Schwimmen

Man spricht mich vor einigen Wochen an von befreundeter Seite. Von ursprünglich zwölf Kindern aus des F. Kitagruppe, die ursprünglich gemeinsam den Schwimmkurs besucht haben, seien nur noch drei dabei. Die anderen weigerten sich kategorisch. Einige Mädchen seien von der Kälte im Schwimmbad krank geworden. Andere würde sich vor der Schwimmlehrerin fürchten. Mehrere Buben hätten schon am Donnerstag Abend geweint bei der Vorstellung, am nächsten Tag wieder von der Schwimmlehrerin angebrüllt zu werden. Andere hätten den halben Kurs auf einer Strafbank verbracht und weigerten sich nun zurückzukehren. Ob ich nicht auch endlich den F. von der Tortur befreien möchte.

Ich bin tatsächlich besorgt. Die Eltern sind beim Schwimmen nicht dabei, der Kurs wird von der Kita vermittelt und von einem Verein durchgeführt. Die Kinder werden mit einem Kleinbus abgeholt und zurückgebracht. Das ist nicht ganz billig, aber trotzdem hatten quasi alle Eltern der Gruppe ihre Kinder angemeldet. Der nun verbliebene klägliche Rest der Gruppe der Fünfjährigen sei nun der Gruppe der Sechsjährigen zugeschlagen worden, weil sich eine Gruppe von nur drei Kindern für den Verein nicht lohnt.

Am selben Tage befrage ich den F. Er ist müde, an den Schwimmtagen ist er immer unglaublich müde und isst ein Kilo Nudeln, sechs Äpfel und ein Pfund Emmentaler Käse dazu. Danach macht er es sich auf meinem Schoß bequem und lässt sich vorlesen. Wir lesen „Das magische Baumhaus“, von dieser Reihe gibt es quasi 50 Stück.

Kurz vorm Auftauchen des Riesenkraken auf Seite 60 unterbreche ich kurz meine Lektüre. Ob er eigentlich gern zum Schwimmen gehe, frage ich den F. Dieser nickt ungeduldig. Ja, sei schon okay. Ob die Lehrerinnen laut sprechen, frage ich. Ja, bestätigt der F. bewundernd. Die eine Lehrerin habe sogar eine Trillerpfeife. So eine will der F. auch, aber in rot.

Ob es kalt sei im Schwimmbad, bohre ich weiter, und der F. nickt. Es sei irre kalt, sehr, sehr kalt. Zu kalt für Mädchen, die wären deswegen alle abgemeldet. Er würde aber quasi nie frieren und seine beiden Freunde auch nicht, weil sie eine so dicke Haut hätten wie die Wale im Meer.

Auch auf weiteres Befragen stört ihn nach eigener Aussage nichts. Die Lehrerinnen seien eben laut, weil es im Schwimmbad laut sei. Die Strafbank nur für die Kinder bestimmt, die so doll zappeln, dass sie hinfallen und sich die Haxen brechen könnten. Es gebe eine einzige Schweinerei, betreffend den Schwimmkurs, die in dem Umstand bestehe, dass der sechsjährige V. bereits sein Schwimmabzeichen habe, der F. aber nicht. Das sei sehr ungerecht. Der F. denkt, sollte sich dieser Skandal perpetuieren, an ein gerichtliches Vorgehen gegen den V.

Ich bin zunächst beruhigt. Offenbar, so denke ich mir, sind die anderen Kinder etwas überempfindlich. In den nächsten beiden Wochen aber häufen sich weitere Ansprachen durch andere Eltern, die ebenfalls Kälte, harsche Umgangsformen und üblen Leistungsdruck bemängeln. Mehrmals spreche ich den F. an, der überhaupt nicht zu verstehen scheint, was ich meine.

Drei Wochen nach der ersten Ansprache werde ich tatsächlich etwas nervös. Ist mein Kind etwa ein seelischer Dickhäuter? Sind alle anderen Kinder sehr sensibel, und nur meins findet brüllende Leute, die drakonische Strafen aussprechen, normal? Was sagt das eigentlich über mich aus? Und habe ich nicht erst kürzlich gelesen, das Zeitalter der harten Kerle sei vorbei, und nun sei emotionale Intelligenz gefragt, die jemand vielleicht nicht besitzt, der angesichts schreiender Trainerinnen an nichts weiter denkt als an sein schnellstmöglich zu erringendes Schwimmabzeichen? Transportiere möglicherweise ich unterschwellig und ohne jemals darüber zu sprechen einen erbarmungslosen Leistungsdruck, den ich selbst mangels eigener Sensibilität gar nicht bemerke? Leidet der F. und merkt es einfach nur nicht?

Am Donnerstag Abend, einen Tag vor dem nächsten Schwimmkurs, spreche ich den F. also noch einmal an. Ob er morgen zum Schwimmen gehen möchte, frage ich. Auf jeden Fall, antwortet der F. aufgeregt. Ansonsten würde nämlich vielleicht das Schlimmste eintreten und die Nachbarstochter vor ihm die ersehnte Prüfung ablegen, und dann würde er leider so traurig werden, dass er vielleicht den ganzen Samstag weint und Papier zerreissen müsste.

Was soll ich sagen. Beruhigend ist das alles nicht.

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Wo bist Du, mein Golem?

Am Tag gehört auch Prag den anderen Leuten. Am Tag haben die Prager Anzüge an oder Kleider von Topshop und Ralph Lauren und verschwinden fast zwischen all den anderen, die auch durch die Stadt laufen, um alles zu photographieren und so viel Bier zu trinken wie wir. Wenn es aber dunkelt hebt und senkt sich das Pflaster der Stadt. Am Grunde der Moldau mögen die Steine wandern, doch in den engen Gassen wandern die Toten umher, tragen Kutten und lederne Wämser, zerfallende Anzüge mit seltsamen Kragen, kurze Hosen aus Asche und lange Kleider aus mürbem, staubigen Gold.

Auf dem alten Friedhof sitzen die Toten auf ihren Gräbern und recken die weißen Finger ins Mondlicht. So viel Leben weht ungelebt voller Sehnsucht im Wind. Am Tag ist es schon warm heuer im März, aber bei Nacht zähle auch ich all meine fehlenden Stunden. Wo bist du, mein Golem, rufe ich über die Friedhofsmauer bis zur Parisžka, und sage mir lautlos meinen Zauberspruch vor.

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Alles über seine Mutter

Als Vater macht man ja schon fast alles richtig, wenn man einmal die Woche von der Kita abholt und weiß, wie die Erzieherin heißt. Eine Mutter, die sich in exakt diesem Umfang engagieren würde, würde von den anderen Müttern zum Zeichen ihrer abgrundtiefer Verachtung vermutlich gesiezt. Doch nicht nur die anderen Mütter beobachten das mütterliche Engagement ganz genau. Auch die Kinder selbst führen, ich weiß das genau, eine geheime Buchführung.

Anders als die anderen Mütter glauben, geht es dabei nicht um selbstgenähte Kostüme oder selbstgebackene Kuchen. Am ehesten kann man die intensive Beobachtung vermutlich mit dem Verhältnis eines Ornithologen zu einem ganz besonderen Vogel vergleichen. Der F. etwa hat schon mehrfach gefragt, wie groß ich bin, und erst kürzlich versucht, einen Blick auf das Display meiner Waage zu werfen. Ich bin dann schnell abgestiegen, um zu verhindern, dass nicht nur der F., sondern die ganze Kita mein Körpergewicht kennt und sich ungläubig weitererzählt, wie schwer eine ganz normalen Frau werden kann. Ich bin nämlich, das nur am Rande, die dickste Mutter der ganzen Kitagruppe.

Ansonsten recherchiert der F. vorwiegend mittels ausgefeilter Interviews. Meine Lieblingsfarbe. Was ich am liebsten esse. Mein Lieblingstier. Tassen, die ich nicht mag. Wovor ich mich fürchte. Mein Lieblingsbuch als Kind. Welches Denkmal in Berlin gefällt mir am besten. Ergänzend zu bohrenden Fragen beobachtet der F. sein Studienobjekt. Das geht manchmal auch schief, so glaubt der in meinem Büro ja nicht anwesende F. wirklich, ich äße am allerliebsten Salat und Gemüse und könne Schokolade nicht leiden. Seinen vorläufigen Höhepunkt allerdings fand die Recherche kürzlich, als ich morgens davon erwachte, dass der F. mit seinem neuen Zollstock versuchte, meine Füße zu vermessen.

Bisweilen fürchte ich bei solchen Gelegenheiten, dass der F. eines Tages aus den Ergebnisse seiner Forschung eine mehr oder weniger schonungslose Veröffentlichung machen wird, mit der ich dann leben muss. Dann aber fällt mir ein: Es wäre nur fair, würde er eines Tages über seine Mutter einen fiesen Roman verfassen.

Oder ein kleines, milde spöttisches Blog.

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Im Kino

Ich gehe ja nicht so oft ins Kino. Dabei laufe ich keine fünf Minuten zum nächsten, sehr schönen Kino, das dazu noch ein wirklich gutes Programm hat. Es hat also etwas mit mir zu tun, nicht mit den Umständen, die in meinem Fall eben keine widrigen sind. Wenn Berlinale ist, muss ich aber ins Kino, denn wenn ich sogar dann zuhause bliebe, kann ich eigentlich auch gleich in die Uckermark ziehen und vom Sofa aus den Kühen beim Grasen zuschauen.

Leider sehe ich quasi nie aufregende Premieren mit Prominenten oder so, weil mir niemand Karten schickt und ich es nicht schaffe, um Punkt 10.00 Uhr, wenn der Vorverkauf beginnt, Karten zu kaufen. Ich gehe also dahin, wo ich Karten bekomme und schaue mir Filme an, die dann auch gern einmal von dem Leben in einer japanischen Nervenklinik handeln oder von dem Coming Out eines mongolischen Hirten. Dieses Jahr habe ich im Berlinaleprogramm nur zwei Filme gesehen.

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Soul war sehr toll. Wie Sie, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, wissen, esse ich wahnsinnig gern. Ich mag alle Foodblogs, sogar die ohne Fleisch, und wenn es nach mir geht, photographiert jeder von Ihnen immerzu alles, was er isst, und postet es auf Facebook. Natürlich mag ich auch die Sektion „Kulinarisches Kino“, in dem immer irgendwie um Essen geht, in diesem Film um zwei Dreisterneköche, den jungen Basken Eneko Atxa und den alten Sushimeister Jiro Ono. Auf den ersten Blick unterscheiden sich beide in so gut wie allen Punkten, die einem überhaupt einfallen. Auf den zweiten eint beide eine Ernsthaftigkeit im Umgang mit Essen, eine Haltung, die sehr schön ist, sehr würdevoll, wie immer, wenn man Menschen bei der Arbeit beobachten darf, die ihre Arbeit lieben. IMG_3747

Der zweite Film „Joaquim“ war nichts. Nachdem ich vor ein paar Wochen in Jarmuschs „Paterson“ ziemlich lange gebraucht habe, um mich aus meinem ziemlich rasanten Alltag so zu verlangsamen, dass ein langsamer Film mich nicht nervös macht, habe ich alle langsamen Filme ausgeschlossen und einen Film über einen brasilianischen Freiheitskämpfer ausgesucht. Revolutionäre sind ja oft sehr unterhaltsam, wenn man die Revolution nicht gerade mitmachen muss, und außerdem mag ich Kostümfilme.

Dieser Film war allerdings so öde, dass ich mich immer noch frage, wie es dem Regisseur gelungen ist, einen zahnausreißenden Offizier, Goldsucher und Liebhaber so langweilig zu porträtieren wie eine schlafende Stubenfliege. Gott, es war die schiere Ödnis, und nach einer Stunde verließen der J. und ich das Kino, um für unsere 12 EUR Babysitterstundenlohn andernorts mehr Spaß zu haben. Wir waren dann erst essen und dann Bier trinken in einem dieser neuen Craft Beer Brauhäuser, die irre viele Biere on tap vorhalten, deren Phantasiebezeichnungen sich keiner merken kann.

Nicht Teil der Berlinale, aber am allerbesten war allerdings der dritte Film: The Salesman, den ich vermutlich nicht beschreiben brauche, weil ihn jeder gesehen hat wegen der vielen Preise und Nominierungen, die, ich schwöre es, jede einzelne hoch verdient sind, weil dieser Film so dicht ist, so klug, so filigran und gleichzeitig so selbstverständlich daherkommt, in einem Zuge von einem Überfall handelt, und von der Frage, wer ihn begangen hat, und welche Rache am Täter geübt werden darf. Von einem Paar, das dadurch in eine Krise gerät. Von einer morschen Gesellschaft, von brüchigen Werten, von einer maroden Stadt, und trotzdem den Optimismus hinterlässt, dass es vielleicht doch Bewegung in kleinen Schritten, Barmherzigkeit und Liebe geben kann, auch wenn jede einzelne Person in ihrem Referenzrahmen gefangen ist wie in einem rostigen, aber unüberwindbaren Käfig.

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Mit Ärger infiziert

Der F. ist ein Sonnenschein. Normalerweise. Von 16 Wachstunden pro Tag strahlt der F. ungefähr 10, und während der restlichen Zeit hat er meistens etwas im Mund. Er interessiert sich für eigentlich alles und spricht übergangslos euphorisch über das Schmerzempfinden von Robotern, die Kleidung von Superhelden und das Innere von Kamelhöckern. Ansonsten ist er seit kurzem fünf, normal groß, normal schwer, normal begabt und normal sensibel, was das Zusammenleben mit ihm sehr erleichtert. Infolge einer seltsamen Spontanmutation ist er sehr ordentlich und räumt regelmäßig auf.

Am letzten Sonntag aber war alles anders. Wir sitzen also, es ist kurz nach eins, im NENI am  Ku’damm und essen wirklich, wirklich viel. Es soll Leute geben, die das Essen im NENI langweilig finden, aber ich bin kaum irgendwo in Berlin so gut gelaunt wie hier. Es gibt israelisches Essen im obersten Stockwerk des 25HourHotels, vorm Hotel ist der Ku’damm, hinter dem Hotel kann man in den Zoo und weit über die ganze Stadt bis zur Siegessäule schauen. Es ist kein feines Restaurant, geradezu das Gegenteil von Hochküche, deswegen vermutlich laufen unsagbar viele Kinder herum.

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Der F. jedoch mault. Er isst auch kaum etwas, obwohl wir die unter dem Namen Balagan verkaufte bunte Mischung von allem Möglichen bestellt haben und er eigentlich immer zumindest Fisch, Gurken, Falafel und Hummus liebt. Heute ist ihm nichts recht. Es ist zu hell, der Hummus sieht zu gelb aus, und irgendwann fängt er an zu meutern. Die Gedächtniskirche. Immerzu müsse er an den Krieg denken, der blöde Krieg. Die Kirche hätten sie abreißen müssen. Beim nächsten Mal will er woanders sitzen, denn so schmeckt ihm das hier nicht. Schließlich rückt er den Stuhl herum. Er nervt ein bisschen, aber immerhin: Das Denkmal funktioniert.

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Beim F. allerdings funktioniert gerade nicht so viel. Im Aquarium hält er zwar gut durch. Zuhause allerdings wird wieder genörgelt. Der J. und ich schauen uns erstaunt an: Dass der F. nicht in die Kita will, kommt so gut wie nie vor. Er proklamiert auch sonst nicht, dass er genug davon habe, dass immer die Erzieherinnen bestimmen. Dass in der Vorschule ein bestimmtes Kind nerve, weil es bei der Unterweisung in die Kunst des Uhrenablesens nicht zuhören und keine vollen und halben Stunden sagen würde, so dass die Erzieherinnen immer dasselbe wochenlang wiederholen. Dass die Kinder einer anderen Gruppe, die mit seiner Gruppe gemeinsam vorgelesen bekommen, Kackwürste seien, weil sie seine liebevoll aufgebaute Megacity zerstört hätten, und dass der kleine N. nicht mehr sein Freund sei, weil er beim gemeinsamen Bauen mit Legosteinen regelwidrig rote und blaue Steine mische. Außerdem beklagt er sich über Kinder, die schreien, und den Umstand, dass in der in der Kita gern servierten Eiersauce zu wenige Eierstücke schwimmen, die auch nicht gleich groß seien.

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Am Montag schnappt der F. dann endgültig über. Der von mir gemalte Drache hat einen zu dicken Schwanz. Die Aufkleber auf den Stühlen in der Kita sind nicht parallel angebracht. Es ist – der F. betritt gerade das Reich der zweistelligen Zahlen – eine Schweinerei, dass es zwar drei-und-drei-ßig, aber nicht ein-und-zwei-zig heißt. Eine solche irreführende Inkonsequenz ist nämlich omfair zu Kindern. Am Dienstag schließlich eskaliert der F. beim von ihm an sich sehr geschätzten Klavierspiel und will auf keinen Fall das Schmetterlingslied zur mitgelieferten CD spielen. Als er beim Essen nur trockenen Reis isst und seine Creme Caramel mir schenken will, werde ich hellhörig.

Und tatsächlich: 38,7° C.

Ich atme auf. Die Wesensveränderung ist nur temporär. Ich koche ein Huhn aus, bereite Pfefferminztee zu und bin zuversichtlich: Am Wochenende allerspätestens ist der F. hoffentlich wieder ganz der Alte.

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Von schlechten Eltern

Dreijährige Kinder der Mittelschicht haben einen dreimal größeren Wortschatz als Kinder der Unterschicht, behauptet Wikipedia. Arme Kinder sind schon im Vorschulalter im Durchschnitt auch dicker, weniger gesund und können sich nicht so gut konzentrieren. Die Chance, dass sie eines Tages Senatsvorsitzende am Bundesgerichtshof sein werden, Ingenieur im Wasserwerk oder auch nur Bankangestellter sind deswegen schon mit drei viel schlechter als die anderer Kinder. Das ist ein seit Jahren bekannter und beklagter Skandal.

Dass die politische Rechte nichts für die Kinder armer Leute unternimmt, wundert nun keinen. Parteien dienen – das ist ja auch nicht illegitim – der Durchsetzung von Klientelinteressen, und arme Familien gehören nicht zum Klientel konservativer Parteien. Auf der Linken sieht das anders aus. Sowohl linke Parteien als auch Verbände, linke Journalisten, das, was man so die Zivilgesellschaft nennt, erhebt einen ganzen Strauß an Forderungen. Die meisten finde ich logisch und richtig. Ganztagsschulen etwa, in denen das, was die Eltern nicht leisten, durch eine gute Nachmittagsbetreuung aufgefangen wird. Gut ausgestattete Kitas für alle ab dem ersten Geburtstag und attraktive Freizeitmöglichkeiten, die nichts kosten.

Mit diesen Forderungen, dass doch der Staat endlich etwas für arme Kinder unternehmen soll, ist allerdings fast immer eine Forderung verbunden, die ich erstaunlich finde: Man dürfe auf keinen Fall, also absolut nicht, die Eltern verantwortlich machen. In der Wahrnehmung der Linken scheinen die Eltern mit der Misere nichts zu tun zu haben. Offenbar sieht man da die Verantwortung für die unzureichende Situation allein beim Staat, bei der Gesellschaft, fiesen Pfeffersäcken, gemeinen Lehrern, bei wem auch immer, aber wer auch nur einen Löffel Verantwortung bei den Eltern sieht, gilt als böse. Oder, wie man in diesen Kreisen sagt: als neoliberal.

Nun verstehe ich, dass man zu ohnehin auf dem Boden Liegenden freundlich sein will. Aber sind Eltern nicht immer und unter allen Umständen ihren Kindern verpflichtet? Und ist nicht auch der ärmste Kerl, die ärmste Frau in Hinblick auf die eigenen Kinder nicht immer auch Täter statt Opfer? Wenn die Ursache für die schlechtere Sprachentwicklung von Kindern mangelnde Ansprache ist, dann muss doch nicht die Gesellschaft mehr mit dem Kind sprechen, sondern die eigenen Eltern. Wenn es allgemein bekannt ist, dass Vorlesen den Bildungserfolg fördert und ein eigener Fernseher ihn hemmt: Dann steht in jeder Gemeinde eine meist nahezu gratis zu nutzende Bücherei, und niemand zwingt Leute, einen Fernseher zu besitzen oder gar den Kindern ein solches Gerät ins Kinderzimmer zu stellen. Ich verstehe, wie schade es ist, wenn man nicht reisen kann. Aber viele Dinge, die eine glückliche Kindheit ausmachen, sind nahezu kostenlos. Brot backen zum Beispiel. Spazierengehen und sich Geschichten über alle Leute ausdenken, die man sieht. Und über alle Häuser. Wer in Berlin kein Geld hat, darf übrigens für sehr wenig Geld in Museen, und selbst wenn es Mutter und Vater selbst wenig interessiert, sollte es doch reichen, dass die Kinder Mumien und Gemälde vielleicht spannend finden.

Es kostet auch nichts außer ein bisschen Überwindung, seinen Kindern zu vermitteln, dass sie alle Chancen haben, auch wenn Mutter und Vater ihre nicht gut genutzt haben. Manieren. Eine Blockflöte kostet übrigens keine 20 €, und bei youtube kann man sich gemeinsam mit seinen Kindern erschließen, wie man sie spielt. Mein Sohn liebt übrigens mehr als nahezu jede kostenpflichtige Beschäftigung die Abende, an denen ich mit ihm am Tisch sitze und mit einem Kugelschreiber lustige, ziemlich läppische Geschichten illustriere, die ich mir ausdenke. Niemand hindert auch eine arme Mutter, jeden Tag über die Schule zu sprechen, zu fordern, zu loben, aber auch zu tadeln und einem Kind zu verdeutlichen, wie wichtig es für die Eltern ist, dass der Übertritt aufs Gymnasium geschafft wird, wie entscheidend jede Nachkommastelle beim Abitur. Es ist sicher nicht leicht, Würde auszustrahlen, wenn es einem nicht gut geht. Aber wenn es um das eigene Kind und seine Vorstellungen von Normalität geht, sollte man vielleicht doch jeden Tag morgens aufstehen. Aufräumen. Haltung bewahren und behaupten, man liebe Spieleabende und Linsensuppe und gehe eigentlich gar nicht gern aus.

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Es mag Menschen geben, die all das beherzigen, und ihre Kinder entwickeln sich trotzdem nicht so gut wie Angehörige weniger bedrängter Vergleichsgruppen. Es gibt gesellschaftliche Diskriminierung und das ist eine Schande. Die Statistik spricht aber dafür, dass viele Eltern von den Handlungsalternativen, die ihnen bleiben, oft nicht die besseren wählen. Warum diese Wahl ad malum den Eltern nicht vorwerfbar sein soll, hat mir noch kein Linker erklären können. Wieso diese offenbar entscheidenden Weichenstellungen anders ausfallen sollten, wenn dieselben Eltern mehr Geld bekommen, verstehe ich auch nicht. Leute sprechen doch nicht auf einmal mehr mit ihren Kindern, gehen Sonntags mit ihnen wandern und werfen den Fernseher weg, weil sie pro Kind mehr Geld bekommen? Es mag sein, dass sie sich mehr entspannen und ihr Leben mehr genießen, vielleicht reicht das schon als Rechtfertigung für diese Erhöhung der Staatsausgaben. Aber vielleicht macht man es sich auch zu bequem, wenn man den anonymen Staat und nicht die ganz und gar nicht anonymen Eltern der Misere beschuldigt. Vielleicht fördert man sogar eine Haltung mancher Eltern, Hilfe nur von außen zu erwarten. Vielleicht ist die Verantwortungsfrage am Ende auch nur halb so wichtig, weil wir nicht daran vorbeikommen, in Kitas, Schulen, Vereine, Lesepatenschaften, Kinderbauernhöfe und Sommercamps zu investieren. Aber geärgert habe ich mich über diesen Text von Julia Friedrichs über Kinderarmut doch. Sehr. Sehr.

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Der beste Spam der Welt

Tag für Tag klicke ich die Spamkommentare weg, mit der hier erkennbar unseriöse Geschäftsleute um Kunden werben, um Sie, meine sehr geehrten Leserinnen und Leser, vor schlechten Geschäften und schlechten Empfindungen gleichermaßen zu bewahren, doch heute, heute nachmittag sozusagen, hat dann doch ein Spammer den Vogel abgeschossen. Einen riesengroßen Vogel. Den Vogel überhaupt. Es ist ein Brustvogel:

„Natürlich umging ich mich mit allen Mädchen nicht, die diese Creme benutzten. Bis sich unter meinen Bekannten von keiner befunden hat, wer sich über das Mittel Bust Size schlecht geäußert hätte. Es ist wichtig, zu verstehen, dass diese Creme für die Frauen vorbestimmt ist, die träumen, das Äußere zu ändern, aber wollen sich auf die plastische Operation nicht legen. Jede versteht, dass die Implantation der Brust es, aufwendig krank ist, und es ist nicht bekannt, wie sich die Implantate in der Zukunft führen werden. 

Alle Mädchen wollen die Mütter werden und ohne Probleme füttert das Kind von der Brust. Es ist ganz offenbar, dass man nach der Plastik der Brust die natürliche Ernährung des Kindes von der Milch vergessen kann. Die Creme Bust Size für die Titten hat solchen verderblichen Einfluss auf milch dem Eisen, wie die Operation nicht. Er ist überhaupt unschädlich, da die Zonen der Größe der Brust, nicht außerdem fördert.“

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Mit dem Pfeil, dem Bogen

„Ich gehe zum Fasching als Indianer. Mit Pfeil und Bogen.“

„Geht es auch ohne Pfeil und Bogen? Das finden deine Erzieherinnen bestimmt nicht so toll.“

„Die Erzieherinnen sind meine Feinde.“

„Auch R. und M.? Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Nein. Nur I. Das ist meine Feindin. Die sperre ich ein und schieße sie mit Pfeil und Bogen. Nur wegen der musste ich auf der Bank sitzen.“

Die Bank, auf die jugendliche Missetäter gesetzt werden, um nachzudenken, ist das Hauptdisziplinierungsmittel in F.’s Kita.

„Was hast du denn angestellt?“

„Ich habe J. geärgert. Alle meine Freunde haben gelacht.“

„Dann hast du zu recht auf der Bank gesessen.“

„Nein. I. ist meine Feindin. Ich habe mir auf der Bank ausgedacht, dass ich sie mit Pfeil und Bogen abschieße. Zum Fasching. Weil man da Kostüme anhaben kann. Mit echten Waffen.“

„Wieso hast du denn J. geärgert? Wart ihr heute im Garten?“

„Nein. Nicht heute. Mama! LETZTES JAHR!.“

Oha. Erstens scheint die Verbannung auf die Bank in zumindest einigen Fällen ihren Sinn zu verfehlen. Zweitens ist der F. noch deutlich nachtragender, als mir so klar war. Ich hoffe, ich habe beim F. keine geheimen Schulden.

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No Fashion. No Style

Schönheit, sagt man, liege immer im Auge des Betrachters, aber das ist natürlich Quatsch. Bisher sind alle Bemühungen, das Schönfinden einfach aller Leute durch öffentliche Proklamationen irgendwie zu fördern, ziemlich folgenlos verhallt. Auf der Fashion Week laufen jedenfalls immer noch sehr dünne, sehr junge Osteuropäerinnen über die Laufstege, und der einzige Trost als mittelalte, mitteldicke Frau ist es eigentlich, dass man die feilgebotenen Sachen auch gar nicht haben will, weil man die weder in Gegenwart seiner Kollegen noch in der kleiner Kinder tragen kann. Kleidung für andere Gelegenheiten brauche ich quasi nicht.

Leider enthebt einen dies nicht der Notwendigkeit, überhaupt Kleidung zu kaufen. Zum einen ist hierzulande ziemlich kalt. Zum anderen ist es unüblich, nichts oder immer nur dasselbe zu tragen. Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, beruflich einfach immer ein blaues Kleid mit blauem Blazer und privat Jeans und Streifenshirts zu tragen, aber die Leute würden mich für exzentrisch halten, und das wäre mir nun auch wieder nicht recht.

Nun kann man nicht einmal sagen, dass ich es nicht schaffen würde, mir etwas zu kaufen. Im Onlineshoppingzeitalter ist das ja alles nicht so schwer, da reichen 20 Minuten an einem Sonntagabend. Oder ich raffe mich auf und gehe ins Lafayette. Ich habe jetzt auch keine so komplizierte Figur. Ich kann mich nur nicht überwinden, denn ich interessiere mich für kaum etwas weniger als für Mode. Ich kann mich auch nicht anziehen, bei mir hat alles irgendwelche komische Flecken, mein Strumpfhosen haben Laufmaschen, und wenn sonst nichts ist, platzt eine Naht.

Sehr beneidet habe ich schon vor geraume Zeit Männer um die Möglichkeit, bei so einem Onlineshop mit Sitz in der Berliner Torstraße ganze Outfits zu beziehen, die die aussuchen und einem schicken. So etwas möchte ich auch. Ich habe also am Wochenende bei Zalon den Fragebogen ausgefüllt und warte auf die Lösung aller meiner Kleidungsprobleme.

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Falsche Pferde

Ganz früher muss es traumhaft gewesen sein. Zumindest, wenn man der F. glaubt. Ganz früher gab es ein großes, weißes Haus am Stadtrand von Frankfurt. Einen Pool. Einen Vater, der von einem Wagen mit Fahrer abgeholt wurde, wenn er ins Büro fuhr, und eine Mutter, die viel lachte und sehr schön war. Zumindest für einen der Elternteile war es aber offenbar weniger traumhaft, denn 1984 trennten sich die Eltern. Die Mutter der F. behielt das Haus noch zwei Jahre. Dann wurde es verkauft. Sie kaufte sich eine kleinere Wohnung in Wiesbaden, denn in der kleinen Stadtrandgemeinde fiel man als geschiedene Frau aus allen Freundschaften heraus und wurde nicht mehr eingeladen. Die F. und ihr Bruder verbrachten jedes zweite Wochenende beim Vater und fuhren zweimal im Jahr mit ihm in Urlaub. Als die F auszog, begann die Mutter, ehrenamtlich behinderte Kinder zu unterstützen.

Nie hat sich die F. gefragt, wovon ihre Mutter eigentlich all die Jahre gelebt hat. Inzwischen weiß sie, dass die Mutter aus dem Hausverkauf genug Geld für ihre neue Wohnung bekommen hat, eine ganz ordentliche Rente, die ihrem Exmann von seiner Rente abgezogen wird, und laufenden Unterhalt über Jahrzehnte. Außerdem hat sie irgendwann noch einmal geerbt.

Als die F. vor ein paar Jahren geheiratet hat, gab es kein weißes Haus. Aber eine große Wohnung in Mitte, die allerdings nur gemietet war. Zwar keinen Pool, auch keinen Fahrer, aber ihr Mann gehört zu den wenigen Leuten, die in seinem Unternehmen auch heute noch Business fliegen dürfen, wenn sie irgendwohin fahren. Zwei Kinder.

Leider ging es auch mit der F. und ihrem Mann nicht ewig gut. Inzwischen hat er eine neue, große Wohnung, diesmal gekauft. Da lebt er mit seiner neuen Freundin. Irgendwann, als alle auf einem 40. Geburtstag ziemlich betrunken waren, hat die F. zumindest ein paar Freundinnen verraten, dass ihr Mann ihr vorgeworfen hatte, sie sei eigentlich tot und nur noch eine Funktion ihrer Kinder.

Sie lebt aber noch, deswegen braucht sie Geld. Leider verdient sie als freie Journalistin mit sehr gelegentlichen Aufträgen zu wenig für eine Wohnung in ihrem alten Kiez. Sie ist nach Moabit gezogen und wohnt dort auf 60 Quadratmetern. Unterhalt gab es einige Jahre für die Kinder. Jetzt ist ihr Sohn aber zu ihrem Exmann gezogen. Man darf die F. nicht nach Hintergründen fragen, denn sie fühlt sich von ihrem Sohn quasi verlassen und betrogen, obwohl sie weiß, dass das nicht so ist und man so etwas auch nicht denken sollte. Manchmal hat die F. Angst davor, dass auch ihre Tochter zu ihrem Exmann zieht.

Unterhalt für sich hat die F. nie bezogen. Wenn jetzt auch noch der Unterhalt für die Tochter wegfiele, würde es gar nicht mehr reichen. Vielleicht geht die F. dann zum Amt. Vielleicht zieht sie zu ihrer Mutter. Wahrscheinlich sieht sie ihre Kinder dann nur noch sehr selten, weil die Kinder ohnehin in ein Alter kommen, in dem sie weniger Kontakt suchen, als den Eltern lieb ist. Vermutlich lockern sich die freundschaftlichen Beziehungen zu ihren Berliner Freundinnen, wenn sie erst mal in Wiesbaden sitzt. Ich nehme an, sie erbt irgendwann die Wohnung ihrer Mutter. Dann wird sie dort alt werden. Spätestens, wenn sie Rentnerin wird und nicht mehr schreiben kann, wird sie auf Sozialleistungen angewiesen sein, oder ihre Kinder müssen für sie aufkommen. Ich weiß, dass sie sich davor fürchtet.

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