Hin und her und Langeweile

Es begab sich aber vor einiger Zeit, dass eine nicht mehr ganz junge Frau vom Prenzlauer Berg – wir wollen sie X. nennen – sich mit ihrem langjährigen Freund schrecklich zu langweilen begann. Alle, die sie kannten, waren erstaunt. Ihr langjähriger Freund war schließlich auch schon in den fünf vergangenen Jahren ziemlich langweilig gewesen, aber irgendwie fiel der X. das erst Mitte 2010 richtig auf.

Nun trennt man sich mit 38 nicht so leicht von einem langjährigen Freund wie mit 28 oder gar mit 18. Die X. trennte sich also nicht. Sie zog nicht aus, sie blieb in der gemeinsamen Wohnung und ging einfach nur etwas häufiger vor die Tür, um sich abzulenken und mit Leuten zu sprechen, die nicht so langweilig waren wie ihr langjähriger Freund.

Eine ganze Weile fiel das niemandem auf. Schließlich kann eine erwachsene Frau einen Haufen Gründe haben, beispielsweise Konzerte und Ausstellungseröffnungen aufzusuchen. Auch ist es weder erstaunlich noch verwerflich, neue Bekanntschaften zu schließen. Irgendwann scheint ihr Freund aber doch Verdacht geschöpft zu haben.

Statt die X. auf ihre Abwesenheiten und insbesondere auf einen gewissen M., einen Kreuzberger Maler, anzusprechen, suchte ihr langjähriger, aber langweiliger Freund allerdings Halt bei einer gewissen Y., einer Arbeitskollegin aus Mahlsdorf, die sich Ende 2010 nach einer kleinen Weile indes ernsthaft in den langjährigen Freund verliebte. Das hatte dieser nun auch wiederum nicht beabsichtigt.

Die abservierte Y. war gekränkt und getroffen und rief unverzüglich die X. an. Diese reagierte halb belustigt, halb aber beleidigt, denn wer wird schon gern hintergangen mit einer dicklichen Sachbearbeiterin mit einer der hässlichsten Brillen Berlins? Die X. machte dem langjährigen Freund also eine fürchterliche Szene und warf ihm alles Mögliche vor, unter anderem seinen fehlenden Unterhaltungswert und die Unscheinbarkeit seiner Affäre. Weil aber die X. dabei ganz außerordentlich in Fahrt geriet, gestand sie im Zuge dieses lautstarken Monologs en passant auch die Liebelei mit dem M.

Der langjährige Freund fuhr unverzüglich beim M. vorbei, um mit diesem zu sprechen. Dieser jedoch war gar nicht zu Hause. Dafür traf der langjährige Freund die Frau des M. an, die sich seine Ausführungen ausgesprochen aufmerksam anhörte. Anschließend sprachen beide sehr, sehr intensiv mit dem M., der daraufhin zu Hause auszog und erst wiederkam, als seine Frau die Wohnung verließ.

Die Frau des M. wohnt, wie man hört, nunmehr mit dem Kind des M. wieder in Wiesbaden. In der Kreuzberger Wohnung des M. wohnt mit ihm gemeinsam die X. Die Y. sucht nach einer großen Enttäuschung im Internet einen ehrlichen und treuen Gefährten, und der langjährige Freund hat beim Verkauf der ehemals gemeinsamen Wohnung im Winskiez einen so großartigen Schnitt gemacht, dass die ganze Sache, immerhin, zumindest finanziell auch ihr Gutes gehabt haben soll.

In Neukölln hat der langjährige Freund nun eine schöne, neue Wohnung, viel größer als die alte, und harrt der nächsten, hoffentlich weniger gelangweilten Frau.

22 Gedanken zu „Hin und her und Langeweile

  1. Kurzum, die einzige, die am Ende vermutlich etwas gekniffen ist, ist die ehemalige Frau des M., alleinerziehende Mutter des Kindes. Und die Y. wird wahrscheinlich noch ein paar Enttäuschungen erleben.

  2. Jetzt weiß ich, wovor ich mich mein Leben lang gefürchtet habe: als langweilig beurteilt zu werden.
    Vielleicht ist das der Genuss des Alters, dass es mir jetzt egal wäre.
    Wirklich egal, denn mein Leben mache ich mir sowieso selber…

  3. Wenn nun auch noch die Frau des M. dem langjaehrigen Freund der X. verfallen waere, waere es ganz und gar vollkommen gewesen. Vollkommen seifenopernkitschig, und irgendwie grauenhaft belustigend.

  4. mhh

    … was ist mit der Y. ? „dicklich“ ist doch bei Ihnen sicher so zu verstehen, dass die Dame Größe 38 hat …? und die Brille könnte man(n) ihr doch abnehmen?
    „Sachbearbeiterin“ dürfte heißen, dass sie regelmäßig um 16 Uhr frei hat? Und möglicherweise ein wenig unterbelichtet ist? Na, reden kann ich doch mit meinem Frisör.
    Und „Y.“ spricht nicht für „Xanthippe“.
    Internet-Erfahrung sammelt sie auch schon – da bleibt doch nur die Frage: ist sie moralisch und räumlich flexibel?
    Bitte, weiter im Text, ich sehe da viel Licht am Ende des Tunnels …

  5. Was ich mich bei diesem wunderbaren, wie immer auf in jeder Hinsicht höchstem Niveau formulierten Text sofort gefragt habe: Hat er womöglich autobiographische Züge, und Sie sind nach Kreuzberg gezogen?

  6. REPLY:

    Ach, die Y. findet bestimmt bald einen neuen Herrn. Ich habe mal gehört, dass Frauen ohne Studium viel leichter an den Mann zu bringen seien, weil der Pool der potentiellen Kandidaten größer sei und mancher sich ein bequemeres Leben mit einer etwas schlichteren Dame verspricht. Die braucht keine Katze. Und die Frau des M. hat ja das Kind. Außerdem, was weiß man, wie es mit ihr in Wiesbaden aussieht. Vielleicht dreht das Karussel sich da ja ganz schnell weiter.

  7. REPLY:

    Aber Depardieu tunlichst vermeiden. Eine ganze Weile habe ich an sich recht interessant anmutende Filme in größerer Zahl vermeiden müssen, weil ständig dieser häslichste Mann des Kontinents auftauchte.

  8. Mit der Y? Was will er denn mit der? Da hat die X aber recht. Mit der Frau hintergangen zu werden ist vollkommen rücksichtslos.

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