Journal :: 21.11.2017

Sieben in der Früh. Schwarz, denke ich, als ich nach dem Duschen noch tropfend vorm Kleiderschrank stehe. Schwarz und hochgeschlossen. Das Schwarze von Stop Staring vielleicht, das ist zumindest nicht so ein schlimmer Beutel. Schwarze Strumpfhosen, die man diesen Winter wieder trägt, für mich immer in durchsichtig, 15 den, weil ich in blickdicht irgendwie komisch aussehe, so ein bisschen wie Schwester Maria, die in der Klosterschule die ganz öden Fächer gibt.

Wie schließen eigentlich Frauen ihre Rückenreissverschlüsse, die noch einmal 15 Jahre älter sind als ich, frage ich mich und halte meine Haare mit einer Hand zur Seite. Haben die alle hilfsbereite Männer oder ziehen die irgendwann nur noch praktische Sachen an? Meine schwarzen Schuhe eignen sich mit acht Zentimetern Absatz vermutlich irgendwann auch nicht mehr für ganze Tage und Nächte. Denen werde ich nachtrauern irgendwann, meinen schönen Schuhen mit Absatz.

Nun aber noch zwanzig Bürstenstriche, mit einem Lippenstift einmal hin und her, ein Kaffee im Stehen, wo ist meine Tasche, und ein letzter Griff aufs Fensterbrett zu einem langen Strang Perlen. Die Perle stand einmal für die Liebe Gottes, bevor sie unter die Juristen gefallen ist, schießt es mir durch den Kopf, bevor ich noch einmal in den Spiegel schaue, ein prüfender Blick, den Schlüssel in der Hand. Dann geht es los. Schon ist es kurz vor neun.

Der Tag wird lang.

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Journal :: 20.11.2017

Na, ziehe ich FDP-Mitglied J.2 an der Kasse ein bisschen auf. Ihr wollt wohl nicht. Oder euer Chef fand sich flächendeckend plakatiert so schön, dass er das unbedingt noch 2018 ein zweites Mal braucht. Regieren ist halt auch anstrengend, fahre ich fort und sortiere seine und meine Einkäufe ordentlich in zwei Taschen. Schön doof, wenn man aus der Verganegnehit mitgenommen hat, dass Kompromisse direkt vom Teufel kommen, weil man dann am Ende nicht mitmachen kann und sogar neben Jürgen Trittin irgendwie übermäßig leichtfertig aussieht.

Der J.2 schweigt. Ich kenne in keiner Partei so viele Mitglieder wie in der FDP. Dass liegt vermutlich an meiner Profession, auch wenn ich selbst  noch nie liberal gewählt habe. An diesem Abend aber, auf dem Weg nach Hause durch den Abend, mache ich mir dann doch für ein paar Minuten ernsthaft Sorgen, was jetzt passiert, und ob dieser Tag, an dem Koalitionsgespräche schon vor den Koalitionsgesprächen scheitern, vielleicht einmal in einem Geschichtsbuch stehen wird als eine der Stationen zwischen Deutschland als dem Ruhepol Europas und einem der vielen Untergänge unserer warmen, gesicherten Welt.

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Journal :: 19.11.2017

Ach, Möhre, denke ich, und schaue meinem Fünfjährigen nach, der im Naturhistorischen Museum wild gestikulierend um ein Modell des Sonnensystems herumwandert und frenetisch auf seinen Freund S. einredet.

Ich beneide Kind F. nicht ganz wenig um sein brennendes Interesse für eigentlich alles. Der F. begeistert sich unterschiedslos für Napoleon und BB-8, Mädchen mit schönen Haaren, die mineralogische Sammlung des Naturkundemuseums und die Frage, wie um alles in der Welt Hitler so böse geworden ist, dass er sogar Kinder einsperren ließ. Dass ich mich für irgendetwas auf Erden mit ähnlicher Intensität interessiert habe, dürfte Jahre her sein, und würde der geschätzte Gefährte morgen unglücklicherweise von einem Meteoriten erschlagen, fiele es mir absehbarer Weise extrem schwer, noch einmal nur ansatzweise so viel Interesse für einen anderen Herrn aufzubringen, wie es für die Aufnahme einer näheren Beziehung erforderlich sein dürfte.

Vielleicht steht jedem Menschen nur ein bestimmtes Maß an Begeisterung zu, und ich habe meins verbraucht, überlege ich, aber so richtig überzeugend klingt die These nicht. Oder die für Euphorie zuständigen Drüsen stellen irgendwann, das wäre dann so eine Art emotionales Klimakterium, die Produktion ein. Oder – und das hoffe ich inständig – es handelt sich ganz schlicht um die betäubenden Auswirkungen einer Mischung aus Erschöpfung und bohrender Langeweile, die mit der Zeit auch wieder verschwinden.

Aber so wie mit fünf wird es nie wieder.

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Journal :: 18.11.2017

Laufe ich auf dem Rückweg vom Markt über die Straße, denke ich an die C., steht sie doch auf einmal vor mir. An ihrer Hand läuft der kleine M., nun auch schon wieder drei, plappert in einem fort, unterhält sich beim Bäcker mit Frau A., die alle Kinder im ganzen Viertel kennt, als seine Mutter einen kleinen Gugelhupf kauft, und dann gehen wir zu dritt zu uns.

Sind der J. und der F. doch immer noch im Schlafanzug, mittags um zwölf. Ziehen sich beide schnell an, decken den Tisch, und dann wärme ich die Erbsensuppe vom Markt auf, schneide Wurst in Scheiben, laufen die Kinder hin und her, und der F. baut aus der Verpackung einer Putting Matte, die der J. sich gekauft hat, ein Wikingerschiff mit Drachen und Segel und Steuerrad, während die C. und ich uns so zurückhaltend unterhalten, wie es eben geboten ist, wenn die ganze Zeit zwei schrecklich indiskrete Kinder um einen herumlaufen, die zum Glück nicht im Ansatz verstehen würden, worum es eigentlich geht.

***

Überhaupt, die Putting Matte. Eine Putting Matte, für diejenigen, die das auch nicht wissen, ist so eine Art Minigolfplatz in ganz klein für Leute, die richtiges Golf spielen, damit die zu Hause üben können. Ich gebe allerdings Gift darauf, dass die meisten Leute, die sowas kaufen, Häuser haben mit leeren Zimmern und großen Kellern. Trifft auf uns nicht zu, aber die Putting Matte musste es trotzdem sein, sagt der J. Wir werden, sage ich, am Ende alle drei von Golfzubehör erschlagen, aber was soll’s.

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Eigentlich sind wir nachmittags zum Spielen und Brot essen verabredet, aber statt dessen trinken wir bei M. und M. am Nachmittag einfach nur Bier, reden und bestellen schließlich Sushi. Immerhin gibt es diesmal auch schöne Neuigkeiten, aber eigentlich ist das gar nicht nötig, denn bei M. und M. ist es immer so ein bisschen wie mit Familie, bei der ja auch dem schlichten Umstand des Beisammenseins ein eigener Wert zukommt.

Mit Buch ins Bett.

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Journal :: 17.11.2017

Ich glaube den ängstlichen Männern, sage ich zum A. beim Frühstück ins Eimsbüttel und trinke meinen Earl Grey. Ich glaube nicht, dass die arglistig versuchen, sich durch gespielte Naivität Privilegien zu sichern. Die haben wirklich keine Ahnung, wie man eine Liebelei anbahnt, wenn man Frauen nicht mehr einfach anfassen darf, aber das hat eigentlich nichts mit Misogynie zu tun, sondern mit einer in Deutschland aus irgendwelchen Gründen nicht besonders weit verbreiteten Kulturtechnik. Die wissen einfach nicht, was man wann sagen soll, wenn einem jemand gefällt. Die haben keine Ahnung, wie lang Blicke morgens um neun sein sollten, und wie lang nachts um drei. Die kennen die Choreographie der unabsichtlichen, der absichtlich unabsichtlichen und der absichtlich absichtlichen Berührungen nicht, und deswegen sind ihre Annäherungen so digital wie ein Kippschalter. An oder aus. Der ermäßigte Umsatzsteuersatz oder Küssen mit Zunge.

Die anderen, also die, denen es einfach Freude macht, Frauen zu verängstigen oder zu verletzen. Die gibt es auch. Aber die meisten, die jetzt verärgert und ratlos reagieren, sind einfach amouröse Nichtschwimmer.

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Über Frauen und Männer spreche ich auch mit Herrn Kid37, abends im Karoviertel bei Salat mit Lachs und Muscheln. Wann man, wie es im Internet heißt, zu alt ist für sehr junge Frauen, und ich erzähle ein bisschen von der Zeit, als ich selbst eine sehr junge Frau war, damals Ende der Achtziger. In den Texten in den Medien über Männer und Frauen in dieser Zeit wird gerade viel über Macht und Machtmissbrauch gesprochen, aber uns erschien die Liebe damals ungemein verheißungsvoll, wir waren fürchterlich neugierig und spielten mit den bescheidenen Mitteln unserer Kleinstadtkindheit eine wüste Melange französischer Filme nach, die wir uns aus der Stadtbücherei geliehen hatten. Ganze Sommer waren wir Truffaut, Rohmer, Lubitsch en miniature, es war schrecklich abgeschmackt und grauenhaft unterhaltsam, und hätte uns jemand gesagt, dass die Liebe Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse sei, und unsere Spiele nicht schmerzhaft lustig, sondern falsch, hätten wir ihn einfach ausgelacht, aber das waren andere Zeiten.

***

„Wie war ich mit 14?“, schreibe ich im ICE an jemanden, der dabei war und sehe sehr, sehr lange den pulsierenden drei Punkten auf dem Handy zu und lächele, als die Antwort kommt, in die Schwärze der Nacht zwischen Hamburg und Berlin und versuche mich an mich zu erinnern, und an ihn und an alle anderen.

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Journal :: 16.11.2017

Ich mag gar nicht irgendwo sein, denke ich und fahre durchs nächtliche Hamburg, und muss ein bisschen lachen, weil der Gedanke so blödsinnig ist. Natürlich ist man immer irgendwo, steht auf einer Tagung, sitzt in einem ICE, besucht die U., die so klug ist und so tolle Haare hat. Früher hätte man ihr das auch gesagt, aber heute ist man sogar zu alt und zu müde für Komplimente.

Ich mag gar nicht lange irgendwo sein, korrigiere ich meinen Gedanken, und dann denke ich, dass ich eigentlich die Achterbahn zurück haben will, weil ich das Gefühl immer mochte, wenn es einen hochreisst und nach hinten drückt und man so gerade denkt, dass man fällt. Dieses Sausen, die fliegenden Haare, und die Überwältigung, wenn das Adrenalin einen überkommt und man für einen Moment gar nichts anderes mehr denken kann als das.

Ich möchte überall sein, denke ich und zahle und steige aus. Ich möchte überall ein bisschen sein, so schnell, dass man mich kaum mehr sieht, ein Windstoß, ein Sommersturm, uns immer schon weg, wenn es ruhig wird und öde und jeder Tag gleich.

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Journal :: 15.11.2017

Rechtsreferendare, einige unter Ihnen wissen das, durchlaufen in zwei Jahren mehrere Stationen, unter anderem auch bei der Staatsanwaltschaft. Man kann sich kümmern, dann kommt man irgendwohin, wo es einigermaßen spannend wird, oder man kümmert sich nicht, dann landet man beispielsweise bei dem P.

Der P. ist erst ganz kurz Staatsanwalt, blond, fröhlich und 30, und er klagt im Wesentlichen ein einziges Delikt an. Ansonsten trinkt er mit einem Freund um die Ecke Kaffee, spielt leidenschaftlich gern mit seiner Spielkonsole und geht mittags um die Ecke zu einem chinesischen Restaurant. Ich immer mit, schließlich will ich ausgebildet werden, und tatsächlich entwickele ich sehr schnell erhebliche Fertigkeiten an der Konsole. Wenn wir zusammen Mittag essen, nehme ich jedesmal etwas anderes und überrede P., ab und zu zu anderen Lokalen zu gehen. Widerstrebend kommt er meistens mit. „Man kann doch nicht immer dasselbe essen.“, behaupte ich, aber der P. isst an vier von fünf Tagen Schweinefleisch süß-sauer. Wie man so leben kann, denke ich.

Heute mittag war ich in der Ming Dynastie. Da gehe ich meistens einmal die Woche hin. Manchmal esse ich die M 8, das ist das Huhn Gong Bao. Ohne Erdnüsse. Manchmal nehme ich auch das Mapo Tofu. Wenn ich nicht in die Ming Dynastie gehe, gehe ich zu einem Italiener in der Nähe. Da esse ich das Mittagsmenü, das ist immer gut. Suppe, Pasta, kleines Dessert. Oder zu einem Vietnamesen, da esse ich die Suppe mit Teigtaschen und Glasnudeln oder die Pho mit Tofu. Ganz selten esse ich Burger.

Ab und zu schmeckt eins der Mittagsgerichte anders als sonst, dann fällt mir das auf. Oder Kellner wechseln. Ich weiß ganz genau, wo ich mit Karte zahlen kann und wo es bar sein muss. An welchen Gerichten Knoblauch ist. Manchmal esse ich auch nichts, dann gehe ich abends essen. Ich frühstücke nie.

Gelegentlich, meistens zu unseren Geburtstagen, denke ich an den P., dann schreiben wir uns kurz, und ich frage nach, ob er eigentlich immer noch das Schweinefleisch süß-sauer isst. Dann bejaht er jedesmal, und ich weiß ganz genau, dass man nicht nur so leben kann, sondern dass auch ich im Grunde genau so fertig leben würde, mit Huhn Gong Bao und Pho mit Tofu, und dass das nichts für mich wäre.

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Journal :: 14.11.2017

Sempre libera„, singt Anna Netrebkos Violetta auf meinem Weg ins Büro und zu meinen Füßen rascheln die Blätter.

Der November ist milchig und grau, der Himmel findet woanders statt, aber auf dem Weg zum Mittagessen in der U 8 segnet mich ein Bettler, beim Sushi am Hackeschen Markt lache ich laut mit der D., und im Spiegel im Fahrstuhl sehe ich mich an und mag, was ich sehe.

Am Abend komme ich aus einer Veranstaltung, so überwach, wie man es eben ist, wenn man zwei Stunden sehr präsent und ganz da gewesen ist, und die Aufmerksamkeit einem noch durch die Adern kreist. Ob ich noch etwas trinken will, werde ich gefragt, nicke, fahre mit dem Aufzug hoch über den Zoo und friere und lache über der City West, glitzernde Lichter, und funkele auf dem Weg nach Hause gen Osten.

Amor è palpito dell´universo intero,
misterioso, altero,
croce e delizia al cor„,

singt Alfredo mir auf den nächtlichen Weg.

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Journal :: 13.11.2017

In ansonsten seriösen Zeitungen steht, Frauen würden sich zu viel mit ihrem Aussehen beschäftigen und hätten es deutlich leichter, trügen sie so neutrale Kleidungsstücke wie, sagen wir, ein deutscher Ingenieur. Als eine Person, die die vorgeschlagene Neutralität in Gestalt blauer, knielanger Kleider zu klassischen Pumps bereits umgesetzt haben dürfte, kann ich allerdings nicht dazu raten, dies auf breiter Front umzusetzen. Man sieht nicht nur langweilig aus. Man fühlt sich nach einer Weile auch so.

Nun ist in meinem an Sensationen insgesamt eher armen Leben ein Kleiderwechsel schon tendenziell schwierig. Gut, niemand hindert mich daran, mir großartige Kleider und Schuhe zu kaufen, die ich dann in meinen Schrank hänge und ab und zu wehmütig streichele. Für eine Person, die pro Spielzeit drei- bis fünfmal in die Oper geht, besitze ich außerdem schon unverhältnismäßig viele festliche Kleider. Und meine Neigung zu sehr hochhackigen Schuhen bringt mich, der geschätzte Gefährte J. weiß es genau, eines Tages ins Grab, weil ich stolpern und mir den Hals brechen werde. Zu alledem sind die Kleider, die mir bei ausgedehnten Streifzügen im Netz oder in Mitte gefallen, garantiert nie die, in denen eine Dame mittleren Alters mit Kind und wirklich sehr bürgerlichem Beruf halbwegs passend gekleidet erscheint, und außerdem bin ich für viele Kleider schlicht zu dick.

Ein vernünftiger Mensch würde insofern alle überflüssigen Ausgaben ersparen und auch die nächsten Jahre anziehen, was er hat. Ich aber, ich habe mir rote Satinschuhe mit elf Zentimetern Absatz gekauft. Einen Paillettenrock. Einen Traum in weißem Tüll. Wunderschöne, völlig untragbare Strümpfe. Und nun sitze ich auf dem Sofa, trinke Tee und zerbreche mir den Kopf, wie die Gelegenheit wohl aussehen könnte, zu der ich all das anhaben werde.

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Journal :: 12.11.2017

Man reiche mir eine Axt. Es ist Sonntagmorgen, sieben Uhr, und dank des Weckers des J. sitze ich hellwach im Bett und mahle aggressiv mit den Zähnen. Draußen wird es gerade halbwegs hell, der J. gähnt wahnsinnig laut und schlurft, ebenfalls wahnsinnig laut, Richtung Bad. Zu alledem bin ich selbst schuld: Um nicht alle Sonntage meiner näheren Zukunft von elf bis fünf allein mit Kind zu verbringen, habe ich selbst dem J. vorgeschlagen, seiner Leidenschaft für den Golfsport künftig sehr früh morgens nachzugehen und mittags wieder zu erscheinen. Das geht natürlich nur mit Wecker. Beschweren darf ich mich also nicht. Statt dessen ertränke ich meinen unausgeschlafenen Frust in einer Tasse Tee.

Tee könnte ich wieder kaufen, fällt mir ein, und google nach Tees, die ich noch nicht kenne und kaufen könnte.

Als Teetrinker J.2 am Nachmittag auftaucht, komme ich gerade aus dem Museum. Der F. liebt das Deutsche Historische Museum und war geschätzt zehnmal dort und kennt jedes einzelne Exponat. Dank seiner Museumsbesuche hat er sich ein etwas unkindliches Spezialwissen zugelegt, über das ich mich einerseits freue, andererseits fürchte ich mich etwas vor den Reaktionen künftiger Mitschüler, die gute Sportler vermutlich höher schätzen als umfassende Kenntnisse über den Verlauf der Befreiungskriege.

Der inzwischen wieder aufgetauchte J. sitzt in der Bibliothek schätzungsweise vorm Computer und beschäftigt sich mit seinen vollständig digital erfassten Fortschritten im Golfsport. Vielleicht weicht er aber auch nur den aus seiner Sicht langweiligsten Gesprächen ever aus, die der J.2 und ich über sehr, sehr fachliche Themen am Küchentisch führen, während unsere Kinder in maximaler Lautstärke durch die Wohnung toben. Immerhin riecht es überall gut nach Waffeln.

Als die Frau des J.2 irgendwann bei uns erscheint, brechen wir auf in den Park. Nur der J. bleibt zuhause. Es ist dunkel, die Bäume recken ihre Zweige wie schwarze, zerbrechliche Blitze in den Himmel, und die Kinder jagen einander den Bunkerberg hoch. Wir sprechen immer noch über Posten und Politik, Gesetze und Gerüchte, und nun ist es die Frau des J.2, die sich zurückfallen lässt, um nicht auf der Stelle vor Langeweile zu sterben.

Die Kinder sind inzwischen am Ausrasten. Der Jüngste isst nur Süßkartoffeln, die Großen nur Fleisch. Das eine Kind will nur Wasser ohne Kohlensäure, das andere ausschließlich mit, und als zumindest die beiden Großen unter ohrenbetäubendem Geheul in F.’s Zimmer verschwinden, schauen wir uns alle vier dankbar an.

Als der J.2 mit Familie verschwindet, wird es still. Ich friere das restliche Fleisch ein. Der J. macht die Küche. Dann ist es spät. Der Sonntag ist vorbei.

„Bei dir ist es immer schön.“, steht auf meinem Handy.

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