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Tigermückenmutter

Der F. und ich werden immer gestochen. Wenn wir irgendwo, wo’s warm ist, ankommen und aus dem Flugzeug steigen, erwacht mit der ersten Berührung fremder Erde auch die letzte Mücke des Landes und wirft sich noch vorm Gepäckband genießerisch auf uns, um uns bis auf den letzten Tropfen auszusaugen. Der F. ist ein wenig allergisch und schwillt dann schrecklich an. Das nervt schon in Deutschland. In Südostasien sehe ich quasi nur noch Tigermücken randvoll mit Dengue-Viren meinen armen kleinen Kerl gierig umschwirren. Ich würde öffentlich immer schwören, das Gegenteil einer Helikoptermutter darzustellen. Was ich niemals zugeben würde: Ich bin Tigermutter. Tigermückenmutter, besser gesagt. Ich bin die Irre mit dem Elektrotennisschläger, die hinter der Glasfront unserer Ferienwohnung ein leicht verrücktes Mückentennis aufführt, und Tennisspielerinnentriumphschreie ausstößt, wenn die Mücke elend verschmort.

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In Thailand führen alle möglichen Religionen eine leicht verschwommene, friedliche Koexistenz. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist man hier meistens Buddhist, aber die Sorte mit dem dünnen Buddha, glaubt aber auch an Dämonen, zum Beispiel an so einen blauen Kerl mit Eberzähnen, den Elefantengott und noch einige andere HIndugötter. Weihnachten wird aber auch gefeiert. Mich persönlich irritiert das überhaupt nicht. Ich stutze weder bei thailändischen Buddhisten mit baumelnden Bildern von Mutter Teresa am Taxirückspiegel. Noch denke ich über die ganzen Buddhas in den Gärten deutscher Weihnachtschristen nach. Ich bin sozusagen spirituell gründlich abgestumpft. Der F. hat diesen Abstumpfungsprozess aber noch vor sich, und die bohrenden Fragen eines Sechsjährigen, der Religion tatsächlich noch ernst nimmt, verschönern, man könnte sagen, nicht jede meiner Lebenslagen.

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Heute findet das chinesische Neujahrsfest statt. Vor der Mall Blueport dreht sich ein blinkender Drache. Eine kleine Combo haut kräftig auf die Pauke, kleine Mädchen tanzen in rot und Verkäuferinnen verschenken Ballons und Schokolade. Schön ist das, freut sich der F. über seinen knallroten Luftballon. Aber er, fährt er sehr ernsthaft mit gekrauster Nase fort, mag nur sehr leise Religionen, am besten solche mit schöner Musik.

Dann steigen wir ins Taxi.

Mein Affe

Von mir aus, sage ich und der F. jubelt. Wir fahren also zum Affentempel Khao Takiab.

Als wir aus dem Wagen steigen, hängen die Affen schon von den Bäumen. Einer springt auf die Motorhaube. Einer sitzt auf dem Außenspiegel. Einer, ein kleiner, zierlicher Makake, schaut mich direkt an und folgt uns. Wir steigen die Treppen hinauf zum Chedi. Tief unter uns liegt die weite Bucht, gesäumt von weißen Türmen, Zikkuraten der Gastlichkeit mit ausladenden Balkonen. Das Meer ist heute fast weiß.

Als wir die Treppen hinuntersteigen, folgt uns der kleine Makake. Leider habe ich nichts zu Essen für ihn, er sieht dünn aus, aber vielleicht ist er nur auf diese jugendliche Weise dünn, wie auch der sechsjährige F. dünn ist, der sich seinen ganzen herrlichen Kinderspeck abgerannt und abgeschwommen und abgesprungen hat. „Wer bist du?“, frage ich den kleinen Affen, weil er mich so anschaut, als würde er gefragt werden wollen, und deswegen wundere ich mich gar nicht, als er antwortet. Er heiße Kwam, behauptet er, und der F. stellt uns vor.

„Warum kannst du sprechen?“, frage ich Kwam, aber diese Frage, lerne ich, ist sehr, sehr beleidigend. Alle Affen können sprechen, sie sprechen nur nicht mit jedem, seit der Sache mit Affe Rotpeter, die bei allen anderen Affen einen sehr ungünstigen Eindruck hinterlassen habe, höre ich. Eine solche Karriere sei für die jüngere Affengeneration völlig unattraktiv. Aber ich habe Glück. Ein Affenglück, sagt Kwam, und dann setzt er sich neben den F., als wir fahren.

In unserer Wohnung stelle ich Kwam erst einmal unter die Dusche. Er ist schrecklich verlaust, und ich schreibe Entlausungsmittel auf meinen Einkaufszettel. Kwam stört das überhaupt nicht. Er tobt mit dem F. durch die Wohnung, singt mit ihm lustige Lieder, isst ein Pfund Weintrauben, zwei Mangos und einen Bund kleine, sehr süße Bananen, und dann lässt er sich von dem F. Witze erzählen, bis sich beide die Bäuche halten vor Lachen. Der F. gibt dem Affen sogar von seinen Rote-Bohnen-Brötchen ab, und das ist eine sehr seltene Ehre.

Beim Abendessen im Chef Cha nebenan essen der F. und der Affe um die Wette Reis und Huhn mit Thaibasilikum und Cashewnüssen, Papayasalat und Kokoseis. Der Affe macht die Leute an den Nachbartischen nach, der F. lacht herzhaft und spricht fast nur mit Kwam. Nach Berlin kommt er aber nicht mit, sage ich dem F. heimlich auf dem kurzen Heimweg, aber das bringt Kwam und den F. dermaßen auf, dass ich ankündige, es mir nochmal zu überlegen, wenn Kwam seinen Flug selbst bezahlt.

Als der F. schlafen geht, rollt sich Kwam auf der gepolsterten Bank am Fußende zusammen. Gute Nacht, Kwam, sagt der F. und beschreibt mir ganz genau, wie Kwam aussieht, wenn er schläft, und was er träumt und wie sehr er sich danach sehnt, mit ihm nach Berlin zu fahren und dort in den Bäumen zu schaukeln.

Dicker Mann mit Thaifrau

Der F. gräbt seit 20 Minuten ein Riesenloch in den Sand. Er wirkt sehr konzentriert, möglicherweise denkt er darüber nach, ob er den Erdkern noch vorm Abendessen erreicht. Immerhin bemerkt er so auch die Strandverkäufer nicht, die mit Obst, Eis oder Getränken über den Strand laufen. Ich könnte mir eine Kokosnuss kaufen, überlege ich, grabe meine Füße in den Sand und lese weiter. Sanft streichen die Schatten der Palmen über den Strand.

Es ist nicht voll. Es ist Hauptsaison, aber Hua Hin scheint nicht ausgebucht zu sein. Es mag sein, dass das im Süden anders ist, aber hier sind nicht alle Liegen vor den Hotels belegt, und dort, wo wir unsere Handtücher ausgebreitet haben, ist um jede bunte Insel aus Bambus, Handtüchern und bunten Taschen viel, viel Platz.

Ein paar Meter neben uns sitzt ein Paar. Er ist ein Berg von einem Mann, rotgesichtig, sicherlich mindestens 70. Spärlich die Haare auf dem Kopf, dafür wuchern auf seinem gesamten Oberkörper fusselige, weiße Haare. Er ist tätowiert, aber den Schriftzug auf seinem Arm kann ich nicht erkennen. Auf seinem Handtuch steht „Route 66“.

Seine Begleitung ist Thai. Sie ist nicht mehr jung, aber deutlich jünger als er, vielleicht Mitte 50, mit langen Haaren, einem bunten Kleid und großen, glitzernden Kreolen. Sie ist maximal 1,50 groß, sehr zierlich, und die Vorstellung ist nicht abwegig, dass er ungefähr dreimal so viel wiegt wie sie. Er liegt auf der Decke und trinkt Bier. Sie wieselt über den ganzen Strand, kauft Obst, bringt ihm eine weitere Bierdose, die sie auch noch für ihn öffnet, drückt ihm einen Maiskolben und Eis in die Hand, und hört ihm zu, der unaufhörlich auf sie einbrabbelt.

Huh, denke ich und betrachte den fetten Kerl mit schlecht verhohlener Abneigung. Noch so einer, der nach Thailand fährt, um sich hier gegen Geld von Frauen bedienen zu lassen, bei denen er daheim nicht den Hauch einer Chance hätte, und dann vermutlich auch noch im Internet schwadroniert, dass in Asien die Frauen noch wüssten, was ein Mann verdient. Ich war mal Referendarin in Thailand, das ist lange her, aber die Geschichten, die ich damals gehört habe, habe ich nicht vergessen. Solche Paare sieht man viele hier. Ich wende mich ab.

Am späten Nachmittag leert sich der Strand. Auch der F. und ich packen unsere Sachen. Wir wollen auf den Nachtmarkt, etwas essen und der F. verlangt ein Schwimmtier. Als wir gehen, kommen wir an dem dicken Mann und der Thaifrau vorbei. Gerade als wir vorbeischlendern, klingelt sein Telefon. Er geht ran und hält ihr das Handy mit seinen roten, riesigen Pranken ans Ohr.

„Ei, isch da mein Süsserle! Sag was zur Oma!“, schreit die Frau begeistert in das Gerät, auf dem ein Kind erscheint, das unkoordiniert, aber euphorisch winkt,  und dann hält sie das Handy so vor sich und den dicken Mann, dass das Enkelkind beide sehen kann, beide strahlen und winken, und ich schleiche mit dem F. an der Hand leicht betreten von dannen.

Eintracht Frankfurt

Frangipani, denke ich. Jasmin. Chili und Bratfett, Abgase, die feuchte Luft, und wer hier, vorm Eingang des Flughafen Bangkok, einmal einatmet, kann sich vermutlich rund ums Jahr eine direkte Standleitung in den Auspuff des ältesten Dieselwagens der Republik legen: Ich bin zurück in Bangkok. Die Stadt riecht wie immer und sie sieht wie immer aus. Nur die Thais werden irgendwie immer dicker.

Es ist kurz nach elf. Der Bus nach Hua Hin ist schon weg. Der Zug fährt vom Bahnhof in einer knappen Stunde, aber das reicht nicht aus, um vom Flughafen dorthin zu kommen und Tickets zu kaufen. Ich verhandele also mit einem Taxifahrer, bin irgendwann bei 2.000 Baht, das sind 50 EUR für eine dreistündige Fahrt, das ist in Ordnung, und so steige ich ein.

Der Fahrer lässt dem todmüden F. den Sitz weit nach hinten, deckt ihn zu und schiebt ihm ein Kissen unter den Kopf. „Morgen gibt’s Mango.“, teilt der F. schon leicht lallend dem Fahrer noch mit, aber der nickt nur und lacht und versteht natürlich kein Wort. Dann setzt er sich hinters Steuer und fährt an.

Ich werde buchstäblich in den Sitz gepresst. Ich kann es nicht beschwören, aber vermutlich   hebt der pinkfarbene Toyota leicht ab, überholt in halsbrecherischen Manövern LKWs, schwere Limousinen, Motorräder und rast durch die immer dunklere Nacht aus Bangkok heraus nach Süden. Hinter uns zieht, nehme ich an, ein glühender Strahl aus schierem Feuer.

Er sei schon einmal in Deutschland gewesen, erzählt der Taxifahrer. Seine Schwester sei da verheiratet mit einem deutschen Taxifahrer. Oha, sage ich. Die Schwester des Taxifahrers lebe in Mannheim, sagt er, und dann sprechen wir über die Pfalz und über die Liebe der Deutschen und der Thais zu Wurst. Wurst ist hier nämlich populärer, als ich dachte.

Der Schwager des Taxifahrers, erfahre ich, ist ein Fußballfan und liebt den Verein Eintracht Frankfurt, und weil der Taxifahrer vermutlich keine Deutschen kennt, die Fußball nicht lieben, verwickelt er mich in ein längeres Gespräch in einer wüsten Mischung aus Thai und Englisch über die Erfolge, die Niederlagen, die Spieler und die Geschichte von Eintracht Frankfurt. Hmmm, sage ich ab und zu. Yeah. Oh, wow!

Dann sind wir da.

Auf und davon

Glauben Sie den Studenten und Referendaren der Rechte kein Wort, wenn die stöhnen, wie hart das Leben sei. Fakt ist nämlich, dass man als Student eigentlich semesterlang vorwiegend schlafen und feiern kann, solange es einem nur gelingt, sich im siebten und achten Semester komplett einzuschließen, einen Haufen Skripten mehr oder weniger auswendig zu lernen und nicht die Nerven zu verlieren, wenn man vor der Prüfungskommission steht. Danach geht es ins Referendariat, und das ist eigentlich fast ausschließlich lustig. Man hat, außer man hat Pech, auch nicht so richtig zu tun, weswegen nicht ganz wenige Referendare ein bis zwei Tage die Woche irgendwo arbeiten gehen. Ich habe damals ein sehr ausführliches und komplett weltfremdes Forschungsprojekt betreut.

Gut, auch das zweite Examen ist anstrengend. Zu den vielen Vorzügen des Referendariats gehört aber die unmittelbar nach den schriftlichen Klausuren stattfindende Wahlstation, die es einem ermöglicht, irgendwo an einem Ort eigener Wahl ein bisschen zu arbeiten und viel herumzulungern. Wann kann man das sonst schon. Ich war zu diesem Zweck in Bangkok. Es war August, es war sagenhaft heiß, und einmal am Tag goss es wie aus Kübeln.

Ich war 24 damals, und Thailand war eine Wucht. Ich fand sogar das Wetter toll, ich liebe asiatische Megacities, und außerdem alle waren sagenhaft freundlich zu mir. Mehrere Freundschaften von dort halten bis heute. Das Essen war super, ich mochte das Meer und ich habe mehr irre Geschichten erlebt, als in mehreren Jahren Berlin, und das will was heißen. Fragen Sie mich bei Gelegenheit nach den Verrückten mit den Gewehren und ihrer Insel und den Fischen und dem Rum. Und dem Heidelberger Studenten, der in der Patpong die Göttin Isis fand. Zwischendurch fiel mir zwar ab und zu ein, dass ich die ungelogen dickste Frau Bangkoks war, aber sogar daran kann man sich gewöhnen. Ich habe damals viel und lange über mein Gewicht nachgedacht, wie sehr langjährige Leser sich vermutlich erinnern. Seit ich zehn Kilo mehr wiege als damals ist es komischerweise besser statt schlechter, aber dies nur am Rande.

Ich war seitdem noch zwei Mal in Thailand, einmal wandern im Norden und einmal einfach nur so am Strand. Ich weiß, Thailand gilt als das Mallorca des Ostens. Wer was auf sich hält, fährt nach Kambodscha oder Laos oder ganz woandershin. Ich aber, ich fliege morgen Abend nach Bangkok und fahre dann mit dem F. weiter ans Meer. Ich habe eine Wohnung gemietet und will nichts tun. Für jemanden wie mich ist das ein Projekt. Ich will so ein bisschen wie damals, nur anders, ganz und gar raus aus meinem sehr komplizierten Berliner Leben. Ich will, dass mir das Meer das ganze letzte Jahr von der Haut spült. Ich will noch einmal, bevor der F. zur Schule kommt und ein großer Kerl wird, viele Wochen mit ihm außerhalb unserer Welt verbringen, an die er sich erinnern soll, wenn er mal groß ist, und ich will schreiben. Schreiben und lesen und essen und einfach nur sein.

Königin

Als es anfing, fiel es gar nicht auf. Sie hatte ja schon immer elegante Kleider geliebt, schöne Stoffe, Hüte sowieso, sehr gern mit kleinem Schleier, und als Chefsekretärin war sie es seit den Sechzigern gewohnt, an der Seite ihres sehr schwulen Chefs offizielle Essen und Empfänge zu besuchen und mit ihm zu verreisen. Sie war damals überall, sogar in Persien und Moskau, und die beiden Söhne fanden sie wunderschön in ihren Etuikleidern mit kleinem Jäckchen, in den duftigen, bunten Cocktailkleidern und den großen Roben. Außerdem waren der K. und sein Bruder in den letzten Jahren so selten da, denn beide Brüder wohnen in Berlin, da erschien es schon fast selbstverständlich, dass ihre Mutter sich festlich anzog, wenn sie kamen, und überdies liebten die Töchter des K. die Kleider der Großmutter und zogen sich selbst ebenfalls aufwendig an, wenn sie nach Bad Bergzabern fuhren, wo die Großmutter sich ein kleines Haus mit Türmchen und schmiedeeisernem Schnörkeltor gekauft hatte, als sie Mainz und den Großvater verlassen hatte nach ihrer Pensionierung.

Irgendwann fiel dem K. auf, dass seine Mutter sich einen richtigen Thron gekauft hatte, in dem sie an der Stirnseite der häuslichen Tafel präsidierte. Es war ein sehr hoher Stuhl, in der Mitte war eine eingeschnitzte Krone, und das Kissen, auf dem sie saß, war aus rotem Samt. Er freute sich wirklich, denn der K. liebt es selbst, sich und seine Feste zu inszenieren. Das hat er von ihr, sagt er, denn auch ihre Einladungen waren damals, als K. klein war, legendär.

Nie verlor sie ihre Haltung und Grazie, bis heute. Nie fiel sie öffentlich aus dem Rahmen. Irgendwann fiel es dem K. natürlich schon auf, dass sie zum Essen am Nikolaustag ein Kleid aus einem silbern bestickten Brokat trug und ein Diadem, das sehr echt aussah, aber – wie sie zur Beruhigung beider Brüder versicherte – aus dem Opernfundus stammt. Außerdem aß sie nun täglich auch ganz allein von dem früher nur zu Feiertagen aufgelegten Silber und dem Meissner Porzellan. Der K. findet das aber gut, denn wozu Silber und Porzellan schonen, wenn man es eh nicht mitnehmen kann ins wie auch immer geartete Jenseits, und der K. wäre garantiert der letzte, der die nächsten dreißig Jahre von Meissner Efeu essen will.

Die Jahre kamen und gingen, die Mutter wurde kleiner, nicht aber gebeugter, und der K. inspizierte ab und zu Neuanschaffungen wie eine Art Szepter, ebenso aus dem Fundus eines Theaters, einen roten Läufer, und unterhielt sich unauffällig mit den Nachbarn und den anderen Leuten in der Kirchengemeinde. Bis heute preist man seine Mutter in Bad Bergzabern wegen ihrer Hilfsbreitschaft und ihrer wohlschmeckenden Torten, und so hat der K. bisher keinerlei Anlass, einzuschreiten, obwohl, wie man mir erzählt, ernsthafte Anzeichen dafür bestehen, dass seine weit über achtzigjährige Mutter inzwischen sogar mit Diadem fernsehend auf dem Sofa sitzt, während die langjährige philippinische Kraft ohne das geringste Zeichen des Erstaunens ungerührt um sie herum den Boden wischt. Die Kraft jedenfalls ist mit der Mutter ebenfalls sehr zufrieden, denn diese sei nicht nur großzügig, sondern auch freundlich und gar nicht herablassend.

Aber als Königin ist dies ja eigentlich selbstverständlich.

Le suonerò

Über den Nacken ziehen sich tiefe, nicht ganz parallele Falten. Die Haut ist griesig, fleckig rot und käsig, über dem Faltennacken liegen ein paar letzte graue Strähnen, und die Ohren sind sehr groß und nicht ganz symmetrisch. Der alte Mann, dem Kopf und Nacken gehören, sitzt zwei Reihen vor mir, ein weißes Hemd hat er an und schlabberige graue Hosen, als sei er früher größer und schwerer gewesen, und er ist mir aufgefallen, weil er sich im Takt der Musik ganz sanft hin und her wiegt, ohne dabei im Mindesten lächerlich zu wirken: Einfach nur ein alter Mann, der die Musik liebt, allein in Berlins neuestem Konzertsaal.

Auch neben mir liebt man die Musik. Der F. starrt den Sänger an wie ein plötzlich erschienenes Ufo, und es fehlt nicht viel, dann würde er in die Hände klatschen vor Freude. So reibt er abwesend mit beiden Händen seine Oberschenkel und fährt sich mit der Linken immer wieder durchs braune Haar. „l chitarrino le suonerò“, singt der sehr junge, sehr schlanke Sänger und ich schaue abwechselnd den F. und den alten Mann an, wie sie in die Arie des Figaro förmlich hineinkriechen. 

Ob wohl auch der alte Mann, sehe ich ihm zu, sich schon als kleiner Junge zu Mozarts Arien gewiegt hat? Wo das wohl war? War sein Haar wohl einmal blond oder braun? Wie sah der Alte aus, als er 30, 15, fünf war, und wie, lege ich meinem kleinen Kerl den Arm um die Schulter, wohl der F. einmal aussehen wird, wenn er ein alter Mann sein wird mit müdem Nacken, verloren die weichen, pralle Wangen, die schlanke Beweglichkeit, das kräftige Haar, nicht zuletzt wohl auch die Zutraulichkeit, die Welt meine es ganz und gar gut mit ihm, und ich bitte den, an den ich gern glauben mag, um Freundlichkeit für mein liebenswürdiges Kind, dem der Himmel lächeln möge sein ganzes rotwangiges Leben, und schenke dem alten Mann mein schönstes Lächeln, als wir den Konzertsaal verlassen.

Blöde Bärte

Gut, schlimmer geht immer. Mein Sohn, der liebenswürdige F., könnte zum Beispiel Fußball spielen und ich würde jeden Samstagmorgen auf irgendeinem Sportplatz dieser ziemlich ausgedehnten Stadt der G-Jugend der Rotation Prenzlauer Berg dabei zuschauen, wie sie sich mit den Buben irgendeines anderen Clubs um den Ball balgt. Es wäre kalt und nass, aus großen Kannen würde saurer Kaffee ausgeschenkt, und außer mir wären alle anderen Eltern begeisterte Fußballfans und würden mit schrillen Schreien ihre Kinder anfeuern.

Doch auch das angenehmste, Fußball ganz und gar gleichgültig gegenüber stehende Kind hat seine dunklen Seiten. Ich etwa war heute das neunte Mal im Deutschen Historischen Museum, dem DHM. Sie haben richtig gelesen: Das neunte Mal. Und da sind die Besuche nicht mitgerechnet, die vorzeiten ohne den F. stattfanden.

Die Besuche verlaufen immer gleich. Der F. trabt im Laufschritt auf die Kasse zu, ich kaufe für 8 EUR eine Eintrittskarte und für weitere 3 händigt man dem F. einen Audioguide aus. Die ersten Male habe ich noch „deutsch, für Kinder“ gesagt, inzwischen sind wir Stammkunden und erhalten das Gerät mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der man Horst in der Eckkneipe ein Pils samt Korn hinstellt. Sodann läuft der F. alle 25 Stationen der Kinderführung ab, beginnend mit der Ritterzeit und endend mit dem ersten Weltkrieg. Kurz nachdem Scheidemann die Republik ausruft, ist Schluss. Was aus dieser Republik geworden ist, kann man im Untergeschoss sehen, wenn man älter ist als fünf.

Natürlich kenne ich jedes einzelne Exponat. Den Augsburger Jahreszyklus, die Pesthaube, die Bilder vom Sonnenkönig, vom Soldatenkönig, das erste Auto, das Berliner Mietshaus, na, die ganze Sammlung eben, und wenn es dem F. – was manchmal vorkommt – gelingt, andere Kinder zum Mitkommen zu überreden, höre ich auch jedesmal dieselben begeisterten Tiraden. Das Lieblingsbild des F. zeigt übrigens den Morgen nach der Schlacht von Waterloo.

Irgendwann so zwischen dem vierten und dem fünften Besuch wurde mir fad und ich begann, dem F. andere Museen anzupreisen. Ich habe eine Jahreskarte für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die sollte sich schließlich lohnen, und so führte ich den F. zu den Römern und zu den Ägyptern, wir waren bei Sauriern und Heiligen, standen vor Nofretete und Caesar, aber nach jedem Besuch drängte der F. auf einen weiteren Rundgang durchs DHM.

Woanders ist es doch auch schön, behauptete ich, aber der F. ließ sich nicht erweichen. Nofretete hätte eine komische Krone. Die römischen Mosaiken in Zypern wären schöner und in seinem Römerbuch zudem besser zu sehen. Saurier wären nur was für Babies. Zuletzt, das war kurz nach Weihnachten, schleppte ich den F. ins Pergamonmuseum, und hinter dem Ischtartor, hinter dem Markttor von Milet und dem Codex Hammurabi entfuhr dem F. dann der finale Seufzer: Die Babylonier würden Löwen schlachten und wären daher fies. Die Assyrer hätten blöde Bärte.

Napoleon dagegen sei glattrasiert.

Das Katzometer

Bei meinem Lateinlehrer waren es die Zigaretten. Mehr als eine Schachtel am Vormittag bedeutete einen nervlichen Zustand, bei dem man besser etwas Abstand hielt. Beim J.2 bemerkt man Gereiztheit an einem leichten Zucken der rechten unteren Gesichtshälfte, und einer meiner Profs fing bei etwas heftigeren Amplitudenausschlägen an, hektisch mit den Händen herumzufuchteln. Ab und zu ging dann irgendwas zu Bruch.

Mir, so sagt man, bemerkt man nervliche Strapazen eigentlich nicht so schrecklich an. Auch ich bemerke oft erst nach Wochen, ach: Monaten, dass irgendwas nicht stimmt. Als ich über Wochen jede Nacht um 3:20 aufgewacht bin, da habe ich mich dann schon irgendwann gefragt, ob der seelische Haussegen vielleicht so ein Stück weit schief hängen könnte. Oder damals, als ich 17 war und mich in ein grauenhaftes, so zum Glück zumindest in meinem Leben einmaliges Durcheinander verschiedener kreuz und quer verliebter Leute verstrickt hatte, irgendwann Überblick und Fassung verlor und auf einmal am ganzen Körper fürchterlichen Juckreiz bekam, vor allem auf der Kopfhaut, schrecklich war das, und außerdem hatte ich nach einigen Wochen quasi überall trockene Hautschuppen vom vielen Kratzen.

Nun bin ich nicht mehr 17 und ich schlafe wie ein Stein. Wie es mir geht, kann ich allerdings bis heute nicht auf Anhieb ganz zutreffend sagen, irgendwie fehlt mir da ein Organ, das andere Menschen haben, aber zum Glück benötige ich das auch gar nicht. Ich habe ja die Katze.

Nun ist es nicht so, dass meine Katze über besondere Fähigkeiten verfügen würde. Vielleicht verfügt sie nicht einmal über die normalen Fähigkeiten einer Katze. Es handelt sich um eine Rassekatze, sie bewegt sich also kaum und sieht im Wesentlichen eigentlich nur schön aus. Das Katzometer für Madames persönliches Wohlbefinden hat deswegen weniger mit dem wirklich sehr schönen Tier, als mit mir zu tun, denn mein ganz persönlicher Grad an Genervtheit ist unmittelbar an meinem Verhältnis zur Katze abzulesen: Geht es mir gut, bekommt die Katze Streicheleinheiten, ich sage ihr schöne Dinge und genieße ihr lautes Schnurren. Geht es mir mehr so mittel, verhalte ich mich zur Katze neutral, freue mich aber immer noch über ihre Schönheit und ihr freundliches Wesen. Aber dann, wenn ich wirklich ziemlich genervt bin, nervt mich sogar das Schnurren und Maunzen, und ich habe mich auf dem Höhepunkt meiner Genervtheit tatsächlich bereits dabei ertappt, wie ich der Katze eine vorwurfsvolle Ansprache darüber gehalten habe, dass ich nun wirklich genug davon hätte, dass nun auch noch sie etwas von mir will. Und wenn es nur Trockenfutter ist.

Gerade wird es aber deutlich besser.

Der Regen regnet jeden Tag

Jahresrückblick 2017

Ich lebe jetzt fertig, schreibe ich irgendwann im Frühjahr in einer Mail und mich schaudert ein wenig. Ich bin 41. Brechts Radwechsel fällt mir ein, das Gedicht, in dem der Dichter nicht gern ist, wo er herkommt, und nicht gern dort, wo er hinfährt, und trotzdem ungeduldig auf die Weiterfahrt wartet. So geht es auch mir, denke ich morgens auf dem Weg ins Büro und laufe durch den kalten, trüben Regen. Mein Leben sieht gut aus, weiß ich, aber besonders zufrieden macht es mich nicht. Ich fühle mich, schreibe ich irgendwann im April, so gelangweilt und erschöpft zugleich wie jemand, der 16 Stunden am Tag Dosen stanzt. Es sind teure Dosen, das ist wahr. Aber das macht es nicht besser.

So wie Brecht geht es mir nicht, erkenne ich. Da ist es Mai. Ich bin nicht besonders glücklich und ich erwarte nichts von der Zukunft, in der keine Veränderungen angelegt sind, weil ich die vier Wände meines Lebens fest verleimt habe, und alle Fenster fester verschlossen sind, als ich mal dachte. Wenn ich rüttele, passiert nichts. Aber da, wo ich herkomme, ging es mir einmal sehr gut, erinnere ich mich. Ich war an manchen Tagen sehr unglücklich, an manchen anderen aber war ich ein Feuerwerk, die große Oper und alles, was ein Mensch sich wünscht, der sich leicht langweilt. So gut ging es mir damals, suche ich in mir die alten Zeiten zusammen und laufe durch die braunen Pfützen im Park.

So will ich nicht sein, denke ich, da ist es Sommer, und schaue die Menschen an, die so ein Leben schon sehr lange führen. So wäre ich nie, weiß ich, das ist in mir nicht angelegt, und alle Pokale, die es dafür gibt, so zu sein, will ich nicht haben. Vielleicht könnte ich, überlege ich einige Wochen, in meiner Dosenfabrik umräumen, andere Dosen stanzen, was auch immer, aber dann schaue ich mich um und mir graut davor, und vermutlich ginge es auch gar nicht.

Ich wünsche mir Abenteuer, schreibe ich einer Freundin, da ist es Juli. Das Unvorhergesehene, das Experiment, diesen Zustand des Hellwachseins, zuckende Blitze und Nächte am Meer. Ich will nicht jetzt schon wissen, was in drei Jahren passiert, ich möchte noch einmal jemand anders sein, und ich will mein Leben und mich wieder bewohnen. Ich will mein Leben nur mit Menschen teilen, die ich mag.

Es ist ein warmer, schwüler Sommer, vom Himmel fallen die Wasser, als wollten sie uns alle ersaufen. Im Internet kursieren Bilder, in denen die Bahnhöfe von Berlin im Wasser verschwinden wie die von Atlantis. Am Horizont tauchen Wale auf, riesig, schillernd und irisierend. Najaden winken mir zu, tief hängen warme, dunkle Wolken von meinem Himmel in meine Stadt und in meinen Kellern säge ich Holz für meine eigene Arche.