zwar begonnen, aber nicht beendet – nicht unmittelbar in Sicht, zumal die E. eher unscharfe Vorstellungen davon hat, in welcher Funktion sie berufstätig werden will, aber auf jeden Fall eine Vollzeittätigkeit unter Verweis auf ihr Kind ablehnt. Aktuell wohnt sie in der Wohnung einer aus beruflichen Gründen für vier Monate absenten Freundin in Mitte und sucht eine neue Bleibe. Ein grauenhaftes Schicksal, so die A. erwarte ihre Freundin E., und schuld sei nur die unglückselige Datscha.

Wolle

Mit 25 macht man mit langen Haaren, Tops und Jeans ja eigentlich nichts falsch. Aber die Jahre vergehen. An guten Tagen sieht man ungefähr so aus wie immer. An schlechten Tagen aber wirkt man nicht unbedingt faltig, nein, das nicht, aber die Haut ist nicht dieselbe, der Ausdruck wird härter, die Augen, dieser Zug um den Mund: Nichts, was Grund zur Sorge wäre, aber jung, jung ist man nicht mehr. In aller Regel ist das auch ganz okay.

Bei manchen Kleidungstücken allerdings wird man kritisch. Ob die grüne Jerseyjacke von A&F oder das blaue Empirehängerchen nicht ein bisschen allzu leger …? Und wie lange sieht man in Chucks eigentlich ordentlich aus? Und ist die Zeit für Modeschmuck vielleicht endgültig vorbei? Abstrakt weiß man, dass es eigentlich außer der Dame kein vernünftiges Rollenmodell für Frauen ab 40 gibt, aber wenn man als Dame so eine schrecklich schlechte Figur macht, weil man immer irgendwo Kaffeeflecken hat oder Nähte aufgehen und ganz generell die Sorgfalt im Umgang mit der eigenen Erscheinung nicht so zu meinen persönlichen Stärken gehört? Gilt das dann auch, oder gelten dann nicht sozusagen stark mildernde Gründe?

Schlimm wird es bei den Haaren. Ob die langen Haare wirklich noch passen? Ob es anders, frisierter, kürzer, gepflegter irgendwie besser wäre? Sollte ich mich mal beraten lassen? Oder trage ich meine Haare, die einfach nur gewachsen runterhängen, jetzt auch die nächsten 20 Jahre mit Würde und einer gelegentlichen Portion Pferdemarkkur durch Berlin? Es mehren sich jedenfalls die Gelegenheiten, bei denen ich anderen Leuten auf den Kopf gucke, in Zeitschriften blättere oder Frisuren mit rundem Gesicht googele.

Aber diesen Sommer – das habe ich gerade beschlossen – bleibt es bei lang. Eine Dame werde ich frühestens 2015. Oder noch besser: Nie.

Topographie

Natürlich hat Frau Nuf - wie meistens – recht. Die Welt ändert sich wirklich ziemlich radikal, wenn so ein kleiner Kerl in die Wohnung einzieht. Aber nicht nur die Einrichtung der Wohnung verändert sich, der Tagesablauf und der Samstagabend mit dem Sonntagmorgen dazu, nein, ganz Berlin verschiebt sich, komplette Stadtteile versinken in sozusagen privattektonischen Platten: In Neukölln beispielsweise war ich im letzten Jahr vor F.’s Geburt recht oft, und seither eigentlich nur noch, wenn die Frau Engl Geburtstag feiert. Clubs besuche ich nicht mehr, weil mein Babysitter um Mitternacht seine Tätigkeit beenden und nicht beginnen will.

Andere Teile der Stadt dagegen tauchen unverhofft auf einmal aus dem Nichts auf, denn dass man viel Zeit auf Spielplätzen oder im Zoo verbringen wird, das weiß man zwar. Das Umland aber, das hatte ich nicht auf der Pfanne. Da war ich die letzten 15 Jahre nicht. Ich komme nämlich selbst aus einem Speckgürtel und habe für dieses Leben genug Einfamilienhäuser, S-Bahnendhaltestellen und Kuhkoppeln gesehen.

Dem F. mag ich die Kühe aber nicht vorenthalten. Der F. gerät nämlich regelmäßig außer sich, sobald Tiere auftauchen. F. trampelt zwar auch schon vor Begeisterung, wenn vor einem Supermarkt ein Dackel auf seinen Halter wartet. Absoluter Favorit sind aber große Nutztiere. Allen voran Kühe und Pferde. Im Übrigen läuft es sich natürlich auch unbeschwerter durch Gras als über die Bürgersteige von Mitte, und so tauchen auf einmal Orte auf der Privatlandkarte auf, von denen man vorgeburtlich nicht wusste, dass es sie gibt, und – Kenntnis vorausgesetzt – immer bestritten hätte, sie jemals aufzusuchen. Man fährt dann doch. Vorletzte Woche etwa. Saurierpark Germendorf. Ein mit ganz offensichtlich bescheidensten Mitteln durch und durch selbstgemachter Freizeitpark für kleine Kinder, die für lächerliche Beträge stundenlang Karussell fahren, Pony reiten, Biber beobachten, Saurierfiguren bestaunen und Ziegen streicheln können. Die anderen Besucher sehen zum Teil zwar so aus, als würde das Privatfernsehen sie zur Illustration ernsthafter sozialer Probleme einladen, aber das gilt ja eigentlich für halb Berlin. Da habe ich mich dran gewöhnt.

Gestern ein weiterer an sich ziemlich obskurer Ort: Irgendwo hinter Potsdam gibt es einen Spargelhof, der sich mit Tiergehegen, Fahrgeschäften und Verkaufsbuden zu einer Art Spargelkirmes entwickelt hat. Ohne Kleinkind wäre das vermutlich ein Ort, den man nur besuchen würde, um der Freude an der Groteske einmal so richtig Feuer zu geben, wie damals, als ich kinderlos und vergnügungssüchtig irgendwann einmal in einer Plattenbauwohnung in Lichtenberg mit circa 15 Russen Karten spielen oder in einem Friedrichshainer Prekariatsschuppen mit dem freundlichen Herrn Neft und irgendwelchen Insassen des ganzen Elends würfelte, tanzte und einen ganz ausnehmend abscheulichen Likör trinken musste.

Mit Kind sieht die Sache aber anders aus. Mit Kind steht man auf diesem Spargelhof recht freundlich gesinnt vor den Wildtiergehegen und macht Tiergeräusche. Mit Kind streichelt man Ziegen, diese harthaarigen, eigentlich ziemlich hässlichen Biester. Man erklärt Funktion und Beschaffenheit der Hühner, läuft neben Ponies her, schleckt Eis und wartet vor “Zwergenbahn” genannten Miniaturlandschaften und in den Boden eingelassenen Luftkissen. Vor dem Karussell, in dem die A. und der F. in zwei benachbarten Raketen durch den Himmel der Seligkeit fliegen, macht man ein Bild. Ich war sogar auf der zehn Meter langen Riesenrutsche.

Abends sitzt man dann auf dem Sofa. Es gibt Rosato und den Reisebericht von Klaus und Erika Mann von der Côte d’Azur. Nina Simone singt. Für zwei, drei Stunden bist du wieder ganz bei dir, in deiner Welt, mit deiner Musik, deinen Dingen und den Orten, die du dir für dein Leben ausgesucht hast, und du fragst dich – so zwischen zwei Gläsern – ob und wann die Stadt eigentlich wieder zurückmutiert in den Ort von vor zwei Jahren.

Eigentlich weisst du genau: Nie.

Madame sieht rot

Am Donnerstag den ganzen Tag die Augen kaum offenhalten gekonnt, aber alles aufs frühe Aufstehen geschoben: Sechs Uhr morgens raus, dabei erst nach zwölf zu Hause gewesen und dann auf dem Sofa noch ein paar Seiten gelesen. Julian Fellowes. Naja.

Am nächsten Morgen dann dicke, gelb-sandige Krusten vorm rechten Auge. Es juckt. Im Badezimmer mit warmem Lappen auf dem Auge auf dem Badewannenrand gesessen, bis das Auge wieder aufging, und dann vor dem Spiegel gestanden. Schau mir in mein rotes Auge, verquollenes Ungetüm.

Mit meiner scheußlichen Brille ins Büro, mit der ich aussehe wie eine drittklassiger Comedian auf der verzweifelten Suche nach Lachern. Kurzzeitig überlegt, beim Verlassen geschlossener Räume, in denen man mich kennt und weiß, dass ich so nun auch wieder nicht aussehe, die Brille einfach abzusetzen. Aber machen Sie das mal bei minus achteinhalb Dioptrien. Mit ein bisschen Pech übersehe ich einen Irischen Wolfshund, und der frisst mich zur Strafe auf.

Abends unglücklich und rotäugig heim. Daheim erwartet mich der J. mit dem F. F. läuft begeistert auf mich zu und schreit laut und vernehmlich: “Mama – Auge!” Mir bleibt nur, betreten zu nicken. Stimmt, kleines Monster, denke ich. Und rate mal, wo ich das her hab. Seine Augen sind natürlich seit Tagen wieder okay.

Abends dann die guten Vorsätze. Gegen die Bindehautentzündungen ist vermutlich nichts zu machen, solange der F. klein ist. Aber diese Brille muss einer Nachfolgerin weichen. Oder ich mache jetzt doch endlich Nägel mit Köpfen. Nächste Woche rufe ich bei der Klinik in der Friedrichstraße an, die man mir empfohlen hat. Gehe zur Untersuchung noch im Mai. Und bevor der Sommer kommt, bin ich brillenfrei, linsenfrei und – selbst mit roten Augen – noch immer halbwegs ich selbst.