Nachts.

Ich mochte ihn ganz gern, aber ich habe ihn nicht geliebt. Manchmal sah ich ihn beim Hand in Hand Gehen von der Seite an, dann wunderte mich ein bisschen, weil er so vertraut tat, dabei hatte ich nie das Gefühl, zu wissen, wer er ist. Es dauerte nur ein paar Wochen, weil wir kein einziges gemeinsames Interesse hatten außer dem an einer Beziehung. Ansonsten war ich in jemand anders verliebt. In wen er verliebt war, weiß ich nicht. Ich hoffe, nicht in mich.

Nur eine Nacht verbrachten wir nebeneinander, in der sich seine Arme wie sehr lange Schlingpflanzen um mich legten. Ich lag neben ihm in seinem Kinderzimmer, sah die Kriegsschiffmodelle auf seinem Kieferregal an, die im Mondschein bizarre Schatten an die Tapete warfen, und konnte nicht schlafen.

Mit den Jahren wurde es besser, aber nicht gut. Alptraum, wenn es in Hotels nur eine Decke gab. Oder jemand es liebte, eng umschlungen einzuschlafen. Auf der Seite liegend zuzuschauen, wie die Vorhänge sich im Luftzug des geöffneten Fensters bewegen, als atmeten seine Träume im Leinen. Die Vögel, die jede Nacht auf dem gegenüberliegenden Haus landeten und sich wieder erhoben. Wenn sein Atem ruhig wurde, seinen Arm sehr sanft abstreifen, sich wegrobben und dann endlich schlafen.

Lange geglaubt, es läge an den Matratzenbewegungen. Oder an einem atavistischen Unsicherheitsgefühl, das nicht zwischen Freund und Feind unterscheidet. Heftig verliebt, liebend und geliebt todmüde vorsichtig die zehn Zentimeter weggerobbt, die es braucht, um Körperkontakt zu vermeiden.

Alles anders beim Sohn. Der Sohn schläft allein ein und besteht auch nicht auf einem Platz im großen Bett. Aber wenn, wie in den Ferien, wir fast gleichzeitig schlafen gehen, freut er sich so, wenn er neben mir liegt, dass ich es selten übers Herz bringe, es ihm zu verwehren. Der Sohn liegt dann direkt vor mir, mit ganzer Länge an mich geschmiegt. Er schläft schnell ein, meist braucht er nur Minuten. Rolle ich weg, greift er im Schlaf, auf einmal unruhig, nach hinten. Stehe ich vorsichtig auf, verziehen sich seine Mundwinkel, sein Schlaf wird flacher, sein Atem aufgeregt, auch wenn er nicht aufwacht.

Niemand sonst könnte so nah bei mir sein, ohne meinen Schlaf zu stören. Erst recht wäre jeder andere Körper viel zu warm. So aber wache ich manchmal morgens auf, der Sohn liegt halb auf meiner Schulter, und während wir beide langsam erwachen, freue ich mich dieser wenigen, schnell verrinnenden Jahre, bevor er von mir weggewachsen sein wird, erst nachts und dann immer.

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