Tagebloggen (1.10.18)

So viele Briefe habe ich geschrieben. So wenige abgeschickt. Und die schönsten, die habe ich nicht mal behalten. So viele Stunden habe ich telefoniert. Auf dem Boden gelegen, unter dem Esstisch, das rissige, gräuliche Holz und von einem Thema zum anderen mäandert: Flüsse waren wir. Flüsse, Rinnsale manchmal und manchmal ein Strom.

So kurz sind meine E-Mails heute geworden. Drei, vier Sätze, Verabredungen, Kurznachrichten. 12.20 Uhr bei Tuan. 20.00 Uhr im Holmes Place. Mittwoch gern. Ja, ich hole ihn auch ab. Ja, ich auch.

Kein Raum bleibt mir mehr für das Ungefähre, keine Stunde für alles, was fließt. Nie zum Telefon greifen und nicht wissen, was ich wissen werde, wenn ich auflege. Ich bin ein gut gepflegter Garten, wusstest du das? Ich bin das reine Barock mit seinen schnurgeraden Alleen.

Ich bin das Aufstehen um 7:30. Ich bin der direkte Weg ins Büro. Ich bin der schattenlose Mittag, die Telefonliste, die Fristenzettel und die Wiedervorlagen. Ich bin der Anruf vom Alex bei Mami Camilla wegen dreier Pizzen. Ich werde nie wieder der Wind in den Haaren sein, die schmelzende Unschärfe, die Hitze im Schatten, und manchmal macht mich das traurig.

 

Herbst

Dann aber, als sei etwas über Nacht zerbrochen, wache ich eines Samstags auf und es ist Herbst. Es ist nicht nur ein bisschen kälter für ein paar Tage. Es sind auch nicht die kühleren Nächte. Es ist, als wäre die Erde unter unseren Füßen auf einmal schwerer und die Wolken aus Beton. In den Bäumen sackt nun Tag für Tag der warme Saft des Sommers in den Kapillaren nach unten, und an den Ampeln schauen die Leute aneinander vorbei.

Dein Sommerhaar, mein Lieber, treibt nun auf den schwärzesten Wassern. Deine Haut weht fleckig in Streifen im Wind. Ich aber, ich horte den Sommer aus Beeren und Bienen in Töpfen. Ich stapele Säcke voll Limo und Licht. Ich bin der hellere Himmel, der schimmernde Staub, und ich fliege des Nachts mit den Schwalben.

Im Frühtau

Ach, und damals im Winter: Viertel vor sieben los, der Sitz eiskalt und dann durch die Dunkelheit, vorbei am See, wo das Eis knackte und knisterte, der weiße Atem, und dann die Räder ins Gras werfen und schnell in die letzte Reihe. Im Sommer noch schlaftrunken am See vorbei, das kalte Wasser, wenn noch zehn Minuten Zeit waren, nass in die Kleider, und dann kurz vorm Lehrer durch die offene Tür.

Seit dem Abi nie wieder. Im Studium nie vor zehn aufgetaucht. Im Referendariat, im Beruf: Nie vor halb zehn irgendwo gewesen. Wenn ausnahmsweise einmal frühe Termine anstanden ächzend und stöhnend durch die Republik geschleppt.

2012 dann Sohn F. angeschafft. 2018 Sohn F. eingeschult. Aufgeregte Kinder mit riesigen Ranzen, Brunch mit den Großeltern, zu viele Süßigkeiten, und am Montag dann schlagartig eine Stunde früher los. Eine Stunde. Sechzig Minuten.

Jeden Morgen schlaftrunken ins Bad zu wanken. War nicht heute Sport? Wo bleibt denn der F.? F.! F.!!!! Wo ist deine Hose? Sind das die neuen Socken? Sind die Bleistifte angespitzt? Haferflocken stehen auf dem Tisch. Nein, heute Mischbrot, aber ich habe dir Rosinen eingepackt. Und zwei ganz kleine Salamis. Machst du bitte den Mund auf? Ja, nur ganz schnell nachputzen. Ihr müsst jetzt los! J., dein Schlüssel liegt auf dem Schrank. Ja, jetzt aber schnell. Nein, das schaffe ich nicht, Mama hat Fristen. Papa kommt. Nein, morgen aber. Ja, ich komme auch zum Judo. Ja, ich dich auch. Iss aber nicht nur die Rosinen.

Und dann ist es immer noch erst 7:25 Uhr.

Alle Engel

Schon färben sich die ersten Blätter, schon gibt der Sommer ein bisschen nach, nicht sehr, nur einen Hauch von Kälte spürt man spät auf den Wangen, und sitzt dann doch am nächsten Tag in kurzen Hosen vorm Stall, als würde dieser Sommer niemals enden.

Kein schöner Land flüstern die trockenen Kiefern, und die Wolkenfetzen schießen flink wie Fische über das klare Blau. Irgendwo hörst du dein Kind lachen, das springt mit zufälligen Gefährten über Mäuerchen, thront auf aufgetürmten Strohballen und hat am Abend sogar Stroh in den Ohren.

Du aber schwingst dich wieder auf dein Pferd, als hätte es keine Zeit gegeben, als du das nicht mehr konntest. Du reitest in den schimmernden Staub. Du bist gesegnet von den reisenden Vögeln, dein Pferd greift aus, dass die Kartoffeln fliegen auf dem abgeernteten Feld, und du würdest singen, wären da nicht die anderen Leute, und mehr Leben unterm Himmel als alle Engel und du.

Glänzen

Wie gesegnet wir sind, denke ich und schaue über den Park. Unter ein paar Bäumen laufen unsere Kinder hinter einem Ball her. Blonde Haare wehen, dünne Beine in Jeans oder Leggings strecken sich zu weiten Sprüngen, und um zwei große Decken herum stehen einige Erwachsene, essen Kuchen und sprechen über Reisen, Restaurants und ihre alternde Eltern.

Die C. hat Sohn F. einen Kuchen gebacken, mit einer Schultüte drauf und seinem Namen, und befeuert von mehr Zucker, als er jemals gegessen hat, springt er ausgelassen über das ausgedörrte Gras dieses viel zu warmen Sommers. Ab und zu höre ich seine Freunde und ihn lachen. Wir kennen uns alle seit immer, stelle ich einer neuen Freundin meine alten Freunde vor, und über unseren Köpfen schwingt ein heller, schon fast herbstlicher Himmel im Wind.

Vielleicht sind wir nicht mehr als der letzte Lidschlag des Friedens. Vielleicht geht ein paar hundert Kilometer südöstlich von hier unsere Welt in Hässlichkeit und Hass zuschanden. Vielleicht fällt aber all das, was uns heute erschreckt, wie Schorf wieder ab von der Welt, und auf unsere Kinder wartet Freude, Sorglosigkeit und Glanz: Wie auf uns.

Tagebloggen (13)

In einem Roman wäre es eine vermutlich etwas platte Symbolik, aber während im letzten Jahr nahezu jede Bahn, in der ich saß, zu spät, gar nicht oder nicht klimatisiert fuhr, läuft dieses Jahr alles wie am Schnürchen. Der ICE ist sauber und pünktlich, im Regionalexpress habe ich die erste Klasse komplett für mich, und als ich mir einen Kaffee bestelle, bietet mir eine freundliche ältere Dame ein Stück selbstgebackenen Kuchen an und erzählt von ihren Reisen als junge Frau in den Sechziger Jahren nach Frankreich, in die Türkei, nach Afrika und dass sie Theater gespielt hat in Tanger und Tel Aviv und Portugal kurz nach Salazar, und ich trinke mit ihr einen Kaffee auf Vergangenheit und Zukunft und hoffe, als ich aussteige, dass auch ich eines Tages etwas zu erzählen habe, wenn ich mal alt bin.

Auch wenn ich noch nicht weiß, was.

Tagebloggen (12)

Abends sitzen wir mit Freundin C. und Familie im Mami Camilla um die Ecke, essen Pizza und trinken sardischen Wein und sprechen über unsere Berufe und unsere Kinder und unser Leben.

Die C. arbeitet zuviel. Die C. hat immer zu viel gearbeitet, quasi vom ersten Tag unserer Freundschaft an, als wir in Speyer zusammen saßen, weil wir das Ballkommittee waren, das den Semesterabschlussball organisieren sollte. Das Semester war lustig, kalorienreich und sehr, sehr turbulent, der Ball war großartig, und in gewisser Weise sind wir immer das Ballkommittee geblieben.

Jetzt sind wir schon fast Mitte vierzig. Unsere Kinder laufen mit anderen Kindern die Hufelandstraße rauf und runter, wir sprechen über Urlaub und Möbel und Freunde und unsere langsam alternden Eltern, und als ich nach Pizza und einer geteilten Nachtischplatte ziemlich viel Rotwein spät im Bett liege, überlege ich, was ich auf dem Ball damals eigentlich anhatte, und es fällt mir nicht mehr ein.

Tagebloggen (11)

Am liebsten in der Dämmerung, gefleckt von den Blättern der Straßenbäume, den Ku’damm abwärts, und am Tiergarten richtig in die Pedale treten. Vor den Botschaften stehen bewaffnete Polizisten, der Tiergarten trieft vor Hitze und Abend, und an den Ampeln starren die Leute sich gierig an. Gebräunt bis in den Rachen. So viel Sommer war nie.

Am Potsdamer Platz treiben die Touristen über die Ampeln hin und her wie Schwärme von Fischen, und du fragst dich jeden Tag erneut, was sie hier sehen. Ist Berlin eigentlich eine Enttäuschung? Mögen auch andere Leute die Leipziger Straße und hätten gern eines Tages eine heimliche Wohnung in den Hochhäusern hier und würden nachts einsam am Fenster über die Stadt schauen, und keiner wüsste, wo sie sind?

Am Alexa winkt mir eine Bekannte zu mit zwei Tüten. Am Soho House grimassiert ein Freund, das Handy am Ohr, und schickt zehn Minuten später eine WA hinterher. Lass uns lunchen. Am Friedrichshain endlich wird meine Stadt ruhiger, wird grün, lehnt sich zurück im Liegestuhl und nimmt die Sonnenbrille ab und ist nun ganz und gar: Mein Berlin.

 

Tagebloggen (10)

Die Freundin ist gerade aus Paris zurück und ein bisschen ernüchtert. Die Stadt habe sich verändert. Überall seien Arme, und die Franzosen hätten ihre Leichtigkeit verloren, diesen Eindruck, sie würden ihr Leben lieben.

Ich mochte Paris nie so, wie ich andere europäische Städte liebe. Ich fand die Stadt schon lange fassadenhaft, ausgeglüht vom Geld derer, die nicht auf den Märkten einkaufen und ihre Kinder nicht durch die Parks schieben. Aber als sie es so erzählt, tut es mir doch leid um die Stadt und ich erinnere mich, wie ich das erste Mal am Gare du Nord aus dem Zug stieg, neun oder zehn, und durch eine Stadt lief, die es so nicht mehr gibt, wie alles verschwindet.

Tagebloggen (9)

Frau Wortschnittchen ist da und sie sieht super aus. In Chile ist es kalt, erzählt sie, und was sie macht und wie sie lebt, und ich bewundere sie ordentlich für ihre vielen Aufbrüche und hoffe, dass es dort, wo sie eines Tages ankommt, schön sein wird.

Vorerst aber sitzen wir am Café Schönbrunn im Park. Kinder spielen, Hunde laufen vorbei, es ist warm, so warm, wie schon seit Wochen. Am Rande unserer Welt brennen die Wälder, aber hier ist noch der Friede, von dem wir eines Tages erzählen werden: Dass es das mal gab.