Metamorphosen

Bin ich alle. Im Ernst, so erschöpft, wie ich gerade bin: Da könnten sie woanders eine ganze Klinik mit ausstatten. So viel Erschöpfung, da könnte ja so ein ganzer Hofstaat, ach was, ein ganzer Zwergstaat, in einen hundertjährigen Schlaf fallen, und ganz bestimmt wacht da keiner auf, nur weil ein lausiger Prinz in eine Dornenhecke reitet.

Sie – ich sehe es Ihnen an – tippen nun bestimmt auf meinen Beruf. Da liegen Sie aber daneben. Also, wenn ich meinen Beruf nicht hätte, wo ich zumindest ab und zu in aller Ruhe auf meinem Stuhl an meinem Tisch sitzen darf und schweigend Kaffee trinken kann, dann wäre es nämlich gleich morgen mittag ganz zu Ende mit mir. Quell dieser Tiefenerschöpfung ist vielmehr in Wirklichkeit mein Kind. Der F.

Dabei macht der F. gar nichts Besonderes. Der F. ist freundlich, er macht nichts kaputt, er bekommt keine Wutanfälle, er ist weder zurückgeblieben noch hochbegabt, so dass er auch keine besondere Förderung benötigt. Der F. ist ein frischgebacken Dreijähriger, der seinen Bär liebt und gern singt, Kopffüssler malt und in seiner Kinderküche Nudeln zubereitet. Nur seine Phantasiedrüse produziert irgendwie mehr und schneller als die von anderen Leuten, und die daraus resultierenden Metamorphosen: also, Ovid ist gar nichts dagegen. Da wird vielleicht einmal (einmal!) aus einem Gott ein Stier. Ich aber, ich habe ein Kind, das war erst vor zwei Stunden Rotkäppchen. Weil er einen Korb gesehen hatte, der musste einfach Rotkäppchen gehören. Und dann hat er ein langes Telefongespräch mit meiner Mutter über Wölfe geführt. Der gefährlichste Wolf, ich hab’s genau gehört, wohnt übrigens in der Wand zwischen unserem Wohnzimmer und der Bibliothek.

Kurz nach der Verwandlung in Rotkäppchen war der F. dann ein Fisch. Kiemenatmung, Schuppen, alles dabei. Ich mutierte gleich mit, wurde zum größeren, dickeren Fisch, und der F. zwang mich, auf dem Badewannenrand mit dem iPhone in der Hand laut „blubb, blubb“ zu machen. Ich kenne das schon. Letzte Woche war ich auch schon mal Fisch. Also fast. Genauer gesagt: Seepferdchen. Da musste ich wiehern und Seegras essen. Auf meinem Rücken im Pool saß der F. als kleines Seepferdchen und prustete mir fröhlich in den Nacken.

Freitag waren der F. und ich dagegen Bienen. Eine kleine Verstimmung trat ein, als ich auf dem Weg in die Kita nicht bereit war, mit den Flügeln zu schlagen und laut zu summen, aber da tauchte immerhin der E. auf, des F. bester Freund, der seine Rolle als Biene besser ausfüllte als ich. Als Bärengroßmutter, Bärenmutter (der F.!) und Bär (aus Plüsch) haben wir inzwischen sogar schon einige Routine und sind richtig gut. An Morgen, an denen der F. Bär ist, gibt es zum Beispiel immer Honig.

Als Reh war ich sogar in der Vorstellung des F. eine Fehlbesetzung. Und als Hund weigerte ich mich, beim Bäcker zu bellen. Ich bin auch nicht gern Seppl, auch wenn der F. einen Superkasperle gibt, aber das macht der E. sowieso so unvergleichlich gut, dass ich höchstens zu Hause mal den Seppl markieren muss. Ab und zu bin ich Mama Krokodil, aber das ist ziemlich langweilig und schon deswegen nicht besonders erschöpfend. Man muss nur auf dem Boden liegen und, wenn jemand vorbeikommt, schnappen.

An und für sich sind die meisten dieser Metamorphosen, wenn ich es recht überlege, nicht besonders anstrengend. Nur in Summe, da macht mich dieses ständige Hin und Her jetzt doch irgendwie fertig. Fell sprießen lassen, dann Fell wieder ab. Kriechgang, Sprünge, Schleichgang. Ab und zu sogar als völlig unbelebte Masse: Das ist man, halten zu Gnaden, schließlich gar nicht mehr so richtig gewöhnt.

Alles in allem: Eine anstrengende Phase. Ich hoffe, das wird bald besser. Ich habe mir sagen lassen, später muss man da nicht mehr immer mit. Ältere Kinder gehen ja auch allein in die Schule. Und noch ältere gehen bisweilen gar nicht mehr. Auch ich setze auf jene Jahre, in denen der F. allein vor sich hin morpht. Also so vom Liberalen zum Marxisten und zurück. Grüne Haare, alles ab, Vollbart. Maler, Straßentheater, Studienrat oder doch Richter am Verwaltungsgericht Jena. Da muss er dann allein durch. Ob das für mich allerdings wirklich entspannender wird: Man wird sehen.

7 Gedanken zu „Metamorphosen

  1. Die Tocher von Freunden war auch so ein Metamorphöschen: jede Stunde ein anderes Wesen.
    Sie hat später zuerst Physik studiert und ist dann Tierärztin geworden. Tröstet Sie das?

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