Nichts als Gold

Der frühe Morgen ist schrecklich. Es ist dunkel und nass. Ich röchele wie ein schrecklich verschleimtes Nilpferd, der J. jammert, er sei eigentlich krank, und der F. schläft unbeirrt weiter. Wenn das nicht jeden Tag so wäre, ich verfiele stracks in Panik und würde Notärzte rufen, weil ich fürchten würde, er stirbt. Er ist aber nur müde, weil er abends bis zehn durch die Wohnung stromert, Rosinenbrot isst und singt.

Der nicht mehr so ganz frühe Morgen ist hektisch. Der Zeiger der Küchenuhr rückt doppelt, ach: dreimal so schnell wie sonst vor. Der F. sitzt sehr lange auf der Toilette, meine Haarspülung ist alle, das Brot hart, und der Käse schimmelt. Außerdem haben wir in der Kita diese Woche Obstdienst, und der J. hustet, als müsste ich noch vor dem Frühstück die Lunge des geschätzten Gefährten in mehreren hundert Einzelteilen im Badezimmer zusammenkehren. Wenn ich zufällig an Spiegeln vorbeischaue, sehe ich eine hochrote und auch sonst etwas strapaziert wirkende Person durch die Wohnung eilen.

Auf dem Weg wird es dann langsam besser. F. saust auf dem Laufrad auf dem Bürgersteig entlang zur Kita. Die Brotdose ist voll, Bananen, Trauben, Physalis und Nüsse eilig zusammengekauft, und als ich mich winkend verabschiede, bleibt die Welt zitternd stehen und fängt dann ganz, ganz gemächlich wieder an, sich zu drehen.

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An der Ecke stehen zwei Frauen und unterhalten sich. Ein älterer Mann erzählt seinem Hund eine lange Geschichte. Ein Jogger bellt ins Telefon. Eine junge Frau lächelt in ihren Kinderwagen, und auf das müde Gras fällt all das Gold des Jahres.

6 Gedanken zu „Nichts als Gold

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