Journal :: 10.06.

Meine Kalbsmaultaschen, sagt man mir, seien geplatzt. Zumindest zwei von fünf Maultaschen hat dieses für die schwäbische Spezialität eher ungewöhnliche Schicksal ereilt, und rund um den Tisch wird ein bißchen spekuliert, wie man sich die Maultaschenexplosion wohl vorzustellen hat. Die drei gelieferten Maultaschen liegen jedenfalls sehr zahm auf einem etwas öligen Salat und wirken nicht so, als könnten sich jeden Moment Sprengkräfte entfalten.

Weil heute Sommer ist, sitzen wir an der Schröderstraße und nicht an unserem reservierten Tisch im Lokal. Ruhig ist es hier, kaum ein Passant auf der Straße, und gegenüber ist sogar noch ein ganzes Haus nicht einmal saniert. Hinter uns schimmert der kühle, weiße Innenraum mit der Holzwand und ein paar Geweihen, von dem ich nie weiß, ob ich ihn nun gut finde, oder nicht doch auf so eine seltsam feige Weise kitschig. Es gibt einen sehr, sehr leichten Grauburgunder, ein knuspriges Brot mit Rahm statt Butter, und meine Dessertvariation sieht zwar etwas lieblos aus, schmeckt aber gut. Ein Stück Ofenschlupfer liegt neben einer kleinen Nocke Mousse au Chocolat und einer undefinierbaren weißen Creme. Vielleicht ist es eine etwas weiche Panna Cotta oder ein Stück Flammeri. Genau weiß das keiner. Wegen des Maultaschendefizits bekomme ich das Dessert immerhin gratis.

Wir reden ein bißchen über Mitte und alles außer Mitte, über Wohnungen und Makler, Freunde, Bekannte und Feinde, und kurz bevor uns der Gesprächsstoff ausgeht, klingelt das Telefon. Die C. ist dran und kommt wenig später vorbei. Erst als es kühl wird, brechen wir auf.

Vor dem 103 halten wir an. Die C. und ich wollen noch nicht heim, denn heute ist Sommer und alle Tische sind voll. Zwar lässt der Kellner auf sich warten. Zwar verschüttet er, als er mit dem Ingwertee kommt, den Inhalt eines Hundenapfs auf der C. Am Ende aber sitzen wir da, und die Kastanienallee schimmert, und erzählen uns leise etwas über die Wirren des Lebens, die oft nicht aufzulösen sind, so sehr man sich auch wünscht, es wäre anders.

2 Gedanken zu „Journal :: 10.06.

  1. Immer wenn ich Maultaschenvorräte aus meiner Geburtsstadt in die Hauptstadt einführen möchte muss ich am Flughafen mein Handgepäck öffnen …denn tatsächlich sehen Maultaschen im Röntgengerät aus wie Plastiksprengstoff.

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