Tagebloggen (8.10.18)

Die Tagung gefällt mir. Ich treffe in Hamburg ein paar alte und neue Bekannte, ich spreche mit meinem Kollegen, der morgen in Urlaub fährt, noch ein paar letzte Angelegenheiten durch und telefoniere nebenher mit allen möglichen Leuten, diktiere ins Telefon und verschicke E-Mails, buche Zeiten in eine App, auch übers Telefon, reserviere einen Flug über eine andere, speichere Unterlagen zu Akten und hinterlege schnell eine Idee in einer Plattform, bevor ich sie wieder vergesse. Die Zeitungen schreiben so oft, dass Leute sich vor der Digitalisierung fürchten, aber ich könnte weder mein Leben noch meinen Beruf so führen, gäbe es die Digitalisierung nicht, die mich fast unabhängig von Orten und anderen Leuten macht. Noch vor zehn Jahren war all das völlig unmöglich.

Apropos andere Leute: Auch auf dieser Tagung bin ich die älteste Frau. Wie oft im akademischen Rahmen gibt es ein paar Studentinnen, ein paar Doktorandinnen, und dann gibt es richtige Erwachsene, und die sind alle männlich. Ernsthafte Männer, so ungefähr in meinem Alter, mit Stirnglatzen, die Anzüge anhaben und über ernsthafte Dinge sprechen.

Wo, frage ich mich, sind eigentlich die anderen Frauen um die 40? Ging denen nach der Promotion die Puste aus? Sitzen sie irgendwo am Sandkasten? Haben sie irgendwann das Handtuch der Anwaltschaft geworfen und sind Richterinnen geworden? Vermisst die eigentlich keiner außer mir? Wieso wird die Frage, wie viele Frauen irgendwo sprechen, nur in meiner Internetblase diskutiert, aber in meinem echten Berufsleben spielt das gar keine Rolle? Frauen um die vierzig, ich vermisse Euch!

Nach der Tagung treffe ich die Herren Kid37 und Merlix. Wir lesen uns ungefähr hundert Jahre, der Abend schwappt in großer Gemütlichkeit hin und her, ich esse Fisch und trinke Weißwein, und als ich meinen Zug verpasse, nehme ich mir unkompliziert und schnell ein Zimmer in der Nähe des Bahnhofs (oh, gesegnete Digitalisierung!).

Tagebloggen (7.10.18)

Im Blumenladen bin ich die einzige Kundin. Es ist morgens um kurz vor zehn, die vietnamesische Floristin hält Blüten neben Blüten, zieht Blätter aus großen Vasen und plaudert ein bisschen über ihre beiden Kinder. Wir sind gleich alt, haben wir gerade festgestellt, aber ihre Älteste ist 22 und mein Sohn erst sechs. In Vietnam heiraten die Leute zu früh, sagt sie, und dass es ihr nie leid getan hat, ihre Kinder allein erzogen zu haben. Ihre Töchter studieren beide und sollen nicht so früh heiraten. Oder gar nicht.

Mit einem Blumenstrauß ist blau und weiß und stehe ich vor der Tür der J.2, um mit ihr Tee zu trinken und meinen Sohn abzuholen. Sie hat ihren Vater verloren vor ein paar Tagen, und wir sitzen am Küchentisch und sie spricht über ihre Eltern. Ganz am Ende im Heim seien sie etwas glücklicher gewesen, sagt sie, und ich frage mich, wie viele Frauen am Morgen ihrer Goldenen Hochzeit eigentlich noch einmal ihren Mann geheiratet hätten.

Die J.2 und ihre Kinder treffe ich den ganzen Tag wieder und wieder. Wir wohnen nämlich in einer Art Großstadtdorf, wir treffen immer Leute, sobald wir das Haus verlassen. Frühere Kollegen von dem J. oder mir, Schulfreunde, Studienfreunde, Eltern aus Kita oder Schule oder einfach Bekannte. Am meisten Leute trifft Sohn F., denn der kennt alle ungefähr 220 anderen Kinder der Schule und begrüßt alle paar Meter Kameraden.

Im Park stößt der F. wieder auf den Sohn der J.2, und mit ihm und einer Nachbarstochter ziehen wir weiter durch den Volkspark. Die Kinder laufen weiter, sind nicht mehr auszumachen, kehren zurück, streiten sich, vertragen sich wieder, und nachdem wir den M. und die M. mit ihren Kindern getroffen und über die Taufe bei gemeinsamen Freunden gesprochen haben, die nächsten Sonntag ansteht, gehen wir zu zweit mit der Nachbarstochter heim.

Bei uns sieht es schlimm aus. Der F. und ich haben mittags getuscht, alles liegt voller halbherziger Bilder, Malerlappen und Pinsel. Die Kinder verschwinden im Zimmer des F., ich koche Rindsgeschnetzeltes mit Steinpilzen und Reis, und als wir fertig sind, dusche ich den F., bringe ihn ins Bett und lese ihm die letzten Seiten seines Wikingerbuches vor, bis er auf meinem Arm schwer wird und einschläft.

Ich glaube nicht an Walhalla, flüstert er mir noch zu. Dann ist er weg.

Tagebloggen (6.10.18)

Wirklich, ich mag den Spreewald. Ich fahre gern mit dem F. unter den sich sacht verfärbenden Blättern hindurch, freue mich über seinen Jubel über die vom Biber angenagten Bäume, esse Gurken mit ihm und fahre sonnensatt mit der Bahn wieder mit ihm nach Hause.

In der Bahn legt der F. den Kopf an meine Schulter und döst ein bisschen ein. Wir lesen ein Buch über Wikinger, das dem F. gehört, und ich erzähle ihm, dass ich gerade ein Buch lese, das „Sechs Koffer“ heisst und von einer Familie handelt, in der alle denken, die anderen hätten den Vater an die Behörden verraten. Das klinge spannend, sagt der F., und dann freut er sich, dass er Gurken gekauft hat und mit zwei Jungen gespielt und eine Dönerbox gegessen hat: Der zweite Döner seines Lebens.

Vom Alex aus fahren wir heim. Der F. sollte eigentlich beim Babysitter bleiben, aber jetzt wird er bei seinem Freund N. schlafen, ich bestelle mir ein Taxi und hechte im letzten Moment in die Komische Oper. Es gibt Korngold. Die Tote Stadt, und ich vergesse wieder, meine Freundin M. nach ihrem Parfum zu fragen, das ich so gern rieche.

Ich mag die Musik. Ich mag den berückenden, spätromantischen Klangteppich, ich mag Sara Jakubiak als Marietta, und auch, wenn der Paul etwas zu stumpf und das Orchester etwas zu laut singt, bin ich fast enttäuscht, als der Vorhang fällt. Ich glaube, ich war zwei Jahre nicht im Theater, aber in die Oper kann ich eigentlich ständig. Und würde es der Welt nicht gut tun, es würde nur noch gesungen? Das Libretto allerdings ist der wüsteste überhaupt denkbare morbide Kitsch und von der größten, psychologischen Unwahrscheinlichkeit dazu.

Als ich heimkomme, liegt der J. auf dem Sofa. Es ist warm und schön, wir schlendern durch die Straßen und sitzen am Ende im Birra in der Prenzlauer Allee, essen Provolone und warmes Brot mit Öl, ich trinke ein Weizen vom Hops and Barley, und wenn man leise ist, auf dem Heimweg, kann man die Erde ruhiger atmen hören, wie sie es immer tut: Im Herbst.

Tagebloggen (5.10.18)

Der Sommer ist zurückgekehrt und ich fahre wegen Terminen den ganzen Tag mit dem Rad durch Berlin. Ich liebe das, in der Wärme quer durch die Stadt zu fahren. Irgendwo einen Matcha Latte zu trinken, den Leuten dabei zuzusehen, wie sie sich noch einmal richtig mit Wärme vollsaugen, weil der Winter hart werden wird, spitzknochig und böse.

Am Maybachufer kaufe ich auf dem Wochenmarkt Avocados, Weintrauben und Spitzpaprika. Heute Abend, beschließe ich, gibt es Shakshuka. Dann fahre ich heim und gehe mit dem geschätzten Gefährten Eis essen.

Im Nachbarkiez hat vor kurzem ein japanisches Eiscafé aufgemacht. Tenzan Lab heißt es und ist sehr schick und elegant, also schiefergrau und Messing, sehr schöne, große Eisraspeln, Kellner in weißen Kitteln, und dann lassen wir uns jeder aus einem Rieseneiswürfel ein Kakigori hobeln, mit Mochi und Matchasauce und roten Bohnen.

Vielleicht fahren wir nächstes Jahr wieder nach Japan.

Tagebloggen (4.10.18)

Viel gearbeitet. Ich wünschte manchmal, ich wäre jemand, dem es gegeben ist, zart und elegisch in einem schilfgrünen Morgenmantel auf einem Sofa zu liegen, verträumt seine Blicke über das Meer schweifen zu lassen, und ab und zu elegante, kleine Törtchen zu verzehren. Flugs – das ist bei solchen Damen immer so – stellte sich jemand ein, der mich anbeten und mir die Törtchen kaufen würde. Vielleicht würde er mir mit einem Riesenfächer auch noch so ein bisschen Luft zuwedeln. Neben meinem Sofa läge ein Riesenstapel sehr guter Bücher. Freundliche Menschen läsen mir vor.

Tatsächlich esse ich mehrfach täglich Mengen, die einem Waldarbeiter angemessen wären, lese selbst, liege selten und arbeite eigentlich richtig gern. Man stelle sich mich also als so eine Art kräftiges Arbeitstier mit wilden, schwarzen Zotteln vor, in der einen Hand einen Telefonhörer, in der anderen eine überschwappende Kaffeetasse mit saurem Filterkaffee, und ungefähr zehn offene Fenster auf dem Bildschirm vor mir. Ich trage aus Phantasielosigkeit täglich blaue Kleider, gern mit Kaffeeflecken drauf. Kein Wunder, dass es so mit Anbetung und Törtchen und Fächer nicht funktioniert hat.

Was soll man machen. Man macht das Beste daraus. Radelt ins Büro, telefoniert gut gelaunt mehrere Stunden, brüllt freudig in Diktiergeräte, verschlingt mittags drei Semmeln mit Rinderschinken und Gorgonzola und Mayonnaise mit Ei, krümelt mit den restlichen Besprechungskeksen von vorgestern die Tastatur voll und radelt wieder nach Hause. Tröstet den kleinen Sohn, der am Boden zerstört ist, weil zwei Mädchen aus seiner Klasse schönere Zahlen malen, brät große Klumpen aus Lamm mit Pellkartoffeln und Mais aus der Dose, weil das mein Lieblingsgemüse ist. Schreibt einer lieben Freundin einen Geburtstagsbrief und malt sich wohlig aus, wie in dem sehr poshen Fitnessclub, in das man demnächst eintreten will, alle glauben, man sei als abschreckendes Beispiel engagiert

 

Tagebloggen (3.10.18)

Als es klingelt stehe ich noch unter der Dusche. Ich hatte den Besuch um 11:30 Uhr erwartet, obwohl ich die befreundete Familie um 10:30 Uhr eingeladen habe. Unsere Söhne sind befreundet, auch wir haben uns angefreundet, aber wir sind noch nicht so eng wie mit unseren anderen Freunden, die seit Jahrzehnten bei uns ein- und ausgehen. Terminkonfusionen sind also noch ein bisschen peinlich.

Ich befülle also etwas hastig Platten mit Käse und Wurst, schneide Brot, der J. füllt Sektgläser und kocht Kaffee und außerdem backe ich Waffeln. Im Wohnzimmer demonstriert Sohn F. seinem Freund seinen Roboter. Der ältere Sohn des Besuchs liegt auf dem Sofa und liest Comics.

Wir essen zu viel und trinken ein bisschen Sekt, die Stunden schwappen hin- und her. Wir sind uns sympathisch, aber noch nicht über den Punkt hinweg, an dem man weitere Selbstdarstellungen nicht mehr nötig hat. Wir zeigen uns also allseitig als Party Animals a. D., als Kinder aus durchweg westdeutsch gutem Hause mit vernünftiger Schulbildung, geistreich und gut im Geschäft mit exakt dem Maß an liebenswürdigen Schwächen, das man aufweisen sollte, damit Leute einen nicht für arrogant halten. Unsere Kinder berechtigen zu den schönsten Hoffnungen. Ob die – wirklich nette – andere Familie das eigentlich auch anstrengend findet? Wann fing das eigentlich an, dass man Jahre braucht, um sich anzufreunden?

Nachmittags geht der J. mit Sohn F. und einem neuen Schulfreund ins Kino. Der neue Freund wohnt im Nachbarhaus, das sich mit unserem den Hinterhof teilt. Sohn F. sieht in Ermangelung eines solchen Geräts kaum fern, deswegen sind Filme für ihn immer sensationell. Entsprechend euphorisch kehrt er wieder.

Kurze Zeit später taucht der Vater des neuen Freundes mit dem jüngsten Sohn im Babyalter und Kuchen bei uns auf. Die Kinder lärmen im Wohnzimmer, wir essen viel zu viel Zucker, tauschen mit dem noch neueren, reizenden Bekannten Eckdaten aus (Schwabe! Irgendwas mit Medien!), trinken zu viel Kaffee, um früh schlafen zu gehen, und erst gegen Abend sind wir zum ersten Mal am heutigen Tage allein zu dritt zu Haus,  essen Suppe und sitzen schließlich auf dem Sofa und ich lese vor. Kalle Blomquist, Kapitel elf.

Tagebloggen (2.10.18)

Ich friere und mein Sattel ist nass. Ob diese Stadt eigentlich keinen Herbst kann, habe ich mich aufgehört zu fragen nach all den Jahren, aber als ich an der Schule ankomme, habe ich diese Stadt verflucht und ungefähr die Hälfte ihrer Bewohner und ihre Verkehrsbetriebe dazu. Ich hasse heute alle. Ich will nach Hause, eine warme Decke, Champagner und die Godiva-Pralinen ohne alkoholische Füllung. Leider ist nichts davon verfügbar.

Mein Sohn ist dafür um so aufgeräumter. Er ist meistens glänzender Laune, heute aber ganz besonders, weil er seinen besten Freund aus dem Kindergarten trifft. Leider geht er nicht zur selben Schule, wie es überhaupt die ganzen Kindergartenkinder in verschiedene Richtungen verstreut hat. Um so herzlicher wird er umarmt, als die beiden sich in der Schule des Freundes sehen. Einige Meter vor mir laufen sie zu zweit zu uns nach Hause und erzählen sich etwas über Lehrerinnen, Essen, Schließfachsysteme, Banknachbarn und AGs.

An der Ampel werde ich hellhörig. Gerade ging es um die Sieben Weltwunder. Jetzt berichtet der F. vom offenbar achten Weltwunder: Dem Schokoladenbrunnen in einem All-Inclusive-Hotel auf Malta. Ja, genau. Da waren wir nämlich, der F. und ich, als ich im Frühling viel Zeit hatte und spontan einem Angebot im Internet gefolgt war. Die Reise war spottbillig, auf Malta waren wir noch nicht. Der geschätzte Gefährte, der ein solches Etablissement niemals betreten würde, hatte eh keine Zeit, und ich schwöre, es war nicht so erschreckend, wie man denkt, wenn man an All Inclusive Hotels denkt.

Tatsächlich war unser Zimmer groß, die Pools sehr okay, ich mochte das Essen und wir waren jeden Tag unterwegs. Allerdings kam es zu einer unvorhergesehenen Panne: Der F. fand das Hotel toll. Er fieberte jeden Tag auf die Shows am Abend hin, die ich mir mit jeweils zwei Gin Tonic schöntrank. Er liebte die Buffets und es tat ihm um jede Mahlzeit leid, die wir wegen Besichtigungen verpassten. Und am Sonntag, einen Tag vor Abreise, wurde er eines veritablen Wunders teilhaftig: Auf dem Buffet stand ein Schokoladenbrunnen und rundherum lagen Spieße mit Marshmallows und der F. durfte sich nehmen, so viel er wollte. Ich glaube, er stieß sogar kleine, entzückte Freudenschreie aus. Weil er weiß, dass Leute ungern Kinder freudenschreien hören, ging er zu diesem Zweck kurz vor die Tür.

Wir waren mit dem F. wirklich überall. Er kennt Bauernhöfe und Luxushotels, Ryokans und dänische Holzhäuser, er war in Kyoto ebenso wie am Tegernsee, an der Côte d’Azur und in der Toskana, in Split und Heiligendamm, auf Kreta und in Florenz, in San Francisco wie in Verona: Aber wenn Sie ihn heute fragen, was ihn auf Erden am meisten beeindruckt hat, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass er Ihnen den Schokoladenbrunnen nennt. In dem Supersonderangebotshotel auf Malta. Seinem besten Freund hat er Hotel wie Schokoladenbrunnen jedenfalls angepriesen wie der Baedeker den Petersdom.

Tagebloggen (1.10.18)

So viele Briefe habe ich geschrieben. So wenige abgeschickt. Und die schönsten, die habe ich nicht mal behalten. So viele Stunden habe ich telefoniert. Auf dem Boden gelegen, unter dem Esstisch, das rissige, gräuliche Holz und von einem Thema zum anderen mäandert: Flüsse waren wir. Flüsse, Rinnsale manchmal und manchmal ein Strom.

So kurz sind meine E-Mails heute geworden. Drei, vier Sätze, Verabredungen, Kurznachrichten. 12.20 Uhr bei Tuan. 20.00 Uhr im Holmes Place. Mittwoch gern. Ja, ich hole ihn auch ab. Ja, ich auch.

Kein Raum bleibt mir mehr für das Ungefähre, keine Stunde für alles, was fließt. Nie zum Telefon greifen und nicht wissen, was ich wissen werde, wenn ich auflege. Ich bin ein gut gepflegter Garten, wusstest du das? Ich bin das reine Barock mit seinen schnurgeraden Alleen.

Ich bin das Aufstehen um 7:30. Ich bin der direkte Weg ins Büro. Ich bin der schattenlose Mittag, die Telefonliste, die Fristenzettel und die Wiedervorlagen. Ich bin der Anruf vom Alex bei Mami Camilla wegen dreier Pizzen. Ich werde nie wieder der Wind in den Haaren sein, die schmelzende Unschärfe, die Hitze im Schatten, und manchmal macht mich das traurig.

 

Herbst

Dann aber, als sei etwas über Nacht zerbrochen, wache ich eines Samstags auf und es ist Herbst. Es ist nicht nur ein bisschen kälter für ein paar Tage. Es sind auch nicht die kühleren Nächte. Es ist, als wäre die Erde unter unseren Füßen auf einmal schwerer und die Wolken aus Beton. In den Bäumen sackt nun Tag für Tag der warme Saft des Sommers in den Kapillaren nach unten, und an den Ampeln schauen die Leute aneinander vorbei.

Dein Sommerhaar, mein Lieber, treibt nun auf den schwärzesten Wassern. Deine Haut weht fleckig in Streifen im Wind. Ich aber, ich horte den Sommer aus Beeren und Bienen in Töpfen. Ich stapele Säcke voll Limo und Licht. Ich bin der hellere Himmel, der schimmernde Staub, und ich fliege des Nachts mit den Schwalben.

Im Frühtau

Ach, und damals im Winter: Viertel vor sieben los, der Sitz eiskalt und dann durch die Dunkelheit, vorbei am See, wo das Eis knackte und knisterte, der weiße Atem, und dann die Räder ins Gras werfen und schnell in die letzte Reihe. Im Sommer noch schlaftrunken am See vorbei, das kalte Wasser, wenn noch zehn Minuten Zeit waren, nass in die Kleider, und dann kurz vorm Lehrer durch die offene Tür.

Seit dem Abi nie wieder. Im Studium nie vor zehn aufgetaucht. Im Referendariat, im Beruf: Nie vor halb zehn irgendwo gewesen. Wenn ausnahmsweise einmal frühe Termine anstanden ächzend und stöhnend durch die Republik geschleppt.

2012 dann Sohn F. angeschafft. 2018 Sohn F. eingeschult. Aufgeregte Kinder mit riesigen Ranzen, Brunch mit den Großeltern, zu viele Süßigkeiten, und am Montag dann schlagartig eine Stunde früher los. Eine Stunde. Sechzig Minuten.

Jeden Morgen schlaftrunken ins Bad zu wanken. War nicht heute Sport? Wo bleibt denn der F.? F.! F.!!!! Wo ist deine Hose? Sind das die neuen Socken? Sind die Bleistifte angespitzt? Haferflocken stehen auf dem Tisch. Nein, heute Mischbrot, aber ich habe dir Rosinen eingepackt. Und zwei ganz kleine Salamis. Machst du bitte den Mund auf? Ja, nur ganz schnell nachputzen. Ihr müsst jetzt los! J., dein Schlüssel liegt auf dem Schrank. Ja, jetzt aber schnell. Nein, das schaffe ich nicht, Mama hat Fristen. Papa kommt. Nein, morgen aber. Ja, ich komme auch zum Judo. Ja, ich dich auch. Iss aber nicht nur die Rosinen.

Und dann ist es immer noch erst 7:25 Uhr.