In Würde altern

„Der Lack ist ab.“, kommentiert der M. unseren kollektiven Zustand und liegt damit absolut richtig. Das Berufseinstiegsfett, das jeder ansetzt, wenn er seinen ersten Job mit Besprechungskeksen und fettem Business Lunch antritt, wird rund um den Tisch mehr statt weniger. In den irgendwann mal dunkelblonden Haaren des M. sieht man inzwischen ziemlich viele graue Haare und ein bißchen Kopfhaut, und der S., schräg gegenüber an diesem Terassentisch am Ende der Welt entlang der Radstrecke 1 aus S. schlauem Buch über Fahrradfahren in Berlin, hat haupthaarbezogen inzwischen einen Zustand erreicht, den man als „meliert“ bezeichnen könnte.

Die I., sagt sie, bekäme langsam feine Fältchen auf der Oberlippe, und die M., wie ich höre, an den Augen. Wenn ich morgens aufwache, wirke ich seit ein, zwei Jahren schon ziemlich zerknittert, weil meine generelle Spannkraft halt nicht mehr dieselbe ist wie vor zehn Jahren, und dass der Kellner in diesem Ausflugslokal irgendwo in der Nähe des Tegeler Sees uns siezt, liegt vermutlich nicht nur daran, dass das „Sie“ hier allgemein gebräuchlicher ist als im heimischen Prenzlauer Berg: Ich bin auch in den Innenstadtbezirken inzwischen mehrfach zurückgesiezt worden, wenn ich – unbedacht, man ist ja noch nicht lange alt – Verkäuferinnen oder Kellnerinnen geduzt habe. Man fühlt sich dann immer ein bißchen peinlich und plump.

„Da kommt jetzt nicht mehr viel Neues bis zur Rente.“, behauptet die M. ein paar Stunden später in meiner Küche, in der ich Pasta für alle koche, und ich rühre wortlos in der Pfanne mit den Möhren und dem Sellerie, weil mir nichts einfällt, was ehrlich klingt, aber nicht ganz so deprimierend.

23 Gedanken zu „In Würde altern

  1. Nun, ich denke, da kommt durchaus einiges, nehmem wir nur mal die Midlifecrisis, ihren verhärmte Cousine mit dem Namen „Scheidung“ sowie der angenehme kleine Neffe namens „Roadster“. Es wird ganz sicher nicht langweilig.

  2. REPLY:
    Allerdings hört sich das alles nicht so super an wie „Party“, „Auslandssemester“ oder „erste eigene Wohnung“, aber vielleicht unterschätzt man das Erwachsenenalter ja auch.

  3. Vor zwei Jahren mußte ich die Erfahrung machen, daß einer Gruppe Jugendlicher, die ich regelmäßig getroffen habe, das Siezen nicht abzugewöhnen war. Ich fühlte mich dem Schulalter kaum entwachsen, aber deren Sicht war ganz offenbar eine andere – da habe ich mich zum ersten Mal richtig alt gefühlt. Trotzdem hoffe ich, daß da noch was kommt außer Scheidung und Roadster.

  4. Optisch gibts wohl tatasächlich keine Gnade + Drumrumreden: Es ist Verfall. Der soll uns wohl langsam dran gewöhnen, dass es irgendwann zu Ende geht. Am härtesten triffts tatsächlich die Schönheiten … (Jugendlich Unscheinbare erblühen manchmal erst in fortgeschrittenerem Alter oder habens vielleicht früher lernen müssen, sich darob nicht allzusehr zu grämen.) Ansonsten halte ich die Altersfrage für krass überschätzt: Wer in der Jugend Talent für Krawomms, Liebe, Kummer und Überschwang hat, verliert das später meistens auch nicht. Wer jung viel hach macht + Gelegenheiten vorüberziehen lässt, wird auch später leise bedauern, sich vorsichtig sehnen + die Jahre bis zur Rente fürchten.

  5. Vom Standpunkt der Jugend aus gesehn, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit… Man muss alt geworden sein, also lange gelebt haben, um zu erkennen, wie kurz das Leben ist.

    Arthur Schopenhauer

  6. Ja schon, aber das „nicht mehr“ finde ich falsch, das hat nur bedingt mit dem Älterwerden zu tun, auch jung gibt es bestimmte Möglichkeiten nicht. Es ist eine Frage der Wahrnehmung, der Stimmung, der „charakterlichen Veranlagung“, mehr als eine des Alters.

  7. REPLY:
    jetzt mit genau 40 ist alles deutlich entspannter als es jeh war. ich rauche nicht mehr und die kekse lasse ich auch stehen. stattdessen muß ich aufpassen, dass meine schultern nicht aus den hemden wachsen. alles dinge, zu denen mir früher der sinn gefehlt hätte.

    wenn ich heute an 30 oder jünger zurückdenke, kann ich nur noch die hände über den kopf zusammenschlagen. und trotz kennengelernter cousine und neffen kann ich nur sagen: der einzige echte und dauerhafte kick, den es im leben gibt ist ein partner, an dem man sich reibt und mit dem man wächst. täglich. dagegen ist alles andere total langweilig.

  8. REPLY:
    Das mit dem einzig echten Kick ist sehr schön gesagt, timanfaya…

    Ansonsten liebe Madame, ergänzen Sie doch Ihre Liste mit „Designerkleid“, „Sternerestaurant“, „Festspiele“, „edles Hotel“, Sonnenaufgang beim Aufstehen und nicht beim Zubettgehen, nein sagen können, heim gehen können – ein Heim haben – Art Deco Sofa kaufen etc pp

    und was die äußere Schönheit betrifft – fast jede Frau, die ich seit Jahren kenne, sieht heute mit Ende 30 wesentlich besser aus als vor 15 Jahren…

  9. REPLY:
    … dem möchte ich ausdrücklich zustimmen. egal, wie es früher mal war, heutzutage erleben sehr viele frauen ihren optischen höhepunkt um die 40 oder sogar danach*. dies gilt zumindest so gut wie immer für die entspannten unter ihnen. das glück formt die schönsten gesichter.

    * und im gegensatz zu früher ihren ersten „richtigen“ höhepunkt sogar davor!.

  10. REPLY:
    Der Beitrag heißt ja „In Würde altern“, manche Dinge kann man wirklich nicht in jedem Alter machen, ohne albern zu wirken. Jedenfalls nicht an jedem Ort – die „Dinge“ selbst lassen sich sicher weiter zelebrieren. Und manche Dinge machen auch nur gemeinsam Spaß – man findet aber nicht mehr so leicht Leute, die jeden sprichwörtlichen Blödsinn mitmachen wollen. Das stellt man ja schon bei 30-Jährigen fest.

  11. REPLY:
    Ja, Frau B., natürlich hat das Erwachsensein auch seine sehr ordentlichen Seiten. Indes fehlt das, was an Komfot hinzugekommen ist, nun oft an Überraschungen. Dass, Herr Timafaya, viele Frauen heute besser aussehen als mit zwanzig, ist mir aber auch schon aufgefallen. Ich hoffe immer nur, dass es auch die anderen sehen. In einer Welt der sechzehnjährigen Supermodels bin ich da gelegentlich skeptisch. Allerdings gefalle ich mir tatsächlich besser als vor zehn Jahren.

  12. REPLY:
    Ja, Herr Kid, das ist ein Problem. Ein übermütiger Zwanzigjähriger sieht angetrunken singend morgens um 4 auf einem Spielplatz halt besser aus als ein Mitvierziger in derseleb Situation.

  13. Man wundert sich schon, was so bleibt. Bei manchen ist es tatsächlich die Schönheit, bei anderen der Übermut und wieder andere altern eben unangenehm.
    Man muss schon ein bisschen auf sich aufpassen, wenn man nicht als Monster enden will.
    Nachts auf Staßen Tango tanzen, das geht immer noch.

  14. REPLY:
    Die meisten Mitvierziger halten eh nicht mehr oft bis morgens um vier durch, um angetrunken auf Spielplätzen zu singen. Die senile Bettflucht setzt erst etliche Jahre später ein.

  15. REPLY:
    @arboretum

    Na, der letzte Abend in Frankfurt war zwar aktiv schon um 2:00 zu Ende, aber die Hochzeit der Tochter vor einem halben Jahr hat uns auch bis halb vier auf den Beinen getragen, wobei ich lachen musste, als Frau Columbo (62) von 0:30 bis 3:30 Disko-durchtanzte, obwohl wir sonst nur zeitbedingt spärlich in klassischen Tänzen unterwegs sind.
    Mir hat zwar die Stunde im Sinkkasten auch schon gereicht, und am nächsten Tag fühlte ich mich super, obwohl ich einen recht kritischen Arbeitstag hatte.

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