Der dritte Tag (tddl)

Manchmal ist der Zufall ein fieser Kerl. Manchmal ist er auch eine Zahnärztin: Dass das Los Corinna Sievers mit einem pornographischen Text über eine erotomane Zahnärztin, die ihre Patienten verführt, ausgerechnet auf den Freitag morgen befördert hat, war jetzt vielleicht mehr so mittelglücklich. Vermutlich hätte ich den Text aber auch zu keiner anderen Tageszeit gemocht: Eine simple Nacherzählung einer stinknormalen Pornophantasie, mit ein, zwei Sätzen, aus denen hervorgeht, dass die weibliche Lust auch hier soziale Bestrafung erfährt. Nun gut.

Aber überlassen wir Frau Sievers ihren – hoffentlich auch noch nächste Woche – real existierenden Patienten. Die Dame ist wirklich Zahnärztin, und dass man ihr lassen: Ich glaube, sie kann nicht so besonders gut schreiben, aber mutig ist sie auf jeden Fall.

Nach einem sehr auf grobe Effekte abzielenden Text folgt ein ausgesprochen langsamer, sehr kleinteiliger Text. Ally Klein beschriebt minutiös eine Panikattacke, und auch wenn ich mir schon vorstellen kann, dass sich Panikattacken exakt so und nicht anders anfühlen, fesselt mich der Text nicht. Warum das Ich Panik bekommt, wer der titelgebende Carter ist: Mir bleibt der Kontext völlig unklar, und wenn ich ehrlich bin: Er interessiert mich auch nicht sehr.

Beim nächsten Text wird alles besser. Tanja Maljartschuk erzählt eine gut gemachte, sehr konventionelle Geschichte einer alten, dementen Frau und eines jungen illegalen Immigranten. Letzterer nutzt eine Verwechslung aus, aber – anders als die Nachbarn denken – nutzt vielleicht auch sie ihn aus, man weiß es nicht, und dass die Jury nicht auf die Frösche eingestiegen ist, die durch den Text springen, die ungeküssten, die verwandelten, die glitschigen Amphibien, ist ein bisschen schade. Das war eine gute Story, wenn auch so brav erzählt, dass sie vielleicht schon deswegen leer ausgeht, weil sie nicht das ist, weswegen wir hier sind.

Bov Bjerg steigert die gegenüber dem ersten Tag ohnehin schon deutlich gestiegene Qualität noch einmal. Eine dichte, eine fugenlose Geschichte über Vater und Sohn, familiäre Belastung, Flucht und Schicksal, Provinz, Befreiung und Liebe, die mich sofort hatte. Nach wenigen Sätzen hatte ich Angst um den Siebenjährigen, der familiär belastete Vater tat mir leid, ich habe auf jedes positive Zeichen für eine gute Wendung gewartet, und als dann keine kam, war ich traurig. Wenn der nichts gewinnt,

Zum Schluss des Tages Anselm Neft. Hui. Das ist ein Text. Vielleicht bin ich voreingenommen, wir sind befreundet, aber die Geschichte über einen Obdachlosen und sein Alter Ego, ganz fleischgewordene toxische Männlichkeit, die ihn auf eine Höllenfahrt reisst, vorbei an Glaube, symbolisiert durch einen Priester, Liebe, eine dicke Bäckerin und Hoffnung, einen Hund, bis in eine kalte Hölle, in der eine peitschende Mutter einen wieder Fünfjährigen erwartet, war so schmerzhaft, dass die Jury dem Text zumindest unmittelbar nach der Lesung nicht ganz gerecht geworden ist.

Nach einem kühlen Tag ein langer, schöner Abend und zu wenig Schlaf.

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