Tagebloggen (3)

Dem F. haben wir natürlich erzählt, dass wir ins Pfannkuchenland fahren. Tag für Tag gebe es, hatten wir ihm verheissen, Pfannkuchen, die hier Crepes heissen, und der F. hat gejubelt und ist ein bisschen hochgesprungen, weil er Pfannkuchen liebt. Ich liebe Pfannkuchen auch, deswegen habe auch ich ein bisschen mitgejubelt, aber so leise und gebremst,  wie es sich für eine seriöse Dame in durchaus mittleren Jahren gehört.

Tatsächlich gibt es Pfannkuchen, dass die Schwarte kracht. Im Supermarkt gibt es ein ganzes Regal Pfannkuchen. Beim Bäcker kann man frische Pfannkuchen kaufen, jeweils vier oder sechs, und außerdem gibt es massenweise Creperien. Die haben fast alle ein Tagesangebot: Eine Galette, also so einen dunklen, herzhaft gefüllten Pfannkuchen, einen süßen Crepe danach und dazu eine Tasse Cidre.

Natürlich sind wir alle drei auf der Stelle in einen Pfannkuchenrausch verfallen. Morgens schleicht sich der erste, der aufwacht, die Treppe hinab ins Erdgeschoss und bestreicht sich einen Crepe mit Breizella, das ist so eine Art einheimisches Nutella, oder Marmelade. Gestern haben wir eine Tube gesüßte Kondensmilch gekauft, die kann man auch auf Pfannkuchen streichen. Wer zwischendurch Hunger bekommt, isst auch noch ein bisschen Pfannkuchen, wer abends nicht satt geworden ist, isst einen Pfannkuchen, wer den Nachtisch nicht mag, holt sich einen … na, Sie ahnen es schon, und jeden Tag kaufen wir beim Bäcker nicht nur frisches Brot, sondern auch eine frische Packung Pfannkuchen. Wir haben die örtlichen Bäcker übrigens schon alle durch und wissen, wer den besten Pfannkuchen hat. Heute waren wir in Vannes, da haben wir auch erst mal eine Runde Pfannkuchen gekauft.

Wie wir aber zuhause die lückenlose Versorgung sicherstellen, da müssen wir ab Mittwoch mal genau drüber nachdenken.

Tagebloggen (2)

Am Ende des Tages liegt der F. im Halbschlaf neben mir und hält sich an meinem Handgelenk fest. Nimue, flüstere ich ihm zu, wohnt noch immer in jenem See, an dem der F. am Nachmittag stand, und hat ein gläsernes Haus im wehendem Tang, der vermischt sich mit ihren Haaren. Im Weißdorn hält die Dame vom See ihren Zauberer und nährt ihn mit ihrem Blut. Zu ihren Füßen spielt zeitlos ein Kind.

Alle Könige, flüstere ich F. zu, müssen westwärts ziehen. Und alle Dinge holt sich die Zeit zurück wie der See. Sei auch du ein König, streiche ich dem Sohn durch das nächtliche Haar, und sei gütig, groß und gerecht und lebe ewig, mein Sohn, unter Bäumen.

Tagebloggen (1)

Ehrlich, ich kann Strand einfach nicht. Der ganze Sand nervt. Dass man sich ausziehen soll, ist ärgerlich, wenn man es mal wieder nicht geschafft hat, zur Strandsaison so auszusehen, dass man auch objektiv vernünftig ausschaut und deswegen die ganze Zeit betreten seinen Bauch betrachtet. Dass es keine Steckdosen gibt, nervt. Dass es so hell ist, nervt. Ich bin eh ganz schlecht in Entspannen, aber wenn schon, dann lieber im Bett.

Ausflüge immerhin mag ich gern. Es ist gar nicht so, dass mich alles fürchterlich interessiert. Ich kann mir auch ohne konkrete Anschauungsobjekte ganz gut vorstellen, wie  tausend Dolmen aussehen, aber selbst jemand, der sich schneller langweilt als andere Leute, steht vor dem Zaun, schaut auf die Menhire und fragt sich, was für Hoffnungen und Wünsche wohl diejenigen hatten, die diese Steine einst behauen haben, und ob sie sich wohl erfüllt haben für sie.

Und ob sie auch keinen Sand mochten.

Am Feldrain, für immer

Auf dem Weg zur Boulangerie, den F. an der Hand, die Pflanzen am Wegrand benennen, Schafgarbe hier, Stechginster dort, und hier nickt über einer kleinen, lila blühenden Distel der Hafer, den es wohl hierhin geweht hat, wer weiß schon von wo. Stumm sprießt hinter dem Feldrain der Mais.

Mitten auf dem Feld steht ein Hünengrab auf einem kleinen Hügel. Hier haben sie, sage ich dem F., einmal einen Häuptling zu Grabe getragen, und male ihm aus, wie es einmal zugegangen sein könnte, wenn ein Anführer starb. Vielleicht war dort hinten, wo es einen Bachlauf gibt, das Dorf. Vielleicht grasten hier Ziegen und Schafe. Vielleicht wird auch unsere Welt einmal so vorbei sein wie diese, aber auch nach dem Ende der Welt werden die Mütter den Kindern den Ackersenf zeigen, vorm Aronstab warnen und vom Löwenmäulchen erzählen, das „Nein“ heisst und so gern ja sagen will.

Freier Tag

Ruhig ist es hier heute. Ruhig und sehr warm. Der J. und der F. sind zu den Großeltern gefahren und schicken ab und zu ein paar Bilder. Draußen füllen Hitze und Licht die Straßen der Stadt.

Ich bleibe lange liegen, lese die Süddeutsche einmal ganz, dann das Magazin, einen Roman von Evelyn Waugh zu Ende, den ich kürzlich angefangen habe, dann einen Reportageband, dann noch eine Zeitung und trinke sehr, sehr langsam meinen erkaltenden Tee. In der Loggia staut sich die Hitze.

Ich könnte einkaufen gehen, denke ich. Vielleicht zum Sport. Ich könnte Freunde anrufen, ich könnte ins Museum, aber ich dann bleibe ich doch liegen, esse, was da ist, höre Musik, die nur mir gefällt und erinnere mich daran, dass mein Leben einmal aus sehr vielen solchen Tagen bestand, damals, vor vielen Jahren, und dass ich sehr lange nicht mehr einen ganzen Tag so frei hatte wie heute.

Schlechte Verlierer

Der F. ist ein schlechter Verlierer. Wenn es nicht gut läuft mit Würfeln oder Karten, zieht er erst die Unterlippe ein, die Zehen strecken sich nach oben. Dann sammelt sich langsam, langsam, eine Träne am unteren Augenlid. Mancher verließe nun das Spielfeld, andere wischten sich das Gesicht ab und spielten weiter, aber den F. hält dann nichts mehr auf seinem Platz. Er wird laut, also so zumindest halblaut. Er verwünscht Schicksal und Schöpfer, er wandert umher. Aber er spielt immer zu Ende.

Am Ende knallen manchmal Türen. Karten werden auf den Boden geschleudert, der F.wird knallrot und dann verschwindet er. Ein paar Minuten später ist er wieder da. Nächste Runde. Revanche.

Dass es nach ein paar Minuten immer weitergeht, beruhigt mich auf der einen Seite. So schlimm scheint es nicht zu sein. Er liebt Gesellschaftsspiele auch und wirft auf den Stapel Spiele in der Ecke des kleinen, vollgestopften Spielwarengeschäfts in unserer Straße immer wieder begehrliche Blicke. Wenn Freunde da sind, erklärt er hingebungsvoll die Regeln und spielt, wenn auch nicht weniger emotional als mit uns.

Bisweilen mache ich mir Sorgen um den F., der um so viel weniger beherrscht spielt als die achtjährige A., die mit einem freundlichen Lächeln verliert und erklärt, das sei nicht so wichtig. Oder der getreue E., Freund seit den ersten Krippentagen, der F. ab und zu gewinnen lässt, um die Stimmung oben zu halten. Wäre es nicht gut, wäre auch dem F. jederzeit bewusst, es sei nur ein Spiel?

Dann aber ist es spät. Lächelnd schläft der F. zusammengerollt in einer Kuhle aus mehreren Decken. Mein Herzblatt, küsse ich ihn auf beide, immer noch weichen Wangen und bewundere den sanften Schwung seiner Wimpern. Wäre sein Leben wirklich schöner, wäre er gelassener und fände sein Vergnügen im Spiel an sich? Wiegen die Momente, in denen er  der größte Junge vom Prenzlauer Berg ist, golden am Firmament, nicht die anderen auf? Und genießt er nicht auch, wie ich, selbst die Tiefpunkte, weil er sich selbst dann lebendiger fühlt als jeder, der in stabilen Mittellagen zu Hause ist und diese Kurven nicht kennt? Bleib lebendig, wünsche ich ihm dann. Und: Ich wünsche dir ein leidenschaftliches Leben.

Schönen

Die Kosmetikerin, die mir die Füße sommerschön macht, und erzählt, dass sie vor drei Jahren von zu Hause weggegangen ist, weil sie sich mit ihrem Freund gestritten hat und es langweilig war in dem Dorf in Vietnam, aus dem sie kommt. Die gern eines Tages, wenn sie erst englisch kann, auf einem Kreuzfahrtschiff arbeiten möchte, und dann unterhalten wir uns ein bisschen darüber, wie es auf Kreuzfahrtschiffen ist. Ich war noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff, sage ich und behalte für mich, dass ich das auch gar nicht will.

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Der Friseur aus einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt, der auf einen Tattoo-Salon spart. Manchmal wacht er nachts auf, weil er von einem Supermotiv träumt. Und er hat immer ein Notizheft dabei, falls er ein tolles Tattoo sieht, das er nicht fotografieren darf oder kann.   Sein Tattoo-Salon wäre nicht so metal-like eingerichtet wie manche andere, sondern eher so ein bisschen asiatisch, vor allem hell.

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Ich bin noch nie professionell geschminkt worden, nimmt man mal die Visagisten von Fotografen aus, die einen in beruflichen Kontexten ablichten sollen. Ab und zu schaue ich mir Schminktutorials bei YouTube an, bei denen Frauen, die mir ein bisschen ähnlich sehen, in unwirkliche Schönheiten verwandelt werden, aber ich habe es noch nie auch nur versucht.

Mädchen

Bei ihr wird sich wohl keiner melden. Sie ist ja auch nicht die Mutter, das ist schon klar, aber ein paar Jahre, vier oder fünf vielleicht, da landeten die ungelenk getöpferten Schälchen, die Papierblumen und Rupfendeckchen neben ihrem Teller. Sie war die Stiefmutter, aber sie machte die Hausaufgaben mit den Kindern, sie füllte die Brotboxen, sie richtete die Kindergeburtstage aus, und wenn sie abends die Kinder zu Bett brachte, legten die Mädchen ihre Arme um ihren Hals und riefen nach ihr, wenn sie schlecht träumten. 

Als sie einzog, war die Jüngere drei und die Große sieben. Die Große blieb immer etwas zurückhaltend, aber Menschen sind unterschiedlich, und schließlich war sie sogar zweimal allein mit der Großen weg. Einmal in Paris und einmal wandern. Der Kleinen rutschte ab und zu sogar ein „Mama“ heraus, das war schön gewesen, und es war auch nicht schlimm, dass der Vater, ihr Lebensgefährte, keine weiteren Kinder wollte. Es wäre auch etwas eng geworden in den vier Zimmern in Friedrichshain. 

Von der Mutter hörten sie ein paar Jahre lang wenig. Sie lebte im Ausland, arbeitete wohl viel, hatte einen neuen Mann und sogar ein neues Kind. An manchen Tagen vergaß sie, dass es diese Frau gab. 

Es änderte sich etwas, als die Mutter nach Deutschland zurückkam. Es wurde zwar Köln und nicht Berlin, aber die Mädchen fuhren nun alle zwei Wochen entweder zu ihr oder sie kam nach Berlin und wohnte dort in einer Airbnb-Wohnung ganz in der Nähe. Die Mutter war eine freundliche, kluge Frau, sie hätte sie gern gemocht. 

Zu Ende ging es dann, als er sich neu verliebte. Die neue Frau zog ein, sie zog aus. Es gab Tränen, aber keine Vorwürfe, keinen Streit, und einige Monate kam zumindest die jüngere Tochter öfters zu Besuch. Sie plante ein Wochenende als Geschenk zum zehnten Gebutstag, aber letztlich verlief das im Sand. 

Jetzt hört sie nur noch selten von den Mädchen. Von der Großen kaum, von der Kleinen alle paar Wochen. Kürzlich waren sie mal wieder gemeinsam Eis essen. Die neue Frau des Vaters erwarte ein Kind, erzählte ihr das Mädchen, das einmal fast ihre Tochter war, und das traf sie dann doch.

Cameron

Kennen Sie „Being John Malkovich“? Das ist ein sehr, sehr guter Film, aber ich meine weder den genialen Plot noch John Malkovich, der zu den schönsten hässlichen Männern gehört, den die Welt gesehen hat. Ich meine Cameron Diaz.

Cameron Diaz ist eine wirklich gutaussehende Frau. Aber in „Being John Malkovich“ sieht sie nach nichts aus. Man kann kaum erahnen, dass sie an sich attraktiv ist, sie ist einfach nicht attraktiv, und selbst wenn es einen Haufen Arbeit gekostet hat, sie so herzurichten, glaube ich spätestens seitdem, dass in vielen unscheinbaren Frauen eine Königin steckt. Möglicherweise – auch wenn ich nicht unscheinbar bin, sondern nur etwas strubbelig – auch in mir.

Die Königin auszugraben stelle ich mir allerdings schwierig vor. Allein der Sport, das Gewicht, aber auch der Aufwand mit Haut und Haaren. Ich meine, bei den meisten Produkten bei dm, die man sich ins Gesicht tut, weiß ich nicht mal genau, wie. Und ich trage unter anderem deswegen Kleider, weil man da nur ein Teil anziehen muss. Bei mir gibt es also, vermute ich, noch mächtig Luft nach oben, und jetzt, da ich so langsam alt werde, überlege ich manchmal, dass es eigentlich schade ist, dieses Potential nie, nicht mal so ein halbes Jahr oder so, hervorgelockt zu haben. Ich glaube, ich hätte Spaß gehabt.

Lückenbüßer.

Es habe, sagt ihre Schwester, nicht lange gedauert. Weihnachten 2017 war er schon in Gedanken woanders. Ostern 2018 bemühte er sich dann gar nicht mehr, seine Abwesenheiten zu bemänteln. Und nach dem quälenden Sommerurlaub im Fichtelgebirge zog er dann aus. Inzwischen ist er wieder da. Ihre Schwester habe ihn zurückgenommen. Die Kinder hätten sich sehr gefreut. Es sei, als wäre er nie weggewesen.

Es sei so ein bisschen unklar geblieben, ob er sich von der anderen Frau getrennt hätte. Oder sie sich von ihm. Sie würden sich jedenfalls nicht mehr sehen. Er hätte auch nie von der anderen gesprochen, bis auf dieses eine Mal, am ersten Abend, als er wieder aufgetaucht war und er ihrer Schwester gesagt hätte, dass die andere ausgesehen hätte wie die S., damals, irgendwann in den Achtzigern, als er mit der S. zur Schule gegangen war. Alle Jungen aus seiner Klasse hätten die S. geliebt. So lange, braune Haare und Augen wie Audrey Hepburn. Und lustig dazu. Niemand hätte sie bekommen, bis auf ihn, wenn auch mit 30 Jahren Verspätung, auch wenn es nicht die echte S. gewesen wäre, sondern nur ihre Doppelgängerin, sozusagen. Und nun sei es auch gut.

Für mich wäre das gar nicht gut, sage ich und sagt ihre Schwester, aber ob es nun Liebe ist oder nur Verzweiflung oder Fantasielosigkeit oder ein Kassensturz: Er ist wieder da, es ist vorbei mit der Doppelgängerin, und wenn nicht noch eines Tages die echte S. auftaucht, dann werden sie jetzt wohl zusammen alt.