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Journal :: 27.11.2017

Kurz ergreift mich das Bedürfnis, mit etwas zu werfen, aber was nützt das, wenn derjenige, nach dem man es werfen möchte, leider nicht anwesend ist, sondern einen telefonisch sozusagen verhöhnt, ohne das auch nur zu bemerken. Passenderweise ist es draußen dunkel und kalt, über die Fenster läuft schwarzer Regen, und obwohl es so aussieht, als würde es nie wieder hell, ist es eigentlich erst kurz nach fünf, und hier ist nicht der Hades, sondern bloß ein Büro.

Auch der Mann am anderen Ende der Telefonverbindung steht in einem Büro und wollte vor zehn Minuten mit mir über Kekse sprechen und über unsere Chancen, unsere Kinder doch noch christlich beschulen zu lassen und sie nicht dem gottlosen Berliner Bildungssystem in den schadhaften Rachen zu werfen. Von diesen Themen ist er dann allerdings abgekommen und nun sprechen wir seit zehn Minuten über Bücher. Ich lobe Kehlmanns „Tyll“, mit dem dem Meister des eleganten, ein wenig leblosen Plots nun wider Erwarten doch ein Roman gelungen ist, in dem der Dreck stinkt und Körper atmen, und in dem die Magie wirklich lebt und webt und nicht nur zitiert und behauptet wird. Aha, sagt er und schweigt für eine Minute. Dich, sage ich, um das Schweigen nicht über Gebühr auszudehnen, habe ich auch kürzlich zwischen zwei Buchdeckeln getroffen, und er lacht und fühlt sich, glaube ich, ein wenig geschmeichelt.

Ich dich auch, sagt er. Ich ziehe scharf die Luft ein und fürchte mich ein bisschen. In der Tat. Ich fürchte mich zu recht. Isabel, sagt er. Isabel in Jackie Thomaes „Momente der Klarheit“, dieses sehr wahre, sehr traurige, sehr treffsichere und unglaublich lustige Buch von vor ein paar Jahren über halb kreative, halb bürgerliche Mittvierziger in Berlin, die alle einmal etwas mit allen hatten, und in vielen kurzen Episoden jeweils den einen Moment erleben, in dem sie feststellen, dass die Liebe vorbei ist, und dann weitermachen oder auch nicht.

Wieso ausgerechnet Isabel, frage ich. War diese Isabel nicht Videokünstlerin? Ich habe eine intensive Abneigung gegen Videokunst. Und ist Isabel nicht eine ziemlich überspannte Person, die in Regisseur Engelhardt erst das Gefühl hervorgerufen hatte, ein jahrzehntelanger Irrtum habe sich endlich aufgeklärt, um dann Knall auf Fall zu einem Fremden zu ziehen, und Engelhardt auch noch den Umzug machen zu lassen? Eine Person, die im Personenverzeichnis als ebenso gewinnend wie angriffslustig bezeichnet wird? Die fiese, Haare ausreißende Schwester von Natalie, die eigentlich nur in emotionalen Extremen existiert? Die dann den total langweiligen Anwalt Clemens am Schlachtensee kennenlernt, der sich irgendwann von ihr trennt, weil sie sich offenkundig nicht die Bohne für ihn interessiert.

Ausgerechnet Isabel, ächze ich und überlege, ob eine Schädeldecke wohl bricht, wenn man mit einem schweren Locher auf sie einschlägt. Hier liegt ein Irrtum vor, proklamiere ich. Ich halte mich in der Tat eher für etwas zu kontrolliert als für das Gegenteil. Und ich mag manchmal Launen haben, aber ich bin Meilen entfernt von einer Frau, die die eigene Schwester für eine bisweilen gefährliche Borderlinerin hält, und nicht zuletzt seit über 20 Jahren in beispielhafter emotionaler Stabilität dem geschätzten Gefährten verbunden. Jaja, lacht man mich aus, und dann spricht man übergangslos wieder über Kekse.

Und hier sitze ich nun und denke darüber nach, welch schreiendes Unrecht es bedeutet, von seinen engsten Freunden so bösartig verkannt zu werden, und wie man sich hierfür als gesetzte Dame in durchaus mittleren Jahren am gediegensten rächt. Vorschläge gern in die Kommentare oder per E-Mail.

Von den Nachgeborenen

Die Stadt ist voller Toter. Sie glänzen als Stolpersteine auf den Bürgersteigen, allein in unserer Straße acht oder neun. Sie hängen als Gedenktafeln an Häusern. Manchmal bemerkt der F., dass die Toten heißen wie seine Freunde, und fragt nach, was sie getan haben, als sie in unseren Wohnungen gelebt haben, auf unseren Straßen herumgegangen sind, und wieso sie sterben mussten, fragt er auch. Wir erzählen ihm Teile der Wahrheit.

Die Stadt ist für einen Fünfjährigen ein Spielplatz, ein Labor, ein Moloch aus fremden Ideen, elektrisierenden Erfindungen, Leidenschaften aller Arten und den unglaublichsten Skandalen. An meiner Hand durchwandert der F. die Stadt, fragt nach Denkmälern und Straßennamen, Königen und Schlachten, und als wir am Sonntag aus dem Naturkundemuseum durch die Chausseestraße kommen, fragt er mich auch. Wer das denn sei, der Mann von der Tafel.

Puh, sage ich und fange an zu erzählen. Dass der Mann Gedichte und Theaterstücke geschrieben hat. Dass er erst viel Ärger hatte, weil er eine andere Regierung wollte, als die, die damals an der Macht war. Dass er im Krieg im Ausland gelebt hat, und dann wieder nach Berlin gekommen ist, als Leute die Regierung bildeten, die er für seine Freunde hielt. Dass ich glaube, dass er am Schluss enttäuscht war und feststellen musste, dass seine vermeintlichen Freunde keine waren.

Es ist schade um die großen Träume, denke ich, aber das sage ich dem F. noch nicht.

Dass seine Frau eine berühmte Schauspielerin war. Dass er geraucht hat. Dass er Frauen mochte, findet der F. gut, der auch Mädchen sehr gern hat und ein bestimmtes Mädchen heiraten will, das sehr gut malen und kämpfen kann, wie er findet. Theater findet er auch gut, und Bücher schreiben hält der F. auch für sehr, sehr toll. Aufgrund eines schwer zu beseitigenden Missverständnisses glaubt der F., dass alle Leute Bücher schreiben, und der einzige Unterschied zwischen erwachsenen Leuten darin besteht, ob diese Bücher ausgedacht sind oder nicht.

Im Innenhof krame ich in meinem Gedächtnis nach einem der Gedichte, um es dem F. aufzusagen. Ich kenne ziemlich viele Gedichte auswendig, weil mein Großvater seine Enkel gezwungen hat, sonntags Gedichte aufzusagen. Brecht war da aber nicht dabei. Schiller und Goethe lernte man damals, Uhland, Eichendorff, so etwas, dabei war das ungefähr 1985 und der arme B. B. schon lange tot.

Es ist ruhig in dem Hof, die Kastanienblätter wippen im Wind. Es sieht ganz unberlinerisch aus, kleinstädtisch, es könnte auch in Augsburg sein oder in einem böhmischen Dorf, und als ich das denke, fällt mir doch das Lied von der Moldau ein, aber das singe ich nicht in diesem leeren Hof unter den geöffneten Fenstern, hinter denen Leute sitzen, die mich hören.

Dass er nebenan auf dem Friedhof liegt, erzähle ich dem F., und der will dann gleich auf den Friedhof. Da stehen wir dann zwischen all den großen Toten, den Brüdern Herzfelde, der zweifelnden, harrenden Christa Wolf und Anna Seghers, Heinrich Mann und seiner schon fast überwucherten Frau, die sein Bruder nicht mochte, der Ruth Berghaus, deren Barbier vielleicht auch der F. noch sehen wird, und dem große G. F. Hegel.

Es ist ruhig hier, grau und maigrün. Auf den alten Steinen flirren die Schatten der Blätter, und als wir vor dem Grab Brechts und der Helene Weigel stehen, knie ich mich neben den F. und singe ihm ganz leise ein paar Zeilen der Marie A. ins linke Ohr.

Ich hätte ihm gern einen schönen Stein aufs Grab gelegt, sagt der F., als wir gehen.

Nach Hause.

Am Ende kommt der Regisseur Emil Nägeli nicht mit dem Film nach Deutschland zurück, den zu drehen ihn der japanische Offizier Masahiko Amakasu, vermittelt durch den Direktor der UfA, Alfred Hugenberg, angeheuert hat. Nägeli hat keinen Stummfilm gedreht, der die gemeinsamen Ideale der faschistischen Diktaturen Deutschland und Japan verherrlichen würde. Die Idee einer Achse aus Zelluloid, einer gemeinsamen Filmkultur in Abgrenzung zur großen Illusionskunst Hollywoods ist schon im Ansatz gescheitert. Der Hans im Glück, als dessen zerquälten, zarten Bruder wir Nägeli kennenlernen, wird das viele Geld der Japaner Etappe für Etappe für etwas anderes eintauschen, um ganz am Ende mit fast leeren Händen heimzukommen, zumindest, wenn man die Maßstäbe des Auftraggebers anlegt.

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Nägeli ist schon vor seiner Reise von Berlin nach Japan kein deutscher Monumentalfilmer, damit durchaus dritte Wahl der Japaner, sondern ein sensibler Schweizer, angegriffen durch den kürzlichen Tod des durchaus ambivalent gezeichneten Vaters, abgestoßen durch das barbarisch scheppernde Berlin der Dreißiger Jahre, in dem die Filmkritiker Kracauer und Eisner am letzten Tag vor der Flucht nach Paris als einzige Menschen unter alptraumhaften Fratzen ihm die Idee eines ganz anderen Films einpflanzen. Doch auch dieser Film wird nicht gedreht werden. Hans im Glück wird auch diese Idee, den Coup der Emigranten, nicht als Film nach Hause bringen, denn kaum in Japan angekommen, bemerkt er, dass seine Verlobte Ida von Uexküll ihn mit Masahiko Amakasu betrügt, und filmt den Betrug durch ein Loch in der Wand.

Dieser Betrug wird zur Urszene des Films, den Nägeli am Ende einem erfreut-verständnislosen Zürcher Publikum vorführen wird, Ausgangspunkt einer zusammenhanglosen Zusammenstellung von Bildern von Fischern, Gegenständen, Bergen, eines Raums mit europäischen Gemälden und Erinnerungsstücken am äußersten Rande Asiens, die Nägeli auf einer langen Reise zu Fuß, per Schiff und per Zug zusammengefilmt haben wird. Es ist eine Reise nach Hause, auch eine Reise mit sozusagen glücklichem Ausgang, an deren Ende nicht das kalte Wasser des Zürichsees oder die Maden eines chinesischen Lagers warten, sondern eine Professur und eine bürgerliche, quasi Eichendorffsche Behaglichkeit, eine gewisse Selbstverzwergung inbegriffen.

Doch ein Eichendorffscher Taugenichts ist Nägeli nicht. In Nägeli glänzt nicht die anima candida der Romantik, er ist durch Kindheitstraumata und Lieblosigkeit aus dem Paradies vertrieben, und so verflucht er Ida und Amakasu, die dann – wie Fluch und Erzähler es wollen – einen elenden und grotesken Tod finden. Auf den letzten Seiten des Romans fällt  Ida vom großen H des Hollywoodschriftzugs in die Kakteen. Amakasu, dieser dunkle Doppelgänger Nägelis, ertrinkt im Meer.

Überhaupt wird viel gestorben in diesem Roman, dessen erzählerischer Boden fortwährend zu schwanken scheint. Die unruhigen Zeiten übertragen sich auf die Protagonisten, die – Eisner und Krakauer ausgenommen – ebenfalls halb wie Schlafende, halb wie böse, dämonenhafte Puppen durch die Handlung wanken. Eingeschlossen in diese Schale aus Untergängen aber erzählt Kracht seine Geschichte vom unreinen Tor, den er mit einer Heimkehr beschenkt wie noch keinen seiner Reisenden zuvor.

Christian Kracht, Die Toten, 2016

Der Klagenfurttag der alten Leute

Wieso gibt es eigentlich keine blonden Frauen, die in Klagenfurt lesen, frage ich mich, und überlege, ob die Juroren, wenn sie Texte aussuchen, eigentlich sofort googlen, wie die Leute aussehen. Früher, das sieht man auf alten Bildern, waren Autoren ja auch mal gern so hässlich wie Kröten, aber als krötenhässlicher Mensch wird man heuer ja gar nichts mehr, da kann man noch so schön singen oder schreiben. Ich wette, sogar als Wissenschaftler ist es inzwischen ein absoluter Nachteil, wenn man klein, fett und warzig ausschaut.

Frau Ada Dorian jedenfalls ist hübsch und dunkelhaarig und sieht eigentlich schon fast exakt so aus wie einige andere Autorinnen aus, aber vielleicht kommt mir das nur so vor. Ich werde ja auch nicht jünger, da schauen dann irgendwann alle jungen Frauen gleich aus und alle alten auch. Nur die Frauen, die so alt sind wie ich, die kann ich noch unterscheiden.

Frau Dorian liest einen Text über einen alten Mann. Der alte Mann ist das letzte Mysterium der Gegenwart, man weiß quasi nichts über sein seelisches Innenleben, weil die alten Männer sich wenig mitteilen, und wer liest schon Martin Walser, aber auch aus Frau Dorians Buch werde ich nichts über alte Männer erfahren, weil ihre Geschichte über einen alten Mann, der sich einen Wald in die Etagenwohnung stellt, mich rein gar nicht interessiert. Die Russlandklischees, die dann auch noch vorkommen, finde ich fade.

Überhaupt ist heute der Tag der Alten. Auch der nächste Text, Herr Gröttrup setzt sich hin, handelt von einem alten Mann, und startet etwas zäh mit der Beschreibung eines älteren Mannes, der so dem Klischee des alten Spießers mit Schrebergarten entspricht, dass ich ein bisschen seufze, weil die Autorin so nett wirkt, dass man ihr einen tollen Einstieg gewünscht hätte. Dann aber hebt Sharon Dodua Otoo zu einer so irrwitzigen, witzigen, leichten Wendung ab, dass ich heiter ein paar Minuten in der heißen Luft über dem Landhafen schwebe und ein bisschen vor mich hin lache.

Das Los aber ist von unerbittlicher Ordnungsliebe. Auch im nächsten Text taucht ein alter Mensch auf, eine Frau diesmal, ein steinaltes Dienstmädchen in einem Hotel, einem verlassenen Hotel, ein rassistisches, böses Dienstmädchen, und ein junges Flüchtlingsmädchen und vielleicht eine schwarze Frau, von der ich nicht weiß, ob es sie in der Realität dieses Romanauszugs wirklich gibt, und es auch nie herausfinden werde, weil schon anhand des kurzen Auszugs des Textes von Astrid Sozio klar wird, dass die Konstruktion nie im Leben funktioniert. Der Text scheitert aufs Krachendste, plumper Schulfunk oder rassistisches Stereotyp, vermutlich beides, und da hilft es dann auch nicht mehr, dass ich der Autorin gern zusehe, auch wenn sie genauso aussieht wie die Hälfte der anderen Autorinnen. IMG_2569

Zum Schluss aber kommt der alte Mann selbst. Dieter Zwicky heißt er, ist Schweizer, und auch diesmal scheitere ich am alten Mann. Ich verstehe nicht, wovon sein Text handelt, ich schlafe fast ein, weil es 32° C warm ist, und sein Text für mich keinen Sinn ergibt. Dazu liest er in schwerem, konsonantenreichen Schweizer Dialekt, ich höre nur den schleppenden, wiegenden Tonfall und ein wahrer Wasserfall an knackenden und krachenden Lauten.

Am Ende sitze ich wieder am See. Ich plaudere ein bisschen, ich sehe in den blauen Himmel, und frage mich, ob mir die alten Leute eigentlich auch so fremd gegenüberstehen, wenn sie mich vorbeifahren sehen, und ob sie mich mögen oder nicht.

Vom Untergang

Ich bin ja nicht so Exzess. Ich arbeite eine echte Vollzeit, ich habe ein kleines Kind, da bin ich selten unterwegs, um mal einen tiefen Blick in Abgründe zu werfen. Wenn ich dann doch mal an Abgründen vorbei komme, weiche ich meistens aus, weil ich am nächsten Morgen doch aufstehen muss. Ich bin – sehen wir den Tatsachen ins Auge – ein ziemlich erlebnisarmer Bürger mit gemäßigten Ansichten über nahezu alles, einem gewissen Hang zur Bequemlichkeit. Ich bin das Juste Milieu.

Natürlich wird Stuckrad-Barres Buch Panikherz vor allem von Leuten wie mir gelesen. Wer kauft und liest in Deutschland sonst auch Bücher. Und weil Stuckrad-Barre auch Jahrgang 1975 ist, bewege ich mich in Panikherz in einer bekannten Welt. Die Achtziger, dieses endlose Bad in lauwarmer Langeweile. Die Neunziger, in denen es dann endlich losgehen sollte, ohne dass genau festgestanden hätte, was es denn eigentlich ist. Nur, dass es größer, lauter, bedeutender sein sollte, als die geordnete Welt unserer Kindheit in der westdeutschen Provinz, das war wohl den meisten von uns klar, die wir Mitte der Neunziger einen Umzugswagen voll Kisten gepackt haben, um irgendwo ein Leben anzufangen, von dem wir vermutlich alle mehr erwartet, als bekommen haben, wie es denn so geht.

Anders als ich hat Stuckrad-Barre die Suche nach Bedeutung ungleich ernster genommen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ausgerechnet im Segment der Musik- und Fernsehunterhaltung das echte Leben zu suchen, aber in Panikherz liest sich das eigentlich alles ganz schlüssig und rund. Warum auch nicht.

Die ersten feinen Risse zeigen sich just dann, als Ende der Neunziger Stuckrad-Barre Erfolg hat. Soloalbum ist ein tolles Buch, ist ein erfolgreiches Buch, auf einmal ist sein Autor ein Star, und ich erinnere mich noch an eine Lesung in einem vollgestopften ziemlich großen Raum, in dem ansonsten Bands auftraten. Ich habe Stuckrad-Barre damals ein bißchen beneidet, nicht weil er dieses Buch geschrieben hatte, sondern weil er überhaupt ein Buch geschrieben und sogar bei einem Verlag untergebracht hatte, während ich andauernd Romane schrieb, die ich dann alle ob mangelnder Qualität wegschmeißen musste.

Dass Erfolg nicht glücklich macht, war schon damals jedem klar. Natürlich macht Erfolg aber auch nicht unglücklich. Er legt nur die Schluchten frei, von denen man vor Eintritt des Erfolgs immer dachte, sie würden sich schließen, wenn erst einmal irgendetwas eintreten würde, was man sich gerade so wünscht. Wenn die Gletscherspalten dann immer noch klaffen: Dann war es eben nicht dieser Erfolg. Dann fehlt etwas anderes. Abnehmen. Rausch. Sex, was auch immer, und so folgt man Stuckrad-Barre ins Innere der Hölle. Dieser Teil des Buches ist sicherlich der stärkste. Stuckrad-Barre gelingen große, groteske Bilder von der Getriebenheit, der Sucht, dem Untergang in Selbstekel, Willenlosigkeit und den vielen Verlusten. Dass er den ganzen Weg abwärts nicht aufhört, genau zu beobachten, und ein präzises Abbild der Welt schafft, deren vorwiegend Berliner Kulissen auch ich gut kenne, würde mein Interesse am Buch auch dann wach halten, wenn nicht schon der Untergang an sich ein Thema wäre, das ein Buch dieses Umfangs trüge.

Dass der schon fast völlig Zerschlagene am Ende von seiner Familie und Udo Lindenberg gerettet wird, erleichtert den Leser und bedient die Erwartungen an eine geschlossene Dramaturgie. Ganz aber, ganz glaube ich nicht an die Geschichte von Höllenfahrt und Errettung, und als ich schließlich im Postbahnhof sitze, und Stuckrad-Barre mager und blass liest, unterhält und witzelt, lache ich zwar, versinke in einer gerührten Nostalgie, und wehre mich doch vergeblich gegen das Gefühl, dass das das Ende der Geschichte noch nicht ist, denn vielleicht gibt es keine Wege zwischen dem Untergang auf der einen und der Gleichgültigkeit auf der anderen Seite, und wir alle müssen wählen, was uns bitterlich fehlt.

Benjamin von Stuckrad-Barre, Panikherz. 2016.