Alle Beiträge von Modeste

M. und Moldavien

„Du hast ja den anderen geheiratet!“, schallt es in maximaler Lautstärke aus dem Hörer, und ich muss lachen. „M.!“, sage ich, und überlege, wie lange ich nicht mit ihm gesprochen habe. Es müssen einige Jahre sein.

In meiner Erinnerung sitzt er klein und breitbeinig mit viel zu kurzen Beinen auf seinem Küchentisch. Die Achtziger gehen zu Ende, deswegen ist hier ziemlich viel schwarz, Acrylglas, irgendwo bestimmt stilisierte Flamingos, und jede Menge gefrostetes Glas. Ich bin ungefähr 14, seit einer Woche mit seinem Sohn liiert, der mir in seinem Kinderzimmer bei Kirschtee und Kerzenschein Rilke vorliest.

M. würde niemals Rilke lesen. M. ist laut, M. hat überhaupt keinen Geschmack, er kann weder trinken, ohne zu schlürfen, er isst eigentlich alles mit dem Löffel, noch wird er sich jemals merken können, welche Werte seine Exfrau ihm eigentlich an die Wand gehängt hat. Ich bin mir bis heute sicher, M. fand die Bilder schlimm.

M. erzählt die unwahrscheinlichsten Geschichten der Welt, die sich in den nächsten 15 Jahren alle als wahr erweisen. M. hat mal Gudrun Ensslin geküsst und saß in einem afrikanischen Zwergstaat zwei Wochen im Gefängnis. Seine Narben stammen tatsächlich aus einem Krieg. M. hat keine Manieren, aber ziemlich viel Geld, zwei Ehen hinter sich und zwei Kinder, denen er ab und zu peinlich ist. Ich bin abwechselnd eine und die Freundin von M.s ältestem Sohn und tatsächlich immer ein bisschen verstimmt, wenn ich ihn besuche, und M. ist nicht da. Als wir uns für immer und endgültig trennen, tut es mir tatsächlich nicht nur um ihn, sondern auch um seinen Vater ein bisschen leid.

Heute ist M. 72. Zwei weitere Ehen liegen ihm hinter ihm. Nun aber, so versichert er mir, habe er die Frau seines restlichen Lebens gefunden. Sie sei 32, stamme aus einem Dorf in Moldavien, und sei absolut grandios. 1,82 groß, über einen Meter lange Beine, dazu klüger als alle seine Exfrauen zusammen, inklusive der Professorin, mit der aber auch nur ganz kurz … ich koche mir während der folgenden Ausführungen  Kaffee. Am Ende schält sich folgende Geschichte heraus:

Wo auch immer M. sie kennen gelernt hat, es muss außerhalb der EU gewesen sein, denn vor einer unbestimmten Anzahl von Jahren war seine neue Braut schon einmal in die EU eingereist, und zwar mit der Identität einer Freundin. „Aha.“, sage ich und betrachte etwas ratlos meine Fingernägel.

Über das Wieso und warum weiß M. leider auch nichts. Jetzt aber soll sie zu ihm kommen und bei ihm einziehen, ich und nicht einer seiner indiskreten Dorfanwälte soll ihm sagen, wie das geht, dann will er sie heiraten, nachdem sie einen Haufen Verträge unterschrieben haben werden, und mindestens – an dieser Stelle wird er für seine Verhältnisse ziemlich leise – die fünf Jahre bei ihm bleiben, die jemand verheiratet mit einem EU-Bürger zusammenleben muss, um ein eigenständiges Bleiberecht zu bekommen. Dann wird er 78 werden. Und sie ist vielleicht weg. Aber gelohnt, sagt er und wird wieder laut. Gelohnt haben wird es sich auf jeden Fall.

Und ich glaube, er hat recht.

 

 

 

Madame hat’s schwer

Richtig ruhig wird es hier auch nicht. Vorm Haus liegt Kopfsteinpflaster, ständig donnern irgendwelche Leute mit aufheulenden Motoren zwischen den Häusern hindurch. Ich hasse sie alle. Morgens habe ich täglich das sehr dringende Bedürfnis, einfach noch so circa zwei Stunden im Bett zu liegen, schwarzen Kaffee zu trinken und zu lesen, aber statt dessen stehe ich verdrossen in der Dusche, reibe mich mit einem Duschgel ein, das auch noch ausgerechnet „Glückstag“ heißt und hinterlasse beim Versuch, das letzte bisschen Spülung aus der Flasche zu bekommen, lauter dottergelbe Spritzer an den Kacheln. Ständig trete ich auf die Katze. Ihre Haare sind überall.

Mein Sohn spricht immer. Dabei ist das eigentlich mein Part. Ich würde auch gern mal wieder zu Wort kommen, aber das ist leider aussichtslos. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, schaut er mich, wenn ich was sagen will, streng an, sagt „nur noch einen Satz“ und redet dann unbeirrt weiter. Es sind schon über Neunzigjährige gestorben, die ihr ganzes Leben mit weniger Wörtern bestritten haben als dieser fünfjährige Knabe. Wenn ich ihn im Kindergarten abgeliefert habe, bin ich immer ganz erschöpft.

Mein Büro müsste ich mal aufräumen. Mittags müsste ich mir endlich abgewöhnen, entweder gar nichts oder den gesamten Tagesbedarf eines bayrischen Dorfes zu essen. Dass ich ernsthaft handysüchtig bin, macht mich natürlich auch nicht entspannter, das fällt nur deswegen nicht so auf, weil ich schon vor Erfindung von Smartphones verhältnismäßig fahrig gewirkt haben muss. Politik gehe ich inzwischen online meistens aus dem Weg, aber eigentlich interessiere ich mich auch gar nicht so sehr für Katzen.

Zu alledem hat erst kürzlich eine Freundin bekannt gegeben, wie lächerlich sie es findet, wenn Frauen über 40 so tun, als wären sie noch nicht alt. Schönheit ist jetzt von jeher nicht so meine Kernkompetenz, aber ich muss zugeben, dass ich auf dieses Statement hin nicht so ganz wenig Zeit damit verbracht habe, mich aus jeder denkbaren Perspektime im Garderobenspiegel daraufhin anzusehen, ob ich in meinen Pünktchen- und Streifenkleidern fürs Wochenende eigentlich sehr albern aussehe. Ansonsten trage ich sowieso sehr seriöse, blaue Kleider, in denen ich aussehe wie die Schutzheilige der Langeweile. Ich habe sogar einen Vorstoß unternommen, mir mal mehr Hautpflegeprodukte als eine Niveatagescreme für € 3,99 zuzulegen, erschlagen von der schieren Masse musste ich fürs Erste aber leider kapitulieren.

Abends würde ich eigentlich ganz gern irgendwo am Meer sitzen. Aber wenn möglich nicht so arg ländlich. Vielleicht Nizza oder Barcelona, aber ich war gerade weg und kann jetzt nicht sofort wieder verschwinden. Besseres Essen wäre gut, aber wenn ich mittags richtig esse, kann ich abends nichts mehr essen, ansonsten muss ich mir die Frage mit der Lächerlichkeit meiner Kleider demnächst sowieso nicht mehr stellen. Ich würde mich außerdem eigentlich gern massieren lasse, aber so lange nicht morgen Abend jemand unbestellt vor der Tür steht und eine Flasche Massageöl aus der Tasche zieht, wird das vermutlich nichts, weil ich zu träge bin, irgendwo anzurufen und dann da hinzugehen.

Nachts träume ich gelegentlich. Meine Träume korrespondieren meinem Wachzustand insofern perfekt, als dass da auch nichts los ist. Kürzlich bin ich zum Beispiel des Nachts einen Traum lang Bus gefahren. In einem anderen Traum habe ich vergebliche versucht, verschiedenfarbige Reißverschlüsse zu schließen. Ich kann Ihnen sagen: Madame hat’s schwer.

 

An der Ampel

Stellen Sie sich also eine Ampel vor. Vielbefahrene Straße, hinten Plattenbauten, weiter vorn ein Park. In der Mitte fährt die Tram.

An die Ampel steht eine Frau. Also so eine ganz normale Frau, mittelalt und mittelschwer, eher so ein bisschen kurzgewachsen. In einem so schon  etwas egalen blauen Kostüm, sichtbar auf dem Arbeitsweg. Auf dem Kopf trägt sie Kopfhörer, also das internationale Zeichen für: Bitte keine Kommunikation.

Die Frau hat es eilig. Sie wissen das nicht, aber in zehn Minuten schließt die Kita, sie muss laufen. Ungeduldig hämmert die Frau auf dem Ampelknopf herum.

Was in den nächsten Sekunden passiert, weiß ich nicht genau. Fühlen Sie sich von dem technischen Unverstand der Frau herausgefordert? Glauben Sie, die Aufklärung über die Wirkungslosigkeit der Knopfbetätigung verbessere Ihr Leben oder zumindest das Leben der fremden Frau? Hat mein geschätzter Gefährte, der exemplarisch zurückhaltende J., recht, und es handelt sich um eine berlinerisch verkümmerte und ganz und gar nicht erfolgversprechende Form der zwischengeschlechtlichen Kontaktaufnahme? Wie auch immer: Sie treten also auf die Frau zu, räuspern sich und erklären ihr, dass es rein gar nichts brächte, dieses Malträtieren des Knopfes.

Die Frau reagiert irgendwie weniger dankbar als gedacht. Sie lassen sich aber gar nicht irritieren. Möglicherweise sind Sie sogar mit dem Fahrrad angehalten, um Ihre Erklärung loszuwerden, da fahren Sie doch nicht ohne Erläuterung einfach wieder los. Vermutlich sind Sie sogar etwas enttäuscht über die unfreundliche Frau. Sie reden also einfach weiter  bis die Ampel grün wird. Die garstige Frau läuft Ihnen dann nämlich einfach davon.

Frauen, seufzen Sie vermutlich in diesem Moment. Es gibt einfach keine Dankbarkeit mehr. Selbst wenn Sie wüssten, dass Sie im laufenden Jahr des Herrn 2017 der vierte waren, der der fremden Frau das Berliner Ampelwesen erklären wollte, würden Sie immer noch sehr schlecht über die undankbare Frau denken, aber die ist schon längst über alle Berge, spurtet durch den nahegelegenen Park und denkt sich vielleicht nur leicht genervt ihren Teil.

 

Oder auch nicht.

Ach was, sagt sie und wischt ein einen imaginären Fussel von ihrem weißen Jumpsuit. Von den schönen Punks sei sie ja total ab. Nicht einmal den G. würde sie noch treffen, obwohl der ja so quasi mehr ihre große Liebe, aber was soll man von jemandem schon halten, der sich in Norwegen verkriecht, nur weil er seine Frau mit seiner Nichte betrogen hat.

Hmm. Tja., sage ich, was ja eigentlich nie wirklich falsch ist, und trinke einen weiteren halben Liter sehr kalten Earl Grey mit zermatschten Kumquats. Sehr zufrieden sieht die liebe A. aus, wie sie in schneeweißer Seide auf einer Bierbank am Görlitzer Park sitzt und den Dealern Schönheitsnoten zwischen 1 und 10 gibt. Glaubt man der A., die eine kleine Vorliebe für etwas mesquine Herren pflegt, handelt es sich um eine Versammlung wirlich hübscher Leute, die den Vergleich mit keiner anderen Gruppe Berliner Männlichkeit scheuen müssten.

Die A. jedoch hat, so höre ich, auf ihre sozusagen mittelalten Tage nun doch zur konsequenten Einehe gefunden. Schade, schießt es mir durch den Kopf, denn zwar gönne ich dem über die Jahre doch etwas gebeutelten Gefährten der A. diese Phase der hart verdiente Ruhe, allerdings erzählen mir ansonsten inzwischen verdammt wenig Leute etwas über die leichtlebig-lustige Seite des Berliner Lebens, weil alle Welt nur noch über Immobilienpreise und ihren Beruf spricht. Dabei sind die meisten Berufe noch nicht einmal sonderlich unterhaltsam.

Die A. immerhin ist nach wie vor komplett berufslos, weil das Konzept nicht zu ihr passt. Ich habe nie herausgefunden, was sie tagsüber eigentlich genau macht, aber abends geht sie meistens aus. Manchmal begleitet sie ihr Mann, ein freundlicher Wirtschaftsprüfer, der die Oper liebt. Oder er hat berufliche Termine, und sie kommt mit. Manchmal ist ihr Mann unterwegs, und dann muss die A. allein sehen, wie sie es schafft, nicht an Langeweile zu sterben.

Ganz ab und zu kommt die A. dann ein wenig angetrunken nach Hause. Eigentlich mag die A. nicht so gern alkoholische Getränke, aber ganz gelegentlich sitzt sie dann doch daheim allein vorm Rechner. Unter ihr liegt der Winterfeldplatz, über ihr wölbt sich ein schwarzer, lichtloser Himmel, und wenn die A. dann so sitzt, wird sie, so sagt sie mir, doch ein wenig melancholisch.

Wenn die A. melancholisch wird, muss sie immer an den D. denken. Der war eigentlich nie so richtig ihr Freund, weil leider immer irgendetwas dazwischengekommen ist. Seine erste Freundin etwa. Oder ihr zweiter Freund. Und als sie beide wirlich einmal zeitgleich ineinander verliebt waren, war sie leider in Bordeaux für ein Auslandssemester und er in Marburg.

Heute wohnt er in Karlsruhe. Sie lebt in Berlin Schöneberg. Meistens sehen sie sich einmal im Jahr, nämlich kurz nach Weihnachten, und dann sind so viele Leute da, dass sie nie auch nur drei Sätze ungestört wechseln können. Außerdem hängen meistens seine ungezählten (ich glaube, es sind drei) Kinder an seinen Hosenbeinen, das stört natürlich auch.

An sich ruft die A. ihn nie an. Sie schreibt ihm auch nie, denn was soll das bringen. Nur, wenn sie melancholisch ist, legt sie sich aufs Sofa und schreibt ihm eine E-Mail. Dass man sich mal wieder. Und dass es doch. Und überhaupt. Die schickt sie dann ab.

Ein- oder zweimal hat sie am nächsten Tag Mails hinterhergeschickt, dass sie betrunken nicht ernst zu nehmen sei. In seinem Fall ist ihr das auch nicht peinlich. Denn zwei- oder dreimal im Jahr bekommt sie Mails von ihm, in denen steht, dass sie. Und nur sie. Und ganz und gar. Und: schade.

Die A. und der D. haben sich auf diese Mails noch nie geantwortet. Aber irgendwann, dafür spricht schon das Gesetz der Wahrscheinlichkeit, werden sie mal zeitgleich betrunken und melancholisch vorm Rechner sitzen, und dann. Ja dann. Oder auch nicht.

 

Drückten deine schönen Hände

Sogar er hat aufgehört zu rauchen. In seiner Wohnung riecht es jetzt nur noch nach Bienenwachs und alten Büchern und ein ganz bisschen auch nach Minzöl und Verbenen. Es ist kurz nach elf, aber alle Vorhänge sind zugezogen, und auf dem Tisch brennen drei Kerzen.

Er ist seit einigen Wochen pensioniert. Er muss damals viel jünger gewesen sein, als wir dachten, wenn man sich denn überhaupt Gedanken über das Alter von Lehrern macht, dazu sah er schon damals aus wie ein alter Mann. Manchmal sehe ich ihn auf Bildern der Renaissance: Er ist ein magerer, strenger, florentinischer Mönch.

Er hat jetzt Zeit. Er lese viel, sagt er. Sitzt mir auf dem Diwan gegenüber, knetet seine Hände, als sei er – merkwürdig, das zu denken – verlegen, springt immer wieder auf und bringt mir schwarzen Tee in schweren, grob getöpferten Schalen. Er habe gebacken für den Besuch, er habe ja sonst nichts mehr zu tun, sagt er, und stellt ein Tablett mit Scones, Clotted Cream und selbstgekochter Marmelade auf den Tisch.

Reisen, sagt er, werde er nicht mehr. Reisen lenke ihn ab. Er sei noch nie gereist, mal abgesehen von den Kursfahrten, die unumgänglich seien, wenn man einen Leistungskurs unterrichte. Es sei ja auch schön gewesen, damals in Rom, sagt er zu mir, und jetzt lächelt er tatsächlich, springt wieder auf, sucht irgendetwas im Regal, findet es nicht, setzt sich wieder, steht wieder auf und sitzt am Klavier.

Er singt noch immer Bariton. Er spielt sicher, ohne Noten, zarter, leichter, als ich angenommen hätte, und schaut alle paar Momente auf den entfleischten Körper Jesu am Kreuz an der Wand hinter mir. Bist du bei mir, singt er, und unterbricht sich in den letzten Takten. Du magst ja gar kein Bach, sagt er zu mir, und spielt sehr schnell und ohne Blick auf seinen hölzernen Erlöser zwei Volkslieder. Lieb ich dich doch, singt er, und schaut Richtung Fenster, wo er den See sehen könnte, wenn die Vorhänge nicht zugezogen wären.

Ich muss los, sage ich und er nickt. Es ist kalt, bietet er an, mich zum Bahnhof zu fahren, aber ich bin schon an der Tür. Komm mal wieder, sagt er, und ich lächele, entziehe meine Hand seinem Griff und laufe am Ufer durch einen Vorhang von feinem Regen dem Bahnhof zu.

Bei Nacht

Wie ein Gemisch aus Lehm und stumpfen Steinen schlägt der Regen hart auf die Dächer. Das ist kein leichter, lauer Sommerregen, das ist noch nicht einmal der warme Monsun in den Straßen Bangkoks, wo ich vor fast 15 Jahren im weissen Kleid vor dem Seven Eleven in der Sathorn Soi 16 stand, dampfend durchnässt bis auf die Knochen, lachend mit einer Flasche Bier in der Hand.

Der Boden ist von den Niederschlägen der letzten Tage schon so durchtränkt, dass die trübe, braune Brühe auf der Straße steht wie ein schmieriger Strom aus Schlamm. Es ist kurz nach drei. Dunkel sind die Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Nutzlos, sich selbst genug, beleuchten nur die Schaufensterlampen Schmuck, Möbel und Kleider.

Als ich klein war, erzählte meine Mutter mir, dass bei Nacht die Dinge zu einem eigenen Leben erwachen, aber so lange ich auch am Fenster bleibe: Schlaff hängen die Ketten des Juweliers vom Regal, und die Beine der Betten des Tischlers zucken nicht einmal ein winziges bisschen.

Kalt ist es, als ich schließlich in der Loggia stehe, einen Trenchcoat über dem Nachthemd und mit nackten Füßen. Schon entfärbt sich die Nacht, der Himmel wird bleich wie ein Fischbauch und ich lege mich wieder ins Bett und male mir warme, goldleuchtende Nächte aus, raschelnde Kleider, Haut, Wodka aus eiskalt beschlagenen Gläsern und Lampions in den Bäumen.

Konfetti, 6

Am letzten Abend sitzen wir in einer ganz kleinen Sushibar ein paar hundert Meter vom Tokyo Skytree – so einem riesigen Aussichtsturm – entfernt. Die beiden Sushiköche sind steinalt, sicherlich mindestens 70, es gibt drei oder vier Tische, und als die Köche unsere Antworten auf unsere Fragen nicht verstehen, übersetzt ein anderer Gast, der als Augenarzt, erzählt er, schon einmal in Berlin war. Auf einem Kongress an der Charité.

Ich esse so viel ich kann, weil man rohen Fisch leider so schlecht mitnehmen kann, und frage mich, warum um alles in der Welt es in Berlin eigentlich nichts Vergleichbares gibt. Stehen dem optimalen Sushi in Berlin irgendwelche objektiven Sachzwänge entgegen? Oder liegt das schlicht an einem niedrigeren Qualitätsmaßstab? Wie dem auch sei: Ich vermisse diesen Fisch schon jetzt. Vielleicht heirate ich beim nächsten Mal einen Thunfisch.

***

Der F. schaut fern als gebe es kein morgen, was insofern natürlich auch zutrifft, als dass er zu dermaßen hemmungslosen Konsum außerhalb von Flugzeugen keine Gelegenheit hat. Ich dagegen schaue ein bisschen lustlos erst „The King’s Speech“, den ich mag, und fange dann „Belle de Jour“ an, den ich als einziger Mensch der Welt noch nicht kenne, und leider nicht zu Ende sehen kann, weil ausgerechnet nach einer Stunde Film der neben mir sitzende F. eine Filmpause einlegt und sich mit mir unterhalten will. Was aus Séverine wird, werde ich also nicht erfahren.

***

Ist Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, eigentlich schon einmal aufgfallen, wie intensiv die Berliner riechen? Ich meine jetzt nicht Schweiß. Das riecht man auch manchmal, aber eigentlich ja schon eher selten. Nein, ich meine so eine spezielle Mischung aus Waschmittel, Parfum, durchaus sauberer Haut und diesen speziellen Talggeruch von jedenfalls nicht ganz frisch gewaschenen Haaren. Ist mir noch nie aufgefallen. Aber offenbar riechen die Menschen in Japan so dermaßen nach gar nichts, dass ich nach einer halben Stunde Fußweg durch Prenzlberg olfaktorisch dermaßen zu bin, dass ich mich gern für ein paar Tage an die Nordsee setzen und die Wellenkämme anstarren würde. Statt dessen muss ich zur Kosmetik und höre mir in einer dicken Wolke aus Duftstoffen die lustig dauerplaudernde Kosmetikerin an, die von ihrem älteren Freund (demnächst 36!), ihrem Engagement auf Kreuzfahrten und ihren Lieblingsbeautybloggern erzählt.

Ihr Angebot, mir Wimpernextensions zu machen, lehne ich ab.

Geld

Erschreckt sehen wir uns an. Das – sehr empfehlenswerte – Ryokan nimmt keine Karten. Unter vielfältigen Entschuldigen und Erklärungen, die wir alle nicht verstehen, reicht man uns die Karte zurück. Wir müssten, so erscheint es auf dem Display des Handys, das man uns entgegenhält, im nahegelegenen Ort Geld holen und zurückkommen.

Kein Beinbruch, versichern wir uns. Man ruft uns ein Taxi, wir steigen in dasselbe, lassen uns zwischen Reisfeldern und kleinen Holzhäusern zehn Minuten in die nächste Kleinstadt fahren und steuern einen Supermarkt an. Da gibt es meistens Geldautomaten.

Leider kann auch der Fahrer kein Englisch. Eigentlich kann in dem Ort überhaupt niemand englisch, das stört aber niemanden. Alle haben Handys, in die sprechen sie und lassen dann Google Translator übersetzen. Das funktioniert ganz gut. Auch der nette, ältere Taxifahrer versteht nicht sofort, aber so nach und nach, was wir wollen.

Vorm Supermarkt sind wir noch ganz optimistisch. Leider kommt der J. nach zwei Minuten zurück. Anderer ATM. Dieser nimmt nur japanische Karten. Der Taxifahrer fährt also weiter. Auch der nächste ATM funktioniert jedoch nicht mit VISA. Und der übernächste auch nicht. Wir diskutieren, ob vielleicht Paypal funktioniert, ob man überweisen kann, wie wir das verständlich machen, wenn wir uns so schon kaum verständlich machen können, und dann beschließen wir, dass wir jetzt einfach zum Hotel zurückfahren und den besten Weg irgendwie mit denen klären. Mit starker Betonung auf irgendwie.

„Halt!“, rufe ich nach ein paar Kilometern. Eine Post. Postunternehmen liegt so eine gewisse Internationalität im Blut, die wissen bestimmt was, und ganz richtig klebt an den beiden Geldautomaten im Vorraum ein Schild. Visa. Gottseidank, lobe ich meinen Schöpfer und schiebe meine Karte in den Schlitz, der sie laut schnalzend verschlingt.

Leider gibt es für meine Karte auch hier keinen Service. Ich fluche. Vielleicht komme ich für die Flüche des heutigen Vormittags eines Tages in die Hölle. Weil auf der mir zuletzt gezeigten Seite steht, man solle mal fragen, gehe ich, als ich fertig geflucht habe, rein. Natürlich kann auch hier niemand englisch, in diesem ganzen Ort kann niemand englisch, wozu auch, aber schließlich kommt doch jemand mit mir vor die Tür, schiebt feierlich meine Karte in den Schlitz und es passiert| nichts. Mit beiden Händen und einem freundlichen Lächeln wird mir meine Karte wieder überreicht.

Inzwischen stehen auch der J. und der F. neben mir. Wir schieben nun hintereinander alle Karten, die wir überhaupt haben, in den verdammten Automaten. Höflich steht der Postangestellte neben uns und erklärt etwas, was wir auch nicht verstehen. Die Situation ist insgesamt schon eher so mittel.

Irgendwann aber stöhnt der J. erleichtert auf. Kreditkarten verweigert die höllische Maschine nach wie vor. Aber er erkennt – an dieser Stelle ertöne ein Tusch – VPay.

(Ja. So habe ich auch geguckt.)

Das Abhebungslimit von VPay zwingt uns zwar, gleich alle unsere ec-Karten hintereinander in den Automaten zu stecken. Aber immerhin: Erleichtert sitzen wir zehn Minuten später im Taxi. Irgendetwas sagt mir, dass der Taxifahrer sich über uns Anfänger herzlich amüsiert, während er uns wieder zum Hotel fährt, wo wir unser Gepäck einladen, bar bezahlen, und dann zum Bahnhof fahren, wo der Taxifahrer uns fröhlich winkend entlässt.

Der Welt abhanden gekommen

Damals zum Beispiel. 1994, eine Kleinstadt in Italien. Ich im Doppelstockbett, neben mir die N., die trockene, riesige Semmel zum Frühstück, Aprikosenmarmelade und Kaffee. Eine Woche lang zuhören, dass die N. den F. liebt und deswegen den D. nicht lieben kann, und dann ist die N. doch mit dem D. zusammen, dessen Tante irgendwo am Meer eine Villa hat, und fährt mit ihm dorthin. Ich könnte auch mitkommen, bin aber nach einer Woche Verständnis für die immergleichen Klagen der N. dermaßen müde, mir die erwartbaren weiteren Klagen anzuhören, dass ich meine Sachen packe und verschwinde. Da stehe ich nun am Bahnhof und weiß nicht weiter.

25 Jahre später würde ich aufs Handy schauen und wüsste, wohin. Vermutlich hätte auch die N. mich schon dreimal angerufen und ich wäre zurückgekommen. So aber fahre ich erst ans Meer, treffe zwei Mädchen aus Marburg, die ich von einer Party flüchtig kenne, fahre mit denen nach Rom, treffe dort – er ist seit Wochen da – immer noch den J.2 und fahre weiter mit ihm nach Süden. Weil wir nur zu Lesen haben, was wir haben, liest mir der J.2 aus seinem Xenophon vor und rezitiert Gedichte. Er liebt die Expressionisten, damals, und der schnelle Puls der „Menschheitsdämmerung“ mischt sich mit dem ratternden Zug und dem Film aus Schweiß und Staub auf meiner Haut. Wo wir ausgestiegen sind, habe ich vergessen. Es war ein kleines Dorf, weitab vom Meer, inmitten von Wäldern. Eine Abtei gab es, wo die Mönche sehr schön sangen.

Ob der verwilderte Aprikosenhain am Rande des Dorfes hinter der ausgebrannten Ruine eines Hauses noch steht? Die überreifen, im hohen Gras gärenden Früchte, umsummt von den Wespen. Zwischen den Bäumen das weiche, leicht faulig riechende Moos. Meine zerstochenen Beine. Die schwefelgelben Flechten auf der Schattenseite der Mauern. Die alte Frau im Laden neben der Kirche, die keine Sprache sprach außer Italienisch, und wie überrascht wir waren, dass sie unser Latein irgendwie verstand. Vielleicht tat sie auch nur so. Die sauren, länglichen Tomaten und der stumpfe Ricotta, der Gottesdienst am Sonntagmorgen, und wie selbstverständlich es uns erschien, in diesem Nest komplett aus der Welt gefallen zu sein, unerreichbar für jeden,  auf eine Art, die es jetzt nicht mehr gibt, wie weit wir auch fahren.

Stepford Kids

Bei Erwähnung der Côte d’Azur denkt ja jeder an kleine Hündchen, die Gucci tragen, und gewaltbereite Islamisten, die gern Gucci tragen würden. Die Côte d’Azur ist dem entsprechend eigentlich gerade umfassend passé, dabei trotz dieses Umstandes nach wie vor unfassbar voll, und zu den vielen Menschen, die dort ihre Sommer verbringen, gehören auch nach wie vor ziemlich viele Kinder.

Drei Jahre hintereinander waren auch wir mit dem erst sehr kleinen, dann größeren F. immer mal wieder in eher etwas kleineren Orten der Côte d’Azur, einen Sommer mit einer Horde Freunde, die auch ihre Kinder mithatten, und je älter die Kinder wurden, um so peinlicher wurde der Gegensatz zwischen unseren Kindern, die man immerzu hört, und den Kindern der französischen Bourgeoisie, den vermutlich bestdressierten Kindern der Welt. Ich weiß, dass es Bücher darüber gibt, wie man auch das eigene Kind dazu bringt, in gedämpftem Ton vernünftig angezogen zu sprechen, ohne andere zu unterbrechen, und durchgängig sitzend vier Gänge zum Abendessen zu verzehren.

Doch nicht nur Frankreich ist bekannt für die Kunst der Kinderdressur. Auch den ostasiatischen Ländern sagt man nach, ihre Kinder so gut zu erziehen, dass die mit 18 das gesamte Schulpensum Asiens, Amerikas und Europas aufsagen können und fehlerfrei Schubert spielen, und so rechnete ich, ich gebe es zu, durchaus damit, unter den missbilligenden Blicke der asiatischen Eltern das am schlechtesten erzogene Kind ganz Japans durch dessen gastronomische Betriebe zu ziehen, denn der F. ist zwar einerseits ein reizender Kerl, andererseits ist er ein ununterbrechbarer Dampfplauderer, grauenhaft indiskret, immer fällt ihm irgendwas aus dem Mund, und außerdem wirkt die Schwerkraft aus schwer verständlichen Gründen in seiner Umgebung doppelt so intensiv wie woanders.

In Tokyo und Kyoto sind wir kaum Kindern begegnet. Gestern jedoch, am Meer in Obama, saßen wir in dem sehr hübschen Speisezimmer des Ryokans, in dem wir wohnen, also so einer traditionellen Herberge. Es gibt sehr edle Ryokans, die haben wir schon wegen des F. Schwerkraftproblem nicht genommen. Unser Ryokan am Meer ist also eher familiär. Entsprechend war also alles voller Kinder, die von ihren hübsch angerichteten Kindermenüs alles außer dem Salat aßen, laut sangen, herumliefen, kreischten und kieksten. Es war fürchterlich laut. Unter normalen Umständen wäre man gelinde genervt, aber so lächelten wir uns entspannt an, bestellten mehr Bier und Sake, aßen sehr langsam unser hervorragendes Dinner und betrachteten wohlgefällig unseren weltraumwaffenimitierenden, sojasaucenverschmierten, schmatzenden Sohn.