Adieu

So geht es wohl zuende, mein Berlin, denke ich, als ich die sechs Treppen abwärts laufe nach dem Abschied von noch einem, den ich so sehr mag und der Berlin verlässt. Die Stadt gibt es nicht mehr, in der es immer noch für jeden einen Platz gab, einen Texterjob, etwas Kleines am Theater, Übersetzerjobs, eine Aushilfe am Telefon oder an der Bar. Uns gibt es auch nicht mehr, rauchend auf dem Schlachtensee, Sekt und Wodka auf dem Dach: All unsere Sensationen und unsere grenzenlosen Körper morgens um halb fünf.

Wir sind so müde geworden, schließe ich an der Lausitzer Straße mein Fahrrad los und fahre zurück ins Büro. Hier ging er 15 Jahre los, mein Sommer, am ersten Juniwochenende, erinnere ich mich aller Feste hier, aller leuchtenden, elektrischen Nächte, die dieses Höllenjahr zerbissen, zerissen und weggeworfen hat, und uns bleibt nichts davon als Staub, Polizeieinsätze am Kottbusser Tor, das kurze Zögern, bis man sich dann doch umarmt, so zaghaft und vorsichtig, als seien wir so zerbrechlich wie das, was unser Leben war und unsere Stadt.

Adieu, mein Lieber, drehe ich mich noch einmal um. Bleib diesmal gesund und komm bald wieder.

5 Gedanken zu „Adieu

  1. *erinnere ich mich aller Feste hier, aller leuchtenden, elektrischen Nächte, die dieses Höllenjahr zerbissen, zerissen und weggeworfen hat, und uns bleibt nichts davon als Staub, Polizeieinsätze am Kottbusser Tor*

    Es ist so interessant, bei Ihnen zu lesen, was diese „Neue Zeit“ mit den Bewohnern einer Metropole macht. Ich kenne Berlin sehr gut, lebe selbst aber in einem kleinen Nest am Rande des Sauerlandes. Wie langweilig muss es da sein, möchte man aus der Stadt heraus vielleicht sagen, aber ich stelle fest: Corona hat hier draußen kaum Folgen. Ja, wir umarmen auch nur noch auserwählte Freunde, nicht mehr alles und jeden. Aber Abstand hält man hier ohnehin, weil viel Platz ist zwischen den Häusern und besonders gesellig sind die Leute hier sowieso nicht. Ich trauere mit Ihnen um Clubs, Konzerte und Festivals, obwohl ich selbst seit einigen Jahren den Spaziergang in der Dämmerung den elektrischen Nächten vorziehe, aber das liegt auch an meinem Alter. Hoffen wir gemeinsam, dass wir keine hysterische Hygienegesellschaft werden, die bis zum Ende der Zeit in immer größerer Isolation verbringt, sondern dass das Leben mit echter Nähe und Vertrauen auf die eigenen Kräfte wiederkehrt!

    1. Hysterie sehe ich aktuell gar nicht, die Maßnahmen sind aus meiner Sicht sinnvoll und unumgänglich. Sie sind halt schmerzhaft, aber um wie viel schmerzhafter wären die Folgen, wir hielten es anders

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