Adieu

So geht es wohl zuende, mein Berlin, denke ich, als ich die sechs Treppen abwärts laufe nach dem Abschied von noch einem, den ich so sehr mag und der Berlin verlässt. Die Stadt gibt es nicht mehr, in der es immer noch für jeden einen Platz gab, einen Texterjob, etwas Kleines am Theater, Übersetzerjobs, eine Aushilfe am Telefon oder an der Bar. Uns gibt es auch nicht mehr, rauchend auf dem Schlachtensee, Sekt und Wodka auf dem Dach: All unsere Sensationen und unsere grenzenlosen Körper morgens um halb fünf.

Wir sind so müde geworden, schließe ich an der Lausitzer Straße mein Fahrrad los und fahre zurück ins Büro. Hier ging er 15 Jahre los, mein Sommer, am ersten Juniwochenende, erinnere ich mich aller Feste hier, aller leuchtenden, elektrischen Nächte, die dieses Höllenjahr zerbissen, zerissen und weggeworfen hat, und uns bleibt nichts davon als Staub, Polizeieinsätze am Kottbusser Tor, das kurze Zögern, bis man sich dann doch umarmt, so zaghaft und vorsichtig, als seien wir so zerbrechlich wie das, was unser Leben war und unsere Stadt.

Adieu, mein Lieber, drehe ich mich noch einmal um. Bleib diesmal gesund und komm bald wieder.

Alles, alles gut

Ihre Weiße, sagt der Kellner, und ich strahle erst ihn an und schaue dann durch die smaragdgrüne Flüssigkeit in den Park. Es ist Hochsommer, ein geschenkter, falscher Sommer im September, und ganz Berlin liegt mit und ohne Bier auf Decken, spielt Ball oder greift auf Wandergitarren immer wieder dieselben Akkorde.

Ein paar hundert Meter abseits findet in einer Ecke des Parks gerade ein Kindergeburtstag mit Sohn F. als Gast statt. In zwei Stunden müssen wir ihn abholen, aber jetzt sitzen wir hier, trinken Bier, sprechen über alles und nichts und dann wieder über alles, und ich bin ein bisschen träge, weil ich gerade mit der lieben S. einen Zwiebelrostbraten gegessen habe und nun ungefähr 90% meiner Lebensenergie zum Verdauen brauche.

Auf dem Ententeich glitzert die Sonne, als sei die Welt in Ordnung, und ich versuche mit verhältnismäßig viel Erfolg, nicht an die Arbeit zu denken, die auf meinem Schreibtisch liegt. Gerade, spüre ich mir nach, ist alles im Lot. Der lange Nachmittag gestern mit den Freunden vor einer Pizzeria, Luftballons und Wein und plattenweise Antipasti. So viel gelacht wie in einem ganz normalen Jahr. Der Abend mit dem J. und dem F. im Cavallino Rosso, der extra einen Anzug angezogen hat und den ich viel öfter küssen möchte, als er es noch gern hat mit seinen acht Jahren.

Die lustigen Freundinnen in Nikolassee, die ich vor 15 Jahren vielleicht beneidet hätte um ihr fabelhaftes Aussehen und ihre fulminanten, völlig unwahrscheinlichen Abenteuer, aber von denen ich inzwischen so gern höre, weil es grandios ist, dass es das wirklich gibt, wenn auch nicht für mich. Der Kollege, der mir einen Geburtstag mit Lieblingskeksen und tollem Kuchen im Büro beschert hat. Weintrinken in Mitte, und wie gern hätte ich den Namen des Gewürztraminers nicht vergessen, um ihn gleich nochmal zu kaufen, aber vielleicht ist er ohne lange Sommernacht nicht halb so gut. Ach, und endlich einmal wieder zu einem Vortrag, nach Monaten ohne Veranstaltungen, über die ich nie nachgedacht habe, um sie dann 2020 so schmerzlich zu vermissen wie die Gemeinschaft, der man nicht gerecht wird, wenn man sie „Fachwelt“ nennt, weil auch sie am Ende mehr ist als das.

Nichts zu wünschen, sage ich dem J. oder ich sage es einfach so vor mich hin. Mögen an vielen Himmeln schwarze Wolken ziehen: Hier und heute ist meine Welt die beste aller möglichen Welten in diesem ganz und gar außerordentlichen Jahr. Es wird, ich weiß, nicht so bleiben: Aber heute um kurz vor fünf war alles, alles gut.

Sag alles ab.

„Geht’s dir gut?“, steige ich zur E. ins Auto, die sehr klein und ein bisschen verloren in ihrem Q 7 sitzt. „Mmmh.“, sagt die E. und ich schaue auf. Die E. ist die verkörperte Selbstbeherrschung, und was sie über irgendwas auf Erden denkt oder gar empfindet, merkt man normalerweise nicht einmal dann, wenn man stundenlang neben ihr sitzt.

An sich, denke ich mir und schaue auf der Beifahrerseite aus dem Fenster, hat die E. allen Grund, schon seit Jahren Tag für Tag laut aus dem Fenster zu brüllen oder sich ins Bett zu legen und nicht mehr aufzustehen. Sie arbeitet sich nicht nur einen Wolf. Ihre Mühen werden von ihrem Vorgesetzten entweder gar nicht zur Kenntnis genommen oder als reine Fleißarbeit abgewertet, als sei Fleiß für eine Steuerberaterin irgendwie doof. Ihr Sohn hat ein Hüftleiden, mit dem sie seit Jahren zweimal die Woche bei Physiotherapeuten sitzt. Weil derzeit das Therapiebecken nur mit einem Patienten auf einmal genutzt werden kann und deswegen bisher ganz ungewöhnliche Zeiten vergeben werden müssen, reißt sie zur Zeit ihren Sohn zu nachtschlafener Zeit aus dem Bett, der ihr dafür versichert, er hasse sie aus ganzem Herzen. Ihren Mann habe ich in den ganzen Jahren, seit ich sie kenne, nur ein paarmal kurz gesehen. Ich mag ihm unrecht tun, aber ich glaube, er ist ein bisschen mürrisch und nicht sehr hübsch. Ich glaube, an ihrer Stelle würde ich mit anderen, viel netteren und schöneren Männern ausgehen, aber so leichten Herzens und leichter Hände ist die E. nicht und wohl auch nie gewesen.

„Das wird schon wieder.“, sage ich und ärgere mich über mich selbst, weil das nicht die Worte sind, die ich sagen will. Pack deine Sachen und geh, würde ich ihr gern sagen. Sag alles ab oder geh einfach nie mehr hin. Miete dir eine Wohnung in einer anderen Stadt, nimm nichts mit als dein Kind und einen Koffer Kleider für die ersten drei Wochen. Such dir einen neuen Job, schick deinem Mann eine SMS und wirf dein Handy weg, denn du lebst, wie wir alle, nur diesen kurzen Lidschlag der Unendlichkeit, und wonach du jetzt nicht greifst, das wirst du nie gehabt haben, wenn es dunkel wird.

Aber weil man so etwas nicht sagt, sage ich gar nichts.

Wiederfinden

Es ist kalt. Das Thermometer zeigt 22° C, aber das ist alles Quatsch: Ich friere fürchterlich, außerdem versuche ich einmal mehr, weniger zu essen, wenn ich schon keinen Sport machen kann, deswegen bin ich zu alledem auch noch so ein bisschen latent schlecht gelaunt. Weil ich noch nicht wahrhaben will, dass der Sommer vorbei ist, habe ich leider nur ein Sommerkleid an. Also keins von den ganz dünnen, so ein blaues Spitzenkleid mit Unterkleid, aber keine Strumpfhosen und nackte Arme. Ich muss zu Uniqlo, beschließe ich nachmittags nach ein paar sehr kühlen Stunden am Schreibtisch. Ich kaufe eine Strickjacke.

Bei Uniqlo ist nichts los. Ich ziehe eine Strickjacke aus dem Regal, Merino, schwarz, V-Ausschnitt. Hinter der Kasse langweiligen sich zwei Verkäuferinnen. „Tüte?“, fragt die eine, ich verneine, und dann verschwinde ich aus dem leeren Laden und laufe zurück ins Büro. Auf dem Rückweg komme ich an an einem leeren Dekoladen vorbei, an einem ebenfalls leeren Geschäft für Unterwäsche, und vor den Restaurants ist auch nicht viel los.

Für die Geschäfte ist das alles übel, denke ich, und schaue den einsamen Verkäuferinnen zu, die hinter den Kassen ins grell dekorierte Nichts starren. Aber wer soll Tischdeko kaufen? Niemand lädt ein, und wer Gäste hat, zelebriert das nicht, sondern stellt so eher ein bisschen verschämt auf den Tisch, was er hat. Wer soll sich Kleider kaufen, überlege ich. In den meisten Büros passiert gerade immer noch viel online, da reicht, was man sowieso hat. Und Gelegenheiten, zu denen man sich ein neues Kleid kaufen möchte, gibt es auch keine: Niemand feiert seinen Geburtstag. Ich voraussichtlich auch nicht. Niemand verabredet sich, also so richtig mit Vorfreude und Was-zieh-ich-nur-an, und in die Oper geh‘ ich auch nicht.

Das kommt alles wieder, sage ich mir, und zähle die dunklen Monate. Ich habe viel zu viel zu tun, um mich ernsthaft zu langweilen. Ich könnte lesen, ich könnte Torten backen, Klavier spielen. Ich könnte einen Roman schreiben, in dem Leute alles erleben, was ich in echt nicht erlebe, nicht einmal ohne Pandemie. Aber vielleicht ist dann, wenn das alles vorbei ist, dieses Geschäft nicht mehr da und nicht jenes. Die Geburtstage zu lange vorbei, um sie nachzufeiern. Die letzten Verabredungen zu vergessen. Die Freundinnen zu lange nicht angerufen. Die Kleider im Schrank zu lange nicht getragen. Und wo ich mich weggelegt habe so lange her, dass ich mich kaum wiederfinden kann.

Vom Funkenflug, früher

Am besten ausgesehen hast du vermutlich vor rund zehn Jahren. Du magst, was du morgens im Spiegel siehst, aber von Tag zu Tag wirst du der Frau unähnlicher werden, für die du dich hältst. Dir fehlt nichts, weil dein Glück dir ja reicht. Aber du wurdest häufiger geliebt als du geliebt werden wirst: Vielleicht wirst du nie mehr jemanden zum ersten Mal küssen.

Du liebst deinen Sohn. Als ihr heute nebeneinander am Esstisch saßt, machte er Hausaufgaben und du schriebst einen Aufsatz, und ab und zu saht ihr euch an wie Verschwörer. Noch erzählt er dir seine Träume. Doch in zwei, vielleicht drei Jahren ist das vorbei. Du wünscht dir so, dass er immer jemanden hat zum Träume teilen. Aber das bist dann nicht du.

Du hast Erfolg. Du liebst, was du tust, und du scheinst es zu können. Mehr wird es vielleicht, mehr Aufmerksamkeit, vielleicht noch mehr Geld. Aber viel Neues wirst du vielleicht nicht mehr lernen.

Mag sein, die Welt wird sehr langsam immer leiser für dich. Mag sein, du wirst es nicht merken. Vielleicht gibt es noch Behaglichkeit, bestimmt Bücher und Wein, aber Funken wirst du nie mehr schlagen.

Dein Mund

Auf einem Dach zu liegen und es ist Sommer und wir trinken lauwarmen Sekt und Wodka. Ein Kopf liegt auf meinem Bauch und ein anderer an meiner Schulter. Du bist vielleicht 23 oder so, ein paar Jahre älter als ich, und sitzt mit angezogenen Beinen neben mir und unter uns liegt die rauhe, geborstene Stadt und als ich mehr Wodka will, damit die Erde sich so schnell dreht wie wir, beugst du dich vor und ich trinke aus deinem Mund.

***

In einem Taxi zu sitzen und es ist ganz früher Morgen und über der östlichen Spree wird es hell. Wir kommen von einer etwas lahmen Party in Kreuzberg und fahren nach Norden und ich sitze zwischen dir und dem R., der so abwesend aus dem Fenster schaut, als wäre er gern ganz woanders. Ihr wollt mich zuhause absetzen, aber am Ende rauchen wir dann doch vor meiner Haustür nur eine Zigarette mit dem Taxifahrer, du zahlst und wir laufen die leeren Straßen nach Norden und sitzen im Sonnenaufgang auf dem Helmholtzplatz und du küsst sehr ernsthaft meinen Scheitel, die Nase abwärts zur Spitze, das Grübchen zwischen Nase und Mund, aber nicht den Mund, weil wir gerade beide sehr verliebt sind anderweitig, und als der R. uns Kaffee holt, hören wir auf und du küsst mich nicht wieder.

***

In einer Galerie zu sein voller Leute, es gibt schlechten Wein und ich lasse mir von fremden Leuten lauter Kunstwerke erklären, die ich im Leben nicht haben will. Die ganze Stadt leuchtet in den ungesunden Farben, die man sieht, wenn man viel zu wenig schläft, weil man zu viel lebt und zu viel arbeitet und nachts manchmal aufwacht und dann spazieren geht. Du stehst am anderen Ende des Raums, hast eine Frau im Arm, die ich nicht kenne, und ich glaube, dass du mich nicht siehst, bis du sie lange küsst und dann aufschaust, mir direkt in die Augen, und den Kopf zur Seite neigst und lächelst, und als ich an dir vorbeigehe, streiche ich dir mit einer Hand über den Arm und du drehst dich nicht um.

***

‚Den kenn‘ ich oberflächlich von früher‘ sagen, wenn jemand fragt, und alle paar Jahre mal googlen, wie es dir geht. Du könntest so sehr gut küssen, hat mir vor ein, zwei Jahren einmal eine Frau erzählt, die dir näher gekommen ist als ich, und vielleicht hätten wir uns mal küssen sollen, als man das noch tat.

Die gelangweilteste Frau des Universums

Gut, so eine Pandemie ist eine ernsthafte Sache. Leute werden krank, manche Leute sterben sogar, Unternehmen kommen in ernsthafte Schwierigkeiten, und ganz unabhängig von Corona altern rund um mich herum die Eltern aller meiner Freunde in einem beängstigenden Tempo. Bei meinen Eltern ist inzwischen auch immer was.

Unsere Jobs wachsen außerdem proportional zu unserem Körperumfang. Ernsthaft, ich habe gar keine Taille mehr. Und wenn ich um mich herumschaue, sind eigentlich alle Menschen, die jemals Erfolg haben wollten, heute ein bisschen bis ziemlich erfolgreich. Ich in den Grenzen meiner schmerzlos mittelmäßigen Fähigkeiten auch. Erfolg bedeutet aber nicht nur, dass man ziemlich viel von den Dingen zu tun hat, die man gern und gut macht, sondern alle möglichen Aufgaben, die einem irgendwie, keiner weiß, wie und warum, vor die Füße fallen, vor allem Ehrenämter und unbezahlte Publikationen. Und außerdem verschlingen Kinder mehr elterliche Zeit als Würstchen und Schokolade. Das ist alles sehr schön, wenn man seinen Beruf sehr liebt und völlig unverdient das liebenwürdigste Kind der westlichen Hemisphäre beherbergt. Aber seien wir ehrlich: Hier sitzt die gelangweilteste Frau von ganz Berlin. Ach, des Universums.

Angeblich feiert ganz Berlin irgendwo exzessiv den Weltuntergang, aber erstens lädt mich jedenfalls niemand dazu ein, und zweitens bin ich so langweilig vernünftig, dass ich nicht hinginge. Weil ich eine vernünftige Frau bin, lasse ich mich ja sowieso nur noch von der Kunst erschüttern, aber die findet aktuell eigentlich nicht statt. Vermutlich ist es eh weit mit einem gekommen, wenn das emotional aufregendste Ereignis des Winters jeweils in einer besonders gelungenen Operninszenierung besteht.

Dates habe ich auch nicht. Das ist jetzt nicht weiter erstaunlich, weil ich 44 und verheiratet bin und Verwaltungsrechtlerinnen als wahnsinnig langweilig gelten. Oder – ich bekomme das zum Glück ja nicht so mit – es sogar sind. Auf der einen Seite ist das jetzt nicht so schlimm, weil ich mit meiner Lebenssituation an sich total zufrieden bin. Auf der anderen Seite wäre es mal wieder nett, wenn es zumindest mal einen Anlass gäbe, sich was Vernünftiges anzuziehen, denn aktuell trage ich aus einer Mischung aus Hitze und Gleichgültigkeit in einer festen Reihenfolge alle 12 blauen Sommerkleider, in denen ich aussehe wie eine ältliche Stewardess.

Weil man derzeit auch nirgendwo hinfahren kann und es zu heiß ist, Sport zu treiben, verbringe ich eigentlich meine gesamte freie Zeit mit Essen. Ich esse ganz gern, aber ist gutes Essen wirklich ein Lebensinhalt? Ich habe dieses Jahr schon über 30 Bücher gelesen, und natürlich ist es nett, sich zumindest literarisch mit Leuten zu umgeben, die mehr erleben als ich. Bei meinen Freunden passiert auch eher wenig wirklich Überraschendes, und wenn das so weitergeht, habe ich spätestens zum Jahresende ein echtes Problem, überhaupt noch morgens aufzustehen, weil ich ja eh schon weiß, was passiert.

November

Ich also gestern nach der Arbeit zum Hauptbahnhof. Im Hauptbahnhof die meisten Leute ordentlich maskiert. Noch schnell zu Arko, Pralinen für die Schwiegereltern, und dann in den ICE. Im ICE einen Mann böse angeguckt, weil der das Maskengebot umgehen wollte, indem er alle fünf Minuten so eine verdammte Beere gegessen hat. Vom Sohn auf dem Bahnsteig fast umgerannt worden, weil der inzwischen 26 kg wiegt, was ziemlich viel Wucht bedeutet, wenn er ungebremst und strahlend auf einen losrennt, und bei den Schwiegereltern zuhause Toast Hawaii.

Schon beim Abendessen bemerkt, dass Schwiegermutter nervlich total runter. Schwiegermutter ist eine freundliche Frau, in ihren schlechtesten Stunden nervig passiv-agressiv, aber an sich unverdrossen freundlich und entschlossen optimistisch. Es scheint sie allerdings arg gebeutelt zu haben, die letzten paar Monate, sie sieht deutlich älter aus, und immer wieder ist sie im Gespräch den Tränen nah oder muss kurz ein bisschen weinen. Offenbar haben Schwiegervater und sie seit März niemanden mehr gesehen, und Schwiegervater ist halbtaub und war auch schon früher nur sehr bedingt gesprächig. Ich möchte Sohn F. jetzt nicht über den grünen Klee loben, aber vermutlich waren ihre letzten drei Wochen mit dem Sohn die mit den besten Gesprächen seit Anfang des Jahres.

Nachdem Schwiegermutter erst einmal angefangen hat, zu erzählen, hört sie gar nicht mehr auf. Sie tut mir mächtig leid. Zu alledem schickt der Schwiegervater sie ständig wegen irgendwas herum. Weil Wasser fehlt oder es irgendwo „ping“ macht oder der Sohn vielleicht noch Melone essen will. Solche Momente sind immer ungeheuer unangenehm: Sitzen bleiben ist eigentlich doof, weil sie dann als einzige ständig läuft. Übernehmen sehe ich nicht ein, weil ich nicht finde, dass der Schwiegervater sich von ihr Wasser oder der Sohn sich Melone bringen lassen sollte.

Irgendwann fällt mir auf, dass sie ständig vom November spricht. Im November wird sie die Goldene Hochzeit nachholen. Ab November geht ihr Seniorenyoga wieder los. Im November kann sie auch mal wieder Freundinnen treffen. Etwas ratlos schaue ich auf von meinem dritten Toast. Am Ende stellt sich heraus, dass sie eine Fernsehsendung gesehen hat. In der ging es um den Impfstoff, auf den die ganze Welt wartet. In der Fernsehsendung wurde der Impfstoff für November in Aussicht gestellt. November 2020.

Meine Schwiegermutter ist eine intelligente Frau. Meine Schwiegermutter ist Akademikerin und sie weiß ganz genau, dass man Forschungsergebnisse nicht sicher prognostizieren kann. Meine Schwiegermutter ist aber auch eine sehr verzweifelte Frau, und als mir klar wurde, wie verzweifelt und traurig sie sei muss, um sich an diese paar Sätze aus einer Fernsehsendung zu klammern, hätte ich sie gern in den Arm genommen.

Aber das geht ja auch nicht, gerade.

 

Besuch

Dass ich noch weiß, dass der G. an einem 25. Juli vor der Tür stand, ist schon fast der größte Witz. Es waren Ferien, natürlich waren Ferien, und ich hatte vermutlich Jeansshorts an, also so selbst abgeschnittene mit lang herabhängenden weißen Fäden unter der schiefen Kante und dazu ein zu großes T-Shirt.

Meine Eltern waren arbeiten. Meine kleine Schwester verbrachte eine Woche in einem Feriencamp irgendwo an einem See und ließ sich von Mücken zerstechen. Ich war gerade ausgesprochen ungesellig, traf täglich die drei Freunde, mit denen ich gemeinsam ungesellig war, und wir lagen verdrossen und schweigend am See. Ich war 14, lachte quasi nie, konnte nichts Besonderes, interessierte mich für nichts Nützliches und muss für quasi jeden um mich herum eine ziemliche Enttäuschung gewesen sein, sogar für meinen Freund, in den ich ziemlich gern verliebt gewesen wäre. Warum wir trotzdem zusammen waren? Vermutlich aus einer Art Ordnungssinn heraus, und außerdem wollte ich nicht als fünftes Rad am Wagen hinter den anderen Paaren herstolpern.

Dass es mit dem G. nichts werden würde, war mir von Anfang an klar. Ich glaube, ich hatte das gar nicht versucht, nicht mal so halb ernsthaft. Wir würden zwei, drei Jahre später  befreundet sein bis heute, aber in diesem Sommer kannten wir uns quasi noch gar nicht, denn die coolen und die nicht coolen Kids gehören in Mittelstufen zwei unterschiedlichen Universen an.

Wir haben später nie über diesen Besuch gesprochen. Wenn ich ihn heute fragen würde, was er damals bei uns wollte, würde er vermutlich bestreiten, jemals geklingelt zu haben. Vielleicht kam er wirklich einfach nur vorbei. Vermutlich hat er es längst vergessen. Ich aber, ich weiß noch, wie sich diese Mischung aus Staunen, Freude, Angst vor Enttäuschung, Enttäuschung selbst und diesem Verliebtheitsgefühl, das bei mir als gespannte, gläserne Stelle am Hinterkopf, am Zwerchfell und in den Handtellern sitzt, angefühlt hat, als ich die wenigen Schritte zur Haustür ging, als ich öffnete, als er nicht reinkommen wollte und wir im Hausflur standen und er nur sagte, dass er vorbeigekommen sei und gleich weiterwolle und dann wieder ging.

Der bedauerlicherweise ungeschriebene Ratgeber der A.

„Ich hab‘ ja auch so viel zu tun.“., lügt die A., dass sich die Balken biegen, und zwinkert dem hübschen Kellner mit den rotbraunen Locken zu. „Noch was für euch beide?“, fragt er, und wir bestellen Negronis, weil wir beide heute kinderlos sind und außerdem ist Samstag. Derweil die A. ihn halb abwesend, halb elegisch anschaut, etwa wie einen Schwan oder eine hübsche Blume, bekommen wir als einziger Tisch noch eine kleine Schale mit Nüssen, Oliven und Brot.

Der A. geht es ziemlich prächtig, weil ihr neues Au Pair Mädchen aus China ungeheuer tüchtig ist, ihre Tochter wohlbehalten bei ihrer Mutter und außerdem schreibt die A. jetzt ein Buch. Es wird von der A. handeln, aber in ihrem Buch heißt sie B., es handelt sich also um einen Roman. „Oha.“, sage ich und beneide sie ein bisschen, denn ich schriebe auch gern einmal einen Roman, aber statt dessen schaffe ich knapp mein Pensum Verwaltungsrecht.

Auf der anderen Seite taucht ein Bekannter der A. auf, und sie winkt mit der linken Hand, sagt irgendwas, wirft abschließend so eine flüchtige Kusshand, schon wieder dem Bekannten ab-, und mir zugewandt und erzählt weiter von ihrem Buch. Es scheint sich um ein ausgesprochen personenreiches Werk zu handeln. Handlung im engeren Sinne kann ich nicht ausmachen, aber das trägt man ja heute so.

Über meinen Kopf hinweg lächelt die A. nun irgendjemandem in meinem Rücken zu, der sich darauf an mir vorbeidrängt, die A. auf beide Wangen küsst, die mit dem kleinen Finger der linken Hand, als sie sich wieder hinsetzt kurz über seinen Hals und seinen Arm streicht, so circa einen Milimeter über seiner Haut. Es ist ein großer Mann mit stark hervortretenden Adern. Die eher kleine A. schaut deswegen mit weit in den Nacken gelegtem Kopf zu ihm auf. Er erzählt das übliche Coronazeug, das gerade jeder von sich gibt, ich manchmal auch, schaut mich nicht mal unabsichtlich an und verschwindet wieder, eine Einladung an die A. ankündigend.

Es sei verdammt schwer, so einen Roman zu schreiben, beklagt die A. Schwerer als jeder Job, den sie jemals hatte. „Hast du mal an einen Ratgeber gedacht?“, frage ich sie, aber sie blinzelt schon wieder jemandem zu, den ich nicht sehe, und streicht sich mit einem Finger einen Tropfen Negroni aus dem Mundwinkel, eine Geste, die bei ihr einfach fabelhaft aussieht.

Und der ultimative Ratgeber zur Bezauberung anderer Leute wird wohl ungeschrieben bleiben.