Alle Beiträge von Modeste

Tagebloggen (5)

Die Stadt verschwimmt in der Hitze und fließt dickflüssig wie Honig über den märkischen Sand. Zwölf Uhr mittags und ich werde schon erwartet.

Ich esse zwei Vorspeisen, weil ich zu rauchender Asche zerfalle, wenn ich jetzt was Warmes esse, unterhalte mich und trinke sehr viel Wasser, und freue mich wie immer, wenn ich merke, wie viele nette Leute es gibt, so alles in allem, und sage nicht nur, dass ich mich auf das nächste Treffen freue, sondern freue mich wirklich. Dann fahre ich weiter.

***

Als ich um sieben ins Schwarze Café komme, sitzt meine Verabredung im Garten und raucht, und wir reden über Krausser und Kracht und Wondratschek und Benn und Jünger und trinken Radler und Wein und so ein komisches Mixgetränk, das ich bekomme, weil es keinen Aperol gibt, und essen auch ein bisschen was und trinken weiter.

Nach acht sitzen wir vor die Tür, weil die dann den Garten schließen, und am unteren Ende der Kantstraße wird der Himmel durchscheinend, rosig und unfassbar zartgrau, schwingend wie Seide, Leute kommen und setzen sich für eine halbe Stunde oder so zu uns, gehen wieder, und irgendwann fahre ich auch in den dunklen Osten und bin so müde, dass ich mir nur die Kontaktlinsen aus den Augen pule, und dann gehe ich einfach so und ohne Zähneputzen zu Bett.

Tagebloggen (4)

Als ich um fünf vor der Kita stehe, kommt er sofort und läuft ungebremst auf mich zu. Er strahlt.

In Blogs und Büchern steht inzwischen meistens mehr oder mehr humoristisch aufbereitet, dass und wie sehr Kinder nerven und einen versklaven und dass das eigene Leben sich fundamental verändert, wenn man ein Kind hat. Nie steht da, wie sehr man liebt und geliebt wird. Was für ein Geschenk die reine Freude ist, mit der ein Stück Kuchen vom Bäcker entgegengenommen wird. Wie freudig er im Urlaub jeden Morgen zum Buffet gelaufen ist. Wie er sich das Colosseum ausmalt und wie Cape Canaveral. Was für einen Spaß es macht, mit ihm zu backen und sich Witze zu erzählen und zu diskutieren.

Meistens wird über Kinder geschrieben wie über vorbewusste Tiere. Hören die Autoren ihren Kindern eigentlich nie zu, wenn sie über sich nachdenken? Wenn ihre Kinder wie F. auf dem Sofa sitzen und darüber nachdenken, warum er es nicht schön findet, aufzufallen, aber andere schon. Warum manche Leute immer Chef sein wollen. Warum er lieber einen Hund hätte als eine Katze.

Seine kleinen, grotesken Listen. Wenn er sich Maschinen ausdenkt und über Monate immer weiter an diesen Maschinen herumdenkt, Details ändert, sich auf die Maschinen freut und sich die Reaktionen seiner Erzieherin ausmalt. Wenn er schmollt und aus dem Off der halb geöffneten Kinderzimmertür kleine vorwurfsvolle Einwürfe ins Wohnzimmer schickt. Wie er, wenn ich zuhause telefonieren muss, mit Verschwörermiene und Finger über dem Mund an mir vorbei schleicht. Wenn er bettelt, dass ich mir mit ihm einen „schönen Abend“ mache, was bedeutet, dass es einen Film gibt, am besten mit Popcorn, und wir danach gemeinsam im Bett liegen und uns die besten Stellen aus Asterix vorlesen und erzählen und Beatles-Lieder singen. We all live in yellow submarine.

Tagebloggen (3)

Mit dem Fahrrad über die Greifswalder, das Rumpeln der Tram, vorbei an der Bötzowbrauerei, wo es einmal diese Bar gab mit der leuchtenden Zuckerwatte über den Drinks, über die Schönhauser, vorbei am Due Forni, und dann die Ackerstraße abwärts, in den Wedding, unter der alten Brücke vorbei bis zum früheren Krematorium, in dem heute ein Veranstaltungsort ist und ein Café.

Ich freue mich auf die Lesung, aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn ich freue mich fast noch mehr über die Fahrt durch die sonntäglich leere Stadt, die Hitze, die auf den Straßen liegt wie etwas Körperliches, die plötzliche Kälte in einer Bahnunterführung, die Gerüche der Straßen und die Passanten. Ein Mädchen an einer Ampel mit langem, lila Haar. Ein älterer Mann, der ein Fahrrad schiebt mit ganz harten, trockenen Füßen. Zwei junge Männer, Tätowierungen und Sonnenbrillen, zu große Muskelshirts und einen Mops an der Leine.

(und niemand auf der ganzen Welt wissen würde, wie sie das geliebt hatte; wie, jeden Augenblick)

Die Lesung ist sehr, sehr gut. Ich mag quasi alle Bücher von Krausser, die so viel – mir fällt kein anderes Wort ein – fleischiger, pulsierender, hemmungsloser sind als fast alles, was man sonst noch so bei Dussmann kaufen kann, und außerdem liest er gut. Der Saal ist gut gefüllt, Leute liegen auf überaus bequemen Sitzsäcken und Freundin J2 ist, wie sie später gesteht, sogar ein paar Minuten eingeschlafen.

Als ich fahre, ist Frankreich Weltmeister. Die Stadt scheint sich zu verformen, etwas biegt und dehnt sich, und als ich spät im Bett liege, kann ich – lachen Sie nicht – die Sterne knistern hören. Mir geht es gut.

Tagebloggen (2)

Es gibt Shakshuka. Ich schneide Paprika, Zwiebeln, öffne eine Dose Tomaten und brate Harissa an. Der J. kocht Kaffee mit seiner stöhnenden, blubbernden Maschine und Freundin J. 2 sitzt am Küchentisch hinter dem weiß-rosa Strauß, den sie mir mitgebracht hat, und erzählt.

Vermutlich wiegt die sportliche J.2 zehn Kilo weniger als ich, und ich stelle erfreut fest, dass mich das nicht mehr stört. Vor zehn Jahren habe ich ziemlich viel über mein Aussehen nachgedacht, aber heute schiebe ich Paprika und Zwiebeln durch meine Pfanne und es ist mir gleich. Einerseits ist das ziemlich super, andererseits auch ein bisschen unheimlich und hoffentlich nicht der erste Schritt auf der abschüssigen Bahn der verlotterten Leute, die man manchmal in der U-Bahn sieht.

Als die J.2 gegangen ist, gehen wir auf den Markt. Bei uns gibt es einen kleinen Markt, eine Zeile Gemüse und Obst, Fisch und Fleisch, ein paar Stände mit Essen und Wein, immer ein paar Nachbarn mit ihren Kindern, und wir kaufen Zuckerschoten und Radieschen, Melone und Blaubeeren. Abends soll gegrillt werden, beschließen wir und kaufen dafür ein, und dann sitze ich auf dem Balkon, lese, und der F. sitzt neben mir auf dem Sofa und blättert glucksend in ein paar Comics. „Asterix und die Briten“ ist sein Favorit.

Nachmittags treffe ich Freund J.2 auf dem Spielplatz. Eigentlich laufen wir die ganze Zeit hinter seinem Jüngsten zwischen den Spielgeräten hin und her, erzählen uns was über unsere Jobs, über Zukunft und Vergangenheit, beschweren uns, dass wir zu wenig unternehmen und nehmen uns vor, die nächste Spielzeit aber mal so richtig mitzunehmen, auch wenn wir beide wissen, dass wir uns das seit Jahren vornehmen, aber es nie so richtig klappt.

Am Abend liege ich auf dem Sofa. Ich lese Zeitung, ich plane Ausflüge nach Hamburg und Wien, ich schaue mir im Internet die Urlaubsbilder meiner Freunde an und dann lese ich, halb schon im Einschlafen, zwei Gedichte, die ich einmal sehr mochte, und frage mich, ob ich noch einmal so berührbar sein werde, dass mich Lyrik erreicht.

Tagebloggen (1)

Vielleicht fährt unsere Welt gerade zur Hölle, wenn man so ins Internet schaut, aber ich sitze in meinem Büro in meergrün und weiß, schaue auf den Karpfenteich im Hinterhof und trinke eine Schale langsam erkaltenden Genmaicha.

Am alten Kempinski vorbei radele ich den Ku’damm abwärts Richtung Kreuzberg und nehme mir vor, einmal darüber zu schreiben, wie ich mein erstes Steak Tartare als Kind im Kempinski gegessen habe, und wie grandios ich den Messingwagen fand mit den vielen kleinen Schälchen mit den Zutaten und überhaupt, wie toll dieses alte Berlin war. Wie es roch, wie es aussah, und wie schade, dass nicht mehr davon übrig ist.

Höhe KaDeWe fallen ein paar Tropfen, aber schon zwei Kilometer weiter ist die Straße wieder trocken, und selbst meine Haare fühlen sich an, als hätte es nicht geregnet, ach, nie geregnet, seit April nicht mehr geregnet, und als ich am Landwehrkanal mein Rad abschließe, sehe ich zwischen den Gehwegplatten ein paar letzte Büschel vertrocknetes Gras. Die Bäume sind staubig und zittern.

Im Feedback gibt es Kantonküche, und als ich sehr schnell einige Dim Sum, ein Aperol Spritz und ein Bier getrunken habe, fühle ich mich auf einmal sehr schwer. Freund M. erzählt von seinem neuen Job, wir sind glücklich und trinken auf die Liebe, und als ich einige Stunden später von der Oranienstraße aus nach Hause fahre, ist die Nacht noch so warm, so verheißungsvoll, so vielversprechend wie eh und je.

Der vierte Tag (tddl)

Ich bin unfassbar müde. Im Lendhafen ist es erst warm, dann kühler, dann wieder wärmer, und ich trinke sehr schnell drei Kaffee, um nicht wegzudämmern.

Immerhin ärgere ich mich über Jacob Noltes Text ausreichend, um nicht einfach selig wegzuschlummern. Vermutlich sind die schiefen Bilder Absicht, und die Geschichte eines Mädchens, das in Mexiko Urlaub macht und in einem Tagebuchauszug einen Ausflug beschreibt, soll durch komplette Trivialität die Trivialität Gap Year feiernder Studenten geißeln, aber was soll mir das sagen? Dass solche Leute ein bisschen banal sind? Das wusste ich schon. Ein absichtsvoll schlechter Text kann durch seine Fehler eine andere Geschichte erzählen, aber eine solche unerzählte Story ist hier nicht einmal angedeutet.

Beim nächsten Text bin ich wach: Stefan Groetzner liest einen (nur etwas zu langen) grotesken, verspielten Text über eine Misswahl, eine Weltmaschine, ein aus bunten Klischees erfundenes, knallbuntes Österreich, und ich muss tatsächlich lachen. Ich denke an Herzmanovsky-Orlandos Tarockanien, Jandl, an das „Paradies der falschen Vögel“ von Hildesheimer, und an die Illustrationen von Paul Flora. Ach, und überhaupt Maschinen. Ich bin ein Riesenfan von Maschinen.

Dann wird es hart. Frau Özlem Özgül Dündar verleiht vier Müttern eine Stimme, die über einen Brandanschlag sprechen. Der Text ist nicht realistisch, so sprechen weder die Toten noch die Überlebende und auch nicht die Tätermutter. Es ist ein ergreifender Gesang über den Schrecken, das Sterben, die Unmöglichkeit des Weiterlebens, die Unfassbarkeit von Schuld, dabei ästhetisch bis in jede Spitze gefügt. Der bekommt einen Preis, denke ich, und dann gehe ich in die Stadt und kaufe für den J. und den F. auf dem Markt ein Geschenk.

Der letzte Text erinnert mich an ein Comic. Lennard Loß ist jung, sehr jung, so jung, dass man ihm sogar seinen etwas schnöseligen Vorstellungsfilm verzeiht, der sich anhört, als betrachte er Arbeiter wie ganz besonders aufregende Eingeborene in der Südsee. Leider ist der Text trotzdem nichts. Es geht um einen Flugzeugabsturz, die RAF, einen teuren Bleistift, einen Zahntechnikmeister, der in der SS war, ein Heimkind unter falschem Namen: Es ist, kurz gesagt, eine Kreuzung aus Life of Pi und einem Tarantinofilm über Nazis und Terroristen.

Dann gehe ich schlafen. Und schwimmen (2. Stein!). Und Essen, weil man in Klagenfurt großartig essen kann. Und trinken im Lendhafen. Und als ich schlafen gehe, hämmert irgendwo in diesem Hotel jemand dreimal ganz laut gegen die dünnen Wände.

Der dritte Tag (tddl)

Manchmal ist der Zufall ein fieser Kerl. Manchmal ist er auch eine Zahnärztin: Dass das Los Corinna Sievers mit einem pornographischen Text über eine erotomane Zahnärztin, die ihre Patienten verführt, ausgerechnet auf den Freitag morgen befördert hat, war jetzt vielleicht mehr so mittelglücklich. Vermutlich hätte ich den Text aber auch zu keiner anderen Tageszeit gemocht: Eine simple Nacherzählung einer stinknormalen Pornophantasie, mit ein, zwei Sätzen, aus denen hervorgeht, dass die weibliche Lust auch hier soziale Bestrafung erfährt. Nun gut.

Aber überlassen wir Frau Sievers ihren – hoffentlich auch noch nächste Woche – real existierenden Patienten. Die Dame ist wirklich Zahnärztin, und dass man ihr lassen: Ich glaube, sie kann nicht so besonders gut schreiben, aber mutig ist sie auf jeden Fall.

Nach einem sehr auf grobe Effekte abzielenden Text folgt ein ausgesprochen langsamer, sehr kleinteiliger Text. Ally Klein beschriebt minutiös eine Panikattacke, und auch wenn ich mir schon vorstellen kann, dass sich Panikattacken exakt so und nicht anders anfühlen, fesselt mich der Text nicht. Warum das Ich Panik bekommt, wer der titelgebende Carter ist: Mir bleibt der Kontext völlig unklar, und wenn ich ehrlich bin: Er interessiert mich auch nicht sehr.

Beim nächsten Text wird alles besser. Tanja Maljartschuk erzählt eine gut gemachte, sehr konventionelle Geschichte einer alten, dementen Frau und eines jungen illegalen Immigranten. Letzterer nutzt eine Verwechslung aus, aber – anders als die Nachbarn denken – nutzt vielleicht auch sie ihn aus, man weiß es nicht, und dass die Jury nicht auf die Frösche eingestiegen ist, die durch den Text springen, die ungeküssten, die verwandelten, die glitschigen Amphibien, ist ein bisschen schade. Das war eine gute Story, wenn auch so brav erzählt, dass sie vielleicht schon deswegen leer ausgeht, weil sie nicht das ist, weswegen wir hier sind.

Bov Bjerg steigert die gegenüber dem ersten Tag ohnehin schon deutlich gestiegene Qualität noch einmal. Eine dichte, eine fugenlose Geschichte über Vater und Sohn, familiäre Belastung, Flucht und Schicksal, Provinz, Befreiung und Liebe, die mich sofort hatte. Nach wenigen Sätzen hatte ich Angst um den Siebenjährigen, der familiär belastete Vater tat mir leid, ich habe auf jedes positive Zeichen für eine gute Wendung gewartet, und als dann keine kam, war ich traurig. Wenn der nichts gewinnt,

Zum Schluss des Tages Anselm Neft. Hui. Das ist ein Text. Vielleicht bin ich voreingenommen, wir sind befreundet, aber die Geschichte über einen Obdachlosen und sein Alter Ego, ganz fleischgewordene toxische Männlichkeit, die ihn auf eine Höllenfahrt reisst, vorbei an Glaube, symbolisiert durch einen Priester, Liebe, eine dicke Bäckerin und Hoffnung, einen Hund, bis in eine kalte Hölle, in der eine peitschende Mutter einen wieder Fünfjährigen erwartet, war so schmerzhaft, dass die Jury dem Text zumindest unmittelbar nach der Lesung nicht ganz gerecht geworden ist.

Nach einem kühlen Tag ein langer, schöner Abend und zu wenig Schlaf.

Der zweite Tag (tddl)

Irgendwo müssen sie sein: Die aufregenden Texte, die Texte, die man nach Jahren nicht vergisst. Von denen man manchmal träumt. Um es kurz zu machen: So ein Text war nicht dabei. Ich werde die Texte des heutigen Tages voraussichtlich rückstandslos vergessen.

Der Tag startete mit Raphaela Edelbauer (Text); im Nachhinein mein Favorit. Frau Edelbauers Text war, man kann es nicht anders sagen, gepflegt. Ein Ausfüllungstechniker, ein gescheiterter Akademiker, kommt in eine Stadt, die unterspült ist durch ein Bergwerk. Das Bergwerk hat eine dunkle Geschichte, Weltkrieg, Nazis, Mörder: Alles dabei. Ein paar starke Momente, wie das Schwimmbad sich plötzlich leert. Wie es im Untergrund arbeitet, wie das Es das Ich zu verschlingen droht. Die Metaphorik ist etwas aufdringlich, Edelbauer erzählt vom Untergrund wie von einem Körper, aus dem es quillt, in dem man eindringt, und den der Techniker nun erstarren lässt. Der Preis der Sicherheit ist Leblosigkeit. Das ist vermutlich sachlich zutreffend, aber keine sehr originelle Erkenntnis. Der Text ist solide gemacht, aber er erschöpft sich in der reinen Metapher. Das ist mir zu wenig. Die Bezüge zu Kafkas Schloss, zu King sind geschickt gesetzt, aber sie weisen nicht über den Text hinaus. Gleichwohl: Man traut der Autorin zu, dass ihr Text in den nächsten Kapiteln gewinnt.

Immerhin. Der nächste Text von Martina Clavadetscher (Text) hat mich fast in den auch wärmebedingten Tiefschlaf getrieben. Es geht um eine Schneiderin, Schweiz. Kleine Verhältnisse, rücksichtslose Männer, geduckt, nie gesprochen, und dann stirbt sie und erzählt auf dem Weg ins Krematorium ihre Geschichte, bis sie sich in ein Insekt verwandelt.

Nun sind Insektengeschichten heikel, weil es immer schwierig ist, mit einer Insektenverwandlung neben der einen großen Verwandlung zu bestehen. Aber so fad sollte es dann doch nicht sein. Frau Clavadetscher schafft es nicht, die ehemals schöne, nun alte und tote Louisa näherzubringen, und das hat vor allem mit Sprache zu tun. Sie spricht nicht wie eine alte, etwas schlichte Frau. Hier fehlt es handwerklich, und das schafft Distanz. Ich habe nicht eine Minute an Louisa geglaubt.

Inzwischen war die Sonne um den Lendhafen herumgewandert und es wurde wahnsinnig heiß. In meiner Klagenfurttasche – dieses Jahr aus Filz – schmolz der schokoladige Kern einer Packung Toffifee.

Nach diesem nicht sehr ärgerlichen, aber sehr langweiligen Text las Stefan Lohse. Sein Text handelt von zwei Jungen, vielleicht 20, von denen einer sich mit dem kongolesischen Befreiungskrieger Patrice Lumumba identifiziert, bis er sich von seinen Freunden sogar so nennen lässt. Der andere ist dick und schwul, der eine verliebt sich in eine Prostituierte, und beide wären gern sehr weit weg. So weit, so gut. Freundschaften und Coming of Age Geschichten kann man ja immer gut hören, aber geht man näher an die Geschichte heran, fehlt dann doch Einiges. Zum einen: Was soll die Darstellung der Geschichte des echten Lumumba? Für diese Story reicht es doch, dass es sich um einen Freiheitskämpfer handelt. Warum die Ausstaffierung der Story mit Elendsfolklore? Die Ausstellung der Accessoires der Unterschicht ist riskant. Zudem: Wozu? Dass die Familie wenig Geld hat, ließe sich auch dezenter darstellen. Interessanter die Freundschaft, aber von der erfährt man nur in Andeutungen.

Vom nächsten Text bekomme ich nicht viel mit. Ich esse sehr gutes Tatar, ich spreche über alles Mögliche, aber dann sitze ich wieder am Lendhafen, verscheuche meine Nachmittagsmüdigkeit mit viel starkem Kaffee und höre die zweite Hälfte eines Textes von Anna Stern (Text). Vielleicht liegt’s an dieser Unvollständigkeit, vielleicht am Text: Ich verstehe ihn nicht. Da liegt also eine Schwangere in Schottland im Koma, ihr Freund ist gekommen, mit dem sie wohl Streit hatte, und irgendwie spielt ein Flugzeug mit, das dort vor vielen Jahren abgestürzt ist. Natürlich schweigt die Schwangere, die liegt ja im Koma. Dafür reden die anderen Leute am Krankenbett, die Namen tragen, bei denen ich leider die ganze Zeit an Loriot denken muss, genauer gesagt: An Evelyn Hamann, wie sie als Ansagerin eine Fernsehsendung ankündigt, die in England spielt. Mir hat sich nicht mal erschlossen, was für Leute das sind, wo sie herkommen, und auch nicht, was eigentlich passiert ist. Schließlich gehen die meisten Schwangeren nie allein ins Hochland.

Ich spare mir allzu naheliegende Witze über Koma und diesen auch ziemlich langweiligen Text und trinke noch einen Kaffee. Kaffee kochen können sie hier. Dann warte ich auf den letzten Text des Tages: Joshua Groß (Text) liest eine Kurzgeschichte über einen Hipster in Miami.

Es tut mir leid, vielleicht bin ich auch für diesen Text schlicht zu alt. Groß‘ Hipster hat irgendein Stipendium, er geht zu einem Basketballspiel, er lernt ein Mädchen kennen und dann noch ein Mädchen, und während das eine Mädchen ihm drögen- und alkoholbedingt über das Hemd kotzt, kommt er dem anderen Mädchen näher und wird – das wird aber nur in einem Halbsatz erzählt – mit diesem Mädchen eine unglückliche Beziehung führen, die mit Abtreibung und Psychiatrie endet.

Ansonsten hat Groß Hipster Simon-Strauss-Probleme. Er fühlt sich ärgerlich unbedeutend und schicksalslos, er hat das Gefühl, in dieselbe biographische Falle wie seine Eltern zu tappen, er wünscht sich „Mystik und Existenzialismus“, aber alles, was er bekommt, sind kotzende Mädchen in Miami — Ich kann mir vorstellen, dass sich das für Zwanzigjährige doof anfühlt, aber ich bin mehr als doppelt so alt, und diese Probleme machen mich ungeduldig. Ich hoffe, Groß hat seinen Text als Satire angelegt, aber seien wir ehrlich: Satire, die man nicht gleich erkennt, ist vielleicht keine gute Satire.

Weil er seinen Text mit Produktnamen und Drogen ausstaffiert, freut sich die Jury. Ich freue mich nicht. Ich bin mit Drogen- und Markennamen eigentlich seit den Neunzigern durch. Wenn ich das nochmal lesen will, lese ich Bret Easton Ellis „Unter Null“, der den Horror Vacui an der Schwelle zum Erwachsensein so gut beschrieben hat, dass es eigentlich niemand mehr machen muss. Ich finde es eigentlich selbstverständlich, selbstverständlicher als die Jury offenbar, dass ein Autor nicht von einem „Kurznachrichtendienst“ spricht, sondern von WhatsApp, und nicht von einem elektronisch gestützten Bezahlsystem, sondern von PayPal. So reden, leben und denken Leute nun einmal, und auf dem Weg zurück vom ORF-Theater zum Hotel sehne ich mich nach Sensationen, nach Klarheit, Härte der Sprache, nach kristallinen Abgründen, den schwarzen Locken der Sprache, Spiel und Exzess.

Aber schauen wir, was der morgige Tag so bringt.

Der erste Abend (tddl)

Dieses Jahr nimmt mich mit. Diese plötzlich aus dem heiteren Himmel des boomenden Landes hereinbrechende Breitschaft, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gegen Härte und böse, gehässige Worte auszutauschen. Sorgfältig seine Worte zu wägen, dass sie bloß nicht zu großzügig daherkommen, weil man den Wähler, den Abonnenten, den Nachbarn bloß nicht verärgern will, den man sich böse, neidisch und engherzig vorstellen muss: Einen dumpfen Kerl, dem es nichts ausmacht, dass jeden Tag im Mittelmeer Menschen ertrinken, die nicht ertrinken müssten.

Ich will weg von dieser brodelnden Bösartigkeit, vier Tage zurück in ein anderes Land. Wisst ihr noch, denke ich, vor fünf Jahren. Ach, vor zwei. Als wir alle dachten, dieser Boden unter unseren Füßen sei fest. Ich will aber über Bücher sprechen, über Innenwelten, über schöne Worte, über Dramen, die unblutig enden. Keine toten Kinder am Strand.

Aber dann geht es doch wieder um die anderen und auf dem Weg zur Theke höre ich fremde Leute über die Barbaren sprechen, die an den Toren rütteln, und als Feridun Zaimoglu gegen die Bösen predigt und der Regen vorm ORF-Theater fällt, wünsche ich mir einen Zauberspruch, der uns alle von diesem Jahr erlöst.

Ich wünschte ich würde mich für Fußball interessieren

Ich sage nur: Neunzig. Neunzig Minuten. Ich kann nicht einmal einen einstündigen Podcast am Stück hören, ohne mehrfach zu unterbrechen, gleichzeitig abzuwaschen, mir eine Haarkur in die Haare zu schmieren, unruhig durch die Wohnung zu tigern, und mir eine vernünftige Software für die Transkribierung zu wünschen. Dabei höre ich natürlich sowieso nur Podcasts über Themen und von Leuten, die mich richtig interessieren. Oder sehr lange Bücher. Konnte ich früher sehr gut, aber heute schaue ich alle hundert Seiten mal nach, ob das Internet noch steht. Dabei interessiert mich alles, was in dem Buch steht, total, sonst hätte ich das Buch ja gar nicht gekauft.

Bei Büchern und Podcasts erwartet aber immerhin niemand gebannte Aufmerksamkeit. Aber haben Sie schon mal an einem öffentlichen Ort, an dem Leute Fußball gucken, alle paar Minuten in ihr Handy geschaut? Und wenn ja: Wieso verwenden eigentlich nur so wenige Leute bei Twitter Hashtags, die man muten kann? Ich erwarte doch auch nicht, dass sich jeder fürs Bachmannlesen interessiert, wieso gilt man schon als Nerd, wenn es einem von Herzen egal ist, ob Deutschland, Togo oder Luxemburg Fußballweltmeister wird? Und warum gibt es eigentlich derzeit keinerlei gesellschaftliches Event, bei dem es keinen Fußball gibt? Wobei: Wenn Leute nicht über Fußball sprechen, sprechen sie über Politik, da muss man auch schrecklich aufpassen, wo man hingerät, Langeweile ist ja immer noch besser als Ärger.

Nun schwimme ich eigentlich nicht so gern gegen den Strom. Es gibt Leute, die haben ein oppositionelles Temperament, die fühlen sich immer nur wohl, wenn sie etwas anderes meinen als jeder sonst. Das trifft auf mich überhaupt nicht zu. Ich mag ziemlich viele Leute nicht, weil ich die laut oder stumpf oder bösartig finde. Oder weil sie schlecht riechen. Aber  generell falle ich nicht gern so total aus dem Rahmen. Um so unangenehmer, wenn der Rahmen auf einmal wochenlang nur so fußballförmig daherkommt. Gestern zum Beispiel war ich Fußballgucken zu viert, es gab Bier in einem Biergarten, alle waren total gespannt, Niedergeschlagenheit, Jubel, in der Luft hingen dichte Schwaden von Emotion, und ich starte abwechselnd auf die Blätter (was für Bäume sind das?), die Fenster (das entspricht nicht dem aktuellen Effizienzstandard!) und bedauerte, dass ich mich nicht mit mehr Bratwurst ablenken konnte, weil ich schon gegessen hatte.

Heute morgen habe ich gelesen, die Deutschen würden vielleicht schon wieder Weltmeister. Ich kann das nicht gutheißen. Die nächsten Wochen soll das immer so weitergehen? Will mich denn niemand einladen und es gibt keinen Fußball? Spricht hier eigentlich noch jemand weder Fußball noch über Politik? Ich bin auch mit Partypatriotismus durch, ich denke bei deutschen Fahnen inzwischen nicht mehr tanzende Fans, sondern an Pegida. Ich will mich nicht so fürchterlich konzentrieren müssen, damit niemand merkt, dass ich nicht richtig zuhöre. Oh mein Gott: Ich wünschte, ich würde mich für Fußball interessieren.