Entropie und Weihnachtszeit

Man sagt, und ich habe keinen Grund, dies zu bezweifeln, nichts auf Erden ordne sich selbst. Alles werde nur immer unordentlicher, Strukturen weichen auf, alles versinkt in Duplosteinen und Matsch, und man selbst immer dazwischen, mit Löchern in der Strumpfhose, Flecken auf dem Kleid und abgebrochenen Fingernägeln. Zum Zahnarzt müsste ich auch mal wieder, von Pediküre und so mal ganz zu schweigen.

Nun ist es keineswegs so, dass ich alles einfach laufen lasse. Ich dusche, creme, bürste Zähne, entferne Haare, besuche Friseure, kaufe neue Strumpfhosen, gehe zur Krankengymnastik und beschaffe Kleider. Das alles nicht nur für mich, sondern auch mit dem ungefähren Faktor 0,5 für den F. Die anderen 0,5 entfallen auf den J. der ebenfalls außer unserem Knaben auch noch sich selbst in Schuss halten muss. Ich schätze mal so, pro Tag macht das alles ungefähr anderthalb Stunden aus. Mindestens. Der F. etwa kann schon ziemlich lange im Bad vertrödeln und ist außerdem immer noch nicht trocken.

Neben der unmittelbaren Körperpflege fällt auch noch Haushalt an. Ich koche täglich. Gestern gab es Braten, heute Couscous mit viel Gemüse. Morgens werden Semmeln beschafft, Käse gekauft und geschnitten, Kuchen gebacken, eingekauft, Teller abgeräumt, die Maschine gefüllt, abgewaschen, Wäsche gewaschen und halbwegs versucht, die Katze nicht total verkommen zu lassen. Zum Glück putzt bei uns die gute B., andernfalls fiele auch noch das an. Jeden Tag kommen trotzdem im Wochenmittel so zwei bis drei Stunden zusammen, also eine Stunde morgens, inklusive Brotboxen und Frühstück und Bäcker, eine abends mit Kochen und Einkaufen und eine für Wäsche, Katze und flüchtig über stumpfe Oberflächen wischen. Manchmal mehr, vor allem wegen des Einkaufs.

Leider ist es damit ja noch nicht getan. Neben diesem täglichen Betrieb müssen Reparaturen ausgeführt, Ersatzteile beschafft, Inspektionen absolviert, Ärzte aufgesucht und Anschaffungen getätigt werden. Ich bin beispielsweise mit dem Badezimmer unzufrieden und plane, demnächst eine Badezimmerausstellung zu besuchen. Derzeit verbringe ich schon wegen meines immer noch geschienten Knies zwei Stunden pro Woche bei der Physiotherapie und eine weitere beim Arzt, von Wartezeiten ganz zu schweigen. Verteilt man das so auf die Tage, so tippe ich auf eine Stunde pro Tag.

Obendrauf kommt der F. Der ist an sich nicht besonders betreuungsintensiv, weil er tagsüber in der Kita ist und in aller Regel ansonsten ungefähr das macht, was wir auch machen. Also beim Kochen zuschauen oder Koriander zupfen. Beim Badezimmer fegen, fegt er mit. Wenn ich einkaufe, läuft er an meiner Hand durch die biocompany und kommentiert die ausliegenden Waren nach dem Grad ihrer Attraktivität. Vorlesen, Malen, Memory oder sehr hohe Türme bewundern, macht maximal eine Stunde am Tag aus. Erziehung muss irgendwie nebenbei funktionieren. Aufwendig sind allerdings drittverursachte Sonderveranstaltungen. Kürzlich war in einer Woche sowohl der Martinslauf als auch das Elterncafé mit Kuchenbackpflicht, das war natürlich schrecklich. Oder die Kita schließt wegen einer Fortbildung. Oder ich soll irgendwo hin und mir anhören, wie die Kinder Weihnachtslieder schmettern. Eine weitere Stunde. Plus eine Stunde für Wege, und das ist für Berliner Verhältnisse wenig. Plus zehn bis elf Stunden Arbeit. Und das ist branchenbezogen nicht mal besonders viel. Plus sechs Stunden Schlaf. Macht 25,5 Stunden pro Tag. Und da ist Essen oder ab und zu meine Mutter anrufen noch nicht mal drin.

Rein praktisch spare ich ein. Ich laufe mit halbnassen Haaren los. Minus 20 Minuten. Ich trage Strumpfhosen zwei Tage hintereinander, weil ich es einfach nicht schaffe, neue zu kaufen. Ich bestelle Sushi für alle und war seit Jahren nicht mehr beim Augenarzt. Ich schlafe einfach nur fünf Stunden oder bestelle alles im Internet. Das Chaos in der Wohnung lasse ich die ganze Woche so, bis die B. wieder kommt. Ich habe mich an diesen Zustand der Unvollkommenheit gewöhnt, deswegen beunruhigt mich sowas gar nicht erst. Es gibt Leute, die macht sowas fertig, aber mir ist zumindest in dieser Hinsicht alles egal. Mein Wappentier ist die Wurst.

Spätestens in der Vorweihnachtszeit scheitert aber auch das. Einen Adventskranz dekorieren? Eine Stunde. Und eine weitere, um das Dekozeug zu kaufen. Der F. soll für die Großmütter basteln. Eine Stunde. Eine weitere, um Kekszutaten zu besorgen, die Teigrolle zu finden, den Teig zu kneten, den F. davon abzuhalten, alles umgebacken aufzuessen, na, und so weiter und so fort. Ich schwanke auch noch, ob es eigentlich einfacher ist, das Weihnachtszeug vom letzten Jahr wiederzufinden, oder einfach Neues zu kaufen. Oh, und die Geschenke. Die Karten. Der Adventskalender. Gebastelt wird höchstens rudimentär, aber das dauert ja auch.

Im Ergebnis tippe ich auf lockere 28-Stunden-Tage. Ich muss also vier Stunden einsparen. Alles, was ich in diesen vier Stunden sonst zusammenhalten würde – mich etwa – wird also in sich zusammenfallen. Spätestens am vierten Advent erwarte ich deswegen die komplette Strukturlosigkeit, in der ich mich dann über die Feiertage suhlen werde.

2015 wird aber alles ganz anders.

13 Gedanken zu „Entropie und Weihnachtszeit

  1. … einfach weniger Arbeiten, schwupp – reicht die Zeit locker. Die Arbeiterei wird ja eh‘ ueberbewertet. So – und wieder jemandem geholfen, ick fuehl‘ mir gut.

    Der Wappentiersatz ist Weltklasse …

    1. Da ich deutlich lieber arbeite, als zu putzen oder selbst als mein Badezimmer einzurichten, hat das im Großen und Ganzen schon seine Richtigkeit.

        1. Vielleicht ist es mein Problem, dass ich bei freier Zeit zu selten an mein Sofa, und zu oft an putzen und derlei Dinge denke.

  2. Das Bloggen nicht zu vergessen. Nochmal x h die Woche.
    Und dem F. solte gedankt werden, dass er so pflegeleicht ist. Die M. hier hat grade den Dreh raus, wie maximale Streßdisziplin eingeübt werden kann durch kurz vor morgendlicher Schließzeit der Kita begonnene Diskussionen um T-Shirt, Pulli, Strümpfe und Hose (jeweils natürlich andere), Toast oder Müsli (was grade nicht da ist), das Zähneputzen, Händewaschen (grundsätzlich), dann wieder Jacke, Schuhe, Handschuhe (genau, jeweils wieder die anderen), Laufrad oder Fahrradsitz. Der Fahrradhelm ist vom Eigensinn ausgenommen. Heißt das dass da die Toleranz zu groß wäre?

  3. ja, irgendwann sehr viel später (15 jahre sind da gar nix), fragt man sich, wie das damals alles ging: zwei kinder (sechs jahre auseinander), haushalt, vollzeitarbeiten, berufsbegleitend studieren, eigene klamottenkollektion im schrank uswusw.
    und hinterher sagt man: es war eine schöne zeit.;)

  4. „Mein Wappentier ist die Wurst.“

    An dieser Stelle hätte ich Ihnen um ein Haar mein vorzeitiges Ableben verdankt. Danke für den herzlichen Lacher. Und halten Sie ansonsten die Ohren steif!

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