Leben

Journal :: 20.11.2017

Na, ziehe ich FDP-Mitglied J.2 an der Kasse ein bisschen auf. Ihr wollt wohl nicht. Oder euer Chef fand sich flächendeckend plakatiert so schön, dass er das unbedingt noch 2018 ein zweites Mal braucht. Regieren ist halt auch anstrengend, fahre ich fort und sortiere seine und meine Einkäufe ordentlich in zwei Taschen. Schön doof, wenn man aus der Verganegnehit mitgenommen hat, dass Kompromisse direkt vom Teufel kommen, weil man dann am Ende nicht mitmachen kann und sogar neben Jürgen Trittin irgendwie übermäßig leichtfertig aussieht.

Der J.2 schweigt. Ich kenne in keiner Partei so viele Mitglieder wie in der FDP. Dass liegt vermutlich an meiner Profession, auch wenn ich selbst  noch nie liberal gewählt habe. An diesem Abend aber, auf dem Weg nach Hause durch den Abend, mache ich mir dann doch für ein paar Minuten ernsthaft Sorgen, was jetzt passiert, und ob dieser Tag, an dem Koalitionsgespräche schon vor den Koalitionsgesprächen scheitern, vielleicht einmal in einem Geschichtsbuch stehen wird als eine der Stationen zwischen Deutschland als dem Ruhepol Europas und einem der vielen Untergänge unserer warmen, gesicherten Welt.

Journal :: 19.11.2017

Ach, Möhre, denke ich, und schaue meinem Fünfjährigen nach, der im Naturhistorischen Museum wild gestikulierend um ein Modell des Sonnensystems herumwandert und frenetisch auf seinen Freund S. einredet.

Ich beneide Kind F. nicht ganz wenig um sein brennendes Interesse für eigentlich alles. Der F. begeistert sich unterschiedslos für Napoleon und BB-8, Mädchen mit schönen Haaren, die mineralogische Sammlung des Naturkundemuseums und die Frage, wie um alles in der Welt Hitler so böse geworden ist, dass er sogar Kinder einsperren ließ. Dass ich mich für irgendetwas auf Erden mit ähnlicher Intensität interessiert habe, dürfte Jahre her sein, und würde der geschätzte Gefährte morgen unglücklicherweise von einem Meteoriten erschlagen, fiele es mir absehbarer Weise extrem schwer, noch einmal nur ansatzweise so viel Interesse für einen anderen Herrn aufzubringen, wie es für die Aufnahme einer näheren Beziehung erforderlich sein dürfte.

Vielleicht steht jedem Menschen nur ein bestimmtes Maß an Begeisterung zu, und ich habe meins verbraucht, überlege ich, aber so richtig überzeugend klingt die These nicht. Oder die für Euphorie zuständigen Drüsen stellen irgendwann, das wäre dann so eine Art emotionales Klimakterium, die Produktion ein. Oder – und das hoffe ich inständig – es handelt sich ganz schlicht um die betäubenden Auswirkungen einer Mischung aus Erschöpfung und bohrender Langeweile, die mit der Zeit auch wieder verschwinden.

Aber so wie mit fünf wird es nie wieder.

Journal :: 18.11.2017

Laufe ich auf dem Rückweg vom Markt über die Straße, denke ich an die C., steht sie doch auf einmal vor mir. An ihrer Hand läuft der kleine M., nun auch schon wieder drei, plappert in einem fort, unterhält sich beim Bäcker mit Frau A., die alle Kinder im ganzen Viertel kennt, als seine Mutter einen kleinen Gugelhupf kauft, und dann gehen wir zu dritt zu uns.

Sind der J. und der F. doch immer noch im Schlafanzug, mittags um zwölf. Ziehen sich beide schnell an, decken den Tisch, und dann wärme ich die Erbsensuppe vom Markt auf, schneide Wurst in Scheiben, laufen die Kinder hin und her, und der F. baut aus der Verpackung einer Putting Matte, die der J. sich gekauft hat, ein Wikingerschiff mit Drachen und Segel und Steuerrad, während die C. und ich uns so zurückhaltend unterhalten, wie es eben geboten ist, wenn die ganze Zeit zwei schrecklich indiskrete Kinder um einen herumlaufen, die zum Glück nicht im Ansatz verstehen würden, worum es eigentlich geht.

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Überhaupt, die Putting Matte. Eine Putting Matte, für diejenigen, die das auch nicht wissen, ist so eine Art Minigolfplatz in ganz klein für Leute, die richtiges Golf spielen, damit die zu Hause üben können. Ich gebe allerdings Gift darauf, dass die meisten Leute, die sowas kaufen, Häuser haben mit leeren Zimmern und großen Kellern. Trifft auf uns nicht zu, aber die Putting Matte musste es trotzdem sein, sagt der J. Wir werden, sage ich, am Ende alle drei von Golfzubehör erschlagen, aber was soll’s.

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Eigentlich sind wir nachmittags zum Spielen und Brot essen verabredet, aber statt dessen trinken wir bei M. und M. am Nachmittag einfach nur Bier, reden und bestellen schließlich Sushi. Immerhin gibt es diesmal auch schöne Neuigkeiten, aber eigentlich ist das gar nicht nötig, denn bei M. und M. ist es immer so ein bisschen wie mit Familie, bei der ja auch dem schlichten Umstand des Beisammenseins ein eigener Wert zukommt.

Mit Buch ins Bett.

Journal :: 17.11.2017

Ich glaube den ängstlichen Männern, sage ich zum A. beim Frühstück ins Eimsbüttel und trinke meinen Earl Grey. Ich glaube nicht, dass die arglistig versuchen, sich durch gespielte Naivität Privilegien zu sichern. Die haben wirklich keine Ahnung, wie man eine Liebelei anbahnt, wenn man Frauen nicht mehr einfach anfassen darf, aber das hat eigentlich nichts mit Misogynie zu tun, sondern mit einer in Deutschland aus irgendwelchen Gründen nicht besonders weit verbreiteten Kulturtechnik. Die wissen einfach nicht, was man wann sagen soll, wenn einem jemand gefällt. Die haben keine Ahnung, wie lang Blicke morgens um neun sein sollten, und wie lang nachts um drei. Die kennen die Choreographie der unabsichtlichen, der absichtlich unabsichtlichen und der absichtlich absichtlichen Berührungen nicht, und deswegen sind ihre Annäherungen so digital wie ein Kippschalter. An oder aus. Der ermäßigte Umsatzsteuersatz oder Küssen mit Zunge.

Die anderen, also die, denen es einfach Freude macht, Frauen zu verängstigen oder zu verletzen. Die gibt es auch. Aber die meisten, die jetzt verärgert und ratlos reagieren, sind einfach amouröse Nichtschwimmer.

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Über Frauen und Männer spreche ich auch mit Herrn Kid37, abends im Karoviertel bei Salat mit Lachs und Muscheln. Wann man, wie es im Internet heißt, zu alt ist für sehr junge Frauen, und ich erzähle ein bisschen von der Zeit, als ich selbst eine sehr junge Frau war, damals Ende der Achtziger. In den Texten in den Medien über Männer und Frauen in dieser Zeit wird gerade viel über Macht und Machtmissbrauch gesprochen, aber uns erschien die Liebe damals ungemein verheißungsvoll, wir waren fürchterlich neugierig und spielten mit den bescheidenen Mitteln unserer Kleinstadtkindheit eine wüste Melange französischer Filme nach, die wir uns aus der Stadtbücherei geliehen hatten. Ganze Sommer waren wir Truffaut, Rohmer, Lubitsch en miniature, es war schrecklich abgeschmackt und grauenhaft unterhaltsam, und hätte uns jemand gesagt, dass die Liebe Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse sei, und unsere Spiele nicht schmerzhaft lustig, sondern falsch, hätten wir ihn einfach ausgelacht, aber das waren andere Zeiten.

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„Wie war ich mit 14?“, schreibe ich im ICE an jemanden, der dabei war und sehe sehr, sehr lange den pulsierenden drei Punkten auf dem Handy zu und lächele, als die Antwort kommt, in die Schwärze der Nacht zwischen Hamburg und Berlin und versuche mich an mich zu erinnern, und an ihn und an alle anderen.

Journal :: 15.11.2017

Rechtsreferendare, einige unter Ihnen wissen das, durchlaufen in zwei Jahren mehrere Stationen, unter anderem auch bei der Staatsanwaltschaft. Man kann sich kümmern, dann kommt man irgendwohin, wo es einigermaßen spannend wird, oder man kümmert sich nicht, dann landet man beispielsweise bei dem P.

Der P. ist erst ganz kurz Staatsanwalt, blond, fröhlich und 30, und er klagt im Wesentlichen ein einziges Delikt an. Ansonsten trinkt er mit einem Freund um die Ecke Kaffee, spielt leidenschaftlich gern mit seiner Spielkonsole und geht mittags um die Ecke zu einem chinesischen Restaurant. Ich immer mit, schließlich will ich ausgebildet werden, und tatsächlich entwickele ich sehr schnell erhebliche Fertigkeiten an der Konsole. Wenn wir zusammen Mittag essen, nehme ich jedesmal etwas anderes und überrede P., ab und zu zu anderen Lokalen zu gehen. Widerstrebend kommt er meistens mit. „Man kann doch nicht immer dasselbe essen.“, behaupte ich, aber der P. isst an vier von fünf Tagen Schweinefleisch süß-sauer. Wie man so leben kann, denke ich.

Heute mittag war ich in der Ming Dynastie. Da gehe ich meistens einmal die Woche hin. Manchmal esse ich die M 8, das ist das Huhn Gong Bao. Ohne Erdnüsse. Manchmal nehme ich auch das Mapo Tofu. Wenn ich nicht in die Ming Dynastie gehe, gehe ich zu einem Italiener in der Nähe. Da esse ich das Mittagsmenü, das ist immer gut. Suppe, Pasta, kleines Dessert. Oder zu einem Vietnamesen, da esse ich die Suppe mit Teigtaschen und Glasnudeln oder die Pho mit Tofu. Ganz selten esse ich Burger.

Ab und zu schmeckt eins der Mittagsgerichte anders als sonst, dann fällt mir das auf. Oder Kellner wechseln. Ich weiß ganz genau, wo ich mit Karte zahlen kann und wo es bar sein muss. An welchen Gerichten Knoblauch ist. Manchmal esse ich auch nichts, dann gehe ich abends essen. Ich frühstücke nie.

Gelegentlich, meistens zu unseren Geburtstagen, denke ich an den P., dann schreiben wir uns kurz, und ich frage nach, ob er eigentlich immer noch das Schweinefleisch süß-sauer isst. Dann bejaht er jedesmal, und ich weiß ganz genau, dass man nicht nur so leben kann, sondern dass auch ich im Grunde genau so fertig leben würde, mit Huhn Gong Bao und Pho mit Tofu, und dass das nichts für mich wäre.

Journal :: 12.11.2017

Man reiche mir eine Axt. Es ist Sonntagmorgen, sieben Uhr, und dank des Weckers des J. sitze ich hellwach im Bett und mahle aggressiv mit den Zähnen. Draußen wird es gerade halbwegs hell, der J. gähnt wahnsinnig laut und schlurft, ebenfalls wahnsinnig laut, Richtung Bad. Zu alledem bin ich selbst schuld: Um nicht alle Sonntage meiner näheren Zukunft von elf bis fünf allein mit Kind zu verbringen, habe ich selbst dem J. vorgeschlagen, seiner Leidenschaft für den Golfsport künftig sehr früh morgens nachzugehen und mittags wieder zu erscheinen. Das geht natürlich nur mit Wecker. Beschweren darf ich mich also nicht. Statt dessen ertränke ich meinen unausgeschlafenen Frust in einer Tasse Tee.

Tee könnte ich wieder kaufen, fällt mir ein, und google nach Tees, die ich noch nicht kenne und kaufen könnte.

Als Teetrinker J.2 am Nachmittag auftaucht, komme ich gerade aus dem Museum. Der F. liebt das Deutsche Historische Museum und war geschätzt zehnmal dort und kennt jedes einzelne Exponat. Dank seiner Museumsbesuche hat er sich ein etwas unkindliches Spezialwissen zugelegt, über das ich mich einerseits freue, andererseits fürchte ich mich etwas vor den Reaktionen künftiger Mitschüler, die gute Sportler vermutlich höher schätzen als umfassende Kenntnisse über den Verlauf der Befreiungskriege.

Der inzwischen wieder aufgetauchte J. sitzt in der Bibliothek schätzungsweise vorm Computer und beschäftigt sich mit seinen vollständig digital erfassten Fortschritten im Golfsport. Vielleicht weicht er aber auch nur den aus seiner Sicht langweiligsten Gesprächen ever aus, die der J.2 und ich über sehr, sehr fachliche Themen am Küchentisch führen, während unsere Kinder in maximaler Lautstärke durch die Wohnung toben. Immerhin riecht es überall gut nach Waffeln.

Als die Frau des J.2 irgendwann bei uns erscheint, brechen wir auf in den Park. Nur der J. bleibt zuhause. Es ist dunkel, die Bäume recken ihre Zweige wie schwarze, zerbrechliche Blitze in den Himmel, und die Kinder jagen einander den Bunkerberg hoch. Wir sprechen immer noch über Posten und Politik, Gesetze und Gerüchte, und nun ist es die Frau des J.2, die sich zurückfallen lässt, um nicht auf der Stelle vor Langeweile zu sterben.

Die Kinder sind inzwischen am Ausrasten. Der Jüngste isst nur Süßkartoffeln, die Großen nur Fleisch. Das eine Kind will nur Wasser ohne Kohlensäure, das andere ausschließlich mit, und als zumindest die beiden Großen unter ohrenbetäubendem Geheul in F.’s Zimmer verschwinden, schauen wir uns alle vier dankbar an.

Als der J.2 mit Familie verschwindet, wird es still. Ich friere das restliche Fleisch ein. Der J. macht die Küche. Dann ist es spät. Der Sonntag ist vorbei.

„Bei dir ist es immer schön.“, steht auf meinem Handy.

In Heiliger Mission

Die Berliner Fama ist sich ja generell sehr sicher, dass alle ungeliebten Wahlergebnisse, ach, überhaupt alle Übel dieser Welt, auf dicke, alte, weiße Männer auf dem Lande zurückzuführen sind, die zu viel billiges Bier trinken und nicht richtig lesen können. Diese Leute seien es auch gewesen, die in ihrem Unverstand den Brexit ausgelöst hätten. Ich aber, denken Sie sich an dieser Stelle einen dumpfen, allmählich anschwellenden Trommelwirbel, habe erst kürzlich einen veritablen Brexiteer getroffen, der diesem Bilde krass widerspricht, einen walisischen Diplomaten, der irgendwas mit mittelalterlicher Geschichte und Religion studiert hat, tiefgläubiger Anglokatholik, vernünftig angezogen und mit geschliffenen Umgangsformen, der darauf brennt, dass das Vereinigte Königreich auf der Stelle die Europäische Union verlässt, um fortan in glänzender Einsamkeit zu alter Größe und Schönheit zu finden. Ja, Sie staunen. Ich, zu Gast in einem ebenso kunstliebenden wie -sammelnden Haushalt von Bekannten, staunte auch.

Die neu erworbene Grablegung Christi, die die Hausherrin ihren Freunden und Bekannten vorführen wollte, erwies sich als etwas derb. Aus den Augenwinkeln sah ich die Gastgeber über eine liebliche, handtellergroße Maria Magdalena mit bloßen Füßen dozieren, beschloss, ihnen nicht ins Esszimmer zu einer Flämischen Anbetung zu folgen, lehnte mich ans Klavier und lächelte den Brexiteer freundlich an. Ich bin ziemlich klein, ich lächele also quasi immer und automatisch so von schräg unten nach oben. Sehr konservative Männer mögen das. Der Brexiteer straffte sich also und öffnete den Mund zu einer kleinen Rede. Das Empire also. Seit Ende des Empire gehe alles bergab, bei den ehemals Beherrschten noch mehr als bei den Briten selbst.

So mancher hätte auf der Stelle die ja an und für sich naheliegende Frage aufgeworfen, ob es nicht etwas vermessen ist anzunehmen, die Völker des Commonwealth hätten irgendein Interesse daran, bei der Wiederrichtung eines Empire mitzumachen. Die meisten Leute regieren sich ja doch lieber selbst. Ich aber zählte innerlich bis zehn und trank sehr schnell zwei Glas Rosé, um die folgende Konversation noch mehr zu genießen.

Der Waliser blieb mir nichts schuldig. Die Flämische Anbetung auszulassen, hatte sich voll gelohnt: Im Urlaub läutet der Waliser Glocken in englischen Klöstern. Seine drei Kinder haben fast so irrsinnige Namen wie die sechs von Rees-Mogg. Er dürfte im Laufe seines Lebens mehr Hostien gegessen haben als irgendwer sonst, den ich kenne, und er glaubt an den Teufel. Ja, das ist wirklich wahr.

Ich lächelte und schwieg. Der Brexiteer geriet immer mehr in Fahrt. Das Mittelalter. Die heidnischen Weiten der asiatischen Steppe. Meister Eckhart und die Geburt Europas aus dem Geiste der Mystik. Europa als innerer Widersacher der EU. Kurz vor dem Zustand überschnappender religiöser Ekstase bog Freundin K. um die Ecke und wollte heim.

Zwei Tage später schrieb der Waliser. Normale Leute hätten eine Gesprächsfortsetzung beim Kaffee angeboten. Der Waliser jedoch erbat eine Begleitung zur Messe. Höflich lehnte ich ab und verwies auf den J. und seinen Abscheu vor der katholischen Kirche.

Dies schien den Waliser anzuspornen. Seit mehreren Wochen bemüht sich der Waliser um die Rettung meiner Seele. Die Kurve der für mein Seelenheil bundesweit gesprochenen Gebete ist in den letzten Wochen noch einmal deutlich angestiegen; ich fühle mich auch gleich viel besser als seit Jahren, und nur sehr, sehr weltliche, lästerliche Menschen mit einer überaus verdorbenen Phantasie würden annehmen, dass die Intensität der Bemühungen des Brexiteers um die Rettung meiner Seele möglicherweise nicht vollkommen von rein gottgefälligen Motiven geprägt sein könnte, was dieser natürlich weit von sich weisen würde, so weit ungefähr, wie das Vereinigte Königreich in seiner Vorstellung vom Sündenpfuhle Brüssel entfernt gehört, also sozusagen unendlich.

Dicker Mann

Es passt zu dem J. und mir als Paar, dass wir uns im Herbst 1995 über Freunde kennengelernt haben, die wir schon damals wechselseitig total unsympathisch fanden, und ich den ganzen Abend über Thomas Mann sprach, den J. nicht leiden kann. Symptomatisch  vielleicht auch, dass ich an dem Abend, an dem wir uns kennenlernten, einen zwei Größen zu großen braunen Shetlandwollpullover trug, den mir mein lieber Freund J.2 geschenkt hatte, wie ich vermuten muss: In feindlicher Willensrichtung gegenüber Dritten.

Angesichts dieser Vorgeschichte ist es kein Wunder, sich häufiger mal zu trennen, denn vielleicht hat ja einer von uns Glück und trifft nochmal jemanden, der Thomas Mann mag oder keine braunen Pullover anhat. Weil wir nach wenigen Stunden diese Hoffnung meistens als vergeblich erkennen, vertragen wir uns meistens aber verhältnismäßig schnell. Gestern beispielsweise haben wir uns zweimal  getrennt und fast sofort wieder vertragen.

Zwischen dem Zerwürfnis und der Versöhnung lagen diesmal nur wenige Stunden, nicht einmal genug, um sich außerhalb Berlins Häuser anzusehen oder zu bewerben. Irgendwann in diesem verhältnismäßig kurzen Zeitraum fielen allerdings fatale Worte: Der J., es ist sozusagen nicht zu fassen, hat tatsächlich klar, eindeutig und bösartig mein Gewicht kritisiert.

Nun ist mir natürlich vollkommen klar, dass das herrschende Schönheitsideal von deutlich schlankeren Frauen als mir verkörpert wird. Auch ich lese Zeitungen und war schon mal auf Instagram. Von seinem ansonsten meistens geschätzten Gefährten kritisiert zu werden, ist aber eine andere Nummer, denn wer soll einen schon optisch okay finden, wenn nicht derjenige, den man geheiratet hat. Und selbst wenn man einen gewissen Verärgerungsaufschlag abzieht: Dieser Moment, meine Damen und Herren, ist der richtige Moment für ein Drama. Stellen Sie sich mich also ungefähr als Godzilla vor. Mit ein bisschen Übergewicht.

Ich bin nervlich vielleicht nicht die allerstabilste. Ich stehe also in der Küche, schon eher ziemlich strapaziert, ringe nach Luft und den richtigen Worten, da kommt unser Kind, der lustige F., des Weges. Der F. nimmt seine Eltern, wie es sich gehört, nur so mittelernst. Was soll man schon von Leuten denken, die so tun, als würden sie Knete essen. Was der F. aber weiß: Harmonie ist wichtig. Der F. verschafft sich also einen blitzschnellen Überblick über die Lage. Er holt tief Luft. Er lässt die Information, Mama sei zu dick, einen Moment lang sacken. Dann öffnet er den Mund, dem prompt die Worte entströmen, Mama solle nicht traurig sein. Er, der F., habe bereits schon einmal mit seinen eigenen Augen einen viel dickeren Menschen gesehen. In Berlin. Es sei ein Mann.

„Mama? Ist alles okay?“

Wie die Wolken ziehen

Liegst du da, zwölf Jahre alt, auf der großen Wiese am See, und schaust in den Himmel. Juni ist’s, der Himmel stählern blau, fast weiß, und das Licht leuchtet jeden Grashalm, jede Pore gleißend aus. Du warst baden, obwohl das Wasser noch so kalt ist, dass außer dir und deinen Freunden T. und N. niemand badet. Jetzt liegst du in deinem nassen Badeanzug auf dem großen, roten Handtuch und lässt dir vom Wind die Haut prickelnd eiskalt und trocken pusten.

Schaust du den Wolken nach. Graue Fetzen am hellen Himmel, die sich langsam auflösen, als könnten auch sie nicht widerstehen.

Was du vom Sommer erwartest? Lange Ausflüge mit dem Rad vielleicht. Übernachten bei Freundinnen im Garten. Zwei Wochen Ferienlager, zwei Wochen Urlaub in Frankreich oder Dänemark mit Familie, tägliches Schwimmen im See und Ausritte weit über Land. Noch bist du daheim.

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Schaust du wieder nach oben. Tiefblau ist der Himmel, später August, schwer und gelb wie eine vollreife Frucht hängt der Mond überm Meer. Zu dritt liegt ihr auf dem Dach einer alten Garage, 17 bist du und zum Sterben verliebt in den G., der nichts von dir wissen will. Über dir wehen kleine, feste, weiße Wölkchen über den Reetdächern von Kampen, und neben dir sitzt dein Freund J.2, starrt in das dunkle, flirrende Laub des Kirschbaums und dreht an einem Rubikwürfel herum, dessen Felder alle gleich schwarz aussehen, und hört und hört nicht auf. Er hätte gelitten unter deiner Uneindeutigkeit, wird er dir irgendwann viele Jahre später erzählen, aber in Eindeutigkeit warst du immer schon schlecht.

Was du vom kommenden Jahr erwartest? Ein paar Kurzgeschichten willst du schreiben, die mäßig sein werden, aber du bist auf sie stolz. Klare Verhältnisse willst du schaffen, endlich Schluss mit den Unsicherheiten, den Graustufen, dem Leichtsinn und den vielen Fluchten, und weisst vielleicht schon, dass daraus nichts werden wird, nicht dieses Jahr und auch kein anderes. Du bist aus Unruhe gemacht und ziehst mit den Wolken.

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Etwas ist anders am Himmel, denkst du, und legst den Kopf in den Nacken. Etwas fehlt vielleicht, etwas liegt lange unter der Erde, ihm zu Füßen ein Stein, aber du pustest dir die Spinnweben aus dem Gesicht und schreitest entschlossen voran. 42 bist du und es ist Freitag.

Die Blätter hat der Bauhof schon zusammengefegt, die ganze goldene Pracht, und die Nester hängen schwarz und leer in den Bäumen. Der Himmel scheint sich zurückgezogen zu haben, als sei er heute weiter weg als an anderen Tagen, aber das kann auch am langen Abend liegen, an der Bachmesse in H-Moll in der Philharmonie, oder besser gesagt: An den Moskau Mule danach.

Du hast aufgehört, dir klare Verhältnisse zu wünschen. Du willst nicht einmal mehr irgendwo ankommen, weil du das Ankommen viel schlechter verträgst als das Reisen. Du bist manchmal aus Feuer und oft aus heisser Luft. Du bist so gut wie alles und sein Gegenteil. Bei Nacht kannst du manchmal fliegen, du kannst aus Blut und Knochen bestehen und aus Regen und Wind, und manchmal bist du die Wolken.

Jules et Jim

„Alt und müde.“, sage ich wahrheitsgemäß und versuche gleichzeitig mein Telefon und einen Nagellackpinsel fachgerecht zu balancieren, schiebe mit dem Ellenbogen meine Teetasse etwas weiter auf den Tisch und verabrede mich in zwei Stunden zu einem späten Frühstück in der Konditorei um die Ecke.

Um mich herum ist oder wird gerade alles 40 und lamentiert fürchterlich. Vermutlich hat die eine Hälfte meiner lieben Freunde die Jahre zwischen 15 und 35 mit dermaßen viel Vergnügungen vollgestopft, dass die abnehmende Schlagzahl an Spaß in Zusammenhang mit den mit den Jahren etwas abgestumpften Nerven üble Entzugserscheinungen verursacht. Die andere Hälfte dagegen realisiert gerade, dass der Triebverzicht ihrer Vergangenheit in der Zukunft keinerlei Honorierung erfahren wird, und jammert deswegen auch. Es muss irgendwo Leute geben, die ihr Leben lieben, aber die kennen wir nicht oder sie sprechen nicht mehr mit uns.

Immerhin, vernehme ich zur angegebenen Zeit über einer Kanne Assam, scheint die letzte Generation gelangweilter Bürger ihre Langeweile auch nicht besser bewältigt zu haben. Nehmen wir nur etwa die Tante R. meiner Begleitung, eine Psychotherapeutin aus Münster, welche unweit ihrer Heimatstadt in einem alten Resthof mehrere Jahrzehnte eine Art Seminar- und Meditiationszentrum betrieben hat, in dem Menschen irgendwo in ihrem Innenleben innere Kinder und spirituelle Edelmetalle gefunden haben. Praktischerweise erwies sich das Ganze sogar als ausgesprochen lukrativ.

In sehr frühen Jahren ihres Lebens war die Tante R. einmal mit einem Herrn H. verheiratet, einem Zeitungsredakteur. Das war damals noch ein bürgerlicher Beruf, von dem sich Leute Häuser bauten. Dann war die Tante R. nach einigen Wirren ein paar Jahre mit einem Herrn E. liiert, das ging aber auch in die Brüche. Mehrere Jahrzehnte hatte die Tante R. daraufhin allein gelebt, ihren Resthof regiert, ihre Patienten und irgendwelche jungen Therapeutinnen herumgescheucht und lange Wanderurlaube unternommen, gemeinsam mit irgendwelchen anderen postklimakterischen Damen. Dann aber setzte sich die Tante R. zur Ruhe, die inneren Kinder verließen den Hof, sie kaufte sich eine Finca in Andalusien und las sehr viel.

Irgendwann auf einem Familientreffen – ich glaube, ich war sogar dabei – kam sie auf einmal wieder mit Herrn H. Der war inzwischen ebenfalls Rentner, verdiente sich ein Zubrot als sogenannter Medienberater und sprach nur noch eine krause Mischung aus englisch und deutsch. Man spekulierte schon, er werde wieder bei ihr einziehen, da erschien sie auf einmal auf einer Taufe im weiteren Familienkreise mit Herrn E. Die Familie des Begleiters ist, obschon ausgesprochen protestantisch, einigermaßen hartgesotten in Herzensverwicklungen, zuckte deswegen nicht einmal mit der Wimper und hieß Herrn E. wieder im Familienkreise willkommen.

Als aber im letzten Jahre mein Begleiter selbst einmal im Münsterlande weilte, fuhr er spontan auch bei der Tante R. vorbei und setzte sich in ihre Küche. Die Küche dieser westfälischen Bauernhäuser ist riesig, es gibt einen mannshohen Kamin und an den Wänden hängen gigantische Töpfe und Pfannen früherer Zeiten, in denen man die inneren Kinder von Tante R’s früheren Patienten in einem Stück hätte zubereiten können. Neben dem Kamin jedenfalls saß Herr H.

Herr H. wirkte ganz zuhause. Er las in der taz, welche bei älteren Herren sehr beliebt ist, trank Lapachotee und kochte dem Besuch Kaffee, als die Tür aufging, und herein kamen Herr E. und die Tante. Man wohne, so vernahm der Begleiter, derzeit dort selbdritt.

Wie sich im Laufe des Abends herausstellte, war das Zusammenleben nur teilweise geprägt von Harmonie. Tante R. gilt als temperamentvoll, Herr H. hat auch nicht mehr alle Latten am Zaun, und Herr E. ist zwar einigermaßen ausgeglichen, aber beim Verhältnis 2:1 hilft das auch nicht mehr weiter. Als der Begleiter auf dem Weg zu Frau und Kindern wieder im Auto saß, war er jedenfalls recht froh, entkommen zu sein. Eine Weile meldete er sich jedenfalls mit gutem Grund nicht mehr bei der Tante.

Erst vor einigen Tagen hörte man erneut von Tante R. und den beiden Herren. Alle drei, so vernimmt die familiäre Fama, befinden sich in Spanien auf der Finca, die man sich, so der Begleiter, allerdings eher als so eine Art schlechtgeheizten Stall vorzustellen habe. Dort indes sei es zu einer erneuten Auseinandersetzung gekommen, die Tante habe ihr Auto bestiegen mit dem Herrn E. an ihrer Seite, der Herr H. sei hinterhergekommen, dann sei die Tante, welche schon immer eine miese Autofahrerin gewesen wäre, vom Wege abgekommen, und nun liege sie mit einem gebrochenen Bein danieder, der Herr E. sei auch ziemlich zerbeult, und der Herr H. wiewohl auch schon 75, müsse beide pflegen.

„Das ist ja entsetzlich trist.“, seufze ich, als wir die Konditorei verlassen. „Ich muss los.“, sagt der Begleiter, welcher gerade den Kindersport seiner Ältesten schwänzt, und winkt nach einem Taxi. „Wir sehen uns Donnerstag.“, verabschiede ich mich und lasse mir von ihm wie immer nach jedem Streit seit über 30 Jahren zum Abschied etwas ins linke Ohr flüstern. Auf dem höre ich nämlich nichts.

Dann gehe ich heim.