Engel in Action

Nehmen wir, sprach also einer der Engel der Verwirrung zu den anderen, eine beliebige junge Dame. Oder nein. Nehmen wir besser so eine Dame in mittleren Jahren, die sind gefühlvoller. Die Dame ist recht schön und ganz blond und sehr schlank mit Tendenz zur Magerkeit.  Setzen wir die Dame in eine Wohnung, schönes Innenstadtviertel, Altbauten, Antiquitäten, ein bisschen Kunst, mehr so Yasmina Reza als Pollesch, das ganze Setting, und legen der Dame ihr Telefon in Reichweite auf den Tisch. Da soll aber niemand anrufen. Den Gatten der Dame setzen wir nicht ihr gegenüber. Für ihn haben wir uns richtig was ausgedacht, ihn setzen wir nämlich auf einen Diwan in einem sehr hübschen Bed and Breakfast irgendwo ziemlich weit weg, Blick aufs Meer, alles sehr malerisch, und um die Handlung so ein bisschen zu befeuern nehmen wir dem Mann die Kleider weg. Weil nackte Leute ganz allein langweilig sind, platzieren wir eine noch viel jüngere Dame als seine Frau gleichfalls auf den Diwan. Aus Gründen der Symmetrie soll diese Dame auch rein gar nichts anhaben.

Aha, sagen die anderen Engel und nicken. 

Die Berliner Dame wird währenddessen immer unruhiger. Lassen wir sie in ihrer Wohnung hin und herlaufen, nervös mit den ordentlich manikürten Nägeln auf die glatten Oberflächen ihrer Möbel klopfen, wir denken an eine Nussbaumanrichte, Wiener Werkstätten, vielleicht lassen wir sie auch grundlos ihr Kind anraunzen, und außerdem könnte sie Telefonate mit ihrem Assistenten im Büro führen, immer so hart am Rande der Hysterie. Davon ruft ihr Mann aber auch nicht an.

Die Ärmste, seufzen die anderen Engel. 

Schließlich – Wochen sind vergangen – sehen wir die inzwischen ziemlich abgemagerte Dame mit bläulichen Schatten unter den Augen hektisch mit ihrem Telefon fuchteln. Ihr Mann war zwar zwischendurch kurz da, jetzt ist er aber wieder weg, und die Dame ruft in immer kürzeren Abständen ihre Mutter, ihren Bruder, ihre mitfühlenden Freundinnen und die lustige, böse Freundin, die jeder hat, an und holt sich Tipps für den Umgang mit dem Abwesenden. Die meisten Tipps sind schlecht bis unbrauchbar, schließlich kann man jemanden, der nicht da ist, schlecht rauswerfen, und außerdem hilft es der Dame überhaupt nicht, mit jemanden, der nicht anruft, Schluss zu machen. Davon ruft er schließlich erst recht nicht mehr an. Die böse Freundin hat dann die rettenden Idee.

Oh nein, stöhnen die anderen Engel und halten sich die Hand vor den Mund. 

Tja, grinst der Engel der Verwirrung, scrollt im Handy der Dame ziemlich weit nach unten, drückt auf einen Namen, der eigentlich auch gar nicht so wichtig ist, lässt die Dame ein bisschen plaudern und flüstert ihr einen Treffpunkt ins Ohr. Und einen Termin. Für die Berliner Engel: Das Soho House.

Setzen wir nun die Dame an einen Tisch, setzen wir einen eigentlich ganz egalen Herrn daneben, lassen wir die Dame täuschend echt lächeln, die beiden einander sich zuneigen, bis sich sehr helles und sehr dunkles Haar berühren, vermischen, wie eine in den Achtzigern einmal sehr moderne Frisur. Den Herrn immer mehr Wein nachbestellen, irgendwann beim Kellner einen Schlüssel ordern, der dann auch kommt, die beiden sich küssen, das Zimmer aufsuchen, zum dem der Schlüssel passt, und dann blenden wir ab. Engel, die wir sind.

Schade, wispern einige der jüngeren Engel und stoßen sich glucksend mit den Ellenbogen an. 

Während dessen lassen wir den Gatten besagter Dame mit einer anderen, ebenso jungen Person sich ganz anderswo auf einem Sofa herumrollen. Lassen wir die mitfühlenden Freundinnen besorgte Warnungen aussprechen, die Mutter von nichts wissen, den Bruder desgleichen, und das Kind in einer ganz anderen Wohnung auf dem Sofa sitzen und angstvoll warten, was nun geschieht.

Das aber, sagt der Engel der Verwirrung, wisse er selbst nicht, denn auch er könne sich nur die Locken raufen und die kleinen, silbernen Hörner kratzen, die zwischen den goldblonden Strähnen verführerisch blitzen.

 

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2 Gedanken zu „Engel in Action

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