Um eine zweite Sonne

Dein Büro, hell, sonnig, und benachbart die Kollegen, die du schätzt, und eine Arbeit, die du nicht missen magst. Unglücklich wärst du doch, würde dieses Band dir abgeschnitten, das klingelnde Telephon, der stete Glockenschlag der Fristen, eins – zwei – drei, ein sachliches Stakkato, und die schnellen Besprechungen, als sei all das ernst, was du tust, und es ginge nicht nur um Geld. Am Morgen früh durch den sich langsam erwärmenden Tag, die Schlagzeilen der Zeitung, und am Abend erst beruhigt sich der Puls des Tages über einem späten Glas Wein, beim Visite ma tente vor der Tür, oder irgendwo auf dem Weg, ein schnelles Essen, und die Zeit legt sich nieder, seufzt und legt den Kopf zwischen die Pfoten wie ein müdgelaufener Hund.

Dann aber gehst du nach Hause, und möchtest doch gern noch bleiben, aber in sechs Stunden klingelt der Wecker und treibt dich aus dem Schlaf. Und die C. hast du ja die ganze Woche nicht gesehen, am Wochenende ist Hochzeit außerdem, drei Stunden weit entfernt im Westen der Republik, und du hast kein Kleid. Die J. wolltest du noch anrufen, der J.² wartet auf Rückruf, und schreiben möchtest du seit Wochen, etwas Längeres vielleicht, einen Essay, eine kurze, kuriose Geschichte, und die Worte und Wendungen sitzen dir schon sperrig und schwer in der Brust, wollen heraus und würgen dir von innen den Hals. Wenn du nach Hause kommst, ist es Mitternacht, vielleicht eins, vielleicht später. Gehst du stracks nach Hause, kehrst nicht mehr ein, dann wird, so fürchtest du, nächstes Jahr keiner mehr fragen, wo du bleibst, und du fühlst dich sehr einsam daheim, weil du den Betrieb brauchst, täglich, stündlich, Geräusche, die dich umgeben, ein schnelles Wort im Vorübergehen, eine Tasse Tee, dir auf den Schreibtisch gestellt, ein Glas Wein an den gläsernen Tischen der Bar, in der du zu Hause bist. Ein wenig Klatsch, den du zwei Tage behältst, um ihn wieder zu vergessen, ein paar Sottisen, ein paar wohlfrisierte Traurigkeiten, und immer wird’s zu spät.

Zu kurz ist der Tag, zu gezählt deine Stunden, und immer, immer bist du müde. Säßest du nur da, ein paar Minuten, und schautest aus dem Fenster, die Augen fielen dir zu, aber du wirbelst, du rufst an, du läufst von der Bahn ins nächste Café und weiter, wohin dich die Telephone rufen, und wünscht dir manchmal auf dem Wege, die Sonne jeden Tages ginge zweimal auf, dreimal, für jedes Leben, das du führst ein neuer Morgen, und es verschlinge nicht dein eines Leben alle anderen, und du littest Mangel, welches Leben dies auch sei.

13 Gedanken zu „Um eine zweite Sonne

  1. man

    möchte schreiben, wie gut einem dieser text gefällt, die spontan in den sinn gekommenen worte wirken bei näherer betrachtung jedoch blass und schal wie abgestandenes bitter lemon; man verwirft den gedanken an einen kommentar, überlegt, dass sie sich möglicherweise zweifelnd fragen, warum niemand sich zu wort meldet, beschließt letztlich doch, die eigenen gefühle auszudrücken, was aber wiederum schon im ansatz misslingt, weil es deren viele gleichzeitig sind und außerdem die nachmittägliche hitze die denkleistung spürbar schmälert …

  2. REPLY:
    netter versuch…

    ich finds ja immer wieder interessant wie sich die leser dieses blogs in ihren kommentaren
    bemühen so zu schreiben wie die verfasserin. warum schreibt ihr nicht einfach wie ihr schreibt? alles andere klingt doch nur künstlich…
    aber bitte, nichts für ungut…

  3. REPLY:
    Nunja

    Unabhängig vom (unabsichtlichen) versuchten Stilklau: Abgestandenes Bitter Lemon ist doch genau das, um was es geht. Du machst die Augen zu, und wachst irgendwann wieder auf, und nichts ist besser geworden, nur alles noch müder. Und so geht das, immer weiter, immer weiter. Hätte abgestandenes Bitter Lemon Gefühle, dann wären es diese. Grüße, DrNI.

  4. Voll und ganz…

    möchte ich Frau Walküre danken, dass sie schon alles gesagt hat!
    Ohne ein gewisses Anschmiegen an den Text sind Kommentare ja doch irgendwie sinnlos…, nicht wahr?
    Und Frau Modeste hat in notorischer Eleganz die Sache erst auf den Punkt und dann ins Bild gebracht:

    Ihre Metaphern sind einfach adorabel….!

  5. Aber Herr Psss, nun lassen Sie doch die Frau Walküre in Ruhe, die nicht nur hier eine geschätzte Kommentatorin, sondern auch eine gleichfalls geschätzte Bloggerin ist, zwischen deren Blogbeiträgen und Kommentaren ich jedenfalls nie nennenswerte Brüche festgestellt habe.
    Und DrNix hat natürlich recht, das trifft dieses Gefühl ungefähr, auch wenn mein Dilemma ja gerade eher ist, das rechts Champagner, und links Chamapgner steht, und für alle Champagner die Zeit nicht reicht.

    Und Indirekte Rede und Wallhalladada: Herzlichen Dank.

  6. REPLY:
    DrNI

    Ich wollte nur sagen, eigentlich nenne ich mich ja DrNI, aber Twoday war nicht sehr kulant. Dann hoffe ich mal für Frau Modeste, daß bei diesem Wetter wenigstens eine Flasche Wasser zwischen der Bonzenbrause erreichbar geparkt wurde.

  7. REPLY:

    @auch wenn mein Dilemma ja gerade eher ist, das rechts Champagner, und
    links Chamapgner steht, und für alle Champagner die Zeit nicht reicht.

    – Die Sorgen möchte ich haben! Oder eigentlich auch nicht. Ich frage mich immer,
    wo diese Unzufriedenheit bei Dir herkommt. Ich führe ein sehr viel beschaulicheres,
    ruhigeres Leben als Du (mit anderen Leuten in einer Bar oder Café, Biergarten etc.)
    beim Wein versammelt bin ich vielleicht dreimal im Monat, täte ich das jeden Abend,
    hätte ich schon Insolvenz anmelden müssen, ich arbeite zwar viel, aber gänzlich
    unhektisch, und was Du so als Dein Lebensgefühl, Deinen Lebensstil beschreibst, würde
    ich als überaktiv bezeichnen (quasi workoholic und Partygirl in Einem). Als Student
    hatte ich das auch mal so gehalten, bis zu einer Serie von Kreislaufzusammenbrüchen und
    einem Burnout-Syndrom. Seither habe ich die Grundgeschwindigkeit gedrosselt und dafür
    Sport fest mit eingebaut. Meine Lebenszufriedenheit ist sether sehr gestiegen.

  8. in fast jedem Text von Ihnen

    ist eine Perle versteckt. Madame Modeste. Hier ist es das Bild der Zeit als ein müde gelaufener Hund.
    Aber dieser Hund Zeit rennt meist und jappst nach Luft voller Übermut. Aber davon schreiben Sie ja auch. Wieder einmal wirklich gern gelesen…

    Gruß in den warmen Berliner Abend

    Mukono

  9. REPLY:

    Wasser, klar, DrNi, zwei Liter am Tag, und die Hyperaktivität, Che, ist mir schlicht Natur. Nicht alle Leben führen zu können, die mir begehrenswert erscheinen, eine Katastrophe, aber dass das Luxussorgen sind, ist mir natürlich bewusst.

  10. REPLY:

    Und Danke, Frau Schickse und Herr Mukono. Demnächst vielleicht auch mal wieder ein etwas sorgfältiger ausgearbeiteter Text, aber ich habe ja keine Zeit, ich bin in Eile, ich rase, ich fliege…aber bald. Vielleicht. Wenn ich es schaffe.

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