Pharmaverstörung

Freitagmorgen. Ich steuere die Apotheke um die Ecke an. Meine Schilddrüsentabletten …? Ausverkauft. Leicht belämmert ziehe ich ab. Die letzte Tablette ist mir nämlich schon vorgestern ausgegangen, und wenn ich nicht spätestens heute eine Tablette bekomme, werde ich um zwölf müde, um drei depressiv und um sechs wächst mir ein Kropf. Also nicht direkt ins Büro, sondern zur nächsten Apotheke. Aber auch hier: Fehlanzeige.

In der dritten Apotheke geht mir ein Licht auf: Ich schiebe nicht einfach das Rezept auf den Tisch, sondern frage nach. Ein „wirkstoffgleiches Medikament“ ist das Zauberwort. Langsam und zögernd nickt die Frau auf der anderen Seite der Theke. Ja, da habe sie etwas da.

Ich bin begeistert. Die Odyssee ist zuende, der Tag kann beginnen, schon wühle ich in meiner Tasche nach Rezept und Portemonnaie. „Aber …“, setzt da die Apothekerin an, und ich schaue auf. Sie könne das nicht empfehlen, nickt sie mehrfach nachdrücklich, und ich starre sie verstört an. In den nächsten fünf Minuten ergießt sich auf mein verschlafenes Haupt eine Rede, ach was, ein Rundumschlag gegen meine naive Ansicht, identische Wirkstoffe würden auch dasselbe bewirken. Dass die Trägerstoffe eine gewisse Rolle spielen, leuchtet mir dabei sogar noch halbwegs ein. Dass ich aber Probleme wegen der unterschiedlichen Darreichungsform hätte, weil die einen Tabletten einen Spalt, die anderen aber keinen hätte, oder mich die unterschiedliche Farbe der Blisterpackung verwirrt: Das lasse ich dann doch nicht auf mir sitzen. Beharrlich verlange ich nach dem Medikament.

Jetzt wird die Apothekerin richtig wild. Die Politiker sind dran, denen die Patienten nämlich egal sind. Die denken nur ans Geld. Gespart wird auf Kosten der armen Leute, die dann reihenweise wegen verwechselter Pillenpackungen an Vergiftungen verenden. Dazu wisse jeder, der auf seinen Bauch hört, dass Medikament halt nicht Medikament sei, dass man nicht einfach das eine gegen das andere austauschen könne. Da sei nämlich mehr im Spiel, als die hohen Herren – irritierenderweise zeigt sie mit dem Finger tatsächlich nach oben, als tage der Bundestag seit Neuestem irgendwo in den Wolken über Berlin – so mitbekämen.

„Ja.“, antworte ich in sant beschwichtigendem Tonfall. Ich wolle es jetzt gleichwohl erst einmal versuchen. Unwillig dreht die Apothekerin sich schroff um stampft nach hinten hinter ihre Regale. Das Medikament wirft sie mir förmlich auf den Tresen. Doch noch gibt die Apothekerin nicht auf. Ob ich es schon einmal mit Globuli versucht hätte? Bei Schilddrüsenunterfunktionen sei das oft das Beste, besser als die ganze Chemie (kurz öffne ich den Mund, um ihn sofort wieder zu schließen), dabei hebt sie kurz ein Röhrchen hoch. Ich schüttele den Kopf.

Dass sie das Wechselgeld nicht vor mir auf den Boden schleudert, ist aber auch alles. Ich bekomme mein Medikament, mein Geld, dann dreht sie sich um und geht. Auch ich wende mich zur Tür. Im Verschwinden höre ich sie noch ein „Wiedersehen!“, ausstoßen, gefolgt von einem halblauten „Sie glauben der Pharmaindustrie aber auch alles!“.

 

21 Gedanken zu „Pharmaverstörung

  1. Lassen Sie mich raten: das „wirkstoffgleiche“ Medikament kostete etwa 1/3 desssen was das verschriebene Medikament hätte kosten sollen.
    Müssen Ärzte mittlerweile nicht ohnehin nur die Wirkstoffe verschreiben? Oder ist das rein auf den GKV Bereich beschränkt?

  2. Bei meinem Blutdrucksenker-für-alte-Säcke sagt die Apotheke immer: „Ich gebe ihnen mal das hier. Das ist das gleiche und da brauchen sie nicht zuzahlen.“.

  3. … ich finde man haette noch ein paar Zaubersprueche wispern koennen.

    Beim naechsten Besuch in der Apotheke dann die Apothekerin ganz beilaeufig auf die echt ecklige, gruenlich-schimmernde Warze auf der Nase ansprechen.
    🙂

      1. …oder beim Hinausgehen ein paar bunt bemalte Hühnerknochen vor die Türschwelle legen. Der Nachwuchs geht doch sicher gern mit Fingerfarben um? Da ließe sich doch sicher was machen.

  4. lassen Sie sich nicht „verarschen“ – es geht NUR um das Genericum, letztlich die eigentliche Wirksubstanz – alles Gerede um die höhere Qualität des namhaften und teuren Originalpräparates dient nur einem: dem Geldbeutel des Apothekers…

  5. mein Operateur (Schilddrüse ist raus) sagte mir es wäre besser immer die gleiche Marke zu nehmen. Es ist nicht entscheidend ein Markenpräparat zu haben sondern nicht ständig zu wechseln da die Trägerstoffe sich unterscheiden , das aber tatsächlich bei den Schilddrüsenhormonen eine Rolle spiele.
    Und der Arzt verschreibt die mir nicht.

    Das Gleiche sagte mir dann auch die Apothekerin.
    Aber die Welt geht bei mir unter wenn ich es gar nicht bekomme denn eine andere Marke nehme.

    Claudia

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