Leben

Szenen machen

In der ersten Szene, verehrtes Publikum, sehen Sie einen Mann und eine Frau eines Abends um zehn vor einem Konzertsaal. Der Mann ist sehr groß, sehr rothaarig und sehr mager, er trägt eine dicke Brille, verfügt über eine geradezu unwahrscheinliche Menge nervöser Ticks, und er spricht gerade über Karl Popper. Die Frau nickt ab und zu, wobei man nicht so ganz genau weiß, ob sie wirklich zuhört, und kramt in ihrer Tasche nach Geld fürs Taxi. Ein Paar würde sich vermutlich immer mal wieder unwillkürlich beiläufig berühren, das tun diese beiden Leute nicht, und vor dem Taxistand küssen die beiden im Zuge so einer sehr langarmigen Umarmung jeweils lässig in die Luft neben ihren Köpfen. „Ciao, P.“, schwingt die Frau sich in ein Taxi und lässt sich von einem der irre brabbelnden Geistesgestörten, die in dieser Stadt Personenbeförderungsdienste leisten, nach Hause fahren.

Die zweite Szene einige Wochen später besteht aus einem einzigen Monolog. Es zeigt eine andere Frau, die unruhig in einem Wohnzimmer hin und hertigert. Die Frau malt sich alles Mögliche aus, was so passieren könnte, wenn ihr Mann – also der Mann aus der ersten Szene – allein und unkontrollierbar unterwegs ist. Darüber steigert sie sich in einen wahren Paroxysmus der Eifersucht hinein, und irgendwann bemächtigt sie sich tatsächlich des Telefons ihres Gatten und ruft die letzten Nummern an, die dort als „angerufen“ angezeigt werden, meldet sich, sagt dann gar nichts mehr und schweigt nur leise atmend in den Hörer, bis die Angerufene – also die Frau aus der ersten Szene – auflegt, ohne Gelegenheit zur Klarstellung zu haben, dass das verdächtige Telefonat allein der terminlichen Abstimmung eines Liederabends mit einem bekannten Tenor diente.

Irgendwann am Ende eines sehr langen Kontinuums von Raum und Zeit öffnet sich die Tür. Es erscheint der Mann aus der ersten Szene im Zimmer. Die Frau fällt ihn quasi an und erhebt umfangreiche Verdächtigungen. Der Mann dementiert. Und dementiert. Und dementiert. Dann wird er weich. Erst gesteht er, dass er die Konzerte gar nicht mit seinem Bruder besucht habe. Dann, dass eine Frau – also diese Frau aus der ersten Szene – dabei gewesen sei. Dann, dass auch niemand anders dabei gewesen sei, also außer den anderen Besuchern der Opernhäuser naürlich. Und ganz am Ende dringt die Frau solange in ihn, dass er aus irgendwelchen blödsinnigen Erwägungen heraus, vermutlich Ermüdung, zugibt, er sei verliebt. So intelligent, dass er keine Namen nennt, ist er dann immerhin doch noch, ansonsten stünde seine inzwischen sehr aufgebrachte Frau bei der allen anderen Beteiligten unbekannten Angebeteten vermutlich seit Tagen heulend und kreischend im Vorgarten.

Die nächsten Szenen sind langweilig, zumindest, wenn man sich für familiären Zwist nicht interessiert. Ab und zu wird die andere Frau eingeblendet, die ein ausgesprochen bürgerliches, an Zurückhaltung überhaupt nicht mehr zu übertreffendes Leben führt und gelegentlich, das empfinden manche Zuschauer als übertrieben, zur Verdeutlichung dieses Umstandes herzhaft gähnt.

Halbwegs interessant wird es dann erst wieder, wenn der Mann sich ein paar Sachen in eine Tasche packt und zum Bahnhof läuft. Wir sehen ihm kopfschüttelnd nach, wie er sehr lange seine Bahncard anschaut und sich fragt, zu welcher Rabattierung ihn diese Karten wohl ermächtigt. Am ausgesprochen ländlichen Zielort angekommen wird er von einer resoluten Dame bereits erwartet, die sich schon aufgrund unverkennbarer Ähnlichkeit als seine Schwester erweist. Diese fährt ihn zu ihrem Haus, setzt ihm etwas zu essen vor, bezieht ihm ihr Gästebett und konfisziert sein Telefon, damit er sich mal so richtig ausschläft. Wenn jemand anruft, meistens seine Frau, erklärt sie sodann, jetzt sei bitte erst einmal richtig Ruhe. Er wiederum geht mit ihrem Hund spazieren, spielt Orgel in einer nahe gelegenen Kirche, betet für sein Seelenheil und das aller anderen Beteiligten, und wird dafür, so steht es wenigstens zu hoffen, vom Herrgott mit der Erkenntnis erleuchtet, dass man auf derlei Fragen entweder mit einer menschenfreundlichen Unwahrheit oder mit einer beziehungsbeendenden Wahrheit, aber überhaupt nie mit einem nervenzerrüttenden Wahrheitsfragment antwortet, denn darauf steht eine demnächst zu absolvierende Kette schrecklich anstrengender klärender Gespräche und eine Entschuldigung für die komplett unbeteiligt in diese Querelen hineingezogene Frau aus der ersten Szene, die rein gar nichts mit dem ganzen Mist zu tun hat und nichts weiter will als ab und zu irgendwohin zu gehen und ansonsten unangerufen von fremden Leuten heiter durch die Straßen der Stadt zu lustwandeln.

Du mit fünf

Du kannst nur null und hundert. Du weißt weder, dass es Leute gibt, die für Geld Fußball spielen und verschiedenen miteinander wetteifernden Vereinen angehören. Noch ist Dir klar, dass nicht alle Autos aus derselben Fabrik kommen. Das interessiert Dich nicht, das nimmst Du nicht mal wahr. Dafür hörst Du seit mehreren Monaten am Stück die Hörspiele von „Was ist Was“ und hast Dir dabei ein umfangreiches, ziemlich irritierendes Detailwissen sowohl über naturwissenschaftliche als auch über historische Themen zugelegt, und ich mache mir manchmal ein bisschen Sorgen, ob Deine Grundschullehrerinnen nächstes Jahr sehr genervt sind, wenn Du auf umgehenden Antworten auf Deine Fragen nach dem Tod Sullas oder der Anzahl Roter Riesen im Weltall bestehst. Gestern hast Du drei Stunden in der Ausgrabungsstätte von Olympia am Stück kluggeschissen, und ich habe  mich ernsthaft dabei ertappt, ganz froh zu sein, dass Du kein Mädchen bist, für das die sozialen Kosten skurriler Spezialinteressen deutlich höher wären als für Dich.

***

Im Internet lese ich ständig von Kindern, die erstaunliche Lebensweisheiten von sich geben. Das ist von Dir nicht zu erwarten. Du bist nicht im Ansatz abgeklärt. Für Kindergartenmedaillen aus Plastik oder die Urkunden Deiner Musikschule würdest Du barfuß durch die Wüste gehen, obwohl Du es nicht gern heiß hast. Von den Wahlen zum Gruppensprecher in der Kita und der miesen Amtsperformance der völlig zu Unrecht Gewählten höre ich, bis mir die Ohren bluten. Weil auch Deine Kindergärtnerin Dein steinerweichendes Gejammer nach der verlorenen Wahl nicht mehr ertragen hat, bist Du jetzt der nicht gewählte, aber sehr engagierte Anwesenheitslistenführer der Kindergartengruppe und darfst auf den wöchentlichen Ausflügen die Kleenexbox tragen. Wenn andere Eltern in der Zeitung stehen, schaust Du mich leidend und vorwurfsvoll an. Du bist ein fürchterlicher Hypochonder, das muss ein Erbfehler sein, und hast schreckliche Angst vorm Tod.

***

Du schwimmst gern. Du baust gern. Du bastelst gern. In ein paar Jahren wird Dir jemand sagen, dass Du nicht gut malen kannst, dann wirst Du vermutlich aufhören, aber derzeit macht es Dir noch Freude, egal, wie das Ergebnis aussieht. Du machst tatsächlich passable Photos mit einer sinnvollen Bildaufteilung, gut gewählten Motiven, und ab und zu amüsiere ich mich darüber, wie anders ich auf Deinen Bildern aussehe als auf den Bildern, die andere von mir machen. Inzwischen glaube ich, dass das nicht an Deinen technischen Schwächen liegt, sondern dass Du mich so fotografierst, wie Du mich siehst. Noch findest Du mich wunderbar und fehlerlos, und es wird ein wenig hart für mich, wenn Du irgendwann feststellst, dass das nicht stimmt, auch wenn ich weiß, dass das so sein muss und wird.

***

Es ist ein bisschen überraschend, aber Du bist kein Optimist. Du bist ein Skeptiker, Du findest die anderen Kinder auf der Sonnenterrasse erst einmal zu laut, bevor Du dann doch mit ihnen spielst. Du hebst Dir das Beste am Essen immer bis zum Schluss auf. Du bist gesellig, aber oft bist Du über Stunden allein in Deinem Zimmer und keiner darf rein. Woran Du dann wohl denkst? Du unterhältst mehrere Freundeskreise, mit den einen bist Du laut und wild und manchmal ziemlich unangenehm zu anderen Kindern. Mit den anderen bist Du ruhig und freundlich und ziemlich angepasst und spielst UNO oder malst Burgen. Vielleicht bist Du ein Mitwolfheuler, das weiß man noch nicht so genau. Überhaupt weiß man noch nicht, was an Dir die Jahre überdauern wird. Wie Du wohl sein wirst mit 35? Manchen Leute sehen auf Ihren Kinderbildern genauso aus wie 30 Jahre später, also nicht so körperlich, aber sonst. Es wäre nicht das Schlechteste, wenn das auch bei Dir so wäre, aber was auch immer an Dir bei Dir bleibt: Bei mir bleibst Du nicht. Ich werd‘ Dich vermissen.

Lange nicht getrennt

„Aber warum?“, insistiert Kind F. auf der Frühstücksterrasse, stopft sich weitere Pfannkuchen in den Mund und fordert ein ums andere Mal eine vernünftige Erklärung, wieso unter den anderen Eltern seiner Kindergartengruppe gerade der Spaltpilz umgeht, aber das kann ich ihm auch nicht beantworten. Vielleicht langweilen sie sich, auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, wieso Leute sich gleich scheiden lassen, nur weil sie sich langweilen. Langweilt sich nicht jeder normale Mensch, weil das bürgerliche Leben eben recht wenig Überraschungen für jedes halbwegs normal entwickelte Unterhaltungsbedürfnis bereithält?

„Ihr trennt euch aber nie!“, fordert der F. und der geschätzte Gefährte und ich schauen uns leicht betreten an. Nun ja, besagt J.s Blick. Ganz, wie man es nimmt. Denn der J. und ich sind sozusagen die Könige der theatralischen Trennung.

Wir haben uns beispielsweise auf dem Weg von Amsterdam nach Cochem an der Mosel mehrfach getrennt. Wir waren so ungefähr Anfang 20, im Fiat Punto des J. gab es kein Navigationsgerät, und keiner von uns kann Karten lesen. Erst warfen wir uns unsere Unfähigkeiten nur vor, dann beschlossen wir, uns gleich morgen jeweils jemanden zu suchen, der einfach alles besser kann als der jeweils andere, während mein Vater unablässig anrief und fragte, wann wir denn nun eigentlich in dem Hotel erscheinen würden, in dem er seinen Geburtstag zu feiern beschlossen hatte. Als wir endlich da waren, geriet der Trennungsvorsatz aber schon so ein bisschen in Vergessenheit und wurde im Zuge der väterlichen Feierlichkeiten der nächsten Tage schlicht abmoderiert. In Tunis haben wir die Trennung immerhin zwei Tage durchgehalten, in dem knappen halben Jahr in Hannover haben wir, aber das ist eine ziemlich chaotische Geschichte mit mehreren Beteiligten, uns eigentlich alle paar Tage getrennt, aber nur manchmal mit vollem Programm inklusive Rücktausch der Schlüssel. Die Geschichte mit dem Plüschnilpferd, die hier zuerst stand, musste ich auf den besonderen Wunsch eines einzelnen Herrn leider streichen. Erinnern Sie mich bei Gelegenheit an die auch eher abseitige Suche nach dem silbernen Ring.

Meistens haben wir uns schneller wieder vertragen als es selbst Anfang der Nuller Jahre in Berlin gebraucht hätte, um eine neue Wohnung zu finden, deswegen haben wir nur ein knappes Jahr so richtig in getrennten Wohnungen gelebt, allerdings stand der Anschaffung neuer Lebensgefährten der Umstand entgegen, dass wir wechselseitig die Schlüssel hatten und unangemeldet in die jeweils andere Wohnung zu platzen pflegten, um dort Wäsche zu waschen oder ein wenig zu schlafen. Außerdem war des J. Wohnung von innen teilweise komplett verkorkt. Als ich irgendwann feststellte, dass der J. seiner Familie die Trennung sowieso verschwiegen hatte, um seine Oma nicht aufzuregen, zogen wir wieder zusammen und kauften uns von dem ersparten Mietzins noch mehr gutes Essen.

Fragt man den J., dann reagiere ich beispielsweise überaus hartherzig auf seine vielfachen gesundheitlichen Kalamitäten und bin beruflich wie privat ungefähr gleich nervig hyperaktiv. Fragt man mich, so ist des J. Neigung, ausgesprochen lange quasi nichts zu tun, in Verbindung mit äußerster Reizbarkeit in Hinblick auf Benehmen und Beschaffenheit anderer Leute schon eher anstrengend. Wir haben weder über Religion noch über Politik ähnliche Ansichten und nur teilweise dieselben Freunde und finden die merkwürdigen Menschen, mit denen der jeweils andere sich teilweise so umgibt, unangenehm und komisch. Der J. etwa unterhält eine ganze Riege nichtsnutziger inzwischen nicht mehr so junger Männer aus gutem Hause mit schlechten Noten, aber hohen Einkommen, peinlichen Autos und ziemlich bornierten Ansichten. Ich dagegen kenne haufenweise Streber. Immerhin teilen wir dieselben Ansichten über den Wert guter Manieren bei Kindern und Erwachsenen und die Spätromantik in der Musik.

In Konsequenz dieser Vorgeschichte haben wir eine der ausgefeiltesten Trennungsregelungen, die nicht getrennte Paare überhaupt so unterhalten. Wir präferieren das Wechselmodell, dann ist wenigstens ab und zu mal Ruhe. Das alles verraten wir dem F. indes nicht, sondern sagen nur in aller Ruhe: Wir trennen uns nicht.

Ist den Aufwand nicht wert.

(Aus Anlass, aber natürlich nicht in Beantwortung der Fragen von Frau B.)

Denn ich falle

Mir tut seit Tagen alles weh. Kalt ist es auch, denn auf einmal ist es Herbst geworden, und für einen Moment will ich einfach nur nach Hause und mit meinem Vater schwarzen Tee mit Kandis und ganz viel Sahne trinken und getröstet und ein bisschen in den Arm genommen und in Wolldecken gewickelt werden.

Ein paar Meter aber vor mir strahlt durch die Plexiglasbrüstung dieser Bar der Ku’damm, und zwischen Touristen und Mädchen in zu kurzen Kleidern und Sandalen kann man immer kurz sehen, wie tief es runter geht, wenn man fiele. Ich habe Höhenangst, deswegen gehe ich nicht näher zum Rand, auch wenn das schön sein muss, stelle ich mir vor, aber vielleicht kann ich das dann doch nicht und bleibe einen Meter vor der Scheibe einfach stehen und alle lachen mich aus, vor allem Herr L., der spontan mitgekommen ist und den ich nicht besonders gut kenne  und von dem ich deswegen nicht weiß, ob er es ein bisschen albern findet, wenn ausgewachsenen Leute Angst vor Balkonbrüstungen haben.

Sed navigare necesse, ermahne ich mich, rede zu viel, beobachte mich irgendwann beim Verlegenheitslästern über das Aussehen anderer Leute, was gerade ich mir vielleicht einfach verkneifen sollte, und unterdrücke den Wunsch, jetzt einfach mal so ganz schnell hintereinander drei Wodka zu trinken und dann noch einmal zu versuchen, ob ich mich nicht an die Brüstung traue.

Was soll schon passieren, schaue ich durch die offene Tür der Monkey Bar und stelle ich mir vor, wie ich wahlweise entweder ein paar Minuten an der Brüstung stehe, gut festgehalten einen Negroni trinke und wieder ins Warme zurückkomme. Oder aber leichter werde, ganz leicht, meine Füße den Boden verlassen, meine Arme ausgestreckt und ich ein paar Runden um die Gedächtniskirche fliege, zwei Flügel weit ausgebreitet und laut lachend, weil sich das gut anfühlen muss, wenn man es kann.

Dann aber bleibe ich doch, wo ich bin, sage dem Nachthimmel ab, lasse die Drinks unbestellt und die Brüstung den anderen Leuten.

Vergehen wir auch

Gut sieht sie aus, die A., denke ich, als die Tür schwungvoll erst auf- und dann wieder zufliegt. Groß und blond ist die A., mit einem unverwüstlichen Teint gesegnet, der auch nach einer durchgemachten Nacht nach Landluft und Junirosen aussieht, mit haselnussbraunen, riesengroßen Augen und einem giraffenlangen Hals.

„Alles gut?“, drücke ich die Freundin kurz an mich, und die A. zieht eine komische Grimasse. Dann müssen wir alle beide lachen und setzen uns hin. A. ist ein Sonnenkind, ich kann mich in ihrem Leben an kein einziges ernsthaftes Problem erinnern, wenn man mal von den Problemen absieht, die sie höchstselbst auslöst, aber die beeinträchtigen ja nur mittelbar sie. Heute aber scheint es ihr wirklich nicht so wahnsinnig gut zu gehen, deswegen trinkt sie nur ein bisschen Suppe und Sekt mit Sorbet. Die A. war nämlich beim Zahnarzt, und der konstatierte wohl schon eher ernsthafte Zahnschäden, weil die A. sich in den letzten Jahren wohl angewöhnt hat, die Kiefer ganz fest aufeinanderzupressen und nachts mit den Zähnen so stark aufeinanderschlägt, dass ein paar Zähne davon kaputt gegangen sind.

Erst bei A.s zweitem Drink erscheint auch die H. Ich kenne die H., weil wir fast zeitgleich Babies hatten, und habe erst später zufällig erfahren, dass sie mit der A. zusammen studiert hat. Damals, also 2012, hat sie bei mir um die Ecke gewohnt, aber inzwischen lebt sie in Lichterfelde West, hat noch ein Kind mehr, ein riesiges Haus, ständig Ärger mit ihren Kindermädchen, einen dauerhaft abwesenden Gatten, der ständig irgendwo wirtschaftsprüft, und einen Job, den sie aus Gründen der Selbstachtung nicht aufgibt, aber mit einem in fünf Jahren zehnmal operierten Ältesten schon eher selten so ausübt, wie sie sich das vermutlich einmal vorgestellt hat.

Die H. wirkt immer so, als habe sie gerade einen Marathonlauf hinter sich, und so lässt sie sich auch heute schwer atmend auf die Bank fallen, als sei sie aus Charlottenburg nach Mitte gerannt und nicht etwa gefahren. Die H., fällt mir auf, sieht nicht gut aus. H. ist Asiatin, nicht größer als so ungefähr 1,60, und irgendwann in den letzten Jahren ist sie zu einer Frisur übergegangen, die vermutlich sehr praktisch ist, mit der aber jede Frau aussieht wie eine Hommage an Ingrid Matthäus-Maier.

Schlank war die H. schon immer, erinnere ich mich. Inzwischen ist sie aber so dünn, dass man an ihrem Unterarm Elle und Speiche sehen kann, und ihr Kopf im Verhältnis zum Körper irgendwie unverhältnismäßig groß wirkt. Ich glaube, wir sind gleich alt, aber die H. ist inzwischen so dünn, dass auch ihre Haut irgendwie ausgemergelt wirkt, und als die A. und ich uns über den Tisch hinweg ansehen, weiß ich, dass auch sie dasselbe denkt wie ich.

So richtig ist aus der H. nicht herauszubekommen, was ihr eigentlich fehlt. Vielleicht ist es wirklich nur Zeit und die Sorge um das kranke Kind und der Umstand, dass sie sich um alle und keiner sich um sie kümmert. Oft, höre ich, isst sie erst abends, wenn ihr auffällt, dass sie gar nichts gegessen hat, die Reste des Abendessens der Kinder. Auch heute mag sie nichts essen und belässt es bei einer Kanne Tee. Ich esse meine Suppe allein.

Oh je, denke ich auf dem Heimweg nach über die A., die in allem Komfort und geliebt von ihrem freundlichen und nur ein klitzekleines bisschen langweiligen Mann sich an ihrem Glück offenbar gerade die Zähne ausbeisst, und an die H., die unter dem Druck ihres Lebens buchstäblich verschwindet. Was sie hätten anders machen können, grübele ich ergebnislos nach, als ich an der Ampel stehe und mir im zerkratzten Spiegel eines Second-Hand-Ladens zusehe, wie ich langsam über die Straße laufe, die rechte Hand im Nacken, der seit Wochen verspannt ist, aber wer will sich schon umsehen.

Über Schmerzen

Man sagt, sie seien unglaublich verliebt gewesen in den B. Sie war so circa 20, die andere wohl etwa gleich alt, und als die andere die ganzen Briefe von ihr in einer Schublade in seinem Schreibtisch fand und ihr – schließlich stand ihre Adresse auf jedem Umschlag hinten drauf – einen unglaublichen Brief voller Beleidigungen insbesondere in Hinblick auf ihr Aussehen, ihren Charakter und ihre Sexualmoral schrieb, wäre sie für einige Stunden am liebsten gestorben.

Hätte sie den ersten Brief, den sie der Absenderin schreiben wollte, abgesandt, hätten sie sich wohl niemals getroffen. Weil sie aber nicht einmal den zweiten, sondern erst den dritten Brief zum Postamt trug, weil man ja damals noch ernsthaft Postämter aufzusuchen pflegte, saßen sie sich dann doch ein paar Tage später in einem Café in der Nähe der Uni auf ein paar knirschende Korbstühlen gegenüber und mochten sich sofort. Die andere war Georgiern mit einem tollen Akzent, unglaublich hohen Absätzen in einer Welt, in der quasi jeder Chucks und Ballerinas trug, einem Ausschnitt bis knapp über den Brustwarzen, und sah trotz dieser Aufmachung aus wie die Königin von Saba an einem besonders guten Tag.

Sie erzählten dem B. niemals, dass sie sich kannten. Sie trafen sich in dem Café in der Nähe der Uni oder in der Mensa, schrieben sich kurze E-Mails oder SMS, und tauschten sich über den B. aus. Über seine Angewohnheiten, seine Ankündigungen, deckten kleine oder große Lügen auf, und manchmal spekulierten sie darüber, ob er wohl noch andere hätte, also eine Dritte oder Vierte oder so, aber das bekamen sie niemals heraus. Nach einigen Monaten hatten beide, wie sie sich gestanden, ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich ausmalten, der B. gehöre einer von ihnen ganz. Als sie sich wieder mit ihrem Exfreund vertrug und die andere sich unsterblich in einen Tenor verliebte, waren beide ganz erleichtert.

Die andere heiratete vier Jahre später einen Russen und brach sofort ihr Studium ab. Mit dem Russen zog sie ziemlich oft um, weil er irgendwas mit Immobilien zu tun hatte, und die stehen nun einmal immer woanders. Heute lebt sie in Nikolassee, sie hat zwei Söhne und eine Tochter, sie sammelt Abendmode der Zwanziger und träumt davon, einmal ein Museum für diese Roben einzurichten, und wenn sich beide treffen, lachen sie manchmal über kleine Mädchen, die sich aus Liebe dazu hinreißen lassen, sich vor Fremden lächerlich zu machen, und bemerken nur manchmal, sehr selten, in kurzen unbewachten Momenten, dass es viel trauriger ist, für keinen Schmerz mehr erreichbar zu sein und über die Leiche seiner selbst nur zu lachen.

Per Voi Risplenda Al Fato

Da stehe ich also vorm Bahnhof von Halle und verfluche die Deutsche Bahn. Irgendwo weit weg, wo es schöner ist als in Halle, bildet sich auf dem Gesäß von Hartmut Mehdorn wie aus dem Nichts ein blauer Fleck, als ich mit dem Absatz meiner linken schwarzen Sandalette ein paarmal kräftig zutrete, nur vermeintlich in die Luft. Dann greife ich nach meinem Rollkoffer voll Papier und rattere in die Unterführung. Mein ICE nach Berlin ist weg. Ich habe jetzt sehr, sehr viel Zeit.

Ich war ein paarmal beruflich in Halle, aber in der Stadt selbst war ich noch nie. Plattenbauten assoziiere ich. Stiernackige Nazis, die mit großen Keulen Vietnamesen jagen, ja, und Hans-Dietrich Genscher natürlich, der nach der Wiedervereinigung nicht oft genug betonen konnte, dass er aus Halle stammt, was der FDP im Osten, glaube ich, aber auch nichts eingebracht hat. Immerhin wird es auch hier wohl eine Fusgängerzone geben, da kann ich ein bisschen einkaufen, weil ich nichts mehr anzuziehen habe, nicht so mädchenhaft kokett mit vollen Schränken nichts anzuziehen, sondern so wirklich.

Etwas ratlos stehe ich vor einem Wegweiser und starre abwechselnd auf die verschiedenen Pfeile und auf mein Handy. Ich bin total orientierungslos, mir können Sie alles erzählen, und deswegen weiß ich auch nach Minuten nicht, ob ich rechts oder links rum laufen muss. Nur zurück ist falsch. Soviel ist klar, denn dort liegt der Bahnhof.

„Kann ich helfen?“, fragt mich jemand und ich atme auf. Ohne hilfsbereite Einheimische wäre ich schon vor Jahren irgendwo in den Wüsteneien am Rande der bewohnten Welt gelandet und würde dort verzweifelt nach Essensresten suchen, deswegen strahle ich meinen Retter an. Ja. Die Innenstadt, Geschäfte, irgendwas, wo man mehrere Stunden herumbekommt, bis der nächste ICE nach Berlin fährt.

Der Retter, das ist praktisch, muss auch in die Innenstadt. Er lehrt Musik, erzählt er mir, deswegen hat er ein Cello dabei, und er hat mit langen Haaren und Bart frappierende Ähnlichkeit mit dem Jesus in den Bibelcomics, die vor sehr vielen Jahren in meiner Schule auslagen. Ich dagegen erinnere keineswegs an einen der biblischen Engel oder auch nur an eine der geringeren Heiligen, ich wirke, wie man ab und zu in spiegelnden Schaufenstern sieht, irgendwie zerbeult und gerade heute ziemlich strapaziert und etwas fleckig.

Der Musiklehrer wohnt schon lange in Halle, erzählt er, deswegen kennt er sich hier aus. Er zeigt mir das Haus, in dem nach dem Krieg der russische Stadtkommandant gewohnt hat, und das Haus, in dem sein Großvater eine Ohrenarztpraxis hatte. Er zeigt mit den Händen, wie groß das Hallenser Urpferd war, er zählt mir alle fünf Türme von Halle auf, beschreibt die Orgeln der Stadt und pfeift ein Medley der besten Kompositionen Georg Friedrich Händels. Mir tun die Füße weh, ich bin schon den ganzen Tag unterwegs, die Woche war greulich, und ich schlafe dazu schon seit Tagen schlecht, weil Kind F. mir Nacht für Nacht ins Gesicht tritt. Über Musik lasse ich mir aber gern erzählen, auch wenn ich über Barockmusik kaum etwas weiß, und als wir vorm Händelhaus stehen, schaue ich auf die Uhr, verschiebe alle Einkäufe und komme mit. Instrumente gibt es hier, und dazu erzählt der Musiklehrer lustige Geschichten über das Musikmachen.

Als mein Handy brummt, der nächste Zug wäre auch zu spät, zucke ich die Schultern. Nein, sage ich. Ich will mich nicht bekochen lassen. Aber essen gehen möchte ich schon, und so sitze ich irgendwann in einem Hinterhof, trinke grünen Tee und esse Tomaten, erzähle das Beste aus meinem Leben, vor allem die Pannen und Pleiten, sofern sie lustig sind. Dann zahle ich und gehe. Und drehe mich nicht um.

Morgens nach Tegel

„Nach Tegel.“, schnalle ich mich an und gähne ein bisschen, denn es ist noch früh. „Hrrrr.“, macht der Taxifahrer, oder so ähnlich. Dann fährt er los.

Nach einigen Minuten ziehe ich mein Handy aus der Tasche. In dreißig Jahren wird mein Sohn F. die wesentlichen Funktionen meines iPhones fest ins Gehirn verschraubt haben und auf mich Urmensch lächelnd herabsehen, aber noch brauche ich dieses Gerät, um mit Menschen zu sprechen. Ich zücke also mein Telefon. In diesem Moment interveniert der Taxifahrer. „Hier nicht telefonieren. Hören schöne Musik.“ Aus den Boxen hinter mir dröhnen blechern billige Bässe. „Musik!“, schreit der Taxifahrer. „Musik!“

***

„Sie wollen bestimmt zu ihrem Liebsten.“, strahlt der Taxifahrer mich fröhlich an. Er sieht ein bisschen aus wie Danny de Vito auf deutsch. Oder Karlsson vom Dach. Gut gelaunt wirft er meinen Rollkoffer in seinen Kofferraum, und ich überlege ergebnislos, ob es überhaupt irgendwelche Frauen gibt, die in einem blauen Kostüm und mit einem Aktenkoffer morgens um halb sechs ihren Freund besuchen.

Ich besuche keineswegs meinen Liebsten, sondern lediglich ein Oberlandesgericht im Rheinland, deswegen jubele ich auch nicht zurück, sondern grunze nur eine Art Gruß, schwinge mich auf die Rückbank und starre in mein Telefon. „Grüßen Sie ihn von mir!“, trällert der Taxifahrer und küsst ein paarmal laut lachend in die Luft und spreizt dabei alle zehn Finger.

***

Es ist spät. Der J. und ich setzen uns ins Taxi. Ich bin fürchterlich müde. Zusammengekauert, nicht ganz unähnlich einer großen, aggressiven Kröte, sitzt der Fahrer hinterm Steuer.

Kaum habe ich mich angeschnallt, fährt er mit einem jähen Ruck los. Ich falle mit dem Kopf fast gegen den Fahrersitz, werde zurück in das Polster gedrückt und schaue den J. stumm an. Zwischen uns schläft unser Kind. Wenn ihm heute etwas passiert, wird es mir lebenslänglich leid tun, mit kleinen Kindern nicht einfach Jahr für Jahr nach Norderney zu fahren wie andere Leute auch. Dann immerhin geht es los. Auf einmal aber brüllt der Taxifahrer unvermittelt los: „Ich hasse Auto fahren in Berlin.“

Ich auch, denke ich. Ich auch.

Madame hat’s schwer

Richtig ruhig wird es hier auch nicht. Vorm Haus liegt Kopfsteinpflaster, ständig donnern irgendwelche Leute mit aufheulenden Motoren zwischen den Häusern hindurch. Ich hasse sie alle. Morgens habe ich täglich das sehr dringende Bedürfnis, einfach noch so circa zwei Stunden im Bett zu liegen, schwarzen Kaffee zu trinken und zu lesen, aber statt dessen stehe ich verdrossen in der Dusche, reibe mich mit einem Duschgel ein, das auch noch ausgerechnet „Glückstag“ heißt und hinterlasse beim Versuch, das letzte bisschen Spülung aus der Flasche zu bekommen, lauter dottergelbe Spritzer an den Kacheln. Ständig trete ich auf die Katze. Ihre Haare sind überall.

Mein Sohn spricht immer. Dabei ist das eigentlich mein Part. Ich würde auch gern mal wieder zu Wort kommen, aber das ist leider aussichtslos. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, schaut er mich, wenn ich was sagen will, streng an, sagt „nur noch einen Satz“ und redet dann unbeirrt weiter. Es sind schon über Neunzigjährige gestorben, die ihr ganzes Leben mit weniger Wörtern bestritten haben als dieser fünfjährige Knabe. Wenn ich ihn im Kindergarten abgeliefert habe, bin ich immer ganz erschöpft.

Mein Büro müsste ich mal aufräumen. Mittags müsste ich mir endlich abgewöhnen, entweder gar nichts oder den gesamten Tagesbedarf eines bayrischen Dorfes zu essen. Dass ich ernsthaft handysüchtig bin, macht mich natürlich auch nicht entspannter, das fällt nur deswegen nicht so auf, weil ich schon vor Erfindung von Smartphones verhältnismäßig fahrig gewirkt haben muss. Politik gehe ich inzwischen online meistens aus dem Weg, aber eigentlich interessiere ich mich auch gar nicht so sehr für Katzen.

Zu alledem hat erst kürzlich eine Freundin bekannt gegeben, wie lächerlich sie es findet, wenn Frauen über 40 so tun, als wären sie noch nicht alt. Schönheit ist jetzt von jeher nicht so meine Kernkompetenz, aber ich muss zugeben, dass ich auf dieses Statement hin nicht so ganz wenig Zeit damit verbracht habe, mich aus jeder denkbaren Perspektime im Garderobenspiegel daraufhin anzusehen, ob ich in meinen Pünktchen- und Streifenkleidern fürs Wochenende eigentlich sehr albern aussehe. Ansonsten trage ich sowieso sehr seriöse, blaue Kleider, in denen ich aussehe wie die Schutzheilige der Langeweile. Ich habe sogar einen Vorstoß unternommen, mir mal mehr Hautpflegeprodukte als eine Niveatagescreme für € 3,99 zuzulegen, erschlagen von der schieren Masse musste ich fürs Erste aber leider kapitulieren.

Abends würde ich eigentlich ganz gern irgendwo am Meer sitzen. Aber wenn möglich nicht so arg ländlich. Vielleicht Nizza oder Barcelona, aber ich war gerade weg und kann jetzt nicht sofort wieder verschwinden. Besseres Essen wäre gut, aber wenn ich mittags richtig esse, kann ich abends nichts mehr essen, ansonsten muss ich mir die Frage mit der Lächerlichkeit meiner Kleider demnächst sowieso nicht mehr stellen. Ich würde mich außerdem eigentlich gern massieren lasse, aber so lange nicht morgen Abend jemand unbestellt vor der Tür steht und eine Flasche Massageöl aus der Tasche zieht, wird das vermutlich nichts, weil ich zu träge bin, irgendwo anzurufen und dann da hinzugehen.

Nachts träume ich gelegentlich. Meine Träume korrespondieren meinem Wachzustand insofern perfekt, als dass da auch nichts los ist. Kürzlich bin ich zum Beispiel des Nachts einen Traum lang Bus gefahren. In einem anderen Traum habe ich vergebliche versucht, verschiedenfarbige Reißverschlüsse zu schließen. Ich kann Ihnen sagen: Madame hat’s schwer.

 

Oder auch nicht.

Ach was, sagt sie und wischt ein einen imaginären Fussel von ihrem weißen Jumpsuit. Von den schönen Punks sei sie ja total ab. Nicht einmal den G. würde sie noch treffen, obwohl der ja so quasi mehr ihre große Liebe, aber was soll man von jemandem schon halten, der sich in Norwegen verkriecht, nur weil er seine Frau mit seiner Nichte betrogen hat.

Hmm. Tja., sage ich, was ja eigentlich nie wirklich falsch ist, und trinke einen weiteren halben Liter sehr kalten Earl Grey mit zermatschten Kumquats. Sehr zufrieden sieht die liebe A. aus, wie sie in schneeweißer Seide auf einer Bierbank am Görlitzer Park sitzt und den Dealern Schönheitsnoten zwischen 1 und 10 gibt. Glaubt man der A., die eine kleine Vorliebe für etwas mesquine Herren pflegt, handelt es sich um eine Versammlung wirlich hübscher Leute, die den Vergleich mit keiner anderen Gruppe Berliner Männlichkeit scheuen müssten.

Die A. jedoch hat, so höre ich, auf ihre sozusagen mittelalten Tage nun doch zur konsequenten Einehe gefunden. Schade, schießt es mir durch den Kopf, denn zwar gönne ich dem über die Jahre doch etwas gebeutelten Gefährten der A. diese Phase der hart verdiente Ruhe, allerdings erzählen mir ansonsten inzwischen verdammt wenig Leute etwas über die leichtlebig-lustige Seite des Berliner Lebens, weil alle Welt nur noch über Immobilienpreise und ihren Beruf spricht. Dabei sind die meisten Berufe noch nicht einmal sonderlich unterhaltsam.

Die A. immerhin ist nach wie vor komplett berufslos, weil das Konzept nicht zu ihr passt. Ich habe nie herausgefunden, was sie tagsüber eigentlich genau macht, aber abends geht sie meistens aus. Manchmal begleitet sie ihr Mann, ein freundlicher Wirtschaftsprüfer, der die Oper liebt. Oder er hat berufliche Termine, und sie kommt mit. Manchmal ist ihr Mann unterwegs, und dann muss die A. allein sehen, wie sie es schafft, nicht an Langeweile zu sterben.

Ganz ab und zu kommt die A. dann ein wenig angetrunken nach Hause. Eigentlich mag die A. nicht so gern alkoholische Getränke, aber ganz gelegentlich sitzt sie dann doch daheim allein vorm Rechner. Unter ihr liegt der Winterfeldplatz, über ihr wölbt sich ein schwarzer, lichtloser Himmel, und wenn die A. dann so sitzt, wird sie, so sagt sie mir, doch ein wenig melancholisch.

Wenn die A. melancholisch wird, muss sie immer an den D. denken. Der war eigentlich nie so richtig ihr Freund, weil leider immer irgendetwas dazwischengekommen ist. Seine erste Freundin etwa. Oder ihr zweiter Freund. Und als sie beide wirlich einmal zeitgleich ineinander verliebt waren, war sie leider in Bordeaux für ein Auslandssemester und er in Marburg.

Heute wohnt er in Karlsruhe. Sie lebt in Berlin Schöneberg. Meistens sehen sie sich einmal im Jahr, nämlich kurz nach Weihnachten, und dann sind so viele Leute da, dass sie nie auch nur drei Sätze ungestört wechseln können. Außerdem hängen meistens seine ungezählten (ich glaube, es sind drei) Kinder an seinen Hosenbeinen, das stört natürlich auch.

An sich ruft die A. ihn nie an. Sie schreibt ihm auch nie, denn was soll das bringen. Nur, wenn sie melancholisch ist, legt sie sich aufs Sofa und schreibt ihm eine E-Mail. Dass man sich mal wieder. Und dass es doch. Und überhaupt. Die schickt sie dann ab.

Ein- oder zweimal hat sie am nächsten Tag Mails hinterhergeschickt, dass sie betrunken nicht ernst zu nehmen sei. In seinem Fall ist ihr das auch nicht peinlich. Denn zwei- oder dreimal im Jahr bekommt sie Mails von ihm, in denen steht, dass sie. Und nur sie. Und ganz und gar. Und: schade.

Die A. und der D. haben sich auf diese Mails noch nie geantwortet. Aber irgendwann, dafür spricht schon das Gesetz der Wahrscheinlichkeit, werden sie mal zeitgleich betrunken und melancholisch vorm Rechner sitzen, und dann. Ja dann. Oder auch nicht.