Allgemein

Konfetti

Ich bin keine gute Reisende. Manche Leute stehen immer sofort mit Einheimischen an der Bar und schlachten zwei Stunden später mit denen Kamele und tanzen auf der Hochzeit ihrer Kinder den tatarischen Säbeltanz vor. Dafür bin ich Äonen zu distanziert. Deswegen kommt mir Japan entgegen: Jeder ist freundlich, aber niemand will meine Lebensgeschichte hören und keiner fasst mich an. Das mag ich nämlich auch nicht so, wenn ich Leute nicht kenne.

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Dafür mag ich Megacities. Ich bedaure eigentlich nie, Juristin zu sein, aber meine Chancen, ein Jahr hier oder in Bangkok oder San Francisco zu leben, wären mit einem anderen Job deutlich besser. Nun ist da derzeit nicht mehr viel zu ändern, aber wenn der F. einmal deutlich größer ist als heute, rede ich vielleicht mal ein paar Takte mit ihm über den unfassbaren Rausch, ganz woanders zu sein und eine Weile dort zu leben.

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Tokyo riecht so gut. Es ist heiß und etwas feucht, es riecht nicht so parfümiert wie Bangkok, allein schon, weil hier weniger wächst und die Leute keine Räucherstäbchen abbrennen, aber ich könnte den ganzen Tag an jeder Straßenecke stehenbleiben und fünf Minuten kräftig herumschnuppern. Leider lässt man mich nicht einmal zehn Minuten irgendwo stehen oder sitzen, weil der F dann unweigerlich weiterwill. Allein am ersten Tag sind wir am Meiji-Schrein, im Aquarium der Stadt am Meer und im angrenzenden Park, essen irgendwo in der Nähe des Bahnhofs Akihibana, fahren weiter zur Shibuya und laufen durch die Nacht zu unserem Airbnb-Apartment zurück. Am Ende sind es 14 km zu Fuß.

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Die japanischen Studentinnen bis so circa 25 sind total süß. Sie sind hübsch, sie sind gut frisiert, sie wirken heiter und sie sind gut angezogen. Dafür fehlen im Straßenbild In ganz auffälliger Weise schöne Frauen um die 35. Rund ums Mittelmeer sehen Frauen dieser Altersgruppen oft atemberaubend aus, man möchte jeden männlichen Verwandten sofort mit jeder dieser Frauen verheiraten, aber hier scheint irgendetwas schiefzulaufen. Frauen über 30 lachen hier irgendwie nie, wirken bestenfalls gepflegt-verhuscht und oft deutlich sichtbar unglücklich. Ob es an den Japanern liegt? In Deutschland ist ja oft etwas Ähnliches zu beobachten, und das hat auf jeden Fall mit Deutschlands Männern zu tun.

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Auf Reisen

Ich kenne, meine Damen und Herren, Leute, die vor lauter Sorge, wie ihre Kinder Langstreckenflüge vertragen, sich nie weiter als bis Mallorca trauen, aber das finden der J. und ich dermaßen öde, dass wir uns und dem F. solange eingeredet haben, dass er Reisen liebt, bis er sich selbst nicht mehr vorstellen kann, dass das nicht stimmt. Außerdem besucht der F. eine – obschon städtische – Kita, die vermutlich von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin Prenzlauer Berg eingerichtet wurde, um farbenfroh zu illustrieren, was Gentrifzierung bedeutet. Folgerichtig hält er es nicht nur für völlig normal, durch Japan zu fahren, sondern auch ab und zu bohrend nachzufragen, wieso ausgerechnet er eigentlich immer Eco fliegen muss. Entsprechend sitzt der F. also halbwegs vorfreudig im Flieger von Paris nach Tokyo und lässt sich erzählen, was es alles bis Tokyo zu essen gibt.

Noch bevor wir abheben, hat des F. kundige Hand das Kinderprogramm dieser Air France- Maschine gescreent. Der F. kennt nicht viele Filme, weil wir keinen Fernseher haben, und außerdem konnte er bisher keine Kinderfilme sehen, in denen die Mutter des Helden stirbt, deswegen ist ihm praktisch alles neu. Er fürchtet sich generell leicht, auf der anderen Seite wäre der F. schon sehr gern mindestens so cool wie der kleine A. mit den drei älteren Geschwistern, der das internationale Filmkunstschaffen eigentlich so ziemlich durchhat. Der F. beginnt also mit Lego Batman, einer Art Batmanadaption, bei der alle Protagonisten und alle Kulissen aus Legosteinen bestehen.

Aus irgendeinem Grunde stehen wir geschlagene 60 Minuten am Gate. Alle Passagiere rätseln, woran das liegt. Nur ich weiß, dass ich kürzlich verflucht worden bin, und nun alle Reisen, an denen ich teilnehme, verspätet starten und noch verspäteter enden. Ich war im gesamten Juni nie, also buchstäblich nie, pünktlich, weil immer irgendein Flug zu spät begann oder ein Zug liegenblieb oder einfach so nichts weiterging. War ich halbwegs pünktlich, waren andere Leute, ohne die es nicht losgehen konnte, zu spät.

Als wir endlich starten, ist des F. Film schon fast zuende. Der F. aber lässt sich gar nicht stören: Mit geröteten Wangen und schwitzigen Händen sitzt er neben mir, reißt die Augen auf, weist alle Versuche, ihm etwas anzubieten, von sich, und ist erst wieder ansprechbar, als der Film endet. Unter uns liegt Skandinavien und ich erzähle ihm von der Zeit, die ich als Studentin in Tallinn verbracht habe.

Nach Süsskartoffelpüree und Fisch wirft er die Eiskönigin an. Das ist eigentlich ein sogenannter Mädchenfilm, aber wenn niemand es mitbekommt, schauen Buben hemmungslos Bibi und Tina, und Mädchen irgendwelche Actionsstreifen, weil es dem gesellschaftlichen Rollenmodell, was Mädchen und Jungen gefällt, lediglich gelungen zu sein scheint, zu prägen, was gerade als cool gilt, nicht aber, was ungefähr fünfjährigen Kindern tatsächlich gefällt. Bei Erwachsenen, dies nur am Rande, scheint es mir übrigens ganz ähnlich zu sein.

Direkt nach der Eiskönigin schaut er – einen Schokokuchen und Eis und Limonade später – noch einmal Lego Batman. Dann schläft er ein. Im Schlaf zucken seine Lider, seine Händchen greifen nach geträumten Feinden und Freunden. Ich fange ein Buch an und lege es wieder weg und schaue aus dem Fenster ins stahlharte Blau des Himmels und versuche mich daran zu erinnern, wann wir in den nächsten zwei Wochen eigentlich genau wohin fahren.

Dein Sommer ohne Dich

Aber gerade jetzt sitzen am Landwehrkanal Leute unter schwankenden Lampen. Im schwarzen Wasser spiegeln sich Kerzen und Kleider und Haut. Helles Gelächter und Stimmen, Eiswürfel im Glas und Schritte auf Holz. Trinkt noch jemand Gin Tonic?

Auf den Stufen zur Spree sitzt auch heute ein Paar. Vielleicht hat sie Pumphosen an und fettige Dreadlocks. Vielleicht hat er einen zu dünnen Bart und dreht selbst. Vielleicht aber sind es Daphnis und Chloe, vielleicht hält sie in ihren Händen den Mond. Vielleicht wird aus ihm einmal ein himmlischer Schäfer. Vielleicht warst das du.

Vielleicht tanzt er mit ihr morgen früh auf der Oberbaumbrücke im ersten Licht eine Polka. Vielleicht sitzt am Ufer der Spree ein Nöck und schenkt ein. Ganz sicher aber ist keins der Märchen der Stadt mehr für dich, und auf deinem Weg von der Bahn: Nur die Scherben.

Das Ende der Welt die wir kennen

Die Freundin freut sich. Mit über 40 und als verheiratete Mutter wäre es endlich vorbei. Kleidung müsste nur noch ihr selbst gefallen. Sie schminkt sich auch nicht mehr, weil sie dazu keine Lust hat, und sie hat es total aufgegeben, Männer überhaupt noch wahrzunehmen, es sei denn, sie hat mit ihnen beruflich zu tun, oder ist mit ihnen befreundet oder verheiratet.

Ich schweige tief beeindruckt. Es muss sich eigentlich ganz gut anfühlen, einen der Lebensbereiche einfach abzuhaken, in dem man jetzt vielleicht ohnehin nicht so zum oberen Klassendrittel gehört, und sich ausschließlich den Dingen zuwendet, die man ganz gut kann. Vermutlich minimiert das die Minuten pro Monat, in denen man sich irgendwie unzulänglich fühlt, ganz erheblich.

Auf dem Heimweg denke ich nach. Vielleicht wäre das auch für mich ein Konzept? Ich könnte den Aufwand, den ich mit ausgesprochen mäßigem Erfolg in meine Garderobe stecke, in irgendetwas investieren, in dem mein Potential größer ist als in der Disziplin Modepapst. Ich verbringe nämlich am Ende doch verhältnismäßig Zeit damit, mir im Internet Kleidung anzusehen oder sogar irgendwo hinzugehen, wo man Kleider kaufen kann, nur um am Ende dann doch in sehr risikolosen, sehr konservativen Sachen herumzulaufen. Ich besitze beispielsweise allein acht blaue Kleider. Und mindestens drei weitere in beige. In meinen Ohren stecken Perlen in schwarz oder weiß. Ich darf entsprechend zusammenfassend versichern: Man schätzt mich nicht gerade für meine überwältigende Optik. Würde ich mich meiner Kleider entledigen, wäre die Sache übrigens noch etwas eindeutiger, weil ich es nie schaffe, regelmäßig Sport zu mache.

Um mit Flirten aufzuhören, müsste man jemals damit angefangen haben. Ich war selbst mit Mitte zwanzig immer dermaßen bass erstaunt, irgendjemandem zu gefallen, dass die Reaktion jedenfalls nicht unter Flirt fiel, sondern eher unter kommunikativen Verkehrsunfall. Am ersten Abend, an dem ich den geschätzten Gefährten traf, sprach ich, wie man mich bisweilen erinnert, mehrere Stunden über Thomas Mann. Der J. hasst Thomas Mann.

Kurz überschlage ich im Kopf die unermesslichen Vorteile dieser Strategie. Ich komme auf rund € 5.000 pro Jahr und eine Menge freie Zeit. Vielleicht wäre dieser Vorteile noch viel größer, weil ich in der frei werdenden Zeit irgendetwas machen könnte, was mir Geld und Ruhm einbrächte. Vielleicht verfasse ich einen Roman und lasse ausgedachte Leute in extravaganten Kleidern enorm gut aussehend ein sehr interessantes Liebesleben führen.

Großartig wird das, denke ich bei mir und verplane schon einmal die ganze frei werdende Zeit. Keinerlei Nachteile werde ich haben, denn für alle anderen Leute ändert sich ja nichts an mir, nur so rein innerlich werde ich quasi aufblühen.

Dann aber laufe ich an einer Schaufensterscheibe vorbei. Unwillkürlich schaue ich auf meine Haare. Automatisch ziehe ich den Bauch ein wenig ein und prüfe – das ist eine alte Obsession von mir – den aktuellen Grad der Symmetrie meiner Augen. Am Schluss sehe ich mir für ein paar Sekunden direkt ins Gesicht. Es wird nichts mit mir. Es reicht nicht mal für ein souveränes Ende meiner weltlichen Existenz.

Im Grunde bin ich darüber aber eigentlich ganz froh.

Mount Pferd

An sich, meine Damen und Herren, müssen Sie sich so ein ganz idyllisches Setting vorstellen. Ein schöner halbverfallener Hof. Ein par alte Ställe und Gesindehäuser, in denen heute Feriengäste unterkommen, und überall freilaufende Tiere. Geht man am Gutshaus vorbei, vorbei an allen Stallungen bis ganz nach hinten, steht man vorm Stall. Da sind die Pferde.

Wenn man – wie ich – einmal ein Pferd heiraten wollte, ist man hier richtig. Der Stall ist eher ein Liebhaberstall als besonders professionell, aber es riecht, wie es riechen soll, die Pferde sind gepflegt, und man braucht sich für eine Reitstunde für sehr lange nicht gerittene Wiedereinsteigerinnen nicht anzumelden, wenn man einen Reitlehrer findet, der ein bisschen Zeit hat. Ich ziehe mich also um und sattele das Pferd.

Auf dem Reitplatz stehe ich vorm Pferd, ziehe ich mein linkes Bein ganz nach oben und packe den Sattel beherzt an beiden Seiten. Mein Fuß sollte nun im Steigbügel stehen. Statt dessen trete ich ein paarmal in die Luft. Der Steigbügel baumelt ungefähr zehn Zentimeter über meinem Spann. Erst, als ich den Steigbügel unter den nachsichtigen Augen der Reitlehrerin verlängere, bekomme ich meinen Fuß hinein.

Nun aber. Mit dem rechten Fuß stoße ich mich vom Boden ab. Das linke Bein drücke ich durch. Gleichzeitig ziehe ich ordentlich am Sattel. Für einen Moment liege ich bäuchlings auf dem Pferd, dann zieht die Schwerkraft mich wieder nach unten. „Mamaaa!“, feuert mein Fünfjähriger mich an, ich zappele mit den Beinen. Dann stehe ich wieder neben dem Pferd. Geduldig schaut das Schulpferd in die unendliche Weite. So geht das zweimal.

Inzwischen bin ich halb anstrengungsbedingt, halb vor Scham knallrot. Außerdem ist es heiß, ich schwitze, ich will mir gar nicht ausmalen, wie ich wohl aussehe, so eine mittelalte, leicht dickliche Frau, die auf ein Pferd nicht raufkommt, und kurz spiele ich sogar mit dem Gedanken, es einfach sein zu lassen. Ich bin über 40, vielleicht reicht es jetzt auch einfach und ich altere mit beiden Beinen auf dem Boden zuende.

Dann aber hole ich für einen letzten Versuch tief Luft. Ich trete so heftig nach unten, als ginge es darum, mit schierer Muskelkraft ein Loch in den Boden zu stampfen, lande wieder mit dem Bauch auf dem Pferd, ziehe, ziehe, ziehe, und bekomme mit knapper Not das rechte Bein auf die andere Seite des Pferdes. Da sitze ich nun also. Alt, schwer, schon zu Beginn der Reitstunden erschöpft, aber immerhin: Auf dem Pferd. Es kann also los gehen.

Aber ich habe für den kommenden Donnerstag ein Probetraining im Fitnessstudio vereinbart.

 

Zwei auf einer Bank

Ich glaube, beim ersten Treffen saßen sie zufällig auf einer Bank. Es war eine Bahn ausgefallen, die fuhren nämlich nur alle 20 Minuten zwischen dem Vorort und einer der kleineren Landeshauptstädte der damals ja auch noch etwas kleineren Republik hin und her. Es war einer der kühleren Abende im September, wenn man also im Sommerkleid losfährt und sich auf dem Heimweg wünscht, man hätte doch die Jeansjacke mitgenommen, und vielleicht lag es auch an dem Verlassenheitsgefühl, das sich einstellt, wenn man wartet und friert, dass sie nicht abrückte, als er ihr sein Bier anbot. Dabei war er Gesamtschüler, Lederjackenträger, und eine komische Frisur hatte er auch. Die Haare schnitt ihm nämlich sein Bruder, und der war keineswegs Friseur.

Beim zweiten Treffen hätte er sie fast nicht mehr erkannt. Sie trug die Haare inzwischen hellblond, der Rucksack mit einem baumelnden Miniplüschtier war einer kamelbraunen Ledertasche gewichen, und statt einem Streifenkleid von Esprit hatte sie meistens Caprihosen und gerade geschnittene Blusen an und dazu Pumps. Er dagegen hatte sich kaum verändert. Außerdem hatte sie ihn immer noch in der kleinen Stadt verortet, in der sie beide aufgewachsen waren.

Sie wollte ihn immer einmal fragen, wie er eigentlich nach Berlin gekommen war, denn dass er auch einfach hier studieren könnte, erschien ihr eher entlegen. Wieso sie ihn nie gefragt hatte, konnte sie sich später auch nicht mehr erklären, als er einfach weg war, nachdem das Haus in Friedrichshain saniert wurde, in dem sie ihn ab und zu besuchte, und er ihr keine Telefonnummer hinterlassen hatte, nicht einmal eine E-Mail.

Bei ihrem dritten Treffen erkannte sie ihn gleich, quer durch den Raum. Er kellnerte auf einem Sommerfest eines Industrieverbandes, sah besser aus als jemals zuvor, und als sie mit allen gesprochen hatte, mit denen sie sprechen musste, sprach sie ihn an. Er wohnte immer noch in Friedrichshain, gleich um die Ecke von seiner damaligen Wohnung, er roch mit 38 wie mit 22 oder 16, es war ein bisschen, wie nach Hause zu kommen, und als sie in der Mittagshitze nach Hause ging, tat es ihr für einen Moment leid, nicht mehr zurückzukommen.

Abgefahren

Als wir damals nach Berlin kamen, hat der J. sein altes Auto verkauft, und wir fuhren die nächsten 15 Jahre Rad, Bahn oder Taxi. In Berlin ist es wie fast überall nämlich sehr praktisch eingerichtet: Wo man schlecht hinkommt, will man meistens auch gar nicht hin.

Mit Kind änderte sich zwar weniger, als alle immer behaupten, aber zu den Änderungen, die vermutlich jeder konstatieren wird, der ein Kind bekommt, gehört das plötzliche Auftauchen des Umlandes. Berlins Umland ist zwar nicht so besonders schön, aber Kinder finden auch mittelmäßig gutaussehendes Landleben unwiderstehlich. Ins Umland kommt man nun aber wirklich schlecht mit der Bahn, deswegen haben wir seit 2014 ein Auto, seit kurzem einen Volvo. Er ist schwarz.

Ich möchte nicht indiskret erscheinen, aber der geschätzte Gefährte hat diesen Wagen wirklich auffallend gern. Ab und zu steht er in unserer Loggia und betrachtet wohlgefällig das am Straßenrand abgestellte, ansprechend gestaltete Gefährt, und wenn wir das Auto alle paar Wochen bewegen, um einen Ausflug zu machen, freut er sich jedesmal aufs Neue, was das Auto alles kann. Alleine Einparken zum Beispiel. Das neue Auto kann zudem auch sehr gut sprechen.

Den F. allerdings lässt das neue Auto komplett kalt. Er wollte nicht mit zum Autohaus. Er erkennt das Auto nicht, wenn es an der Straße steht, und ich gehe jede Wette ein, dass er nicht weiß, wie die Marke heißt, geschweige denn das Modell. Dabei kennt der F. diverse Pharaonen, Cäsaren, Insekten und Saurier mit Vor- und Zunamen, kann Länder auf Karten zeigen, Preise im Supermarkt vergleichen und Flaggen zuordnen und ist beim Memory unbesiegbar, an mangelnder Gedächtnisleistung liegt es also nicht. Er interessiert sich auch durchaus für Windräder, Flugzeuge und Reaktoren, Interesse an Technik ist also auch vorhanden. Man muss vermutlich konstatieren: Er interessiert sich einfach nicht für Autos. Mit den liebevoll aufbewahrten Matchboxautos des J. spielt er übrigens auch nicht.

Das allein würde mich, wäre ich die Autoindustrie, nicht weiter irritieren. Mein Gott, so ein einzelnes Kind in Berlin Prenzlauer Berg. Es gab schon immer Freaks, die Autos doof finden und nur Fahrrad fahren, gerade in großen Städten, in die so ein Automann schon deswegen nie ziehen würde, weil man da Probleme beim Parken hat. Der Umstand aber, dass auch niemand von den F. Freunden sich für Autos interessiert, tja, der ist immerhin bemerkenswert. Ich übertreibe nämlich nicht. Niemand.

Dabei sind des F. Freunde insgesamt schon Jungen, die zu klassischer, wenn auch sehr kleiner Männlichkeit ein eher ungebrochenes Verhältnis pflegen, also Drachen und Ritter sehr interessant finden und Ballet blöd. Ich habe mehrfach versucht, dem F. und seinem besten Freund zu erklären, dass Mädchen nicht wirklich an Einhörner glauben, aber ich dringe da nicht durch. Wenn von seinen Freunden also niemand an Autos ein gesteigertes Interesse zeigt, sind Autos vielleicht wirklich nicht mehr Teil des für kleine Jungen sichtbaren Männlichkeitskonzepts. Als Automanager würde ich zittern, denn die Väter dieser kleinen Jungen fanden vor 30 Jahren Sportwagen unwiderstehlich, fuhren mit ihren Vätern strahlend zur IAA und träumten von der Formel 1. Heute kaufen sie mit schlechtem Gewissen zu große Wagen. Ihre Söhne aber werden niemals Autoquartett spielen.

Nun mag es auf dem Land noch anders aussehen. Berlin ist ein besonderes Pflaster, was Mobilität angeht. Aber Städte waren noch immer die Labore der Moderne, was hier ausgebrütet wird, breitet sich erfahrungsgemäß aus, und so muss man wohl kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass von diesen kleinen Jungen niemand von einem 911 träumen wird, keiner auf eine S-Klasse sparen will und nicht einmal ein Tesla einen der heute Fünfjährigen hinter dem Ofen hervorlockt. Wenn sie Geld für Fahrzeuge ausgeben, dann wird es um Mobilität und Bequemlichkeit gehen, aber dass ein Auto ein Statussymbol sein kann, ein Faszinosum, etwas, für das Leute sparen und für das sie sich sehr interessieren, das geht wohl gerade zu Ende.

Als Automensch würde ich zittern und als Anleger meine Aktien langsam, nach und nach, verkaufen, wenn ich bemerke, dass die Konzerne keine Antworten auf die Frage haben, wie man mit Mobilität Geld verdient, wenn es Leuten egal sein wird, ob sie ein eigenes Auto haben, wie es aussieht, was es gekostet hat, wer es herstellt, und sie irgendwann sogar in Deutschland nicht verstehen werden, was einer sagt, wenn er behauptet: Ich stehe da hinten unterm Baum.

Verblendung

Früher, als ich noch eine bisweilen lustige Rechtsreferendarin war, fuhr ich regelmäßig mit der C. und der J. ein paar Tage weg. Wir aßen auf dem gesamten Kontinent fürchterlich viel, sahen uns an, was Leute irgendwohin gebaut hatten und tranken die geistigen Getränke des jeweiligen Landes. Das war eigentlich immer sehr schön.

Aber wie es geht: Es kamen Männer, die sich dauerhaft festsetzten und sogar zum guten Ende geheiratet wurden. Die C. und ich bekamen je ein Kind. Wir arbeiteten uns alle drei jeweils einen riesengroßen Wolf, und wenn ein Jahr zuende ging, waren wir schon wieder nicht gemeinsam verreist gewesen.

Manche sagen, das wäre ganz normal. Wenn man erst einmal ein Kind hat, schreiben manche Leute ihre Freunde nämlich quasi ab und melden sich da wieder, wenn die Kinder 18 sind. Oder nie. Vielleicht liegt es aber auch an den schrecklichen Gören, die ihren alten, im Falle der J. zumindest derzeit noch kinderlosen Freunden nicht zuzumuten sind. Ich aber, überzeugt von dem hohen Unterhaltungswert, dem guten Aussehen und der Freundlichkeit meines fünfjährigen Knaben, habe mit der lieben J. eine Woche Kroatien gebucht, habe einen Koffer mit Kindersachen und Damenkleidern vollgestopft und bin mit dem F. an der Hand nach Schönefeld gefahren, um dort ein Flugzeug zu besteigen.

Was soll ich sagen. Es war großartig. Die Gegend rund um Split sieht super aus. Der Kleine hat auch gar nicht gestört und ist brav Tag für Tag mit uns endlose Kilometer durch die Gegend gelaufen, um sich alte Steine anzusehen oder Sonnenuntergänge zu bewundern. Zwischendurch hat er lustige Sachen gesagt und manierlich gegessen.

Oder die J. ist zu sehr gute, langjährige Freundin, um mir das Gegenteil zu verraten.

 

Makarska Riviera

Ach, es ist schwierig. Spanien interessiert mich nicht besonders, in Italien war ich gerade, und nach Griechenland werden wir im Herbst wieder fahren. Frankreich liebe ich sehr, aber Frankreich liebt auch der geschätzte Gefährte, und wenn ich schon ohne den J. verreisen muss, dann würde es ihn doppelt schmerzen, führe ich an die Côte d’Azur.

Nach Ägypten wollte der F., aber dort, musste ich ihm berichten, laufen derzeit viele Räuber herum, und aus Angst vor diesen bleiben die Touristen weg, und dann sitzt man ganz allein am Pool und isst das von den demnächst betriebsbedingt entlassenen Köchen zitternd zubereitetes Essen. Dasselbe gilt vermutlich in Tunesien oder Marokko, zudem (aber das sage ich dem F. nicht) nerven mich die immer etwas zu aufdringlichen Verkäufer und Kellner des Maghreb, insbesondere wenn der geschätzte J. nicht dabei ist. Ich glaube, die J., welche auch noch ein paar Tage Resturlaub mit mir gemeinsam verbrät, ist auch keine Freundin dieser Region.

Asien oder Amerika sind für eine Woche zu weit weg. Nach Israel möchte ich länger als nur ein paar Tage. In Nord- und Osteuropa ist es mir im Mai zu kalt, und deswegen sitze ich jetzt hier: An der Makarska Riviera. Kroatien. Ich glaube, wir haben gut gewählt.

Von den Nachgeborenen

Die Stadt ist voller Toter. Sie glänzen als Stolpersteine auf den Bürgersteigen, allein in unserer Straße acht oder neun. Sie hängen als Gedenktafeln an Häusern. Manchmal bemerkt der F., dass die Toten heißen wie seine Freunde, und fragt nach, was sie getan haben, als sie in unseren Wohnungen gelebt haben, auf unseren Straßen herumgegangen sind, und wieso sie sterben mussten, fragt er auch. Wir erzählen ihm Teile der Wahrheit.

Die Stadt ist für einen Fünfjährigen ein Spielplatz, ein Labor, ein Moloch aus fremden Ideen, elektrisierenden Erfindungen, Leidenschaften aller Arten und den unglaublichsten Skandalen. An meiner Hand durchwandert der F. die Stadt, fragt nach Denkmälern und Straßennamen, Königen und Schlachten, und als wir am Sonntag aus dem Naturkundemuseum durch die Chausseestraße kommen, fragt er mich auch. Wer das denn sei, der Mann von der Tafel.

Puh, sage ich und fange an zu erzählen. Dass der Mann Gedichte und Theaterstücke geschrieben hat. Dass er erst viel Ärger hatte, weil er eine andere Regierung wollte, als die, die damals an der Macht war. Dass er im Krieg im Ausland gelebt hat, und dann wieder nach Berlin gekommen ist, als Leute die Regierung bildeten, die er für seine Freunde hielt. Dass ich glaube, dass er am Schluss enttäuscht war und feststellen musste, dass seine vermeintlichen Freunde keine waren.

Es ist schade um die großen Träume, denke ich, aber das sage ich dem F. noch nicht.

Dass seine Frau eine berühmte Schauspielerin war. Dass er geraucht hat. Dass er Frauen mochte, findet der F. gut, der auch Mädchen sehr gern hat und ein bestimmtes Mädchen heiraten will, das sehr gut malen und kämpfen kann, wie er findet. Theater findet er auch gut, und Bücher schreiben hält der F. auch für sehr, sehr toll. Aufgrund eines schwer zu beseitigenden Missverständnisses glaubt der F., dass alle Leute Bücher schreiben, und der einzige Unterschied zwischen erwachsenen Leuten darin besteht, ob diese Bücher ausgedacht sind oder nicht.

Im Innenhof krame ich in meinem Gedächtnis nach einem der Gedichte, um es dem F. aufzusagen. Ich kenne ziemlich viele Gedichte auswendig, weil mein Großvater seine Enkel gezwungen hat, sonntags Gedichte aufzusagen. Brecht war da aber nicht dabei. Schiller und Goethe lernte man damals, Uhland, Eichendorff, so etwas, dabei war das ungefähr 1985 und der arme B. B. schon lange tot.

Es ist ruhig in dem Hof, die Kastanienblätter wippen im Wind. Es sieht ganz unberlinerisch aus, kleinstädtisch, es könnte auch in Augsburg sein oder in einem böhmischen Dorf, und als ich das denke, fällt mir doch das Lied von der Moldau ein, aber das singe ich nicht in diesem leeren Hof unter den geöffneten Fenstern, hinter denen Leute sitzen, die mich hören.

Dass er nebenan auf dem Friedhof liegt, erzähle ich dem F., und der will dann gleich auf den Friedhof. Da stehen wir dann zwischen all den großen Toten, den Brüdern Herzfelde, der zweifelnden, harrenden Christa Wolf und Anna Seghers, Heinrich Mann und seiner schon fast überwucherten Frau, die sein Bruder nicht mochte, der Ruth Berghaus, deren Barbier vielleicht auch der F. noch sehen wird, und dem große G. F. Hegel.

Es ist ruhig hier, grau und maigrün. Auf den alten Steinen flirren die Schatten der Blätter, und als wir vor dem Grab Brechts und der Helene Weigel stehen, knie ich mich neben den F. und singe ihm ganz leise ein paar Zeilen der Marie A. ins linke Ohr.

Ich hätte ihm gern einen schönen Stein aufs Grab gelegt, sagt der F., als wir gehen.