Die Buchhändlerin

Meist am Freitag kam ich an der „Bücherstube“ vorbei, zwischen Uni und Innenstadt gelegen. Die Bücherstube war winzig klein, ein langer, dunkler Raum mit kleinem Schaufenster, das stets mit Bücher dekoriert war, von der die Hausherrin gewusst haben muss, dass die Werbewirkung eine sehr zweifelhafte sein würde. Auf kleinen Pappkärtchen neben den Büchern hatte die Besitzerin stets ein paar einführende Worte zu dem jeweiligen Werk notiert, deren Zusammenstellung von Tagesereignissen und dem Lauf des Jahres bestimmt war.

Vor der Tür standen zwei Kartons mit alten Büchern, einer mit solchen für zwei Mark und einer mit Taschenbüchern, die man schon für eine Mark bekam. Die Auswahl der feilgebotenen Bücher in den wandhohen, honigfarbenen Kieferregalen war mehr vom Geschmack der Buchhändlerin als von merkantilen Überlegungen geprägt, und so kam es, dass ihre wenigen Kunden ihr nicht nur von Angesicht sondern sogar mit Namen bekannt waren.

Der Freitagsbesuch bei der Bücherstube wurde zu einem der ersten Rituale in jener westfälischen Stadt, in die die ZVS mich zu verfrachten die Güte hatte. Die Buchhändlerin hatte so gut wie nichts vorrätig von meinen angestrebten Leseerlebnissen, musste alles bestellen und bot ab und zu statt dessen Werke von Christa Wolff an, schenkte mir sogar einmal ein Buch von Gudrun Pausewang, die nicht nur brutale Kinderbücher geschrieben hatte, sondern zumindest damals auch versuchte, Erwachsene mit ihrer literarischen Tätigkeit zu belästigen.

Manchmal, gerade samstags beim Abholen der bestellten Bücher, waren noch andere Kunden da, ein Ratsherr der Grünen, ein paar Lehrer, ein paar Universitätsangehörige, und diskutierten miteinander ruhig und in schleppendem Tonfall über Politik und Literatur. Die Buchhändlerin brühte Tee auf, auch ich bekam einen emaillierten Becher in die Hand gedrückt, und setzte mich mit an den Kassentisch, der eigentlich ohnehin bloß ein alter Esstisch war, da die Buchhändlerin sowieso keine Kasse hatte.

„Haben sie Kinder?“, fragte ich die Buchhändlerin einmal. Sie verneinte. Einen Mann gab es in ihrem Leben auch nicht, abends sah ich sie ab und zu in dem einzigen Programmkino der Stadt oder auf einer Lesung, meist allein. Manchmal, wenn ich mir die frisch erstandenen Bücher in die Tasche gepackt hatte und den Laden verließ, tat mir die Buchhändlerin leid und ich stellte mir vor, wie eines Tages einer der Lehrer oder ein ganz neuer Kunde in das Geschäft kommen würde, und sich in die hochgewachsene Frau mit den glatten, langen Haaren verlieben würde.

Später, als ich längst nicht mehr in dieser Stadt zuhause war, und gelegentlich dort einmal Freunde besuchte, war ich noch einige Male in jener Buchhandlung. Die Buchhändlerin kam mir stets entgegen, fragte mich nach meinem Werdegang, meinem Freund, den neuen Städten und auch, was ich gelesen hätte. Es tat sich eine Menge in jenen Jahren. „Sie müssen ein aufregendes Leben führen.“, sagte die Buchhändlerin einmal zu mir, und ich fragte mich, ob sie mich beneide oder bedauerte.

:::

Seit drei Jahren bin ich nun schon in der gleichen Stadt. Am Morgen stehe ich auf, esse Müsli und lese ein bißchen in der Zeitung. Dann arbeite ich, am Abend gehe ich aus. Nachts schlafe ich alleinm und denke manchmal an die Möglichkeit, dass sich das nicht mehr ändern wird, und dass dieses Leben mein Leben sein wird, bis ans Ende meiner Tage.

Privatweltbilder

Ich habe selten ein freudloseres Kinderfest gesehen. Links und rechts der Straße des 17. Juni säumten ungefähr zwanzig Hüpfburgen den Straßenrand, türkische Lebensmittelhersteller boten Grillkäse feil, und gemeinnützige Organisationen boten kindgerechte Aufklärung über wichtige Probleme der Gegenwart und der Körperpflege. Mit einem Gesichtsaudruck, der zwischen mürrischer Pflichterfüllung und quengelndem Überdruß changierte, sprangen die Minderjährigen auf den Hüpfburgen herum. Alle Kinder waren ziemlich häßlich.

„Du kannst dir das nicht vorstellen,“, sage ich ein paar Tage später zum T., und beschreibe die bleichen, teigigen Kindergesichter und deren übergroße Hände und Füße. Normale Kinder waren fast gar nicht zu sehen. „Ist genetisch,“, meint T. und verweist auf die Tatsache, dass normale Eltern, in deren Genpool solche Nachkommenschaft gar nicht vorgesehen ist, derartige Volksbelustigungen nicht zu besuchen pflegen. Ich bestreite aus den Tiefen meines inzwischen vollständig verschleimten Hauptes eine genetische Prädisposition zur Normalität in jenem Sinne, in dem T. den Begriff gern verwendet. „Politische Korrektheit führt selten zum Ziel.“, meint T. tadelnd und verweist auf die britischen Inseln, auf denen weite Kreise der Bevölkerung ein wesentlich entspannteres Verhältnis zu jenen Axiomen hegten, die T. als Tatsachen betrachtet: Die verschiedenen Kreise der Bevölkerung Großbritanniens entstammten schlicht nicht demselben genetischen Pool. In Deutschland sei das bedingt durch jahrhundertelange politische Instabilität ein wenig anders, aber ein Blinder könne doch sehen, dass die durchschnittlichen Bewohner eines heruntergekommenen Sozialbaus in einem schlechtbeleumdeten Viertel der Stadt sich nicht durch ihren Kontenstand von anderen Menschen unterscheiden, sondern bereits optisch auffällig seien.

„Das ist die Ernährung. Und Haarschnitt und Kleidung.“, meine ich, und dass sich Dummheit ab einem bestimmten Alter auch in den Gesichtszügen ausdrückt, wenn die Leute eben einfach etwas zu oft ihre Haut in ziemlich dumme Falten gelegt haben. „Ich bitte dich – ganz unter erwachsenen Leuten.“, wischt T. Bedenken vom Teetablett und legt ein Weltbild dar, welches im wesentlichen auf einer Umdrehung des üblicherweise angenommenen Zusammenhanges von Ursache und Wirkung im Erscheinungsbild und Habitus jener Menschen beruht, die dauerhaft der öffentlichen Fürsorge und minderwertigen Unterhaltungsangeboten anheimfallen. „Das kann man doch so nicht sagen.“, halte ich dem T. ein wenig geniert vor. „Das sind doch bloß die Denkverbote und Tabus des sozialdemokratischen Zeitalters.“, gibt T. als ein regelmäßiger Leser konservativer Frankfurter Periodika zurück, um sich alsbald zu verabschieden.

Und das, denke ich, ist noch das Privatweltbild eines promovierten Zeitungslesers. Wie die Privatweltbilder derjenigen aussehen, über die T. gerade spricht, mag man sich da gar nicht vorstellen – allerdings sprechen gewisse Anzeichen dafür, dass Verschwörungen, der Präsident der USA, und Erscheinungen, die man gemeinhin eher den Parawissenschaften zurechnet, in den Privatweltbildern der Deutschen ohnehin eine große Rolle spielen. Esoterik, Strahlungen, und ungesetzliche Tätigkeiten der öffentlichen Hand zur Informationsgewinnung bezüglich der Bürger dürften auch beliebt sein.

Und wie die skurrilen Seiten des eigenen Privatweltbildes ausschauen, entzieht sich glücklicherweise der eigenen Betrachtung wie Bewertung.

Erkältet und nörgelig

Im Trenchcoat über dem Poloshirt nur einmal kurz ins 103, und dann doch weiter, bis es dunkel ist und kalt. In jenem Tweedblazer, der den Spott meiner sagenhaft unkonventionellen Bekannten bildet, durch´s dunkle Friedrichshain, und sich erst zu spät einen Anorak leihen, die Nacht über frieren, und dann doch am Morgen über den Markt mit zu wenig an; auf dem windigen Balkon der C. sitzen und feststellen, dass Weißwürste trotz bedenklicher Zutaten doch immer noch schmecken. In Tiergarten vergeblich Brotkörbchen jagen, durch die ganze Stadt zu Fuß zurück, und daheim ist es eisig, auch wenn das Thermometer das Gegenteil sagt. Nachts unter zwei Decken frösteln.

„Hast du wenigstens Appetit?“, sagt der T., und ich bejahe diese an sich idiotische Frage: Den Zustand, in dem mir das Essen nicht mehr schmeckt, habe ich noch nicht erlebt. Aber der Hals kratzt ein bißchen, mein Gehirn ist ein wenig langsamer bei Bewegungen als der restliche Kopf, ich stecke ästhetikfrei in meinem dicksten Wollpullover, und quäle mich sinnlos durch die Seiten.

„Pack dich ins Bett“, rät T., und verspricht aufheiternden Besuch wie nahrhafte Versorgung in den Abendstunden. Ich rege die Lieferung von Torte an, erbitte dringend sehr romantische DVD´s, in denen Hochzeiten vorkommen, und etwas Beruhigendes zum Lesen. Morgen früh, hoffe ich dabei, ist alles wieder gut, der Wollpullover kann verschwinden, und die Zigaretten sollen wieder schmecken.

Sollte ich allerdings doch länger darniederliegen, und Dich, o Leser, in den nächsten Tagen mangels anderer berichtenswerter Aktivitäten mit meiner Lektüre langweilen müssen, dann wird es auf diesen Seiten wieder einmal recht still. Und was es für ein sonderbares Licht auf meine geschätzten Lesern wirft, die die aussichtslosen Ruinen meines Liebesleben eifrig goutieren, und meine um ein vielfaches unterhaltsamere Existenz als Leserin nicht wissen wollen – tja, da mache ich mir Gedanken drüber, wenn die Watte weg ist, die gegenwärtig meine Hirnschale füllt.

Grober Undank

„Jedenfalls ist er jetzt ziemlich sauer.“, beschließt meine liebe Freundin über einer Tasse Tee die Erzählung über das Ende der Ehe ihres früheren Arbeitgebers, der wohl auch als Vorgesetzter nicht die angenehmste aller denkbaren Existenzen darstellt. Sonst, so meine Freundin, hätte sich die ganze Geschichte möglicherweise ja auch gar nicht so herumgesprochen, allerdings hat besagter Herr durch die Jahre schon einiges dafür getan, dass seine Untergebenen ein reges Interesse an seinem Privatleben entwickelt haben.

Jener Herr, eher etwas älter und unansehnlicher, habe lange Jahre seines Lebens als ein geschiedener Mann seine ganze Energie dem Wohl seiner Firma gewidmet. Die Pflege bekam jenem Unternehmen prächtig, und so wuchs und gedieh der Kreis seiner Untergebenen und das Konto des Chefs dazu. – Zwar sagt der Volksmund, mit Speck finge man Mäuse, besagter Volksmund scheint aber doch etwas anderes zu meinen: Der Chef blieb unbeweibt.

Dass dieser Zustand nicht auf Freiwilligkeit beruhte, ging aus den chefigen Worten klar hervor. Frauen, so der Chef, seien ein oberflächliches und naseweises Volk, welches, verrannt in völlig unzutreffende Vorstellungen über die Liebe und das Verhältnis zwischen Frau und Mann, ihn in himmelschreiender Weise verschmähe. Frauen, so gab der Chef gern zum Besten, hätten Frauen zu bleiben, ein Mann sei ein Mann, und die Emanzipation der Damenwelt habe eine Menge Schaden angerichtet.

Die Jahre verstrichen, der Chef wurde noch ein bißchen älter und noch ein bißchen unansehnlicher, da ergab es sich, dass die Vorstellungen jenes Herrn andernorts auf größeres Verständnis zu stoßen schienen, und er sich aus – zumindest für seine Untergebenen – heiteren Himmel mit einer russischen Dame verheiratete, welche alle Vorzüge wahrer Weiblichkeit in sich vereinte, wie der Chef nunmehr zum Besten gab. Die Nachfrage nach deutschen Frauen werde in Zukunft gen Null sinken, und allein mit ihrer Zickigkeit würden jene Damen zwischen Flensburg und Rosenheim sich noch einmal überlegen, ob es so eine gute Idee sei, statt eines gestandenen Mannsbildes eine eierlegende Wollmilchsau mit ihren Launen und Ansprüchen zu peinigen. Der eine oder andere der männlichen Untergebenen soll sich diesen Ausführungen gelegentlich angeschlossen haben, für entsprechende Taten reichte die Vergütung der im Dienste des Chefs ausgeführten Verrichtungen aber wohl eher nicht aus.

Ein – wenn auch weibliches – Kind gebar die russische Dame dem Chef, führte seinen Haushalt zur vollen Zufriedenheit, und der Chef kaufte ihr schließlich ein kleines Auto, in jenem ländlichen Raum geradezu eine unabdingbare Lebensvoraussetzung, so ähnlich wie Trinkwasser. Ab und zu ging das Auto kaputt, der Chef bezahlte die Reparaturen in einer kleinen Werkstatt, und so geschah es wohl im Laufe der Zeit, dass die russische Dame eine Freundschaft zum Inhaber der Reparaturwerkstatt aufbaute, und schließlich aus der Freundschaft ein vertrautes Verhältnis wurde, das am Ende in den Auszug aus dem Hause des Chefs mündete. Das Kind nahm sie mit.

Die Scheidung läuft. Der vorteilhafte Aufenthaltsstatus der Dame ist außerordentlich gesichert, sie soll in jenem kleinen Ort eine Berufstätigkeit begonnen haben, und in großer Harmonie mit dem Reparaturwerkstattinhaber durch die Straßen jenes kleinen Ortes spazieren, in dem man sich nicht selten begegnet.

Dass auch unglaublicher Undank Unterhaltsansprüche nicht ausschließt, wird wohl das Familiengericht klären.

Kälte

Es ist eisig in den Tilsiter Lichtspielen, und nicht nur meine Zehen verwandeln sich langsam in eine kalte, harte und brüchige Substanz. Auf der Leinwand rollt eine Menge irrwitzig verwandelter Schrott umher, ich lache ein wenig, und schiele zu meinem Begleiter, dessen Lachen mit zunehmendem Verlauf der Handlung eher etwas eindeutig Angewidertes annimmt.

„Hat dir der Film gefallen?“, frage ich auf dem Weg nach draußen, und er wiegt abwägend und ein wenig vorsichtig den Kopf. „Geht so.“, erfolgt als sparsame Antwort, und wir sprechen über etwas anderes. Vor der Tür schlägt mir die Kälte entgegen und schlägt kleine Krallen in mein Gesicht. „Willst du meine Jacke haben?“, fragt J², und als er zum zweitenmal fragt, auf der Frankfurter Allee Richtung Osten, nicke ich. Auch nicht viel wärmer.

Später, zwanzig frostige Minuten später, wärme ich meine Hände über der Kerzenflamme, wir sprechen über alte und neue Zeiten, und mit den Stunden leert sich der Raum. Als wir zahlen, fegt die Kellnerin den Boden.

„Weißt du, wie lange die Ringbahn noch fährt?“, fragt der Begleiter, und ich schüttele den Kopf. Keine Ahnung. „Wie lange lebst du schon hier?“, merkt er stirnrunzelnd an, und ich erläutere ein wenig meinen üblichen Bewegungsradius und die dazugehörigen Fortbewegungsmodalitäten, zu der die Ringbahn eher selten gehört. Als wir auf dem Bahnsteig stehen, ist die letzte Bahn weg, und der Weg einmal quer durch die Stadt weit.

„Du kannst mein zweites Bettzeug haben.“, sage ich, angekommen in der eigenen Wohnung, und dann: „Gute Nacht.“, beziehe das Sofa für Gäste und schließe hinter mir die Tür. Verdammt kalt ist es auch hier, seit Stunden steht die Balkontür offen, die ich vergessen haben muss, bevor ich irgendwann am Nachmittag das Haus verließ. Fröstelnd ziehe ich mir diese Nacht nur eine einzige Decke hoch bis unters Kinn.

Ach – damals, denke ich, und ergehe mich ein bißchen in sentimentalen Erinnerungen an die guten Zeiten mit dem vormals geschätzten Gefährten J. mit den warmen Füßen, den feinen Händen und einer weichen Schulter, den Kopf darauf zu legen. Mein Begleiter tappt derweil Richtung Bad, und so erinnere ich mich auch an ihn ein bißchen, an die guten Zeiten, die es ja irgendwann gegeben haben muss. So lange ist das her.

Minutenlang bleibt der Begleiter im Bad. Ob du kämest, wenn ich dich frage, überlege ich ein wenig, und bin mir nicht sicher. Wenn ich mir sicher wäre, denke ich dann, würde ich dann nach dir rufen? Auch, ob du dich gut anfühlen würdest, weiß ich nicht, und ob es nicht nur ein Ersatz wäre, für etwas, was es gerade nicht gibt, und was die Auseinandersetzungen nicht wert wäre, die nachkommen würden, und die Stürme in der Begleiterseele samt Begleiterbeziehung auch nicht.

Leise stehe ich auf und suche nach Socken.

In den Fängen der Urlaubsvertretung

„Du hast ja an und für sich ganz schöne Zähne.“, sagt die Urlaubsvertretung und leuchtet mir in den Mund. „Mmmmh,“, antworte ich und betrachte an der Wand, patientenfreundlich etwas höher als angebracht als üblich, die eingerahmten Querschnittsdarstellungen kariöser Zähne.

Nie, denke ich beim Anblick des leicht angegrauten Sprechzimmers und des unrasierten Zahnarzthalses, wäre ich aus freien Stücken zu diesem Herrn gegangen, der mit einer mürrischen Sprechstundenhilfe sich nun anschickt, meinen Mundraum zu betäuben. Am Morgen jedoch, just beim Verzehr eines ohnehin eher deprimierenden Trockenfrüchtemüslis geschah es, dass eine harte Substanz, ein Steinchen vielleicht oder eine besonders harte Frucht eine der vielen Füllungen, die meinen Mundraum zieren, ihrer Stabilität beraubte. Die Füllung brach, ein bedenklich großer Teil fiel mir aus dem Mund, und ein wenig erschrocken – denn große Angst hege ich vor Dentalmedizinern – saß ich eine ganze lange Weile mit der Zeitung an der Hand am Frühstückstisch. Und meine Zahnärztin ist in Urlaub. In dringenden Fällen, ist dem Anrufbeantworter zu entnehmen, wende man sich bitte an besagten Herrn, der mir fröhlich duzend ins leere Wartezimmer entgegenkam.

„Was haste denn für´n Problem?“, frug mich der Zahnarzt und zog einen weißen Kittel aus einem Schrank in der Ecke. Meine Schilderung beantwortete der Zahnarzt mit einem freundlichen Grunzen und zog mich sodann auf den Zahnarztstuhl. Er, so der Zahnarzt, praktiziere seit mehreren Jahren eigentlich so gut wie gar nicht mehr. Für Tochter und Neffen jedoch mache er mehrmals jährlich noch die Urlaubsvertretung, auch sonst wohl für den einen oder anderen Kollegen, wie jene Dame etwa, der sonst die Sorge für meine Zähne obliegt. „Aaaah.“, sage ich und betaste mit der Zunge vorsichtig die nun taube Stelle. „Schöne Krone ham´se da.“, meint der Zahnarzt, und tippt mit einem hakenbewehrten Metallstab auf den Zahnersatz. „Jold hätt ick nich machen lassen.“, fährt er fort, während er die Füllmasse in den Zahn drückt. Schon in wenigen Jahren, fährt er fort, würde Zahnsubstanz einfach in den Knochen von Ratten nachgezüchtet werden können. Im Labor sei das heute schon der Fall, die kommerzielle Verwertung daher nur noch eine Frage der Zeit. Also wozu langlebige Füllungen und Kronen, Provisorium sei ohnehin alles.

Ob ich denn auch eine Zahnpasta benutze zum Aufhellen der Zähne, fragt er, und ich gebe zu verstehen, dass dies nicht der Fall sei. „Nützt eh nüscht. Bleaching!“, sagt der Zahnarzt da, und es klingt ein wenig triumphierend. Seine Tochter mache das dauernd, ohne weiße Zähne ginge ja heute nichts mehr. Er könne mir gleich einen Termin vermitteln bei der Tochter, günstig sei es auch. Die Tochter könne auch gleich einmal überprüfen, ob mit meinen Vorderzähnen denn gar nichts zu machen sei.

Hätte ich nicht einen Schlauch zum Absaugen im Rachenraum, so würde ich dem Zahnarzt die Vergeblichkeit einer langen kieferorthopädischen Behandlung erläutern, die mir über Jahre meines Lebens völlig ergebnislos eine vollgesabberte Zahnspange eintrug. Die Vorderzähne blieben schief.

„So,“, sagt der Zahnarzt, und wirft seinen Kittel durch die offenen Tür auf einen Stuhl im Vorraum des Behandlungszimmers. „Sind wa fertich.“ Ich nicke, lächele und greife nach meinem Trenchcoat. „Auf Wiedersehen,“, gurgele ich aus den Tiefen meiner Lokalanästhesie.

„Darf meine Tochter sich mal bei dir melden?“, fragt der Zahnarzt.

Ratschlag an den unbekannten Leser

Den einen oder anderen meiner geschätzten Leser kenne ich inzwischen persönlich, andere lese ich selbst und freue mich über ihre Kommentare. Den unbekannten Leser aber, den, der sich nie räuspert, sich nicht auf twoday anmeldet, um mir einmal mitzuteilen, wie großartig er mich findet, jenen unbekannten Leser eben, der stillvergnügt durch die blühenden Auen meines Leben schreitet – von jenem Leser habe ich mir stets, und wenn die Gelegenheit einmal danach war, ein recht positives Bild gemacht. Wer überhaupt willens und in der Lage ist, durch diese virtuellen Bleiwüsten ohne das klitzekleinste bunte Bild zu flanieren, und sich den Petitessen eines vorwiegend ereignislosen Lebens zwischen Patisserie Albrecht und dem 103 aussetzen mag, der kann kein schlechter Mensch sein, dachte ich so bei mir.

Heute jedoch, vor gut einer Stunde blinkt mein Mailaccount auf, und siehe da: Ein unbekannter Leser fasst sich ein Herz und gesteht mir seine geheimsten Wünsche. Der Leser ist so unbekannt, dass ich anhand des verwandten yahoo-accounts nicht einmal sagen, ob hier Mann oder Frau einen Wunsch loswerden möchte. Anhand der mir verliehenen weiblichen Intuition tippe ich aber einmal scharf auf ein Wesen ohne zweites X-Chromosom, welches mich im Anschluss an ein paar recht beliebige Komplimente um Folgendes bittet:

„Mehr S*exgeschichten und daß es mal mehr zur Sache geht. Hat Berlin da nicht mehr zu bieten? Wenn du soviel weggehst, wie du schreibst, muß da doch auch mal was passieren. Trau Dich!“

Wähnt jener Leser mich nun schon auf dem Weg zum Wäschegeschäft, um sodann unverzüglich und in verführerisch-transparente Hüllen gekleidet auf die Pirsch zu gehen, hat sich da aber jemand kräftig geschnitten. Angetan mit meinen üblichen schwarzen Pullovern, Jeans und den unsexiest Perlenohrsteckern überhaupt sitze ich hier, werde auch heute nacht die Bar meiner Wahl allem menschlichen Ermessen nach allein verlassen und rufe ins Dickicht der unbekannten Leser:

Ich bin doch nicht RTL 2! Wer glaubt, hier findet das große Wunschkonzert in der Kurmuschel statt, hat sich schwer in der Location geirrt. Sie, mein Herr, verhöhnen hier gerade in übelster Weise die Fußkranken des urbanen Liebeslebens. Fragen Sie gefälligst andere Leute nach ihren S*exgeschichten, in dieser Hinsicht ist beim Papst mehr los als hier.

Oder versuchen Sie´s einfach mal woanders.

Wedekind

Wie mir scheint, gehört es zu den ersten Verbalhandlungen der Kleinstkinder, unmittelbar nach der ersten Anrufung der Erzeuger sich auf dem Spielplatz zusammen zu rotten und eine neue Generation auszurufen. „Generation Kollwitzplatz“ oder so, vielleicht auch „Generation Sportbuggy“.

Einige Jahre später, gegen Mitte des zweiten Lebensjahrzehnts, genauer gesagt: Mit 16, stellt sich die Lage etwas differenzierter dar, genauere Analysen müssen her, und so versinkt auch mein kleiner Lieblingscousin gelegentlich in ausführlichen Betrachtungen seiner generationsspezifischen Eigenarten.

„Ihr wart ja immer noch zu zweit.“, meint der Kleine, und malt für die Zukunft ein gräßliches Szenario von beziehungsunfähigen Einzelkindern aus, in denen Papas kleine Prinzessinnen und Mamas kleiner Liebling sich gegenseitig mit Schaufeln auf den Kopf hauen, wenn einmal irgendetwas nicht klappt. Man sei ja so wenig gewöhnt, Kompromisse zu schließen. „Hmmm“, murmele ich ein wenig uninteressiert vor mich hin und schaue bedauernd auf den nackten Grund meiner Teetasse. Überhaupt, fährt der Kleine fort, die Kompromissfähigkeit sei ein generelles Problem. Man sei so oberflächlich geworden. „Ganz anders als deine alte Cousine und Konsorten, was?“, ätze ich ein wenig in der Struktur dieses nicht besonders reizvollen Gesprächs herum. Der Kleine lässt sich indes nicht beirren und erzählt eine fürwahr erstaunliche Geschichte über seinen Freund H.

H. als ein ambitionierter junger Mensch, zugetan den schönen Künsten und insbesondere der Literatur, musste irgendwann feststellen, im Klassenverband irgendwie ins Hintertreffen geraten zu sein. So in amore. – Interessentinnen habe es aber schon gegeben, der H. sei nämlich sportlich und sehe gut aus, aber ein bißchen idealistisch sei er veranlagt, und ein Perfektionist dazu offensichtlich. Eine ernsthafte Sache wie die Uraufführung des H.´schen Liebeslebens habe H. daher nur mit einer absoluten Starbesetzung erleben wollen, denn, und so sagt mein Cousin in ernsthaftem Tonfalle, man eröffne ja auch die Scala nicht mit einer Performance der Waldshuter Liedertafel von 1904. Überhaupt, ein so prägendes Ereignis, das man nie vergesse, und dass im Fall des Fiaskos schwerwiegende Folgen zeitigen könne für die Psyche eines Menschen….der H. habe also lange geschwankt. Eine Kandidatin, mit der er es sogar schon ins Kino geschafft hatte, habe sich als ausschließliche Leserin billiger Kriminalromane entpuppt. Eine andere sei bei näherem Hinsehen irgendwie zu kräftig gewesen, „so der Typ Frauenfußball“, sagt mein Cousin, und man hört, wie es ihn ein wenig schüttelt. Schließlich habe H. eine Wahl getroffen, die Wahl war angetan, und die Dinge nahmen ihren ordnungsgemäßen Verlauf.

Später aber, nach dem Ereignis, wie mein Cousin mit hörbarem Bedauern ausführt, habe H. seine Gefährtin irgendwie nicht mehr so besonders gemocht, versucht, diese auch für ihn irritierende Empfindung zu verbergen, und sich schließlich offenbart. „Wie krank ist denn das?“, frage ich nach. Der H. sei halt nicht verliebt gewesen, und dann sei das eben so bei ihm, sagt mein Cousin, und verbietet mir, ehrliche Empfindungen anderer Menschen zu sezieren. Vermutlich, so seziert mein Cousin selber, habe H. im Nachhinein erkannt, dass sein Ideal der göttlichen Verschmelzung mit diesem Mädchen doch nicht zu verwirklichen gewesen sei, und er sich somit in der Auswahl seiner Premierenpartnerin geirrt habe. Zuviel Perfektionismus sei eben schädlich.

Das Mädchen jedoch habe diese Abfuhr schwer genommen und angekündigt, sich demnächst zu entleiben. „Das hätte die eh nie hinbekommen.“, meint mein Cousin, und erwähnt ihren kurzfristigen Aufenthalt in einer Klinik, die sich ausschließlich solchen Problemen widmet. „Der reinste Wedekind.“, ächze ich in den Hörer und freue ich meines Erwachsenseins.

„Ja, und wenn das schon so losgeht.“, meint bekümmert mein Cousin.

Möchten Sie mich glücklich machen?

Im Frühling, wissen wir, wird alles neu, Frühlingsgefühle durchziehen das menschliche Gemüt, und man geht daher in Gärtnereien und bepflanzt den Garten oder zumindest den Balkon schön bunt und üppig.

Bunt und üppig soll mein virtuelles Heim vielleicht nicht werden, aber dort oben, wo Sie gerade noch einen roten Balken sehen, da möchte ich einen Vorhang haben, einen Theatervorhang nämlich, um meine banale Daseinsform ein wenig theatralisch zu umkleiden. Als rechtstreuer Hasenfuß hätte ich gern eine Abbildung, die keinem Urheberrecht von fremden Leuten unterliegt. Gemalt oder abphotographiert ist mir gleich. Und wenn Sie so etwas irgendwo in petto haben, und Sie würden es mir zukommen lassen, dann…

…brauche ich nur noch Hilfe beim Anbringen.

Ach ja, und wo wir schon einmal dabei sind: Es gibt so Leute, die können auch in Kommentaren alles mögliche machen, fett schreiben, zum Beispiel, durchstreichen oder alles kursiv in die Kurven legen. Ich bewundere diese Menschen. Wie man verlinkt, hat ein netter Herr mir mal geschrieben, aber eine Liste, so eine richtige Liste mit allen Anweisungen drauf und am besten einem Beispiel, die hätte ich schon gern.

Lobende Erwähnung auf diesen Seiten und meine ewige Dankbarkeit wären Ihnen gewiß.

Nachtrag: Auf Ihre Hilfsbereitschaft ist Verlass! Ich danke also Frau Kaffemäulchen, Herrn Booldog, dem Herrn Mequito, Frau Assoziativspeicher, Herrn Pathologe, Herrn Kid37, Herrn Che2001 und dem Jazzlog für schnelle Hilfestellung.

Wissenschaft und Schlafstörung im Leben der M.

Zu den eher unschönen Gegebenheiten des Wissenschaftsbetriebes gehört die lästige und unergiebige Angewohnheit, in regelmäßigen Abständen an teilweise abgelegenen Orten zusammenzukommen und sich dort gegenseitig aus den jeweils neuesten Schriften vorzulesen. Abends gibt es äußerst mediokre Buffets mit hartgekochten Eiern und aufgeschnittener Extrawurst, und man ist angehalten, sich mit den anderen Mitgliedern des Mittelbaus zu unterhalten, falls diese einmal wichtig werden, und man später etwas von ihnen will. Kommt es ganz schlimm, wollen andere Beteiligte auf der Stelle etwas von einem selbst, obwohl man schon aufgrund einer schwerwiegenden und in Fachkreisen deutschlandweit berüchtigten Faulheit vermutlich nie wichtig wird, und schauen nach der unausweislichen Abfuhr die nächsten Jahre oder Jahrzehnte jedesmal beleidigt zur Seite, wenn man den Raum betritt.

Des Nachts, um zum eigentlichen Problem zu kommen, übernachtet man kostensparend in Gästehäusern des CVJM oder Zweisternehotels, in denen sonst Bustouristen absteigen. An den Wänden hängen dann sehr sonderbare Bilder auf einer irgendwie pastelligen Strukturtapete, im Bad wartet eine Miniseife darauf, sich mit ihr von Kopf bis Fuß abzureiben, und von den Frühstücksbuffets mag man gar nicht sprechen. Die großartige Idee des stilvollen Kurzzeitheims, welche ihre Verwirklichung so trefflich in pittoresken Absteigen wie in den schimmernden Palästen der Belle Époque findet – in jenen Häusern, die sich auch renommierte Forschungseinrichtungen noch leisten mögen, wird sie gnadenlos pervertiert. In jenen Hotels, die ihren Namen nicht wert sind, wird dem Opfer wissenschaftlicher Umtriebe ein Bett in einem Doppelzimmer zugewiesen. In diesem Bett liegt man dann nach des Tages Müh´ und Last, die mehr oder weniger vertraute Zimmergenossin schläft friedlich vor sich hin, man selbst aber schläft keine Minute und wälzt sich leise hin und her. Man kann ja gar nicht schlafen mit einer Fremden neben sich. Man kann, bei Licht betrachtet, nicht einmal mit guten Freunden im Zimmer schlafen, obwohl man doch weiß, dass weder diese noch jene jemals auf die Idee kommen werden, einem des Nachts den Kopf abzuschneiden. Man hat, kurz gesagt, eine veritable Macke.

Vor Jahren, noch wohlausgestattet mit kindlichem Grundvertrauen in die Welt, war diese meine Marotte noch ganz gegenteilig ausgestaltet: Stets musste die Tür offen sein, eine kleine schummerige Lampe brannte die ganze Nacht auf der weißen Kommode, und wenn ich nachts aufwachte, weil in meinem träumerischen Unterbewusstsein einmal wieder der Teufel los war, kam mein Vater über den Korridor gleich gelaufen und hielt mich fest, bis ich wieder schlief. Schon Klassenfahrten oder Reiterhof allerdings gestalteten sich zunehmend schwierig: Macke zugeben und gegen Entrichtung der Mehrkosten alleine schlafen, ging auf keinen Fall. Mit sechs Mädchen in der Jugendherberge nächtigen ging aber gleichfalls nicht, bis die Übermüdung nach ein paar Tagen dann doch für einen gesunden Schlaf sorgte.

Zunehmende Selbständigkeit in der Planung auswärtiger Aufenthalte half mit den Jahren, diesem Problem aus dem Weg zu gehen: Rucksacktouren ja – aber auf keinen Fall Schlafsäle. Verreisen mit guten Freundinnen? Gern, aber nur getrennte Zimmer. Eine einzige Freundin, erprobt in allen Wasserglasstürmen, die mein Leben so zu bieten hat, behindert nicht meinen Schlaf.

Führt der akademische Tagungscircus seine Mitglieder in Städte, in denen mir liebe Menschen wohnen, so quartiere ich mich im Regelfalle auf den Schlafcouches und in den Gästezimmern dieser meiner Lieben ein. Rege Umzugstätigkeit auf allen Seiten hat die Liste der Städte, in denen ein Zimmer zur nächtlichen Alleinbenutzung zur Verfügung steht, mit den Jahren kräftig anwachsen lassen. Kiel oder Passau, Heidelberg oder Frankfurt am Main, das Ruhrgebiet und die rheinischen Provinzen – alles kein Problem. Weiße Flecken auf dieser Karte stellen allerdings nach wie vor die neuen Bundesländer dar, in die es die Menschen meines Vertrauens offenbar selten oder nie zieht.

Jahrelang wurde dies nie zum Problem. Gibt es irgendwelche Gründe, sich jemals nach Gotha zu begeben? Sind Rostock oder Meiningen Orte, die nicht gesehen zu haben den Fremden schmerzt? Selten oder nie fanden Tagungen im Osten statt, blühende Landschaften der Wissenschaft ließen zumindest in dieser Beziehung auf sich warten, dieses Jahr aber haben sich die Mächte der Finsternis gegen mich verschworen: Fast täglich reiße ich die Post auf und finde Ankündigungen von Tagungen und Seminaren an allen Orten des Ostens, die ich noch nie bereisen wollte…und vor allem: Wo ich niemanden kenne. Und sehe mit Grausen langen, schlaflosen Nächten in tristen Hotelzimmern entgegen.