Tagebloggen (13.10.18)

Die Demonstration hört gar nicht mehr auf. Es ist sonnig, die Menschen lächeln, Kinder werden herumgetragen und ich bin so froh, dass die, die die Bösartigkeit und Engherzigkeit und Häme der AfD und ihrer Freunde teilen, viel, viel weniger sind als die, die sich ihnen als „unteilbar“ entgegenstellen.

Ich teile die politischen Ansichten der meisten Leute hier nicht. Einige halte ich sogar für absolute Spinner. Was mich aber mit allen, die hier mitlaufen, vereint: Niemand von uns will eine Politik, die Menschen nach ihrer Herkunft oder ihrem Aussehen unterschiedlich bewertet und behandelt, die Freundlichkeit nur weißen deutschen Gesinnungsgenossen vorbehalten will. So will ich niemals sein, so wollen wir alle niemals sein, und dass wir so viele sind, macht mich froh.

Viele Stunden dauert die Demonstration, aber ich biege nach zwei Stunden ab, denn der F. ist müde, und gehe mit ihm Essen. Später nehmen wir an einem Workshop teil, bei dem Kinder programmieren lernen, schlendern nach Hause und essen eine Waffel auf dem Heimweg, und als ich zuhause ankomme, ist es so spät, dass ich mich sofort wieder anziehe und zum Kino laufe und mit meiner Freundin, der J., Gundermann sehe, den ich mag, auch wenn ich ihn nicht verstehe.

Tagebloggen (12.10.18)

Letztes Jahr wurde unsere Babysitterin auf einmal krank. Es war etwas Chronisches, und nach einigen Rückschlägen mochte sie nicht mehr zu uns kommen, weil sie ab und zu einfach umfiel. Fortan gingen der J. und ich nur noch jeweils allein aus. Ab und zu war Sohn F. bei unseren Eltern, auf Kitafahrt oder bei Freunden, dann kamen wir auch mal gemeinsam vor die Tür, aber meistens ließen wir es im letzten Jahr jeweils allein krachen. Also natürlich nicht allein, sondern mit Freunden.

Die Babysittersuche gestaltete sich schwierig. Mit Kindern von Freunden war es ein bisschen schwierig, schließlich wollen die ausgehen, wenn man auch selbst ausgehen will, und man kam dann am Ende doch nicht zusammen. Am Freitag aber klingelte es, es erschien eine nette Dame Ende 20, für zwei Jahre in Deutschland halbwegs solides Deutsch, Pädagogikstudentin aus Syrien, und der J. und ich verschwanden in die Nacht.

Es war lustig. Wir waren im Watapas, einer Izakaya um die Ecke. Haben vor der Cantina Sant’Ambroeus Aperol Spritz getrunken. Sind bei Johnny im Sorsi e Morsi versackt, die Nacht war warm wie nie im Oktober, und als wir heimkamen, schlief der F. schon seit Stunden, wir hatten so lange am Stück miteinander gesprochen, wie sonst selten, viel gelacht, ein bisschen getrauert, die alten und die neuen Zeiten hochleben lassen, und es war jeden Cent wert.

Tagebloggen (11.10.18)

Heute ist der F. grantig. Der F. ist eigentlich fast immer guter Dinge, selten stur oder schlachtgelaunt, aber heute ist er müde, ein wenig gereizt und außerdem nervt ihn, dass er sein Zimmer aufräumen soll. Das macht er nicht gern, aber morgen kommt die Reinmachefrau, und die soll auch bei ihm saugen können.

Immer muss man nur müssen, mosert der F., als er endlich im Bett liegt in seinem roten Rennfahrerpyjama. Nie darf man, was man will, setzt er verbittert nach, und da tut er mir leid, der kleine Kerl. Nie darf er mal ein Wochenende über die Stränge schlagen, so viel Schokolade essen, wie er möchte, den ganzen Tag im Schlafanzug herumlaufen, nachts auf den Tischen tanzen oder ganztags zehn Sendungen mit der Maus hintereinander schauen. Die Erwachsenen dagegen, ja, die dürfen, wie sie wollen. Nicht immer, aber dann doch eben viel, viel öfter als die Kinder, und so verspreche ich dem F., der die Augen schon fast geschlossen hat, dass er am Samstag einen großen Tag erlebt, und als er lächelt, male ich ihm leiser und immer leiser aus, was für ein schöner Tag auf ihn wartet.

Tagebloggen (10.10.18)

In der Mittagspause gehe ich zum Friseur. Ich habe keine besonders komplizierten Haare, halt lang und dick und schwarz und ziemlich struppig. Ich habe auch keine besonders anspruchsvolle Haut, ich creme mit einer Creme für 3,49 und reinige sie mit einem Stück ordinärer Seife. Irgendwann wird sich das vermutlich schrecklich rächen, aber aktuell fühle ich mich eigentlich meistens halbwegs adrett, auch wenn im Spiegel beim Friseur eine ein wenig dickliche Frau in mittleren Jahren etwas verloren in dem blitzenden Salon sitzt und an einer Kaffeetasse nippt.

Vielleicht denke ich, sollte ich noch einmal etwas an meinem Aussehen ändern. Eine andere Frisur. Ich könnte abnehmen. Oder mich anders anziehen. Oder ich lasse mich mal beraten und schminke mich künftig richtig. Vielleicht sollte ich auch generell so etwas extravaganter werden, so, wie die hübsche Friseurin etwa, oder zumindest so damenhaft elegant, wie andere Frauen wie in meinem Alter.

Am Ende, weiß ich, werde ich nichts davon tun. Ich bleibe bequem. Ich fahre in meinem grünen Kleid auf dem Rad zu meinem nächsten Termin. Ich sehe mich in der Fensterscheibe mit wehenden, schwarzen Zotteln, und als ich abends heimkomme, finde ich mich total okay, so wie ich bin. Ich sehe nicht schön aus. Aber mir geht es gut.

Tagebloggen (9.10.18)

Wenn Weißmehl wirklich so ungesund ist, wie manche meinen, habe ich ein Problem: Um 7:30 esse ich ein Franzbrötchen am Hamburger Hauptbahnhof. Um 9 esse ich eine Kürbiskernbrezel am Bahnhof Zoo. Um elf esse ich ein paar Besprechungskekse, diese Dänischen Butterplätzen aus der Blechdose. Und als ich um 19.00 Uhr nach Hause fahre, verschlinge ich auf dem Heimweg noch eine Brezel und zuhause einen Burger. Ich traue mich gar nicht, nachzugooglen, was man von diesem Gluten alles bekommen kann, aber ich hoffe, es ist nicht zu hart.

Ansonsten tue ich … ich weiß nicht was. Ich telefoniere, ich notiere, was ich mir so zusammentelefoniert habe. Ich lese viel, ich schreibe noch mehr, ich telefoniere wieder, und dann verlasse ich irgendwann das Büro und fahre heim. Da sitze ich dann also, plaudere noch eine halbe Stunde mit dem F., lege mich neben ihn, als er schlafen soll, kraule ihm den Nacken, und als sein Atem ruhig wird, setze ich mich wieder aufs Sofa.

Tagebloggen (8.10.18)

Die Tagung gefällt mir. Ich treffe in Hamburg ein paar alte und neue Bekannte, ich spreche mit meinem Kollegen, der morgen in Urlaub fährt, noch ein paar letzte Angelegenheiten durch und telefoniere nebenher mit allen möglichen Leuten, diktiere ins Telefon und verschicke E-Mails, buche Zeiten in eine App, auch übers Telefon, reserviere einen Flug über eine andere, speichere Unterlagen zu Akten und hinterlege schnell eine Idee in einer Plattform, bevor ich sie wieder vergesse. Die Zeitungen schreiben so oft, dass Leute sich vor der Digitalisierung fürchten, aber ich könnte weder mein Leben noch meinen Beruf so führen, gäbe es die Digitalisierung nicht, die mich fast unabhängig von Orten und anderen Leuten macht. Noch vor zehn Jahren war all das völlig unmöglich.

Apropos andere Leute: Auch auf dieser Tagung bin ich die älteste Frau. Wie oft im akademischen Rahmen gibt es ein paar Studentinnen, ein paar Doktorandinnen, und dann gibt es richtige Erwachsene, und die sind alle männlich. Ernsthafte Männer, so ungefähr in meinem Alter, mit Stirnglatzen, die Anzüge anhaben und über ernsthafte Dinge sprechen.

Wo, frage ich mich, sind eigentlich die anderen Frauen um die 40? Ging denen nach der Promotion die Puste aus? Sitzen sie irgendwo am Sandkasten? Haben sie irgendwann das Handtuch der Anwaltschaft geworfen und sind Richterinnen geworden? Vermisst die eigentlich keiner außer mir? Wieso wird die Frage, wie viele Frauen irgendwo sprechen, nur in meiner Internetblase diskutiert, aber in meinem echten Berufsleben spielt das gar keine Rolle? Frauen um die vierzig, ich vermisse Euch!

Nach der Tagung treffe ich die Herren Kid37 und Merlix. Wir lesen uns ungefähr hundert Jahre, der Abend schwappt in großer Gemütlichkeit hin und her, ich esse Fisch und trinke Weißwein, und als ich meinen Zug verpasse, nehme ich mir unkompliziert und schnell ein Zimmer in der Nähe des Bahnhofs (oh, gesegnete Digitalisierung!).

Tagebloggen (7.10.18)

Im Blumenladen bin ich die einzige Kundin. Es ist morgens um kurz vor zehn, die vietnamesische Floristin hält Blüten neben Blüten, zieht Blätter aus großen Vasen und plaudert ein bisschen über ihre beiden Kinder. Wir sind gleich alt, haben wir gerade festgestellt, aber ihre Älteste ist 22 und mein Sohn erst sechs. In Vietnam heiraten die Leute zu früh, sagt sie, und dass es ihr nie leid getan hat, ihre Kinder allein erzogen zu haben. Ihre Töchter studieren beide und sollen nicht so früh heiraten. Oder gar nicht.

Mit einem Blumenstrauß ist blau und weiß und stehe ich vor der Tür der J.2, um mit ihr Tee zu trinken und meinen Sohn abzuholen. Sie hat ihren Vater verloren vor ein paar Tagen, und wir sitzen am Küchentisch und sie spricht über ihre Eltern. Ganz am Ende im Heim seien sie etwas glücklicher gewesen, sagt sie, und ich frage mich, wie viele Frauen am Morgen ihrer Goldenen Hochzeit eigentlich noch einmal ihren Mann geheiratet hätten.

Die J.2 und ihre Kinder treffe ich den ganzen Tag wieder und wieder. Wir wohnen nämlich in einer Art Großstadtdorf, wir treffen immer Leute, sobald wir das Haus verlassen. Frühere Kollegen von dem J. oder mir, Schulfreunde, Studienfreunde, Eltern aus Kita oder Schule oder einfach Bekannte. Am meisten Leute trifft Sohn F., denn der kennt alle ungefähr 220 anderen Kinder der Schule und begrüßt alle paar Meter Kameraden.

Im Park stößt der F. wieder auf den Sohn der J.2, und mit ihm und einer Nachbarstochter ziehen wir weiter durch den Volkspark. Die Kinder laufen weiter, sind nicht mehr auszumachen, kehren zurück, streiten sich, vertragen sich wieder, und nachdem wir den M. und die M. mit ihren Kindern getroffen und über die Taufe bei gemeinsamen Freunden gesprochen haben, die nächsten Sonntag ansteht, gehen wir zu zweit mit der Nachbarstochter heim.

Bei uns sieht es schlimm aus. Der F. und ich haben mittags getuscht, alles liegt voller halbherziger Bilder, Malerlappen und Pinsel. Die Kinder verschwinden im Zimmer des F., ich koche Rindsgeschnetzeltes mit Steinpilzen und Reis, und als wir fertig sind, dusche ich den F., bringe ihn ins Bett und lese ihm die letzten Seiten seines Wikingerbuches vor, bis er auf meinem Arm schwer wird und einschläft.

Ich glaube nicht an Walhalla, flüstert er mir noch zu. Dann ist er weg.

Tagebloggen (6.10.18)

Wirklich, ich mag den Spreewald. Ich fahre gern mit dem F. unter den sich sacht verfärbenden Blättern hindurch, freue mich über seinen Jubel über die vom Biber angenagten Bäume, esse Gurken mit ihm und fahre sonnensatt mit der Bahn wieder mit ihm nach Hause.

In der Bahn legt der F. den Kopf an meine Schulter und döst ein bisschen ein. Wir lesen ein Buch über Wikinger, das dem F. gehört, und ich erzähle ihm, dass ich gerade ein Buch lese, das „Sechs Koffer“ heisst und von einer Familie handelt, in der alle denken, die anderen hätten den Vater an die Behörden verraten. Das klinge spannend, sagt der F., und dann freut er sich, dass er Gurken gekauft hat und mit zwei Jungen gespielt und eine Dönerbox gegessen hat: Der zweite Döner seines Lebens.

Vom Alex aus fahren wir heim. Der F. sollte eigentlich beim Babysitter bleiben, aber jetzt wird er bei seinem Freund N. schlafen, ich bestelle mir ein Taxi und hechte im letzten Moment in die Komische Oper. Es gibt Korngold. Die Tote Stadt, und ich vergesse wieder, meine Freundin M. nach ihrem Parfum zu fragen, das ich so gern rieche.

Ich mag die Musik. Ich mag den berückenden, spätromantischen Klangteppich, ich mag Sara Jakubiak als Marietta, und auch, wenn der Paul etwas zu stumpf und das Orchester etwas zu laut singt, bin ich fast enttäuscht, als der Vorhang fällt. Ich glaube, ich war zwei Jahre nicht im Theater, aber in die Oper kann ich eigentlich ständig. Und würde es der Welt nicht gut tun, es würde nur noch gesungen? Das Libretto allerdings ist der wüsteste überhaupt denkbare morbide Kitsch und von der größten, psychologischen Unwahrscheinlichkeit dazu.

Als ich heimkomme, liegt der J. auf dem Sofa. Es ist warm und schön, wir schlendern durch die Straßen und sitzen am Ende im Birra in der Prenzlauer Allee, essen Provolone und warmes Brot mit Öl, ich trinke ein Weizen vom Hops and Barley, und wenn man leise ist, auf dem Heimweg, kann man die Erde ruhiger atmen hören, wie sie es immer tut: Im Herbst.

Tagebloggen (5.10.18)

Der Sommer ist zurückgekehrt und ich fahre wegen Terminen den ganzen Tag mit dem Rad durch Berlin. Ich liebe das, in der Wärme quer durch die Stadt zu fahren. Irgendwo einen Matcha Latte zu trinken, den Leuten dabei zuzusehen, wie sie sich noch einmal richtig mit Wärme vollsaugen, weil der Winter hart werden wird, spitzknochig und böse.

Am Maybachufer kaufe ich auf dem Wochenmarkt Avocados, Weintrauben und Spitzpaprika. Heute Abend, beschließe ich, gibt es Shakshuka. Dann fahre ich heim und gehe mit dem geschätzten Gefährten Eis essen.

Im Nachbarkiez hat vor kurzem ein japanisches Eiscafé aufgemacht. Tenzan Lab heißt es und ist sehr schick und elegant, also schiefergrau und Messing, sehr schöne, große Eisraspeln, Kellner in weißen Kitteln, und dann lassen wir uns jeder aus einem Rieseneiswürfel ein Kakigori hobeln, mit Mochi und Matchasauce und roten Bohnen.

Vielleicht fahren wir nächstes Jahr wieder nach Japan.

Tagebloggen (4.10.18)

Viel gearbeitet. Ich wünschte manchmal, ich wäre jemand, dem es gegeben ist, zart und elegisch in einem schilfgrünen Morgenmantel auf einem Sofa zu liegen, verträumt seine Blicke über das Meer schweifen zu lassen, und ab und zu elegante, kleine Törtchen zu verzehren. Flugs – das ist bei solchen Damen immer so – stellte sich jemand ein, der mich anbeten und mir die Törtchen kaufen würde. Vielleicht würde er mir mit einem Riesenfächer auch noch so ein bisschen Luft zuwedeln. Neben meinem Sofa läge ein Riesenstapel sehr guter Bücher. Freundliche Menschen läsen mir vor.

Tatsächlich esse ich mehrfach täglich Mengen, die einem Waldarbeiter angemessen wären, lese selbst, liege selten und arbeite eigentlich richtig gern. Man stelle sich mich also als so eine Art kräftiges Arbeitstier mit wilden, schwarzen Zotteln vor, in der einen Hand einen Telefonhörer, in der anderen eine überschwappende Kaffeetasse mit saurem Filterkaffee, und ungefähr zehn offene Fenster auf dem Bildschirm vor mir. Ich trage aus Phantasielosigkeit täglich blaue Kleider, gern mit Kaffeeflecken drauf. Kein Wunder, dass es so mit Anbetung und Törtchen und Fächer nicht funktioniert hat.

Was soll man machen. Man macht das Beste daraus. Radelt ins Büro, telefoniert gut gelaunt mehrere Stunden, brüllt freudig in Diktiergeräte, verschlingt mittags drei Semmeln mit Rinderschinken und Gorgonzola und Mayonnaise mit Ei, krümelt mit den restlichen Besprechungskeksen von vorgestern die Tastatur voll und radelt wieder nach Hause. Tröstet den kleinen Sohn, der am Boden zerstört ist, weil zwei Mädchen aus seiner Klasse schönere Zahlen malen, brät große Klumpen aus Lamm mit Pellkartoffeln und Mais aus der Dose, weil das mein Lieblingsgemüse ist. Schreibt einer lieben Freundin einen Geburtstagsbrief und malt sich wohlig aus, wie in dem sehr poshen Fitnessclub, in das man demnächst eintreten will, alle glauben, man sei als abschreckendes Beispiel engagiert