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21.03.2020: Die Katze

Eins immerhin ist nun klar: Es liegt gar nicht an einer jeden Winter Monate währenden Dauerbronchitis. Es liegt an der Katze. Ist es warm, steht ganztags die Balkontür offen. Ist es kalt, haben wir alles zu. Dann beginne ich zu husten.

Die Erkenntnis ist allerdings nur eins. Was passiert denn nun mit der Katze? Rasieren ist keine Lösung, eine Desensibilisierung haut auf die Schnelle nicht hin. Kurz denke ich an meine Tante, dann erfahre ich, dass meine vor einigen Jahren verwitwete Tante gerade daran denkt, umzuziehen.

Nun stehen wir also da. Sobald die Katze sich schüttelt, fange ich erbärmlichst an zu röcheln. Und inmitten dieser unwirklichen Tage, in diesem falschen Frühling, ist es schon fast beruhigend, noch so gewöhnliche Sorgen zu haben wie eine Katzenhaarallergie.

Nach Kythera und zurück

Können Sie sich noch daran erinnern, wie wichtig Liebesgeschichten zu sein schienen, als sie so ungefähr 17 waren? Ha, hätten Sie mal französisch gelernt oder Klavier geübt, dann könnte Sie das heute, aber wer Ihnen damals mal wirklich wichtig erschien, den haben Sie heute aber sowas von vergessen. Ich hoffe, es geht Ihnen allen prächtig, aber konzedieren muss man ja schon: Die Drüse, die verliebt macht, hat ihre Produktion im Wesentlichen eingestellt. Das ist schön für die Stabilität bestehender Beziehungen, aber eher so mittelgut für den Content eines nicht unwesentlich auf Indiskretionen beruhenden Blogs.

Immerhin, es gibt Ausnahmen. Nehmen wir beispielsweise den G., netter Kerl so an sich, der sich nach einigen schrecklich langweiligen Jahren als Ehemann und Vater ausgerechnet in seine Nichte verliebte. Also eine große Nichte, irgendwie so Anfang zwanzig, und tatsächlich ein paar Monate mit der Nichte sehr glücklich war. Dann flog alles auf, Scheidung, drei Jahre Skandinavien an irgendeinem Krankenhaus am Ende der Welt, der G. ist nämlich Arzt, und als der G. nach Deutschland zurückkam, war er wieder in festen Händen. Sie war sehr still, sehr lang, sehr schlank, so ein Mädchen mit langen, glatten, braunen Haaren und sie war circa 27 und promovierte über irgendetwas mit Kunst. Unter Leuten, die ihn kannten, hieß sie nur die Madonna.

Auf die Madonna eins folgte die Heilige Therese. Sie war circa 27, sehr zart und sehr blond und zog eines Tages Knall auf Fall zu ihrem Doktorvater. Die Heilige Therese verließ zur Abwechslung also mal den G., so dass der G. sich für ein paar Monate wirklich schlecht fühlte, bis er die Heilige Barbara kennenlernte, die so hieß, weil sie in einem Turm arbeitet, in dem eine bekannte Großbank ihr Unwesen treibt. Sie war circa 24, Bankkauffrau, lang und schlank mit glatten braunen Haaren, und als sie ausgezogen war, hatte der G. keinen Hund mehr, kein Sofa, und er fühlte sich irgendwie erschöpft.

Zwei Jahre später sehen wir den G. nunmehr erneut in Skandinavien. Er hat ein Haus gekauft, einen neuen Hund, ein neues Sofa, sein ältester Sohn wohnt bei ihm, und er hat eine neue Freundin. Sie ist 47, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Lehrerin, und Leute, die ihn kennen, nennen sie bei ihrem Namen.

Teneriffa Tales 3

Der Typ beispielsweise da drüben in den roten Boxershorts. Nacken etwas zu ausrasiert, Nacken etwas zu dick. Vor fünf Jahren war er muskulös, in fünf Jahren wird er fett sein, aber heute ist er circa 40 und wirft seinen Sohn im Pool hoch und fängt ihn wieder auf. Immer so ein bisschen zu breitbeinig, und die Arme auch so ein bisschen ausgestellt, als hätte er Brust- und Oberarmmuskeln, die einer entspannten Körperhaltung entgegenstehen. Auf der rechten Wade hat er eine kleine Tätowierung. Ich bin mir sicher, er denkt nicht wesentlich differenzierter als ein Stein.

Die Frau da auf der Liege. Vielleicht 50, hager, sehr groß, lange Haare. Sehr gepflegt, anders als bei vielen nicht mehr ganz jungen Frauen sehen ihre Haare super aus, keine splitternden Spitzen, die Färbung ist extrem natürlich, und selbst wenn sie aus dem Wasser kommt, sehen ihre Haare schön aus. Ansonsten würde man ihr wünschen, ein paar Kilo zuzulegen, nicht viel, damit die rotgebrannte Haut nicht direkt über Muskeln und Adern läge. Sie sieht ein bisschen aus wie die präparierten Toten in dem Panoptikum am Alexanderplatz, und die tiefen Falten zwischen den Augen und die scharf eingeschnittene Nasolabialfalte tun mir ein bisschen leid. Dünne Frau, du hast es auch nicht immer schön, denke ich, während sie auf Espadrilles mit Keilabsätzen und einem wehenden, transparenten Kimono im Leopardenprint zur Poolbar schreitet.

Die kleine, fesche Mutter mit den beiden Töchtern dagegen gibt keinen Anlass für Mitleid. Sie ist ein Kugelblitz mit schwarzen Augen und dicken Haaren, piekt ihre Jüngste mit dem Zeigefinger in den Bauch und lässt sie fröhlich quietschen. Die Große sieht weder ihr noch dem Baby ähnlich, ein blässliches, zartes Mädchen von 12 oder 13, die auf ihrer Liege liegt und auf einem Kindle liest. Ob sie die Stiefmutter ist? Oder ist das Mädchen nur in der Vorpubertät und distanziert sich von der Mutter? Erst beim Frühstück ordne ich den Vater der Familie zu: Es ist ein sehr aufrechter, gegerbter Mann mit ein paar gelbgrauen Strähnen auf dem Kopf, der ein paar Schritte abseits unablässig telefoniert.

Oh, und wir. Mutter und Sohn, er liest, sie liest. Ab und zu wird gebadet. Sie wirkt leicht gelangweilt. Das Kind dagegen amüsiert sich königlich.

 

Kleines Mädchen

„Was hast du in der Tüte?“, fragt mich das kleine Mädchen auf dem Bahnsteig, vielleicht fünf Jahre alt, und hofft vielleicht auf Schokolade oder etwas sehr Aufregendes wie den Krönungsmantel einer Prinzessin, deren Gouvernante ich bin, aber leider ist sie entführt worden, und bis sie wieder da ist, hebe ich den Mantel für sie auf.

Tatsächlich ist leider nur Haarseife in der Tüte. Und Strumpfhosen und eine runde Packung von diesen, na, wie heissen sie noch, Zupftaschentüchern, also denen, die man so nach und nach aus einer kleinen ovalen Box zieht, und ein Deostift von balea, das sind die dm-Deostifte für 89 Cent. Für das kleine Mädchen interessant sind höchstens die Pfefferminzbonbons, aber vermutlich nicht einmal die, denn mein kleiner Junge isst Pfefferminzbonbons erst seit dem diesem Jahr, vorher waren sie ihm zu scharf, und als er fünf war, hätte er sie sofort ausgespuckt.

Nichts, sage ich deswegen und öffne meine Tasche weit, damit sie hineinschauen kann. „Oh!“, ruft sie und zeigt auf einen kleinen Kamm, zehn Zentimeter lang mit einem Werbeaufdruck und eine Mini-Weihnachtsbaumkugel von unserem Adventskranz, die heute morgen aus unerklärlichen Gründen vorm Empfangstresen des Büros lag.

„Ich mach dir einen Zopf.“, biete ich der Kleinen an, teile ihre langen Haare mit dem Kamm, flechte, ziehe ein Haargummi aus meiner Tasche und binde die Haare hoch und schlinge den Weihnachtsbaumkugeldraht einmal über den kleinen, dünnen, seidigen Knoten. Sie hat starke, schwarze Haare.

„Schön siehst du aus!“, sage ich, als die S 9 endlich kommt. Sie freut sich, nimmt den entgegen gehaltenen Kamm, bedankt sich und winkt mir noch einmal, und dann läuft sie zu ihrer Mutter, die auf dem Treppenabsatz auf einer Decke sitzt und bettelt, und dreht sich nicht mehr um.

Mach es gut, kleines Mädchen, denke ich. Und wenn Sie an der Warschauer Straße vorbeikommen: Seien Sie nett zu ihr.

Nächtliche Gedankenfahrt

Schwer erkältet. Wer hier schon ein paar Jahre mitliest, wird nun gelangweilt den Mund verziehen, denn ich bin nicht nur dieses Jahr über den Jahreswechsel von der Stirnhöhle bis zu den schmerzenden Fußgelenken infiziert, nein, ich falle jedes Jahr einem Virus anheim, der mich kurz vor Weihnachten anspringt, wenn es im Büro besonders hektisch ist, und meine ohnehin etwas fragile Immunabwehr überwältigt, wenn die sich über die Feiertage ein bisschen entspannt.

Über Weihnachten habe ich also viel im Bett gelegen, für meine Verhältnisse viele Filme gesehen, und unvernünftig viel gegessen. Cleverere Leute als ich hätten die erkältungstypische Appetitlosigkeit genutzt, um sich zumindest den Gewicht vom letzten Jahr Weihnachten wieder anzunähern, aber ich habe einfach stumpf weitergestopft. Ich trage jetzt nur noch elastische Kleider, da fällt das nicht so auf.

Warum erzähle ich Ihnen das? Mittelalte Frauen mit roten Augen und triefenden Nasen sind schließlich nicht so sonderlich interessant? Nun, vor lauter Husten und trockenem Mund, Kopfbrummen und Gliederschmerzen schlafe ich derzeit natürlich auch ganz, ganz erbärmlich. Nachts wache ich zwischen 3 und 4 Uhr einfach auf. Dann liege ich möglichst bewegungslos im Bett, versuche, den geschätzten Gefährten nicht zu stören, und dämmere so vor mich hin.

Kennen Sie diesen Zustand, in dem man einerseits sehr wach ist, andererseits die festen Bahnen, auf denen die Gedanken tagsüber auf Schienen laufen, gerade nichts halten? Wenn die Gedanken vom warmen Schlafanzug, den man gerade gern hätte, zum Weihnachtsfest laufen, an dem die Tante M. den Schlafanzug geschenkt hatte, den man so mochte, oh, war der kuschelig. Aber schade war es schon, dass auf der Beerdigung der Tante M. ausgerechnet die Frau T. einen Schlaganfall erlitten hatte, und so stand die Tante nicht einmal auf der eigenen Beerdigung im Mittelpunkt. Was wohl der hübsche Neffe der Frau T. heute macht? Dunkelblond war der, aber ganz schwarze Augen. Irgendwann haben wir uns einen Nachmittag lang geküsst. Aber wieso eigentlich nicht wieder? War das des R. wegen? Oder fuhr ich anderntags in Urlaub, und wenn ja, was für ein Urlaub war das? Frankreich? Dänemark? Schweden? Ach, Urlaub wäre gut, aber Herumfliegen soll man ja nicht mehr, und in Deutschland ist es gerade so schlimm kodderig.

So fahren die Gedanken entgleist von des Tages festen Bahnen schlingernd hin und her, ab und zu erscheint mir ein einzelner Gedanke gut und sinnvoll, soll festgehalten werden, macht sich wieder los, und dann reisst sich das ganze Floß des Bewusstseins los vom Ufer, treibt wieder dem Schlaf entgegen, und wenn ich das nächste Mal die Augen aufschlage, ist es morgens und ich sehr, sehr müde.

Sharknado by IKEA

Das ganze Internet hat den ganzen November Adventskalender für seine drei Kinder und vier Patenkinder handgeklöppelt, nur der J. und ich und Leute, die Kindergeburtstage bei Mac Donalds feiern, haben einen gekauft. Mit Schokolade. In unserem Fall auch noch bei IKEA. Aber wir können das erklären.

Tatsächlich war der selbstgefüllte Adventskalender vor zwei Jahren kein Erfolg. Entweder steckte Schokolade drin, dann freute Sohn F. sich sehr. Oder es waren Zungentattoos, Luftballons, ein Minikreisel, ein Jo-Jo, also so Sachen, die man ansonsten in Geburtstagstütchen tut, und die wurden nur flüchtig angesehen und verwandelten sich flugs in Dinge, die die vielen Spielzeugkisten des Sohns verstopfen. Seitdem also Schokolade. Die isst zwar auch nicht immer der Sohn, aber irgendwer hier wird sich schon opfern.

Neben 22 Stück Schokolade enthält der IKEA-Adventskalender auch noch zwei Gutscheine: Am sechsten und am 24. Dezember gibt es je einen Gutschein mit einem Nennwert von mindestens fünf, maximal 1.000 EUR. Mindestens zehn EUR vom Kaufpreis bekommt man also zurück. In unserem Fall: 10 EUR schenken wir dem F., der sich dafür bei IKEA etwas kauft.

Im vergangenen Jahr blieb es bei den zehn EUR. Nun sind zehn EUR bei IKEA durchaus Geld. Man kann eine Pizza aus Plüsch kaufen, die des F. Lieblingsbär sehr gern isst. Oder einen Plüschpanda, damit der Lieblingsbär endlich Babies bekommt. Oder zwei große Dosen Bügelperlen, wenn man geheime Aggressionen gegen seine Eltern hegt. Der F. kaufte aber nichts davon. Der F. legte noch drei EUR drauf und kaufte Hai.

Hai ist einen Meter lang und aus Plüsch. Sein Bauch ist weiß, ansonsten ist Hai blau. Er verfügt über eine imposante Rückenflosse und viele Zähne. Die sind allerdings auch aus Plüsch. Hai ist nicht so doll gestopft, daher ziemlich weich, ungefähr so wie ein Kissen, deswegen kann man gut auf Hai schlafen oder man lehnt sich gegen Hai oder man legt zumindest seinen Kopf in die Kuhle zwischen Hais Schwanz und seinem Rücken.

Der F. liebt Hai also sehr. Ab und zu spricht er mit Hai. Hai und er sind sich oft einig: Beide essen zum Beispiel gern Fisch. Sie finden den Sportlehrer unsympathisch, lesen aber gern. Abends sind sie noch nicht müde, finden morgens aber nicht aus dem Bett. Beide haben viele Freunde, die im Falle des F. aus Fleisch und Blut, im Falle des Hai auch aus Plüsch bestehen, aber manchmal fühlen sie sich einsam.

Nun aber naht die Rettung. Am 24. Dezember wird der F. Eigentümer von zwei IKEA-Gutscheinen sein. Zwischen den Jahren will er die Gutscheine einlösen. Er hat Hai mindestens einen Gefährten versprochen, denn auch dieses Jahr soll gegen eine Zuzahlung von nur drei EUR ein – diesmal weiterer – Hai erworben werden. Und vielleicht, so hat der F. dem Hai offeriert, hätten beide ja Glück und würden einen großen Gutschein im Adventskalender finden. Und dann würden für 105 EUR sieben Haie gekauft und noch ein bisschen Zuckerzeug dazu. Oder der F. gewinnt das große Los und kann 77 Haie kaufen.

Zumindest im letztgenannten Fall behalten der J. und ich uns allerdings vor, dem F. seine nur beschränkte Geschäftsfähigkeit gem. § 106 BGB entgegenzuhalten und ihm mitzuteilen, dass wir einem entsprechendes Geschäft keineswegs zustimmen.

Nicht mehr

Vielleicht ist das das Alter: Das es rundrum nicht mehr aufwärts geht. Dass man über Leute, die man gut oder nicht so gut kennt, kaum mehr frappierende Erfolgsgeschichten hört, die man ihnen so nie zugetraut hätte. Dass niemand einem auf der Friedrichstraße an den Hals springt und ruft, wie verliebt er sei, und wenn man ausgehen könnte, macht man sich nicht mehr schön und friert in der Schlange vorm Eingang, sondern sitzt einfach so bei einem Bier in einer Bar und spricht über Wohnungsbaupolitik oder Schulessen in Berlin, und niemand, wirklich niemand schaut einen noch an, als sei man gemacht aus Sahne und Federn und Morgenhimmel und Tüll.

Vielleicht ist das auch das Alter: Dass es jedem noch gut geht,  und die Männer sich ihre Fahrradtouren zeigen und die Frauen ihre Handtaschen so herausfordernd schwenken, als trügen sie die Schlüssel der Stadt mit sich herum. Über die Straßen zu laufen, den Kopf erhoben, vom Wind gesegnet und vom Alter noch nicht zerzaust. Nicht mehr sehnsüchtig zu warten, weil Vieles angekommen ist und der Rest vergessen, für nichtig erklärt, stehen gelassen und selbst in den Nächten, bei Vollmond, im Regen, im Nebel: Rein gar nicht mehr da.

Im Kino

Aus den Augenwinkeln sehe ich zwei Paar Kinderfüße in Gore Tex Schuhen, die freudig strampeln. Es läuft „Shaun das Schaf“, das liebt Sohn F. sehr, und sein Freund M. sitzt ebenso gespannt neben ihm. Beide stopfen Popcorn in sich hinein, als gebe es kein Morgen.

Auf dem Hinweg haben beide Kinder angegeben, sie hätten schon mehrere Filme gesehen und seien auch schon einmal im Kino gewesen. Für den F. ist es der dritte Besuch. Noch ist es Höhepunkt der Woche und nichts, was man eben so macht, wenn es abends langweilig ist.

Sie werden wohl noch oft in ihrem Leben in diesem Dunst aus Popcornduft und Käsesauce ihren Platz suchen. Der feine Staub, der vor dem Strahl des Projektors tanzt. Die Kinowerbung, das Eiskonfekt, dessen hauchdünne Kuvertürenummantelung man mit der Zunge zerbrechen kann. Aber es wird nicht mehr oft so sein, dass sie nach dem Film begeistert und verzaubert zwischen den Sitzreihen tanzen, während der Abspann läuft, weil jeder Zauber stumpf wird durch Zeit und Wiederholung.

Rund

Als habe sich meine Welt im Sommer irgendwie ein bisschen den Knöchel verstaucht, schleppe ich mich durch die Wochen. Gut läuft’s, sage ich, wenn man mich fragt, und das ist zutreffend und alles andere so undankbar wie falsch. Aber doch, irgendwie kommen die interessantesten Anrufe immer dann, wenn ich gerade nicht da bin. Das beste Essen wird serviert, wenn ich just an diesem Tage nicht kann. Das Hotel, das herrlich ist, so an und für sich, hat gerade, wenn ich dort weile, keinen guten Koch, und wenn ich etwas kaufe, finde ich es nicht wieder.

Irgendwo, ahne ich, hat jemand graues Pulver verbrannt, in den Wind gehustet und ein Sprüchlein gesagt. Irgendwo anders aber wächst mir das Glück rund wie ein Kürbis, weht mir entgegen bunt wie die Blätter, und küsst mich schon morgen so heiter und klar wie der Himmel im Herbst.

Wie sehr, so sehr

Wie dunkel der Schatten ist in diesen Bildern. Und wie grell das Licht. Wie ganz und gar überwältigend der Schrecken, wie rot das Blut, und wie laut die Bilder über die Jahrhunderte dröhnen, vom Rom Urbans VIII bis zu diesem Sommersonntag in Potsdam, in dem es im Museum Barberini am Alten Markt ausnahmsweise nicht einmal zu voll ist, sondern angenehm, kühl sogar, und der F. an meiner Hand sich Geschichten erzählt und erzählen lässt, die von Morden handeln, von Verwandlungen, von allerhöchster Lust und von einer Frömmigkeit, die sich selbst nicht mehr so ganz vertraut, denn wir schlendern durch das 17. Jahrhundert und der Glaube ist ein wenig matt geworden seit den Tagen der hochragenden Dome.

Außer uns besuchen vorwiegend ältere Damen das Museum, ältere Paare, wenig jüngere Menschen. Der Sommer hat mit Macht noch einmal die Stadt eingenommen, wahrscheinlich sind die Badeseen voll.

Die J. erzählt von ihrer Renovierung, ich strecke und dehne die Beine, die sich schwer und irgendwie verbeult anfühlen und streiche mir mit der Hand über die Unterarme. Ich weiß nicht wieso, aber seit ein paar Tagen spannt und schmerzt meine Haut auf der Innenseite meiner Arme.

Die J. und ich sprechen kurz über unsere nachlassende Physis, Krankheiten im Freundeskreis, schmerzende Rücken, und ich streiche mir mit der linken Hand über den Nacken. Wenn ich zwischen zwei Wirbeln drücke, knackt es eindrucksvoll in meinen Ohren.

„Wir fallen alle auseinander.“, scherze ich und ziehe die Mundwinkel hoch. Wir fallen auseinander, wir fallen in Erde und Staub, und nie, nie, werden wir so sehr gelebt haben, so düster und grell, so laut und so leise, so lustvoll und so mörderisch, wie diese Bilder an den Wänden leben, die Leute malten, die mehr vom Leben wussten als wir.