Tagebloggen (2.10.18)

Ich friere und mein Sattel ist nass. Ob diese Stadt eigentlich keinen Herbst kann, habe ich mich aufgehört zu fragen nach all den Jahren, aber als ich an der Schule ankomme, habe ich diese Stadt verflucht und ungefähr die Hälfte ihrer Bewohner und ihre Verkehrsbetriebe dazu. Ich hasse heute alle. Ich will nach Hause, eine warme Decke, Champagner und die Godiva-Pralinen ohne alkoholische Füllung. Leider ist nichts davon verfügbar.

Mein Sohn ist dafür um so aufgeräumter. Er ist meistens glänzender Laune, heute aber ganz besonders, weil er seinen besten Freund aus dem Kindergarten trifft. Leider geht er nicht zur selben Schule, wie es überhaupt die ganzen Kindergartenkinder in verschiedene Richtungen verstreut hat. Um so herzlicher wird er umarmt, als die beiden sich in der Schule des Freundes sehen. Einige Meter vor mir laufen sie zu zweit zu uns nach Hause und erzählen sich etwas über Lehrerinnen, Essen, Schließfachsysteme, Banknachbarn und AGs.

An der Ampel werde ich hellhörig. Gerade ging es um die Sieben Weltwunder. Jetzt berichtet der F. vom offenbar achten Weltwunder: Dem Schokoladenbrunnen in einem All-Inclusive-Hotel auf Malta. Ja, genau. Da waren wir nämlich, der F. und ich, als ich im Frühling viel Zeit hatte und spontan einem Angebot im Internet gefolgt war. Die Reise war spottbillig, auf Malta waren wir noch nicht. Der geschätzte Gefährte, der ein solches Etablissement niemals betreten würde, hatte eh keine Zeit, und ich schwöre, es war nicht so erschreckend, wie man denkt, wenn man an All Inclusive Hotels denkt.

Tatsächlich war unser Zimmer groß, die Pools sehr okay, ich mochte das Essen und wir waren jeden Tag unterwegs. Allerdings kam es zu einer unvorhergesehenen Panne: Der F. fand das Hotel toll. Er fieberte jeden Tag auf die Shows am Abend hin, die ich mir mit jeweils zwei Gin Tonic schöntrank. Er liebte die Buffets und es tat ihm um jede Mahlzeit leid, die wir wegen Besichtigungen verpassten. Und am Sonntag, einen Tag vor Abreise, wurde er eines veritablen Wunders teilhaftig: Auf dem Buffet stand ein Schokoladenbrunnen und rundherum lagen Spieße mit Marshmallows und der F. durfte sich nehmen, so viel er wollte. Ich glaube, er stieß sogar kleine, entzückte Freudenschreie aus. Weil er weiß, dass Leute ungern Kinder freudenschreien hören, ging er zu diesem Zweck kurz vor die Tür.

Wir waren mit dem F. wirklich überall. Er kennt Bauernhöfe und Luxushotels, Ryokans und dänische Holzhäuser, er war in Kyoto ebenso wie am Tegernsee, an der Côte d’Azur und in der Toskana, in Split und Heiligendamm, auf Kreta und in Florenz, in San Francisco wie in Verona: Aber wenn Sie ihn heute fragen, was ihn auf Erden am meisten beeindruckt hat, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass er Ihnen den Schokoladenbrunnen nennt. In dem Supersonderangebotshotel auf Malta. Seinem besten Freund hat er Hotel wie Schokoladenbrunnen jedenfalls angepriesen wie der Baedeker den Petersdom.

11 Gedanken zu „Tagebloggen (2.10.18)

  1. … Weil er weiß, dass Leute ungern Kinder freudenschreien hören, ging er zu diesem Zweck kurz vor die Tür….

    Das tat ich auch immer wenn wir in Urlaub waren.

    Vielen Dank für die Erinnerung

  2. Ich finde es auch erstrebenswert, wenn Kinder nicht überall ungehemmt lärmen und zur Rücksichtnahme anderen gegenüber erzogen werden.

    Wenn Kinder allerdings zum Freuen vor die Tür gehen, dann stimmt mich das eher irgendwie traurig. Und das finde ich dann auch keinesfalls erstrebenswert …

  3. F. muss dann unbedingt das Kölner Schokoladenmuseum mit einem gigantischen Schokobrunnen besichtigen. Dort werden Waffeln mit der flüssigen Schokolade gereicht.

  4. Ich ueberlege Ihnen ein Schokoladenbrunnen zukommen zu lassen. Damit kann man wohl die Liebe und die Freude auf dieser Welt auf einfache Art und Weise vervielfachen.

  5. „ Weil er weiß, dass Leute ungern Kinder freudenschreien hören, ging er zu diesem Zweck kurz vor die Tür.“

    Ich glaube, das ist der traurigste Satz, den ich seit langer Zeit gelesen habe.

    1. Naja, hätte er an Ort und Stelle freudengeschrien, wären die älteren englischen Paare, die ansonsten dieses Hotel füllten, vermutlich leicht verstört gewesen.

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