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Ausgerechnet

Ach, denke ich. Das ist so eine vorhersehbare Diskussion. Frau Nuf sagt, dass gleichberechtigte Elternschaft voraussetzt, dass er und sie gleich viel arbeiten und gleich viel für Haushalt und Kinder machen. Umgehend kommen dann Mütter um die Ecke, die lauthals behaupten, dass sie aber auch ganz gleichberechtigt wären, auch wenn sie halbtags arbeiten, den gesamten Haushalt schmeißen und alle Termine erledigen, die mit dem Kind so zusammenhängen. Wäre eben so, weil er mehr verdient als sie. Da wären sie nämlich schön blöd, wenn sie als Familie sich das gute Geld entgehen lassen, dass er pro Stunde Arbeit mehr verdient als sie.

Zu recht argumentiert Frau Nuf und viele andere Eltern in ihren Kommentaren, dass gleichberechtigte Elternschaft sich auch dann lohnt, wenn der Familie insgesamt Geld entgeht. Zum einen, weil man eben nicht nur für Geld arbeiten geht, sondern auch für Sozialkontakte, Schaffensfreude, Anerkennung. Mir würde der Kopf platzen, säße ich auch nur halbe Tage zuhause, ich habe auch keine Ahnung, was die Hausfrauen eigentlich den ganzen Tag machen. Zum anderen, weil viele Ehen eben nicht erst enden, wenn er hochbetagt seine Frau mit einer ansehnlichen Witwenrente hinterlässt. Wenn 30% aller Ehen geschieden werden, steht sie nämlich oft ganz dumm da. Was viele Frauen nicht wissen: Auch, wenn ein Paar gemeinsam die Entscheidung getroffen hat, dass er mehr arbeitet, und sie mehr für die Kinder tut, heißt das noch lange nicht, dass er sie dafür im Scheidungsfall entschädigt. Selbst wenn er am Tag der Scheidung ein sechsstelliges Einkommen hat, und sie verdient mit einem Dawanda-Shop mit selbstgenähten Eulen ein Butterbrot, kann es sein, dass sie nicht einmal Unterhalt bekommt, wenn die Kinder älter als drei sind. Setzt er ein Wechselmodell durch, bekommt sie möglicherweise nicht einmal für die Kinder Unterhalt, dann geht sie oft direkt zum Sozialamt. Das hatten sie aber in guten Zeiten alles anders besprochen? Pustekuchen.

Ich glaube aber noch nicht einmal, dass sich das Modell „einer für alle“ rechnet, wenn das Paar verheiratet bleibt. Diejenigen, die nur seinen Stundenlohn und ihren Stundenlohn gegenüberstellen, blenden aus, dass beider Gehälter meistens nicht statisch sind. Ich stelle mir das – bezogen auf meine ganz persönliche Filterblase* – sozusagen folgendermaßen vor:

Wir haben also ein junges Paar. Sie ist 33 und arbeitet seit fünf Jahren als Juristin in einer Rechtsabteilung. Sie verdient im Jahr € 55.000, also rund € 32 pro Stunde bei einer 40-Stundenwoche. Nennen wir sie – das ist einfacher – Marie. Ihr Freund und späterer Mann soll Andreas heißen. Andreas ist 38. Als er fünf Jahre jünger war, hat er auch noch 55.000 verdient, aber jetzt ist er nach zwei Wechseln Partner einer mittelständischen Kanzlei. Er verdient € 90.000. Das ist ordentlich, aber noch recht weit weg von dem Olymp der Juristen. Pro Stunde macht das also € 53. Nun bekomen Marie und Andreas und ein Kind, den frechen Hubsi. Denkbar sind nun also zwei Varianten:

In Variante 1 steigt sie für ein Jahr aus. Er pausiert – schließlich ist er ein moderner Mann – zwei Monate, für die er aber nicht extra einen Elterngeldantrag stellt. Er ist auch reichlich oft im Büro. Dann arbeitet sie 20 Stunden die Woche. Sie verdient also pro Jahr € 27.500. Ihr Stundenlohn bleibt gleich. Weil sie pro Stunde € 21 weniger verdient, nimmt sie alle Kindkranktage. Sie nimmt sich auch frei, wenn der Kindergarten um 15.30 Uhr das Elterncafé veranstaltet, sie backt für das Straßenfest, und ist die nächsten jahre so wenig im Büro, dass sie in den nächsten fünf Jahren insgesamt nur eine Gehaltserhöhung bekommt. Und da ist Marie auch noch froh. So ein moderner Arbeitgeber. Geschimpft hat er auch nie über die vielen Fehlzeiten. Gut, die Stelle als Abteilungsleiterin Recht hat sie nicht bekommen, auch wenn sie ein bisschen darauf geschielt hat. Aber ihr Kollege in Vollzeit war halt einfach mehr da. Sie hat ihn irgendwann einmal eingearbeitet, aber jetzt ist er ihr Vorgesetzter. In den fünf Jahren ab der Geburt des Kindes verdient sie also in Jahr 1 nichts (bekommt aber € 21.600 Elterngeld). In Jahr 2 und Jahr 3 bekommt sie € 27.500 und in den Jahren 4 und 5 € 28.500 wegen der Gehaltserhöhung. Insgesamt fährt sie in fünf Jahren insgesamt € 133.600 ein. Er dagegen verdient jedes Jahr € 5.000 mehr. Insgesamt also € 500.000. Gemeinsam fahren sie € 633.600 ein.

In Variante 2 pausieren beide jeweils sechs Monate. Das ist ein bisschen hart, weil ein selbständiger Anwalt schlecht pausieren kann. Andreas verdient deswegen in Jahr 1 bei sechs Monaten Elterngeld und sechs Monaten Arbeit weniger als sonst. Er fährt nur € 50.800 ein. Sie dagegen bekommt bei hälftigem Elterngeldbezug und sechs Monate Arbeit € 49.100. In Jahr 1 verdienen beide € 99.900, also weniger, als wenn er voll weitergearbeitet hätte und sie Elterngeld bezogen hätte. Im ersten Jahr also ein schlechtes Geschäft. Aber bestimmt ein wundervolles Jahr. In Jahr zwei läuft es bei ihm wieder. Er verdient jedes Jahr € 5.000 mehr, auch wenn er den Umsatzrückgang aus dem ersten Jahr nicht ganz wieder auskompensiert bekommt. In fünf Jahren verdient er also € 440.000. Marie arbeitet ab Jahr 2 auch wieder voll. Sie verdient in Jahr 2 also wieder € 55.000. In Jahr 3 € 60.000. Dann aber zahlt sich ihr Einsatz aus. Marie wird Leiterin der Rechtsabteilung. Sie verdient € 70.000 und hat auf einmal einen Bonusanspruch. In Jahr 4 verdient sie deswegen € 72.000. In Jahr 5 kommen  € 75.000 bei Marie herum. Zusammen beträgt ihr Einkommen in den ersten fünf Jahren nach der Geburt des ersten Kindes also  € 749.900.

Nun betreut sich ein Kind aber nicht von allein. Marie und Andreas brauchen in beiden Varianten eine Ganztagskita. In Variante 2 geben sie aber auch noch kräftig Geld für ein Kindermädchen aus. Ab Jahr 2 beschäftigen sie deswegen ein Kindermädchen für Randzeiten im Rahmen einer € 450-Stelle. Im Jahr macht das € 5.400. In vier Jahren also € 21.600. Aber auch, wenn man diese Summe abzieht, rechnet sich das Modell Variante 2 imme rnoch allein bezogen auf die ersten paar Lebensjahre des Kindes immer noch mit fast € 95.000 Differenz. Anzunehmen ist zudem, dass dieser Vorteil sich in den folgenden fünf Jahren noch deutlich vergrößert.

Gut, diese Vergleichsberechnung setzt voraus, dass Marie Aufstiegschancen hat. Und dass es sich beide leisten können, nicht auf jeden Euro im ersten Jahr zu schauen. Es ist auch nicht jedermanns Sache, so viel zu arbeiten, und es ist legitim, statt auf Beförderungen auf selbstgenähte Eulen zu schauen. Auch das deutsche Steuersystem verfälscht diese Betrachtung nicht ganz unwesentlich. Aber wenn wir uns fragen, ob das Zuverdienermodell Variante 1 eigentlich betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, müssen wir eingestehen: Eigentlich nicht. Zumindest dort, wo Leute gute Jobs und gute Ausbildungen haben, viel externalisieren können (wir machen nahezu nichts selbst, mit Ausnahme von Kochen), rechnet sich das Zuverdienermodell nicht mal in laufender Ehe. Es beruht offensichtlich auf nichts als auf, tja, Geschlechterstereotypen.

*Ja, ich weiß, dass es auch ganz andere Verhältnisse und Gehälter gibt. Nein, ich lebe nicht im Wolkenkuckucksheim. Diese ganz andere Verhöältnisse, in denen jeder Euro zählt, machen aber nicht das Gros derjenigen aus, die sich auf Zuverdienermodelle einlassen.

Abgefahren

Als wir damals nach Berlin kamen, hat der J. sein altes Auto verkauft, und wir fuhren die nächsten 15 Jahre Rad, Bahn oder Taxi. In Berlin ist es wie fast überall nämlich sehr praktisch eingerichtet: Wo man schlecht hinkommt, will man meistens auch gar nicht hin.

Mit Kind änderte sich zwar weniger, als alle immer behaupten, aber zu den Änderungen, die vermutlich jeder konstatieren wird, der ein Kind bekommt, gehört das plötzliche Auftauchen des Umlandes. Berlins Umland ist zwar nicht so besonders schön, aber Kinder finden auch mittelmäßig gutaussehendes Landleben unwiderstehlich. Ins Umland kommt man nun aber wirklich schlecht mit der Bahn, deswegen haben wir seit 2014 ein Auto, seit kurzem einen Volvo. Er ist schwarz.

Ich möchte nicht indiskret erscheinen, aber der geschätzte Gefährte hat diesen Wagen wirklich auffallend gern. Ab und zu steht er in unserer Loggia und betrachtet wohlgefällig das am Straßenrand abgestellte, ansprechend gestaltete Gefährt, und wenn wir das Auto alle paar Wochen bewegen, um einen Ausflug zu machen, freut er sich jedesmal aufs Neue, was das Auto alles kann. Alleine Einparken zum Beispiel. Das neue Auto kann zudem auch sehr gut sprechen.

Den F. allerdings lässt das neue Auto komplett kalt. Er wollte nicht mit zum Autohaus. Er erkennt das Auto nicht, wenn es an der Straße steht, und ich gehe jede Wette ein, dass er nicht weiß, wie die Marke heißt, geschweige denn das Modell. Dabei kennt der F. diverse Pharaonen, Cäsaren, Insekten und Saurier mit Vor- und Zunamen, kann Länder auf Karten zeigen, Preise im Supermarkt vergleichen und Flaggen zuordnen und ist beim Memory unbesiegbar, an mangelnder Gedächtnisleistung liegt es also nicht. Er interessiert sich auch durchaus für Windräder, Flugzeuge und Reaktoren, Interesse an Technik ist also auch vorhanden. Man muss vermutlich konstatieren: Er interessiert sich einfach nicht für Autos. Mit den liebevoll aufbewahrten Matchboxautos des J. spielt er übrigens auch nicht.

Das allein würde mich, wäre ich die Autoindustrie, nicht weiter irritieren. Mein Gott, so ein einzelnes Kind in Berlin Prenzlauer Berg. Es gab schon immer Freaks, die Autos doof finden und nur Fahrrad fahren, gerade in großen Städten, in die so ein Automann schon deswegen nie ziehen würde, weil man da Probleme beim Parken hat. Der Umstand aber, dass auch niemand von den F. Freunden sich für Autos interessiert, tja, der ist immerhin bemerkenswert. Ich übertreibe nämlich nicht. Niemand.

Dabei sind des F. Freunde insgesamt schon Jungen, die zu klassischer, wenn auch sehr kleiner Männlichkeit ein eher ungebrochenes Verhältnis pflegen, also Drachen und Ritter sehr interessant finden und Ballet blöd. Ich habe mehrfach versucht, dem F. und seinem besten Freund zu erklären, dass Mädchen nicht wirklich an Einhörner glauben, aber ich dringe da nicht durch. Wenn von seinen Freunden also niemand an Autos ein gesteigertes Interesse zeigt, sind Autos vielleicht wirklich nicht mehr Teil des für kleine Jungen sichtbaren Männlichkeitskonzepts. Als Automanager würde ich zittern, denn die Väter dieser kleinen Jungen fanden vor 30 Jahren Sportwagen unwiderstehlich, fuhren mit ihren Vätern strahlend zur IAA und träumten von der Formel 1. Heute kaufen sie mit schlechtem Gewissen zu große Wagen. Ihre Söhne aber werden niemals Autoquartett spielen.

Nun mag es auf dem Land noch anders aussehen. Berlin ist ein besonderes Pflaster, was Mobilität angeht. Aber Städte waren noch immer die Labore der Moderne, was hier ausgebrütet wird, breitet sich erfahrungsgemäß aus, und so muss man wohl kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass von diesen kleinen Jungen niemand von einem 911 träumen wird, keiner auf eine S-Klasse sparen will und nicht einmal ein Tesla einen der heute Fünfjährigen hinter dem Ofen hervorlockt. Wenn sie Geld für Fahrzeuge ausgeben, dann wird es um Mobilität und Bequemlichkeit gehen, aber dass ein Auto ein Statussymbol sein kann, ein Faszinosum, etwas, für das Leute sparen und für das sie sich sehr interessieren, das geht wohl gerade zu Ende.

Als Automensch würde ich zittern und als Anleger meine Aktien langsam, nach und nach, verkaufen, wenn ich bemerke, dass die Konzerne keine Antworten auf die Frage haben, wie man mit Mobilität Geld verdient, wenn es Leuten egal sein wird, ob sie ein eigenes Auto haben, wie es aussieht, was es gekostet hat, wer es herstellt, und sie irgendwann sogar in Deutschland nicht verstehen werden, was einer sagt, wenn er behauptet: Ich stehe da hinten unterm Baum.

19

O komm, Geliebte, komm, es sinkt die Nacht,
Verscheuche mir durch deiner Schönheit Pracht
Des Zweifels Dunkel! Nimm den Krug und trink,
Eh‘ man aus unserm Staube Krüge macht.

Omar Hayyam

Am Ende der Woche aber stehe ich bei P&C am Leipziger Platz und ziehe ein Kleid nach dem anderen an. Abstrakt mag ich starke Farben und Muster, aber rein praktisch sehe ich auch heute in den bunten Kleidern irgendwie sonderbar aus, und verlasse das Kaufhaus wieder mit Kleidung in beige und blau. Ich bin nämlich nicht nur Juristin. Ich ziehe mich auch so an.

In den Umkleidekabinen neben mir wird gelacht. Zwei Mütter und zwei Töchter probieren Kleider, offenbar für den Abiball, und die beiden Mädchen treten nacheinander in den tollsten Kleidern vor den Spiegel. Groß und rothaarig ist die eine, mit weißer Haut und schlanken Armen. Blond und strahlend die andere. Noch ganz glatt sind ihre Oberarme und Rücken, ihre Haare sehen, man kann es nicht anders sagen, saftig aus, und sicherlich sind auch ihre Zähne besser als meine. Ihre Mütter wirken dagegen fleckig und zerknittert, und auch ich mache in meinen blauen Etuikleidern vermutlich keine besonders gute Figur.

Für einen Moment beneide ich die Mädchen um ihre Vitalität. Die können bestimmt auch noch ausgehen, ohne sich tagelang zu fühlen wie Hackfleisch. Dann aber fällt mir ein, wie ich mit 19 in einem cremeweißen Kleid auf meinem Abiball stand; ich hielt gemeinsam mit einem Freund die Abirede und sah, glaubt man den Bildern, eigentlich wirklich ziemlich gut aus. Ich war ziemlich schlank, weil ich dreimal die Woche beim Sport war, ziemlich braun, weil ich immer draußen war, ich hatte lange, schwarze Haare und mein Kleid stand mir.

Ich fühlte mich fürchterlich.

Dass ich die verdammte Rede nicht hinter einem Vorhang halten konnte, setzte mir ernsthaft zu. Aus irgendeinem Grund nahm ich an, dass sowieso niemand mit mir tanzen wollen würde und behauptete deswegen, ich hätte zum Tanzen keine Lust. Ich hielt mich für eine etwas schwierige Einzelgängerin, dabei war ich im Vorjahr im Schülersprecherteam gewesen, feierte den ganzen Sommer bei lauter Leuten, die mich schließlich aus irgendeinem Grunde eingeladen haben mussten, und außerdem hielt ich mich für erotisch unvermittelbar, dabei stand mein Freund neben mir und mein Exfreund schlich irgendwo beleidigt um die Säulen.

Ich hätte eine großartige Zeit haben können. Ich wünschte, ich hätte sie gehabt. Wenn ich den fremden Mädchen in der Umkleidekabine neben mir einen Rat geben könnte, würde ich ihnen raten, sich für diesen Sommer zwischen Schule und Studium unwiderstehlich, unbesiegbar und wunderschön zu fühlen, und jedes Geschenk, jedes Lächeln und jedes Kompliment als berechtigten Tribut mitzunehmen, den das Leben ihnen vor die Füße wirft.

Doch die Mädchen bemerken mich nicht einmal, ich kaufe zwei blaue Kleider und einen Trenchcoat in beige, und im Gehen frage ich mich nur flüchtig, was mir in wiederum zwanzig Jahren leidtun wird von dem, was ich heute denke, mache, sage. Lasse.

Das Kleid

Dass man älter wird, bemerkt man ja nicht nur daran, dass die Freunde grau werden. Auch die Anlässe, zu denen man eingeladen wird, ändern sich. Ich weiß gar nicht, wann man mich das letztemal zu einem 30. Geburtstag eingeladen hat. Oder zu einer abgeschlossenen Promotion. Erst heute morgen sagte mir eine Freundin, ihre Freunde würden inzwischen zu den Konfirmationen ihrer Kinder einladen. Auch ich kenne definitiv mehr Leute, die schon verheiratet sind, als die sich noch zu verehelichen gedenken, und so spricht tatsächlich Einiges dafür, dass die in vier Wochen anstehende Hochzeit der lieben C. die letzte große Hochzeit im engeren Freundeskreis ist, auf der ich jemals tanze.

Ich freue mich auf diese Hochzeit. Die C. feiert auf einem Landgut, es wird Sommer sein, so richtig mit Pfarrer und langem Kleid, und außerdem mag ich ihren Mann und ihren Sohn, was die Feier der Dauerhaftigkeit dieser Verbindung natürlich erheblich aufwertet. Ich könnte mir also durchaus vorstellen, mir ein neues, besonders schönes Kleid zu kaufen, um auf dieser Hochzeit zu erscheinen.

Bei näherer Betrachtung besitze ich allerdings bereits ein Kleid, in dem ich Hochzeiten zu feiern pflege. Es ist altrosa, am Hals mit einer aufwendigen Stickerei versehen, eine Stola und einen Haarschmuck dazu besitze ich auch, und genug Zeit, um es reinigen zu lassen, habe ich auch. Die Sache hat allerdings einen Haken: Das Kleid ist zehn Jahre alt, weil damals besonders viele Freunde heirateten. Und ich war damals gut fünf Kilo leichter.

Nun sind fünf Kilo Gewichtsdifferenz für ein Kleid und vier Wochen an sich machbar. Ein Kilo pro Woche ist schaffbar, zwei Kilo kann man mit so einem Wäscheteil zum Zusammendrücken wettmachen, und entsprechend spricht eigentlich nichts für eine Neuanschaffung und alles für ein wenig, nein: eine Menge Zurückhaltung bei den Mahlzeiten der nächsten Wochen.

Drücken Sie mir die Daumen, meine Damen und Herren. Und führen Sie mich nicht Versuchung.

Verblendung

Früher, als ich noch eine bisweilen lustige Rechtsreferendarin war, fuhr ich regelmäßig mit der C. und der J. ein paar Tage weg. Wir aßen auf dem gesamten Kontinent fürchterlich viel, sahen uns an, was Leute irgendwohin gebaut hatten und tranken die geistigen Getränke des jeweiligen Landes. Das war eigentlich immer sehr schön.

Aber wie es geht: Es kamen Männer, die sich dauerhaft festsetzten und sogar zum guten Ende geheiratet wurden. Die C. und ich bekamen je ein Kind. Wir arbeiteten uns alle drei jeweils einen riesengroßen Wolf, und wenn ein Jahr zuende ging, waren wir schon wieder nicht gemeinsam verreist gewesen.

Manche sagen, das wäre ganz normal. Wenn man erst einmal ein Kind hat, schreiben manche Leute ihre Freunde nämlich quasi ab und melden sich da wieder, wenn die Kinder 18 sind. Oder nie. Vielleicht liegt es aber auch an den schrecklichen Gören, die ihren alten, im Falle der J. zumindest derzeit noch kinderlosen Freunden nicht zuzumuten sind. Ich aber, überzeugt von dem hohen Unterhaltungswert, dem guten Aussehen und der Freundlichkeit meines fünfjährigen Knaben, habe mit der lieben J. eine Woche Kroatien gebucht, habe einen Koffer mit Kindersachen und Damenkleidern vollgestopft und bin mit dem F. an der Hand nach Schönefeld gefahren, um dort ein Flugzeug zu besteigen.

Was soll ich sagen. Es war großartig. Die Gegend rund um Split sieht super aus. Der Kleine hat auch gar nicht gestört und ist brav Tag für Tag mit uns endlose Kilometer durch die Gegend gelaufen, um sich alte Steine anzusehen oder Sonnenuntergänge zu bewundern. Zwischendurch hat er lustige Sachen gesagt und manierlich gegessen.

Oder die J. ist zu sehr gute, langjährige Freundin, um mir das Gegenteil zu verraten.

 

Makarska Riviera

Ach, es ist schwierig. Spanien interessiert mich nicht besonders, in Italien war ich gerade, und nach Griechenland werden wir im Herbst wieder fahren. Frankreich liebe ich sehr, aber Frankreich liebt auch der geschätzte Gefährte, und wenn ich schon ohne den J. verreisen muss, dann würde es ihn doppelt schmerzen, führe ich an die Côte d’Azur.

Nach Ägypten wollte der F., aber dort, musste ich ihm berichten, laufen derzeit viele Räuber herum, und aus Angst vor diesen bleiben die Touristen weg, und dann sitzt man ganz allein am Pool und isst das von den demnächst betriebsbedingt entlassenen Köchen zitternd zubereitetes Essen. Dasselbe gilt vermutlich in Tunesien oder Marokko, zudem (aber das sage ich dem F. nicht) nerven mich die immer etwas zu aufdringlichen Verkäufer und Kellner des Maghreb, insbesondere wenn der geschätzte J. nicht dabei ist. Ich glaube, die J., welche auch noch ein paar Tage Resturlaub mit mir gemeinsam verbrät, ist auch keine Freundin dieser Region.

Asien oder Amerika sind für eine Woche zu weit weg. Nach Israel möchte ich länger als nur ein paar Tage. In Nord- und Osteuropa ist es mir im Mai zu kalt, und deswegen sitze ich jetzt hier: An der Makarska Riviera. Kroatien. Ich glaube, wir haben gut gewählt.

Von den Nachgeborenen

Die Stadt ist voller Toter. Sie glänzen als Stolpersteine auf den Bürgersteigen, allein in unserer Straße acht oder neun. Sie hängen als Gedenktafeln an Häusern. Manchmal bemerkt der F., dass die Toten heißen wie seine Freunde, und fragt nach, was sie getan haben, als sie in unseren Wohnungen gelebt haben, auf unseren Straßen herumgegangen sind, und wieso sie sterben mussten, fragt er auch. Wir erzählen ihm Teile der Wahrheit.

Die Stadt ist für einen Fünfjährigen ein Spielplatz, ein Labor, ein Moloch aus fremden Ideen, elektrisierenden Erfindungen, Leidenschaften aller Arten und den unglaublichsten Skandalen. An meiner Hand durchwandert der F. die Stadt, fragt nach Denkmälern und Straßennamen, Königen und Schlachten, und als wir am Sonntag aus dem Naturkundemuseum durch die Chausseestraße kommen, fragt er mich auch. Wer das denn sei, der Mann von der Tafel.

Puh, sage ich und fange an zu erzählen. Dass der Mann Gedichte und Theaterstücke geschrieben hat. Dass er erst viel Ärger hatte, weil er eine andere Regierung wollte, als die, die damals an der Macht war. Dass er im Krieg im Ausland gelebt hat, und dann wieder nach Berlin gekommen ist, als Leute die Regierung bildeten, die er für seine Freunde hielt. Dass ich glaube, dass er am Schluss enttäuscht war und feststellen musste, dass seine vermeintlichen Freunde keine waren.

Es ist schade um die großen Träume, denke ich, aber das sage ich dem F. noch nicht.

Dass seine Frau eine berühmte Schauspielerin war. Dass er geraucht hat. Dass er Frauen mochte, findet der F. gut, der auch Mädchen sehr gern hat und ein bestimmtes Mädchen heiraten will, das sehr gut malen und kämpfen kann, wie er findet. Theater findet er auch gut, und Bücher schreiben hält der F. auch für sehr, sehr toll. Aufgrund eines schwer zu beseitigenden Missverständnisses glaubt der F., dass alle Leute Bücher schreiben, und der einzige Unterschied zwischen erwachsenen Leuten darin besteht, ob diese Bücher ausgedacht sind oder nicht.

Im Innenhof krame ich in meinem Gedächtnis nach einem der Gedichte, um es dem F. aufzusagen. Ich kenne ziemlich viele Gedichte auswendig, weil mein Großvater seine Enkel gezwungen hat, sonntags Gedichte aufzusagen. Brecht war da aber nicht dabei. Schiller und Goethe lernte man damals, Uhland, Eichendorff, so etwas, dabei war das ungefähr 1985 und der arme B. B. schon lange tot.

Es ist ruhig in dem Hof, die Kastanienblätter wippen im Wind. Es sieht ganz unberlinerisch aus, kleinstädtisch, es könnte auch in Augsburg sein oder in einem böhmischen Dorf, und als ich das denke, fällt mir doch das Lied von der Moldau ein, aber das singe ich nicht in diesem leeren Hof unter den geöffneten Fenstern, hinter denen Leute sitzen, die mich hören.

Dass er nebenan auf dem Friedhof liegt, erzähle ich dem F., und der will dann gleich auf den Friedhof. Da stehen wir dann zwischen all den großen Toten, den Brüdern Herzfelde, der zweifelnden, harrenden Christa Wolf und Anna Seghers, Heinrich Mann und seiner schon fast überwucherten Frau, die sein Bruder nicht mochte, der Ruth Berghaus, deren Barbier vielleicht auch der F. noch sehen wird, und dem große G. F. Hegel.

Es ist ruhig hier, grau und maigrün. Auf den alten Steinen flirren die Schatten der Blätter, und als wir vor dem Grab Brechts und der Helene Weigel stehen, knie ich mich neben den F. und singe ihm ganz leise ein paar Zeilen der Marie A. ins linke Ohr.

Ich hätte ihm gern einen schönen Stein aufs Grab gelegt, sagt der F., als wir gehen.

Sommerkind

Es gab, erzähle ich dem F., vier Zelte in diesem Sommer. In jedem Zelt schliefen zehn Kinder. Es gab ein Mädchenzelt und drei Bubenzelte, und etwas abseits der Zelte eine Hütte mit zwei Duschen, zwei Toiletten und einer Kochgelegenheit mit zwei Platten und einer großen Flasche Gas. Vor der Hütte standen lange Bänke, da gab es das Essen.

Ich trug den ganzen Sommer dieselben Shorts und immer abwechselnd einen meiner beiden Badeanzüge in rot und blau. Ich war zehn, ich hatte einen kurzen Pagenkopf und war so braun gebrannt, dass meine Fingernägel wie weiß lackiert aussahen, weil Nagelbetten nicht bräunen.

Es gab, erzähle ich dem F., jeden Morgen Haferflocken mit H-Milch. Wir standen sehr früh auf und ruderten auf den See hinaus, wir schwammen, wir hatten abwechselnd Küchendienst und aßen zwei Wochen lang jeden Mittag im Wesentlichen wechselnde Eintöpfe mit Würstchen aus dem Glas und abends gab es den Inhalt diverser Bundeswehrverpflegungspakete. Ich weiß noch, wie das Schmalzfleisch riecht. Und wie der Früchtereis. Und Schweinefleisch mit Bohnen. Neben den Vorräten stand ein Wäschekorb mit mehligen, leicht angeschlagenen Augustäpfeln vom Bauern nebenan.

Jedes Zelt hatte ein Abzeichen, das hatten wir selbst in den ersten Tagen des Zeltlagers gebaut. Unser Abzeichen war der Delphin. Uns gegenüber waren die Raben, rechts die Wölfe. Das vierte Abzeichen weiß ich nicht mehr. Nachts wurden Wachen eingeteilt, die die Zelte bewachten, damit die anderen das Abzeichen nicht stahlen, vielleicht auch, damit die Füchse nicht an die Vorräte gingen, und wenn man eine gute Freundin hatte wie ich die N., teilte man sich die Nachwachen, saß also zweimal die ganze Nacht auf dem Rasen vorm Zelt und flüsterte seine Geheimnisse einander ins Ohr. Ich habe jedes einzelne Geheimnis vergessen.

Natürlich, erzähle ich dem F., gelang es trotzdem, jedes einzelne Abzeichen zu entwenden. Es war Ehrensache, das Rätsel, mittels dessen man das Versteck des Abzeichens finden konnte, nicht so schwierig zu gestalten, dass die andere Mannschaft ihr Abzeichen nie wiederfinden würde, auch wenn das natürlich ohne Weiteres möglich gewesen wäre, und so waren wir vermutlich sogar noch etwas bestürzter als die Raben, als die ihr von uns verstecktes Abzeichen nicht wiederfanden, dabei war das Rätsel (wir waren uns einig) geradezu lächerlich leicht.

Als unser Abzeichen verschwand, mussten wir nicht einmal suchen, der hölzerne Delphin stand nämlich auf dem Dach der Hütte. Nur die Leiter war weg. Dass ich herausgefunden habe, dass die Leiter unter einer kleinen Brücke versteckt war, macht mich noch heute stolz. Tauchen konnte ich aber nicht so gut, deswegen gehörte ich nicht zu dem Tauchtrupp, der die Leiter holte. Ich weiß aber noch, dass ich die Leiter festhielt, auf der die N. strichdünn und braun und mit fast weißen Haaren auf das Hüttendach stieg und den Delphin holte.

Ich glaube, es war dieser Sommer, in dem ich gleich zweimal die wöchentliche Regatta der Mädchen gewann und ein rotes Sparschwein bekam, das die Sparkasse gestiftet hatte und auf das ich sehr stolz war. Ich weiß noch, wie das Gras roch, in dem wir lagen. Ich weiß, dass wir den Geburtstagskindern Blumenkronen flochten, ich weiß, wie sich die reifen Ähren an nackten Beine anfühlen, wenn man am Feldrain läuft, und ich freue mich darauf, dass auch auf F. in gar nicht wenig Jahren die größten Sommer warten.

Die Liebe en miniature

Manchmal, nicht gar allzu oft, fliegen sie ja doch auf, die kleinen Fluchten. Nehmen wir beispielsweise den mir über seine Schwester, die A., bekannten Herrn O., der in einer Berliner Kanzlei irgendwas mit Immobilien macht und mit seiner Frau, einer Juristin in der Brandenburger Kommunalverwaltung, am Stadtrand von Berlin rechtschaffen und tief verankert im evangelischen Glauben zwei Töchter erzieht.

Im Leben von Herrn O. ist das Konzept der Work-Life-Balance noch nicht angekommen. Jeden Morgen um halb acht geht er aus dem Haus, bringt die Töchter zur Kita und zur Schule, fährt weiter ins Büro, arbeitet unterbrochen durch eine kurze Mittagspause bis 20.30 und fährt dann nach Hause. Außer, es ist richtig was los. Dann arbeitet Herr O., bis er fertig ist. Einmal wöchentlich geht er zum Sport und drückt und schiebt sehr ungern Gewichte, weil ihm sein Arzt ein moderates Krafttraining empfohlen hat. Jede Woche liest Herr O. ein Buch, gemeinsam mit seinen beiden Geschwistern geht er regelmäßig in die Philharmonie. Herrn O.s Leben als ausgeglichen zu beschreiben, wäre alles in allem eher eine Untertreibung.

Von irgendwelchen Abwegen, auf die Herr O. sich begeben hätte, hörte man bislang nichts. Sogar seine Schwester, die ihm wirklich wohl will, beteuerte über Jahre, er habe gar kein Liebesleben, denn seine Ehe sei schon eher mehr so eine Arbeitsgemeinschaft zur gemeinsamen Bewältigung von Kindern und Haushalt und völlig frei von Leidenschaft. Vermutlich, so behauptete die A. schon lange, habe ihr jüngerer Bruder mehr S*x als ihr ältester Bruder Herr O., und der sei bei Licht betrachtet ein schon eher schwieriger Fall.

Ganz ohne Liebesleben lebt es sich aber selbst bei sehr reduzierten Ansprüchen offenbar nur mäßig. Mancher hätte sich einfach frisch verliebt und scheiden lassen, doch für so eine ganz neue Liebe ist Herr O. zu zurückgezogen, außerdem scheut er vermutlich die Mühen der Reorganisation seines Privatlebens, und so hat er sich anscheinend für eine Art Trockenübung der Liebe entschieden: Er hat sich durchaus verliebt, offenbar in eine Referendarin des Hauses, dem er angehört, dieser jungen Dame aber nie ein Wort über diese Neigung gesagt.

Um von der Verliebtheit trotzdem auch ein bisschen was zu haben, unterhielt Herr O. ein Buch. In dieses Buch schrieb er alles, was er über die junge Dame erfuhr, jede Begegnung, überhaupt alles, was ihn und sie gemeinsam betraf, und ab und zu las er in diesem Buch seine nicht ausgelebte Liebe nach. Mancher mag das kümmerlich finden, aber Herrn O. war das entweder genug oder er konnte nicht aus seiner Haut, und vielleicht hätte die Referendarin ihn ja auch gar nicht erhört. Ich glaube nämlich, Herr O. ist ein bisschen fade.

Vor einigen Wochen, ein Sonntag war’s, kam es dann aber doch zur Katastrophe. Herr O. hätte vielleicht besser eine elektronische Datei mit einem Passwortschutz unterhalten, aber wie auch immer: Seine Frau fand das Buch. Und las es in einem Sitz durch.

Vermutlich wäre es am vernünftigsten gewesen, es einfach zu ignorieren. Oder darüber zu lachen, denn schließlich ist rein gar nichts passiert, nicht einmal in der Wahrnehmung einer evangelischen Kommunalbeamtin, aber die Frau des O. reagierte bemerkenswert umsouverän und wollte sich erst unter Tränen trennen und dann eine kniefällige Entschuldigung und eine Therapie.

Nun fragt sich vermutlich auch der geneigte Leser, was genau eine Therapie ausrichten soll, wenn einer sich lautlos verliebt, und vielleicht unterschätze ich die Therapeutin auch, und es gelingt ihr, dass der Herr O. sich künftig nicht mehr zu fremden Fräuleins, sondern bekannten Ehefrauen hingezogen fühlt, aber tatsächlich, und da stimme ich mit seiner Schwester A. überein, spricht Einiges dafür, dass der A. selbst auf seinen MIniaturabwegen unser aller Mitleid in überreichlichstem Maße verdient, wie er in der Praxis einer Westberliner Therapeutin unglücklich und ohne Aussicht auf wahrhafte Besserung herumsitzt.

Herzlichen Glückwunsch

Als wir ankommen, schaut das Geburtstagskind uns an, als hätte es uns noch nie gesehen. Ich vermute einen Zuckerschock und jubele noch etwas lauter, damit der Kleine mich inmitten seiner Glucosewolke überhaupt bemerkt, der J. allerdings schnappt, unhörbar für Dritte, mehrmals nach Luft. Neben uns steht der F., streckt dem Geburtstagskind sein Geschenk entgegen und hält ihm stolz die selbstgeschriebene Karte unter die Nase. Sekunden später landen Geschenk und Karte auf dem Boden, das Geburtstagskind rennt weg und nimmt den F. mit. Den Rest des Tages sehe ich vom F. so gut wie nichts.

Möglicherweise waren frühere Kindergeburtstage schon genauso anstrengend, aber nach einer gewissen Zeit der Abstinenz habe ich das verdrängt. Normalerweise finden fünfte Geburtstage nämlich ohne Eltern statt. Heute soll aber ein Frühlingsfest unter Beteiligung der Eltern stattfinden, und deswegen sitzen wir auf der wirklich schönen Terrasse der Gastgeber, trinken Sekt und sprechen mit den anderen Eltern.

An und für sich mag ich die anderen Eltern tatsächlich recht gern. Die meisten haben interessante Berufe, sagen interessante Sachen und sehen gut aus. Gemessen an den Leuten, über die man in Zeitungen lesen kann, sind sie vermutlich auch ziemlich gute Eltern, die vom Babyschwimmen über PEKiP bis zum Kinderyoga nichts auslassen und jeden Abend vorlesen. Auch die Kinder sind zum größten Teil nette Kinder. Wenn man den Eltern aber glauben möchte: Zur Hälfte hochintelligent. Zur anderen Hälfte hochsensibel.

Die eine Mutter ist jedenfalls schon heute, 18 Monate vor der Einschulung davon überzeugt, dass die Schule um die Ecke nie im Leben geeignet wäre, ihrer Tochter gerecht zu werden. Die sei nämlich so unglaublich weit und so sagenhaft ehrgeizig, das könne gar nichts werden. Normale Schulen seien nämlich nur auf normale Kinder vorbereitet, und wenn ein Kind schon mit vier so viel könne wie andere drei Jahre später noch nicht, wären Langeweile und eine einsame Außenseiterposition die natürliche Folge. Die Mutter hat sich deswegen schon quasi alle Schulen Ostberlins angesehen und kennt alle Konzepte, von denen ich noch nie gehört habe.

Von den reformpädagogischen Schulen ist sie nicht so angetan. Ihre Tochter sei für so einen Kuschelkurs viel zu ehrgeizig, sagt sie, und streichelt der Tochter, die alle zwanzig Minuten angelaufen kommt, weil die anderen Kinder sie nicht mitspielen lassen würden, ermutigend über den Rücken. Ich kenne das sehr hübsche Mädchen in erster Linie als ein Kind, das fast jeden Morgen in Tränen ausbricht, wenn es im Kindergarten abgegeben werden soll, und sich überaus schnell langweilt. Besondere Fähigkeiten habe ich noch nicht bemerkt, aber gut, ich bin auch nicht immer dabei. Ich muss auch abwesend gewesen sein, als die Mutter des Geburtstagskindes die Führungspersönlichkeit ihres Sohns entdeckt haben will, der im Kindergarten oft, egal, wann ich komme, allein am Zaun steht und sehnlichst darauf wartet, abgeholt zu werden.

Eine andere Mutter dagegen hat panische Angst vor Leistungsdruck. Überhaupt sind sich alle einig, dass die Schule mit ihren verständnislosen Konformitätsanforderungen ein fürchterlicher Schock werden wird, zumal Lehrer ja oft nichts von Pädagogik verstehen und deswegen nicht begreifen, dass sie in erster Linie als Coach der Kinder zu fungieren haben. Zudem sei es die Aufgabe der Lehrer, vernehme ich, die Kinder zu motivieren. Wenn die Kinder nicht richtig mitgerissen würden, sei es kein Wunder, wenn die nicht mitmachen. Kurz öffne ich den Mund, um zu bedenken zu geben, dass es meines Wissens noch nicht erlaubt ist, die Abiturprüfung mit der Aussage zu bestreiten, zum Erwerb des abgefragten Wissens habe der jeweilige Fachlehrer den Prüfling leider nicht motivieren können, aber dann halte ich den Mund und fülle mein Glas nach.

Irgendwo im Hintergrund wickeln die Kinder in zwei Mannschaften andere Kinder um die Wette in Toilettenpapier. Angeblich haben danach beide Mannschaften gewonnen, was mich daran erinnert, dass nach dem letzten Sportfest in der Kita sich tatsächlich Eltern beschwert haben, weil nicht alle Kinder Medaillen bekommen haben. Vermutlich waren das dieselben Eltern, die gefordert haben, dass die Gruppensprecher nicht gewählt, sondern einfach abwechselnd bestimmt werden.

Die Kinder rennen inzwischen seit mehreren Stunden durch den Garten. Es gibt Kartoffelsalat und Würstchen, die mein Sohn peinlicherweise als „verbrannt“ geißelt, die Eltern erzählen sich gegenseitig, wohin sie verreisen, und die Kinder nehmen ihre Mitgebseltüten in Empfang. Mein F. hat sehr rote Backen und schwitzt wie nichts Gutes, springt von einem Bein aufs andere Bein, und hüpft den ganzen Weg bis nach Hause. Sehr ruhig und sehr klein sieht er aus, als eine halbe Stunde später im Bett liegt und schläft. „Mein Süßer!“, flüstere ich ihm zu, als ich ihn wieder zudecke und ihn auf sein rechtes Ohr küsse. Mein kleiner, hübscher, freundlicher und ganz normaler F.