Alle Beiträge von Modeste

Immer Abschied

Die reine Wahrheit ist leider, dass er mir jetzt schon fehlt, der kleine Kerl, das tapsige Baby mit den speckigen, kurzen Beinen und dem struppigen Schopf. Das lallende Lachen, das Glucksen, die ausgestreckten Arme und wie er im Dämmerlicht in seinem Bett lag, mit seinen Füßen in der Hand, weich und rund und sehr, sehr warm.

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Seit ein paar Wochen nimmt er auf der Straße nicht mehr meine Hand. Er ist zutraulich, noch, er erzählt seinen ganzen Ärger, seine Freude, mit wem er gespielt und was er gegessen hat, worauf er stolz ist und seinen ganzen, kleinen Kummer, aber er geht nicht mehr direkt neben mir, ein großer Schatten auf der Straße, sondern ein, zwei Schritte neben mir, 30 Zentimeter Kluft. Ein heller Streifen zwischen unseren Schatten, der wachsen wird, zu Metern werden wird, einige Kilometer umspannen, wenn er die Schule wechselt in eine paar Jahren, sich verbreitern wird irgendwann zu Bahnfahrten, Flügen, ein Korridor aus Leere zwischen Berlin und München, Palo Alto, Heidelberg, Paris, ach, was weiß ich schon, aber ich fürchte ihn schon, diesen Andreasgraben, der sich langsam öffnet, während er Tag für Tag wegwächst von mir.

Die stummen Toten

Ich glaube, sie war eine Cousine. Sie war eine Cousine meines Großvaters, sie war das einzige, späte Kind eines Notars und seiner Frau, die lange seine Köchin gewesen war, bis er sie dann kurz vor der Geburt der Tochter geheiratet hatte. Wenn ich nachrechne, war das 1915.

Irgendetwas war mit ihr. Sie „konnte nicht gut sprechen“, wobei ich nicht weiß, ob das in einer Familie, in der alle durcheinander und sehr, sehr viel sprechen, einfach eine stille, nicht besonders wortgewandte Person bezeichnet. Oder ob sie behindert war. Wie auch immer: Sie besuchte eine Mädchenschule und ging mit 15 ab. Mein Großvater erzählte einmal beiläufig, eine Lehrerin – das waren damals Nonnen – hätte sie beschimpft und geschlagen, so dass sie sich vor Beginn des Schuljahrs einmal im Keller versteckte, eingeschlossen wurde, und erst die Polizei fand sie, die wohl wusste, wo man Kinder wiederfand, die weggelaufen waren.

Sie heiratete nie. Sie führte ein paar Jahre zwei ihrer Cousinen den Haushalt, die eine Buchhandlung führten, und dann bekam sie einen Herzinfarkt, mit knapp über 40, lag noch zwei Jahre im Bett, und starb. Ich weiß nichts über sie: Ein weißes, leeres Gesicht mit straff nach hinten gekämmten Haaren und ein bisschen hängenden Wangen.

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Das Entsetzen, das den K. befiel, als er feststellte, dass der kleine K. aus seinem Fotoalbum ein anderer K. war. Weil der kleine K., der nicht er gewesen sein konnte, auf dem Schoß seiner Mutter auf der Taufe eines Vetters saß, der tatsächlich zwei Jahre älter war.

Der erste K. war, das bekam der K. aber erst nach vielen, vielen Jahren heraus, ein paar Wochen nach dieser Taufe an Keuchhusten gestorben. Das muss 1952 gewesen sein. Lange dachte der K., er wäre nach dem Tod des ersten K. gezeugt und dann kurzerhand auch K. genannt worden, damit der Schmerz nachließe und alles würde, wie zuvor. Erst nach dem Tod seiner Mutter bekam er heraus, dass er tatsächlich das Kind einer entfernten Verwandten war, und die Eltern ihn kurzerhand adoptierten, was dann sowohl die leibliche als auch die verwaiste Mutter sehr glücklich machte, und den K. lebenslang mit der Frage zurückließ, ob er eigentlich ein ganz richtiger K. ist oder nur eine Art stabiler Schatten eines kleinen, blonden Jungen, den seine Mutter innig umarmt.

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Dass auf ungezählten Bildern im Fotoalbum der Großeltern des T. in den Vierzigern und Fünfzigern eine junge, dann etwas ältere Frau abgebildet ist, mittelgroß, schlank, lange, dunkle Haare, die keiner kennt und über die keiner etwas weiß, und ca. 1952 ist sie auf einmal weg.

Gold und Lichter

Dieser ewige, unbarmherzige Sommer ist nun doch zu Ende. Die Natur legt sich schlafen, wird weich, löst sich auf in feuchten Blättern und der immer noch warmen Erde. Im Volkspark laufen die Jogger gedämpfter, selbst der Schall ist nun müde, und um die Laternen bildet sich ein goldener Hof aus sattem Licht.

Der F. und sein Freund ziehen mit ihren Laternen am Schwanenteich vorbei und singen leise und ein bisschen verloren ihre Lieder. Ab und zu tauchen Spaziergänger aus dem Dunkel auf, helle Jacken reflektieren, da: Haare und Haut, und versinken wieder in Schwärze.

Komm, sage ich, und der F. greift überraschend fest nach meiner Hand. So viele Abschiede werden wir nehmen in den nächsten Jahren, die kleine Hand wird nicht bei mir bleiben, wird wachsen, wird sich mir entziehen, aber heute Abend läuft er noch einmal mit mir zurück und auf dem Stein dieser Stadt leuchten die Blätter wie das pure Gold dieser Jahre.

Tagebloggen (17.10.18)

Ich habe noch nie ein Hammerklavier live gesehen, und das ist natürlich der beste Grund, sich eins anzuschauen. Außerdem mag ich den neuen Boulez-Saal. Andreas Staier spielt.

Eigentlich, denke ich und lasse die Blicke schweifen, gibt es kaum etwas Intimeres als Leute beim Musikhören. Die leicht geöffneten, gelösten Unterkiefer. Hände, die sich im Takt der Musik ganz leicht bewegen, unwillkürlich, über dunkelblauen Anzughosenbeinen. Ganz gestreckte Nacken. Diejenigen, die bei Musik ganz schlaff werden, und die, die sich straffen vor Feierlichkeit und Erwartung.

Zu sehen gibt es ansonsten nicht viel. Man wird eines Tages nicht mehr verstehen, warum wir alle uns nicht mehr schmücken. Das ganze Grau und Blau, Sie wissen schon. Und warum dieser sparsame Schmuck. Und warum diese innere wie äußere Fasson, warum nicht ein gleißendes, glühendes Zerfließen, so ein Funkenregen, wenn wir doch könnten, und statt dessen: Nur das. Musik.

 

Tagebloggen (16.10.18)

Ich bin gern nachts im Büro. Ich weiß, das klingt ein bisschen absurd, so nach jemandem, der sein Leben nicht vernünftig ausgefüllt bekommt, aber ich mag die Dunkelheit, die Ruhe  eines Bürohauses nach elf. Ich mag die Freiheit, die sich auf einmal ergibt, wenn es auch schon egal ist, wie lange man noch im Büro sitzt. Die Ideen, die einen anspringen, wenn man sich noch eine allerletzte Kanne Tee kocht und über den Hinterhof in Wohnungen schaut, in denen langsam die Lichter ausgehen.

Ich könnte heute abend Freunde anrufen und ausgehen. Ich könnte zu Hause auf dem Sofa liegen und lesen. Ich könnte einfach so den Ku’damm abwärts spazieren. Statt dessen stehe ich mit einer halb vollen Schale Tee in der Hand in meinem leeren Besprechungszimmer, schaue zu, wie die Straßenlaternen das Laub erglühen lassen in spätem Gold, und ziehe spät, sehr spät, die Tür hinter mir zu und fahre heim.

Tagebloggen (15.10.18)

Ich habe seit ein paar Wochen eine BahnCard 100. Leider war ich noch gar nicht so viel unterwegs, wie ich wollte. Aber schon die schiere Möglichkeit beflügelt mich. Wo ich überall hinfahren könnte. Wo Burgen stehen, wo man auf Berge klettern, an Küsten wandern könnte. Welche Städte schön und welche Freunde zu lange nicht besucht wurden. Ich will meinem Sohn Deutschland zeigen. Ich freue mich drauf.

Vorerst – und überhaupt eher häufig – fahre ich beruflich. Heute fahre ich zur Uni, ich unterrichte da nebenberuflich, und freue mich auf mein neues Semester. Anders als viele, die beklagen, was Studenten heute alles nicht könnten, bin ich begeistert von meinen Semestern. So engagiert, so klar und so offen war ich mit Anfang 20, fürchte ich, nicht, und ich freue mich, als ich einen Studenten aus meinem letzten Semester treffe, der in dem Fachgebiet promovieren will, über das ich spreche.

Nach der Vorlesung treffe ich meinen Doktorvater zum Kaffee. Ich habe an einer ziemlich gesichtslosen Uni in NRW studiert und seit ich denken kann, klagt alles über anonyme Massenunis. Ich kann das nicht bestätigen. Ich bin von Anfang an, seit den ersten Seminaren im 3. oder 4. Semester, großzügig gefördert worden, ich bin immer auf Gesprächsbereitschaft gestoßen, auf Menschen, die sich viel Zeit für mich genommen haben. Ich habe sehr gut und sehr komfortabel betreut mit einem Stipendium promoviert, war lange Mitarbeiterin und habe viel über Wissenschaft, über Gremien, über Menschen generell und über Büros gelernt, und lehre bis heute. Wenn ich heute an der Uni bin, dann komme ich heim. Uni ist, was man draus macht.

Tagebloggen (14.1018)

Vor zwei Wochen wollte Sohn F. in die Oper partout kein Hemd anziehen. Dann saß er in der Staatsoper in einem Langarmshirt, alle anderen anwesenden Kinder dieser Nachmittagsvorstellung des Freischütz waren feingemacht in Kleidchen, Samtblazern und Hemden, und der F. fühlte sich etwas unbehaglich. Am Sonntag um halb zehn steht Sohn also freiwillig vorm Schrank und knöpft sich umständlich ein weißes Hemd zu. Neben ihm liegt sein neues hellblaues Sakko.

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In der kleinen Feldsteinkirche von Schmargendorf wird der Sohn F. unserer Freunde I. und S. getauft. Wahrscheinlich ist er das letzte Baby im engen Freundeskreis, der pausbackige, kulleräugige Nachzügler, der im weißen Taufkleid über das Taufbecken gehalten wird.

Es tauft die Tante, Pastorin, deren drei Kinder in der ersten Reihe sitzen. Überhaupt laufen viele Kinder herum, die ihre eigene Party feiern und beim Essen in einem schwäbischen Restaurant auf dem Viktoria-Luise-Platz im Sandkasten sitzen, durch Blätter rascheln, einen toten Vogel finden und ab und zu atemlos ins Lokal gelaufen kommen, ohne sich ein einziges Mal zu streiten.

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Am Nachmittag fahren der F. und ich weiter gen Westen und treffen am S-Bahnhof Grunewald die C.3 aus Wien, die für einen Monat im LCB arbeitet. Es ist 24° C warm, die Wälder an großem und kleinem Wannsee ein Traum in Gold und Rot, der Himmel schwingt licht wie blaue Seide über den Villen am See, und im Wannsee springen klitzekleine Nixen aus dem lichten Wasser.

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Wusstest du, dass ich einmal in Heinrich von Kleist verliebt war, mein F.?

Tagebloggen (13.10.18)

Die Demonstration hört gar nicht mehr auf. Es ist sonnig, die Menschen lächeln, Kinder werden herumgetragen und ich bin so froh, dass die, die die Bösartigkeit und Engherzigkeit und Häme der AfD und ihrer Freunde teilen, viel, viel weniger sind als die, die sich ihnen als „unteilbar“ entgegenstellen.

Ich teile die politischen Ansichten der meisten Leute hier nicht. Einige halte ich sogar für absolute Spinner. Was mich aber mit allen, die hier mitlaufen, vereint: Niemand von uns will eine Politik, die Menschen nach ihrer Herkunft oder ihrem Aussehen unterschiedlich bewertet und behandelt, die Freundlichkeit nur weißen deutschen Gesinnungsgenossen vorbehalten will. So will ich niemals sein, so wollen wir alle niemals sein, und dass wir so viele sind, macht mich froh.

Viele Stunden dauert die Demonstration, aber ich biege nach zwei Stunden ab, denn der F. ist müde, und gehe mit ihm Essen. Später nehmen wir an einem Workshop teil, bei dem Kinder programmieren lernen, schlendern nach Hause und essen eine Waffel auf dem Heimweg, und als ich zuhause ankomme, ist es so spät, dass ich mich sofort wieder anziehe und zum Kino laufe und mit meiner Freundin, der J., Gundermann sehe, den ich mag, auch wenn ich ihn nicht verstehe.

Tagebloggen (12.10.18)

Letztes Jahr wurde unsere Babysitterin auf einmal krank. Es war etwas Chronisches, und nach einigen Rückschlägen mochte sie nicht mehr zu uns kommen, weil sie ab und zu einfach umfiel. Fortan gingen der J. und ich nur noch jeweils allein aus. Ab und zu war Sohn F. bei unseren Eltern, auf Kitafahrt oder bei Freunden, dann kamen wir auch mal gemeinsam vor die Tür, aber meistens ließen wir es im letzten Jahr jeweils allein krachen. Also natürlich nicht allein, sondern mit Freunden.

Die Babysittersuche gestaltete sich schwierig. Mit Kindern von Freunden war es ein bisschen schwierig, schließlich wollen die ausgehen, wenn man auch selbst ausgehen will, und man kam dann am Ende doch nicht zusammen. Am Freitag aber klingelte es, es erschien eine nette Dame Ende 20, für zwei Jahre in Deutschland halbwegs solides Deutsch, Pädagogikstudentin aus Syrien, und der J. und ich verschwanden in die Nacht.

Es war lustig. Wir waren im Watapas, einer Izakaya um die Ecke. Haben vor der Cantina Sant’Ambroeus Aperol Spritz getrunken. Sind bei Johnny im Sorsi e Morsi versackt, die Nacht war warm wie nie im Oktober, und als wir heimkamen, schlief der F. schon seit Stunden, wir hatten so lange am Stück miteinander gesprochen, wie sonst selten, viel gelacht, ein bisschen getrauert, die alten und die neuen Zeiten hochleben lassen, und es war jeden Cent wert.

Tagebloggen (11.10.18)

Heute ist der F. grantig. Der F. ist eigentlich fast immer guter Dinge, selten stur oder schlachtgelaunt, aber heute ist er müde, ein wenig gereizt und außerdem nervt ihn, dass er sein Zimmer aufräumen soll. Das macht er nicht gern, aber morgen kommt die Reinmachefrau, und die soll auch bei ihm saugen können.

Immer muss man nur müssen, mosert der F., als er endlich im Bett liegt in seinem roten Rennfahrerpyjama. Nie darf man, was man will, setzt er verbittert nach, und da tut er mir leid, der kleine Kerl. Nie darf er mal ein Wochenende über die Stränge schlagen, so viel Schokolade essen, wie er möchte, den ganzen Tag im Schlafanzug herumlaufen, nachts auf den Tischen tanzen oder ganztags zehn Sendungen mit der Maus hintereinander schauen. Die Erwachsenen dagegen, ja, die dürfen, wie sie wollen. Nicht immer, aber dann doch eben viel, viel öfter als die Kinder, und so verspreche ich dem F., der die Augen schon fast geschlossen hat, dass er am Samstag einen großen Tag erlebt, und als er lächelt, male ich ihm leiser und immer leiser aus, was für ein schöner Tag auf ihn wartet.