Immer nach Hause

Ich bin so müde. Es ist halb drei.

In diesem Moment macht es das Feuerwerk vor zwei Stunden am Neuen Palais nicht mehr gut, und auch nicht der leuchtende, nächtliche Garten. Es war ganz schön, sage ich mir, aber du hättest zu Hause bleiben sollen, und starre sehnsüchtig auf die Anzeige über mir, ob endlich eine S-Bahnstation kommt, die ich kenne. „Sundgauer Straße“ steht da. „Lichterfelde West“, und ich seufze und wünsche mir einen Kürbis herbei, der sich mit einem Fingerschnippen in eine Kutsche verwandeln würde, und dann … aber mit einer Kutsche wäre ich noch länger unterwegs als mit der S 1, verwerfe ich die Idee.

„Das war doch Absicht von der Frau.“, beschimpfe ich die kleine, blonde Schaffnerin auf dem Bahnhof in Potsdam. Ob wir mit der S 1 oder mit dem RE 1 eine halbe Stunde später schneller heimkämen, hatte ich gefragt, und das bleiche Mädchen mit dem spitzen Gesicht schickte uns prompt ins Verderben. Hier sitzen wir nun, und fahren durch den allertiefsten Westen, wo nach menschlichem Ermessen kein menschliches Wesen aus Ostberlin jemals war. „Feuerbachstraße“, steht nun auf dem düsteren Bahnsteig, und ich schaue den J. an, der ratlos den Kopf schüttelt. „Wo sind wir hier bloß.“, jammere ich ein bisschen, und der J. schreibt eine SMS an den Babysitter.

Die Laune des J. ist ins kaum mehr Messbare abgesunken. Verdrossen schaut er durch die schmierige Scheibe ins Nichts. Nie wieder, behauptet er nun, fahre er jemals weiter, als man mit dem Taxi vernünftigerweise nach Hause fahren könne, und das Gartenfest in Potsdam sei die ganze Sache ohnehin nicht wert. Mürrisch schweigen wir uns an.

„Hier raus?“, frage ich am Potsdamer Platz, und der J. schüttelt den Kopf. Erst am Bahnhof Friedrichstraße steigen wir aus, laufen die Straße abwärts und winken, winken, winken, bis ein Taxi endlich hält. Ich bin zu müde für Berlin, fällt mir noch ein, und dann sehe ich einfach zu, wie die Torstraße flackert und rauscht.

4 Gedanken zu „Immer nach Hause

  1. Vielleicht hätte man da einen Ausflug nach Potsdam mit Übernachtung draus machen sollen. Oder wäre der Kleene dann einfach nicht schlafen gegangen und hätte mitfeiern wollen? Solche Gartenfeste sind ja leider ab und zu nötig, um seine Kontakte zu pflegen und auch 20 Jahre später noch Freunde zu haben.

    Bei uns ist mangels Babysitter und Omas damals nur ein Elternpaar vom Freundeskreis übrig geblieben. Alle anderen, vor allem die ohne Kinder, haben sich im Laufe der Zeit verabschiedet, auch weil wir immer nach Hause wollten und immer schon ab 22:00 Uhr müde wurden und später lieber immer gleich zuhause geblieben sind.

    1. Müde werde ich eigentlich nicht. Ich gehe nach wie vor gern aus. Nur die Toleranz des Systems für alles, was halt nicht so am Schnürchen klappt, nimmt deutlich ab. Die Wochenenden sind auch kurz.

  2. Hier sitzen wir nun, und fahren durch den allertiefsten Westen, wo nach menschlichem Ermessen kein menschliches Wesen aus Ostberlin jemals war.
    DANKE für diesen Satz!!!!

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