Miese Lobby

Warum, frage ich mich und schaue den beiden Kindern hinterher, die freudig um drei dicke Ziegen herumtanzen: Warum schließen die Berliner Kitas eigentlich einfach so. Warum muss ich, deren Kernkompetenzen ganz eindeutig mehr im Verwaltungsrecht als in der Kinderbetreuung liegen, eigentlich an diesem ganzen verdammten Freitag hinter dem F. herrennen, und meine Freundin I., die gerade einen ziemlich wichtigen Rahmenvertrag verhandelt und den ganzen Tag mailt und telefoniert, gleich mit? Wieso meinen die Verantwortlichen für städtische Berliner Kitas, dass es zumutbar sei, für rund drei Wochen im Jahr einfach so zu schließen? Weil irgendwo jemand sitzt, der glaubt, mindestens ein Elternteil pro Familie sei im Grunde nur so halbernst berufstätig? Oder reichen die finanziellen Mittel nicht für eine Abdeckung rund ums Jahr, weil Berlin sich aus schierem Populismus für drei beitragsfreie Kitajahre entschieden hat, statt für gebührenpflichtige, aber dafür ganzjährig verfügbare Kitas?

Wieso, frage ich mich weiter, regt das eigentlich in den ansonsten so empörungswilligen Kreisen der feministischen Blogs niemanden auf? Ich lese da selten, weil ich die meisten Probleme, um die es da geht, für eher skurril als relevant halte. Wenn man wirklich und ernsthaft arbeiten geht, ist die beständige Verfügbarkeit von Kinderbetreuung nämlich um Einiges wichtiger als die Frage, ob gesetzliche Krankenkassen Hausgeburten bezahlen oder die offenbar unerschöpfliche Frage, wie man Leute bezeichnen soll, die sich weder für männlich noch für weiblich halten.

“Würdest du mehr für die Kita ausgeben, wenn sie immer offen wäre?”, frage ich die I., die emphatisch nickt. Na klar, hebt sie zu längeren Gegenrechnungen von Kitagebühren, Mehreinnahmen und Babysitter an, als ihr Telefon erneut klingelt.

Im Grunde, überlege ich mir am Rande der Sandkiste, fehlt der I. und mir und all den anderen Eltern wie uns eine ordentliche Lobby. Ein Verband oder eine Partei, die sich für Kinderbetreuung nicht nur unter dem Aspekt gesteigerter Chancengerechtigkeit interessiert, sondern schlicht für eine Serviceleistung für Kinder und Eltern. Für eine volle Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten. Für eine Abschaffung des Ehegattensplittings zugunsten einer Anhebung der Kinderfreibeträge auf dasselbe Maß wie bei Erwachsenen. Eine Partei, die das Leben mit Kindern nicht in erster Linie als eine Angelegenheit der Sozialpolitik betrachtet, sondern die Frage stellt, wie man praktische Schwierigkeiten wie Kitaschließzeiten, überlange Schulferien, Stundenausfälle und so weiter, ideologiefrei aus dem Weg räumt.

Wahrscheinlich müsste man das selber machen. Aber in der Zeit, die man dafür bräuchte, sitzt man ja auf dem Spielplatz herum.

 

Himmelfahrt On Ice

Mir ist kalt. Sogar die Saurierfiguren in diesem Freizeitpark sehen aus, als ob sie frieren, und ich vergrabe meine Hände tief in den Taschen und stelle mir vor, ich hätte so einen kleinen Dachschaden, der mich zwingen würde, ganzjährig Handschuhe dabeizuhaben. Sogar Himmelfahrt. Dann wäre ich jetzt fein raus.

Vor, neben und hinter und laufen alle vier Kinder hin und her. Ab und zu kreischt einer der Buben laut und schrill, dann drehen sich sieben Erwachsene um. Immerhin hat die Kälte einen Vorteil: Beim Picknick vorhin habe ich so gefroren, dass ich nur halb so viel gegessen habe wie sonst. Ich esse eigentlich immer zu viel, vermutlich ist die kältebedingt drastisch reduzierte Menge genau richtig, und ich sollte in Zukunft immer in einer zehn Grad kalten Kammer bei milchig-trüber Beleuchtung essen.

Ein Pelz wäre gut, denke ich mir, und außerdem hätte ich gern einen Glühwein. Die anderen sehen auch so aus, als ob sie frieren, und für einen Moment stelle ich mir vor, wir würden jetzt alle unsere Kinder zusammenpacken und heimfahren nach Berlin und da irgendwo in einer gutgeheizten Wohnung sitzen, Tee trinken und Spekulatius essen.

Man wird gar nicht von Kälte krank, schärfe ich mir einen in diesem Moment ziemlich unglaubwürdigen Fakt ein, den ich irgendwo gelesen habe, und dann hauche ich mir in die klammen Hände, plaudere entschlossen weiter, als sei es gar nicht kalt, und überschlage, was es kosten würde, ganz Brandenburg mit einer Fußbodenheizung zu unterlegen.

Was es auch kosten mag, beschließe ich für mich: Ich bin dafür.

Fremde Leute

Manchmal – nicht allzu oft – sitze ich einfach so da und mache gar nichts. Weil sich jemand verspätet, wie neulich in dem neuen Restaurant von Tim Raue im Wedding. Oder weil ich auf den Check In warte oder auf einen Zug. Oder weil es sich auf einmal zwischen zwei Terminen nicht lohnt, nach Hause zu fahren, und ich mich für eine halbe Stunde in ein Straßencafé setze. Da sitze ich dann und bestelle mir Tee. Lehne mich zurück, und im besten Fall malt mir die Sonne durch lauter junge, flirrende Blätter helle Sprenkel ins Gesicht. Dann beobachte ich die Passanten.

Sehr junge und sehr alte Leute sind oft nicht so spannend. Wer zwei ist oder 95 sieht oft nicht so besonders eigen aus. Bei Kindern und Greisen überdeckt das Altersspezifische meist das Individuelle, und weil bei solchen Passanten selbst die Kleidung, die Frisur oder das Gepäck vermutlich von anderen Leuten ausgesucht worden ist, schaue ich meistens nur flüchtig. Ganz selten fällt mir ein schöner, ganz durchgebildeter, filigraner Kopf auf bei einer alten Frau oder ein vollkommen schönes Kind. Sonderbar, denke ich bisweilen, ist es allerdings, wie die Geschlechter am Beginn und am Ende des Lebens ineinanderfließen, ununterscheidbar werden, und ich frage mich manchmal, ob die steinalten Frauen von 90 es manchmal traurig finden, dass das Weibliche sich in den letzten Jahrzehnten irgendwie verflüchtigt.

Langsam, Jahr für Jahr ein wenig mehr, entfremden sich mir Schulkinder und nach und nach auch Studenten. Die glatte Pausbackigkeit wird mir fremd. Die starken Farben, die ganz und gar ungegerbte Haut, die Fleckenlosigkeit und die jungen Stimmen. Manchmal zucke ich zusammen, wenn so ein ganz und gar hübscher Mensch dann grobe, dumme Dinge sagt oder laut und polternd lacht. Gelegentlich tut mir so ein Mädchen leid, das sich sichtbar für ein wenig hässlich hält, und dabei sieht man schon die feinen Knochen, das gleichmäßige, feine Gesicht und die langen, weißen Hände. Hoffentlich, denke ich gelegentlich, gibt es jemanden, der ihr sagt, was sie tragen sollte, und dass sie schön ist, egal, was die anderen sagen.

Gern denke ich mir Namen für die Passanten aus. Nenne einen jungen, rothaarigen, sehr englischen Epheben erst Alfred, nein, besser Edward, Theodore vielleicht, und bin für eine Sekunde fast verblüfft, wenn seine Freunde ihn dann Albin rufen. Albin, mit Ruth an der Hand, eine feenhafte Erscheinung in weiß und gold, der ich Belle zugedacht hatte. Ein älterer Mann, beulige Hose und ein schlaffer Rucksack auf dem Rücken, soll Werner heißen. Die Frau in der indischen Tunika mit flachen Sandalen und Lapislazulischmuck zu wallendem, grauen Haar nenne ich Helga. Oder Marianne.

Ob Marianne wohl einen Mann hat? Ist er ganz der bürgerliche Ernährer, der seine späthippieske Frau als Zahnarzt in Steglitz ernährt? Oder betreibt das Paar ein Reformhaus in Lichterfelde West und schreibt nebenbei Bücher über die Kunst der Meditation? Gibt es Kinder? Einen fröhlichen, starken Kindergärtner vielleicht, eine Tochter, die einen Fahrradladen in Portland betreibt, oder rächt sich der Sohn trotz bester Anlagen vielleicht als Unternehmensberater in Frankfurt an seinen Eltern?

Nur sehr selten möchte ich mich mit den Fremden unterhalten. Was würden mir die fremden Leute auch schon erzählen, was ich nicht selbst viel besser, farbiger, origineller und ohne die lästigen Schranken von Diskretion wüsste. Ich allein weiß doch am besten, dass Katja mit dem brauen Pagenkopf aus Mannheim kommt und gerade beim Burgerladen am Schlesischen Tor vergeblich auf ihren Liebhaber wartet, der just heute erfahren hat, dass er Vater wird und nun zwei Jahre versuchen wird, den braven Familienvater zu simulieren. Und dass dort drüben in der Schlange beim Bäcker Emine mit dem langen Trenchcoat und dem blauen Kopftuch in diesem Moment beschließt, ihre Ausbildung zur MTA abzubrechen, und statt dessen auf einem Bauernhof in der Uckermark Puten zu züchten. Ich sehe den hübschen Kellner des Nachts seiner Freundin in Friedrichshain auflauern und ihr sehr, sehr hässliche Dinge sagen, und weiß, dass Margot, dort hinten drei Tische weiter mit der schwarzen Prada Clutch vor einigen Jahren ihre Schwiegermutter mit reinem Koffein getötet hat. Das Perlenhalsband um Margots faltigen Hals gehört zum Erbe.

Manchmal bemerkt ein Fremder den Blick und wendet den Kopf ab. Oder schaut mich herausfordernd an. Sehr selten lächelt jemand, missverstehend, ich wünschte Kontakt. Noch seltener bemerke ich selbst, wie jemand mich auf ähnliche Weise betrachtet, und frage mich, was er mir gerade zudenkt. Welche Namen, welchen Beruf, welche Männer, welches Leben, und welches Ende dazu.

Oh holde Kunst

Die erste Inszenierung von “Moses und Aron” 1957 soll erboste Zuschauer dazu bewogen haben, dass Auto des Dirigenten zu demolieren. “Diri, wir wissen, wo dein Auto steht.”, scheint auch der J. in seinen Bart zu murmeln, als Moses auf der Bühne der Komischen Oper auftaucht und beginnt, zu singen. “Du weisst doch, dass ich Schönberg hasse.”, zischt er mir zu. Selber schuld, denke ich und sage etwas, in dem die Worte “doch darüber gesprochen”, und “hörst mir wirklich niemals zu” auftauchen. Dazu funkeln wir beide böse mit den Augen, weil wir zwar wissen, dass man niemals ad personam kritisieren soll, Streitigkeiten unter Einhaltung dieses Grundsatzes aber langweilig finden.

In den nächsten zwei Stunden höre ich den J. gedämpft stöhnen und ächzen. Auf der Bühne wogt ein riesiger Chor hin und her und füllt mit seinem Gesang den Innenraum der Oper, in dem ich sitze wie in einem großen, tonumbrausten, weiß und goldverschnörkelten Ei. Klar und gläsern zeichnet das Orchester Schönbergs Opus Magnum nach, und die Inszenierung Barrie Koskys schafft es dieses eine Mal, jede Albernheit zu vermeiden und mich mitzunehmen, als das Volk Israel sich von Moses Gesetzestreue abwendet und im Budenzauber Arons erst lüstern schwelgt, um sich dann in Gewalt, Pogrom und einem Berg von Leichen zu verlieren. ”Das sind die schlimmsten Stunden meines Lebens.”, motzt der J. von Zeit zu Zeit gut hörbar neben mir, und eine Frau mit strenger Brille, tiefen Furchen auf der Stirn und Blumenbluse schaut ihn verächtlich an. Sehnsuchtsvoll schielt der J. die verschlossenen Türen an, aber angesichts unserer Mittelplätze ist an ein vorzeitiges Entweichen nicht zu denken, und als am Ende der nicht einmal zwei Stunden ein Beifallssturm anhebt, bleibt der J. mit zusammengekniffenen Lippen einfach unbeweglich neben mir sitzen und verschränkt die Arme.

“Sei jetzt einfach still.”, herrscht er mich auf der Behrensstraße an, und dann laufen wir die Friedrichstraße entlang, stehen kurz vor den dunklen Fenstern der verblichenen King Size Bar und wandern dann langsam die Auguststraße Richtung Rosenthaler Platz. Inzwischen ist der J. schon wieder etwas besser gelaunt, nur alle paar Minuten unterbricht er das Gespräch über Bars, die es entlang unseres Fußwegs früher einmal gab, um wütende Invektiven über den Erfinder der Zwölftonmusik auszustoßen. Dann läuft er einfach weiter.

Gegenüber von Clärchens Ballhaus hat der J. sich halbwegs beruhigt. Dann sitzen wir also da. Durchs Fenster der Tapas Bar schauen wir auf das verschlossene Fenster von Eigen + Art, trinken Java und Rosato, sprechen über ganz besonders tolle Nächte in Mitte, als solche Nächte noch in Mitte und noch mit uns stattfanden. Gespräche über Schönberg vermeiden wir. Dann fahren wir nach Hause.

Vor der Tür bricht der J. noch einmal aus. Auf ein allerletztes Bier im allerletzten offenen Laden. Ich war schon gestern aus, ich mag lieber heim. Zwei Stunden später erst wird er nach Hause kommen, in keinem guten Zustand, wenn man das mal zu sagen darf, und nach dem vergeblichen Versuch, der Dodekaphonie mit alkoholischen Mitteln beizukommen. “Daran ist nur der verdammte Schönberg schuld.”, ächzt der J. am nächsten Morgen, zieht sich die Decke über den Kopf und wehrt alle Versuche ab, ihn aus dem Bett zu ziehen.

“Ich spiel dir was vor! Dann stehst du auf.”, trumpft gegen zehn der F. auf und schwenkt seine Kindergitarre. Sotto voce und überaus laut brüllt er los. Es könnte sich um “Alle meine Entchen” handeln. Oder um die “Ode an die Freude”, oder das Lied, mit dem seine Petterson und Findus-CDs beginnen.

“Schönberg.”, stöhnt der J. und rutscht im Bett noch etwas tiefer.

Mein Kind ist Instagram

Sie, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, wissen natürlich Bescheid: Diejenigen, die behaupten, Urlaub mit Kindern finde am besten am Ostseestrand statt, wollen Sie nur nicht da haben, wo sie selber sind. Machen Sie sich also auf, packen Sie Kind und Kegel zusammen und besuchen Sie prächtige Ausgrabungen, wenn Ihnen der Sinn danach steht. Zum Beispiel die hier in Paphos.

Glauben Sie keine Minute denjenigen, die Ihnen vorschwindeln, Ihre Kinder würden sich da langweilen. Kinder langweilen sich nicht. Die Fähigkeit zur Langeweile erwacht, glaube ich, erst mit ungefähr zwölf. Das Gegenteil ist nämlich richtig. Kinder sind Instagram: Ebenso, wie Instagram jede noch so alltägliche Szene intensiviert, Ihr ganz normales Alltagsleben mit Warten auf die U-Bahn und komischen Leuten in der Schlange vorm Bäcker aussehen lässt wie ein Film, in dem wahlweise Nina Hoss oder Gene Kelly gleich um die Ecke kommt, ebenso besitzt Ihr Kind die Fähigkeit, das ganze Leben zu dramatisieren, und damit meine ich nicht die Angst, dass es nicht rechtzeitig sagt, dass es mal muss.

Stellen Sie also Ihr Kind – etwa meinen dreijährigen F. – vor ein Mosaik. Man sieht rechts Apollon, links den Sartyr Marsyas und in der Mitte die Musen als Schiedsrichterinnen. “Was machen die da?”, fragt das Kind. Man deutet. Man erklärt. “Um die Wette!”, kreischt das Kind, und um bei dem Wettstreit zwischen leierndem Gott und flötenden Sartyr mitzumachen, verfällt es in einen lautstarken Gesang. Als es zuende gesungen hat, räuspert man sich, unterschlägt die Sache mit der abgezogenen Haut und behauptet, Apollon habe Marsyas mit ein paar Schlägen bestraft. Das reicht aber schon. Der Bub wird vor Empörung knallrot. Am liebsten würde er den Lichtgott bespucken, der ist aber zum Glück ziemlich weit weg. Unter unflätigen Beschimpfungen des Gottes zieht man ihn dann in den nächsten Raum. “Der Kuhkopf”, brüllt der F. freudig beim Anblick des Bodenmosaiks, denn den kennt er schon, und dann gruselt, streitet, freut und triumphiert er mit Theseus über den bösen Minotauros.

In den nächsten Tagen wird er im Hotelzimmer ein Labyrinth aus Stühlen und Papierkörben errichten und dann abwechselnd den Stierköpfigen und seinen Bezwinger verkörpern. “Stirb, elendes Ungeheuer!”, kann man ihn dann brüllen hören, wenn man selbst im Badezimmer sich die Fußnägel lackiert. “Kann ich dich bitte auffressen?”, röhrt das minoische Monster in des F. tiefster Stimmlage zurück.

Anders als Erwachsene sind Kinder offenbar auch nicht darauf angewiesen, dass man auf einer Ausgrabungsstätte irgendwas sieht. Ein Trümmerhaufen scheint zu reichen, und vor des F. Auge ersteht – denn hat man es ihm nicht gesagt? – eine prächtige Burg. Fränkische Ritter reiten, man hört die Pferde geräuschvoll wiehern, über die Zugbrücke, Schwerter werden gezückt, und dann kämpfen der Ritter F. und sein ebenfalls von F. verkörperter Antipode um ein ebenfalls unsichtbares großes Sparschwein. Seit der F. vor einigen Wochen im Rahmen einer Kinderführung im Deutschen Historischen Museum zum Ritter geschlagen worden ist, kennt er sich mit derlei Dingen ja ohnehin bestens aus.

In einem Fort sucht der F. nicht nur sofort die Gefangenen. Er wird sie auch finden. In einer Nekropole führt er lange Gespräche mit den lieben Verstorbenen. Am Felsen der Aphrodite baut er Türme aus den flachen Steinen und fragt neugierig nach, ob hier die “sssöne Frau aus dem Wasser gespringt” sei. Wenn man bejaht, springt er auch ein bisschen. Anders als fast jeder Erwachsene, den ich kenne, kennt er keinen Zustand der Gleichgültigkeit und des gepflegten Desinteresses. Er geht immer voll mit. Er weint um den abgestürzten Ikaros. Er bewundert den starken Herakles mit der großen Keule. Er fürchtet sich vor dem dreiköpfigen Höllenhund. Er kennt kein Grau in Grau. Er kennt nur Dramatik, starke Farben, große Gefühle. Der F. ist Instagram.

Versuche, eingelassen zu werden

Heute also keine Ausgrabungen. Zum Baden ist es aber auch zu windig. Für Ikonen, von denen sie hier in Paphos einige haben, interessieren sich aber weder der J., noch ich; überhaupt stehen wir beide mittelalterlicher Sakralkunst eher distanziert gegenüber. Das ist auch so ein Ding mit zunehmendem Alter: Früher, schon auf dem Hinweg leicht gelangweilt, aus Pflichtgefühl in jede Kirche gerannt, wissend genickt, Heilige erkannt oder auch nicht, irgendwas über den Altar erzählt, dann dreimal gegähnt und wieder ab. Heute gleich morgens beim Blick in den Reiseführer abgewinkt. Wenn es stimmt, dass Kinder aus schierer Lust an der Revolte immer das Gegenteil von Mama und Papa machen wollen, wird der F. seine Tage damit füllen, über gotische Kathedralen nachzudenken.

Stattdessen also in die Altstadt von Paphos. Cafés stellen wir uns vor, kleine, hoffentlich hübsche Lädchen, im besseren Fall mit schönen Kleidern, Schuhen, Wein und Käse, im schlechterem mit abscheulichem, knallbunten Kunsthandwerk. Ich finde ja nicht nur Kirchen öde, ich mag auch weder Glasobjekte noch Töpferwaren. Holzschnitzereien, Lederwaren und Schmuck sind okay.

Also ein Taxi bestellt, taxifahrerliches Begehren abgewehrt, gleich die Rückfahrt mitzuverabreden. Acht Euro bis zur Markthalle, in der es allerdings ausschließlich Souvenirs und diesen Trödel, den man weltweit Touristen andreht, zu kaufen gibt. Teilweise gibt es sogar dieselben Gegenstände wie in Thailand, nur mit Olivenzweigen statt mit Elefanten. Teilweise haben die Anbieter aber selbst diese Modifikationen gespart und verkaufen auch auf Zypern Minielefanten mit Räucherstäbchen im Rüssel und die gleichen falschen Portemonnaies wie in Asien. Der lokale Gemüsehandel findet wegen des offenkundigen Primats des Andenkenhandels vor der Markthalle statt.

Wir wollen keine Elefanten kaufen. Wir halten Ausschau nach der Innenstadt. Rechts sehen wir eine Moschee, links eine Kirche. Kurz werden wir bei diesem Anblick müde, gähnen beide herzlich, dann wenden wir uns nach rechts und laufen die Straße entlang. Irgendwo muss hier die paphische Innenstadt sein, stattdessen finden wir aber nur ein halbes Dutzend Schuhgeschäfte, die irgendwie unbehaust wirken, so, als würde hier nicht nur jetzt gerade keiner einkaufen, sondern überhaupt nie wieder jemand das Geschäft betreten. Als wir die Schuhgeschäfte passiert haben, kommen wir zu Optikern, die aus irgendeinem unnennbaren Grunde genauso wirken. Gerechterweise muss man zugeben: An den Auslagen liegt es nicht, die sind in Ordnung.

Die Hälfte aller Läden ist leer. Ich denke nach. War da nicht was, Rettungsschirm, Rettungsauflagen, und ist vielleicht sozusagen und zugegeben umstrittenerweise Angela Merkel schuld an wirtschaftlichem Niedergang und Verfall? Oder ist hier etwa gar nicht die Innenstadt, und an einem andernorts gelegenen Platz befinden sich die belebten Boutiquen, angefüllt von einem geschäftigen Rascheln aus Seidenpapier und dem zufriedenen Klacken von Absätzen auf gut gepflegtem Marmor? Wir kehren also um.

An der nächsten Kreuzung bleiben wir stehen. Geradeaus stehen ein paar amtlich wirkende Gebäude. Schräg links sehen wir eine Tankstelle und ein paar Schilder, denen zufolge man hier die Stadt verlassen kann. Auf der Ecke befindet sich eine hübsche Weinbar, Tische vor der Tür unter einer Markise, die steuern wir an. Da sitzen wir also und der Verkehr donnert links an uns vorbei.

Der F. und der J. teilen sich ein Clubsandwich. Der F. trinkt Apfelsaft, der J. ein tröstendes Bier, und ich sauge durch einen mattschwarzen Strohhalm einen Orangensaft ein. Um die Ecke, nur fünf Minuten entfernt, befinde sich der Zoo, behauptet die freundliche Kellnerin auf Anfrage, und wir lassen aufatmend den Plan fallen, die Innenstadt zu suchen. Die gebe es vielleicht auch gar nicht, behauptet der J., der bei der Googlebildersuche nichts gefunden haben will. Ach so, sage ich und schaue im Internet nach, was es im Zoo für Tiere gibt.

Als wir uns etwas später noch einmal mit der Kellnerin unterhalten, nimmt die freundliche Kellnerin alles zurück. Der Zoo sei nicht hier, sondern ganz woanders. 25 Minuten sei das weg mit dem Auto. Ein Auto haben wir aber nicht gemietet, wegen des Linksverkehrs, vor dem wir uns fürchten, und deswegen geben wir auch dieses Vorhaben auf. Kurz spähen wir in die letzte noch nicht begangene Richtung und schauen in leere Friseursalons und unbelebte Bars. Dann fahren wir ins Hotel zurück.

Morgen besser wieder Ausgrabungen.

Lob der Großmutter

“Aber gar nicht!”, wehrt meine Mutter letzten Mittwoch entrüstet ab. Der F. gehe jeden Abend um acht schlafen, sage immerzu “Guten Tag!”, “bitte” und “dankeschön”, sei sogar zu den Nachbarn nett und gehe zuverlässig auf die Toilette. Jetzt aber müsse sie das Telefonat beenden. Der F. wolle nämlich unbedingt noch abtrocknen, bevor das Sandmännchen beginnt. Ganz kurz spricht mein Dreijähriger auch noch mit mir. Er habe im Garten Unkraut gezupft und die Vögel gefüttert, wird mir berichtet. Dann ist das Gespräch zuende. Der einwöchige Aufenthalt bei meinen Eltern erweist sich als voller Erfolg.

Mir schwirrt der Kopf. Was hat sie – denke ich angestrengt nach – was ich nicht habe? Warum geht mein Sohn bei meiner Mutter pünktlich ins Bett und turnt nicht bis 22.00 Uhr putzmunter und unaufhörlich plappernd durch alle Räume? Wieso ist er, wie man mir berichtet, bei den Großeltern zuverlässig trocken, räumt allabendlich auf und isst seinen Teller leer, inklusive Blumenkohl und Tomatensalat mit roten Zwiebeln? Versprechen ihm die Großeltern Schokolade? Drohen sie ihm mit einem kinderfressenden Monster? Beide Methoden halte ich in Anbetracht meiner jahrzehntelangen Vertrautheit mit ihrem Instrumentarium der Kindererziehung für eher unwahrscheinlich, aber gutes Zureden allein hilft zuhause doch auch nicht. Oder – dies allerdings würde mich schon sehr bekümmern – allein die natürliche Autorität meiner Mutter reicht aus, die Wunder zu vollbringen, an denen ich zuhause regelmäßige scheitere.

“Raus mit der Sprache!”, fordere ich meine Mutter deswegen am Samstag auf, als ich den F. abhole. Meine Mutter mauert. Oder sie weiß es wirklich nicht, und auch der F. weiß über das Geheimnis des perfekten Kinderschlafs nicht mehr zu berichten, als dass er bei der Oma immer abends so müde gewesen sei. Vielleicht war es der ganztägige Aufenthalt im großmütterlichen Garten. Oder sie hat ihm doch etwas in den Kakao getan.

“Du hast bei der Oma auch immer das Musterkind gegeben.”, kommentiert meine Mutter mein Erstaunen. Es sei quasi so eine Art Naturgesetz: Großmütter lieben Enkel, unbelastet von Alltagsbeschwernissen, eiligen Morgenstunden und verlegten Brotdosen. Enkel revanchieren sich für diesen Sack voll Zuneigung durch Wohlverhalten, beiderseits erleichtert durch den Umstand, dass man sich ja nicht ständig, sondern nur ab und zu sieht. Nützlich sind die guten Tipps der Großmutter deswegen für die Mutter des daheim so schlecht schlafenden, tageweise nur nudelessenden Knaben, der niemals aufräumt, eigentlich nicht. Es sei denn: Für ihr späteres Leben. Als Großmutter nämlich.

Bugs like us

“So ein Quatsch!”, schüttele ich den Kopf. Mein Gegenüber wiegt sorgenvoll den Kopf. Man könne alles Mögliche falsch machen, so als Mutter, und dann hätte das Kind lebenslang einen Knacks. Also zu früh abgestillt, oder einmal zu viel negatives Feedback gegeben, und dann lebenslang Komplexe mit allem drum und dran. Ich weise das energisch zurück: Meiner Erfahrung nach ist die menschliche Spezies robuster als Kakerlaken und Ratten zusammen. Bis da einer wirklich Schaden nimmt, muss Einiges passieren.

Nehmen wir nur einmal die Ernährung. Als ich so circa fünf war, hielt man Kalte Platten für ein richtig gutes Essen. Oh, und erst die vielen Sonntag im Akropolis, weil wieder keiner Lust hatte, zu kochen. Die Nudeln mit Tomatensauce aus Tomatenmark mit Brühe. Die giftgrünen Granny Smith, tagelange Müsli-und-Brot-Diäten, weil meine Eltern gerade viel zu tun hatten, und das Jahr, in dem meine Mutter ein Aufbaustudium absolvierte, und zur Überbrückung der hierdurch bedingten Ernährungsschwierigkeiten eine wirklich hohe Kühltruhe Monat für Monat mit Fertigmahlzeiten von bofrost füllte. Nach dem Jahr und der damit verbundenen Prüfung kehrten wir zu einer halbwegs normalen Ernährung zurück. Schäden durch dieses nach aktuellen Maßstäben eher unkonventionelle Vorgehen? Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe keinerlei Allergien, außer gegen Steinfrüchte. Ich bin verhältnismäßig gesund, wiege zumindest nach medizinischen (wenn auch nicht persönlichen) Maßstäben normal viel und esse meistens selbstgekocht, gut und halbwegs ausgewogen. Es scheint also nicht geschadet zu haben. Ebenso geht es den meisten meiner nachweislich nichtgestillten Freunde prächtig, trotz des Milchpulvers und der frühen Auswilderung aus den elterlichen Schlafzimmern ins Dunkel des Kinderzimmers, meistens schon als Säugling. Pekip war da auch noch nicht erfunden.

Mit negativem Feedback und fiesen Erziehungsmethoden sieht es ähnlich aus. Meine Familie hält insgesamt mit ihrer durchaus tendenziell eher kritischen Meinung über eigentlich alles selten hinterm Berg. Meine Grundschulzeit war unerfreulich. Von den negativen Folgen, die die aktuellen Erziehungswissenschaften mit schwarzer Pädagogik verbinden, insbesondere Unlust und Verweigerung, ist jedoch eigentlich nichts eingetreten. Für die meisten mir bekannten Generationsgenossen gilt dasselbe. Klar, man hätte sich als Schulkind weniger langweilen können, und nicht jeder Lehrer war an jedem Tag gerecht. Vermutlich hätte es einem diverse unangenehme Stunden erspart, wenn die Menschen um einen herum sich mehr bemüht hätten. Doch Schaden habe ich nicht erlitten: Man sagt ja, Kinder würden die Lust verlieren, wenn man sie scharf kritisiert und so entmutigt. Vermutlich überschätzt man damit grenzenlos den Einfluss, den Erziehung überhaupt hat. Man kann Kinder vermutlich durch überhaupt keine persönliche Kritik, sei sie, wie sie sei, davon abhalten, sich für irgendetwas zu begeistern. Menschen mögen nun einmal tolle Geschichten über Götter, Könige und Revolutionen, sie verfügen über einen grenzüberschreitenden Mitteilungsdrang, sie lieben die Üppigkeit der Musik und die strenge Schönheit der Mathematik und sie wollen alles wissen und erobern. Einfach nur so, ohne dass das was mit Lehrern zu tun hätte. Weil es geht, nicht weil jemand kommt, und es anregt.

Wahrscheinlich finden Pädagogen diesen Befund deprimierend, weil sie glauben, dass es ihre Arbeit entwertet. In Wirklichkeit ist wahrscheinlich noch nicht einmal das der Fall, weil es einen Eigenwert hat, Kindern die Tage zu verschönern, die sie Erwachsenen ausgeliefert sind. Auf jeden Fall aber ist diese Erkenntnis geeignet, Eltern zu beruhigen, denn offenbar sind Menschen unverwüstlich. Man soll zwar freundlich zu ihnen sein. Man soll sich so verhalten, dass sie schöne Tage haben, keinen Grund, sich zu beschweren, und natürlich sind Gerechtigkeit, Großzügigkeit und Humor auch gegenüber sehr kleinen Leuten Vorzüge, an die man sich an anstrengenden Tagen erinnern sollte. Doch sollte es einmal nicht hinhauen, sollte das Baby nachts so nerven, dass man es in ein anderes Zimmer legt und schlafen geht; nicht stillt, weil man keine Lust dazu hat oder eine Brustentzündung; das Kind einmal wochenlang aus der Pizzeria an der Ecke versorgt; hässliche Bilder als solche bezeichnet oder nur jede dritte Frage beantwortet: Dann muss man sich trotzdem keine Sorgen machen. Menschen sind nämlich nicht kleinzukriegen. Und Eltern – auch das beruhigt – nicht halb so wichtig, wie die meisten meinen.

Pharmaverstörung

Freitagmorgen. Ich steuere die Apotheke um die Ecke an. Meine Schilddrüsentabletten …? Ausverkauft. Leicht belämmert ziehe ich ab. Die letzte Tablette ist mir nämlich schon vorgestern ausgegangen, und wenn ich nicht spätestens heute eine Tablette bekomme, werde ich um zwölf müde, um drei depressiv und um sechs wächst mir ein Kropf. Also nicht direkt ins Büro, sondern zur nächsten Apotheke. Aber auch hier: Fehlanzeige.

In der dritten Apotheke geht mir ein Licht auf: Ich schiebe nicht einfach das Rezept auf den Tisch, sondern frage nach. Ein “wirkstoffgleiches Medikament” ist das Zauberwort. Langsam und zögernd nickt die Frau auf der anderen Seite der Theke. Ja, da habe sie etwas da.

Ich bin begeistert. Die Odyssee ist zuende, der Tag kann beginnen, schon wühle ich in meiner Tasche nach Rezept und Portemonnaie. “Aber …”, setzt da die Apothekerin an, und ich schaue auf. Sie könne das nicht empfehlen, nickt sie mehrfach nachdrücklich, und ich starre sie verstört an. In den nächsten fünf Minuten ergießt sich auf mein verschlafenes Haupt eine Rede, ach was, ein Rundumschlag gegen meine naive Ansicht, identische Wirkstoffe würden auch dasselbe bewirken. Dass die Trägerstoffe eine gewisse Rolle spielen, leuchtet mir dabei sogar noch halbwegs ein. Dass ich aber Probleme wegen der unterschiedlichen Darreichungsform hätte, weil die einen Tabletten einen Spalt, die anderen aber keinen hätte, oder mich die unterschiedliche Farbe der Blisterpackung verwirrt: Das lasse ich dann doch nicht auf mir sitzen. Beharrlich verlange ich nach dem Medikament.

Jetzt wird die Apothekerin richtig wild. Die Politiker sind dran, denen die Patienten nämlich egal sind. Die denken nur ans Geld. Gespart wird auf Kosten der armen Leute, die dann reihenweise wegen verwechselter Pillenpackungen an Vergiftungen verenden. Dazu wisse jeder, der auf seinen Bauch hört, dass Medikament halt nicht Medikament sei, dass man nicht einfach das eine gegen das andere austauschen könne. Da sei nämlich mehr im Spiel, als die hohen Herren – irritierenderweise zeigt sie mit dem Finger tatsächlich nach oben, als tage der Bundestag seit Neuestem irgendwo in den Wolken über Berlin – so mitbekämen.

“Ja.”, antworte ich in sant beschwichtigendem Tonfall. Ich wolle es jetzt gleichwohl erst einmal versuchen. Unwillig dreht die Apothekerin sich schroff um stampft nach hinten hinter ihre Regale. Das Medikament wirft sie mir förmlich auf den Tresen. Doch noch gibt die Apothekerin nicht auf. Ob ich es schon einmal mit Globuli versucht hätte? Bei Schilddrüsenunterfunktionen sei das oft das Beste, besser als die ganze Chemie (kurz öffne ich den Mund, um ihn sofort wieder zu schließen), dabei hebt sie kurz ein Röhrchen hoch. Ich schüttele den Kopf.

Dass sie das Wechselgeld nicht vor mir auf den Boden schleudert, ist aber auch alles. Ich bekomme mein Medikament, mein Geld, dann dreht sie sich um und geht. Auch ich wende mich zur Tür. Im Verschwinden höre ich sie noch ein “Wiedersehen!”, ausstoßen, gefolgt von einem halblauten “Sie glauben der Pharmaindustrie aber auch alles!”.

 

Vorübergehn der Stäbe

Oje, denke ich wie immer im Raubtierhaus und sehe den Tigern zu, die in winzigen, gekachelten Badezimmern nicht unähnlichen Gehegen auf einer Art Regal liegen oder unruhig hin und her streichen. Naiv schimpfe ich mich im selben Atemzug, denn selbst im ökologischen Kuhstall haben die Rinder weniger Platz, und auch ein Hauskaninchen würde sich ein solches Verhältnis von verfügbarem Raum zur eigenen Körpergröße wünschen.

Das Bessere, schießt es mir in der nächsten Sekunde durch den Kopf, ist aber noch lange nicht gut, und wünsche dem Tiger auf dem kleinen Bänkchen nun doch von ganzem Herzen einen grünen Dschungel und eine herrliche Jagd auf echte, lebende Tiere. Doch ginge es – biegt der Gedankengang noch einmal um die Ecke – dem Tiger im Wald wirklich besser? Ersetze ich so nicht eine Vermenschlichung durch eine andere? Überhöhe ich nicht die Freiheit als ein im Kopfe des Tigers ganz und gar nicht existentes Konstrukt, und der Tiger fühlt sich nicht schlechter als meine Katze daheim in Sicherheit und Wärme bei gutem Essen und frischem Wasser?

Halbwegs versöhnt mit dem Schicksal des Tigers gemessen am Elend seiner wilden Vettern, zu denen bei Krankheit kein Tierarzt kommt, und die nicht selten hungrig bleiben, verlasse ich das Tigerhaus. Einen letzten Blick werfe ich in der Tür zurück, und für einen Moment sehe ich dem Tiger direkt in die Augen. Hilf mir hier raus, könnte er sagen. Oder auch: Komm, lauf davon. Vielleicht aber auch nur: So fremd sind wir uns wie entlegene Sterne.