Wsssssstwsssssss

Der F. ist – man kann das nicht beschönigen – hörspielsüchtig. Das Leiden begann vor zwei Jahren mit Conni, einem kleinen Mädchen, das in einer Vororthölle der Achtziger mit bemerkenswert spießigen Eltern aufwächst, und (Conni, Conni, meine Freundin Conni) noch viel weniger erlebt als Großstadtkind F., dessen Eltern sich am Gartenzaun erhängen würden, wären sie zu der Existenz von Connis Familie (mit der Schleife im Haaaaar) verdammt. Zum Glück geht alles im Leben vorbei, also auch das.

Versucht haben wir es dann mit Käpt’n Sharky, mit Pumuckl (neckt, Pumuckl versteckt, und nieeeemand …), aber nichts davon hielt lange vor. Statt dessen ist der F. seit mindestens einem satten Jahr der Hörspielreihe Was ist was verfallen, in unserem Haushalte nur als Wssssssstwssssss bekannt, was sehr schnell und komplett ohne Vokale so lange auszusprechen ist, bis ein extra zu diesem Zweck mitgeschlepptes ehemaliges Diensthandy seufzend rausgerückt wird. Die bekannten Kindersachbücher gibt es nämlich auch zum Hören, und zwar mit Besserwisser Theo, dem weiblichen Satzzeichen Tess, das keine Ahnung hat und Sängerin werden will, und Quentin. Zur Abwechslung sind das mal keine Kinder, sondern Punkt, Ausrufe- und Fragezeichen. Es gibt über 70 Hörspiele, die kann man bei iTunes Match laden. Ich glaube, ich kenne sie (Archäologen haben im nachgebauten Stonehenge viele Experimente gemacht) alle.

Der F. tut nahezu nichts anderes (Vor ungefähr 550 Mio. Jahren begann das Kambrium). Oder besser: Er tut so gut wie nichts, ohne dass ein Hörspiel läuft. Er malt einen bemerkenswert missgestalteten Elefanten (In Hamburg kam es im Jahre 1842 zu einem Brand in einem Speicher). Er springt trotz strengstem Verbot auf dem Bett (Milchprodukte und Fleisch dürfen niemals vermischt werden). Er lässt seine Playmobilmännchen gegeneinander kämpfen (Ein Agent muss immer damit rechnen, dass er selbst beobachtet wird).

In Berlin stört das nicht weiter. Der F. bewohnt die ehemalige Mädchenkammer unserer Wohnung, die ist weit genug weg, um nicht ständig (Die Sprachexperten haben ein feines Gehör und darüber hinaus viele Spezialgeräte und Computersoftware) alles mitzubekommen, was er gerade tut oder hört. Im Urlaub aber wird wssssstwsssss zum ernsthaften Problem. In einem Hotelzimmer mit dem F. will der J. nach dem letztjährigen Trip nach Japan nie wieder zum Opfer seiner Hörspiele werden. Aber auch in einer Ferienwohnung ist es so gut wie unmöglich (Die erste vollständige Liste der sieben Weltwunder wurde im zweiten Jahrhundert vor Christus von dem Schriftsteller Antipatros von Sidon geschrieben), dem F. und seiner Leidenschaft zu entkommen.

Kopfhörer hat er nicht, weil wir fürchten, dass er wssssstwsss dann so laut macht, dass er noch vor seiner Einschulung nicht mal mehr das hört, was er wirklich hören will. Wir leben also mit unserer persönlichen Geißel Gottes (Ein Wolf ernährt sich hauptsächlich von Fleisch). Bis vor kurzem war wenigstens am Strand Ruhe. Oder im Pool. Oder wenn wir unterwegs waren, in einem Elefantencamp oder auf dem Nachtmarkt. Kürzlich allerdings, wir drückten uns gerade an einem Stand mit gefälschten Sonnenbrillen vorbei, huschte eine kleine, magere, weiße Katze an uns vorbei. „Ein Kätzchen!“, jubelte der F., lief hinter dem Tier her, kehrte an meine Hand zurück, sah mich an und sprach: „Ist eine Katze auf der Jagd, so bewegt sie sich äußerst vorsichtig. Sie hält sich nah am Boden und nutzt die natürliche Deckung.“

Vielleicht kündige ich iTunes Match auch einfach wieder.

15 Gedanken zu „Wsssssstwsssssss

  1. Wenn das Kind keine Kopfhörer nimmt ist das
    ja vielleicht ne Alternative. Gibts ja auch mit noise cancelling.
    Ich könnt ihn drücken.
    Großartig.

  2. Herrlich! Wie niedlich!
    Aber tragen Sie es nicht nur mit nachsichtiger Fassung, seien Sie vielmehr dankbar bis heilfroh ob der glücklichen Interessen- und Themenbreite – meine Eltern durften sich von mir in dem Alter wiederholt über die verschiedenen Pferdezäumungen und die Vita Verdis (damals noch Kassette) informieren lassen. Außerdem hatte ich eine schlimme Obsession mit Lübecks Architektur und den Marienglocken.
    In dem Alter hört man sich das ja noch so oft an, dass man die Worte auswendig weiß und manche Formulierungen bleiben ewig…

  3. Ich weiß nicht recht was ich schlimmer finde, wssstwsss oder Benjamin Blümchen, den wir seinerzeit ertragen mussten. Sie Ärmste! Wie wär’s mit einer neuen Regel, Musik beim Spielen und Malen oder Radio Bangkok hören?

    1. Ich bin ja meistens ganz froh, dass er ist, wie er ist, weil ich so wenigstens zum Lesen komme. Ich lese nämlich ähnlich besessen, wie F. Hörspiele hört. So hat halt jeder seins.

  4. Ich habe ja mittlerweile meine Jungfräulichkeit in Bezug auf die Wasistwas-Hörspiele verloren („Wale und Delfine“), und kann die Nervqualität erst jetzt so richtig einschätzen („Flippi! Flippi! Flippi!“). Wie Sie das durchalten…Daumen hoch!

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