Über Urlaub

Siena (oder auch nicht)

Mose, wie man weiß, hat das gelobte Land auch nicht selbst betreten, sondern ist im Angesicht der grünen Triften Kanaans verstorben. Verstorben immerhin sind wir nicht, aber als wir im Auto saßen, Ortseingang Siena, fing es wahnsinnig an zu regnen. „Wir kehren wieder um.“, beschloss der geschätzte Gefährte und fuhr an. Vor uns lag die Porta Romana im Regen, hinter uns die Aussicht auf Rückkehr auf den Bauernhof, ganz direkt hinter uns saß allerdings jemand, der blass aussah und auf einmal begann zu schreien. Der F. schreit sehr selten, deswegen muss man das beachten, insbesondere wenn der Schrei davon handelt, ihm sei übel und er müsse brechen. Das tut er dann auch, zum Glück nicht im, sondern neben dem Auto.

An sofortiges Weiterfahren ist nicht zu denken. Es regnet auch gar nicht mehr so stark. Mose glaubt, er werde doch noch im Heiligen Land auf der Terrasse sitzen und Rotwein trinken. Wir parken also, steigen aus und laufen die Via Roma entlang Richtung Dom.

Wenn es mir schlecht geht, dann kann das dauern. Wenn es F. schlecht geht, verlangt er zehn Minuten später nach Pizza und Eis, denn das hat die Evolution für Kinder so vorgesehen, damit auch Autokotzer beständig weiterwachsen. Wir halten also erst an einer Eisdiele an, dann an einer Bäckerei, wo wir drei Stück Pizza mitnehmen und auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufessen. Der J. studiert die Aushänge vor Maklerbüros und schaut sich an, was wir hier für eine Mio. Euro bekämen. Die haben wir zwar gar nicht, auch möchten wir gar kein Haus in der Toskana kaufen, aber das macht nichts. Der geschätzte Gefährte hat mit derselben Intensität auch schon in Bangkok nach Häusern geschaut.

Als wir weitergehen nimmt der Regen zu. Wir sind noch 400 Meter vorm Dom, da beginnt es auf einmal schrecklich zu schütten. Wir laufen, auch der F. läuft, das Wasser spritzt, nach weniger als einer Minute ist mein T-Shirt durch, und dann flüchten wir uns in das erste Lokal, das wir sehen. Es gab viele anziehende Cafés auf dem Weg, aber hier ist es scheußlich. Die Wände sind orange gewischt wie in einem ewigen 1993. Die Möbel billig mit blauen Knubbeln, es läuft der Fernseher, und außerdem sitzen da außer uns nur andere Touristen. Meiden die Einheimischen diese Pizzeria vielleicht wegen ihrer Schmutzigkeit und des schlechten Essens?

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Wir bestellen gleichwohl. Überraschenderweise ist die Pizza super. Für diese Pizza würde man in Berlin gefeiert. Ich bin eigentlich satt, schließlich habe ich schon die Bäckerpizza gegessen, aber trotzdem verschlinge ich meine Pizza bianco mit Trüffelsauce, kippe einen Wei hinterher und warte darauf, dass der Regen aufhört. Der Dom. Das Gelobte Land.

Stattdessen schließt die Pizzeria. Alles wartet darauf, dass wir gehen, man bestellt uns freundlich ein Taxi, aber natürlich kommt kein Taxi, während vermutlich gerade die ganze Stadt auf ein Taxi wartet. Es schüttet immer noch, als habe der liebe Gott sich diesmal wirklich entschlossen, sich das nun keinen Moment länger anzuschauen.

Irgendwann kapitulieren wir. Mose setzt sich auf seinen Berg und verstirbt, ohne den Dom gesehen zu haben. Der J. läuft vor, wir hinterher, kaufen noch einen Regenschirm und setzen uns in den Wagen. Wir sind sehr, sehr nass. Als wir Siena knapp hinter uns gelassen haben, hört der Regen auf.

In der Toskana (4)

Zu den Kindheitserinnerungen, die jeder teilt, dessen Eltern überhaupt mal aus dem Haus gegangen sind, gehören schrecklich langweilige Besichtigungen von Kirchen, Museen mit mittelalterlicher Kunst und Wanderungen durch die Landschaft. Als Erwachsener fragt man sich dann, wie man sich eigentlich jemals in der Bretagne langweilen konnte. Oder wieso man diese unfassbar großartigen, weltbewegenden Gemälde von Velázquez und Vermeer, vor denen ich mal als Achtjährige stand und mich und alle mich herum ausdauernd mit der Frage beschäftigt haben soll, wann es denn hier endlich Eis gibt. Eis.

Als Mutter eines vierjährigen Knaben verstehe ich langsam, dass Kinder keinen Schönheitssinn besitzen. Dem F. ist die tolle Landschaft der Toskana total egal. Er bemerkt auch keinen qualitativen Unterschied zwischen einer Darstellung der Kleopatra durch Claude Lorrain oder durch mich. Er interessiert sich nur für Fakten. Wer ist das? Was hat die gemacht? Warum mit Schlangen? War Caesar nett?

Ich kann mich nicht im Geringsten daran erinnern, wann sich das ändert. Mit 16 sind der T., der J. und ich erstmals allein und ohne Eltern mit dem Wochenendticket der Deutschen Bahn zur documenta gefahren, das Kunstinteresse muss also irgendwann deutlich früher erwacht sein. Um die Pubertät herum? Davor? Als Grundschulkind? Ich vermute allerdings, dass die Langeweile auf Wanderungen und in Museen dazugehört, um irgendwann einmal mit Freude dieselben Bilder, Bäume und die Hügel der Toskana weiterzusehen. Die Vermutung, man würde die Kinder ermüden und Abneigungen auslösen, teile ich eher nicht, denn ansonsten wären die Museen durch die Kinder von Leuten bevölkert, die solche niemals besuchen. Soweit ich weiß, ist aber das Gegenteil der Fall.

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Die italienische Küche hat ja den großen Vorteil, dass sie quasi jeder mag. Ich kenne niemanden, der keine Nudeln isst, allerdings muss ich ab und zu vor einem Teller Pasta an die Eltern meiner Studienfreundin C.3 denken, schrecklich unangenehme Leute, denen Nudeln aus irgendeinem Grunde nicht ordentlich genug erschienen, weswegen es nie welche gab. Nur Kartoffeln. Tag für Tag. Ihr gesamtes Studium aß die C.3 deswegen eigentlich ausschließlich Nudeln und Sauce, um alles nachzuholen. Nach dem Studium habe ich die C.3 aus den Augen verloren, aber ab und zu frage ich mich, ob sie heute eigentlich ein natürliches Verhältnis zu Beilagen pflegt.

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Wir sind das erstemal mit Vamos weggefahren. Bisher war dem F. Kinderbetreuung nämlich nicht so wichtig. Erst im letzten Urlaub hat er angefangen, massiv nach Kindern zu fragen. Zwar war die Kinderbetreuung auch diesmal kein Erfolg. Aber er hat sich mit den anderen Kindern angefreundet, viel gespielt, sich bestens amüsiert und will sofort wieder hin. Wir werden wohl wieder mit Vamos fahren.

Florentiner Notizen (6)

Kurz vor, während und nach meinem Geburtstag bin ich ja immer so ein wenig melancholisch. Ich denke nämlich das ganze Jahr wenig darüber nach, was ich eigentlich vorhatte, und was davon eingetreten ist, aber zu meinem Geburtstag habe ich bisweilen das Gefühl einer ganz erheblichen Lücke zwischen Sein und Sollen. Vielleicht wäre das immer so, egal, wie toll mein Leben von außen aussehen würde. Vielleicht schaue ich mich aber auch in zwanzig Jahren erschreckt um, und ich habe das falsche Leben gelebt. Das wäre dann schade. Bis jetzt ist mir aber noch gar nichts besseres eingefallen, was ich sonst mit meinem Leben anfangen könnte.

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Immerhin gefällt mir die Sammlung Stibbert. Dieser Herr Stibbert war nämlich richtig verrückt. Die Engländer im Ausland hatten ja allesamt den Ruf, ein wenig irre zu sein, weil natürlich bevorzugt diejenigen Engländer England verlassen haben, die zuhause an ein wenig zu viele gesellschaftliche Ecken angestoßen sind. Herr Stibbert ist nun bereits in Florenz geboren und nach wenigen Studienjahren nach Italien heimgekehrt, dort hat er dann ein ganzes Haus mit Ritterrüstungen und Bildern und Waffen und allerlei Zeugs gefüllt wie ein circa Fünfjähriger, der aus irgendeinem Grunde mit den Möglichkeiten eines wohlhabenden Vierzigjährigen gesegnet war.

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Leider durfte man nicht allein durch die Räume wandern. Wir liefen also hinter einer Führerin her, schauten uns alles an, freuten uns schrecklich und wanderten dann durch die Wärme der Mittagsstunden über die Piazza della Libertà zurück, vorbei am Dom, zurück bis in unser Hotel in der Via del Proconsolo und schliefen da bis zum Abend.

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Am Abend wandern wir ein letztesmal durch die Florentiner Nacht. Wir essen Fleisch und Nudeln, wir sitzen vor irgendeiner Enoteca und trinken Wein, und während wir langsam – es ist kurz vor Mitternacht – zum Hotel zurücklaufen, rundet sich auch dieses Lebensjahr, das angenehm war, bunt, nicht selten fröhlich, und kaum sichtbar, was fehlt.

Florentiner Notizen (4)

Der Campanile des Florentiner Doms ist hoch, sehr hoch, und als wir morgens vorm Turm stehen, sehe ich mich einen Moment vor meinem inneren Auge schwitzend und stöhnend den 18 Kilo schweren F. die Turm wieder herunterschleppen. Ich tue ihm aber offenkundig unrecht: Er trapst tapfer hoch und wieder runter.

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Um neun sind wir auf dem Turm, um elf wollen wir ins Museum. Wir haben Zeitkarten, denn wir möchten nicht warten, aber so schlendern wir zwischen beiden Terminen noch ein wenig durch die Stadt, essen in einer Bäckerei, schauen uns Ledertaschen an, sprechen über Leute, die Kreuzfahrten machen und dann in Riesengruppen Stadtführungen machen. Dann stehen wir vor einem Spielzeuggeschäft. Und gehen herein.

Als wir wieder auf der Straße stehen, haben wir ein Uno-Spiel gekauft und ein Legoset, mit dem man einen Star Wars Superläufer bauen kann. Wie ein Gummiball hüpft der F. herum, im Museum ist er kaum mehr zu gebrauchen, rast durch die Säle, hört kaum zu und ist nur bei der Geschichte mit David und Goliath kurz präsent. Dann müssen wir nach Hause. Den Rest des Tages spielt der F. mit dem Superläufer.

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Zu Hause, schreibt man mir, ist ein weiterer Elternnachmittag angesetzt. Es gehe um Rivalitäten unter den Buben, und ich frage den F., ob es denn überhaupt oft Streit gibt. Nach F.’s Einschätzung kämpfen eigentlich nur die beiden Jungen, deren Mütter sich über zuviel Rangeleien beschwert haben, und selbst wenn man F.’s Erzählungen nicht für ganz bare Münze nimmt, stellt sich doch die Frage, ob es nicht besser wäre, die beiden Mütter würden ganz allein aufeinandertreffen, wenn sie denn schon sprechen müssen, vielleicht noch mit Erzieherin, statt dass sich 16 Elternteile halbe Tage Urlaub nehmen, um um 15:30 darüber zu diskutieren, ob wir es eigentlich normal finden, dass kleine Jungen Rangstreitigkeiten auch mal körperlich austragen.

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Am späten Nachmittag spazieren wir auf die andere Seite des Arno und laufen durch die Giardini Boboli. Wir schlendern kreuz und quer durch den schon ein wenig spätsommerlich verbrannten Garten, dann setzen wir uns ins Gras, schauen dem F. beim Spielen zu und gehen früh essen.

Florentiner Notizen

Nicht ganz zwei Stunden dauert der Flug nach Florenz. Die Maschine von Vueling könnte nicht enger sein, dafür war der Flug unfassbar günstig, und der F. neben mir am Fenster bejubelt jedes Haus und jedem Baum, der sich aus der grünen, gelben, braunen Ebene schält. Dann landen wir. Florenz, Pretaola. Ich bin komplett taub.

Die nächsten drei Stunden kommuniziert man mit mir am Besten elektronisch. Ich befinde mich in der Kunstharzphase einer Erkältung, schleppe mich deswegen annähernd taub, mit 38° C auch sonst eher abwesend und unangemessen schwitzend durch Florenz und gebe dem F. an meiner Hand in vermutlich kaum situativ angemessener Lautstärke vage Erklärungen. Der Dom. Der Bargello. Italien an sich.

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Wir haben ein winziges Hotelzimmer hundert Meter vom Dom entfernt. Für eine Suite waren wir zu geizig, außerdem würden wir ja sowieso – so der Erfahrungswert kinderloser Städteurlaube – ganztags unterwegs herumlaufen. Auf dem Zimmer allerdings fällt dem F. erst mal die Kinnlade herunter. Wo er denn spielen soll. Wir gehen spazieren, verkünden wir ihm, der F. schmollt, und uns beschleicht ein leises Unbehagen. Ob das wohl so alles richtig war. Oder ob die Leute recht haben, die niemals sieben Tage Museen und Shopping durchziehen, solange sie Kinder dabeihaben.

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Ein paar Stunden später ist aber alles wieder in Ordnung. Wir sitzen auf der Dachterrasse des Hotel. Um uns herum leuchten die Türme von Florenz, der F. malt ein Rätselheft aus, ich trinke den ersten Wein seit Monaten und schaue in das unendliche Blau.

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Tauschen

Im Sommer 2012 waren wir als ganz frischgebackene Familie in den USA. Wir hatten eine Wohnung gemietet, die lag im Souterrain eines pastellfarbenen Holzhauses in San Francisco in Pacific Heights. Die Wohnung war super, wir liefen Meilen um Meilen zu Fuß, machten großartige Ausflüge, und zuhause in Prenzlauer Berg machte währenddessen die ganze Familie reihum Urlaub und streichelte unsere Katze.

Die Wohnung war nicht wahnsinnig teuer, aber auch nicht billig. Überhaupt ist San Francisco eher teuer, und deswegen hatten wir uns vorher überlegt, ob wir unsere Wohnung nicht mit anderen Leuten tauschen könnten. Wir hätten also eine amerikanische Wohnung bezogen, am besten von Leuten, die so ähnlich wären wie wir. Optimalerweise hätten diese Leute – wir hatten sie Jamie und Mary getauft – auch ein kleines Kind und deswegen wäre auch eine Wickelkommode und der ganze Krempel, den man jungen Eltern so andreht, vorhanden gewesen.

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Wir hatten schon ziemlich feste Vorstellungen von den beiden, die natürlich auch Murakami und Brett Easton Ellis gelesen hätten, Ballett doof, aber Oper super finden und jetzt vermutlich am Pazifik sitzen und zu einem indischen Linsencurry einen dieser sehr guten kalifornischen Weißweine trinken. Es tut mir ein bisschen leid, proste ich ihnen mit meinem Riesling zu, dass wir uns nicht kennengelernt haben. Wir hatten uns am Ende nämlich nicht getraut, fremden Leuten unsere Katze anzuvertrauen, und außerdem hatte die Familie schon tolle Pläne, was sie alle in Berlin machen würden.

Seitdem denke ich immer wieder über einen Wohnungstausch nach. Für eine Berliner Wohnung im gemütlichen Prenzlberg bekommt man ganz gute Tauschwohnungen, auch in Städten wie New York, Paris oder Kyoto. Ich fände es, glaube ich, ganz toll, für ein paar Wochen ein fremden Leben anzuziehen wie ein geliehenes Kleid, und außerdem hätten wir dann woanders auch mal richtig Platz. Am Ende haben wir aber immer in Hotels gewohnt oder in Airbnb flats, aber wenn ich Artikel von zufriedenen Wohnungstauschern lese wie „Dein Haus – mein Haus“ von Martin Spiewak in der aktuellen ZEIT, dann denke ich doch: Das werde ich nochmal machen. Vielleicht nächstes Jahr.

Samstag, 26. September

Urlaub mit Kindern

Irgendwo habe ich gelesen, die frühe Neuzeit habe Kinder als Ungeheuer angesehen, reiner, böser Trieb. Erst seit Rousseau glauben alle, Kinder seien eigentlich nett, und nur die Gesellschaft verderbe den Charakter. Wie sich dieser Glaube zwei Jahrhunderte gehalten hat, ist mir zumindest allerdings schleierhaft. Nach drei Jahren des Lebens mit Kind und zwei Wochen mit vier von der Sorte weiß ich: Löwenbändiger nichts dagegen. Als Sklavin der Natur kann ich aber inzwischen damit leben, auch im Urlaub nicht länger als bis 8.30 zu schlafen, und vor zehn Uhr abends keine Unterhaltung von mehr als drei Sätzen am Stück zu führen. Weil ich mit den Familien H. und B. aber seit mehr als zehn Jahren befreundet bin, ist das nicht so schlimm. Wir sprechen weiter, wenn die Kinder nicht mehr ununterbrochen mit uns sprechen. In vier bis fünf Jahren oder so. In diesem Urlaub haben wir, glaube ich, im Wesentlichen spätabends miteinander gesprochen oder beim Wandern. Ich war allerdings nur einen Tag wandern, und auf einer weiteren Miniaturwanderung waren zwei der Kinder mit.

Urlaub in Le Thoronet

Zum Wandern und Anschauen ist die Provence ganz schön. Kulinarisch auch alles sehr toll, aber da liegt man in Frankreich ja selten ganz daneben.

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Mit den Kindern wäre allerdings ein etwas küstennäherer Ort besser, außerdem kann man in Le Thoronet nicht einmal zum Bäcker ohne Auto. Warum wir trotzdem exakt da gelandet sind? Finden Sie einmal ein Haus mit eingezäuntem Pool und ausreichend Schlafzimmern und Bädern und einem Rasen zum Spielen zu einem Preis, den sich auch Berliner Juristen und nicht nur Londoner Investmentbanker leisten können. Le Thoronet also. Sobald die Kinder alle schwimmen können und es auch ein nicht eingezäunter Pool tut, pirschen wir uns wieder an die Küste heran.

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Neue Erkenntnis: Ich bin streng

Mit dem Selbstbild ist das ja so eine Sache. Ich halte mich eigentlich für eine ziemlich wurschtige, halbwegs lässige Mutter, liberal aus Zeitmangel mit eher etwas unterentwickelten Ansätzen zu einer traditionell-bürgerlichen Erziehung. Offenbar stimmt das aber nicht, und die M. hat es mir sogar explizit bestätigt: Ich bin konservativ. Und ich bin streng. Ich bestehe darauf, dass mein Sohn während langer Mahlzeiten am Tisch sitzen bleibt. Ich korrigiere den Umgang mit Besteck. Ich finde, dass Kinder aufstehen sollten, um Erwachsene zu begrüßen, und wenn wir im Auto sitzen, bestimmen die Erwachsenen die Musik.

Ich weiß noch nicht, wie ich das finde. Aber ich muss wohl damit leben, und mein Sohn auch.

Alte Erkenntnis: Ich habe Höhenangst

Letztes Jahr also. Da waren wir in Sainte Maxime. An einem Tag fuhren der J. und ich mit dem Auto die Gorges du Verdon entlang. Ich starrte in die Schlucht, die Schlucht starrte zurück, und ich beschloss, zurückzukehren. Zu Fuß.

Überraschender Weise – zumindest für mich – liegt der Wanderweg durch die Schlucht leider nicht ganz unten. Er schlängelt sich vielmehr auf ungefähr halber Höhe die Schluchtwand entlang, und neben einem klafft also 22 Kilometer lang ein mehrere hundert Meter tiefer Abhang und fletscht, wenn man versehentlich mal hinschaut, mit den Zähnen.

Es war eine schöne Strecke, es sah auch toll aus. Aber ich habe nicht sehr viel davon gehabt.

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Sehr tolles Essen

Es ist ein paar Wochen her, da sprachen wir zu sechst darüber, ob wir im Urlaub eigentlich ab- oder zunehmen. Ich glaube, ich bin die einzige, die zunimmt. Ich esse nämlich für mein Leben gern, und zwar ausschließlich ziemlich fettes Zeug. In Frankreich: Törtchen, Fleisch, Muscheln, Fisch, ach: Eigentlich alles. Ich liebe es auch, üppig einzukaufen und dann stundenlang zu kochen.

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Das beste Essen gab es aber auch diesmal wieder außer Haus: Am vorletzten Abend fuhren wir zu viert – die Kinder blieben beim dritten Paar – zu Chez Bruno und aßen Trüffel.

Ich habe niemals mehr Trüffel gegessen oder leckerere Trüffel, und es wird nach menschlichem Ermessen Jahre dauern, bis ich irgendwo Trüffel esse, die diesem Trüffelerlebnis auch nur halbwegs nahe kommen. Aber angefangen bei dem ersten Trüffeltoast, gefolgt von einer sagenhaften Kartoffel mit Sommer- und Albatrüffeln, einer unsagbar tollen dunkelroten Taube mit Foie Gras und Trüffeln, einem fabulösen, vanilligen, angesichts unserer Begeisterung freundlicherweise gleich doppelt gereichten Trüffeleis und einem Pfirsich Melba war jeder Gang perfekt, der Service herzlich, der Wein gut, und wenn ich jemals wieder in diese Ecke Frankreichs komme: Ich komme wieder.

Ganz alte Erkenntnis: Freunde sind toll

Mit Familie H. fuhren wir ja schon weg, als wir alle noch nicht einmal richtige Berufe hatten. Wir waren in Stockholm, in Venedig, in der Toskana, wir waren an der Ostsee, und obwohl wir eigentlich kaum gemeinsame Urlaubsinteressen haben, weil der J. und ich weder campen noch wandern, und Familie H. weder kocht noch teure Restaurants bevölkert, läuft das immer gut. Mit Familie B. waren wir noch nie verreist, auch wenn wir uns auch schon seit 13 Jahren kennen, aber auch mit Familie B. würde ich morgen wieder wegfahren. R. und I. und M. und M.: Ihr seid nämlich super.

Mein Kind ist Instagram

Sie, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, wissen natürlich Bescheid: Diejenigen, die behaupten, Urlaub mit Kindern finde am besten am Ostseestrand statt, wollen Sie nur nicht da haben, wo sie selber sind. Machen Sie sich also auf, packen Sie Kind und Kegel zusammen und besuchen Sie prächtige Ausgrabungen, wenn Ihnen der Sinn danach steht. Zum Beispiel die hier in Paphos.

Glauben Sie keine Minute denjenigen, die Ihnen vorschwindeln, Ihre Kinder würden sich da langweilen. Kinder langweilen sich nicht. Die Fähigkeit zur Langeweile erwacht, glaube ich, erst mit ungefähr zwölf. Das Gegenteil ist nämlich richtig. Kinder sind Instagram: Ebenso, wie Instagram jede noch so alltägliche Szene intensiviert, Ihr ganz normales Alltagsleben mit Warten auf die U-Bahn und komischen Leuten in der Schlange vorm Bäcker aussehen lässt wie ein Film, in dem wahlweise Nina Hoss oder Gene Kelly gleich um die Ecke kommt, ebenso besitzt Ihr Kind die Fähigkeit, das ganze Leben zu dramatisieren, und damit meine ich nicht die Angst, dass es nicht rechtzeitig sagt, dass es mal muss.

Stellen Sie also Ihr Kind – etwa meinen dreijährigen F. – vor ein Mosaik. Man sieht rechts Apollon, links den Sartyr Marsyas und in der Mitte die Musen als Schiedsrichterinnen. „Was machen die da?“, fragt das Kind. Man deutet. Man erklärt. „Um die Wette!“, kreischt das Kind, und um bei dem Wettstreit zwischen leierndem Gott und flötenden Sartyr mitzumachen, verfällt es in einen lautstarken Gesang. Als es zuende gesungen hat, räuspert man sich, unterschlägt die Sache mit der abgezogenen Haut und behauptet, Apollon habe Marsyas mit ein paar Schlägen bestraft. Das reicht aber schon. Der Bub wird vor Empörung knallrot. Am liebsten würde er den Lichtgott bespucken, der ist aber zum Glück ziemlich weit weg. Unter unflätigen Beschimpfungen des Gottes zieht man ihn dann in den nächsten Raum. „Der Kuhkopf“, brüllt der F. freudig beim Anblick des Bodenmosaiks, denn den kennt er schon, und dann gruselt, streitet, freut und triumphiert er mit Theseus über den bösen Minotauros.

In den nächsten Tagen wird er im Hotelzimmer ein Labyrinth aus Stühlen und Papierkörben errichten und dann abwechselnd den Stierköpfigen und seinen Bezwinger verkörpern. „Stirb, elendes Ungeheuer!“, kann man ihn dann brüllen hören, wenn man selbst im Badezimmer sich die Fußnägel lackiert. „Kann ich dich bitte auffressen?“, röhrt das minoische Monster in des F. tiefster Stimmlage zurück.

Anders als Erwachsene sind Kinder offenbar auch nicht darauf angewiesen, dass man auf einer Ausgrabungsstätte irgendwas sieht. Ein Trümmerhaufen scheint zu reichen, und vor des F. Auge ersteht – denn hat man es ihm nicht gesagt? – eine prächtige Burg. Fränkische Ritter reiten, man hört die Pferde geräuschvoll wiehern, über die Zugbrücke, Schwerter werden gezückt, und dann kämpfen der Ritter F. und sein ebenfalls von F. verkörperter Antipode um ein ebenfalls unsichtbares großes Sparschwein. Seit der F. vor einigen Wochen im Rahmen einer Kinderführung im Deutschen Historischen Museum zum Ritter geschlagen worden ist, kennt er sich mit derlei Dingen ja ohnehin bestens aus.

In einem Fort sucht der F. nicht nur sofort die Gefangenen. Er wird sie auch finden. In einer Nekropole führt er lange Gespräche mit den lieben Verstorbenen. Am Felsen der Aphrodite baut er Türme aus den flachen Steinen und fragt neugierig nach, ob hier die „sssöne Frau aus dem Wasser gespringt“ sei. Wenn man bejaht, springt er auch ein bisschen. Anders als fast jeder Erwachsene, den ich kenne, kennt er keinen Zustand der Gleichgültigkeit und des gepflegten Desinteresses. Er geht immer voll mit. Er weint um den abgestürzten Ikaros. Er bewundert den starken Herakles mit der großen Keule. Er fürchtet sich vor dem dreiköpfigen Höllenhund. Er kennt kein Grau in Grau. Er kennt nur Dramatik, starke Farben, große Gefühle. Der F. ist Instagram.

Versuche, eingelassen zu werden

Heute also keine Ausgrabungen. Zum Baden ist es aber auch zu windig. Für Ikonen, von denen sie hier in Paphos einige haben, interessieren sich aber weder der J., noch ich; überhaupt stehen wir beide mittelalterlicher Sakralkunst eher distanziert gegenüber. Das ist auch so ein Ding mit zunehmendem Alter: Früher, schon auf dem Hinweg leicht gelangweilt, aus Pflichtgefühl in jede Kirche gerannt, wissend genickt, Heilige erkannt oder auch nicht, irgendwas über den Altar erzählt, dann dreimal gegähnt und wieder ab. Heute gleich morgens beim Blick in den Reiseführer abgewinkt. Wenn es stimmt, dass Kinder aus schierer Lust an der Revolte immer das Gegenteil von Mama und Papa machen wollen, wird der F. seine Tage damit füllen, über gotische Kathedralen nachzudenken.

Stattdessen also in die Altstadt von Paphos. Cafés stellen wir uns vor, kleine, hoffentlich hübsche Lädchen, im besseren Fall mit schönen Kleidern, Schuhen, Wein und Käse, im schlechterem mit abscheulichem, knallbunten Kunsthandwerk. Ich finde ja nicht nur Kirchen öde, ich mag auch weder Glasobjekte noch Töpferwaren. Holzschnitzereien, Lederwaren und Schmuck sind okay.

Also ein Taxi bestellt, taxifahrerliches Begehren abgewehrt, gleich die Rückfahrt mitzuverabreden. Acht Euro bis zur Markthalle, in der es allerdings ausschließlich Souvenirs und diesen Trödel, den man weltweit Touristen andreht, zu kaufen gibt. Teilweise gibt es sogar dieselben Gegenstände wie in Thailand, nur mit Olivenzweigen statt mit Elefanten. Teilweise haben die Anbieter aber selbst diese Modifikationen gespart und verkaufen auch auf Zypern Minielefanten mit Räucherstäbchen im Rüssel und die gleichen falschen Portemonnaies wie in Asien. Der lokale Gemüsehandel findet wegen des offenkundigen Primats des Andenkenhandels vor der Markthalle statt.

Wir wollen keine Elefanten kaufen. Wir halten Ausschau nach der Innenstadt. Rechts sehen wir eine Moschee, links eine Kirche. Kurz werden wir bei diesem Anblick müde, gähnen beide herzlich, dann wenden wir uns nach rechts und laufen die Straße entlang. Irgendwo muss hier die paphische Innenstadt sein, stattdessen finden wir aber nur ein halbes Dutzend Schuhgeschäfte, die irgendwie unbehaust wirken, so, als würde hier nicht nur jetzt gerade keiner einkaufen, sondern überhaupt nie wieder jemand das Geschäft betreten. Als wir die Schuhgeschäfte passiert haben, kommen wir zu Optikern, die aus irgendeinem unnennbaren Grunde genauso wirken. Gerechterweise muss man zugeben: An den Auslagen liegt es nicht, die sind in Ordnung.

Die Hälfte aller Läden ist leer. Ich denke nach. War da nicht was, Rettungsschirm, Rettungsauflagen, und ist vielleicht sozusagen und zugegeben umstrittenerweise Angela Merkel schuld an wirtschaftlichem Niedergang und Verfall? Oder ist hier etwa gar nicht die Innenstadt, und an einem andernorts gelegenen Platz befinden sich die belebten Boutiquen, angefüllt von einem geschäftigen Rascheln aus Seidenpapier und dem zufriedenen Klacken von Absätzen auf gut gepflegtem Marmor? Wir kehren also um.

An der nächsten Kreuzung bleiben wir stehen. Geradeaus stehen ein paar amtlich wirkende Gebäude. Schräg links sehen wir eine Tankstelle und ein paar Schilder, denen zufolge man hier die Stadt verlassen kann. Auf der Ecke befindet sich eine hübsche Weinbar, Tische vor der Tür unter einer Markise, die steuern wir an. Da sitzen wir also und der Verkehr donnert links an uns vorbei.

Der F. und der J. teilen sich ein Clubsandwich. Der F. trinkt Apfelsaft, der J. ein tröstendes Bier, und ich sauge durch einen mattschwarzen Strohhalm einen Orangensaft ein. Um die Ecke, nur fünf Minuten entfernt, befinde sich der Zoo, behauptet die freundliche Kellnerin auf Anfrage, und wir lassen aufatmend den Plan fallen, die Innenstadt zu suchen. Die gebe es vielleicht auch gar nicht, behauptet der J., der bei der Googlebildersuche nichts gefunden haben will. Ach so, sage ich und schaue im Internet nach, was es im Zoo für Tiere gibt.

Als wir uns etwas später noch einmal mit der Kellnerin unterhalten, nimmt die freundliche Kellnerin alles zurück. Der Zoo sei nicht hier, sondern ganz woanders. 25 Minuten sei das weg mit dem Auto. Ein Auto haben wir aber nicht gemietet, wegen des Linksverkehrs, vor dem wir uns fürchten, und deswegen geben wir auch dieses Vorhaben auf. Kurz spähen wir in die letzte noch nicht begangene Richtung und schauen in leere Friseursalons und unbelebte Bars. Dann fahren wir ins Hotel zurück.

Morgen besser wieder Ausgrabungen.

Nie wieder, immer wieder

„Schön hier!“, seufzt der J., und ich hebe meine Kaffeetasse und seufze ein bisschen mit. Morgen geht es heim. Das Meer wird mir fehlen. Das gute Essen. Ohne auf die Uhr zu schauen stundenlang durch provenzalische Gässchen zu laufen. Überhaupt, das Leben im Freien. Côte d’Azur also: Immer wieder.

Nicht so sicher bin ich mir, ob es auch wieder ein Ferienhaus sein muss. Schön, so ein Garten ist nett. Der F. spielt den ganzen Tag draußen, hat eine kleine Rutsche, ein Spielhäuschen, es gibt eine Laube und einen Grill, und wir haben so viel Platz, dass wir uns in das kleine Gästehäuschen im Garten leichtsinnigerweise – aber dazu später mehr – Besuch eingeladen hatte. Nachteil aber: Ich hasse es, zu putzen. Und hier ist ja die getreue B. nicht vor Ort, die dafür sorgt, dass wir in Berlin nicht im Dreck versinken. Subjektiv trage ich also den ganzen Tag Teller, Lappen, T-Shirts und volle Tabletts von der Küche auf die Veranda und zurück. Ich hänge Wäsche auf, ich fege aus, und wenn mir der J. keinen Kaffee kocht, dann tut es keiner. Scheußlich ist das. Vielleicht beim nächsten Mal doch wieder ein Hotel. Oder eins dieser Resorts, in denen man so eine Art Haus hat, aber jeden Tag kommen Zimmermädchen, und morgens gibt es Frühstück. In Thailand im Januar war das ganz gut. Da hatten wir ein Hausboot, das aber zu einem Hotel gehörte. Perfekt war das, das Beste aus beiden Welten. In Sainte Maxime aber vermutlich weder verfügbar noch bezahlbar.

Was auch an diesem – an sich sehr hübschen – Haus nervt: Sogar um Brot zu holen, braucht man ein Auto. Dorfbewohner stört das vermutlich nicht. Die kennen das nicht anders und betreiben ohnehin eine ausgefeilte Vorratswirtschaft. Ich aber empfinde das als deutlich einschränkend. Letztes Jahr waren wir in der Innenstadt von Menton, da konnte man abends einfach zu Fuß Essen gehen. Da hatten wir gar keinen Wagen. So abgelegen möchte ich nicht wieder wohnen. Überdies verträgt der F. Serpentinen, Kurven und lange Fahrten generell sehr schlecht. Man sieht dann leicht die jeweils letzte Mahlzeit zweimal.

Auch, wie der Volksmund so sagt, auf der Streichliste steht Familienbesuch. Wir hatten diesmal in das Gästehäuschen eingeladen. Nicht ganz ohne Hintergedanken: Für zwei, drei Tage Großeltern da zu haben, erschien uns eine großartige Sache. Tolles Essen zu zweit, ein Ausflug ins Gebirge. Ich mailte also, man könne für ein paar Tage vorbeikommen. Meine Schwiegermutter buchte dann ohne weitere Rückfrage Flüge für einen Aufenthalt von acht langen Tage und setzte sich mit meinem Schwiegervater erwartungsvoll auf die Terrasse. An Tag drei fasste ich einen festen Vorsatz: In Zukunft verbringe ich meinen Urlaub nur noch mit Leuten, die klug, weltoffen, freundlich, hilfsbereit und ehrlich am Urlaubsland, seiner Küche und meiner Gesellschaft interessiert sind. Wenn diese Leute dann auch noch Kinder in F.’s Alter haben, um so besser. Ein weiterer – nicht auf Urlaubszeiten beschränkter – Vorsatz: Für Kompromisse ob des lieben Friedens willen, habe ich keine Zeit, und Verwandtschaft gibt niemandem das Recht, mich anzuöden oder zu verärgern.

Ansonsten gern mehr vom Gleichen. Mehr Mittelmeer. Mehr vom Glanz der leuchtenden Küste. Mehr Muscheln, mehr Eis, mehr von diesen großartigen Törtchen. Mehr Zeit mit dem singenden, tanzenden F., mit dem J., mit Füßen im Sand und schwankenden Pinien. Mehr Cannes. Mehr von diesem grandiosen Roten von einem Weingut namens Chateau de Mauvanne, in dem ich gern baden würde. Mehr von diesen durchgelebten, aufgeputschten und behängten alten Damen mit ihren Hündchen, die mir beruhigend vor Augen führen, dass das Leben mit 80 zwar nicht mehr gut anzusehen, aber offenbar immer noch recht vergnüglich sein kann. Und mehr vom Licht. Dieses Licht. Dieser Himmel.