Im Kino

Ich gehe ja nicht so oft ins Kino. Dabei laufe ich keine fünf Minuten zum nächsten, sehr schönen Kino, das dazu noch ein wirklich gutes Programm hat. Es hat also etwas mit mir zu tun, nicht mit den Umständen, die in meinem Fall eben keine widrigen sind. Wenn Berlinale ist, muss ich aber ins Kino, denn wenn ich sogar dann zuhause bliebe, kann ich eigentlich auch gleich in die Uckermark ziehen und vom Sofa aus den Kühen beim Grasen zuschauen.

Leider sehe ich quasi nie aufregende Premieren mit Prominenten oder so, weil mir niemand Karten schickt und ich es nicht schaffe, um Punkt 10.00 Uhr, wenn der Vorverkauf beginnt, Karten zu kaufen. Ich gehe also dahin, wo ich Karten bekomme und schaue mir Filme an, die dann auch gern einmal von dem Leben in einer japanischen Nervenklinik handeln oder von dem Coming Out eines mongolischen Hirten. Dieses Jahr habe ich im Berlinaleprogramm nur zwei Filme gesehen.

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Soul war sehr toll. Wie Sie, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, wissen, esse ich wahnsinnig gern. Ich mag alle Foodblogs, sogar die ohne Fleisch, und wenn es nach mir geht, photographiert jeder von Ihnen immerzu alles, was er isst, und postet es auf Facebook. Natürlich mag ich auch die Sektion „Kulinarisches Kino“, in dem immer irgendwie um Essen geht, in diesem Film um zwei Dreisterneköche, den jungen Basken Eneko Atxa und den alten Sushimeister Jiro Ono. Auf den ersten Blick unterscheiden sich beide in so gut wie allen Punkten, die einem überhaupt einfallen. Auf den zweiten eint beide eine Ernsthaftigkeit im Umgang mit Essen, eine Haltung, die sehr schön ist, sehr würdevoll, wie immer, wenn man Menschen bei der Arbeit beobachten darf, die ihre Arbeit lieben. IMG_3747

Der zweite Film „Joaquim“ war nichts. Nachdem ich vor ein paar Wochen in Jarmuschs „Paterson“ ziemlich lange gebraucht habe, um mich aus meinem ziemlich rasanten Alltag so zu verlangsamen, dass ein langsamer Film mich nicht nervös macht, habe ich alle langsamen Filme ausgeschlossen und einen Film über einen brasilianischen Freiheitskämpfer ausgesucht. Revolutionäre sind ja oft sehr unterhaltsam, wenn man die Revolution nicht gerade mitmachen muss, und außerdem mag ich Kostümfilme.

Dieser Film war allerdings so öde, dass ich mich immer noch frage, wie es dem Regisseur gelungen ist, einen zahnausreißenden Offizier, Goldsucher und Liebhaber so langweilig zu porträtieren wie eine schlafende Stubenfliege. Gott, es war die schiere Ödnis, und nach einer Stunde verließen der J. und ich das Kino, um für unsere 12 EUR Babysitterstundenlohn andernorts mehr Spaß zu haben. Wir waren dann erst essen und dann Bier trinken in einem dieser neuen Craft Beer Brauhäuser, die irre viele Biere on tap vorhalten, deren Phantasiebezeichnungen sich keiner merken kann.

Nicht Teil der Berlinale, aber am allerbesten war allerdings der dritte Film: The Salesman, den ich vermutlich nicht beschreiben brauche, weil ihn jeder gesehen hat wegen der vielen Preise und Nominierungen, die, ich schwöre es, jede einzelne hoch verdient sind, weil dieser Film so dicht ist, so klug, so filigran und gleichzeitig so selbstverständlich daherkommt, in einem Zuge von einem Überfall handelt, und von der Frage, wer ihn begangen hat, und welche Rache am Täter geübt werden darf. Von einem Paar, das dadurch in eine Krise gerät. Von einer morschen Gesellschaft, von brüchigen Werten, von einer maroden Stadt, und trotzdem den Optimismus hinterlässt, dass es vielleicht doch Bewegung in kleinen Schritten, Barmherzigkeit und Liebe geben kann, auch wenn jede einzelne Person in ihrem Referenzrahmen gefangen ist wie in einem rostigen, aber unüberwindbaren Käfig.

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