Das Jeansdilemma

Und als Sie so gegen Mittag aus dem U-Bahnhof Weinmeisterstraße gekommen sind, dann haben Sie bestimmt aus dem Jeansladen gegenüber eine Frau mit leicht verschnittenen schwarzen Haaren stürzen sehen? Eine Papiertüte in der Hand? Und einen jungen Mann hinterdrein im braunem Cordanzug? Sie nicken??

Schade. Sie können nichts dafür. Bestimmt sind Sie nett. Aber ich möchte Sie nie treffen. Denn Sie haben mich in dem Moment der größtmöglichen Demütigung gesehen. Und ich bekenne unter Tränen:

Ich heiße Modeste und bin zu unförmig, Jeans zu kaufen.

Aber alles schön der Reihe nach:

Sie kennen Ihre Jeansgröße, oder? Und wenn Sie in ein Bekleidungsgeschäft gehen, dann probieren Sie alles sorgfältig an. Wenn es passt, lassen Sie es zurücklegen, um es sich nochmal zu überlegen. Und wenn es nicht passt, dann sagen Sie zur Verkäuferin, Sie möchten diesen Pullover nochmal eine Größe kleiner haben.

Ich dagegen probiere nie im Geschäft an. Das würde ich nicht aushalten. Ich kaufe, was ich brauche, nach Augenschein und Größenangaben und ziehe daheim alles an. Wenn es nicht passt, bringe ich es zurück in den Laden. Weil ich genug behalte, ist das den Verkäuferinnen meist egal.

Bei Jeans geht das aber nicht. Überdies weiß ich meine Größe nicht. Und so begab ich mich denn, in Begleitung des unentbehrlichen T. in besagtes Geschäft. Eine dünne Verkäuferin kam auf mich zu und fragte nach der Größe. Ich zog die Schultern hoch. Die Verkäuferin sah mich an, als sei ich Analphabetin. Dann sah sie auf meine Beine, dann auf die Hüften und sprach: 29.

Sie wissen genau, was das bedeutet? Ich weiß es nicht. Aber es klingt fett.

Ich griff mir ein paar Hosen und zog mich in die semitransparente Kabine zurück. Die Hose saß nicht. Die nächste auch nicht. Und in der nächstgrößeren Jeans hatte ich keinen Hintern. Und alle waren zu lang.

Die Verkäuferin sprang um mich herum und zog die schwarze Tunika hoch, die ich mit gutem Grund trage. Ich zog um eine Viertelsekunde zu spät den Bauch ein. „Hier kneift es ein bißchen.“, meinte die Frau. Ich sah zu Boden. „Haben Sie auch Jeans, die ein bißchen kürzer und dafür weiter sind?“, fragte ich und sah sie flehentlich an.

Nein, haben sie nicht. So etwas gibt es nicht. So etwas braucht außer mir wohl auch keiner, denn sonst würden sie solche Dinger ja produzieren, wie das so ist im Kapitalismus.

Ich habe aufgegeben. Ich habe ein T-Shirt gekauft, um mehr Sport zu machen. Und ich habe alles bereut. Die abgeschmelzten Gnocchi von heute mittag. Den gebratenen Aal und die Pfifferlingtorte gestern. Und überhaupt das warme Essen zweimal täglich. Die Patisserieschlachten bei Albrecht und die Weißwürste vom Frühstück. Den fingerdicken Liptauer, und dass ich der letzte Mensch bin, der dick Butter auf sein Brot schmiert.

Und da lief ich weg. Ich zahlte das T-Shirt und rannte auf die Straße nach Hause. T. keuchend immer hinterher.

Und jetzt sitze ich daheim. Ich habe mir einen Salat gemacht mit ganz wenig Öl. Der schmeckt nicht. Und wenn Sie mich heute nacht sehen, ein Glas Wasser in der Hand, dann sprechen Sie mich bloß nicht an.

Tun Sie ja sowieso nicht, mit der Bohnenstange an Ihrer Seite. In Jeans.

11 Gedanken zu „Das Jeansdilemma

  1. 29…. hach… 29… nichtmal in deutscher „untersetzter“ Grösse wage ich von derart niedrigen Zahlen auch nur zu träumen. Es ist grausam. Kann ich das Rezept für die Torte haben?

  2. Andere (Bundes-)Länder, andere Größen…

    Sehen Sie, Sie sind zu unflexibel. Es gibt einige Gegenden in diesem Land, da bekommen Sie problemlos Ihre Größe. Wirklich. Sie müssen nur in die Gegenden fahren, in denen der Menschenschlag überwiegend Ihrer Figur ähnelt (wertefrei gesprochen).

    Mir ging es früher mal genau so. Passende Hosen fand ich seltsamerweise nur im hohen Norden, hier im Süden waren alle zu weit und zu kurz.

    Heutzutage habe ich mich angepasst. Amerikanische Schnellrestaurants und die Hormonumstellung im Alter haben ihr Übriges getan 😉 Leider. Aber wenigstens klappere ich nicht beim Laufen.

  3. REPLY:

    Vielleicht erzähle ich Ihnen damit nichts Neues – aber die Jeansgrößen unterscheiden sich irgendwie von den normalen Größen. 29 ist also nicht kleiner als etwa 38 Normalkonfektion. Wenn Sie sich davon nicht abschrecken lassen – Torte bei Patisserie Albrecht in der Rykestraße für alle naschhaften Berliner.

  4. REPLY:

    Gegenden, in denen alle Leute so ungefähr meine Statur haben, stelle ich mir irgendwie sonderbar vor. Aber die regionalen physiognomischen Unterschiede sind kurioserweise wirklich sichtbar – diese Horden blonder Hünen in Hamburg…Differenzen zwischen der Wiener Damenkonfektion und dem berliner Angebot in dieser Hinsicht sind mir indes noch nie aufgefallen.

  5. REPLY:
    eine spannende idee

    vielleicht sollte ich meinen umzug tatsächlich geographisch nach kleidergrößen ausrichten. blöd ist nur, ich kenne niemanden im tiefsten süden…

  6. REPLY:

    Das wundert mich. Größe 36 habe ich nicht. Ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken, grundlos herumzukokettieren – aber anderen Leuten müssen diese Hosen doch passen, sonst würden doch andere hergestellt, oder?

  7. REPLY:
    den richtigen jeans-schnitt

    zu finden ist – so geht es mir immer – eine echte herausforderung. und diese extrem hüftigen schnitte sind ohnehin der horror.
    mein tipp: möglichst viele verschiedene marken probieren.
    ich hab das problem, dass sie fast alle zu kurz sind. anstückeln ist noch blöder als kürzen.

  8. REPLY:

    Das ist wahr. Leider sind die meisten Jeans aber nicht gerade geschnitten, das erschwert das Kürzen ganz erheblich. Dann ist das Knie eben nicht da, wo es nach dem Willen des Designers hätte sein sollen. – Hüfthosen habe ich die letzten Jahre eigentlich nicht ungern getragen, aber nach der zweiten Nierengeschichte ist das wohl vorbei. Ich denke, dass der Trend es überdies keine Saison mehr macht. Es geht eindeutig wieder mehr ins Feminine, zum Glück.

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