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Lange nicht getrennt

„Aber warum?“, insistiert Kind F. auf der Frühstücksterrasse, stopft sich weitere Pfannkuchen in den Mund und fordert ein ums andere Mal eine vernünftige Erklärung, wieso unter den anderen Eltern seiner Kindergartengruppe gerade der Spaltpilz umgeht, aber das kann ich ihm auch nicht beantworten. Vielleicht langweilen sie sich, auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, wieso Leute sich gleich scheiden lassen, nur weil sie sich langweilen. Langweilt sich nicht jeder normale Mensch, weil das bürgerliche Leben eben recht wenig Überraschungen für jedes halbwegs normal entwickelte Unterhaltungsbedürfnis bereithält?

„Ihr trennt euch aber nie!“, fordert der F. und der geschätzte Gefährte und ich schauen uns leicht betreten an. Nun ja, besagt J.s Blick. Ganz, wie man es nimmt. Denn der J. und ich sind sozusagen die Könige der theatralischen Trennung.

Wir haben uns beispielsweise auf dem Weg von Amsterdam nach Cochem an der Mosel mehrfach getrennt. Wir waren so ungefähr Anfang 20, im Fiat Punto des J. gab es kein Navigationsgerät, und keiner von uns kann Karten lesen. Erst warfen wir uns unsere Unfähigkeiten nur vor, dann beschlossen wir, uns gleich morgen jeweils jemanden zu suchen, der einfach alles besser kann als der jeweils andere, während mein Vater unablässig anrief und fragte, wann wir denn nun eigentlich in dem Hotel erscheinen würden, in dem er seinen Geburtstag zu feiern beschlossen hatte. Als wir endlich da waren, geriet der Trennungsvorsatz aber schon so ein bisschen in Vergessenheit und wurde im Zuge der väterlichen Feierlichkeiten der nächsten Tage schlicht abmoderiert. In Tunis haben wir die Trennung immerhin zwei Tage durchgehalten, in dem knappen halben Jahr in Hannover haben wir, aber das ist eine ziemlich chaotische Geschichte mit mehreren Beteiligten, uns eigentlich alle paar Tage getrennt, aber nur manchmal mit vollem Programm inklusive Rücktausch der Schlüssel. Die Geschichte mit dem Plüschnilpferd, die hier zuerst stand, musste ich auf den besonderen Wunsch eines einzelnen Herrn leider streichen. Erinnern Sie mich bei Gelegenheit an die auch eher abseitige Suche nach dem silbernen Ring.

Meistens haben wir uns schneller wieder vertragen als es selbst Anfang der Nuller Jahre in Berlin gebraucht hätte, um eine neue Wohnung zu finden, deswegen haben wir nur ein knappes Jahr so richtig in getrennten Wohnungen gelebt, allerdings stand der Anschaffung neuer Lebensgefährten der Umstand entgegen, dass wir wechselseitig die Schlüssel hatten und unangemeldet in die jeweils andere Wohnung zu platzen pflegten, um dort Wäsche zu waschen oder ein wenig zu schlafen. Außerdem war des J. Wohnung von innen teilweise komplett verkorkt. Als ich irgendwann feststellte, dass der J. seiner Familie die Trennung sowieso verschwiegen hatte, um seine Oma nicht aufzuregen, zogen wir wieder zusammen und kauften uns von dem ersparten Mietzins noch mehr gutes Essen.

Fragt man den J., dann reagiere ich beispielsweise überaus hartherzig auf seine vielfachen gesundheitlichen Kalamitäten und bin beruflich wie privat ungefähr gleich nervig hyperaktiv. Fragt man mich, so ist des J. Neigung, ausgesprochen lange quasi nichts zu tun, in Verbindung mit äußerster Reizbarkeit in Hinblick auf Benehmen und Beschaffenheit anderer Leute schon eher anstrengend. Wir haben weder über Religion noch über Politik ähnliche Ansichten und nur teilweise dieselben Freunde und finden die merkwürdigen Menschen, mit denen der jeweils andere sich teilweise so umgibt, unangenehm und komisch. Der J. etwa unterhält eine ganze Riege nichtsnutziger inzwischen nicht mehr so junger Männer aus gutem Hause mit schlechten Noten, aber hohen Einkommen, peinlichen Autos und ziemlich bornierten Ansichten. Ich dagegen kenne haufenweise Streber. Immerhin teilen wir dieselben Ansichten über den Wert guter Manieren bei Kindern und Erwachsenen und die Spätromantik in der Musik.

In Konsequenz dieser Vorgeschichte haben wir eine der ausgefeiltesten Trennungsregelungen, die nicht getrennte Paare überhaupt so unterhalten. Wir präferieren das Wechselmodell, dann ist wenigstens ab und zu mal Ruhe. Das alles verraten wir dem F. indes nicht, sondern sagen nur in aller Ruhe: Wir trennen uns nicht.

Ist den Aufwand nicht wert.

(Aus Anlass, aber natürlich nicht in Beantwortung der Fragen von Frau B.)

Psst. Oder: Paare im Urlaub

Die Ehe also. Eigentlich eine lustige Institution. Da heiraten sich also zwei mit den besten Vorsätzen, fortan gemeinsam ihr Leben zu fristen, und das auch noch dauerhaft. Ein liebenswürdiger Herr zum Beispiel, der es gern ruhig hat, je ruhiger umso besser, gern so ein bisschen wie ein Kartäuserkloster mit angeschlossenem Friedhof, nur ohne Glockengeläut und mit besserem Essen. Und eine, die es eigentlich gern laut, bunt und lustig hat, so ein bisschen wie ein italienischer Marktplatz. Im Alltagsleben, das werden Sie mir bestätigen, ist das alles kein Problem, soll er doch schweigend Golf spielen und sie kann es andernorts krachen lassen, aber im Urlaub, im Urlaub wird es nicht einfach.

Sie beispielsweise verbringt eigentlich nicht so gern mehrere Tage am selben Ort. Kleines Gepäck, jeden Tag etwas Neues, morgens ein Kreuzgang, abends eine Ruine und nachts irgendwo auf einem Platz etwas Gutes essen und zu viel Wein. Dann in die nächste Stadt. Gern viele Leute. Er schätzt dagegen sehr aufgeräumte, komplett geräuschlose Resorts in ruhigen Farben, gern geschmückt mit Porzellan und ausgestopften Tieren, auf keinen Fall unbekleidete oder tätowierte oder gar unbekleidete, tätowierte Leute um ihn herum, und um nichts in der Welt die öffentliche Darbietung von Tanz und Musik und, wenn möglich, keine Buffets, die anderen Menschen die Gelegenheit geben, sich schlecht zu benehmen.

Natürlich sind diese Vorstellungen der perfekten Reise im Grunde unvereinbar. Getrennt zu verreisen ist indes auch nicht im Sinne unseres sich an sich herzlich zugetanen Paares, das sich also über die Jahre hinweg in ein stets fragiles Reisegleichgewicht begibt, in dem entweder er die stetigen Ortswechsel bejammert oder sie sich von Tag zu Tag absehbar mehr langweilt, bis er irgendwann an ihrer Seite freundlich kapitulierend Basare, Kathedralen oder Museen besucht und ab und zu leise, aber abgründig stöhnt.

Nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, stellen Sie sich dieses Paar also vor. Es sitzt augenblicklich am Meer, das gemeinsame Kind, der freundliche F., planscht im Pool, auf einer nahegelegenen Liege ruht er und liest. Sie liest auch, dahingestreckt auf ein unweit belegenes Sofa. Ab und zu sieht er sie besorgt an. Bis jetzt ist es ruhig, aber wie mag das aussehen, wenn sie sich erst mal richtig ausgeschlafen hat? Wo mag sie ihn diesmal hinzerren, wo Leute lärmen und überhaupt schwitzende, unförmige, mit Camp David Achselshirts bekleidete Leute sind? Ab und zu, natürlich nur, wenn er nicht hinschaut, mustert auch sie ihn mit einem Gran Besorgnis. Er wirkt verhältnismäßig aufgeräumt, wie er da so liegt, aber dieses leichte Zucken seiner Brauen jedesmal, wenn das gemeinsame Kind im Pool anfängt zu singen? Nur der F., nicht gewahr der elterlichen Sorgen, planscht und schwimmt unverdrossen hin und her, singt fröhlich ein Lied über Shaun das Schaf, sich immer wieder selbst unterbrechend mit dem Ausruf „ach ja, leise!“, bevor er heiter unterm ägäischen Himml weitere Runden zieht und das Dinner erwartet.

 

Denn ich falle

Mir tut seit Tagen alles weh. Kalt ist es auch, denn auf einmal ist es Herbst geworden, und für einen Moment will ich einfach nur nach Hause und mit meinem Vater schwarzen Tee mit Kandis und ganz viel Sahne trinken und getröstet und ein bisschen in den Arm genommen und in Wolldecken gewickelt werden.

Ein paar Meter aber vor mir strahlt durch die Plexiglasbrüstung dieser Bar der Ku’damm, und zwischen Touristen und Mädchen in zu kurzen Kleidern und Sandalen kann man immer kurz sehen, wie tief es runter geht, wenn man fiele. Ich habe Höhenangst, deswegen gehe ich nicht näher zum Rand, auch wenn das schön sein muss, stelle ich mir vor, aber vielleicht kann ich das dann doch nicht und bleibe einen Meter vor der Scheibe einfach stehen und alle lachen mich aus, vor allem Herr L., der spontan mitgekommen ist und den ich nicht besonders gut kenne  und von dem ich deswegen nicht weiß, ob er es ein bisschen albern findet, wenn ausgewachsenen Leute Angst vor Balkonbrüstungen haben.

Sed navigare necesse, ermahne ich mich, rede zu viel, beobachte mich irgendwann beim Verlegenheitslästern über das Aussehen anderer Leute, was gerade ich mir vielleicht einfach verkneifen sollte, und unterdrücke den Wunsch, jetzt einfach mal so ganz schnell hintereinander drei Wodka zu trinken und dann noch einmal zu versuchen, ob ich mich nicht an die Brüstung traue.

Was soll schon passieren, schaue ich durch die offene Tür der Monkey Bar und stelle ich mir vor, wie ich wahlweise entweder ein paar Minuten an der Brüstung stehe, gut festgehalten einen Negroni trinke und wieder ins Warme zurückkomme. Oder aber leichter werde, ganz leicht, meine Füße den Boden verlassen, meine Arme ausgestreckt und ich ein paar Runden um die Gedächtniskirche fliege, zwei Flügel weit ausgebreitet und laut lachend, weil sich das gut anfühlen muss, wenn man es kann.

Dann aber bleibe ich doch, wo ich bin, sage dem Nachthimmel ab, lasse die Drinks unbestellt und die Brüstung den anderen Leuten.

Vergehen wir auch

Gut sieht sie aus, die A., denke ich, als die Tür schwungvoll erst auf- und dann wieder zufliegt. Groß und blond ist die A., mit einem unverwüstlichen Teint gesegnet, der auch nach einer durchgemachten Nacht nach Landluft und Junirosen aussieht, mit haselnussbraunen, riesengroßen Augen und einem giraffenlangen Hals.

„Alles gut?“, drücke ich die Freundin kurz an mich, und die A. zieht eine komische Grimasse. Dann müssen wir alle beide lachen und setzen uns hin. A. ist ein Sonnenkind, ich kann mich in ihrem Leben an kein einziges ernsthaftes Problem erinnern, wenn man mal von den Problemen absieht, die sie höchstselbst auslöst, aber die beeinträchtigen ja nur mittelbar sie. Heute aber scheint es ihr wirklich nicht so wahnsinnig gut zu gehen, deswegen trinkt sie nur ein bisschen Suppe und Sekt mit Sorbet. Die A. war nämlich beim Zahnarzt, und der konstatierte wohl schon eher ernsthafte Zahnschäden, weil die A. sich in den letzten Jahren wohl angewöhnt hat, die Kiefer ganz fest aufeinanderzupressen und nachts mit den Zähnen so stark aufeinanderschlägt, dass ein paar Zähne davon kaputt gegangen sind.

Erst bei A.s zweitem Drink erscheint auch die H. Ich kenne die H., weil wir fast zeitgleich Babies hatten, und habe erst später zufällig erfahren, dass sie mit der A. zusammen studiert hat. Damals, also 2012, hat sie bei mir um die Ecke gewohnt, aber inzwischen lebt sie in Lichterfelde West, hat noch ein Kind mehr, ein riesiges Haus, ständig Ärger mit ihren Kindermädchen, einen dauerhaft abwesenden Gatten, der ständig irgendwo wirtschaftsprüft, und einen Job, den sie aus Gründen der Selbstachtung nicht aufgibt, aber mit einem in fünf Jahren zehnmal operierten Ältesten schon eher selten so ausübt, wie sie sich das vermutlich einmal vorgestellt hat.

Die H. wirkt immer so, als habe sie gerade einen Marathonlauf hinter sich, und so lässt sie sich auch heute schwer atmend auf die Bank fallen, als sei sie aus Charlottenburg nach Mitte gerannt und nicht etwa gefahren. Die H., fällt mir auf, sieht nicht gut aus. H. ist Asiatin, nicht größer als so ungefähr 1,60, und irgendwann in den letzten Jahren ist sie zu einer Frisur übergegangen, die vermutlich sehr praktisch ist, mit der aber jede Frau aussieht wie eine Hommage an Ingrid Matthäus-Maier.

Schlank war die H. schon immer, erinnere ich mich. Inzwischen ist sie aber so dünn, dass man an ihrem Unterarm Elle und Speiche sehen kann, und ihr Kopf im Verhältnis zum Körper irgendwie unverhältnismäßig groß wirkt. Ich glaube, wir sind gleich alt, aber die H. ist inzwischen so dünn, dass auch ihre Haut irgendwie ausgemergelt wirkt, und als die A. und ich uns über den Tisch hinweg ansehen, weiß ich, dass auch sie dasselbe denkt wie ich.

So richtig ist aus der H. nicht herauszubekommen, was ihr eigentlich fehlt. Vielleicht ist es wirklich nur Zeit und die Sorge um das kranke Kind und der Umstand, dass sie sich um alle und keiner sich um sie kümmert. Oft, höre ich, isst sie erst abends, wenn ihr auffällt, dass sie gar nichts gegessen hat, die Reste des Abendessens der Kinder. Auch heute mag sie nichts essen und belässt es bei einer Kanne Tee. Ich esse meine Suppe allein.

Oh je, denke ich auf dem Heimweg nach über die A., die in allem Komfort und geliebt von ihrem freundlichen und nur ein klitzekleines bisschen langweiligen Mann sich an ihrem Glück offenbar gerade die Zähne ausbeisst, und an die H., die unter dem Druck ihres Lebens buchstäblich verschwindet. Was sie hätten anders machen können, grübele ich ergebnislos nach, als ich an der Ampel stehe und mir im zerkratzten Spiegel eines Second-Hand-Ladens zusehe, wie ich langsam über die Straße laufe, die rechte Hand im Nacken, der seit Wochen verspannt ist, aber wer will sich schon umsehen.

Lügen und Geheimnisse

„Modeste?“, flüstert der P. nahezu unhörbar und ich presse das Handy ganz dicht ans Ohr, damit ich ihn überhaupt verstehe. „Was ist los?“, frage ich und fange gleichfalls an, unwillkürlich zu flüstern, bemerke das, spreche normal laut weiter und wundere mich ein bisschen, was eigentlich los ist. Man kennt dieses Flüstern von Leuten am Telephon eigentlich nur von Eltern sehr kleiner Kinder, aber die Kinder des P. gehen schon zur Schule, und auch sonst gibt es eigentlich keinen Grund, sich besonders leise zu verhalten. Der P. ist nämlich zuhause.

Auch der Inhalt des Telefonats gibt keinerlei Anlass zur Heimlichkeit. Ich gehe mit dem P. alle paar Wochen in ein klassisches Konzert, das ist vielleicht nicht sehr aufregend, aber jedenfalls hochseriös, und die telefonische Absprache, wann genau welches Konzert aufgesucht werden soll, gehört nun auch nicht gerade zu den Themen, die in besonderem Maße der Geheimhaltung bedürfen. Gleichwohl stellt sich heraus: Diese Konzertbesuche sind geheim. Sehr geheim sogar. Das liegt aber nicht an Hindemith oder Schönberg, sondern an mir. Nein, eigentlich auch nicht an mir. Ich bin – der langjährige Leser wird dies bestätigen – eine Person von gut berechenbarer Harmlosigkeit und bedarf keinerlei Geheimhaltung, es sei denn, und so verhält es sich hier, die Person, vor der geheim gehalten werden soll, ist ein wenig eigen und bringt weiblichen Personen in Bausch und Bogen ein übersteigertes Misstrauen entgegen.

„Das ist ja schrecklich.“, bedaure ich den armen Kerl und bemühe mich im Rahmen der nächsten halben Stunde, weder im Zuge der Terminvereinbarung, noch im Rahmen allgemeiner Gespräche über unsere Eltern und unseren mit fünf Jahren zeitlichem Abstand gemeinsamen Lateinlehrer und seine schrecklichen Sendungen selbstgeschriebener Mariengedichte unwillkürlich wieder mitzuflüstern. Auf einmal, mehr oder weniger mitten im Satz, ist der P. weg und das Telefon aus.

Etwas später klärt sich die Lage. Offenbar stand die Gattin des P. auf einmal mitten im Raum, der P. legte also einfach auf, weil er sich vor seiner Frau ein wenig fürchtet, und erzählte dieser schon durchaus gesteigert humorlosen Dame irgendetwas, was noch unverfänglicher klingt als ein Telefonat mit einer alten Schulfreundin, setzte noch einen drauf, was das demnächst stattfindende Konzert angeht, erzählte noch irgendetwas vermutlich noch Abenteuerlicheres den Besuch eines gemeinsamen Schulfreundes in Berlin betreffend, der mit einer Hotelzimmerparty im Michelberger Hotel begangen werden sollte, was in den Ohren einer extrem verspannten Person vermutlich noch deutlich unseriöser klingt als ein Liederabend im Boulez-Saal, und angesichts dieser vielen, vielen Lügen und Geheimnisse bekomme ich dann doch fast etwas Mitleid mit der schrecklichen Frau, die der P. sich da geheiratet hat, und die wohl besser fahren würde, sie würde nur dann belogen, wenn sich das auch lohnt.

Verwehe

Aber vielleicht schlafe ich heute Nacht gar nicht ein. Auch wenn ich müde bin. Vielleicht ziehe ich mich wieder an, stattdessen: Mein rotes Kleid, die Silberschuhe und rote Lippen für den Mann im Mond. Die Tür ziehe ich hinter mir zu.

Zu meiner Rechten hinter Hagebutten und Gestrüpp glänzt der See. Zu meiner Linken streifen Füchse durchs Feld und zählen mir Hasen. Irgendwo steht eine Eiche für mich, und die Raben singen mir Lieder. An den Ästen klettere ich höher und höher dem Himmel entgegen. Ins Laub bette ich mich. An den Wolken kann ich wohl trinken. Im dünnen Geäst werde ich leichter und leichter, schon scheint mir der Mond durch die Rippen und als Nachtwind weht mir das Haar.

Dort, wo der Mond am dunkelsten ist und die Nacht ganz kalt, steht, sagt man, ein Häuschen. In dem Haus ist ein Schrank, in dem Schrank ist ein Schrein. In dem Schrein ist ein Kästchen. In das Kästchen im Schrein, in den Schrein in dem Schrank, in den Schrank in dem Haus lege ich alles, was vergessen und niemals gewesen und nicht mal gewünscht sein soll, schiebe es ganz nach hinten in mir, schließe die Tür und verwehe.

Wie es war

Zwei Wochen vor seinem 70. Geburtstag, sagt meine Mutter, sei er gestorben, und dass sie einen Kranz geschickt hätten, wenn er sich nicht vor La Gomera hätte ins Meer kippen lassen.

La Gomera hört sich falsch an, denke ich, denn für mich gehört er nach Sylt, wo er irgendwann Ende der Siebziger wie viele andere Hamburger auch ein kleines Haus gekauft hatte, unten zwei Zimmer und oben noch einmal zwei, und im Garten einen Schuppen, auf dessen Dach sein Sohn B. und dessen Freunde später, schon waren die Neunziger angebrochen, lagen und in den Himmel starrten und Pfirsichsekt und Bier dazu tranken.

Das Haus war so scheußlich eingerichtet, wie Ferienhäuser es damals eben so waren. Alles stand voller Korbmöbel, die Polster waren orange oder braun, das Geschirr war grün und vermutlich in der Familienküche ausrangiert worden, aber vom Wohnzimmer aus konnte man zwischen Heckenrosen und Schlehen das Meer sehen, es roch nach Tang, und wenn man im Meer schwimmen war, konnte man im Garten des Hauses das Salz abduschen, bevor man ganz trocken war.

Er war Arzt. Er hatte eine Praxis in Hamburg, ausreichend Privatpatienten, er trug auch Sonntags und am Meer meistens weiß, und er spielte ebenso schlecht wie gern Gitarre. Ab und zu, wenn meine Freunde noch schliefen, traf ich ihn morgens auf der Terrasse, wie er ein bisschen klimperte, Bruchstücke sang und schwarzen Tee mit Milch aus klobigen, dänischen Bechern trank.

Er war freundlich. Er füllte den Kühlschrank für die Freunde seines Sohnes mit dem Käse, der immer als erster weg war. Er merkte sich, wer wie Kaffee trank. Er schenkte mir zweimal Bücher, weil ich sie besonders mochte, und als ich 16 wurde, stellte er mir Blumen ans Bett und bestellte in der Bäckerei in Keitum einen kleinen Kuchen. Es waren leichte, schwingende Sommer damals, wir waren immerzu verliebt, meistens unglücklich, küssten ständig versehtlich die Falschen, stritten uns, vertrugen uns wieder, tranken zu viel und benahmen uns so gut oder so schlecht wie es Leute eben tun, die nichts Ernsthaftes auszustehen haben, ohne das schon zu wissen. Irgendwann in diesen Sommern war ich auch mit seinem Sohn B. zusammen, nur ein paar Tage, höchstens Wochen, so dass ich ihn schon im selben Sommer gar nicht mehr mitzählte, wenn ich über meine Exfreunde sprach.

Ich nahm ihn gar nicht wahr. Oder nur so, wie man die Eltern seiner Freunde eben wahrnimmt, als mehr oder weniger angenehme Ressourcen eben, Institutionen, die sich in Funktionen erschöpfen. Ab und zu bemerkte ich, dass er uns mit mehr Aufmerksamkeit betrachtete, als andere, die sich nicht einmal merken konnte, wer da alles durchs Haus lief. Gelegentlich fotografierte er meine Freundin N. und mich und schenkte uns die Bilder.

Jahre später traf ich ihn noch einmal am Strand. Ich war mit meinem Freund in Hörnum, wir hatten uns gestritten, und ich war losgefahren, um irgendwo allein zu sein. Da saß er in Keitum, er war etwas grauer und kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte, aber er spielte noch Gitarre und er wusste sofort, dass ich Sekt trinken wollte und welchen Käse und Sesambrötchen am nächsten Tag. Es war ein bisschen kalt an diesem Abend, vielleicht war es schon September. Es gab Freixenet, weil ich den damals wirklich sehr gern trank. Ich glaube, er las mir Erich Fried vor, allen Ernstes Erich Fried, er spielte Lieder von Hannes Wader und Reinhard Mey, aber es passte zu ihm, und ich glaube, ich sang mit. Am nächsten Morgen lief ein Film mit Jeremy Irons und Juliette Binoche, die ich wunderschön fand, und er zeigte mir ein Bild von mir, schlafend, am Morgen meines 16. Geburtstags, und dann fuhr er mich nach Hörnum. Ich vertrug mich wieder mit meinem Freund, und er fuhr davon. Ich winkte vielleicht oder auch nicht, und dann sah ich ihn nie wieder. Und jetzt ist er tot.

Mit Winston Churchill in Mitte

Hörspiele also. Fiese Sache. Erst ist man begeistert, weil man denkt, nun hätte die fürchterliche Vorleserei der immer gleichen Lieblingsbücher ein Ende. Man fragt, sucht das Gewünschte, drückt dem Kind das iPad in die Hand, und dann ist Ruhe. Ich aber warne Sie: Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Der F. beispielsweise, an sich ein freundlicher und gutartiger Knabe, interessiert sich kaum für fiktionale Literatur, warum auch immer. Dafür ist er süchtig nach den Hörspielen der Reihe „was ist was“. Soweit ich es beurteilen kann, hört er sie völlig wahllos. Von „Spinnen“ über „Roboter“, von „Das Römische Reich“ über „Die bemannte Raumfahrt“ bis „Deutschland“ ist F. für alles zu haben. Wenn ihm etwas gefällt, dann hört er es so lange, bis er alles auswendig kann. Sein Lieblingshörspiel handelt von Deutschland, das hört sich erst mal harmlos an, aber tatsächlich spricht der F. seit Wochen vorwiegend von Hitler. Der kommt in diesem Hörspiel nämlich sozusagen über und über vor. Sie erinnern sich an Ihren Geschichtsunterricht.

In Berlin liegt die Beschäftigung mit Hitler natürlich nahe. Die ganze Stadt liegt voller Stolpersteine, Häuser haben manchmal Einschusslöcher, überall stehen Denkmäler herum, und seit der F. weiß, dass auch die deutsche Teilung auf Hitler und den Krieg zurückging, kommt er auf Hitler zu sprechen, sobald wir das Haus verlassen. Wenn wir das Haus nicht verlassen eigentlich auch. Heute immerhin ging es nicht um Hitler, seinen Aufstieg, sein fieses Benehmen gegenüber Bürgern und Gegnern, und dass sogar Kinder mitmachen mussten. Statt dessen ging es um Hitlers Gegner. Stalin ist sogar bei F. unbeliebt. Sein persönlicher Held heisst Winston Churchill.

Ich habe vor einigen hundert Jahren die Haffnerbiographie von Churchill gelesen und quasi alles vergessen. Aber fragen Sie mich heute irgendwas: Ich weiß es alles. Stellen Sie sich mich vor, mein iPhone in der rechten Hand, F. an der linken, wie ich durch Mitte laufe, und dem F. die Tories erkläre und die Whigs, wieso in England nur älteste Söhne adelig sind und was Adel überhaupt bedeutet, und dass man früher Offizier nicht einfach nach dem Abi wurde, sondern eine Militärakademie besuchte. Was Kriegsberichterstatter sind, und dass auch Mama einen kennt. Dass es früher eine Kavallerie gab, und dass Churchill in einer der letzten großen Kavallerieattacken mitritt, 1898 in Afrika. Und dass der letzte große, vergebliche und herzzerreißende Einsatz der Kavallerie wohl 1939 stattfand, als die polnische Kavallerie bei Krojanty gegen die deutschen Panzer ritt.

Über Wahlen weiß der F. gut Bescheid, aber das Geschäft der Politik ist ihm fremd. Das wird nicht so bleiben, denn der F. ist umgeben von Erwachsenen, deren Geschäft es ist, Mehrheiten zu organisieren oder zu zerrütten, Pläne zu schmieden, Gespräche zu führen, Halbsätze zu verhandeln, und ganz generell im Dienste der mehr oder weniger guten Sache andere Leute dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie ohne sanfte Massagen nicht täten. Gerade ist dem F. aber noch nicht zu erklären, was es mit Churchills Fraktionswechseln auf sich hat, und auch, was ein Radikaler überhaupt ist, bleibt ihm noch ein Rätsel.

Die Weltkriege immerhin, die kennt er. Die kommen nämlich oft vor bei „was ist was“, und deswegen springt der F. neben mir um so lebhafter herum, wenn ich von Churchills Rolle im ersten Weltkrieg erzähle. Hierzu hat auch der F. viel zu sagen, diesen Krieg findet er hochinteressant, und er hört gern von Schlachten zu Land, zu Wasser und in der Luft, und ich gebe es auf, ihn zum Pazifismus zu ermahnen, weil das bei kleinen Jungen vergeblich sein dürfte. Die finden Schlachten nämlich einfach gut.

Beim zweiten Weltkrieg – inzwischen stehen wir vorm Lafayette – ist der F. dann wieder in seinem Element. Er ist ziemlich stolzer Berliner, dass sozusagen die eigene Mannschaft hier gepatzt hat, ärgert ihn, aber an dieser Stelle der Geschichte, wechselt er emotional schlicht die Fronten. Die Geschichte, wie erst alle Leute Hitler unterschätzen, aber Churchill weiß früher als die anderen Bescheid und warnt und nervt, bis ihn alle beschimpfen, hört er mit jedesmal frisch abrufbarer Empörung. Die Kriegsjahre, an dieser Stelle ziehe ich wieder mein Handy aus der Tasche und lasse mir den Frontverlauf und die einzelnen Schlachten und das Woher und Wohin von Wikipedia erklären, sind ja quasi abendfüllend. Ausgewählte Teile trage ich dem F. vor, der quasi nebenbei in der Kinderabteilung des Lafayette mehrere Hosen anprobiert.

Den Sieg quittiert der F. mit begeistertem Quietschen. Er besteht darauf, seine Tasche selbst zu tragen, läuft mit Begeisterung ein paarmal um den gläsernen Trichter herum, um den das Lafayette einen Kinderspielplatz gebaut hat, und freut sich darauf, die Bücher Churchills eines Tages selbst zu lesen. Ich dagegen werfe einen wehmütigen Blick auf die wunderschönen Kinderkleider für kleine Mädchen, gegen die die blauen, grauen und beigefarbenen Bubenbekleidungen verblassen, und tröste mich, dass es schließlich genug kleine Mädchen rund um mich herum gibt, die ich beschenken könnte.

Komm, sage ich. Mama braucht noch Lippenstift, aber da lässt der F. die Unterlippe hängen, weil er schon Kleider für Mama grauenhaft öde findet, aber noch langweiliger findet er Kosmetik. Der F. ist trotz seiner Fünfjährigkeit bereits von der aufreizenden Gleichgültigkeit älterer Menschen männlichen Geschlechts, die im Interesse der Konfliktvermeidung ohne auch nur hinzuschauen beständig auch anlasslos erklären, man sähe fabelhaft aus, und deswegen meint er, Mama bedürfe weiterer Verschönerungen gar nicht. Entsprechend trampelt er, während ich einen Lippenstift nach dem anderen ausprobiere, unruhig mit den Füßen hin und her.

Bitte nur drei Minuten, bitte ich ihn, und strahle ihn so breit an, wie ich kann. Das mag er, dann strahlt er zurück, und manchmal läuft er dann einfach so auf offener Straße auf mich zu und umarmt mich. Hey, sage ich, als er seinen Kopf an meinen Bauch drückt. Mir fällt etwas ein. Dann nehme ich den neuen, himbeerroten Lippenstift mit und ziehe den F. drei Regale weiter. Hier ist es. Das Parfum Winston Churchills, benannt nach dem Schloss seiner Großeltern. Und obwohl die Verkäuferin ziemlich streng schaut, sprühe ich meinen F. verschwenderisch ein. Blenheim Bouquet, sage ich, und F. schnuppert an seinen Händen und freut sich und tanzt zwischen Tüchern und Hüten zur Friedrichstraße zurück.

Sommer, egal

Das war der Sommer, denkst du, wenn du nicht schlafen kannst und aufstehen musst und stehst auf dem Balkon. Das war ein bisschen wenig Badesee und Biergarten und nackte Beine und Kreuzberg nachts um halb fünf. Das war kein Sommer, an den du dich erinnern wirst, das waren keine großen Nächte, da war keine Sonne nur für dich da und keine Nacht hat dir ihre Dunkelheit tief in die Haut geschlagen und sich an deinem Blut so satt getrunken wie irgendwann vor Zeiten: Fast ist es nicht mehr wahr.

Wahrscheinlich wird der F. irgendwann von diesem Sommer erzählen, in dem er Schwimmen gelernt hat. Vielleicht erinnert sich der J. an einen kühlen Sommer auf dem Golfplatz. Ich aber, ich werde irgendwann nicht mehr wissen, was diesen Sommer war und was in die anderen Sommer gehört, die noch kommen, und ich wüsste manchmal gern, was mir an diesem Sommer einmal leidtun wird, wenn die letzten Sommer sich dem Ende neigen.

I Need the Cheats

Im Grunde, meine Damen und Herren, ist das hier nichts für mich. Schon das Setting. Ich habe schon nie verstanden, wie Leute Monate ihres Leben mit den Sims vergeuden können, um dann genau das zu tun, was sie auch sonst tun, also arbeiten, Häuser einrichten, Familien gründen und so. Ich mag meine Familie, ich lehne es jetzt auch nicht pauschal ab, Möbel zu kaufen, gleichwohl, wie kann man ernsthaft … aber ich schweife ab. Um darauf zurückzukommen: Ich hätte niemals ein Spiel gekauft, in dem eine mittelalte, mittelgroße und leicht übergewichtige Frau in blauen Kleidern in jedem neuen Level ein Büro aufsucht, oder kleine Geschicklichkeitsspiele auszuführen hat, auch mal ein Jump and Run so zwischendurch, in dem sie in einem tollkühnen Sprint versucht, doch noch auf den letzten paar Zentimetern Energy (der Balken im Bild färbt sich dunkelrot) von Terminal 1 zu Terminal 2 zu kommen. Oder gleichzeitig mit ihrer Mutter zu telefonieren, Spaghetti zu kochen und für ein um sie herumtanzendes Kind einen lachenden Pilz zu malen, ohne dass Stift, Handy oder Topf begleitet von einem dumpfen Knall herunterfallen, um auf dem Fußboden zu zerschellen.

Spätestens nach Level KW 33 hätten auch Sie, da bin ich mir ganz sicher, abgeschaltet. Die kurzen Filmsequenzen, in denen hässliche Gnome, sogenannte Taxifahrer, absurde Sachen sagen, scheinen sich zu wiederholen und sind auch nicht lustiger als deutsche Komiker, die im Fernsehen auftreten. Zu recht hätten auch Sie bemängelt, dass es durchweg gar nicht möglich war, die Verkehrsmittel zu erreichen, denen man nachjagen sollte. Außerdem ergibt die Storyline des Levels „Gottverdammter Dienstag“ keinen Sinn, weil ein halbwegs normaler Mensch nicht so geisteskrank agieren würde wie die ansonsten verdammt durchschnittliche Frau, deren Bedienung über ein Handy mit kaputtem Display jetzt auch nicht so wirklich Spaß macht. Sie hätten deswegen, oh geneigter Leser, die Frau einfach ausgemacht, was indes, wenn man dazu verdammt ist, diese Frau zu sein, natürlich keine ernsthafte Alternative darstellt. Nach gründlicher Überlegung sage ich deswegen hier: Ich brauche die Cheats.

Ich würde es etwa sehr begrüßen, wenn mit der Eingabe von SUN das Szenario sich schon so grundsätzlich verbessern würde. Ich möchte eine Stadt am Meer im Sonnenschein, architektonische Schönheiten gern gesehen. Mit HEIDION könnte man die Frau auf 1,78 vergrößern und gleichzeitig auf Kleidergröße 36 verschlanken. Sie könnte dann auf einmal auch ordentlich schreiten statt ständig zu stolpern. Mit ENDLICHMODERN hat sie auf einmal 24 verschiedene Kleidungsstücke zur Auswahl anstatt des immer gleichen (oder zumindest täuschend ähnlichen) blauen Kleides mit Blazer.

Mit WARTETAUFMICH würden auf einmal alle Verkehrsmittel erreicht. Mit BISTDUIRRE gewönne die Frau auf einmal die wunderbare Fähigkeit, im richtigen Moment nicht ans Telefon zu gehen oder wahlweise einfach aufzustehen und zu verschwinden. Bei Eingabe von DIEABSOLUTEMAMA wüchsen ihr mehrere Hände und Ohren. Ich gebe zu, dass die Eingabe von GODDESSMODESTE, worauf einfach alles funktioniert, dem Spielvergnügen ein wenig abträglich sein könnte, aber mit BAZOOKA würden die wesentlichen Probleme, die einem schönen Leben entgegenstehen, nach wenigen farbenfrohen, wenn auch nicht ganz geräuschlosen Minuten einfach so und endgültig verschwinden. Das wäre schön.