Rosa Donut

Sonntagmorgen. Noch ist der Tag ganz frisch, blank geputzt und optimistisch. Im Café im Erdgeschoss ordnet der Besitzer die Torten appetitlich an, und außer ein paar Joggern schlendern nur zwei, drei Leute mit Hunden die Straße herab Richtung Park.

Beim LEKR auf der Ecke aber ist es voll. Hier wäre es schon voll, wenn niemand im Laden wäre, denn irgendwie ist es Herrn Li gelungen, das Sortiment eines voll sortierten Supermarktes in seinen Eckladen zu stopfen, und deswegen ist eigentlich nicht mehr so besonders viel Platz für Leute. Leute aber sind ziemlich viele da, denn alle andderen Leute, die hier wohnen, haben sich, wie wir auch, abgewöhnt, Samstag oder gar Freitag zu überlegen, was sie essen wollen, oder ob noch etwas fehlt. Dazu kommen Notfälle: Heute etwa hat der F. sich übergeben nach einer unglaublichen Fresssause gestern auf dem Hoffest in Brodowin, und bekommt deswegen bis auf Weiteres nur noch Zwieback.

Mit dem Zwieback in der Hand stehe ich also an der Kasse. Vor mir, hinter mir und neben mir stehen alle anderen Leute. Eier werden hier gekauft, Käse und Joghurt, Zeitungen, denn Herr Li führt auch Zeitschriften, die man außerhalb des sehr gut sortierten Fachhandels eigentlich nicht vermutet, und manche Leute kaufen hier auch ihr Gebäck. Die Frau vor dem Backwarenregal mit den süßen Sachen etwa, die da etwas unschlüssig die Blätterteigteilchen mustert, und ihren vielleicht dreijährigen Sohn fest an der Schulter hält.

„Ich will das rosane!“, blökt der Sohn auf einmal überlaut und streckt die Hand nach den Donuts aus. „Nein!“, kreischt die auf einmal gar nicht mehr so besonders unschlüssige Frau los und zieht ihren Buben zurück. Klarer Fall, denke ich. Saccharophobie. Diese krankhafte Angst vor Zucker ist hier weit verbreitet, seit quasi jeder zweite Bewohner dieser Stadt keine Kohlenhydrate mehr isst.

Von der Frau, die hier ihrem Sohn den Donut entwendet, hätte ich das dann aber doch nicht gedacht. Die Kohlenhydratfeinde sehen nämlich eigentlich anders aus, nicht so teigig, auch eher insgesamt etwas sehniger, die Haare straff zurück, braun, ganz viele kleine Fältchen statt einiger großer, also so ein bißchen wie Jil Sander früher. Die Frau sieht aber nicht so aus wie Jil Sander, sondern eher so, wie ich mir die Dame vorstelle,die bei Jil Sander reinemacht, und tatsächlich treibt auch nicht der Zucker die Frau mit dem Sohn um, denn sie brüllt ihrem Sohn zur Begründung ihrer Ablehnung des Donuts zu: „Dit is‘ doch nur für Mädchen!“

Vor mir verkneift sich ein hochgewachsener Mann mit schwarzer Brille und einem ganzen Stapel französischer Zeitungen das Lachen, und neben mir starrt ein ungefähr achtjähriges Mädchen mit Buttermilch und Sesamknäcke die Frau unverhohlen an. Als merke sie nichts, wiederholt die Frau ihre Ansage, leicht variiert diesmal, und behauptet: „Dat is‘ nüscht for dir.“ – Neben mir gluckst es nun vernehmlich.

Der Sohn sieht einmal von rechts nach links durch den Raum. Sehr ernsthaft sieht er aus und sehr, sehr erwachsen, und vielleicht, stelle ich mir vor, wird es sich eines Tages an diese Szene erinnern, wenn er darüber nachdenken wird, wann ihm zum ersten Mal klar wurde, dass seine Mutter und er unterschiedliche Leute sind, die anders denken, anders fühlen, und sich manchmal peinlich sind, auch wenn sie sich lieben. Nimm dir den rosa Donut, wenn du ihn willst, rufe ich dem Kleinen in Gedanken zu. Wenn nicht heute, dann später, aber dann ganz bestimmt.

„Hören sie mal!“, grätscht es da auf einmal laut und schrill in meine Gedanken. Eine große, etwas knochige Frau baut sich breit und drohend vor der Mutter des Kleinen auf, und ich verziehe das Gesicht, weil ich schon weiß, was jetzt kommt. „Rosa …“, höre ich. „Geschlechterstereotypen.“ Schnell zahle ich und packe Zwieback und Tee zusammen. Einmal drehe ich mich noch um, als ich gehe, und sehe dem Jungen noch einmal ins Gesicht. Alle Ambivalenz ist geschwunden, zusammengezogen hat sich die Miene über der Nasenwurzel zu einem Ausdruck von Entschlossenheit und Wille, und wenn der Junge jemals den rosa Donut wollte, und seine Mutter blöd fand und beschränkt, dann hat er es jetzt vergessen. Fest steht er an ihrer Seite, und der rosa Donut ist, tja, nur etwas für Mädchen.

 

15 Gedanken zu „Rosa Donut

  1. Schöne Geschichte. So aus der Ferne gefällt mir die Dame mit ihren ruppigen Ansagen irgendwie. Ich nehme an, die schiere, blinde Affenliebe zur eingeborenen Berlinerin.

  2. Auch den allerbestens gemeinten »Erläuterungen« zum Thema liegen zuweilen Muster zugrunde [http://bit.ly/1bCrfU9], die, erstmal herangezoomt, erschaudern lassen.

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