Allgemein

Verwehe

Aber vielleicht schlafe ich heute Nacht gar nicht ein. Auch wenn ich müde bin. Vielleicht ziehe ich mich wieder an, stattdessen: Mein rotes Kleid, die Silberschuhe und rote Lippen für den Mann im Mond. Die Tür ziehe ich hinter mir zu.

Zu meiner Rechten hinter Hagebutten und Gestrüpp glänzt der See. Zu meiner Linken streifen Füchse durchs Feld und zählen mir Hasen. Irgendwo steht eine Eiche für mich, und die Raben singen mir Lieder. An den Ästen klettere ich höher und höher dem Himmel entgegen. Ins Laub bette ich mich. An den Wolken kann ich wohl trinken. Im dünnen Geäst werde ich leichter und leichter, schon scheint mir der Mond durch die Rippen und als Nachtwind weht mir das Haar.

Dort, wo der Mond am dunkelsten ist und die Nacht ganz kalt, steht, sagt man, ein Häuschen. In dem Haus ist ein Schrank, in dem Schrank ist ein Schrein. In dem Schrein ist ein Kästchen. In das Kästchen im Schrein, in den Schrein in dem Schrank, in den Schrank in dem Haus lege ich alles, was vergessen und niemals gewesen und nicht mal gewünscht sein soll, schiebe es ganz nach hinten in mir, schließe die Tür und verwehe.

Wie es war

Zwei Wochen vor seinem 70. Geburtstag, sagt meine Mutter, sei er gestorben, und dass sie einen Kranz geschickt hätten, wenn er sich nicht vor La Gomera hätte ins Meer kippen lassen.

La Gomera hört sich falsch an, denke ich, denn für mich gehört er nach Sylt, wo er irgendwann Ende der Siebziger wie viele andere Hamburger auch ein kleines Haus gekauft hatte, unten zwei Zimmer und oben noch einmal zwei, und im Garten einen Schuppen, auf dessen Dach sein Sohn B. und dessen Freunde später, schon waren die Neunziger angebrochen, lagen und in den Himmel starrten und Pfirsichsekt und Bier dazu tranken.

Das Haus war so scheußlich eingerichtet, wie Ferienhäuser es damals eben so waren. Alles stand voller Korbmöbel, die Polster waren orange oder braun, das Geschirr war grün und vermutlich in der Familienküche ausrangiert worden, aber vom Wohnzimmer aus konnte man zwischen Heckenrosen und Schlehen das Meer sehen, es roch nach Tang, und wenn man im Meer schwimmen war, konnte man im Garten des Hauses das Salz abduschen, bevor man ganz trocken war.

Er war Arzt. Er hatte eine Praxis in Hamburg, ausreichend Privatpatienten, er trug auch Sonntags und am Meer meistens weiß, und er spielte ebenso schlecht wie gern Gitarre. Ab und zu, wenn meine Freunde noch schliefen, traf ich ihn morgens auf der Terrasse, wie er ein bisschen klimperte, Bruchstücke sang und schwarzen Tee mit Milch aus klobigen, dänischen Bechern trank.

Er war freundlich. Er füllte den Kühlschrank für die Freunde seines Sohnes mit dem Käse, der immer als erster weg war. Er merkte sich, wer wie Kaffee trank. Er schenkte mir zweimal Bücher, weil ich sie besonders mochte, und als ich 16 wurde, stellte er mir Blumen ans Bett und bestellte in der Bäckerei in Keitum einen kleinen Kuchen. Es waren leichte, schwingende Sommer damals, wir waren immerzu verliebt, meistens unglücklich, küssten ständig versehtlich die Falschen, stritten uns, vertrugen uns wieder, tranken zu viel und benahmen uns so gut oder so schlecht wie es Leute eben tun, die nichts Ernsthaftes auszustehen haben, ohne das schon zu wissen. Irgendwann in diesen Sommern war ich auch mit seinem Sohn B. zusammen, nur ein paar Tage, höchstens Wochen, so dass ich ihn schon im selben Sommer gar nicht mehr mitzählte, wenn ich über meine Exfreunde sprach.

Ich nahm ihn gar nicht wahr. Oder nur so, wie man die Eltern seiner Freunde eben wahrnimmt, als mehr oder weniger angenehme Ressourcen eben, Institutionen, die sich in Funktionen erschöpfen. Ab und zu bemerkte ich, dass er uns mit mehr Aufmerksamkeit betrachtete, als andere, die sich nicht einmal merken konnte, wer da alles durchs Haus lief. Gelegentlich fotografierte er meine Freundin N. und mich und schenkte uns die Bilder.

Jahre später traf ich ihn noch einmal am Strand. Ich war mit meinem Freund in Hörnum, wir hatten uns gestritten, und ich war losgefahren, um irgendwo allein zu sein. Da saß er in Keitum, er war etwas grauer und kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte, aber er spielte noch Gitarre und er wusste sofort, dass ich Sekt trinken wollte und welchen Käse und Sesambrötchen am nächsten Tag. Es war ein bisschen kalt an diesem Abend, vielleicht war es schon September. Es gab Freixenet, weil ich den damals wirklich sehr gern trank. Ich glaube, er las mir Erich Fried vor, allen Ernstes Erich Fried, er spielte Lieder von Hannes Wader und Reinhard Mey, aber es passte zu ihm, und ich glaube, ich sang mit. Am nächsten Morgen lief ein Film mit Jeremy Irons und Juliette Binoche, die ich wunderschön fand, und er zeigte mir ein Bild von mir, schlafend, am Morgen meines 16. Geburtstags, und dann fuhr er mich nach Hörnum. Ich vertrug mich wieder mit meinem Freund, und er fuhr davon. Ich winkte vielleicht oder auch nicht, und dann sah ich ihn nie wieder. Und jetzt ist er tot.

Mit Winston Churchill in Mitte

Hörspiele also. Fiese Sache. Erst ist man begeistert, weil man denkt, nun hätte die fürchterliche Vorleserei der immer gleichen Lieblingsbücher ein Ende. Man fragt, sucht das Gewünschte, drückt dem Kind das iPad in die Hand, und dann ist Ruhe. Ich aber warne Sie: Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Der F. beispielsweise, an sich ein freundlicher und gutartiger Knabe, interessiert sich kaum für fiktionale Literatur, warum auch immer. Dafür ist er süchtig nach den Hörspielen der Reihe „was ist was“. Soweit ich es beurteilen kann, hört er sie völlig wahllos. Von „Spinnen“ über „Roboter“, von „Das Römische Reich“ über „Die bemannte Raumfahrt“ bis „Deutschland“ ist F. für alles zu haben. Wenn ihm etwas gefällt, dann hört er es so lange, bis er alles auswendig kann. Sein Lieblingshörspiel handelt von Deutschland, das hört sich erst mal harmlos an, aber tatsächlich spricht der F. seit Wochen vorwiegend von Hitler. Der kommt in diesem Hörspiel nämlich sozusagen über und über vor. Sie erinnern sich an Ihren Geschichtsunterricht.

In Berlin liegt die Beschäftigung mit Hitler natürlich nahe. Die ganze Stadt liegt voller Stolpersteine, Häuser haben manchmal Einschusslöcher, überall stehen Denkmäler herum, und seit der F. weiß, dass auch die deutsche Teilung auf Hitler und den Krieg zurückging, kommt er auf Hitler zu sprechen, sobald wir das Haus verlassen. Wenn wir das Haus nicht verlassen eigentlich auch. Heute immerhin ging es nicht um Hitler, seinen Aufstieg, sein fieses Benehmen gegenüber Bürgern und Gegnern, und dass sogar Kinder mitmachen mussten. Statt dessen ging es um Hitlers Gegner. Stalin ist sogar bei F. unbeliebt. Sein persönlicher Held heisst Winston Churchill.

Ich habe vor einigen hundert Jahren die Haffnerbiographie von Churchill gelesen und quasi alles vergessen. Aber fragen Sie mich heute irgendwas: Ich weiß es alles. Stellen Sie sich mich vor, mein iPhone in der rechten Hand, F. an der linken, wie ich durch Mitte laufe, und dem F. die Tories erkläre und die Whigs, wieso in England nur älteste Söhne adelig sind und was Adel überhaupt bedeutet, und dass man früher Offizier nicht einfach nach dem Abi wurde, sondern eine Militärakademie besuchte. Was Kriegsberichterstatter sind, und dass auch Mama einen kennt. Dass es früher eine Kavallerie gab, und dass Churchill in einer der letzten großen Kavallerieattacken mitritt, 1898 in Afrika. Und dass der letzte große, vergebliche und herzzerreißende Einsatz der Kavallerie wohl 1939 stattfand, als die polnische Kavallerie bei Krojanty gegen die deutschen Panzer ritt.

Über Wahlen weiß der F. gut Bescheid, aber das Geschäft der Politik ist ihm fremd. Das wird nicht so bleiben, denn der F. ist umgeben von Erwachsenen, deren Geschäft es ist, Mehrheiten zu organisieren oder zu zerrütten, Pläne zu schmieden, Gespräche zu führen, Halbsätze zu verhandeln, und ganz generell im Dienste der mehr oder weniger guten Sache andere Leute dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie ohne sanfte Massagen nicht täten. Gerade ist dem F. aber noch nicht zu erklären, was es mit Churchills Fraktionswechseln auf sich hat, und auch, was ein Radikaler überhaupt ist, bleibt ihm noch ein Rätsel.

Die Weltkriege immerhin, die kennt er. Die kommen nämlich oft vor bei „was ist was“, und deswegen springt der F. neben mir um so lebhafter herum, wenn ich von Churchills Rolle im ersten Weltkrieg erzähle. Hierzu hat auch der F. viel zu sagen, diesen Krieg findet er hochinteressant, und er hört gern von Schlachten zu Land, zu Wasser und in der Luft, und ich gebe es auf, ihn zum Pazifismus zu ermahnen, weil das bei kleinen Jungen vergeblich sein dürfte. Die finden Schlachten nämlich einfach gut.

Beim zweiten Weltkrieg – inzwischen stehen wir vorm Lafayette – ist der F. dann wieder in seinem Element. Er ist ziemlich stolzer Berliner, dass sozusagen die eigene Mannschaft hier gepatzt hat, ärgert ihn, aber an dieser Stelle der Geschichte, wechselt er emotional schlicht die Fronten. Die Geschichte, wie erst alle Leute Hitler unterschätzen, aber Churchill weiß früher als die anderen Bescheid und warnt und nervt, bis ihn alle beschimpfen, hört er mit jedesmal frisch abrufbarer Empörung. Die Kriegsjahre, an dieser Stelle ziehe ich wieder mein Handy aus der Tasche und lasse mir den Frontverlauf und die einzelnen Schlachten und das Woher und Wohin von Wikipedia erklären, sind ja quasi abendfüllend. Ausgewählte Teile trage ich dem F. vor, der quasi nebenbei in der Kinderabteilung des Lafayette mehrere Hosen anprobiert.

Den Sieg quittiert der F. mit begeistertem Quietschen. Er besteht darauf, seine Tasche selbst zu tragen, läuft mit Begeisterung ein paarmal um den gläsernen Trichter herum, um den das Lafayette einen Kinderspielplatz gebaut hat, und freut sich darauf, die Bücher Churchills eines Tages selbst zu lesen. Ich dagegen werfe einen wehmütigen Blick auf die wunderschönen Kinderkleider für kleine Mädchen, gegen die die blauen, grauen und beigefarbenen Bubenbekleidungen verblassen, und tröste mich, dass es schließlich genug kleine Mädchen rund um mich herum gibt, die ich beschenken könnte.

Komm, sage ich. Mama braucht noch Lippenstift, aber da lässt der F. die Unterlippe hängen, weil er schon Kleider für Mama grauenhaft öde findet, aber noch langweiliger findet er Kosmetik. Der F. ist trotz seiner Fünfjährigkeit bereits von der aufreizenden Gleichgültigkeit älterer Menschen männlichen Geschlechts, die im Interesse der Konfliktvermeidung ohne auch nur hinzuschauen beständig auch anlasslos erklären, man sähe fabelhaft aus, und deswegen meint er, Mama bedürfe weiterer Verschönerungen gar nicht. Entsprechend trampelt er, während ich einen Lippenstift nach dem anderen ausprobiere, unruhig mit den Füßen hin und her.

Bitte nur drei Minuten, bitte ich ihn, und strahle ihn so breit an, wie ich kann. Das mag er, dann strahlt er zurück, und manchmal läuft er dann einfach so auf offener Straße auf mich zu und umarmt mich. Hey, sage ich, als er seinen Kopf an meinen Bauch drückt. Mir fällt etwas ein. Dann nehme ich den neuen, himbeerroten Lippenstift mit und ziehe den F. drei Regale weiter. Hier ist es. Das Parfum Winston Churchills, benannt nach dem Schloss seiner Großeltern. Und obwohl die Verkäuferin ziemlich streng schaut, sprühe ich meinen F. verschwenderisch ein. Blenheim Bouquet, sage ich, und F. schnuppert an seinen Händen und freut sich und tanzt zwischen Tüchern und Hüten zur Friedrichstraße zurück.

Sommer, egal

Das war der Sommer, denkst du, wenn du nicht schlafen kannst und aufstehen musst und stehst auf dem Balkon. Das war ein bisschen wenig Badesee und Biergarten und nackte Beine und Kreuzberg nachts um halb fünf. Das war kein Sommer, an den du dich erinnern wirst, das waren keine großen Nächte, da war keine Sonne nur für dich da und keine Nacht hat dir ihre Dunkelheit tief in die Haut geschlagen und sich an deinem Blut so satt getrunken wie irgendwann vor Zeiten: Fast ist es nicht mehr wahr.

Wahrscheinlich wird der F. irgendwann von diesem Sommer erzählen, in dem er Schwimmen gelernt hat. Vielleicht erinnert sich der J. an einen kühlen Sommer auf dem Golfplatz. Ich aber, ich werde irgendwann nicht mehr wissen, was diesen Sommer war und was in die anderen Sommer gehört, die noch kommen, und ich wüsste manchmal gern, was mir an diesem Sommer einmal leidtun wird, wenn die letzten Sommer sich dem Ende neigen.

I Need the Cheats

Im Grunde, meine Damen und Herren, ist das hier nichts für mich. Schon das Setting. Ich habe schon nie verstanden, wie Leute Monate ihres Leben mit den Sims vergeuden können, um dann genau das zu tun, was sie auch sonst tun, also arbeiten, Häuser einrichten, Familien gründen und so. Ich mag meine Familie, ich lehne es jetzt auch nicht pauschal ab, Möbel zu kaufen, gleichwohl, wie kann man ernsthaft … aber ich schweife ab. Um darauf zurückzukommen: Ich hätte niemals ein Spiel gekauft, in dem eine mittelalte, mittelgroße und leicht übergewichtige Frau in blauen Kleidern in jedem neuen Level ein Büro aufsucht, oder kleine Geschicklichkeitsspiele auszuführen hat, auch mal ein Jump and Run so zwischendurch, in dem sie in einem tollkühnen Sprint versucht, doch noch auf den letzten paar Zentimetern Energy (der Balken im Bild färbt sich dunkelrot) von Terminal 1 zu Terminal 2 zu kommen. Oder gleichzeitig mit ihrer Mutter zu telefonieren, Spaghetti zu kochen und für ein um sie herumtanzendes Kind einen lachenden Pilz zu malen, ohne dass Stift, Handy oder Topf begleitet von einem dumpfen Knall herunterfallen, um auf dem Fußboden zu zerschellen.

Spätestens nach Level KW 33 hätten auch Sie, da bin ich mir ganz sicher, abgeschaltet. Die kurzen Filmsequenzen, in denen hässliche Gnome, sogenannte Taxifahrer, absurde Sachen sagen, scheinen sich zu wiederholen und sind auch nicht lustiger als deutsche Komiker, die im Fernsehen auftreten. Zu recht hätten auch Sie bemängelt, dass es durchweg gar nicht möglich war, die Verkehrsmittel zu erreichen, denen man nachjagen sollte. Außerdem ergibt die Storyline des Levels „Gottverdammter Dienstag“ keinen Sinn, weil ein halbwegs normaler Mensch nicht so geisteskrank agieren würde wie die ansonsten verdammt durchschnittliche Frau, deren Bedienung über ein Handy mit kaputtem Display jetzt auch nicht so wirklich Spaß macht. Sie hätten deswegen, oh geneigter Leser, die Frau einfach ausgemacht, was indes, wenn man dazu verdammt ist, diese Frau zu sein, natürlich keine ernsthafte Alternative darstellt. Nach gründlicher Überlegung sage ich deswegen hier: Ich brauche die Cheats.

Ich würde es etwa sehr begrüßen, wenn mit der Eingabe von SUN das Szenario sich schon so grundsätzlich verbessern würde. Ich möchte eine Stadt am Meer im Sonnenschein, architektonische Schönheiten gern gesehen. Mit HEIDION könnte man die Frau auf 1,78 vergrößern und gleichzeitig auf Kleidergröße 36 verschlanken. Sie könnte dann auf einmal auch ordentlich schreiten statt ständig zu stolpern. Mit ENDLICHMODERN hat sie auf einmal 24 verschiedene Kleidungsstücke zur Auswahl anstatt des immer gleichen (oder zumindest täuschend ähnlichen) blauen Kleides mit Blazer.

Mit WARTETAUFMICH würden auf einmal alle Verkehrsmittel erreicht. Mit BISTDUIRRE gewönne die Frau auf einmal die wunderbare Fähigkeit, im richtigen Moment nicht ans Telefon zu gehen oder wahlweise einfach aufzustehen und zu verschwinden. Bei Eingabe von DIEABSOLUTEMAMA wüchsen ihr mehrere Hände und Ohren. Ich gebe zu, dass die Eingabe von GODDESSMODESTE, worauf einfach alles funktioniert, dem Spielvergnügen ein wenig abträglich sein könnte, aber mit BAZOOKA würden die wesentlichen Probleme, die einem schönen Leben entgegenstehen, nach wenigen farbenfrohen, wenn auch nicht ganz geräuschlosen Minuten einfach so und endgültig verschwinden. Das wäre schön.

 

Per Voi Risplenda Al Fato

Da stehe ich also vorm Bahnhof von Halle und verfluche die Deutsche Bahn. Irgendwo weit weg, wo es schöner ist als in Halle, bildet sich auf dem Gesäß von Hartmut Mehdorn wie aus dem Nichts ein blauer Fleck, als ich mit dem Absatz meiner linken schwarzen Sandalette ein paarmal kräftig zutrete, nur vermeintlich in die Luft. Dann greife ich nach meinem Rollkoffer voll Papier und rattere in die Unterführung. Mein ICE nach Berlin ist weg. Ich habe jetzt sehr, sehr viel Zeit.

Ich war ein paarmal beruflich in Halle, aber in der Stadt selbst war ich noch nie. Plattenbauten assoziiere ich. Stiernackige Nazis, die mit großen Keulen Vietnamesen jagen, ja, und Hans-Dietrich Genscher natürlich, der nach der Wiedervereinigung nicht oft genug betonen konnte, dass er aus Halle stammt, was der FDP im Osten, glaube ich, aber auch nichts eingebracht hat. Immerhin wird es auch hier wohl eine Fusgängerzone geben, da kann ich ein bisschen einkaufen, weil ich nichts mehr anzuziehen habe, nicht so mädchenhaft kokett mit vollen Schränken nichts anzuziehen, sondern so wirklich.

Etwas ratlos stehe ich vor einem Wegweiser und starre abwechselnd auf die verschiedenen Pfeile und auf mein Handy. Ich bin total orientierungslos, mir können Sie alles erzählen, und deswegen weiß ich auch nach Minuten nicht, ob ich rechts oder links rum laufen muss. Nur zurück ist falsch. Soviel ist klar, denn dort liegt der Bahnhof.

„Kann ich helfen?“, fragt mich jemand und ich atme auf. Ohne hilfsbereite Einheimische wäre ich schon vor Jahren irgendwo in den Wüsteneien am Rande der bewohnten Welt gelandet und würde dort verzweifelt nach Essensresten suchen, deswegen strahle ich meinen Retter an. Ja. Die Innenstadt, Geschäfte, irgendwas, wo man mehrere Stunden herumbekommt, bis der nächste ICE nach Berlin fährt.

Der Retter, das ist praktisch, muss auch in die Innenstadt. Er lehrt Musik, erzählt er mir, deswegen hat er ein Cello dabei, und er hat mit langen Haaren und Bart frappierende Ähnlichkeit mit dem Jesus in den Bibelcomics, die vor sehr vielen Jahren in meiner Schule auslagen. Ich dagegen erinnere keineswegs an einen der biblischen Engel oder auch nur an eine der geringeren Heiligen, ich wirke, wie man ab und zu in spiegelnden Schaufenstern sieht, irgendwie zerbeult und gerade heute ziemlich strapaziert und etwas fleckig.

Der Musiklehrer wohnt schon lange in Halle, erzählt er, deswegen kennt er sich hier aus. Er zeigt mir das Haus, in dem nach dem Krieg der russische Stadtkommandant gewohnt hat, und das Haus, in dem sein Großvater eine Ohrenarztpraxis hatte. Er zeigt mit den Händen, wie groß das Hallenser Urpferd war, er zählt mir alle fünf Türme von Halle auf, beschreibt die Orgeln der Stadt und pfeift ein Medley der besten Kompositionen Georg Friedrich Händels. Mir tun die Füße weh, ich bin schon den ganzen Tag unterwegs, die Woche war greulich, und ich schlafe dazu schon seit Tagen schlecht, weil Kind F. mir Nacht für Nacht ins Gesicht tritt. Über Musik lasse ich mir aber gern erzählen, auch wenn ich über Barockmusik kaum etwas weiß, und als wir vorm Händelhaus stehen, schaue ich auf die Uhr, verschiebe alle Einkäufe und komme mit. Instrumente gibt es hier, und dazu erzählt der Musiklehrer lustige Geschichten über das Musikmachen.

Als mein Handy brummt, der nächste Zug wäre auch zu spät, zucke ich die Schultern. Nein, sage ich. Ich will mich nicht bekochen lassen. Aber essen gehen möchte ich schon, und so sitze ich irgendwann in einem Hinterhof, trinke grünen Tee und esse Tomaten, erzähle das Beste aus meinem Leben, vor allem die Pannen und Pleiten, sofern sie lustig sind. Dann zahle ich und gehe. Und drehe mich nicht um.

Morgens nach Tegel

„Nach Tegel.“, schnalle ich mich an und gähne ein bisschen, denn es ist noch früh. „Hrrrr.“, macht der Taxifahrer, oder so ähnlich. Dann fährt er los.

Nach einigen Minuten ziehe ich mein Handy aus der Tasche. In dreißig Jahren wird mein Sohn F. die wesentlichen Funktionen meines iPhones fest ins Gehirn verschraubt haben und auf mich Urmensch lächelnd herabsehen, aber noch brauche ich dieses Gerät, um mit Menschen zu sprechen. Ich zücke also mein Telefon. In diesem Moment interveniert der Taxifahrer. „Hier nicht telefonieren. Hören schöne Musik.“ Aus den Boxen hinter mir dröhnen blechern billige Bässe. „Musik!“, schreit der Taxifahrer. „Musik!“

***

„Sie wollen bestimmt zu ihrem Liebsten.“, strahlt der Taxifahrer mich fröhlich an. Er sieht ein bisschen aus wie Danny de Vito auf deutsch. Oder Karlsson vom Dach. Gut gelaunt wirft er meinen Rollkoffer in seinen Kofferraum, und ich überlege ergebnislos, ob es überhaupt irgendwelche Frauen gibt, die in einem blauen Kostüm und mit einem Aktenkoffer morgens um halb sechs ihren Freund besuchen.

Ich besuche keineswegs meinen Liebsten, sondern lediglich ein Oberlandesgericht im Rheinland, deswegen jubele ich auch nicht zurück, sondern grunze nur eine Art Gruß, schwinge mich auf die Rückbank und starre in mein Telefon. „Grüßen Sie ihn von mir!“, trällert der Taxifahrer und küsst ein paarmal laut lachend in die Luft und spreizt dabei alle zehn Finger.

***

Es ist spät. Der J. und ich setzen uns ins Taxi. Ich bin fürchterlich müde. Zusammengekauert, nicht ganz unähnlich einer großen, aggressiven Kröte, sitzt der Fahrer hinterm Steuer.

Kaum habe ich mich angeschnallt, fährt er mit einem jähen Ruck los. Ich falle mit dem Kopf fast gegen den Fahrersitz, werde zurück in das Polster gedrückt und schaue den J. stumm an. Zwischen uns schläft unser Kind. Wenn ihm heute etwas passiert, wird es mir lebenslänglich leid tun, mit kleinen Kindern nicht einfach Jahr für Jahr nach Norderney zu fahren wie andere Leute auch. Dann immerhin geht es los. Auf einmal aber brüllt der Taxifahrer unvermittelt los: „Ich hasse Auto fahren in Berlin.“

Ich auch, denke ich. Ich auch.

M. und Moldavien

„Du hast ja den anderen geheiratet!“, schallt es in maximaler Lautstärke aus dem Hörer, und ich muss lachen. „M.!“, sage ich, und überlege, wie lange ich nicht mit ihm gesprochen habe. Es müssen einige Jahre sein.

In meiner Erinnerung sitzt er klein und breitbeinig mit viel zu kurzen Beinen auf seinem Küchentisch. Die Achtziger gehen zu Ende, deswegen ist hier ziemlich viel schwarz, Acrylglas, irgendwo bestimmt stilisierte Flamingos, und jede Menge gefrostetes Glas. Ich bin ungefähr 14, seit einer Woche mit seinem Sohn liiert, der mir in seinem Kinderzimmer bei Kirschtee und Kerzenschein Rilke vorliest.

M. würde niemals Rilke lesen. M. ist laut, M. hat überhaupt keinen Geschmack, er kann weder trinken, ohne zu schlürfen, er isst eigentlich alles mit dem Löffel, noch wird er sich jemals merken können, welche Werte seine Exfrau ihm eigentlich an die Wand gehängt hat. Ich bin mir bis heute sicher, M. fand die Bilder schlimm.

M. erzählt die unwahrscheinlichsten Geschichten der Welt, die sich in den nächsten 15 Jahren alle als wahr erweisen. M. hat mal Gudrun Ensslin geküsst und saß in einem afrikanischen Zwergstaat zwei Wochen im Gefängnis. Seine Narben stammen tatsächlich aus einem Krieg. M. hat keine Manieren, aber ziemlich viel Geld, zwei Ehen hinter sich und zwei Kinder, denen er ab und zu peinlich ist. Ich bin abwechselnd eine und die Freundin von M.s ältestem Sohn und tatsächlich immer ein bisschen verstimmt, wenn ich ihn besuche, und M. ist nicht da. Als wir uns für immer und endgültig trennen, tut es mir tatsächlich nicht nur um ihn, sondern auch um seinen Vater ein bisschen leid.

Heute ist M. 72. Zwei weitere Ehen liegen ihm hinter ihm. Nun aber, so versichert er mir, habe er die Frau seines restlichen Lebens gefunden. Sie sei 32, stamme aus einem Dorf in Moldavien, und sei absolut grandios. 1,82 groß, über einen Meter lange Beine, dazu klüger als alle seine Exfrauen zusammen, inklusive der Professorin, mit der aber auch nur ganz kurz … ich koche mir während der folgenden Ausführungen  Kaffee. Am Ende schält sich folgende Geschichte heraus:

Wo auch immer M. sie kennen gelernt hat, es muss außerhalb der EU gewesen sein, denn vor einer unbestimmten Anzahl von Jahren war seine neue Braut schon einmal in die EU eingereist, und zwar mit der Identität einer Freundin. „Aha.“, sage ich und betrachte etwas ratlos meine Fingernägel.

Über das Wieso und warum weiß M. leider auch nichts. Jetzt aber soll sie zu ihm kommen und bei ihm einziehen, ich und nicht einer seiner indiskreten Dorfanwälte soll ihm sagen, wie das geht, dann will er sie heiraten, nachdem sie einen Haufen Verträge unterschrieben haben werden, und mindestens – an dieser Stelle wird er für seine Verhältnisse ziemlich leise – die fünf Jahre bei ihm bleiben, die jemand verheiratet mit einem EU-Bürger zusammenleben muss, um ein eigenständiges Bleiberecht zu bekommen. Dann wird er 78 werden. Und sie ist vielleicht weg. Aber gelohnt, sagt er und wird wieder laut. Gelohnt haben wird es sich auf jeden Fall.

Und ich glaube, er hat recht.

 

 

 

An der Ampel

Stellen Sie sich also eine Ampel vor. Vielbefahrene Straße, hinten Plattenbauten, weiter vorn ein Park. In der Mitte fährt die Tram.

An die Ampel steht eine Frau. Also so eine ganz normale Frau, mittelalt und mittelschwer, eher so ein bisschen kurzgewachsen. In einem so schon  etwas egalen blauen Kostüm, sichtbar auf dem Arbeitsweg. Auf dem Kopf trägt sie Kopfhörer, also das internationale Zeichen für: Bitte keine Kommunikation.

Die Frau hat es eilig. Sie wissen das nicht, aber in zehn Minuten schließt die Kita, sie muss laufen. Ungeduldig hämmert die Frau auf dem Ampelknopf herum.

Was in den nächsten Sekunden passiert, weiß ich nicht genau. Fühlen Sie sich von dem technischen Unverstand der Frau herausgefordert? Glauben Sie, die Aufklärung über die Wirkungslosigkeit der Knopfbetätigung verbessere Ihr Leben oder zumindest das Leben der fremden Frau? Hat mein geschätzter Gefährte, der exemplarisch zurückhaltende J., recht, und es handelt sich um eine berlinerisch verkümmerte und ganz und gar nicht erfolgversprechende Form der zwischengeschlechtlichen Kontaktaufnahme? Wie auch immer: Sie treten also auf die Frau zu, räuspern sich und erklären ihr, dass es rein gar nichts brächte, dieses Malträtieren des Knopfes.

Die Frau reagiert irgendwie weniger dankbar als gedacht. Sie lassen sich aber gar nicht irritieren. Möglicherweise sind Sie sogar mit dem Fahrrad angehalten, um Ihre Erklärung loszuwerden, da fahren Sie doch nicht ohne Erläuterung einfach wieder los. Vermutlich sind Sie sogar etwas enttäuscht über die unfreundliche Frau. Sie reden also einfach weiter  bis die Ampel grün wird. Die garstige Frau läuft Ihnen dann nämlich einfach davon.

Frauen, seufzen Sie vermutlich in diesem Moment. Es gibt einfach keine Dankbarkeit mehr. Selbst wenn Sie wüssten, dass Sie im laufenden Jahr des Herrn 2017 der vierte waren, der der fremden Frau das Berliner Ampelwesen erklären wollte, würden Sie immer noch sehr schlecht über die undankbare Frau denken, aber die ist schon längst über alle Berge, spurtet durch den nahegelegenen Park und denkt sich vielleicht nur leicht genervt ihren Teil.

 

Oder auch nicht.

Ach was, sagt sie und wischt ein einen imaginären Fussel von ihrem weißen Jumpsuit. Von den schönen Punks sei sie ja total ab. Nicht einmal den G. würde sie noch treffen, obwohl der ja so quasi mehr ihre große Liebe, aber was soll man von jemandem schon halten, der sich in Norwegen verkriecht, nur weil er seine Frau mit seiner Nichte betrogen hat.

Hmm. Tja., sage ich, was ja eigentlich nie wirklich falsch ist, und trinke einen weiteren halben Liter sehr kalten Earl Grey mit zermatschten Kumquats. Sehr zufrieden sieht die liebe A. aus, wie sie in schneeweißer Seide auf einer Bierbank am Görlitzer Park sitzt und den Dealern Schönheitsnoten zwischen 1 und 10 gibt. Glaubt man der A., die eine kleine Vorliebe für etwas mesquine Herren pflegt, handelt es sich um eine Versammlung wirlich hübscher Leute, die den Vergleich mit keiner anderen Gruppe Berliner Männlichkeit scheuen müssten.

Die A. jedoch hat, so höre ich, auf ihre sozusagen mittelalten Tage nun doch zur konsequenten Einehe gefunden. Schade, schießt es mir durch den Kopf, denn zwar gönne ich dem über die Jahre doch etwas gebeutelten Gefährten der A. diese Phase der hart verdiente Ruhe, allerdings erzählen mir ansonsten inzwischen verdammt wenig Leute etwas über die leichtlebig-lustige Seite des Berliner Lebens, weil alle Welt nur noch über Immobilienpreise und ihren Beruf spricht. Dabei sind die meisten Berufe noch nicht einmal sonderlich unterhaltsam.

Die A. immerhin ist nach wie vor komplett berufslos, weil das Konzept nicht zu ihr passt. Ich habe nie herausgefunden, was sie tagsüber eigentlich genau macht, aber abends geht sie meistens aus. Manchmal begleitet sie ihr Mann, ein freundlicher Wirtschaftsprüfer, der die Oper liebt. Oder er hat berufliche Termine, und sie kommt mit. Manchmal ist ihr Mann unterwegs, und dann muss die A. allein sehen, wie sie es schafft, nicht an Langeweile zu sterben.

Ganz ab und zu kommt die A. dann ein wenig angetrunken nach Hause. Eigentlich mag die A. nicht so gern alkoholische Getränke, aber ganz gelegentlich sitzt sie dann doch daheim allein vorm Rechner. Unter ihr liegt der Winterfeldplatz, über ihr wölbt sich ein schwarzer, lichtloser Himmel, und wenn die A. dann so sitzt, wird sie, so sagt sie mir, doch ein wenig melancholisch.

Wenn die A. melancholisch wird, muss sie immer an den D. denken. Der war eigentlich nie so richtig ihr Freund, weil leider immer irgendetwas dazwischengekommen ist. Seine erste Freundin etwa. Oder ihr zweiter Freund. Und als sie beide wirlich einmal zeitgleich ineinander verliebt waren, war sie leider in Bordeaux für ein Auslandssemester und er in Marburg.

Heute wohnt er in Karlsruhe. Sie lebt in Berlin Schöneberg. Meistens sehen sie sich einmal im Jahr, nämlich kurz nach Weihnachten, und dann sind so viele Leute da, dass sie nie auch nur drei Sätze ungestört wechseln können. Außerdem hängen meistens seine ungezählten (ich glaube, es sind drei) Kinder an seinen Hosenbeinen, das stört natürlich auch.

An sich ruft die A. ihn nie an. Sie schreibt ihm auch nie, denn was soll das bringen. Nur, wenn sie melancholisch ist, legt sie sich aufs Sofa und schreibt ihm eine E-Mail. Dass man sich mal wieder. Und dass es doch. Und überhaupt. Die schickt sie dann ab.

Ein- oder zweimal hat sie am nächsten Tag Mails hinterhergeschickt, dass sie betrunken nicht ernst zu nehmen sei. In seinem Fall ist ihr das auch nicht peinlich. Denn zwei- oder dreimal im Jahr bekommt sie Mails von ihm, in denen steht, dass sie. Und nur sie. Und ganz und gar. Und: schade.

Die A. und der D. haben sich auf diese Mails noch nie geantwortet. Aber irgendwann, dafür spricht schon das Gesetz der Wahrscheinlichkeit, werden sie mal zeitgleich betrunken und melancholisch vorm Rechner sitzen, und dann. Ja dann. Oder auch nicht.