Der vierte Tag (tddl)

Ich bin unfassbar müde. Im Lendhafen ist es erst warm, dann kühler, dann wieder wärmer, und ich trinke sehr schnell drei Kaffee, um nicht wegzudämmern.

Immerhin ärgere ich mich über Jacob Noltes Text ausreichend, um nicht einfach selig wegzuschlummern. Vermutlich sind die schiefen Bilder Absicht, und die Geschichte eines Mädchens, das in Mexiko Urlaub macht und in einem Tagebuchauszug einen Ausflug beschreibt, soll durch komplette Trivialität die Trivialität Gap Year feiernder Studenten geißeln, aber was soll mir das sagen? Dass solche Leute ein bisschen banal sind? Das wusste ich schon. Ein absichtsvoll schlechter Text kann durch seine Fehler eine andere Geschichte erzählen, aber eine solche unerzählte Story ist hier nicht einmal angedeutet.

Beim nächsten Text bin ich wach: Stefan Groetzner liest einen (nur etwas zu langen) grotesken, verspielten Text über eine Misswahl, eine Weltmaschine, ein aus bunten Klischees erfundenes, knallbuntes Österreich, und ich muss tatsächlich lachen. Ich denke an Herzmanovsky-Orlandos Tarockanien, Jandl, an das „Paradies der falschen Vögel“ von Hildesheimer, und an die Illustrationen von Paul Flora. Ach, und überhaupt Maschinen. Ich bin ein Riesenfan von Maschinen.

Dann wird es hart. Frau Özlem Özgül Dündar verleiht vier Müttern eine Stimme, die über einen Brandanschlag sprechen. Der Text ist nicht realistisch, so sprechen weder die Toten noch die Überlebende und auch nicht die Tätermutter. Es ist ein ergreifender Gesang über den Schrecken, das Sterben, die Unmöglichkeit des Weiterlebens, die Unfassbarkeit von Schuld, dabei ästhetisch bis in jede Spitze gefügt. Der bekommt einen Preis, denke ich, und dann gehe ich in die Stadt und kaufe für den J. und den F. auf dem Markt ein Geschenk.

Der letzte Text erinnert mich an ein Comic. Lennard Loß ist jung, sehr jung, so jung, dass man ihm sogar seinen etwas schnöseligen Vorstellungsfilm verzeiht, der sich anhört, als betrachte er Arbeiter wie ganz besonders aufregende Eingeborene in der Südsee. Leider ist der Text trotzdem nichts. Es geht um einen Flugzeugabsturz, die RAF, einen teuren Bleistift, einen Zahntechnikmeister, der in der SS war, ein Heimkind unter falschem Namen: Es ist, kurz gesagt, eine Kreuzung aus Life of Pi und einem Tarantinofilm über Nazis und Terroristen.

Dann gehe ich schlafen. Und schwimmen (2. Stein!). Und Essen, weil man in Klagenfurt großartig essen kann. Und trinken im Lendhafen. Und als ich schlafen gehe, hämmert irgendwo in diesem Hotel jemand dreimal ganz laut gegen die dünnen Wände.

Ein Gedanke zu „Der vierte Tag (tddl)

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