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Schon morgen

Auf einmal wach. Durch die Holzlamellen der Jalousie wirft der Pool zitternde Schlieren aus weißem Licht an die Schlafzimmerdecke, und irgendwo sprechen zwei Männer leise in einem fremden Idiom miteinander, das ich nicht einordnen kann. Es ist sieben Uhr früh.

Die heiße Nacht hat meine Haut mit einem Film aus Schweiß überzogen, und meinem Sohn F. klebt der hellbraune Pony feucht in der Stirn. Sehr klein und sehr friedlich sieht er aus, wie er so neben mir schläft, die Hände geöffnet und das Gesicht ganz still. Rotwangig wie ein Apfel. Auf seinem T-Shirt fährt ein VW-Bus durch ein Gebirge. Ob er in seinen Träumen wohl auch durch die Berge reist, den Wolken so nah wie nirgendwo sonst?

Morgen mittag schon werden wir unsere Koffer packen und fahren nach Bangkok. Morgen Abend sitze ich irgendwo im sechzigsten Stock auf dem Dach und unter mir glitzert die Stadt. Heute ist unser letzter Tag am Meer. Noch einmal durch den Pool schwimmen, über den sich die Kokospalmen neigen, als würden sie mich beschenken wollen mit Süße und Duft, noch einmal am Meer, wenn der Himmel in tausend Farben schwelgt wie die Wellen, und noch einmal der Wind, der landeinwärts weht wie die Winde es nur am Meer vermögen, wenn sie sich nach dem Frieden der Wälder verzehren.

Wsssssstwsssssss

Der F. ist – man kann das nicht beschönigen – hörspielsüchtig. Das Leiden begann vor zwei Jahren mit Conni, einem kleinen Mädchen, das in einer Vororthölle der Achtziger mit bemerkenswert spießigen Eltern aufwächst, und (Conni, Conni, meine Freundin Conni) noch viel weniger erlebt als Großstadtkind F., dessen Eltern sich am Gartenzaun erhängen würden, wären sie zu der Existenz von Connis Familie (mit der Schleife im Haaaaar) verdammt. Zum Glück geht alles im Leben vorbei, also auch das.

Versucht haben wir es dann mit Käpt’n Sharky, mit Pumuckl (neckt, Pumuckl versteckt, und nieeeemand …), aber nichts davon hielt lange vor. Statt dessen ist der F. seit mindestens einem satten Jahr der Hörspielreihe Was ist was verfallen, in unserem Haushalte nur als Wssssssstwssssss bekannt, was sehr schnell und komplett ohne Vokale so lange auszusprechen ist, bis ein extra zu diesem Zweck mitgeschlepptes ehemaliges Diensthandy seufzend rausgerückt wird. Die bekannten Kindersachbücher gibt es nämlich auch zum Hören, und zwar mit Besserwisser Theo, dem weiblichen Satzzeichen Tess, das keine Ahnung hat und Sängerin werden will, und Quentin. Zur Abwechslung sind das mal keine Kinder, sondern Punkt, Ausrufe- und Fragezeichen. Es gibt über 70 Hörspiele, die kann man bei iTunes Match laden. Ich glaube, ich kenne sie (Archäologen haben im nachgebauten Stonehenge viele Experimente gemacht) alle.

Der F. tut nahezu nichts anderes (Vor ungefähr 550 Mio. Jahren begann das Kambrium). Oder besser: Er tut so gut wie nichts, ohne dass ein Hörspiel läuft. Er malt einen bemerkenswert missgestalteten Elefanten (In Hamburg kam es im Jahre 1842 zu einem Brand in einem Speicher). Er springt trotz strengstem Verbot auf dem Bett (Milchprodukte und Fleisch dürfen niemals vermischt werden). Er lässt seine Playmobilmännchen gegeneinander kämpfen (Ein Agent muss immer damit rechnen, dass er selbst beobachtet wird).

In Berlin stört das nicht weiter. Der F. bewohnt die ehemalige Mädchenkammer unserer Wohnung, die ist weit genug weg, um nicht ständig (Die Sprachexperten haben ein feines Gehör und darüber hinaus viele Spezialgeräte und Computersoftware) alles mitzubekommen, was er gerade tut oder hört. Im Urlaub aber wird wssssstwsssss zum ernsthaften Problem. In einem Hotelzimmer mit dem F. will der J. nach dem letztjährigen Trip nach Japan nie wieder zum Opfer seiner Hörspiele werden. Aber auch in einer Ferienwohnung ist es so gut wie unmöglich (Die erste vollständige Liste der sieben Weltwunder wurde im zweiten Jahrhundert vor Christus von dem Schriftsteller Antipatros von Sidon geschrieben), dem F. und seiner Leidenschaft zu entkommen.

Kopfhörer hat er nicht, weil wir fürchten, dass er wssssstwsss dann so laut macht, dass er noch vor seiner Einschulung nicht mal mehr das hört, was er wirklich hören will. Wir leben also mit unserer persönlichen Geißel Gottes (Ein Wolf ernährt sich hauptsächlich von Fleisch). Bis vor kurzem war wenigstens am Strand Ruhe. Oder im Pool. Oder wenn wir unterwegs waren, in einem Elefantencamp oder auf dem Nachtmarkt. Kürzlich allerdings, wir drückten uns gerade an einem Stand mit gefälschten Sonnenbrillen vorbei, huschte eine kleine, magere, weiße Katze an uns vorbei. „Ein Kätzchen!“, jubelte der F., lief hinter dem Tier her, kehrte an meine Hand zurück, sah mich an und sprach: „Ist eine Katze auf der Jagd, so bewegt sie sich äußerst vorsichtig. Sie hält sich nah am Boden und nutzt die natürliche Deckung.“

Vielleicht kündige ich iTunes Match auch einfach wieder.

Vom Markt

Schwer atmend hängen der J. und ich am Küchentisch in den Seilen. Es ist kurz vor acht und eigentlich könnte ich jetzt unproblematisch bis morgen schlafen. In Rückenlage wohlgemerkt. Unter mir biegt sich ganz leicht der Boden, rechts und links von meinen Hüften geben die Lehnen meines Stuhls ein bisschen zu den Seiten nach. Hinter der verschlossenen Tür des Kinderzimmers unserer Ferienwohnung schläft der F. den Schlaf des Gerechten. Wir wollten eigentlich essen gehen, aber als der F. bei der ungefähr 25. Wiederholung seines Hörspiels „Was ist Was – Bienen“ gegen 18.00 Uhr einfach einschlief, musste der J. das Kind des Hauses bewachen und ich war auf dem Markt gegenüber.

Der Markt besteht aus vielleicht 30 Buden. Wir sind ziemlich weit weg von der Innenstadt, deswegen gibt es kein Kunsthandwerk und keine Andenken, sondern Fisch auf großen, metallenen Platten, Fleisch, das der Metzger mit einem Beil in Stücke haut, Gemüse und Obst, und ansonsten fertige Speisen. Es wird gegrillt, panierte Hähnchen werden wuchtig zerteilt, Salate gestampft und gemischt, in großen Schüsseln gibt es Curries, gedämpfte Bananenblätter mit irgendwas drin, und einige ausgesprochen schwer definierbare Speisen. Wenn man dreimal da war, grüßen die Leute einen und reden auf Thai auf einen ein. Wenn man nichts versteht, reden sie noch lauter.

Es ist gar nicht so leicht, sich in Thailand zu überfressen. Ein bisschen Reis, ein paar gegrillte Hähnchenspieße, ein Maiskolben: Das ist ja quasi noch für den hohlen Zahn. Darauf eine Runde Frühlingsrollen, Wachteleier in Wantanblättern, ein bisschen scharfen Glasnudelsalat mit Tofu: War was?

Gut, die Schnitzelspieße. Und die Rindsbulettenspieße in der scharfen Sauce. Und den Hackfleischsalat mit Tintenfisch und den grünen Bohnen und sehr, sehr viel Chili. Und den Sticky Rice mit ganz gelber, triefender, duftender Mango. Die Onigiri mit Thunfisch drin. So kleine Reismehlküchlein mit Kokosmilch. Frische Ananas. Und dazu Chang Bier.

Das Rosinenbrot und die Windbeutel stellen wir für morgen früh in den Schrank. Melone gibt es auch erst wieder morgen. Heldenhafterweise habe ich auf den Anlauf weiterer Chips in der Geschmacksrichtung Wasabi verzichtet, vermutlich ginge es auch gar nicht mehr, denn hier sitzen wir nun: Zu satt für jede weitere Regung, uns gegenseitig matt versichernd, dass das hiesige Essen unmöglich fett macht, und mit dem vagen Plan, den großartigen Besuch in einem Elefantencamp für alte Elefanten heute morgen demnächst noch einmal zu wiederholen. Wenn wir uns bis dahin wieder bewegen können.

Tigermückenmutter

Der F. und ich werden immer gestochen. Wenn wir irgendwo, wo’s warm ist, ankommen und aus dem Flugzeug steigen, erwacht mit der ersten Berührung fremder Erde auch die letzte Mücke des Landes und wirft sich noch vorm Gepäckband genießerisch auf uns, um uns bis auf den letzten Tropfen auszusaugen. Der F. ist ein wenig allergisch und schwillt dann schrecklich an. Das nervt schon in Deutschland. In Südostasien sehe ich quasi nur noch Tigermücken randvoll mit Dengue-Viren meinen armen kleinen Kerl gierig umschwirren. Ich würde öffentlich immer schwören, das Gegenteil einer Helikoptermutter darzustellen. Was ich niemals zugeben würde: Ich bin Tigermutter. Tigermückenmutter, besser gesagt. Ich bin die Irre mit dem Elektrotennisschläger, die hinter der Glasfront unserer Ferienwohnung ein leicht verrücktes Mückentennis aufführt, und Tennisspielerinnentriumphschreie ausstößt, wenn die Mücke elend verschmort.

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In Thailand führen alle möglichen Religionen eine leicht verschwommene, friedliche Koexistenz. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist man hier meistens Buddhist, aber die Sorte mit dem dünnen Buddha, glaubt aber auch an Dämonen, zum Beispiel an so einen blauen Kerl mit Eberzähnen, den Elefantengott und noch einige andere HIndugötter. Weihnachten wird aber auch gefeiert. Mich persönlich irritiert das überhaupt nicht. Ich stutze weder bei thailändischen Buddhisten mit baumelnden Bildern von Mutter Teresa am Taxirückspiegel. Noch denke ich über die ganzen Buddhas in den Gärten deutscher Weihnachtschristen nach. Ich bin sozusagen spirituell gründlich abgestumpft. Der F. hat diesen Abstumpfungsprozess aber noch vor sich, und die bohrenden Fragen eines Sechsjährigen, der Religion tatsächlich noch ernst nimmt, verschönern, man könnte sagen, nicht jede meiner Lebenslagen.

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Heute findet das chinesische Neujahrsfest statt. Vor der Mall Blueport dreht sich ein blinkender Drache. Eine kleine Combo haut kräftig auf die Pauke, kleine Mädchen tanzen in rot und Verkäuferinnen verschenken Ballons und Schokolade. Schön ist das, freut sich der F. über seinen knallroten Luftballon. Aber er, fährt er sehr ernsthaft mit gekrauster Nase fort, mag nur sehr leise Religionen, am besten solche mit schöner Musik.

Dann steigen wir ins Taxi.

Mein Affe

Von mir aus, sage ich und der F. jubelt. Wir fahren also zum Affentempel Khao Takiab.

Als wir aus dem Wagen steigen, hängen die Affen schon von den Bäumen. Einer springt auf die Motorhaube. Einer sitzt auf dem Außenspiegel. Einer, ein kleiner, zierlicher Makake, schaut mich direkt an und folgt uns. Wir steigen die Treppen hinauf zum Chedi. Tief unter uns liegt die weite Bucht, gesäumt von weißen Türmen, Zikkuraten der Gastlichkeit mit ausladenden Balkonen. Das Meer ist heute fast weiß.

Als wir die Treppen hinuntersteigen, folgt uns der kleine Makake. Leider habe ich nichts zu Essen für ihn, er sieht dünn aus, aber vielleicht ist er nur auf diese jugendliche Weise dünn, wie auch der sechsjährige F. dünn ist, der sich seinen ganzen herrlichen Kinderspeck abgerannt und abgeschwommen und abgesprungen hat. „Wer bist du?“, frage ich den kleinen Affen, weil er mich so anschaut, als würde er gefragt werden wollen, und deswegen wundere ich mich gar nicht, als er antwortet. Er heiße Kwam, behauptet er, und der F. stellt uns vor.

„Warum kannst du sprechen?“, frage ich Kwam, aber diese Frage, lerne ich, ist sehr, sehr beleidigend. Alle Affen können sprechen, sie sprechen nur nicht mit jedem, seit der Sache mit Affe Rotpeter, die bei allen anderen Affen einen sehr ungünstigen Eindruck hinterlassen habe, höre ich. Eine solche Karriere sei für die jüngere Affengeneration völlig unattraktiv. Aber ich habe Glück. Ein Affenglück, sagt Kwam, und dann setzt er sich neben den F., als wir fahren.

In unserer Wohnung stelle ich Kwam erst einmal unter die Dusche. Er ist schrecklich verlaust, und ich schreibe Entlausungsmittel auf meinen Einkaufszettel. Kwam stört das überhaupt nicht. Er tobt mit dem F. durch die Wohnung, singt mit ihm lustige Lieder, isst ein Pfund Weintrauben, zwei Mangos und einen Bund kleine, sehr süße Bananen, und dann lässt er sich von dem F. Witze erzählen, bis sich beide die Bäuche halten vor Lachen. Der F. gibt dem Affen sogar von seinen Rote-Bohnen-Brötchen ab, und das ist eine sehr seltene Ehre.

Beim Abendessen im Chef Cha nebenan essen der F. und der Affe um die Wette Reis und Huhn mit Thaibasilikum und Cashewnüssen, Papayasalat und Kokoseis. Der Affe macht die Leute an den Nachbartischen nach, der F. lacht herzhaft und spricht fast nur mit Kwam. Nach Berlin kommt er aber nicht mit, sage ich dem F. heimlich auf dem kurzen Heimweg, aber das bringt Kwam und den F. dermaßen auf, dass ich ankündige, es mir nochmal zu überlegen, wenn Kwam seinen Flug selbst bezahlt.

Als der F. schlafen geht, rollt sich Kwam auf der gepolsterten Bank am Fußende zusammen. Gute Nacht, Kwam, sagt der F. und beschreibt mir ganz genau, wie Kwam aussieht, wenn er schläft, und was er träumt und wie sehr er sich danach sehnt, mit ihm nach Berlin zu fahren und dort in den Bäumen zu schaukeln.

Dicker Mann mit Thaifrau

Der F. gräbt seit 20 Minuten ein Riesenloch in den Sand. Er wirkt sehr konzentriert, möglicherweise denkt er darüber nach, ob er den Erdkern noch vorm Abendessen erreicht. Immerhin bemerkt er so auch die Strandverkäufer nicht, die mit Obst, Eis oder Getränken über den Strand laufen. Ich könnte mir eine Kokosnuss kaufen, überlege ich, grabe meine Füße in den Sand und lese weiter. Sanft streichen die Schatten der Palmen über den Strand.

Es ist nicht voll. Es ist Hauptsaison, aber Hua Hin scheint nicht ausgebucht zu sein. Es mag sein, dass das im Süden anders ist, aber hier sind nicht alle Liegen vor den Hotels belegt, und dort, wo wir unsere Handtücher ausgebreitet haben, ist um jede bunte Insel aus Bambus, Handtüchern und bunten Taschen viel, viel Platz.

Ein paar Meter neben uns sitzt ein Paar. Er ist ein Berg von einem Mann, rotgesichtig, sicherlich mindestens 70. Spärlich die Haare auf dem Kopf, dafür wuchern auf seinem gesamten Oberkörper fusselige, weiße Haare. Er ist tätowiert, aber den Schriftzug auf seinem Arm kann ich nicht erkennen. Auf seinem Handtuch steht „Route 66“.

Seine Begleitung ist Thai. Sie ist nicht mehr jung, aber deutlich jünger als er, vielleicht Mitte 50, mit langen Haaren, einem bunten Kleid und großen, glitzernden Kreolen. Sie ist maximal 1,50 groß, sehr zierlich, und die Vorstellung ist nicht abwegig, dass er ungefähr dreimal so viel wiegt wie sie. Er liegt auf der Decke und trinkt Bier. Sie wieselt über den ganzen Strand, kauft Obst, bringt ihm eine weitere Bierdose, die sie auch noch für ihn öffnet, drückt ihm einen Maiskolben und Eis in die Hand, und hört ihm zu, der unaufhörlich auf sie einbrabbelt.

Huh, denke ich und betrachte den fetten Kerl mit schlecht verhohlener Abneigung. Noch so einer, der nach Thailand fährt, um sich hier gegen Geld von Frauen bedienen zu lassen, bei denen er daheim nicht den Hauch einer Chance hätte, und dann vermutlich auch noch im Internet schwadroniert, dass in Asien die Frauen noch wüssten, was ein Mann verdient. Ich war mal Referendarin in Thailand, das ist lange her, aber die Geschichten, die ich damals gehört habe, habe ich nicht vergessen. Solche Paare sieht man viele hier. Ich wende mich ab.

Am späten Nachmittag leert sich der Strand. Auch der F. und ich packen unsere Sachen. Wir wollen auf den Nachtmarkt, etwas essen und der F. verlangt ein Schwimmtier. Als wir gehen, kommen wir an dem dicken Mann und der Thaifrau vorbei. Gerade als wir vorbeischlendern, klingelt sein Telefon. Er geht ran und hält ihr das Handy mit seinen roten, riesigen Pranken ans Ohr.

„Ei, isch da mein Süsserle! Sag was zur Oma!“, schreit die Frau begeistert in das Gerät, auf dem ein Kind erscheint, das unkoordiniert, aber euphorisch winkt,  und dann hält sie das Handy so vor sich und den dicken Mann, dass das Enkelkind beide sehen kann, beide strahlen und winken, und ich schleiche mit dem F. an der Hand leicht betreten von dannen.

Eintracht Frankfurt

Frangipani, denke ich. Jasmin. Chili und Bratfett, Abgase, die feuchte Luft, und wer hier, vorm Eingang des Flughafen Bangkok, einmal einatmet, kann sich vermutlich rund ums Jahr eine direkte Standleitung in den Auspuff des ältesten Dieselwagens der Republik legen: Ich bin zurück in Bangkok. Die Stadt riecht wie immer und sie sieht wie immer aus. Nur die Thais werden irgendwie immer dicker.

Es ist kurz nach elf. Der Bus nach Hua Hin ist schon weg. Der Zug fährt vom Bahnhof in einer knappen Stunde, aber das reicht nicht aus, um vom Flughafen dorthin zu kommen und Tickets zu kaufen. Ich verhandele also mit einem Taxifahrer, bin irgendwann bei 2.000 Baht, das sind 50 EUR für eine dreistündige Fahrt, das ist in Ordnung, und so steige ich ein.

Der Fahrer lässt dem todmüden F. den Sitz weit nach hinten, deckt ihn zu und schiebt ihm ein Kissen unter den Kopf. „Morgen gibt’s Mango.“, teilt der F. schon leicht lallend dem Fahrer noch mit, aber der nickt nur und lacht und versteht natürlich kein Wort. Dann setzt er sich hinters Steuer und fährt an.

Ich werde buchstäblich in den Sitz gepresst. Ich kann es nicht beschwören, aber vermutlich   hebt der pinkfarbene Toyota leicht ab, überholt in halsbrecherischen Manövern LKWs, schwere Limousinen, Motorräder und rast durch die immer dunklere Nacht aus Bangkok heraus nach Süden. Hinter uns zieht, nehme ich an, ein glühender Strahl aus schierem Feuer.

Er sei schon einmal in Deutschland gewesen, erzählt der Taxifahrer. Seine Schwester sei da verheiratet mit einem deutschen Taxifahrer. Oha, sage ich. Die Schwester des Taxifahrers lebe in Mannheim, sagt er, und dann sprechen wir über die Pfalz und über die Liebe der Deutschen und der Thais zu Wurst. Wurst ist hier nämlich populärer, als ich dachte.

Der Schwager des Taxifahrers, erfahre ich, ist ein Fußballfan und liebt den Verein Eintracht Frankfurt, und weil der Taxifahrer vermutlich keine Deutschen kennt, die Fußball nicht lieben, verwickelt er mich in ein längeres Gespräch in einer wüsten Mischung aus Thai und Englisch über die Erfolge, die Niederlagen, die Spieler und die Geschichte von Eintracht Frankfurt. Hmmm, sage ich ab und zu. Yeah. Oh, wow!

Dann sind wir da.

Auf und davon

Glauben Sie den Studenten und Referendaren der Rechte kein Wort, wenn die stöhnen, wie hart das Leben sei. Fakt ist nämlich, dass man als Student eigentlich semesterlang vorwiegend schlafen und feiern kann, solange es einem nur gelingt, sich im siebten und achten Semester komplett einzuschließen, einen Haufen Skripten mehr oder weniger auswendig zu lernen und nicht die Nerven zu verlieren, wenn man vor der Prüfungskommission steht. Danach geht es ins Referendariat, und das ist eigentlich fast ausschließlich lustig. Man hat, außer man hat Pech, auch nicht so richtig zu tun, weswegen nicht ganz wenige Referendare ein bis zwei Tage die Woche irgendwo arbeiten gehen. Ich habe damals ein sehr ausführliches und komplett weltfremdes Forschungsprojekt betreut.

Gut, auch das zweite Examen ist anstrengend. Zu den vielen Vorzügen des Referendariats gehört aber die unmittelbar nach den schriftlichen Klausuren stattfindende Wahlstation, die es einem ermöglicht, irgendwo an einem Ort eigener Wahl ein bisschen zu arbeiten und viel herumzulungern. Wann kann man das sonst schon. Ich war zu diesem Zweck in Bangkok. Es war August, es war sagenhaft heiß, und einmal am Tag goss es wie aus Kübeln.

Ich war 24 damals, und Thailand war eine Wucht. Ich fand sogar das Wetter toll, ich liebe asiatische Megacities, und außerdem alle waren sagenhaft freundlich zu mir. Mehrere Freundschaften von dort halten bis heute. Das Essen war super, ich mochte das Meer und ich habe mehr irre Geschichten erlebt, als in mehreren Jahren Berlin, und das will was heißen. Fragen Sie mich bei Gelegenheit nach den Verrückten mit den Gewehren und ihrer Insel und den Fischen und dem Rum. Und dem Heidelberger Studenten, der in der Patpong die Göttin Isis fand. Zwischendurch fiel mir zwar ab und zu ein, dass ich die ungelogen dickste Frau Bangkoks war, aber sogar daran kann man sich gewöhnen. Ich habe damals viel und lange über mein Gewicht nachgedacht, wie sehr langjährige Leser sich vermutlich erinnern. Seit ich zehn Kilo mehr wiege als damals ist es komischerweise besser statt schlechter, aber dies nur am Rande.

Ich war seitdem noch zwei Mal in Thailand, einmal wandern im Norden und einmal einfach nur so am Strand. Ich weiß, Thailand gilt als das Mallorca des Ostens. Wer was auf sich hält, fährt nach Kambodscha oder Laos oder ganz woandershin. Ich aber, ich fliege morgen Abend nach Bangkok und fahre dann mit dem F. weiter ans Meer. Ich habe eine Wohnung gemietet und will nichts tun. Für jemanden wie mich ist das ein Projekt. Ich will so ein bisschen wie damals, nur anders, ganz und gar raus aus meinem sehr komplizierten Berliner Leben. Ich will, dass mir das Meer das ganze letzte Jahr von der Haut spült. Ich will noch einmal, bevor der F. zur Schule kommt und ein großer Kerl wird, viele Wochen mit ihm außerhalb unserer Welt verbringen, an die er sich erinnern soll, wenn er mal groß ist, und ich will schreiben. Schreiben und lesen und essen und einfach nur sein.

Königin

Als es anfing, fiel es gar nicht auf. Sie hatte ja schon immer elegante Kleider geliebt, schöne Stoffe, Hüte sowieso, sehr gern mit kleinem Schleier, und als Chefsekretärin war sie es seit den Sechzigern gewohnt, an der Seite ihres sehr schwulen Chefs offizielle Essen und Empfänge zu besuchen und mit ihm zu verreisen. Sie war damals überall, sogar in Persien und Moskau, und die beiden Söhne fanden sie wunderschön in ihren Etuikleidern mit kleinem Jäckchen, in den duftigen, bunten Cocktailkleidern und den großen Roben. Außerdem waren der K. und sein Bruder in den letzten Jahren so selten da, denn beide Brüder wohnen in Berlin, da erschien es schon fast selbstverständlich, dass ihre Mutter sich festlich anzog, wenn sie kamen, und überdies liebten die Töchter des K. die Kleider der Großmutter und zogen sich selbst ebenfalls aufwendig an, wenn sie nach Bad Bergzabern fuhren, wo die Großmutter sich ein kleines Haus mit Türmchen und schmiedeeisernem Schnörkeltor gekauft hatte, als sie Mainz und den Großvater verlassen hatte nach ihrer Pensionierung.

Irgendwann fiel dem K. auf, dass seine Mutter sich einen richtigen Thron gekauft hatte, in dem sie an der Stirnseite der häuslichen Tafel präsidierte. Es war ein sehr hoher Stuhl, in der Mitte war eine eingeschnitzte Krone, und das Kissen, auf dem sie saß, war aus rotem Samt. Er freute sich wirklich, denn der K. liebt es selbst, sich und seine Feste zu inszenieren. Das hat er von ihr, sagt er, denn auch ihre Einladungen waren damals, als K. klein war, legendär.

Nie verlor sie ihre Haltung und Grazie, bis heute. Nie fiel sie öffentlich aus dem Rahmen. Irgendwann fiel es dem K. natürlich schon auf, dass sie zum Essen am Nikolaustag ein Kleid aus einem silbern bestickten Brokat trug und ein Diadem, das sehr echt aussah, aber – wie sie zur Beruhigung beider Brüder versicherte – aus dem Opernfundus stammt. Außerdem aß sie nun täglich auch ganz allein von dem früher nur zu Feiertagen aufgelegten Silber und dem Meissner Porzellan. Der K. findet das aber gut, denn wozu Silber und Porzellan schonen, wenn man es eh nicht mitnehmen kann ins wie auch immer geartete Jenseits, und der K. wäre garantiert der letzte, der die nächsten dreißig Jahre von Meissner Efeu essen will.

Die Jahre kamen und gingen, die Mutter wurde kleiner, nicht aber gebeugter, und der K. inspizierte ab und zu Neuanschaffungen wie eine Art Szepter, ebenso aus dem Fundus eines Theaters, einen roten Läufer, und unterhielt sich unauffällig mit den Nachbarn und den anderen Leuten in der Kirchengemeinde. Bis heute preist man seine Mutter in Bad Bergzabern wegen ihrer Hilfsbreitschaft und ihrer wohlschmeckenden Torten, und so hat der K. bisher keinerlei Anlass, einzuschreiten, obwohl, wie man mir erzählt, ernsthafte Anzeichen dafür bestehen, dass seine weit über achtzigjährige Mutter inzwischen sogar mit Diadem fernsehend auf dem Sofa sitzt, während die langjährige philippinische Kraft ohne das geringste Zeichen des Erstaunens ungerührt um sie herum den Boden wischt. Die Kraft jedenfalls ist mit der Mutter ebenfalls sehr zufrieden, denn diese sei nicht nur großzügig, sondern auch freundlich und gar nicht herablassend.

Aber als Königin ist dies ja eigentlich selbstverständlich.

Le suonerò

Über den Nacken ziehen sich tiefe, nicht ganz parallele Falten. Die Haut ist griesig, fleckig rot und käsig, über dem Faltennacken liegen ein paar letzte graue Strähnen, und die Ohren sind sehr groß und nicht ganz symmetrisch. Der alte Mann, dem Kopf und Nacken gehören, sitzt zwei Reihen vor mir, ein weißes Hemd hat er an und schlabberige graue Hosen, als sei er früher größer und schwerer gewesen, und er ist mir aufgefallen, weil er sich im Takt der Musik ganz sanft hin und her wiegt, ohne dabei im Mindesten lächerlich zu wirken: Einfach nur ein alter Mann, der die Musik liebt, allein in Berlins neuestem Konzertsaal.

Auch neben mir liebt man die Musik. Der F. starrt den Sänger an wie ein plötzlich erschienenes Ufo, und es fehlt nicht viel, dann würde er in die Hände klatschen vor Freude. So reibt er abwesend mit beiden Händen seine Oberschenkel und fährt sich mit der Linken immer wieder durchs braune Haar. „l chitarrino le suonerò“, singt der sehr junge, sehr schlanke Sänger und ich schaue abwechselnd den F. und den alten Mann an, wie sie in die Arie des Figaro förmlich hineinkriechen. 

Ob wohl auch der alte Mann, sehe ich ihm zu, sich schon als kleiner Junge zu Mozarts Arien gewiegt hat? Wo das wohl war? War sein Haar wohl einmal blond oder braun? Wie sah der Alte aus, als er 30, 15, fünf war, und wie, lege ich meinem kleinen Kerl den Arm um die Schulter, wohl der F. einmal aussehen wird, wenn er ein alter Mann sein wird mit müdem Nacken, verloren die weichen, pralle Wangen, die schlanke Beweglichkeit, das kräftige Haar, nicht zuletzt wohl auch die Zutraulichkeit, die Welt meine es ganz und gar gut mit ihm, und ich bitte den, an den ich gern glauben mag, um Freundlichkeit für mein liebenswürdiges Kind, dem der Himmel lächeln möge sein ganzes rotwangiges Leben, und schenke dem alten Mann mein schönstes Lächeln, als wir den Konzertsaal verlassen.