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Allerletzte Zigaretten

Die Besten immer zum Schluss. Auf dem Dach an der Spree, 2003, eine halbvolle Flasche in der linken Hand, in der rechten die letzte Zigarette, und da, wo heute die Mercedes-Benz-Arena steht, spielen irgendwelche Leute vor ein paar Bauwagen Gitarre. Du stinkst nach Bier und Nacht und viel zu vielen Zigaretten, und neben dir sitzt der J.2 und lamentiert, dass er niemals mit der Diss fertig wird, wenn du ihn ständig zwingst, mit ihm auszugehen. Irgendwo hinterm Treptower Park wird es schon hell. Alle paar Minuten schiebt sich die U 1 über die Oberbaumbrücke und du ziehst die Schuhe aus, die wunderschön sind, aber höllisch schmerzen, und legst dich flach auf den Rücken und bläst den Rauch in die warme Luft. Gleich wirst du schlafen.

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Auf dem Schreibtisch des Vaters von B. Morgens um halb fünf. 1990. Wenn alle in ihren Schlafsäcken schliefen, die N. und der G. auf dem Sofa, die S. und ich im Bett und der J.2 und der T. auf dem Boden. Überall lag Asche, die halbgespielte Partie Risiko auf dem Tisch, ein paar Hefte Mad und PM, ein paar leere Flaschen Heidelbeerwein und Kriss, und ich irgendwann barfuß nach unten schlich, und B’s Vater schon oder noch auf dem Sofa saß und rauchte und las. Wir rauchten alle Lucky oder Gauloises, aber er rauchte Ernte 23 und wenn er zum Automaten musste West. B.’s Vater schenkte mir jedesmal einen Cognac ein, so eine winzige Pfütze in einem riesigen Schwenker. Er saß in einem kamelfarbenen, fusseligen Sessel, gestikulierte mit der Linken, einen riesigen, grünen Glasaschenbecher in der Hand, und erzählte Geschichten über Reisen und Politik und Frauen. Ich blieb immer genau drei Zigaretten und die Pfütze Cognac, und wenn ich wieder in meinen Schlafsack kroch, schlief ich sofort ein.

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Nach einer Lesung im Lass uns Freunde bleiben. 2005. An der Theke noch ein Glas Wein. Und noch eins. Und noch eins. Als die Bar schließt ins 103. Die hatten den schlechtesten Riesling der Welt damals, deswegen Umstieg auf Gin Tonic und auf der Tresenseite, wo das noch ging, sitzen und rauchen. Die riesige, magere Kellnerin mit den Zöpfen, der Mann mit dem schwarzen Hut, und wir erst zu viert, dann zu dritt, schließlich zu zweit, rauchend bis zur vorletzten Zigarette.

Die allerletzte dann auf dem Weg zu mir. Immer abwechselnd ziehen. Der Himmel hängt schon bleich und blaugeädert in den kahlen Ästen, die Nacht hat sich an den Nordpol verzogen. Kommst du noch mit, liegt es mir auf der Zunge, aber dann ziehe ich doch die Tür von innen zu und steige langsam in den vierten Stock und schaue ihm nach, wie er zur Straßenbahn geht und rauche eine aller-, allerletzte Zigarette, die halb zerbröselt auf dem Küchentisch lag.

Szenen machen

In der ersten Szene, verehrtes Publikum, sehen Sie einen Mann und eine Frau eines Abends um zehn vor einem Konzertsaal. Der Mann ist sehr groß, sehr rothaarig und sehr mager, er trägt eine dicke Brille, verfügt über eine geradezu unwahrscheinliche Menge nervöser Ticks, und er spricht gerade über Karl Popper. Die Frau nickt ab und zu, wobei man nicht so ganz genau weiß, ob sie wirklich zuhört, und kramt in ihrer Tasche nach Geld fürs Taxi. Ein Paar würde sich vermutlich immer mal wieder unwillkürlich beiläufig berühren, das tun diese beiden Leute nicht, und vor dem Taxistand küssen die beiden im Zuge so einer sehr langarmigen Umarmung jeweils lässig in die Luft neben ihren Köpfen. „Ciao, P.“, schwingt die Frau sich in ein Taxi und lässt sich von einem der irre brabbelnden Geistesgestörten, die in dieser Stadt Personenbeförderungsdienste leisten, nach Hause fahren.

Die zweite Szene einige Wochen später besteht aus einem einzigen Monolog. Es zeigt eine andere Frau, die unruhig in einem Wohnzimmer hin und hertigert. Die Frau malt sich alles Mögliche aus, was so passieren könnte, wenn ihr Mann – also der Mann aus der ersten Szene – allein und unkontrollierbar unterwegs ist. Darüber steigert sie sich in einen wahren Paroxysmus der Eifersucht hinein, und irgendwann bemächtigt sie sich tatsächlich des Telefons ihres Gatten und ruft die letzten Nummern an, die dort als „angerufen“ angezeigt werden, meldet sich, sagt dann gar nichts mehr und schweigt nur leise atmend in den Hörer, bis die Angerufene – also die Frau aus der ersten Szene – auflegt, ohne Gelegenheit zur Klarstellung zu haben, dass das verdächtige Telefonat allein der terminlichen Abstimmung eines Liederabends mit einem bekannten Tenor diente.

Irgendwann am Ende eines sehr langen Kontinuums von Raum und Zeit öffnet sich die Tür. Es erscheint der Mann aus der ersten Szene im Zimmer. Die Frau fällt ihn quasi an und erhebt umfangreiche Verdächtigungen. Der Mann dementiert. Und dementiert. Und dementiert. Dann wird er weich. Erst gesteht er, dass er die Konzerte gar nicht mit seinem Bruder besucht habe. Dann, dass eine Frau – also diese Frau aus der ersten Szene – dabei gewesen sei. Dann, dass auch niemand anders dabei gewesen sei, also außer den anderen Besuchern der Opernhäuser naürlich. Und ganz am Ende dringt die Frau solange in ihn, dass er aus irgendwelchen blödsinnigen Erwägungen heraus, vermutlich Ermüdung, zugibt, er sei verliebt. So intelligent, dass er keine Namen nennt, ist er dann immerhin doch noch, ansonsten stünde seine inzwischen sehr aufgebrachte Frau bei der allen anderen Beteiligten unbekannten Angebeteten vermutlich seit Tagen heulend und kreischend im Vorgarten.

Die nächsten Szenen sind langweilig, zumindest, wenn man sich für familiären Zwist nicht interessiert. Ab und zu wird die andere Frau eingeblendet, die ein ausgesprochen bürgerliches, an Zurückhaltung überhaupt nicht mehr zu übertreffendes Leben führt und gelegentlich, das empfinden manche Zuschauer als übertrieben, zur Verdeutlichung dieses Umstandes herzhaft gähnt.

Halbwegs interessant wird es dann erst wieder, wenn der Mann sich ein paar Sachen in eine Tasche packt und zum Bahnhof läuft. Wir sehen ihm kopfschüttelnd nach, wie er sehr lange seine Bahncard anschaut und sich fragt, zu welcher Rabattierung ihn diese Karten wohl ermächtigt. Am ausgesprochen ländlichen Zielort angekommen wird er von einer resoluten Dame bereits erwartet, die sich schon aufgrund unverkennbarer Ähnlichkeit als seine Schwester erweist. Diese fährt ihn zu ihrem Haus, setzt ihm etwas zu essen vor, bezieht ihm ihr Gästebett und konfisziert sein Telefon, damit er sich mal so richtig ausschläft. Wenn jemand anruft, meistens seine Frau, erklärt sie sodann, jetzt sei bitte erst einmal richtig Ruhe. Er wiederum geht mit ihrem Hund spazieren, spielt Orgel in einer nahe gelegenen Kirche, betet für sein Seelenheil und das aller anderen Beteiligten, und wird dafür, so steht es wenigstens zu hoffen, vom Herrgott mit der Erkenntnis erleuchtet, dass man auf derlei Fragen entweder mit einer menschenfreundlichen Unwahrheit oder mit einer beziehungsbeendenden Wahrheit, aber überhaupt nie mit einem nervenzerrüttenden Wahrheitsfragment antwortet, denn darauf steht eine demnächst zu absolvierende Kette schrecklich anstrengender klärender Gespräche und eine Entschuldigung für die komplett unbeteiligt in diese Querelen hineingezogene Frau aus der ersten Szene, die rein gar nichts mit dem ganzen Mist zu tun hat und nichts weiter will als ab und zu irgendwohin zu gehen und ansonsten unangerufen von fremden Leuten heiter durch die Straßen der Stadt zu lustwandeln.

Du mit fünf

Du kannst nur null und hundert. Du weißt weder, dass es Leute gibt, die für Geld Fußball spielen und verschiedenen miteinander wetteifernden Vereinen angehören. Noch ist Dir klar, dass nicht alle Autos aus derselben Fabrik kommen. Das interessiert Dich nicht, das nimmst Du nicht mal wahr. Dafür hörst Du seit mehreren Monaten am Stück die Hörspiele von „Was ist Was“ und hast Dir dabei ein umfangreiches, ziemlich irritierendes Detailwissen sowohl über naturwissenschaftliche als auch über historische Themen zugelegt, und ich mache mir manchmal ein bisschen Sorgen, ob Deine Grundschullehrerinnen nächstes Jahr sehr genervt sind, wenn Du auf umgehenden Antworten auf Deine Fragen nach dem Tod Sullas oder der Anzahl Roter Riesen im Weltall bestehst. Gestern hast Du drei Stunden in der Ausgrabungsstätte von Olympia am Stück kluggeschissen, und ich habe  mich ernsthaft dabei ertappt, ganz froh zu sein, dass Du kein Mädchen bist, für das die sozialen Kosten skurriler Spezialinteressen deutlich höher wären als für Dich.

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Im Internet lese ich ständig von Kindern, die erstaunliche Lebensweisheiten von sich geben. Das ist von Dir nicht zu erwarten. Du bist nicht im Ansatz abgeklärt. Für Kindergartenmedaillen aus Plastik oder die Urkunden Deiner Musikschule würdest Du barfuß durch die Wüste gehen, obwohl Du es nicht gern heiß hast. Von den Wahlen zum Gruppensprecher in der Kita und der miesen Amtsperformance der völlig zu Unrecht Gewählten höre ich, bis mir die Ohren bluten. Weil auch Deine Kindergärtnerin Dein steinerweichendes Gejammer nach der verlorenen Wahl nicht mehr ertragen hat, bist Du jetzt der nicht gewählte, aber sehr engagierte Anwesenheitslistenführer der Kindergartengruppe und darfst auf den wöchentlichen Ausflügen die Kleenexbox tragen. Wenn andere Eltern in der Zeitung stehen, schaust Du mich leidend und vorwurfsvoll an. Du bist ein fürchterlicher Hypochonder, das muss ein Erbfehler sein, und hast schreckliche Angst vorm Tod.

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Du schwimmst gern. Du baust gern. Du bastelst gern. In ein paar Jahren wird Dir jemand sagen, dass Du nicht gut malen kannst, dann wirst Du vermutlich aufhören, aber derzeit macht es Dir noch Freude, egal, wie das Ergebnis aussieht. Du machst tatsächlich passable Photos mit einer sinnvollen Bildaufteilung, gut gewählten Motiven, und ab und zu amüsiere ich mich darüber, wie anders ich auf Deinen Bildern aussehe als auf den Bildern, die andere von mir machen. Inzwischen glaube ich, dass das nicht an Deinen technischen Schwächen liegt, sondern dass Du mich so fotografierst, wie Du mich siehst. Noch findest Du mich wunderbar und fehlerlos, und es wird ein wenig hart für mich, wenn Du irgendwann feststellst, dass das nicht stimmt, auch wenn ich weiß, dass das so sein muss und wird.

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Es ist ein bisschen überraschend, aber Du bist kein Optimist. Du bist ein Skeptiker, Du findest die anderen Kinder auf der Sonnenterrasse erst einmal zu laut, bevor Du dann doch mit ihnen spielst. Du hebst Dir das Beste am Essen immer bis zum Schluss auf. Du bist gesellig, aber oft bist Du über Stunden allein in Deinem Zimmer und keiner darf rein. Woran Du dann wohl denkst? Du unterhältst mehrere Freundeskreise, mit den einen bist Du laut und wild und manchmal ziemlich unangenehm zu anderen Kindern. Mit den anderen bist Du ruhig und freundlich und ziemlich angepasst und spielst UNO oder malst Burgen. Vielleicht bist Du ein Mitwolfheuler, das weiß man noch nicht so genau. Überhaupt weiß man noch nicht, was an Dir die Jahre überdauern wird. Wie Du wohl sein wirst mit 35? Manchen Leute sehen auf Ihren Kinderbildern genauso aus wie 30 Jahre später, also nicht so körperlich, aber sonst. Es wäre nicht das Schlechteste, wenn das auch bei Dir so wäre, aber was auch immer an Dir bei Dir bleibt: Bei mir bleibst Du nicht. Ich werd‘ Dich vermissen.

Lange nicht getrennt

„Aber warum?“, insistiert Kind F. auf der Frühstücksterrasse, stopft sich weitere Pfannkuchen in den Mund und fordert ein ums andere Mal eine vernünftige Erklärung, wieso unter den anderen Eltern seiner Kindergartengruppe gerade der Spaltpilz umgeht, aber das kann ich ihm auch nicht beantworten. Vielleicht langweilen sie sich, auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, wieso Leute sich gleich scheiden lassen, nur weil sie sich langweilen. Langweilt sich nicht jeder normale Mensch, weil das bürgerliche Leben eben recht wenig Überraschungen für jedes halbwegs normal entwickelte Unterhaltungsbedürfnis bereithält?

„Ihr trennt euch aber nie!“, fordert der F. und der geschätzte Gefährte und ich schauen uns leicht betreten an. Nun ja, besagt J.s Blick. Ganz, wie man es nimmt. Denn der J. und ich sind sozusagen die Könige der theatralischen Trennung.

Wir haben uns beispielsweise auf dem Weg von Amsterdam nach Cochem an der Mosel mehrfach getrennt. Wir waren so ungefähr Anfang 20, im Fiat Punto des J. gab es kein Navigationsgerät, und keiner von uns kann Karten lesen. Erst warfen wir uns unsere Unfähigkeiten nur vor, dann beschlossen wir, uns gleich morgen jeweils jemanden zu suchen, der einfach alles besser kann als der jeweils andere, während mein Vater unablässig anrief und fragte, wann wir denn nun eigentlich in dem Hotel erscheinen würden, in dem er seinen Geburtstag zu feiern beschlossen hatte. Als wir endlich da waren, geriet der Trennungsvorsatz aber schon so ein bisschen in Vergessenheit und wurde im Zuge der väterlichen Feierlichkeiten der nächsten Tage schlicht abmoderiert. In Tunis haben wir die Trennung immerhin zwei Tage durchgehalten, in dem knappen halben Jahr in Hannover haben wir, aber das ist eine ziemlich chaotische Geschichte mit mehreren Beteiligten, uns eigentlich alle paar Tage getrennt, aber nur manchmal mit vollem Programm inklusive Rücktausch der Schlüssel. Die Geschichte mit dem Plüschnilpferd, die hier zuerst stand, musste ich auf den besonderen Wunsch eines einzelnen Herrn leider streichen. Erinnern Sie mich bei Gelegenheit an die auch eher abseitige Suche nach dem silbernen Ring.

Meistens haben wir uns schneller wieder vertragen als es selbst Anfang der Nuller Jahre in Berlin gebraucht hätte, um eine neue Wohnung zu finden, deswegen haben wir nur ein knappes Jahr so richtig in getrennten Wohnungen gelebt, allerdings stand der Anschaffung neuer Lebensgefährten der Umstand entgegen, dass wir wechselseitig die Schlüssel hatten und unangemeldet in die jeweils andere Wohnung zu platzen pflegten, um dort Wäsche zu waschen oder ein wenig zu schlafen. Außerdem war des J. Wohnung von innen teilweise komplett verkorkt. Als ich irgendwann feststellte, dass der J. seiner Familie die Trennung sowieso verschwiegen hatte, um seine Oma nicht aufzuregen, zogen wir wieder zusammen und kauften uns von dem ersparten Mietzins noch mehr gutes Essen.

Fragt man den J., dann reagiere ich beispielsweise überaus hartherzig auf seine vielfachen gesundheitlichen Kalamitäten und bin beruflich wie privat ungefähr gleich nervig hyperaktiv. Fragt man mich, so ist des J. Neigung, ausgesprochen lange quasi nichts zu tun, in Verbindung mit äußerster Reizbarkeit in Hinblick auf Benehmen und Beschaffenheit anderer Leute schon eher anstrengend. Wir haben weder über Religion noch über Politik ähnliche Ansichten und nur teilweise dieselben Freunde und finden die merkwürdigen Menschen, mit denen der jeweils andere sich teilweise so umgibt, unangenehm und komisch. Der J. etwa unterhält eine ganze Riege nichtsnutziger inzwischen nicht mehr so junger Männer aus gutem Hause mit schlechten Noten, aber hohen Einkommen, peinlichen Autos und ziemlich bornierten Ansichten. Ich dagegen kenne haufenweise Streber. Immerhin teilen wir dieselben Ansichten über den Wert guter Manieren bei Kindern und Erwachsenen und die Spätromantik in der Musik.

In Konsequenz dieser Vorgeschichte haben wir eine der ausgefeiltesten Trennungsregelungen, die nicht getrennte Paare überhaupt so unterhalten. Wir präferieren das Wechselmodell, dann ist wenigstens ab und zu mal Ruhe. Das alles verraten wir dem F. indes nicht, sondern sagen nur in aller Ruhe: Wir trennen uns nicht.

Ist den Aufwand nicht wert.

(Aus Anlass, aber natürlich nicht in Beantwortung der Fragen von Frau B.)

Psst. Oder: Paare im Urlaub

Die Ehe also. Eigentlich eine lustige Institution. Da heiraten sich also zwei mit den besten Vorsätzen, fortan gemeinsam ihr Leben zu fristen, und das auch noch dauerhaft. Ein liebenswürdiger Herr zum Beispiel, der es gern ruhig hat, je ruhiger umso besser, gern so ein bisschen wie ein Kartäuserkloster mit angeschlossenem Friedhof, nur ohne Glockengeläut und mit besserem Essen. Und eine, die es eigentlich gern laut, bunt und lustig hat, so ein bisschen wie ein italienischer Marktplatz. Im Alltagsleben, das werden Sie mir bestätigen, ist das alles kein Problem, soll er doch schweigend Golf spielen und sie kann es andernorts krachen lassen, aber im Urlaub, im Urlaub wird es nicht einfach.

Sie beispielsweise verbringt eigentlich nicht so gern mehrere Tage am selben Ort. Kleines Gepäck, jeden Tag etwas Neues, morgens ein Kreuzgang, abends eine Ruine und nachts irgendwo auf einem Platz etwas Gutes essen und zu viel Wein. Dann in die nächste Stadt. Gern viele Leute. Er schätzt dagegen sehr aufgeräumte, komplett geräuschlose Resorts in ruhigen Farben, gern geschmückt mit Porzellan und ausgestopften Tieren, auf keinen Fall unbekleidete oder tätowierte oder gar unbekleidete, tätowierte Leute um ihn herum, und um nichts in der Welt die öffentliche Darbietung von Tanz und Musik und, wenn möglich, keine Buffets, die anderen Menschen die Gelegenheit geben, sich schlecht zu benehmen.

Natürlich sind diese Vorstellungen der perfekten Reise im Grunde unvereinbar. Getrennt zu verreisen ist indes auch nicht im Sinne unseres sich an sich herzlich zugetanen Paares, das sich also über die Jahre hinweg in ein stets fragiles Reisegleichgewicht begibt, in dem entweder er die stetigen Ortswechsel bejammert oder sie sich von Tag zu Tag absehbar mehr langweilt, bis er irgendwann an ihrer Seite freundlich kapitulierend Basare, Kathedralen oder Museen besucht und ab und zu leise, aber abgründig stöhnt.

Nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, stellen Sie sich dieses Paar also vor. Es sitzt augenblicklich am Meer, das gemeinsame Kind, der freundliche F., planscht im Pool, auf einer nahegelegenen Liege ruht er und liest. Sie liest auch, dahingestreckt auf ein unweit belegenes Sofa. Ab und zu sieht er sie besorgt an. Bis jetzt ist es ruhig, aber wie mag das aussehen, wenn sie sich erst mal richtig ausgeschlafen hat? Wo mag sie ihn diesmal hinzerren, wo Leute lärmen und überhaupt schwitzende, unförmige, mit Camp David Achselshirts bekleidete Leute sind? Ab und zu, natürlich nur, wenn er nicht hinschaut, mustert auch sie ihn mit einem Gran Besorgnis. Er wirkt verhältnismäßig aufgeräumt, wie er da so liegt, aber dieses leichte Zucken seiner Brauen jedesmal, wenn das gemeinsame Kind im Pool anfängt zu singen? Nur der F., nicht gewahr der elterlichen Sorgen, planscht und schwimmt unverdrossen hin und her, singt fröhlich ein Lied über Shaun das Schaf, sich immer wieder selbst unterbrechend mit dem Ausruf „ach ja, leise!“, bevor er heiter unterm ägäischen Himml weitere Runden zieht und das Dinner erwartet.

 

Denn ich falle

Mir tut seit Tagen alles weh. Kalt ist es auch, denn auf einmal ist es Herbst geworden, und für einen Moment will ich einfach nur nach Hause und mit meinem Vater schwarzen Tee mit Kandis und ganz viel Sahne trinken und getröstet und ein bisschen in den Arm genommen und in Wolldecken gewickelt werden.

Ein paar Meter aber vor mir strahlt durch die Plexiglasbrüstung dieser Bar der Ku’damm, und zwischen Touristen und Mädchen in zu kurzen Kleidern und Sandalen kann man immer kurz sehen, wie tief es runter geht, wenn man fiele. Ich habe Höhenangst, deswegen gehe ich nicht näher zum Rand, auch wenn das schön sein muss, stelle ich mir vor, aber vielleicht kann ich das dann doch nicht und bleibe einen Meter vor der Scheibe einfach stehen und alle lachen mich aus, vor allem Herr L., der spontan mitgekommen ist und den ich nicht besonders gut kenne  und von dem ich deswegen nicht weiß, ob er es ein bisschen albern findet, wenn ausgewachsenen Leute Angst vor Balkonbrüstungen haben.

Sed navigare necesse, ermahne ich mich, rede zu viel, beobachte mich irgendwann beim Verlegenheitslästern über das Aussehen anderer Leute, was gerade ich mir vielleicht einfach verkneifen sollte, und unterdrücke den Wunsch, jetzt einfach mal so ganz schnell hintereinander drei Wodka zu trinken und dann noch einmal zu versuchen, ob ich mich nicht an die Brüstung traue.

Was soll schon passieren, schaue ich durch die offene Tür der Monkey Bar und stelle ich mir vor, wie ich wahlweise entweder ein paar Minuten an der Brüstung stehe, gut festgehalten einen Negroni trinke und wieder ins Warme zurückkomme. Oder aber leichter werde, ganz leicht, meine Füße den Boden verlassen, meine Arme ausgestreckt und ich ein paar Runden um die Gedächtniskirche fliege, zwei Flügel weit ausgebreitet und laut lachend, weil sich das gut anfühlen muss, wenn man es kann.

Dann aber bleibe ich doch, wo ich bin, sage dem Nachthimmel ab, lasse die Drinks unbestellt und die Brüstung den anderen Leuten.

Vergehen wir auch

Gut sieht sie aus, die A., denke ich, als die Tür schwungvoll erst auf- und dann wieder zufliegt. Groß und blond ist die A., mit einem unverwüstlichen Teint gesegnet, der auch nach einer durchgemachten Nacht nach Landluft und Junirosen aussieht, mit haselnussbraunen, riesengroßen Augen und einem giraffenlangen Hals.

„Alles gut?“, drücke ich die Freundin kurz an mich, und die A. zieht eine komische Grimasse. Dann müssen wir alle beide lachen und setzen uns hin. A. ist ein Sonnenkind, ich kann mich in ihrem Leben an kein einziges ernsthaftes Problem erinnern, wenn man mal von den Problemen absieht, die sie höchstselbst auslöst, aber die beeinträchtigen ja nur mittelbar sie. Heute aber scheint es ihr wirklich nicht so wahnsinnig gut zu gehen, deswegen trinkt sie nur ein bisschen Suppe und Sekt mit Sorbet. Die A. war nämlich beim Zahnarzt, und der konstatierte wohl schon eher ernsthafte Zahnschäden, weil die A. sich in den letzten Jahren wohl angewöhnt hat, die Kiefer ganz fest aufeinanderzupressen und nachts mit den Zähnen so stark aufeinanderschlägt, dass ein paar Zähne davon kaputt gegangen sind.

Erst bei A.s zweitem Drink erscheint auch die H. Ich kenne die H., weil wir fast zeitgleich Babies hatten, und habe erst später zufällig erfahren, dass sie mit der A. zusammen studiert hat. Damals, also 2012, hat sie bei mir um die Ecke gewohnt, aber inzwischen lebt sie in Lichterfelde West, hat noch ein Kind mehr, ein riesiges Haus, ständig Ärger mit ihren Kindermädchen, einen dauerhaft abwesenden Gatten, der ständig irgendwo wirtschaftsprüft, und einen Job, den sie aus Gründen der Selbstachtung nicht aufgibt, aber mit einem in fünf Jahren zehnmal operierten Ältesten schon eher selten so ausübt, wie sie sich das vermutlich einmal vorgestellt hat.

Die H. wirkt immer so, als habe sie gerade einen Marathonlauf hinter sich, und so lässt sie sich auch heute schwer atmend auf die Bank fallen, als sei sie aus Charlottenburg nach Mitte gerannt und nicht etwa gefahren. Die H., fällt mir auf, sieht nicht gut aus. H. ist Asiatin, nicht größer als so ungefähr 1,60, und irgendwann in den letzten Jahren ist sie zu einer Frisur übergegangen, die vermutlich sehr praktisch ist, mit der aber jede Frau aussieht wie eine Hommage an Ingrid Matthäus-Maier.

Schlank war die H. schon immer, erinnere ich mich. Inzwischen ist sie aber so dünn, dass man an ihrem Unterarm Elle und Speiche sehen kann, und ihr Kopf im Verhältnis zum Körper irgendwie unverhältnismäßig groß wirkt. Ich glaube, wir sind gleich alt, aber die H. ist inzwischen so dünn, dass auch ihre Haut irgendwie ausgemergelt wirkt, und als die A. und ich uns über den Tisch hinweg ansehen, weiß ich, dass auch sie dasselbe denkt wie ich.

So richtig ist aus der H. nicht herauszubekommen, was ihr eigentlich fehlt. Vielleicht ist es wirklich nur Zeit und die Sorge um das kranke Kind und der Umstand, dass sie sich um alle und keiner sich um sie kümmert. Oft, höre ich, isst sie erst abends, wenn ihr auffällt, dass sie gar nichts gegessen hat, die Reste des Abendessens der Kinder. Auch heute mag sie nichts essen und belässt es bei einer Kanne Tee. Ich esse meine Suppe allein.

Oh je, denke ich auf dem Heimweg nach über die A., die in allem Komfort und geliebt von ihrem freundlichen und nur ein klitzekleines bisschen langweiligen Mann sich an ihrem Glück offenbar gerade die Zähne ausbeisst, und an die H., die unter dem Druck ihres Lebens buchstäblich verschwindet. Was sie hätten anders machen können, grübele ich ergebnislos nach, als ich an der Ampel stehe und mir im zerkratzten Spiegel eines Second-Hand-Ladens zusehe, wie ich langsam über die Straße laufe, die rechte Hand im Nacken, der seit Wochen verspannt ist, aber wer will sich schon umsehen.

Lügen und Geheimnisse

„Modeste?“, flüstert der P. nahezu unhörbar und ich presse das Handy ganz dicht ans Ohr, damit ich ihn überhaupt verstehe. „Was ist los?“, frage ich und fange gleichfalls an, unwillkürlich zu flüstern, bemerke das, spreche normal laut weiter und wundere mich ein bisschen, was eigentlich los ist. Man kennt dieses Flüstern von Leuten am Telephon eigentlich nur von Eltern sehr kleiner Kinder, aber die Kinder des P. gehen schon zur Schule, und auch sonst gibt es eigentlich keinen Grund, sich besonders leise zu verhalten. Der P. ist nämlich zuhause.

Auch der Inhalt des Telefonats gibt keinerlei Anlass zur Heimlichkeit. Ich gehe mit dem P. alle paar Wochen in ein klassisches Konzert, das ist vielleicht nicht sehr aufregend, aber jedenfalls hochseriös, und die telefonische Absprache, wann genau welches Konzert aufgesucht werden soll, gehört nun auch nicht gerade zu den Themen, die in besonderem Maße der Geheimhaltung bedürfen. Gleichwohl stellt sich heraus: Diese Konzertbesuche sind geheim. Sehr geheim sogar. Das liegt aber nicht an Hindemith oder Schönberg, sondern an mir. Nein, eigentlich auch nicht an mir. Ich bin – der langjährige Leser wird dies bestätigen – eine Person von gut berechenbarer Harmlosigkeit und bedarf keinerlei Geheimhaltung, es sei denn, und so verhält es sich hier, die Person, vor der geheim gehalten werden soll, ist ein wenig eigen und bringt weiblichen Personen in Bausch und Bogen ein übersteigertes Misstrauen entgegen.

„Das ist ja schrecklich.“, bedaure ich den armen Kerl und bemühe mich im Rahmen der nächsten halben Stunde, weder im Zuge der Terminvereinbarung, noch im Rahmen allgemeiner Gespräche über unsere Eltern und unseren mit fünf Jahren zeitlichem Abstand gemeinsamen Lateinlehrer und seine schrecklichen Sendungen selbstgeschriebener Mariengedichte unwillkürlich wieder mitzuflüstern. Auf einmal, mehr oder weniger mitten im Satz, ist der P. weg und das Telefon aus.

Etwas später klärt sich die Lage. Offenbar stand die Gattin des P. auf einmal mitten im Raum, der P. legte also einfach auf, weil er sich vor seiner Frau ein wenig fürchtet, und erzählte dieser schon durchaus gesteigert humorlosen Dame irgendetwas, was noch unverfänglicher klingt als ein Telefonat mit einer alten Schulfreundin, setzte noch einen drauf, was das demnächst stattfindende Konzert angeht, erzählte noch irgendetwas vermutlich noch Abenteuerlicheres den Besuch eines gemeinsamen Schulfreundes in Berlin betreffend, der mit einer Hotelzimmerparty im Michelberger Hotel begangen werden sollte, was in den Ohren einer extrem verspannten Person vermutlich noch deutlich unseriöser klingt als ein Liederabend im Boulez-Saal, und angesichts dieser vielen, vielen Lügen und Geheimnisse bekomme ich dann doch fast etwas Mitleid mit der schrecklichen Frau, die der P. sich da geheiratet hat, und die wohl besser fahren würde, sie würde nur dann belogen, wenn sich das auch lohnt.

Verwehe

Aber vielleicht schlafe ich heute Nacht gar nicht ein. Auch wenn ich müde bin. Vielleicht ziehe ich mich wieder an, stattdessen: Mein rotes Kleid, die Silberschuhe und rote Lippen für den Mann im Mond. Die Tür ziehe ich hinter mir zu.

Zu meiner Rechten hinter Hagebutten und Gestrüpp glänzt der See. Zu meiner Linken streifen Füchse durchs Feld und zählen mir Hasen. Irgendwo steht eine Eiche für mich, und die Raben singen mir Lieder. An den Ästen klettere ich höher und höher dem Himmel entgegen. Ins Laub bette ich mich. An den Wolken kann ich wohl trinken. Im dünnen Geäst werde ich leichter und leichter, schon scheint mir der Mond durch die Rippen und als Nachtwind weht mir das Haar.

Dort, wo der Mond am dunkelsten ist und die Nacht ganz kalt, steht, sagt man, ein Häuschen. In dem Haus ist ein Schrank, in dem Schrank ist ein Schrein. In dem Schrein ist ein Kästchen. In das Kästchen im Schrein, in den Schrein in dem Schrank, in den Schrank in dem Haus lege ich alles, was vergessen und niemals gewesen und nicht mal gewünscht sein soll, schiebe es ganz nach hinten in mir, schließe die Tür und verwehe.

Wie es war

Zwei Wochen vor seinem 70. Geburtstag, sagt meine Mutter, sei er gestorben, und dass sie einen Kranz geschickt hätten, wenn er sich nicht vor La Gomera hätte ins Meer kippen lassen.

La Gomera hört sich falsch an, denke ich, denn für mich gehört er nach Sylt, wo er irgendwann Ende der Siebziger wie viele andere Hamburger auch ein kleines Haus gekauft hatte, unten zwei Zimmer und oben noch einmal zwei, und im Garten einen Schuppen, auf dessen Dach sein Sohn B. und dessen Freunde später, schon waren die Neunziger angebrochen, lagen und in den Himmel starrten und Pfirsichsekt und Bier dazu tranken.

Das Haus war so scheußlich eingerichtet, wie Ferienhäuser es damals eben so waren. Alles stand voller Korbmöbel, die Polster waren orange oder braun, das Geschirr war grün und vermutlich in der Familienküche ausrangiert worden, aber vom Wohnzimmer aus konnte man zwischen Heckenrosen und Schlehen das Meer sehen, es roch nach Tang, und wenn man im Meer schwimmen war, konnte man im Garten des Hauses das Salz abduschen, bevor man ganz trocken war.

Er war Arzt. Er hatte eine Praxis in Hamburg, ausreichend Privatpatienten, er trug auch Sonntags und am Meer meistens weiß, und er spielte ebenso schlecht wie gern Gitarre. Ab und zu, wenn meine Freunde noch schliefen, traf ich ihn morgens auf der Terrasse, wie er ein bisschen klimperte, Bruchstücke sang und schwarzen Tee mit Milch aus klobigen, dänischen Bechern trank.

Er war freundlich. Er füllte den Kühlschrank für die Freunde seines Sohnes mit dem Käse, der immer als erster weg war. Er merkte sich, wer wie Kaffee trank. Er schenkte mir zweimal Bücher, weil ich sie besonders mochte, und als ich 16 wurde, stellte er mir Blumen ans Bett und bestellte in der Bäckerei in Keitum einen kleinen Kuchen. Es waren leichte, schwingende Sommer damals, wir waren immerzu verliebt, meistens unglücklich, küssten ständig versehtlich die Falschen, stritten uns, vertrugen uns wieder, tranken zu viel und benahmen uns so gut oder so schlecht wie es Leute eben tun, die nichts Ernsthaftes auszustehen haben, ohne das schon zu wissen. Irgendwann in diesen Sommern war ich auch mit seinem Sohn B. zusammen, nur ein paar Tage, höchstens Wochen, so dass ich ihn schon im selben Sommer gar nicht mehr mitzählte, wenn ich über meine Exfreunde sprach.

Ich nahm ihn gar nicht wahr. Oder nur so, wie man die Eltern seiner Freunde eben wahrnimmt, als mehr oder weniger angenehme Ressourcen eben, Institutionen, die sich in Funktionen erschöpfen. Ab und zu bemerkte ich, dass er uns mit mehr Aufmerksamkeit betrachtete, als andere, die sich nicht einmal merken konnte, wer da alles durchs Haus lief. Gelegentlich fotografierte er meine Freundin N. und mich und schenkte uns die Bilder.

Jahre später traf ich ihn noch einmal am Strand. Ich war mit meinem Freund in Hörnum, wir hatten uns gestritten, und ich war losgefahren, um irgendwo allein zu sein. Da saß er in Keitum, er war etwas grauer und kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte, aber er spielte noch Gitarre und er wusste sofort, dass ich Sekt trinken wollte und welchen Käse und Sesambrötchen am nächsten Tag. Es war ein bisschen kalt an diesem Abend, vielleicht war es schon September. Es gab Freixenet, weil ich den damals wirklich sehr gern trank. Ich glaube, er las mir Erich Fried vor, allen Ernstes Erich Fried, er spielte Lieder von Hannes Wader und Reinhard Mey, aber es passte zu ihm, und ich glaube, ich sang mit. Am nächsten Morgen lief ein Film mit Jeremy Irons und Juliette Binoche, die ich wunderschön fand, und er zeigte mir ein Bild von mir, schlafend, am Morgen meines 16. Geburtstags, und dann fuhr er mich nach Hörnum. Ich vertrug mich wieder mit meinem Freund, und er fuhr davon. Ich winkte vielleicht oder auch nicht, und dann sah ich ihn nie wieder. Und jetzt ist er tot.