Ach.

Aber seien wir ehrlich: Altern ist Mist. Meistens verdrängt man diese Erkenntnis ganz gut, hier im Bötzowviertel sind alle so ungefähr 35 oder sogar noch ein paar Jahre älter, da fällt das nicht so auf. In meinem Berufsleben ist man sowieso total erwachsen und sieht zudem auch noch so aus, aber dann setzt man sich am Donnerstag abend also aufs Rad, zittert handschuhlos bis nach Neukölln und stellt in der Yuma Bar in der Reuterstraße fest, dass Frédéric Valin wirklich gut schreibt, und dass der Rest der Welt in Neukölln sehr, sehr jung ist und zudem auch noch so aussieht, also gut, sehr gut manchmal sogar, mit diesen langen, glatten, sehr gesunden Haaren, die man ab einem bestimmten Alter halt nicht mehr so hat, und dieser schlanken Pausbackigkeit, die sich auch irgendwann verliert. Alt fühlt man sich, sehr alt, älter als zwei von diesen Leuten zusammen, und weil man außerdem hungrig ist, geht man irgendwo um die Ecke bei einem überraschend ordentlichen Italiener was essen mit dem jungen Herrn, der einen begleitet, den zu fragen man sich gerade gar nicht traut, wie alt er eigentlich denn so ist. Die Antwort könnte nur fürchterlich sein. Nach dem Essen geht man dann sogar noch einmal zurück in die Yuma Bar, unterhält sich sehr, sehr nett und trinkt irgendwas, dessen Namen man nicht behält (so ist das ab einem bestimmten Alter), und rund um einen herum sind immer noch alle 20.

Dürfen die hier schon sein, fragt man sich. Oder darf ich mich hier noch aufhalten, fragt man sich weiter. Ich feiere nie wieder meinen Geburtstag, schwöre ich mir auf dem Weg heim, und wenn doch, dann sage ich keinem, wie alt ich werde oder behaupte irgendetwas, was bei näherer Betrachtung nicht stimmt.

Das Buch von Frédéric Valin namens „Randgruppenmitglied“ ist aber altersunabhängig sehr zu empfehlen.

***

Internet habe ich ja auch nur noch im Café. Ab dem 14.10. soll sich das ändern, das ist gut, aber tatsächlich kommt man sich ein bißchen blöd vor, so mit dem macbook im Spreegold, weil das so etwas Selbstgefälliges ausstrahlt, dabei treibt mich die schiere Verzweiflung, die Sucht sogar nach dem Verbundensein mit der Welt, denn Telephon habe ich natürlich auch nicht, und zudem ist der Mobilempfang in meiner Wohnung ganz, ganz schlecht und bricht ab und zu plötzlich ab.

Ich war noch nie viel zu Hause, weil ich nie weiß, was ich da soll, aber zur Zeit hilft wirklich nur Arbeit oder Verreisen. Morgen fahre ich weg.

***

Das Schreiben im Café ist vor allem wegen der anderen Leute keine ernsthafte Alternative. Neben mir sitzen fünf Frauen, alle so circa 40 und blond bis auf eine, die anscheinend miteinander zur Schule gegangen sind. Jetzt wohnen sie offenbar alle in Berlin, haben sich zum Teil lange nicht gesehen und essen Salat. Alle. Salat.

Die fabelhaft schlanken Frauen um die vierzig erzählen einander den größten Schrott von allen. „Ich will auf keinen Fall eine Küche, die wie eine Küche aussieht.“, sagt gerade die eine der anderen. Vorher ging es um Teilzeitmodelle in großen Kanzleien und Redaktionen oder so. Alle hauen ganz unglaublich auf die Sahne, schwenken den portablen Teil ihrer Besitztümer, und wenn ich jemals, irgendwann, vierzig hin oder her, so werde wie die Frauen neben mir, dann gehe ich nach Hause und hänge mich auf.

33 Gedanken zu „Ach.

  1. ein großartiges stück text. besonders in den ersten satz hab ich mich verliebt.

    und das mit dem im wahrsten sinne des wortes „ins internet gehen“ kenne ich auch zu genüge. in meinem personalhauszimmer gibt es kein netz, dafür aber in der hotel lobby. und da kennt mich jetzt auch wirklich jede_r vom sehen. 😉

  2. Liebe Frau Modeste,

    sagen Sie mir Bescheid wenn Sie nach Hause gehen, damit ich Sie rechtzeitig vom Strick schneiden kann.

    Wäre zu schade, wenn Sie uns abhanden kämen meint

    Blinkyman

  3. Nein

    Nein, nein, denn sooooo alt ist 35 nicht, nur die anderen, die anderen jüngeren sind das Problem…einfach nicht nach Kreuzköln nach 22 Uhr, besser noch überhaupt nicht (r)ausgehen nach 22 Uhr, außer ins teure Restaurante, welches sich die anderen nicht leisten können…..so… Und dann kommt das Reihenhaus und der Salat….

  4. ein traum 😉

    ich kenne dieses gefühl. gerade samstag war ich mit einer freundin im kino und wir haben den dortigen altersdurchschnitt um mindestens 5 jahre in die höhe schnellen lassen ;-). den jungschen (schätzungsweise zwischen 12 und 17) ist es, meine ich, gar nicht aufgefallen, was für alte schachteln *räusper* da in ihrer mitte saßen, nur uns beiden.

    das spricht entweder für unser jugendliches aussehen, oder für unsere paranoia – oder für beides ;-).

  5. bei dem schönen text habe ich sehr gelacht. madame modeste, was werden sie machen, wenn sie richtig alt sind? ich meine, jenseits der 35 oder 40 oder 50? oder womöglich sogar 60 oder 70? oder noch älter? so ist es halt auf der erde – alles geht vom anfang an dem ende zu. unaufhaltsam.

  6. ich betrachte mich gerade angesichts meiner wohn- und lebenssituation als lange im barrique gereift. aber, oder vielleicht deshalb, habe ich auch nichts gegen weißweinschorlen in meiner umgebung. das passt ganz gut.

  7. in meinem optisch etwas seltsamen freundes- und bekanntenkreis [eher köpi statt schorle] tauchen die ersten menschen auf, die über 50 sind. die haben aber teilweise mehr jugend, als mancher mittzwanziger. die zeit der überbewerteten fassaden ist doch wohl irgendwie vorbei. das einzige, was am altern wirklich schlimm ist, ist die tatsache, dass die eltern sterben wie die fliegen und irgendwann der erste in der runde mal nicht bei einem unfall abtritt.

    p.s.: wenn sie sich mal so richtig alt fühlen wollen, besuchen sie ein patrice konzert.

  8. Ach wie schön das sie ab und zu um meine Hausecke herumstreifen. Wenn ich sie mal sehe werde ich mich ihnen zu erkennen geben und dann wissen sie wirklich was alt ist 🙂

  9. Ich überlege gerade, ob die Betrachtung über Küchen vielleicht einfach das Pendant zu den Männern ist, die abends in der Kneipe sitzen und über ihr Bier hinweg „Ich will auf keinen Fall eine 40-Jährige, die wie eine 40-Jährige aussieht“ brabbeln. Also dann, wenn die jungen 35-Jährigen schon schlafen sind.

  10. Sie sind doch in einem Alter, wo die jungen Herren einen gern zum Italiener und in die Bar begleiten und nur allzu gern Ihre Telefonnummer wüssten. Warten Sie erst mal ab, wie es in dem Alter ist, wo Ihnen plötzlich ohne groß nachfragen oder nachrechnen zu müssen aufgeht, dass die jungen Herren eigentlich Ihre Söhne sein könnten.

  11. Ich sehe der 40 gelassen entgegen – und will definitiv eine Küche, die wie eine Küche aussieht.

    Der verbale Müll ist allerdings auch bei mir der Grund, weshalb ich nicht im Café arbeiten kann.

  12. REPLY:
    Mit den jungen Herren habe ich ja abgeschlossen, und nach meiner Telephonnummer bin ich ewig nicht gefragt worden. Ewig. Entweder kennt man mich schon, oder man will mich gar nicht kennenlernen, will mir scheine.

  13. REPLY:
    als konzept halte ich da auch nichts von. konzepte sind was für durch und durch erwachsene menschen die nichts mehr haben außer der planung ihrer karriere. und wen die gescheitert ist, dann bleibt noch die abwicklung der scheidung oder – falls nicht verheiratet – der bezahlte couchlaberonkel. was anderes ist jedoch, wenn man es ganz natürlich lebt ohne darüber nachzudenken. es muss schon von selbst und ohne anlass so sein …

    p.s.: und die [ernstgemeinte?] frage nach patrice … naja, die spricht deutlich gegen ein jung bleiben. das ist der, der jedes jahr beim summerjam in nrw ein messbares erdbeben auslöst. ’n kölsche jung halt …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Sie möchten einen Kommentar hinterlassen, wissen aber nicht, was sie schreiben sollen? Dann nutzen Sie den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken