Geflügel

Ich kannte sie damals nur aus der Schule. Sie war anders als wir. Sie hatte bunte Glas- und Holzperlenketten um den Hals. Sie trug immer ungebügelte, bunte Kleider und Blusen. Ihre Mutter hatte auffälligen Silberschmuck um Hals und Arme, den sie aus Nordafrika mitgebracht hatte, wo sie als Lehrerin gearbeitet hatte. Die meisten fanden sie ein bisschen verrückt, aber niemand fand sie nicht schön.

Einen Vater gab es nicht, das war selten damals. Es mag an der Vaterlosigkeit gelegen haben, aber aus irgendeinem Grunde lud niemand Mutter und Tochter ein. Sie waren meistens für sich, ab und zu kamen Autos mit fremden Kennzeichen zu Besuch.

Sie hatte einen besonders schönen Namen, um den ich sie ab und zu beneidete. Sie war weder eine besonders gute, noch besonders schlechte Schülerin. Sie war kein Teil der Klassengemeinschaft, aber wohl weniger, weil sie nicht wohlgelitten gewesen wäre, sondern weil sie kein Interesse hatte an uns. Wobei, nun, da ich das schreibe, bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich habe mich auch nicht um sie bemüht. Ich weiß, dass sie ebenso gern las wie ich.

Das Geld für ihr Huhn hatte ihr Vater ihr geschickt, der niemals kam, aber mit dem sie jedes Jahr einmal in Urlaub fuhr. Ob er wusste, was sie vorhatte? Sie hatte Hühner ja immer gemocht, sie hatte sogar ein großes Foto von einem Huhn an ihrer Zimmertür. Das Bild stammte aus Mexiko. Das Huhn, das sie kaufte, stammte einfach aus einem der Dörfer in der Umgebung. Er war schon klar, dass ihre Mutter kein Huhn halten wollte, unter anderem deswegen, weil sie als eine von wenigen Eltern kein Haus hatte und damit auch keinen Garten, sondern eine Wohnung, die sich für die Hühnerhaltung erkennbar nicht eignete.

Sie hatte das Huhn deswegen im Gartenhaus der Eltern einer Freundin versteckt. Sie hatte es über Tage mit Vogelfutter gefüttert. Es gab sogar ein erstes Ei. Wie die Sache dann aufgekommen war, weiß ich allerdings nicht. Ich weiß nur, dass die Mutter das Huhn in ein großes Tuch gewickelt dem Verkäufer zurückbrachte. Ein anderes Haustier hat sie nicht mehr bekommen.

Sie hat eine Naturwissenschaft studiert, später, habe ich gehört. Sie kam nie zu unseren Ehemaligentreffen und hat, glaube ich, zu niemandem mehr Kontakt. Sie war ein paar Jahre im Ausland und hat für einen Fonds gearbeitet. Ein Freund, der lange Unternehmensberater war, traf sie ein paar Jahren einmal am Flughafen. Sie hatte ein graues Kostüm an und schwarze Schuhe, aber in den Ohren hing ihr bunter, orientalischer Schmuck. Er hatte sich gefreut, dass zumindest bei einer von uns noch etwas von uns übrig war.

Sie sei jetzt Lehrerin, höre ich nun vor einigen Tagen. Man hatte Quereinsteiger gesucht. Sie würde jetzt Mathematik und Physik unterrichten. Sie hätte sich in einem kleinen Dorf im menschenleeren Osten ein altes Haus gekauft mit einem schönen, wilden Garten. Eine grüne Wasserpumpe. Ein Apfelbaum, Lavendel, Blattsalat voller Schnecken, Rittersporn und Hagebutte. In ihrem Garten habe sie einen kleinen Stall gebaut mit einem grünen Dach. Und Hühner hätte sie jetzt, prächtige, weiße und braune Hühner.

Vielleicht rufe ich sie einmal an.

15 Gedanken zu „Geflügel

  1. Was für eine interessante Frau, sie hat bestimmt viel zu erzählen. Wie schön, dass sie sich ihren Traum von Hühnerhaltung doch noch erfüllen konnte.
    Äh, ist das nicht ein Hahn auf dem Bild?

  2. Ich kann so gut verstehen, dass jemand diese gruseligen Ehemaligentreffen vermeidet – ich selbst befrage mich immer mal wieder, habe aber absolut kein Bedürfnis danach, die meisten anderen Mitglieder der Zwangsgemeinschaft wiederzusehen.

    1. Lustigerweise kenne ich niemanden, der das anders sieht. Ich mochte auch nur meine Freunde, aber die alle auf einmal zu sehen, lohnt sich dann doch so sehr, dass ich fahre. Zu Glück sind
      viele in Berlin

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