Freundin

Vielleicht, sage ich, kommst du vorbei, und dann könnten wir einfach in der Küche herumsitzen und ziemlich viel Sekt trinken. Einen guten, so einen Super-Alte-Damen-Sekt, und nicht diese saure Brühe, die sie auswärts gern als Sekt ausgeben, und dann kommt man nach Hause und hat ratzekahl keine Magenschleimhaut mehr. Dabei hören wir ganz laut Musik. Vielleicht bringst du dir mit, was du vielleicht anziehen willst, und probierst der Reihe nach alles an.

Wenn mir etwas nicht gefällt, dann werde ich dir das sagen. Das pistaziengrüne Kleid zum Beispiel mit den Glasperlen im Ausschnitt. Das sieht schon ziemlich scheußlich aus. „Mo-odeste!“, wirst du protestieren, und barfuß im grünen Kleid durch meine Wohnung tanzen, um zu zeigen, wie schön das Kleid sein soll, wenn man es nur tragen kann, so wie du.

Bestimmt ziehe ich auch ein paar Sachen an. Den braunen Tüllrock zum Beispiel. Also, ich finde den schön. Und ein schwarzes Oberteil, davon habe ich circa zwanzig, weil ich hoffe, dass Schwarz schlank macht, und ich hab’s doch nötig. Stimmt gar nicht, wirst du sagen, und ich werde mich freuen, auch wenn‘s nicht stimmt.

Du rauchst ja seit Jahren nicht mehr. Ich werde rauchen, bis die Ärzte mich aufgeben, habe ich mir vorgenommen, und zünde mir so viele Zigaretten an, bis sogar die Katze hustet. Ab und zu reiße ich das Fenster auf, und sehe dem Rauch nach, eine dicke graue Wolke, die sich langsam auflöst in der nächtlichen Luft.

Bei mir im Bad kann man sich ja nur im Stehen schminken. Du hast dir vom Flohmarkt einen richtigen Schminktisch mitgebracht, der steht bei dir im Bad, so ein Divenmöbel, vor dem man sitzen und sich bemalen kann, aber du machst das ja auch, und ich nicht. Letztens, erzähle ich dir, während du dir die Augen schminkst, war ich im Lafayette und habe mir zwei sauteure Lidschatten aufschwatzen lassen von Bi*otherm, die wahrscheinlich großartig aussehen, aber nicht an mir. Bei mir geht diesbezüglich irgendwie nichts, bedaure ich, und du nickst nur noch, weil du das jedesmal hörst, wenn wir übers Schönsein reden.

Wenn das Telefon klingelt, schauen wir erst mal nach, wer hier eigentlich anruft. Bei dir rufen mehr Leute als an bei mir, weil du viel mehr Leute kennst, und darum beneide ich dich ein bißchen. Wenn nette Leute anrufen, die wir mögen, gehen wir ran. Ja klar, höre ich dich sagen. Vielleicht später. Vielleicht auch nicht, denke ich, und verteile den restlichen Sekt auf die Gläser.

Wenn die Flasche leer ist, könnte man eigentlich auch schlafen gehen. Statt dessen stehe ich am offenen Fenster, wühle mit den Fingern ein bißchen in meinen Haaren herum, in der Hoffnung auf besseren Sitz, und höre der Warteschleife des Taxifunks zu.

Der nächste freie Annahmeplatz nimmt meinen Anruf gern entgegen, verspricht man mir, und ich sehe dir zu, wie du lachend mit beiden Händen die Katzenhaare von deinem Oberteil zupfst, den letzten Rest aus beiden Gläsern trinkst, dir im Spiegel zulächelst, und die Nacht lacht zurück.

6 Gedanken zu „Freundin

  1. Es sieht so aus als hätte ich die Geschichte anders gelesen.
    Bei mir kam mehr der Aspekt des Zusammenseins mit der Freundin an.
    Diese besondere Intimität.

    Sicher, Mode und was einem steht oder nicht, ist oft genug ein Thema.
    Meine Freundin ist ein wenig wie Modeste in der Beziehung. Leider.
    Aber eigentlich reden wir mehr über Literatur.

    Unsinnige Vergleiche? Finde ich auch. Ich hasse es, wenn Frauen meinen, sich einem absurden Schönheitsideal anpassen zu müssen. Sie sollten drauf pfeifen.

  2. REPLY:

    Darum geht es aber eigentlich nicht. Der Text könnte auch von völig anderen Gesprächen handeln, es geht um die Atmosphäre so eines Abends, die Vorfreude vorm Ausgehen, die Nähe zu den Freundinnen, die gleichwohl konturiert wird durch eine Prise Neid, oder wenigstens ein gewisses Bedauern, nicht so mithalten zu können, wie man es sich wünscht.

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