Archiv für den Monat: Februar 2008

Gesellschaftsspiele

Ertappt:

1. Nimm das nächste Buch in deiner Nähe mit mindestens 123 Seiten.
2. Schlage Seite 123 auf.
3. Suche den fünften Satz auf der Seite.
4. Poste die nächsten drei Sätze.
5. Wirf das Stöckchen an fünf Blogger weiter.

„Mit der Geburt beginnen wir zu sterben, und das Ende setzt mit dem Anfang ein“ (Manlius) – ein Gemeinplatz, dem man beim Heiligen Bernhardt und bei Pierre de Bérulle ebenso begegnet wie bei Montaigne. Ebenso hat es die sehr alte Vorstellung des Weiterlebens in einer traurigen und grauen Unterwelt und die jüngere, weniger volkstümliche und strengere eines moralischen Gerichts wiederaufgenommen. (1)

Es hat schließlich die Hoffnungen der Heilsreligionen wiederangefacht, indem es das Heil des Menschen der Fleischwerdung und der Auferstehung Christi überantwortete.

Fahre fort, wer mag.

Sonntagsleser

Die Hamburger, weiß die Berliner Fama, zeichnen sich insbesondere durch einen ganz unvergleichlichen und in der Bundesrepublik einzigartigen Kleidungsstil aus. Sie tragen Barbourjacken, auch wenn das gerade sonst keiner tut. Sie mögen Twinsets. Sie tragen – ich habe das selbst gesehen – selbst nachts um drei und stockbetrunken ein dezentes Make Up und Perlenketten. An den öffentlichen Angelegenheiten ihrer Heimatstadt nehmen sie rege Anteil, selbst dann, wenn beide Kandidaten aus einigen hundert Kilometern Entfernung nahezu ununterscheidbar sein sollten.

Auch der politisch interessierte Hanseat muss aber nicht den ganzen Tag wählen gehen. Nachmittags

am 24.02.2008
um 16.00 Uhr

hat der Hamburger seine Wahl längst getroffen, und da es ohnehin, sagt man, mäßig spannend sein wird, wer die Wahl gewinnt, besteht ausreichend Gelegenheit, sich zum

Kaffee.Satz.Lesen
Baderanstalt
Hammer Steindamm 62
Hamburg

zu begeben, wo neben einigen, sicherlich großartigen Autoren auch ich einen Text verlesen werde, der sich zur Abwechslung einmal nicht mit mir beschäftigt, sondern ganz und gar ausgedachte Menschen zum Gegenstand hat, die teilweise autofahren, und teilweise sterben.

Flyer0208

Ich würde mich freuen, wenn Sie kommen.

Madame entspannt sich

Auf dem Rücken liegend geht es etwas besser. Auf der Seite dagegen pocht und sticht es, und ich fahre mit der flachen Hand ein paarmal über meinen Brustkorb, um die Regelmäßigkeit der Herztöne zu prüfen. Es sieht nicht gut aus. Besorgt – Tiere haben ein feines Gespür – sitzt auf dem Sessel neben meinem Bett der Kater. Er wird es schwer haben, wenn ich nicht mal mehr bin.

Gegen eine ernsthafte Erkrankung spricht immerhin, dass diese Beschwerden zwar regelmäßig, aber nur, also ausschließlich und ansonsten nie, im Urlaub auftreten, und zudem nicht in jedem Urlaub, sondern nur während längerer Phasen freier Zeit daheim. Verlasse ich die Wohnung, sind die Schmerzen wie weggeblasen. Auch führen Zigaretten nur bei Konsum allein zu Hause zu Beklemmungen im Brustkorb und einem brennenden Gefühl im Mund.

In der Badewanne lässt der Schmerz nach. Leider fällt mir, da bin ich schon ganz schrumpelig, Leo Perutz‘ dritte Kugel ins Wasser, weicht auf, und ist bei Gefahr des Zerreißens für heute nicht mehr lesbar. – Ob man Bücher föhnen sollte?, frage ich mich, ein bißchen verärgert über die Leseverzögerung, und greife dann doch, eingehüllt in J.‘s neuen Bademantel, zum nächsten Buch im Stapel.

Bei Thomas Glavinic letztem Roman, mir als amüsant empfohlen, geht es gleich auf Seite 1 um die Furcht vor Erkrankung. Hodenkrebs lässt mich kalt!, befehle ich mir, und verbiete mir jeden Gedanken an diejenigen Krankheiten, die Frauen statt dessen befallen. Sterben eigentlich mehr Frauen an Brust- als Männer an Hodenkrebs? Wahrscheinlich ja, sage ich mir, und lege das Buch mit leisem Bedauern zur Seite. Nicht allein, nicht im Urlaub, sage ich mir, und versuche, eine halbwegs bequeme Stellung einzunehmen. Der Kater liegt immer noch neben dem Bett.

Ein bißchen blass bin ich auch, stelle ich fest und drehe den Spiegel vorsichtshalber um. Überdies bekomme ich auf dem rechten Augenlid andere Falten als auf der linken Seite. In Ansehung meines nahen Todes ist aber auch das egal, beschließe ich und vereinbare telefonisch einen Termin im Hedwig-Krankenhaus. Ja, bitte vollständiger Check-Up.

Zwei Stunden später sage ich wieder ab. Wozu das alles. Die Beine eng an den Oberkörper gezogen liege ich auf dem Sofa und lese Vizinczey. Wie ich lernte die Frauen zu lieben. Neben mir schläft immer noch Kater Willy und tritt mir ab und zu träumend in den Bauch.

Vizinczeys reife Frauen sind wahrscheinlich jünger als ich, fällt mir ein. Die Ansichten über das weibliche Alter haben sich bekanntlich etwas verschoben im Laufe der Jahre. Wahrscheinlich ist Strauss‘ Marschallin Werdenberg jünger, mutmaße ich besorgt um mein künftiges Liebesleben und drehe den Spiegel wieder um. Nur eine kurze Kontrolle. Nun schmerzt es wieder. Beim plötzlichen Aufspringen, als das Telefon schellt, schmerzt es erst recht.

„Was machst du gerade?“, fragt die J. und schlägt einen Museumsbesuch vor. „Als Exponat?“, verkneife ich mir gerade noch.

„Nichts. Mich entspannen.“, antworte ich statt dessen.
Der Kater grinst.

Nach Hause

„Müssen sie auch morgen raus?“, fragt mich einer der beiden Männer an dem Stehtisch im Foyer, und einen Moment lang überlege ich, zu bleiben. – „Bis dann!“, tippt mir die B. auf die Schulter, die einen Termin hat, morgen früh um acht, und warum ich nicke, warum ich nach Hause fahre, anstatt weiter zu ziehen, weiß ich selber nicht.

Vielleicht ist es das, was das Erwachsensein ausmacht, überlege ich, als das Taxi hält: Dass die Müdigkeit stets die Erwartungen überwiegt, und keine Wünsche einen durch die Nächte tragen. Vielleicht ist es die Erwartungslosigkeit selber, die nicht mehr annimmt, dass hinter der nächsten Ecke, einen Straßenzug weiter, das Unbekannte wartet, und das Unbekannte größer, strahlender, oder auch nur anders ist, als das, was man kennt. Vielleicht ist es etwas wie Zufriedenheit, vielleicht ist es aber auch nur, dass man irgendwann, als man es selbst nicht wusste, einen dicken, schwarzen Strich gezogen hat, unterhalb dessen die Summe von dem steht, was mich ausmacht, und was zu reichen hat, die nächsten paar Jahrzehnte.

Ein zum Rühmen Bestellter

Bücher des Jahres (3)

Friedrich Sieburg, schreibt Marcel Reich-Ranicki 1967, habe mehr Geist als Format besessen, mehr Macht als Autorität, und seine Koketterie habe seinen Geschmack beeinträchtigt. Die zeitgenössische Literatur habe Sieburg – immerhin einer der einflussreichsten Kritiker gerade der Fünfziger Jahre – verkannt. Weder Marie-Luise Kaschnitz, noch Koeppen, weder Nossack noch Hildesheimer, weder Dürrenmatt nicht Peter Weiss, Schnurre, Eisenreich noch Johnson habe er auch nur einer Erwähnung wert gefunden. Das rasche Verblassen des Renommés des damals erst einige Jahre verstorbenen Kritikers der FAZ erkläre sich zumindest maßgeblich auch aus dieser Abkehr von der Gegenwart.

Uns aber, die diese vierzig, fünfzig Jahre vergangene Gegenwart nicht mehr im selben Maße als maßstäblich gilt, vermag dieses Diktum wenig zu beeindrucken. Kein Buch der als Beleg für das mangelnde Verständnis der Gegenwartsliteratur von Reich-Ranicki herangezogenen Autoren gehört zu jenen, die ich auf die sprichwörtliche einsame Insel mitnehmen würde, und insbesondere diejenigen Schriftsteller, die man der Gruppe 47 zuordnet, haben mich herzlich gelangweilt. Die Abkehr dieser Autoren von einer Tradition, deren moralische Diskreditierung ihren ästhetischen Glanz aus unserer Sicht nicht zu zerstören vermochte, erscheint uns aktuell nicht mehr als verdienstvoll, und so könnte es durchaus erstaunen, dass eine Renaissance derjenigen Essais Sieburgs, die nicht nur der schnellen Vermittlung des tagesaktuell Lesenswerten dienen, bisher – dem konservativen Zeitgeist zum Trotz – ausbleibt. Ganz unerklärlich ist dies allerdings nicht:

Mag auch das allzu Saloppe beginnen, ein wenig zu langweilen, und die Annäherung der Schrift- an die gesprochene Sprache uns nicht mehr als frisch, als neu und unmittelbar erscheinen: Das allzu gravitätische, allzu parfumierte Deutsch, mit dem Sieburg all das, was er beschreibt, verpackt wie die Verkäuferin einer teuren Boutique ein Stück Seife in drei Lagen Tüll und glänzendes Papier einwickelt, versperrt die Sicht auf den Gegenstand seiner Betrachtung oftmals nicht wenig. Entsprechend erfährt man etwa aus Sieburgs Frankreich-Büchern wenig über Frankreich, kaum etwas über die französische Gesellschaft, nicht viel über die französische Literatur, und auch die Charaktere, die Sieburg beschreibt, kann man sich nur mit Mühe vorstellen. Tatsächlich weiß man nach vollendeter Lektüre nur wenig mehr über das Paris der Zwischenkriegszeit als zuvor. Viel aber – und bisweilen lohnt dies den Kauf und die aufgewandten Stunden – erfährt man über den Autor.

Nicht besonders sympathisch erscheint freilich Sieburg selbst nach eigenen Zeugnissen. Auffallend die Larmoyanz, die fast alle konservativen Stimmen nach dem 2. Weltkrieg vereint, als habe man dieser Generation bürgerlicher Denker Unrecht getan, als man ihre Fehler und Verbrechen nicht auf der Stelle vergaß. Ich kenne keine Ausnahme: Der denkende Konservatismus der letzten 60 Jahre tritt einem stets mit einer leicht beleidigt wirkenden Miene entgegen, die es schwer macht, diese an sich nicht vollkommen unsympathischen Menschen posthum ernst zu nehmen. Sieburg ist hier keine Ausnahme.

Befremdlich auch der geradezu putzige Snobismus. Die Selbstgefälligkeit, mit der manche freilich gelungene Formulierung auch dort angebracht wird, wo sie der Natur der Sache nach keinen Glanz entfalten kann noch soll, strengt auch den bereitwilligen Leser mächtig an, und doch, jeweils kurz vor dem Moment, in dem man zu einem anderen Buch greifen würde, das den Nachttisch beschwert, berührt ein poetisches Bild, ein schöner, demütiger Satz, und man schlägt Unsere schönsten Jahre, die Bilanz eines halben Lebens in Frankreich, trotz des scheußlichen,überaus kitschigen letzten Kapitels mit einem kopfschüttelnden Lächeln zu.

Auf dieses Päckchen Nachsicht sind die Biographien Sieburgs keinesfalls angewiesen. Die Betrachtung Robespierres, vor guten zehn Jahren gelesen, kann all das für sich in Anspruch nehmen, was die literarische Biographie an Vorzügen für sich geltend machen kann. Für diesen Satz hätte Sieburg mir Strychnin in den Sekt geschüttet, indes meine ich, behaupten zu dürfen: Wer an Stefan Zweigs Biographien nichts als den allzu schlamperten Stil bemängelt, wird mit Sieburg glücklich werden. Ein Sinn für das Dramatische, für den großen Moment, für die welthistorische Sekunde, in der sich aus dem Alltäglichen das Überlebensgroße formt, und ein Stil, der sich – zumeist wenigstens – dem Gegenstand der Betrachtung unterordnet, macht hier das Lesen zum Vergnügen. Die große Biographie Chateaubriands, die Darstellung der hundert Tage der Rückkehr Napoleons: Eine fast ungeschmälerte Freude, bei allen Abweichungen der Art und Weise, wie wir Geschichte betrachten, stets angenehme, nie langweilige Stunden.

Großartig auch die Miniaturen über die großen Toten. Maupassant. Heine. Kleist, in denen Sieburg sich, bewahrend und bewundernd, dem Geist einer Epoche, eines Menschen, dem Duft der Sprache selbst nähert, um bisweilen all das, was wir als Leser spüren, ohne es fassen und ausdrücken zu können, in einer einzigen, einer schlagenden Formulierung zärtlich zu umfassen.

Hier mag der Kreis sich schließen. Der – gleichfalls verblassenden – Gegenwart seiner Tage mag Sieburg das Angemessene schuldig geblieben sein. Dort aber, wo die ferne Vergangenheit nach Bewunderung verlangt, nach Liebe sogar, dort bleiben ein paar Aufsätze, der Abdruck einer Sehnsucht nach dem ganz gerundeten Schönen, nach dem, was an Sprache der Anbetung wert erscheint, und wenn es auch nicht mehr sein mag, was bleibt: Für diese zwei, drei schmalen, längst vergriffenen Bände lohnt es sich, diesen einst mächtigen Mann nicht ganz und gar zu vergessen.

Friedrich Sieburg, Unsere schönsten Jahre, 1950;
ders., Robespierre, 1935;
ders., Chateaubriand, 1959;
ders., Napoleon, die hundert Tage, 1956;
ders., Nur für Leser. Jahre und Bücher, 1974 (Anthologie).

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