Wohin wegfahren

Zur langen Liste von Sachen, Leuten oder Meinungen, die ich doof finde, gehört ja eigentlich auch Individualurlaub: Leute, die denken, sie seien so besonders, dass ihnen andere Leute, die irgendwo hinfahren, einfach unzumutbar wären. Solche Leute finden regelmäßig, dass ihr persönliches Erleben der Akropolis so verschieden sei von dem, was alle anderen Leute sehen, wenn sie nach Athen fahren, dass sie allen anderen Reisenden am liebsten die Berechtigung absprechen würden, die deutschen Grenzen zu überschreiten, und die sich heimgekehrt stolz brüsten, nur mit Einheimischen gesprochen zu haben, und bei der Erwähnung anderer deutscher Touristen genervt die Augen verdrehen.

Weil die Einheimischen aber gar keine Lust haben, deutsche Individualreisende in ihrer Mitte aufzunehmen, und die deutschen Individualreisenden auch eigentlich gar keine Lust haben, sich die ganze Zeit mit Leuten zu unterhalten, die sich für die Ziegenzucht viel mehr interessieren als für irgendwelche dahergelaufenen Deutschen in Flip-Flops und Wickelröcken, sitzen die Individualreisenden, wie man weiß, am Ende doch alle miteinander in irgendwelchen Internetcafés oder Hostels, in denen man für € 5,– ein Etagenbett in einem Schlafsaal beschlafen kann. Mit Bussen, in denen außer den Individualreisenden lauter arme Bauern ihre Hühner transportieren, fahren die stolzen Reisenden in Dörfer, die so unterhaltsam sind wie Grafenschachen oder Krummhörn, nur eben woanders, um fremde Leute mit ihrem Interesse zu belästigen, fremden Menschen durch die Fenster zu schauen, und zu jubeln, wenn da alles anders ist, als zu Hause.

Theoretisch ist Pauschalurlaub deswegen eine feine Sache. Man stört die Einheimischen nicht bei ihren alltäglichen Verrichtungen, man biedert sich nicht an bei fremden Kulturkreisen, die ich in aller Regel ohnehin weniger interessant finde als den Kulturkreis Berlin, der mir zumindest meistens völlig reicht, und man gibt ein bißchen Geld aus, mit dem die Leute vor Ort sich Kraftfahrzeuge kaufen können oder ipods oder sonst irgendetwas, was Leute woanders genauso gern hätten wie Leute hier. Praktisch allerdings sind der geschätzte Gefährte und ich irgendwann als Studenten, als es uns in Deutschland einfach zu kalt war, in ein Hotel auf Djerba gefahren, wo man Golf spielen und Nichtstun konnte, und würden dieses Erlebnis alles in allem ungern wiederholen. Außer uns waren alle fünfzig, weil wir Hotels mit Animation aus grundsätzlichen Erwägungen ausgeschlossen hatten, und die an sich ansprechenden Buffets waren offensichtlich geeignet, die schlechtesten Instinkte der anderen Reisenden zu wecken, die sich unglaubliche Mengen von Schalentieren auf ihre Teller luden, als hätten sie noch nicht Gambas gesehen, und einige Tage nach unserer Ankunft setzt sich ein Mann mittleren Alters an den Pool und begann, mit einem Hornhauthobel an seinen Füßen herumzureiben. Um den Pool herum entstand eine gewisse Unruhe. Verstörte Touristen kniffen sich gegenseitig in die Arme, um den Realitätsgehalt des Gesehenen zu verifizieren. Ein Gemurmel entstand, und schließlich stand ein anderer Mann auf und ging zu dem Hornhauthobler, der wild und trotzig fortfuhr, seine Füße zu traktieren. Den Pool nutzten wir nicht mehr.

Statt dessen einfach so wegfahren, ein Hotel irgendwo, möglichst angenehm verrottet ohne Geschäftsreisende mit ihren Reisetrolleys, vielleicht Helsinki oder Sofia, Inbegriffe der Abwesenheit mit ein bißchen Spazierengehen und ziellose Gesprächen – alles schön, aber nicht im November in Europa, wenn auch bekannt angenehme Städte aussehen wie Herne in der großen Depression. Weit wegfahren wäre toll, aber der geschätzte Gefährte ist gerade recht ortsfest, und über andere Reisebegleiter verfüge ich nicht.

Aber vom 28.11. bis 07.12. will ich weg. Wer mir sagt, wohin, bekommt eine Karte.

24 Gedanken zu „Wohin wegfahren

  1. wien

    definitiv wien. eigentlich kein unterschied zu berlin, nur kleiner. überall advent-märkte, punsch-ausschank praktisch den ganzen tag, eine stadt im rausch, ein volk im taumel. rund herum alles grau Und man versteht die menschen fast (alles was uns trennt: die gemeinsame sprache). man fühlt sich heimisch, also abgestossen. der ideale platz um eine ordentliche weihnachtsdepression zu starten.

    warum in die ferne schauen, wenn das übel liegt so nah?

  2. REPLY:

    Ne, Badeurlaub muss wirklich nicht. Ich bin zu unruhig für den Strand, das geht maximal 24 Stunden. Und in Marrakesch war ich vor Jahren, das hat mir gefallen, allerdings bin ich derzeit etwas skeptisch bezüglich der arabischen Welt – ich fürchte, man ist nicht sehr beliebt da gerade.

  3. Granada…

    …kann mit angenehmen Winterklima locken.
    Bei Spaziergängen am nahen Mittelmeer kann man schon die schneebedeckte Sierra Nevada bewundern und anschließen dort noch durch den Schnee stampfen. Wer mutig ist kann versuchen den Kakteen am Strassenrand die Früchte zu entreisen oder ein einfach sich mit Aloe Vera Blättern eincremen.
    Die Altstadt kann mit zahlreichen Tapasbars von versift bis edel trumpfen und es gibt eine ganz neuen wissenschaftliches Museum mit Aussichtsturm.
    Von gegenüberliegenden Hügel sieht die Alhambra fantastisch aus und im Arabischen Viertel gibts allerlei Tand zu erwerben.

  4. Bündig nicht einverstanden. Als Nur-Individualreisender, eine andere Urlaubsform
    wäre mir nicht vorstellbar, was mich aber nicht davon abhält (meistens) in guten
    Hotels zu logieren, habe damit überwiegend (nicht nur) gute Erfahrungen gemacht
    und ganmz besonders die, dass die Einheimischen einen höchst gerne in ihrer Mitte
    aufnehmen. In Ägypten beispielsweise ist es ja praktisch nicht möglich, nicht mindestens
    einmal täglich zu einer Familie nach Hause eingeladen zu werden, entsprechend gaben
    wir bald das Hotel auf und wohnten bei Leuten zu Hause als Gäste der Familie, auch im
    übrigen Nordafrika und auf gewissen Atlantikinseln ist das nicht anders, und man lernt
    wirklich sehr viel über Kulturkreise. Ich möchte diese Art Urlaub zu machen auf keinen Fall
    missen. Pauschaltourismus ist schnarch.

  5. warum nicht helsinki? als guide stelle ich mich zur verfuegung, ein schlafplatz liesse sich sicher auch finden und dass es mal was anderes ist, bestätigten mir alle besucher. café kultur wie in wien gibt es hier auch, zu ähnlichen preisen. saunieren in alten bädern, am frauentag. die schären bestaunen und die finnen.

    tervetuloa!

  6. Wie wäre es mit Sizilien? Oder Neapel? Hier laufen Sie um diese Jahreszeit mit Sicherheit keinen Pauschaltouristen über den Weg, Individualreisende halten ihre Nasen in Klassiker der Antike anstatt in des Lonely Planet‘ neueste Hotspot-Hinweise und im Zweifelsfall können Sie sich auch mit Latein durchschlagen.

  7. athen … athen ist jetzt im winter erst richtig gut.
    nicht so eisig wie der rest von europa … und es ist genau dieser unterhaltsame wust von dingen und menschen, der einfaches spazierengehen schon zum tagesprogramm macht.

  8. REPLY:

    und dann noch einen abstecher auf die eine oder andere insel …
    und keine touristen – weder individual noch pauschal – weit und breit.

    allerdings wäre das stockdunkle stockholm auch eine alternative, wegen der cafes und der kanelbullar.

  9. REPLY:

    Burnster, Sie empfehlen ja meine Heimat! Soll ich mich dazu gleich als Fremdenführerin anbieten? Allerdings weiss ich nicht, ob ich selbst eine Woche Landshut empfehlen würde… Und Hascherkeller schon gleich gar net…

  10. Nach Venedig, Frau B., könnte man ja immer fahren. Vielleicht wirklich Venedig, fast so gut wie Wien. Das ist dann wirklich November: Düster wabernder Nebel und eine Ahnung von einem süßen, morschen Sinken. Aber Granada, Herr Strelnikov, klingt auch nicht schlecht. Außerdem war ich da noch nie. Allerdings auch da lieber im Hotel als bei Leuten, erst recht nicht bei Fremden, aber da, Che, gehen die Meinungen halt auseinander.

    Helsinki oder Stockholm, Naapuri und Esperame, ist mir zu dunkel. Stockholm mag ich allerdings sommers, Helsinki kenne ich nicht, aber vielleicht eher im Juni, wenn die Ostsee schimmert und die Sommergötter über den Schären lächeln.

    Eine Kanalinsel, Frau Fragmente, klingt gut. Weiß jemand, wie warm es da jetzt gerade ist? Ich friere ja im Winter stets ganz entsetzlich. Sizilien und Athen, Frau Wortschnittchen, käme mir diesbezüglich ja mehr entgegen. Qual der Wahl. Rotterdam dagegen, Herr Timafaya, hat mir ja nicht so sehr gefallen.

    Aber wer, Meister Burns, könnte Landshut schon widerstehen.

  11. REPLY:

    Kanalinseln: lernte in der kosovotschetschenischen Provinz Engländer aus Jersey kennen,
    die meinten, es wäre da ganzjährig gemäßigt, wenn auch zur Zeit ziemlich windig.

    Genauer: 13 C, Sonne, wolkenlos.

  12. Will auch wech

    Falls Ihr Reisebegleiter Sie im Stich lässt oder ihm gewisse Distanzen zu beschwerlich sind, ich tät mitkommen!

    Concerning weather conditions Britisch Isles pls see below:
    http://www.bcb.co.uk/weather
    Morgen 15 degrease und sonnig, ist doch nicht schlecht für November.

    Nach Italien käm ich auch mit, egal wohin … Könnte jederzeit in Landessprache beim Schuhkauf, Essen gehen, Flirten, bzw selbiges Abwimmeln sowie anderen überlebensnotwendigen Aktivitäten unterstützen;-). Nehme u.a. auch zur Kenntnis, falls Edelboutiquen-Angestellten-Tussis einheimischen Shopping Victims verdeckte Hinweise auf noch verdecktere Sonderangebots-Ständer geben … und vermeintlich dumme blonde Touri-Tussies dumm sterben lassen wollen – jawoll!

  13. Einfach weg, das geht mit Planung eben schlecht. Individualität und Mainstream, ein leidiges Thema und ein omnipräsentes Schlachtfeld. Einfach weg. Aber wohin, mit welchem Geld und vor allem mit welcher Zeit?

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