Ich liege auf dem Bauch und starre nach unten. Über mir schiebt und drückt eine Physiotherapeutin an meinem Rücken herum, bis es knackt und kracht, und ich überlege, ob ich darum bitten soll, dass die laufende CD, die vermutlich „Zauber der Stille“ oder „Finde dich selbst“ oder so heißt, ausgemacht wird. Dann aber schweige ich und beobachte durch ein Loch in der Liege die nackten Zehen der Therapeutin. Sie hat – fällt mir auf – eigentlich ganz schöne Füße.
In meinem Nacken kracht es, als würde sich irgendwo zwischen Hals uns Rücken ein Steinbruch befinden, in dem gerade richtig große Granitbrocken talabwärts rollen. Ganz kurz zieht die Physiotherapeutin auch an meinem Kopf, etwas löst sich, zieht sich sofort wieder zusammen, und dann lässt sie – um ein Geringes zu kurz – wieder los. Sofort flutet der Schmerz wieder das Knochen und Fleisch.
Auf einmal werde ich unendlich müde. Die drei Tage mit viel zu wenig Schlaf fordern ihren Tribut. Ich wäre jetzt, gähne ich, sehr gerne am Meer. Sand, Strandhafer. Gischt und schlagende Wellen. Schreiende Möwen, ein unendlicher Himmel genau auf der Grenze zwischen weiß und blau. Kein Mensch sollte mit mir am Strand liegen, ganz allein wäre ich da. Der erste Mensch möchte ich sein, den Ozeanen entstiegen, und kein Morgen wäre jemals gepriesen als dieser von mir. Allein.
Thailand, denke ich. Also so eine Hütte am Strand, wo man hingeht, wenn man ein bisschen verspannt ist, und da setzt sich dann so eine schweigende Dame zu einem und knetet einen so richtig durch. Bis der ganze Rücken glüht. Oder zumindest eine Physiotherapeutin, von mir aus auch so eine richtig krachend berlinerische Frau, die sich erst wortreich über das Ausmaß der Verspannung verbreitet, und dann derb, aber wirksam zugreift. Dann stünde ich auf, würde – oh, welche Wohltat – den Kopf drehen, und ginge schmerzfrei wieder nach Hause.
Statt dessen habe ich schon zwei Wärmepflaster ergebnislos verschlissen. Ich war mehrmals sehr heiß baden. Der J. musste auch ran und meinen Nacken kneten. Ich habe mich dann sehr, sehr, sehr auf meinen Nacken konzentriert und versucht, mich Muskel für Muskel zu entspannen und dabei nach Möglichkeit nicht zu lachen, weil das so wehtut, und eine Nacht einbalsamiert in Kytta-Balsam geschlafen. Ob ich von dem Gestank oder meinen Nackenschmerzen so früh aufgewacht bin, weiß man nicht genau. Heute nachmittag haben sich meine Müdigkeit und die Musik überraschend guter Bands auf der Fête de la Musique jedenfalls zu einem sehr sonderbaren Wahrnehmungscocktail vermischt.
Morgen sieht es im Übrigen sehr schlecht aus mit Thailand. Und fast genauso schlecht mit einem Termin bei Physiotherapeutens, weil morgen der J. lange arbeitet, und ich um fünf den F. abhole, und wenn der J. dann nach Hause kommt, ist es selbst einen Tag nach Mttsommer zappenduster und alle Physiotherapeuten schlafen.
So lange lebe ich also mit meinen Gebrechen. Ich schaue nach Möglichkeit nur geradeaus. Ich mahle ein bisschen mit dem Unterkiefer, weil der bedingt durch die Verspannung so etwas Ähnliches wie synchrone Zahnschmerzen aller meiner Zähne verursacht, und außerdem bin ich grauenhaft gelaunt. Wenn Sie mich morgen ansprechen, um mir einen Lottogewinn zu überbringen, werde ich Sie voraussichtlich anspucken. Oder beißen. Möglicherweise breche ich aber auch einfach in Tränen aus.
Wir saßen im Studentenwohnheim auf dem Boden im Appartement der C.2, ich war gerade 19 geworden, und wir tranken eine Bowle aus dem Rotwein von plus, Zucker und klein geschnittenem Dosenpfirsich, und die M.3 sang und spielte Gitarre. Ich lackierte mir die Fußnägel mit einem knallroten Nagellack, den die C.2 bei Douglas in der Fußgängerzone gekauft hatte, und die C.2 las uns eine Postkarte vor, die ihr jemand geschrieben hatte, den sie ganz gut fand. Dabei lehnte sie sich weit zurück, und als sie den Kopf so weit zurückbog, dass ihr Haar in einem Winkel von fast 45° auf den Boden hing, sah ich ihr erstes, graues Haar. Die C.2 war gerade 20. Ich öffnete erst den Mund, und schloss ihn dann wieder und sprach nie, nie, nie von dem einen, ersten grauen Haar, um die C.2 nicht zu deprimieren, die es ohnehin nicht so ganz leicht hatte in jenen Jahren. Es blieb auch ein verirrter Einzelgänger.
Solche ersten grauen Haare sehe ich heute oft: In den Augenwinkeln einer Freundin, die Lachfältchen, die sich irgendwann nicht wieder glätten. Die hohe Stirn eines Freundes. Die tiefe Nasolabialfalte einer Bekannten. Eine lange nicht gesehene frühere Kollegin, deren Unterlippe irgendwie langsam verschwindet. Manchmal hängen diese ersten grauen Haare Leuten, die man lange kennt, auch quasi aus dem Mund. Wenn ein alter Freund ab und zu so richtig grämliche Sachen sagt, die klingen, als sei die Welt seit der Reformation eigentlich täglich schlechter geworden. Wenn eine Freundin behauptet, zu ihrer Zeit hätten weder sie, noch ihre Freunde … worum es genau ging, habe ich schockiert vergessen. Derzeit ärgert sich ungefähr die Hälfte aller Leute, die ich kenne, ständig über die Generation Y, und erst gestern habe ich eine Frau in so circa meinem Alter auf einem Straßenfest sagen hören, vor zwanzig Jahren wären die jungen Mädchen nicht so schlampert herumgelaufen wie heute.
So etwa, da bin ich mir sicher, würde ich niemals sagen. Zum einen erinnere ich mich sehr genau an 1995 und darf hiermit versichern, dass die Welt nicht so gar anders aussah als heute. Zum anderen, und das ist mir wichtig, will ich nicht an Leib und Seele so grauhaarig werden, und fürchte doch – mal mehr und mal weniger – dass meine eigenen grauen Haare nur anderswo angebracht sind. Wie es so zu gehen pflegt: Da, wo ich sie am wenigsten sehe.
Hach, sage ich. Wenn das so weitergeht, muss ich mein Blog noch schließen. Mein gesamtes Sozialleben dreht sich um die Kinder, entweder, weil meine Freunde und ich mit allen unseren Kindern irgendwo sind, oder weil wir irgendwo sitzen und über die Kinder sprechen. Ins Kino schaffen wir es alle zusammen nur alle paar Monate mal, zuletzt in Birdman, und da können Sie sich ja schon denken, dass das nicht gestern war. Mit dem Theater oder Tanzengehen sieht es ähnlich aus, und wenn ich es irgendwohin schaffe, um da was zu essen, kann man sicher sein, dass die ganze Stadt schon da war. Vorgestern zum Beispiel, da war ich in der Cordobar in der Großen Hamburger Straße. Das ist toll da, aber das haben Sie natürlich schon gewusst.
Irgendetwas, über das zu schreiben sich lohnt, passiert mir daher eigentlich nie. Auch meine Freunde erleben nämlich nichts, was interessanter wäre als die Frage, wann der Sohn der lieben C. aufsteht und läuft, wann der kleine F. endlich Fahrrad fährt, und ob die Tochter der I. noch diesen Sommer Seepferdchen macht. Oder sie erleben es doch, aber kommen wegen der ununterbrochen plappernden Kinder nie dazu, es mir zu erzählen. Wenn wir alle uns nicht um unsere Kinder kümmern, arbeiten wir, und das wollen Sie doch gleich gar nicht wissen. Da blieben eigentlich nur die kinderlosen Freunde, aber die erzählen mir nichts, vermutlich, um nicht meinen Neid zu erregen. Höchstens vielleicht diese Sache mit der D. … aber urteilen Sie selbst.
Stellen Sie sich also – wir schreiben das Jahr 2003 – eine junge D. von damals 25 vor, die als Praktikantin im Bundestag die Zeit bis zu ihrem Referendariat überbrückte, des Nachts feiern ging und mit ihrem Mitbewohner sehr friedlich und rein gar nicht amourös in der Schliemannstraße vor sich hin lebte. Die Schliemannstraße, Sie werden sich erinnern, war damals noch verhältnismäßig studentisch-verstrubbelt, und auch die junge Frau war noch in einem Stadium ihres Lebens, in dem sie erstens alles aß, zweitens auch völlig egal, wann, und drittens eines Morgens von einer Wurstbude in Mitte einen schönen Fremden einfach mit nach Hause nahm.
Sie hätte dem Fremden ebenso gut ihren richtigen Namen sagen können. Dass sie stattdessen behauptete, „Sandra“ zu heißen, lag einfach daran, dass auch er ihr seinen Namen nicht verraten wollte, sondern behauptete, er heiße „Andreas“, was Mitte der Siebziger auch eher so eine Art eine Gattungsbezeichnung war. So beschloss man beiderseits, Namen seien Schall und Rauch, und als man – das war einige Stunden später – rauchend auf dem Dach des Hauses in der Schliemannstraße lag und in den Sommermorgen sah, war ihr sowieso egal, ob er nun Hinz oder Kunz oder Rumpelstilzchen hieß. Es blieb dann auch bei Sandra und Andreas, als man sich noch ein paarmal wiedersah, aber dann ging sie für ein paar Monate nach Rio de Janeiro, und als sie wiederkam, zog sie mit ihrem Freund zusammen, arbeitete drei Jahre für eine Kanzlei und dann für einen Verband, und als sie zwei Kinder bekam, verließ sie den Prenzlberg und wohnt heute in Wannsee.
Abendtermine übernimmt sie eigentlich ziemlich ungern. Da muss schon ziemlich was kommen, damit sich der Babysitter lohnt, aber manche Einladungen kann selbst eine Frau, die seit ihrer ersten Geburt vor acht Jahren nach eigenem Bekunden nie wieder nach Mitternacht im Bett war, nicht ausschlagen. Da stand sie dann also gähnend auf dem Fest eines großen Industrieverbandes, der … ach, eigentlich egal, aß Miniblutwurst auf Minikartoffelschnee auf Löffeln, Krabben auf Wasabicrackern, trank Riesling und plauderte mit Leuten, die sie teilweise kannte, teilweise wenigstens so tat und simulierte sich so durch den Abend. Nach drei Glas Riesling ging es im Übrigen auch wieder ganz gut.
Ganz nüchtern hätte sie möglicherweise allerdings etwas schneller reagiert, als sie so von vage seitlich angesprochen wurde. Sie sah auf. Es war Andreas. Also sozusagen Andreas. Und ganz offensichtlich ging es ihm prächtig, und peinlich war ihm die alte Angelegenheit auch nicht. Man stieß also an auf die alten Zeiten, Andreas holte Wein und Bier und dann wieder Wein, und als gegen Ende alle eingeladenen Gäste verschwunden waren und nur noch die Praktikanten an der Bar standen und tranken, tranken sie in der bar tausend weiter. Was sie zuhause erzählte, als sie morgens um fünf auftauchte, entzieht sich leider meiner Kenntnis.
Eine gute Woche rang die D. mit sich und speicherte die Nummer von Andreas ein halbes Dutzend mal ab, um sie dann ganz schnell wieder zu löschen. Sie rief jemanden an, von dem sie dachte, er müsste ihn kennen, und sprach dann doch lieber über etwas anderes. Dann stritt sie sich mit ihrem Mann über die Frage, wie viele Gäste ein Fünfjähriger zum Geburtstag einladen darf und ärgerte sich so, dass sie Andreas eine SMS schrieb, und am letzten Mittwoch saß sie dann doch in der Lounge des Esplanade Hotel, bestellte schnell hintereinander zwei Tom Collins und war gerade noch so pünktlich zuhause, dass der Babysitter den letzten Bus ganz knapp noch bekam.
Ein schlechtes Gewissen, behauptet die D., habe sie gar nicht. Es sei ja auch quasi nicht sie selber, die nächsten Monat schon wieder, diesmal in einem anderen Hotel, verabredet sei. Sandra sei, das sei mehr als eine faule Ausrede, ganz klar jemand anders, und alles, was Sandra so anstelle habe mit ihr, der D., deswegen sozusagen annähernd rein gar nichts zu tun.
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