Archiv für den Monat: November 2005

Aus dem Leben eines Miststücks

„Von mir hat sie das nicht.“, berichtet meine liebe Freundin J., pflege ihre Mutter ihrem Vater vorzuwerfen, wenn das Verhalten der J. von der mütterlichen Idealvorstellung töchterlichen Lebens wieder einmal erkennbar abgewichen sei, und verweise in diesen Fällen jeweils auf die jüngste Schwester des Vaters, J.‘s Tante R.. „Und was war mit der Dame?“, frage ich nach, und gieße mir einen weiteren Tee ein.

Die R. erfahre ich, sei als jüngste Schwester ihres Vaters bereits in jungen Jahren für ungefähr die Hälfte aller behandlungsbedürftigen Psychosen männlicher Patienten in den einschlägigen Leipziger Klinika der Fünfziger Jahre verantwortlich gewesen. Reihenweise verfielen jugendliche Sachsen der schönen Person, strichen wochenlang ums Haus, wurden nur so zum Spaß ein wenig ermuntert, um dann nach kurzer Zeit scheinbarer Annäherung aus dem Dunstkreis der R. verstoßen zu werden. Die Abschaffung des jeweiligen Galans, erzählt man sich in der Sippe der J., sei jedesmal mit einiger Phantasie und gehörigem dramatischen Talent verlaufen, und habe seine destruktive Wirkung auf die Psyche der Anbeter auch eigentlich selten verfehlt.

Kurz vor Ablauf jener Jahre, bis zu deren Ende eine junge Person in jenen Zeiten verheiratet zu sein hatte, erhörte die R. dann doch noch einen Kommilitonen ihres Bruders und setzte ihr Tun und Treiben ansonsten fort. Schreckliche Ernte, erzählt man sich auf Familientreffen, hielt die R. unter der männlichen Leipziger Bevölkerung, insbesondere unter jenen Herren, die sich der Wissenschaft oder der Kunst widmeten.

Tante R., berichtet die J. weiter, sei Männern zwar lebenslänglich außerordentlich zugetan gewesen, habe aber dafür Frauen in Bausch und Bogen nicht ausstehen können. Dass die Mutter der J. als Frau des großen Bruders auf wenig Gegenliebe stoßen würde, war schon aufgrund dieses Faktums nicht besonders verwunderlich, und endete bei den zunehmend spärlicher werdenden Familientreffen jener Jahre regelmäßig in lautstarken Zwistigkeiten, die die Tante, wenn auch wohl als einzige, sichtlich zu genießen schien.

Die Abneigung der Tante R. gegen Frauen erstreckte sich sogar auf die eigenen Leibesfrüchte. So sehr ihr Sohn verzogen wurde, so schlecht habe sie die Tochter behandelt, und diese frühzeitig erst immer mehr, und schließlich ganz der eigenen Mutter überlassen, die an der Tante R. als erklärtem Lieblingskind ohnehin kein falsches Haar zu erkennen in der Lage gewesen sei. Die Vergötterung der Tante R. durch die Großmutter der J. sei so weit gegangen, dass es dieser in späteren Jahren gelungen sei, auf verschlungenen, und nicht ganz aufklärbaren Wegen – möglich sei in diesem sehr speziellen Fall auch die Verbreitung barer Unwahrheiten – als Alleinerbin eingesetzt zu werden.

Als sich die Mutter der Tante R. schließlich im Krankenhaus befand, und von der Krankheit zum Tode auszugehen gewesen sei, habe sich Tante R., erzählt die J. weiter, unverzüglich zum elterlichen Heim begeben, und Schmuck, Silber und Wertgegenstände an sich gerafft. Das Leben habe sich jedoch auch in diesem Fall als eine durchaus zähe Pflanze erwiesen, und so sei die Mutter noch einmal zurückgekehrt. Da den Versicherungen der Tante R., J.‘s Vater sei aus Berlin angereist gekommen, habe ihr gewaltsam den Schlüssel entwendet und sodann aus Ärger über die Enterbung alle wertvollen Besitztümer mit sich genommen, Glauben geschenkt wurde, durfte J.‘ Vater nicht zur kurze Zeit später stattfindenden Beerdigung der Mutter erscheinen und habe dies seiner Schwester dann auch einige Zeit ein wenig übel genommen.

Ein gewisses Gefühl habe bei dieser – und nur bei dieser – Gelegenheit die Tante R. indes, wenn auch auf sonderbare und etwas abseitige Weise, erkennen lassen. Sie habe das mütterliche Haus nämlich weder vermietet noch verkauft, nicht einmal hineingangen sei sie, sondern habe die Liegenschaft in guter Leipziger Lage schlicht abgeschlossen, und die Schlüssel mit sich genommen. Seit mehr als zwanzig Jahren, versichert die J., habe keine lebende Seele dieses Haus mehr betreten, und auch der Tod der Tante R. selber habe diesen Zustand nicht verändert. Der hinterbliebene Gatte der Tante R. nämlich halte sich nach wie vor an die Anordnungen seiner lange verstorbenen Gattin, und so lägen die Schlüssel nach wie vor im Haushalt dieses inzwischen steinalten Herrn.

Dessen Zuneigung zu seiner Frau habe nicht einmal die Tatsache Abbruch getan, dass die Tante R. sich mit der Anordnung bestatten ließ, nicht nur an der Seite ihrer Mutter zu ruhen, sondern dies auch ohne ihren Gatten zu tun, der sich bitteschön an anderer Stelle beerdigen lassen solle.

„Ist ja phänomenal.“, staune ich. „Und was erinnert deine Mutter an der Dame nun ganz genau an dich?“- „Trau ich mich nicht nachzufragen.“, beendet die J. ihre Erzählung und wenig später das Gespräch.

Autofahren

Das Auto mit dem Verkaufsangebot in der Beifahrertür war wirklich schön: Ein alter, dunkelblauer Saab, gut erhalten, sichtlich gepflegt, und zu einem Preis, der sogar annähernd berufslosen Personen den Erwerb nicht völlig abwegig erscheinen lässt. Auf dem Bürgersteig vor dem Wagen tippte ich die angegebene Telephonnummer schnell ins Handy und ging weiter Richtung Markt.

„Was willst du mit einem Auto?“, fragt mit dem unverkennbaren Unterton einer heftigen Irritation der geschätzte ehemalige Gefährte einige Stunden später nach. „Nur so zum Rumfahren.“, beschreibe ich meine Pläne, male Ostseewochenenden aus, und spreche von ersparten Aufwendungen für Taxifahrten in entlegene Stadtteile. „Du hast nicht mal einen Führerschein.“, protestiert der J. weiter gegen den Kauf des Fahrzeugs. „Na und?“, widerspreche ich, und lege meine Pläne zum völlig legalen Erwerb einer Fahrberechtigung im osteuropäischen Ausland ausführlich dar. Am anderen Ende der Leitung stöhnt der geschätzte ehemalige Gefährte einige Male ebenso schmerz- wie geräuschvoll in den Hörer.

Einen Führerschein, so weit war dem geschätzten ehemaligen Gefährten zuzugeben, hatte ich tatsächlich nie besessen. Einige Zeit vor meinem 18. Geburtstag hatte ich zwar tatsächlich mit der Absicht, einen Führerschein zu erwerben, eine Fahrschule aufgesucht, und es lag nicht an mir, dass aus diesen Plänen lange vor der avisierten Fahrprüfung nichts werden sollte.

Als entschiedene Anhängerin der Vorzüge der Theorie gegenüber der Praxis, verliefen die ersten Theoriestunden noch halbwegs friedlich, und auch die erste Fahrstunde gab zu wenig Ärger Anlass, zumal der rein technische Vorgang des Autofahrens mir nicht völlig unbekannt war. Dass der fließende Verkehr zu Problemen mit meiner ausgeprägten Links-Rechts-Schwäche führen würde, war gleichfalls zumindest für mich nicht wirklich erstaunlich, der Fahrlehrer jedoch, bar jeder heiteren Gelassenheit, die solchen Personen eigentlich zu eigen sein sollte, fuhr den Wagen nach einigen Minuten rechts auf einen Parkstreifen und brüllte mich an. Mit geschwellten Adern, rot wie ein roher Schinken, und generell von jener teigig-pickeligen Beschaffenheit, die ehemalige Unteroffiziere auszeichnet, die nach ihrem Ausscheiden aus der Bundeswehr ihre Abfindung in eine Fahrschule investieren, bramarbassierte die erbärmliche Existenz auf dem Fahrlehrersitz irgendetwas, in dem in auch aussprachetechnisch eher ungepflegtem Deutsch eine ungewöhnliche Konzentration von Kraftausdrücken meine keimenden Fahrkünste diffamierte. Mundgeruch und Speichel ergossen sich über mein Gesicht, und ich stieg aus, um zu Fuß nach Hause zu gehen. Nie wieder, schwor ich mir, würde ich jene Fahrschule betreten, und einen Führerschein bräuchte ich gleichfalls eigentlich überhaupt nicht. Mein Vater, der einer autofahrenden Tochter ohnehin mit einiger Sorge entgegensah, bestärkte mich in diesem Glauben, und versprach ständige Fahrbereitschaft.

Zehn Jahre lang trat die Versuchung nicht an mich heran, und der Daueraufenthalt in großen Städten löste das Fortbewegungsproblem, ohne dass es überhaupt in nennenswerter Weise in meinen Fokus geraten wäre. War doch einmal ein Kraftfahrzeug zu bewegen, so stand der jeweilige Gefährte, jeweils Inhaber von Fahrberechtigung wie Fahrzeug, hilfreich zur Seite.

„Ich kann dich auch weiterhin fahren.“, verspricht der geschätzte ehemalige Gefährte, und verweist auf kurze Distanzen und die seltenen Gelegenheiten, in denen der Besitz eines Autos erforderlich sei. „Ich stelle mir ein eigenes Auto aber irgendwie netter vor.“, maule ich ein bißchen weiter. „Und wenn du einen Führerschein machst, dann bitte auch in Berlin.“, bohrt der J. „Auf keinen Fall!“, rege ich mich auf und stelle mir mit Grauen die Berliner Version des widerlichen Fahrlehrers vor.

„Wenn du dir einen tschechischen Führerschein kaufst und Auto fährst,“, kündigt der J. an, „dann rufe ich deinen Vater an.“ – Elende Petze, ekelhaftes Miststück.“, beschimpfe ich den Herrn, welcher den Status des Exfreundes, wie mir auf einmal wieder überdeutlich vor Augen steht, ja nicht ganz grundlos erlangt hat, und lege empört auf.

Thy Pale, Lost Lilies Out Of Mind

So, wie bei einer Flut ein Haus erst rissig wird, Feuchtigkeit seinen Keller überschwemmt, und schließlich die Wände nachgeben, steht das 19. Jahrhundert nur scheinbar sicher auf den festgefügten Mauern, nach denen sich ein blutiges halbes Jahrhundert später ein Stefan Zweig sehnen wird. In den Großstädten sammeln sich die, die von sich mit nicht unberechtigtem Selbstbewusstsein behaupten werden, das Bewusstsein einer Zeit zu sein, die langsam beginnt, aus ihrem Innersten die fleischigen Gesichter zu zersetzen, die von den Portraits dieser letzten Jahrhundertwende aus ihren überladenen Rahmen auf uns herunterschauen.

Die Städte Europas sind in diesen Jahren auf ihrem Scheitelpunkt angelangt: Der ganze Glanz der Urbanität, eine üppige Sinnlichkeit, gewürzt mit dem Hautgout einer entfesslten, derben Genussucht, die einer allzu schnell zu Wohlstand gekommenen Gesellschaft entspringt. Es ist das Europa der rotgesichtigen, reichen Kaufleute, der Bel Ami des Zeitungswesens, der Väter, die in den Autobiographien ihrer verfeinerten, schlanken Söhne ein fratzenhaftes, verzerrtes Nachleben von grauenerregender Vitalität noch lange nach ihrem Tode führen.

Unter den fragilen Kaufmannssöhnen, die in den literarischen Journalen Londons veröffentlichen, findet sich auch der Name des 1867 geborenen Ernest Christopher Dowson, der nach gescheitertem Studium mit 21 Jahren dem väterlichen Unternehmen beitritt, um fortan ein zweites, nächtliches Leben in London zu führen. In den Katakomben der Hauptstadt des Empire verschmelzen in jenen Jahren eine robuste Lebensfreude mit einer vibrierenden Lust am Exzess, der Sehnsucht nach einem überschießenden Untergang in Pracht und blendenden Kaskaden, die sich nur in ihren Erscheinungsformen, nicht aber in ihrem Kern gleichen.

Vom Grunde dieses schwarzen, irisierenden Stroms, aus dem Schlamm des glänzenden, aufstrebenden London, fördern die Autoren jener Journale, in denen auch Dowson publiziert, eine üppige, rauschhafte Schönheit, und versuchen, das Ungezügelte, Bacchantische in Formen zu gießen, in deren kühler Strenge alles Erlebte, Erträumte, Erfahrene erstarrt wie heißes Metall zu üppigen Ranken. The Yellow Book, The Savoy drucken seine Gedichte, Aubrey Beardsley illustriert, ein Roman misslingt, und kränklich, zart inmitten dieser blutvollen, dämonischen Welt, meißelt Dowson eine Handvoll, ach: weniger als eine Handvoll Gedichte von makelloser, erhabener Schönheit.

Die dämmerige, reine Erhabenheit des Klosterlebens jenseits der Verworrenheit der Welt: And it is one with them when evening falls, and one with them the cold return of day. Das Verblassen der Erinnerung, der schmerzhafte Fall der Rosen, Rain of their starry blossoms – To make you a coronet? Do you ever remember, Yvonne, As I remember yet?. Die Gegenwart der vergangenen Liebe zu einer Toten.

I cried for madder music and for stronger wine,
But when the feast is finished and the lamps expire,
Then falls thy shadow, Cynara! the night is thine

Das Vergehen der Liebe überhaupt, nach deren Reinheit der ausschweifende Katholik zu suchen vermeint. Die geliebte, zwölfjährige Gastwirtstochter, die einen Kellner heiraten wird, eine kleine Madonna, und der Herzschlag und die Lippen derjenigen auf der anderen Seite, die im Werk jenes Viktorianers keinen Namen tragen. Surely the kisses of her bought red mouth were sweet; But I was desolate and sick of an old passion, When I awoke and found the dawn was gray…

Grau mag der Morgen tatsächlich gewesen sein, das schwere Erwachen an der Seite von gleichgültigen Fremden. Die Nacht, in der Robert Sherard den Betrunkenen ohne einen Penny in einer Bar auflas, und mit sich nahm in sein Cottage weit ab der großen Stadt, wo Dowson sechs Wochen später starb, 32 Jahre alt, in jenem Jahr, in dem Oscar Wilde die Augen schloss, ein paar Monate vor dem Tod der Königin Victoria, und knappe anderthalb Jahrzehnte, bevor die Spannungen, die Europa ein halbes Jahrhundert lang ausgebrütet hatte, sich blutig entluden, und das Haus einstürzte, dessen feine Risse sich in den wenigen Seiten Lyrik als ein gewundenes, seltsames Muster von großer Schönheit darbieten.

Die Keratinkatastrophe

Irgendwann im Sommer verabschiedete sich mein Friseur eines Tages mit fast übertriebener Förmlichkeit von mir und ging zum Theater. „Dann alles Gute.“, drückte ich den unvergleichlichen, wunderschön tätowierten Meister meiner Haare ein letztes Mal ans Herz, und begab mich beim nächsten Friseurbesuch unter das Messer eines anderen Herrn. Als ich heimkam, waren die Haare…. nun ja, irgendwie schief.

„Findest du nicht, dass meine Haare irgendwie schief liegen?“, wandte ich mich an den J. „Warte mal ab, bis du sie selber nochmal gewaschen und geföhnt hast, dann sieht das schon ganz anders aus.“, tröstete der; am nächsten Morgen allein war keine wesentliche Besserung zu verzeichnen. Drei Wochen später ging ich wieder zum Friseur.

„Irgendwas stimmt nicht.“, sagte ich zur C., die meine Frisur längere Zeit von vorn und hinten aufmerksam beobachtete. „Unsinn. Du siehst gut aus.“, wehrte die unentbehrliche Freundin ab, ich aber begann, in jeden Spiegel an den Wegen meines Daseins überaus kritische Blicke zu werfen. – Wenn diese Strähne irgendwie mehr nach vorn fallen würde, dachte ich etwa. Oder: Wäre gut, wenn die Haare auf dem Oberkopf nicht ganz so buschig wären. Oder so ähnlich. Auch ein erneuter Friseurbesuch, und dann noch einer, brachten keine wesentliche Verbesserung der Gesamtsituation mit sich. Auf meinem Kopf hatte sich ein schwarzes, struppiges Problem zu wuchern entschlossen, und die Friseure Berlins scheiterten reihenweise an der Widerspenstigen Zähmung.

„Kannst du mal aufhören, die ganze Zeit in deinen Haaren herumzuwühlen?“, fuhr der J. mich schließlich, Freitag nachmittag war’s, an. Mein Spiegelbild über dem Kaffeehaustisch schaute bei diesen Worten etwas unglücklich und ausnehmend schlecht frisiert auf J. und mich herab, und ich widerstand nur knapp und nicht besonders lange der Versuchung, die Haare am Hinterkopf ein bißchen zur Seite zur schieben, einzelne Strähnen ein wenig einerseits in, andererseits aus der Stirn….und so weiter.

„Ich geh‘ morgen zum Friseur.“, kündigte ich dem J. an. „Blödsinn.“, wehrte der ab. „Du hast sie einfach nicht mehr alle. Du warst doch gerade erst beim Friseur. Deine Haare sind gut.“ – Hast du eine Ahnung, schaute ich dem J. fest in die schwarze Lockenpracht, die glänzend und durch und durch unproblematisch des verehrten Exfreundes Haupt verziert.

Ach, dachte ich aber schon knappe zwanzig Stunden später am Samstagvormittag, und beschloss, dem geschätzten ehemaligen Gefährten zukünftig doch mehr Gehör zu schenken, als dies gewöhnlich der Fall war und ist. Im Spiegel sprang ein mir unbekannter, aber teuflischer Friseur hinter meinem Kopf begeistert hin und her, auf dem Boden lagen kiloweise Haare, die in einem wahren Paroxysmus des Haareschneidens binnen weniger Minuten zu Boden gefallen waren. Auf meinem Kopf dagegen befanden und befinden sich der Haare nur noch wenige, die zudem sehr, sehr sonderbar fallen.

„Meinst du nicht, das ist ein bißchen kurz?“, stammelte ich schockiert dem Friseur vor. „Süße, du siehst super aus.“, verteidigte das Böse sein Werk, und knetete Unmengen Wachs in die traurigen Relikte auf meinem Kopf. Gesenkten Hauptes verließ ich sodann das Golgatha meiner Frisur, und klagte dem geschätzten ehemaligen Gefährten telephonisch mein Leid. „Wart doch erstmal ab, wie es aussieht, wenn du die Haare selber und geföhnt gewaschen hast.“, flüchtete dieser in die billigen Tröstungen derer, die keine Probleme auf dem Kopf haben, und ich wandte mich an die C.

„Ich gehe heute nicht mehr raus. Ich habe jetzt schlechte Laune“, nörgelte ich der C. vor. „Schwachsinn. Soweit kommt´s noch.“, bügelte die C. mich ab, und befahl mein Erscheinen auf den meergrünen Polstern des „Visite ma tente“. Unglücklich und schlechtgelaunt hielt ich mich zwanzig Minuten später an meinem Weinglas fest, spiegelte mich in den Scheiben, und fragte jeden, jeden, ob Herr oder Dame, nach meiner Frisur. – „Können wir vielleicht demnächst wieder über etwas anderes sprechen?“, fragte der J. ungefähr am Dienstag einmal nach und verwies auf sein herannahendes zweites juristisches Staatsexamen.

„Wenn sie wieder nachgewachsen sind.“, ächzte ich durch den Hörer und legte auf.

Prophezeiungen

Durch die engen Gassen der Souks von Kairo, vorbei an den Gerüchen der aufgetürmten Früchte und Gewürze, vorbei auch an Ballen leuchtender Stoffe, die höher gestapelt waren als ich, die acht Jahre alt oder neun an der Hand meines Vaters durch den ägyptischen Januar lief. „Magst du dir die Hände mit Henna bemalen lassen?“, fragte er, als eine alte Frau mich zu sich in den Laden winkte. Ich drückte mich an ihn, eingeschüchtert von den schreienden, gestikulierenden Händlern, und müde von dem langen Flug und dem frühen Aufstehen. Mein Vater vertrieb die Händler mit einigen Handbewegungen, und zog mich weiter Richtung Ausgang, als eine alte Frau sich uns in den Weg stellte. Gebieterisch, die Hände in die Hüften gestützt, stand sie vor uns, sehr dick, in einer Mischung aus traditioneller und moderner Kleidung, und streckte mir eine Handvoll Zettel entgegen. „Nimm schon.“, sagte mein Vater, und gab der Frau etwas Geld, auf dass sie den Weg wieder freigebe.

Ordentlich drei- oder viermal zusammengefaltet waren die Zettel, wie herausgerissen aus einem Schulheft, und ich öffnete den ersten, nur um festzustellen, dass die handschriftlichen Zeilen sich meinen Lesekünsten jedenfalls entzogen. Schüchtern drückte ich der Frau die Zettel wieder in die Hand. Sie verweigerte die Annahme, und ich schob die Zettel wieder tief in meine Hosentasche. An der Frau vorbei zog mich mein Vater in den Fleischsouk, wo abgezogene Hammelköpfe mich aus blauen Augen ansahen. Die Frau kam uns hinterher und hielt mich fest.

Mag sein, dass mein Vater irgendetwas zu ihr sagte, mag auch sein, dass ich versuchte, ihr meinen Arm zu entziehen. Am Ende stand die Frau vor mir, die Zettel in der Hand, und entfaltete in großer Hast einen nach dem anderen, um sie vorzulesen. Neben meinem Vater stand ich und sah die Frau an. „Eine Wahrsagerin.“, erklärte mein Vater.

„Was hat sie gesagt?“, fragte ich ihn, als die Ägypterin alle Zettel vorgelesen hatte, und wir durch den Dunst des frischen Fleisches endlich zum Ausgang gelangten. „Ich habe kein Wort verstanden.“, zuckte mein Vater die Achseln, und wir fuhren zum Hotel.

Jahre später, achtzehn war ich und auf Interrail-Tour, las mir eine Italienerin aus der Hand. Drei Söhne würde ich einmal haben, verriet sie mir, und einen reichen Mann. Dass sie meiner Freundin N. fast dasselbe weissagte, entzog auch im zarten Frühling meiner Leichtgläubigkeit dieser Aussage indes doch ein deutliches Maß an Glaubwürdigkeit. – Eine Prager Wahrsagerin, weitere drei Jahre später, weissagte Schlimmes, und hinterließ ein bedrückendes Gefühl in der Magengegend, und den Vorsatz, den Mund der Wahrheit bis auf weiteres nicht mehr zu befragen.

Manchmal aber, in der Ruhe eines frühen Morgens nach durchwachter Nacht, liegt die Zukunft, das nächste Jahr und der nächste Morgen, so verworren vor mir, so unklar Ziel und Weg, dass ich wünschte, einer käme zu mir, und sähe in meine Hand, selbst wenn nichts weiter darin zu sehen wäre als eine große Leere, eine ereignislose Melancholie, und ein Ende in Dunkelheit, Blut und Tränen. Vielleicht aber, denke ich dann, kommt im Leben nur einmal einer zu einem, den Nebel zukünftiger Tage zu lüften, und eine gnädige oder grausame Ironie befahl, das Abbild meiner Zukunft in fremde Worte zu verkleiden, einmal, vor vielen Jahren, irgendwo in Kairo.

Dem allen zugewandt und nie hinaus

Wie Wellen bricht sich der Strom von Worten, Tönen, Bildern an unserer Haut, durchtränkt uns mit seinem schmutzigen Fluidum, und lässt uns nachts, wenn die See ruht, leer zurück. Unbemannt sind die Barkassen, die die Häfen verbinden, und vielleicht ist jener nächtliche Ekel vor dem Trüben, dem Allzuvielen, dem Verworrenen, an dessen Wurzeln man nicht liegen mag, nichts als der Schatten der Erkenntnis, dass hinter den Dingen, auf dem Grund des Stroms keine neue Welt, aus einem einz´gen ganzen Chrysolith gehauen, auf seinen Taucher wartet.

Wie auch immer: Auf bald. Auf baldiges Wiedersehen.