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Die Liebe in Gedanken

Waren einmal ein junger Mann und eine Frau, lebten irgendwo in einem kleinen Dorf, und vielleicht wären sie damals zusammengekommen und hätten geheiratet, wenn sie nicht weggegangen wäre als einziges Mädchen aus dem Dorf und Lehrerin geworden wäre, und er blieb und wurde Installateur. Wenn sie in den Semesterferien nach Hause kam, traf sie ihn und sie sangen gemeinsam und er spielte Akkordeon.

War eine junge Lehrerin, die sang im Chor in der Kleinstadt, in der sie das Kultusministerium geschickt hatte, und traf einen Arzt, der Witwer war und drei Kinder hatte und heiratete ihn und bekam noch ein weiteres Kind. Gab ihren Beruf auf, erzog vier Kinder, und als der Arzt starb, war sie 40 und ging wieder unterrichten. Im Urlaub fuhr sie mit den vier Kindern in die Berge zelten oder setzte sie in den Zug in das Dorf, aus dem sie kam. Urlaub bei Oma.

War ein Installateur, der heiratete erst ein Mädchen aus dem Dorf, dann eine Frau aus dem sehr fernen Osten, die ihn beide verließen. Trank ein bisschen zuviel, hörte dann ganz auf zu trinken, wurde ziemlich wohlhabend und spielte abends allein im Garten seines sehr großen Hauses Akkordeon vor einem Brunnen.

Trafen sich der Mann und die Frau Jahr für Jahr in der Weihnachtsmesse, sie mit Eltern und vier Kindern. Er erst mit seiner Mutter. Dann allein. Freute sie sich irgendwann schon auf dem Weg ins Dorf auf den kurzen Schwatz. Trafen sie sich am ersten Weihnachtstag zum Weihnachtsbaumloben. Verabredeten sie sich irgendwann, als ihre vier Kinder schon recht groß waren. Spazierten sie einmal, zweimal, dreimal um das Dorf und fanden kein Ende. Saßen sie zu Silvester in ihrem Elternhaus und sangen gemeinsam zum Akkordeon.

Verkaufte sie das Haus ihrer Eltern. Verkaufte er die Firma und sein Haus. Kaufte er ein Haus am Mittelmeer und eine Wohnung in der Stadt, in der sie auch lebte. Wurde sie pensioniert. Fuhr sie mit ihm ans Meer. Zogen sie in der Stadt zusammen. Heirateten sie kurz vor Weihnachten vor drei Jahren.

Jetzt haben sie sich wieder getrennt. Ihre Mutter, meint meine Freundin, bleibe die letzten Jahre wohl lieber allein.

Tänzer

Ach, denke ich. Mal wieder tanzen. Nicht in irgendeiner fensterlosen Halle mit Leuten, die schrecklich schwitzen. Nicht im Dunklen. Vielleicht am Meer, am Abend auf einer weißen Terrasse über schimmerndem Sand. Vielleicht auf einer Wiese. Ich würde ein langes Kleid tragen, mit Blumen drauf, meine Schuhe ausziehen, damit meine Absätze nicht einsinken, es sollten Männer in Anzügen spielen, und ich würde die Augen schließen und solange tanzen, bis ich mich vergesse, verliere, mich auflöse in Sommer und Nacht, und käme am nächsten Morgen müde und frierend nach Hause, meine Schuhe ramponiert in der linken Hand.

Fürchte dich nicht

Vielleicht hat er’s von mir. Ich bin bis heute außerstande, einen Horrorfilm zu sehen, ohne mich in den Unterarm meines Nachbarn zu krallen, bis der glaubt, ich sei von der Dunklen Seite entsandt, um ihn zu zerfleischen. Oder es liegt an mangelnder Abhärtung, weil wir keinen Fernseher haben und in F.’s Anwesenheit auch keine Filme auf dem iPad sehen. Wie auch immer: Letzte Woche hätte der sechsjährige Sohn fast den Kinofilm „Biene Maja“ verlassen, weil die Aussicht, dass Majas Bienenstock den Sommerhonig herausgeben hätte müssen, fertig gemacht hat. Ungefähr die Hälfte des Films saß der F. stocksteif vor Aufregung auf meinem Schoß.

Im Flugzeug nach Thailand sah der F. dreimal hintereinander „Puh der Bär“, weil die ersten fünf Minuten Lego Ninjago genauso unerträglich spannend erschienen wie die von „101 Dalmatiner“. Und bei den von ihm geliebten Hörspielen kommt nur Wssstwsss gut an, die komplett ohne Spannungsbogen auskommen. Aber auch bei Büchern äußert sich eine gewissermaßen gesteigerte Empfindsamkeit. Die Sache mit den Drei Fragezeichen zum Beispiel ist ebenso wie die Geschichte mit Jesus, Pontius Pilatus und dem Kreuz nicht gut aufgenommen worden.

Letzt Woche dann beschloss ich, dass es so nicht weitergehen könne. Vermutlich ist es F.’s Ansehen nicht förderlich, wenn er im Kindergottesdienst schluchzt, wenn Gott, der Allmächtige und Allwissende, die Städte Sodom und Gomorrha mit Mann und Maus vernichtet. Ich zog also los und erwarb den ersten Band der Kinderbuchreihe „Der kleine Vampir“. Die älteren unter Ihnen kennen das Buch.

Am selben Abend setzte ich mich an des F. Bettrand, zückte das Buch und begann. Nach wenigen Zeilen bat der F. mich um den sofortigen Wechsel zu Bullerbü. Nach einigen Zeilen mehr versteckte er sich unter der Bettdecke. Zwei Stunden später stand er mit seiner Decke über dem Arm vor unserem Bett, kroch in die Mitte und ist bis zum heutigen Tage nicht mehr aus unserer Schlafstatt zu vertreiben.

Und um ganz sicherzugehen, kuschelt der F. seit neuestem mit Knoblauch.

Das Glück

Weil Freundin I. Schwangerschaftsdiabetes hat, habe ich schon am Freitag eine chinesische Tomatensuppe geplant, also so eine angedickte Hühnerbrühe mit Tomaten und verschlagenem Ei und Sesamöl, und danach Rindfleisch mit Paprika und Austernsauce aus dem Wok. Ananas und Zitronensorbet geht nur ganz wenig.

Weil am Samstag nach Leipzig keine Züge fahren, können M. und M. mit den Kindern nicht zum Familiengeburtstag fahren und melden sich kurzerhand auch noch bei uns an. Wir kennen uns alle ganz lange und so gut, dass wir in den Küchen der jeweils anderen bedenkenlos die Kühlschränke aufreißen und wissen, wo was in den Schränken steht, deswegen wundere ich mich überhaupt nicht, sondern kaufe einfach noch Tofu und Rindsgehacktes hinterher. Mit Knoblauch, Ingwer, Miso und Gochujang köchelt mein Mapo Tofu kurz vor vier auf dem Herd. Reis und Suppe stehen fertig in der Loggia.

Neben mir schneidet der F. sehr exakt und konzentriert Lauch in schmale Streifen. Der F. ist jetzt sechs und viel, viel geschickter als ich. Ich glaube, ihm ist noch nie etwas kaputtgegangen, und er hackt Ingwer, deckt Tische und verteilt Servietten durchaus gekonnt und mit beständig guter Laune. Das halbe Internet ist voll von Texten, in denen Eltern mit einem merkwürdigen Stolz auf ihre ungezogene Brut von lauthals plärrenden Gören berichten, die alles zertrümmern, was ihnen zu nahe kommt, bevor sie allnächtlich lautstarke Parties feiern, aber der F. isst und schläft wie eine eins, ist quasi nie krank und hilft bereitwillig im Haushalt. Auf einem Hocker steht er schließlich am Herd, rührt mit Stäbchen in einer Pfanne Rindfleisch und Paprika, damit sie nicht ansetzen, und schüttet mit der linken Hand gekonnt den ganz fein gewiegten Ingwer dazu.

Als ich noch klein war, mussten die Kinder in der Küche essen und die Erwachsenen saßen im Esszimmer. Bei mir sitzt jeder in der Küche, die Kinder lärmen direkt neben uns an einem Campingtisch, und verschlingen unglaubliche Mengen Reis mit Sojasauce und mikroskopisch kleine Portionen aller anderen Speisen. Der ganze Rest geht auf uns.

Urlaubsbedingt haben wir uns wochenlang nicht gesehen. Es geht um Urlaubsziele und Essen, alte Freunde und noch ältere Feinde, große und kleine Politik, Pläne für demnächst und später, und ab und zu rennt – längst sind die Kinder aufgestanden – ein einzelnes Kind in aberwitzigen Verkleidungen durch den Raum. Der M. holt beim Späti noch mehr Bier, ich trinke ein drittes Glas Scheurebe und der F. jagt eigenem Bekunden nach mit den beiden Kindern von M. und M. in seinem Zimmer eine Mücke.

Kurz vor acht ist Schluss. Der Besuch verabschiedet sich, der F. gähnt und während der J. in der Küche die Spülmaschine einräumt, lese ich dem F. vor. Der kleine Vampir, gestern frisch gekauft, wird als „zu spannend“ abgelehnt, Bullerbü soll es sein, und so liegt der F. mit roten, runden Wangen gelöst auf meinem linken Arm, während ich Lisa und Britta auf Oles kleine Schwester aufpassen lasse, und der F. auf meinem Arm langsam schwerer und schwerer wird, bis sein Kopf zur Seite fällt. Leise gehe ich raus.

Schön, schreibe ich meiner Mutter auf WhatsApp, die wissen will, wie mein Wochenende war. Dass ich im Kino war, zweimal, und spazieren, und Freunde gesehen habe und Besuch hatte, und dass es mir sehr, sehr gut geht, und vielleicht ist das schon das Glück.

Wenn Shiva tanzt

Die indische Mythologie ist wahnsinnig verwirrend. Vermutlich stehen Inder ebenso fassungslos vor den Erzählungen eines Wüstestammes, der im Laufe der Jahrhunderte viel Ärger mit seinem ausgesprochen rachsüchtigen Gotte hatte und im Nahen Osten bedingt durch seine rauhbeinigen Nachbarstämme ganz gut rumgekommen ist. Aber bei den alten Indern erinnere ich mich im Wesentlichen nur noch an die vielarmige Göttin der Zerstörung und den tanzenden Shiva. Der stand aus Messing in einem Rad auf einer Fensterbank, die der Mutter des S. gehörte, einer immer leicht theatralischen Dame, Therapeutin, gern gekleidet in sackartige Tuniken mit Mustern wie englische Tapeten.

Diese ständige Präsenz des indischen Gottes der beständigen Wiederkehr muss auf den S. irgendeine hypnotische Wirkung ausgeübt haben.  Ich weiß aus sicherer Quelle, dass sein Mittelinitial „W.“ für Widukind steht und nicht für Wiederholung, aber Shiva scheint das anders zu sehen. Aber urteilen Sie selbst.

*

Der S. ist – wie die meisten von uns – Jurist. Er ist mittelmäßig attraktiv, durchschnittlich intelligent, normal freundlich und von mittlerem Temperament. Anders als andere Juristen, die erst mit Ende 30 allerfrühestens zur Familiengründung schreiten, heiratete der S. völlig überraschend mit 28  und wurde im gleichen Jahr Vater. Seine Frau kenne ich nur von Bildern, aber sie wurde mir als blond, sanft und ein bisschen dumm geschildert. Es handelte sich um eine Krankenschwester.

Der S. promovierte, wurde Anwalt, arbeitete sehr viel und fing eine Affäre mit einer Sekretärin an. Irgendwann wurde die Sekretärin schwanger, der S. musste sich entscheiden, der S. entschied sich für die neue Frau, die mir als blond, sanft und ein bisschen dumm geschildert wurde. Der S. war damals 37.

Der S. blieb Anwalt, wurde Notar, Partner der Kanzlei in der beschaulichen Universitätsstadt, in der er er sich ein Haus renovierte. Grüne Fensterläden, Rosen im Garten, noch ein weiteres Kind. Der S. wurde etwas stark in dieser Zeit, vor allem um die Hüften, aber auch seine Frau wurde wohl etwas mollig und noch behäbiger als zuvor. Es nahm also niemanden wirklich wunder, dass der S. irgendwann den Verlockungen der ihn umgebenden Weiblichkeit nicht mehr widerstand, höchstens, dass es diese Verlockungen überhaupt gab, aber wie auch immer: Der S. fiel in Liebe mit einer Physiotherapeutin, die mir als – ja, ja – blond, sanft und ein bisschen dumm geschildert wurde. Seine Frau zog zurück zu ihrer Mutter und fordert einen Haufen Geld, den sie vermutlich nicht bekommen wird. Die Physiotherapeutin zog bei ihm ein.

Und nun wartet die Welt auf das Kind. Auf die Scheidung. Und auf die nächste blonde, sanfte und ein bisschen dumme Frau an des S. Seite.

*By 23 dingen voor musea from Nederland (Shiva Nataraja) [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Schon morgen

Auf einmal wach. Durch die Holzlamellen der Jalousie wirft der Pool zitternde Schlieren aus weißem Licht an die Schlafzimmerdecke, und irgendwo sprechen zwei Männer leise in einem fremden Idiom miteinander, das ich nicht einordnen kann. Es ist sieben Uhr früh.

Die heiße Nacht hat meine Haut mit einem Film aus Schweiß überzogen, und meinem Sohn F. klebt der hellbraune Pony feucht in der Stirn. Sehr klein und sehr friedlich sieht er aus, wie er so neben mir schläft, die Hände geöffnet und das Gesicht ganz still. Rotwangig wie ein Apfel. Auf seinem T-Shirt fährt ein VW-Bus durch ein Gebirge. Ob er in seinen Träumen wohl auch durch die Berge reist, den Wolken so nah wie nirgendwo sonst?

Morgen mittag schon werden wir unsere Koffer packen und fahren nach Bangkok. Morgen Abend sitze ich irgendwo im sechzigsten Stock auf dem Dach und unter mir glitzert die Stadt. Heute ist unser letzter Tag am Meer. Noch einmal durch den Pool schwimmen, über den sich die Kokospalmen neigen, als würden sie mich beschenken wollen mit Süße und Duft, noch einmal am Meer, wenn der Himmel in tausend Farben schwelgt wie die Wellen, und noch einmal der Wind, der landeinwärts weht wie die Winde es nur am Meer vermögen, wenn sie sich nach dem Frieden der Wälder verzehren.

Königin

Als es anfing, fiel es gar nicht auf. Sie hatte ja schon immer elegante Kleider geliebt, schöne Stoffe, Hüte sowieso, sehr gern mit kleinem Schleier, und als Chefsekretärin war sie es seit den Sechzigern gewohnt, an der Seite ihres sehr schwulen Chefs offizielle Essen und Empfänge zu besuchen und mit ihm zu verreisen. Sie war damals überall, sogar in Persien und Moskau, und die beiden Söhne fanden sie wunderschön in ihren Etuikleidern mit kleinem Jäckchen, in den duftigen, bunten Cocktailkleidern und den großen Roben. Außerdem waren der K. und sein Bruder in den letzten Jahren so selten da, denn beide Brüder wohnen in Berlin, da erschien es schon fast selbstverständlich, dass ihre Mutter sich festlich anzog, wenn sie kamen, und überdies liebten die Töchter des K. die Kleider der Großmutter und zogen sich selbst ebenfalls aufwendig an, wenn sie nach Bad Bergzabern fuhren, wo die Großmutter sich ein kleines Haus mit Türmchen und schmiedeeisernem Schnörkeltor gekauft hatte, als sie Mainz und den Großvater verlassen hatte nach ihrer Pensionierung.

Irgendwann fiel dem K. auf, dass seine Mutter sich einen richtigen Thron gekauft hatte, in dem sie an der Stirnseite der häuslichen Tafel präsidierte. Es war ein sehr hoher Stuhl, in der Mitte war eine eingeschnitzte Krone, und das Kissen, auf dem sie saß, war aus rotem Samt. Er freute sich wirklich, denn der K. liebt es selbst, sich und seine Feste zu inszenieren. Das hat er von ihr, sagt er, denn auch ihre Einladungen waren damals, als K. klein war, legendär.

Nie verlor sie ihre Haltung und Grazie, bis heute. Nie fiel sie öffentlich aus dem Rahmen. Irgendwann fiel es dem K. natürlich schon auf, dass sie zum Essen am Nikolaustag ein Kleid aus einem silbern bestickten Brokat trug und ein Diadem, das sehr echt aussah, aber – wie sie zur Beruhigung beider Brüder versicherte – aus dem Opernfundus stammt. Außerdem aß sie nun täglich auch ganz allein von dem früher nur zu Feiertagen aufgelegten Silber und dem Meissner Porzellan. Der K. findet das aber gut, denn wozu Silber und Porzellan schonen, wenn man es eh nicht mitnehmen kann ins wie auch immer geartete Jenseits, und der K. wäre garantiert der letzte, der die nächsten dreißig Jahre von Meissner Efeu essen will.

Die Jahre kamen und gingen, die Mutter wurde kleiner, nicht aber gebeugter, und der K. inspizierte ab und zu Neuanschaffungen wie eine Art Szepter, ebenso aus dem Fundus eines Theaters, einen roten Läufer, und unterhielt sich unauffällig mit den Nachbarn und den anderen Leuten in der Kirchengemeinde. Bis heute preist man seine Mutter in Bad Bergzabern wegen ihrer Hilfsbreitschaft und ihrer wohlschmeckenden Torten, und so hat der K. bisher keinerlei Anlass, einzuschreiten, obwohl, wie man mir erzählt, ernsthafte Anzeichen dafür bestehen, dass seine weit über achtzigjährige Mutter inzwischen sogar mit Diadem fernsehend auf dem Sofa sitzt, während die langjährige philippinische Kraft ohne das geringste Zeichen des Erstaunens ungerührt um sie herum den Boden wischt. Die Kraft jedenfalls ist mit der Mutter ebenfalls sehr zufrieden, denn diese sei nicht nur großzügig, sondern auch freundlich und gar nicht herablassend.

Aber als Königin ist dies ja eigentlich selbstverständlich.

Das Mädchen aus der Eisenbahn

Geben Sie ruhig zu: Sie machen das auch. Ich jedenfalls – allerdings fällt mir das aus naheliegenden Gründen auch etwas leichter als anderen Leuten – tue jedenfalls fast schon regelmäßig so, als verstünde ich kein Deutsch, wenn es mir gerade in den Kram passt, und auch meine liebe Freundin A. hebt auf absolut entwaffnende Art und Weise hilflos die Schultern, wenn Leute sie in unerwünschte Gespräche verwickeln wollen. Meistens erspart diese kleine, ganz und gar harmlose Flunkerei einem selbst zähe Konversationen. Manchmal aber, wenn auch ganz selten, geht das schief.

Die A. beispielsweise saß vor fast 20 Jahren in einem ICE und fuhr nach Hause. Die A. stammt nicht aus Berlin, sondern aus einer Kleinstadt in Hessen, und die Hessen, sagt sie, seien überaus gesprächig, dabei zudem entsetzlich distanzlos, und so hatte sie sich mit einer US Vogue präpariert und blätterte durch die mehrere hundert Seiten Werbung, aus denen dieses Periodikum besteht.

Der S. ließ sich jedoch hiervon nicht abhalten. Die A. hat seither bei solchen Gelegenheiten immer Zeitschriften in völlig abwegigen Sprachen gekauft. Die Vogue gibt es immerhin in vielen Ländern. Aber damals sah der S. sie erst an, dann sprach er sie an, natürlich auf englisch, sie nannte ihm einen englischen Allerweltsnamen, und schließlich verabredete er sich mit ihr am folgenden Tage. Der S. war damals sehr attraktiv. Die A. ging also hin.

Die A. war damals, heute darf man sagen, vielleicht ein wenig leichtlebig. Außerdem war ihr heutiger Mann damals noch längst nicht so amüsant wie heute. Die A. blieb also über Nacht.

Nun ist es ein wenig schwer, nach dem Anknüpfen einer Bekanntschaft irgendwann zu gestehen, dass man zum einen nicht heisst, wie man zu heißen behauptet hat. Und auch nicht Engländerin ist. Und erst recht unmöglich erscheint dies am Morgen nach einer gemeinsamen Nacht, und so blieb die A. kurzerhand bei dieser Version, richtete eine E-Mail-Adresse für ihren englischen Namen ein und kommunizierte in den nächsten Jahren immer mal wieder mit dem S. über diesen Kanal. Ab und zu traf man auch mal aufeinander. Dann verlor sich der Kontakt.

Mehr als ein Jahrzehnt dachte die A. nie an den S. Mein Gott, man kann schließlich nicht an jeden denken, insbesondere dann nicht, wenn, wie im Falle der A., schon fast jeder, den man so trifft, ziemlich ausführlich an einen selbst. denkt, denn die A. ist sehr einnehmend und überaus schön. Ein ausgewogenes Gegenseitigkeitsverhältnis im Einzelfall ist da vielleicht ein bisschen viel verlangt. Vermutlich hätte die A. den S. in den nächsten Jahren ganz und gar vergessen, wenn er nicht auf einmal auf einem Gartenfest vor ihr gestanden hätte, das die A. mit ihrem Mann im Sommer besuchte.

Der Gastgeber stellte die A. und den S. einander vor. Die A. natürlich mit ihrem richtigen Namen. Die A. lächelte also freundlich, betrieb Konversation, zeigte keinerlei Zeichen des Erkennens und wich dem S. tendenziell schon eher so ein wenig aus. Der S. schaute stirnrunzelnd ein paarmal zur A. hinüber, aber dann ging alles gut, der S. ging irgendwann, die A. und ihr Mann gingen auch. Die A. atmete auf.

Einige Wochen später jedoch erhielt die A. eine Freundschaftsanfrage auf facebook. Man hat gemeinsame Freunde, an sich ist das nicht näher erstaunlich, man stellte auch schnell Gemeinsamkeiten fest, und weil der S. immer noch ungemein attraktiv ist, verabredete man sich tatsächlich in einem Café. Da saßen sie also, die A. und der S., und aßen Torte und tranken Tee.

Die A. wartete und sah den S. von der Seite an. Der S. lächelte, charmierte, erzählte von zuhause, was er so beruflich macht, und irgendwann, es war spät geworden, strahlte er die A. an und nahm ihre Hand.  Sie würde, so sagte er, ihn an ein Mädchen erinnern, das er einmal kannte. Oh, sagte die A. Ja, nickte der S. Lange sei das her. Eine Engländerin sei das gewesen, fuhr er fort. Leider sei damals nichts draus geworden.

Er habe, so sagte er, sie sehr geliebt.

Journal :: 28.11.2017

Ich kenne wahnsinnig erwachsene Leute, Monumente des Establishments, die mit der ernsthaftesten Miene der Welt extrem seriöse Sachen sagen. Manche dieser Leute mag ich sogar gern. Vermutlich, aber wer weiß das genau, haben aber auch diese Leute Freunde, mit denen sie ganz und gar nicht ernsthafte Gespräche führen, viel zu viel Bier trinken, wahnsinnige Pläne schmieden und sich darüber unterhalten, was sie werden wollen, wenn sie mal groß sind, dabei sind sie auch schon über vierzig.

Freund M. und ich wollen jedenfalls berühmte Schriftsteller werden, zumindest nach drei Bier und einer ordentlichen Portion Hummus, und nach einem weiteren Bier glaube ich sogar, dass das hinhaut. Einen Plot habe ich auch schon, mehr Zeit zum Schreiben habe ich hoffentlich sehr bald, und so fahre ich Stunden später viel zu spät, aber sehr fröhlich nach Hause in den Prenzlauer Berg und freue mich auf den Winter, auf das nächste Jahr, auf die Zukunft, die ich mir sehr lustig vorstelle, ein bisschen abenteuerlich und sehr verwegen, zumindest für die Verhältnisse einer so erwachsenen Person wie mich, die in den Augen Dritter vermutlich auch sehr, sehr seriöse Sachen sagt.

Journal :: 27.11.2017

Kurz ergreift mich das Bedürfnis, mit etwas zu werfen, aber was nützt das, wenn derjenige, nach dem man es werfen möchte, leider nicht anwesend ist, sondern einen telefonisch sozusagen verhöhnt, ohne das auch nur zu bemerken. Passenderweise ist es draußen dunkel und kalt, über die Fenster läuft schwarzer Regen, und obwohl es so aussieht, als würde es nie wieder hell, ist es eigentlich erst kurz nach fünf, und hier ist nicht der Hades, sondern bloß ein Büro.

Auch der Mann am anderen Ende der Telefonverbindung steht in einem Büro und wollte vor zehn Minuten mit mir über Kekse sprechen und über unsere Chancen, unsere Kinder doch noch christlich beschulen zu lassen und sie nicht dem gottlosen Berliner Bildungssystem in den schadhaften Rachen zu werfen. Von diesen Themen ist er dann allerdings abgekommen und nun sprechen wir seit zehn Minuten über Bücher. Ich lobe Kehlmanns „Tyll“, mit dem dem Meister des eleganten, ein wenig leblosen Plots nun wider Erwarten doch ein Roman gelungen ist, in dem der Dreck stinkt und Körper atmen, und in dem die Magie wirklich lebt und webt und nicht nur zitiert und behauptet wird. Aha, sagt er und schweigt für eine Minute. Dich, sage ich, um das Schweigen nicht über Gebühr auszudehnen, habe ich auch kürzlich zwischen zwei Buchdeckeln getroffen, und er lacht und fühlt sich, glaube ich, ein wenig geschmeichelt.

Ich dich auch, sagt er. Ich ziehe scharf die Luft ein und fürchte mich ein bisschen. In der Tat. Ich fürchte mich zu recht. Isabel, sagt er. Isabel in Jackie Thomaes „Momente der Klarheit“, dieses sehr wahre, sehr traurige, sehr treffsichere und unglaublich lustige Buch von vor ein paar Jahren über halb kreative, halb bürgerliche Mittvierziger in Berlin, die alle einmal etwas mit allen hatten, und in vielen kurzen Episoden jeweils den einen Moment erleben, in dem sie feststellen, dass die Liebe vorbei ist, und dann weitermachen oder auch nicht.

Wieso ausgerechnet Isabel, frage ich. War diese Isabel nicht Videokünstlerin? Ich habe eine intensive Abneigung gegen Videokunst. Und ist Isabel nicht eine ziemlich überspannte Person, die in Regisseur Engelhardt erst das Gefühl hervorgerufen hatte, ein jahrzehntelanger Irrtum habe sich endlich aufgeklärt, um dann Knall auf Fall zu einem Fremden zu ziehen, und Engelhardt auch noch den Umzug machen zu lassen? Eine Person, die im Personenverzeichnis als ebenso gewinnend wie angriffslustig bezeichnet wird? Die fiese, Haare ausreißende Schwester von Natalie, die eigentlich nur in emotionalen Extremen existiert? Die dann den total langweiligen Anwalt Clemens am Schlachtensee kennenlernt, der sich irgendwann von ihr trennt, weil sie sich offenkundig nicht die Bohne für ihn interessiert.

Ausgerechnet Isabel, ächze ich und überlege, ob eine Schädeldecke wohl bricht, wenn man mit einem schweren Locher auf sie einschlägt. Hier liegt ein Irrtum vor, proklamiere ich. Ich halte mich in der Tat eher für etwas zu kontrolliert als für das Gegenteil. Und ich mag manchmal Launen haben, aber ich bin Meilen entfernt von einer Frau, die die eigene Schwester für eine bisweilen gefährliche Borderlinerin hält, und nicht zuletzt seit über 20 Jahren in beispielhafter emotionaler Stabilität dem geschätzten Gefährten verbunden. Jaja, lacht man mich aus, und dann spricht man übergangslos wieder über Kekse.

Und hier sitze ich nun und denke darüber nach, welch schreiendes Unrecht es bedeutet, von seinen engsten Freunden so bösartig verkannt zu werden, und wie man sich hierfür als gesetzte Dame in durchaus mittleren Jahren am gediegensten rächt. Vorschläge gern in die Kommentare oder per E-Mail.